Beiträge von durchleser

Blog über Bücher, Kultur und Leben

Durchgelesen – „Die Entscheidung“ v. Amélie Cordonnier

Bleiben oder gehen!? Für wen bleiben bzw. warum gehen? Fragen, die sich viele Frauen in einer Beziehung oder Ehe nicht stellen wollen, dürfen oder können. Auch dann, wenn die Antwort so wichtig und lebensrettend wäre. 

Amélie Cordonnier, als Journalistin tätig, stellt in ihrem Erstlingsroman „Die Entscheidung“ („Trancher“ 2018) – aktuell erschienen dank der hervorragenden Übersetzung von Amelie Thoma –  ihrer Hauptprotagonistin genau diese Fragen. Cordonnier erzählt die Geschichte einer Frau, die liebt, leidet und kämpft.

Das Familiendasein könnte eigentlich schön sein zwischen Aurélien, der Mann und Vater zweier Kinder und seiner Frau. Sie führen in Paris ein ganz beschauliches Leben. Die Frau und Mutter erlebte jedoch vor Jahren ein Wechselbad zwischen Liebe und Gewalt, war dadurch gezeichnet von Depressionen. Sie fand durch Therapien wieder Halt und schaffte es, sich von ihrem Mann zu lösen, bevor er selbst auch mit einer Therapie seine Aggressionen bearbeitete.

Aus Liebe ist die Frau wieder zu ihm zurückgekehrt, in der Hoffnung, dass es nochmal funktioniert. Sieben Jahre lang war alles scheinbar wieder gut bzw. hielt er durch. Doch plötzlich kam die Gewalt zurück. Es war eine verbale Gewalt, die alles zerstörte und sie wurde erneut eine „geschlagene“ Frau:

„Die Frau eines gewalttätigen Typen, der es schafft, sie kaputt zu schlagen, ohne sie zu berühren.“

Demütigungen, Beleidigungen, Schimpfwörter von „fette Hure“, „Ratte“ über „Schlampe“, „Flittchen“ bis zur „Schickse“ ist alles dabei. Jedes Wort trifft sie ins Mark. Es fühlt sich an wie ein Schlag, der jedoch nicht über die Hand, sondern durch sein Gebrüll auf die Frau einwirken.

Selbst Marie, die Freundin der Frau, versteht nicht, warum sie sich erneut wieder so behandeln lässt und drängt, dass sie endlich eine endgültige Entscheidung fällen muss. Nur welche Entscheidung? Sie will partout ihren Kindern nicht den Vater nehmen, obwohl selbst diese miterleben, wie mies Aurélien seine Frau und die Mutter seiner Kinder behandelt. 

Sie versucht die permanent angespannte Situation auszusitzen, nachdem sie sich eine Frist für ihre Entscheidung Anfang Januar zu ihrem Geburtstag gesetzt hat. Doch es wird immer schwerer:

„Du wartest schweigend, dass die Gewalt abebbt. Dass seine angestaute Wut abfliesst wie der Eiter aus einer Geschwulst.“

Inzwischen überträgt sich auch die Wut von Aurélien auf den Sohn, der seine Schwester grundlos schlägt. Ein Signal, dass die Frau eigentlich nicht ignorieren sollte. Sie quält sich, sie leidet und sie entscheidet!

Amélie Cordonnier fordert den Leser heraus. Der ungewöhnliche Erzählstil in der zweiten Person, dieses „Du“ verwirrt und trifft, lässt jedoch nicht mehr los und man hängt an den präzisen Worten und scharfsinnigen Sätzen wie ein Besessener und Abhängiger, als gäbe es kein Entkommen mehr. Dass Wörter töten könnten, wird spätestens nach dieser Lektüre deutlich. 

„Trancher“ ist im Französischen mehr als nur eine „Entscheidung“. Es bedeutet auch etwas „durchschneiden“, „durchschlagen“, „beseitigen“, „klären“ und bei Schwierigkeiten „aus dem Weg räumen“. Ein gut gewählter Titel im französischen Original, der die verletzende Gewalt in all seinen Facetten betrachtet, einordnet und bearbeitet. 

Wut, Panik, Kampf, Leid und Ambivalenz der Gefühle, alles packt die Autorin in gerade mal 170 Seiten, um Gewalt in der Ehe ohne Umschweife auf den Punkt zu bringen. Es ist ein bewegender, aufwühlender Roman, ein grandioses Buch, auch wenn es weh tut und Angst macht. Die Autorin mit ihrem spektakulären „Du“ spricht eine Wahrheit aus, die gesehen und gehört werden muss. Gewalt und Misshandlung in der Ehe, auch wenn sie nicht sofort durch blaue Flecken oder schwere äusserliche Verletzungen ersichtlich ist, darf nicht unerkannt bleiben. 

Lesen Sie „Die Entscheidung“! Ein wichtiges literarisch beeindruckendes Debüt, das man auf gar keinem Fall in diesem Jahr verpassen sollte! 

Durchgeblättert – „Jeux de Mains“ v. Cécile Poimboeuf-Koizumi & Stephen Ellcock

„Nichts gibt mehr Ausdruck und Leben, als die Bewegung der Hände; im Affekte besonders ist das sprechendste Gesicht ohne sie unbedeutend.“ Gotthold Ephraim Lessing hatte mit diesem Satz bereits die Bedeutung von Händen ganz klar erkannt. Die Bewegung der Hände kann, darf und muss vieles bedeuten. Menschen schreiben mit den Händen, sie malen, sie spielen ein Instrument und sie sprechen mit ihnen. Die Hände können aber auch Angst verbreiten, sie können bestrafen und schlagen. Hände können auch ganz unbewegt bleiben, sie können aber auch streicheln, trösten und Liebe schenken. Hände können fast alles oder nichts. 

In der Kunst ist die Hand das absolute Sinnbild der Kreativität. Und um dieses so unterschiedlich interpretierte Kunstsinnbild einzuordnen, zu bewundern, zu verstehen, zu lieben und zu erleben, haben Cécile Poimboef-Koizumi und Stephen Ellcock ein Werk geschaffen, das dem Namen Kunstbuch mehr als alle Ehre erweist. Cécile Poimboef-Koizumi stammt aus einer französisch-japanischen Familie, sie arbeitet als Verlegerin, hat den Verlag Edition Chose Commune mitgegründet und leitet diesen als künstlerische Direktorin. Stephen Ellcock ist ein in London lebender Schrifsteller, Publizist und Sammler von Bildern. Er hat ein virtuelles Museum auf Facebook und Instagram kreiert. Die Kombination von diesen beiden Ausnahmetalenten hat nun ein wundervolles und sehr beeindruckendes Werk hervorgebracht: „Jeux de mains“, das man mit Handspiele oder Händespiel – je nachdem – übersetzen könnte. 

Dieses Kunstbuch ist gleichzeitig auch ein Werk der Buchkunst. Die japanische Bindetechnik hat einen gewissen Einfluss genommen und nicht alle Seiten dieses Werks sind offen geschnitten. Somit kann der Leser, Betrachter und Kunstgeniesser nach jedem Kunstwerk die Seiten ganz vorsichtig durchschneiden, damit er die dazugehörigen Informationen nachlesen kann.

Die beiden Schöpfer dieses Buch-Objekts haben sich bei der Auswahl der darin vorgestellten Hand-Kunstwerke sehr viele Gedanken gemacht. Mehr als 100 Kunstwerke aus den verschiedensten Bereichen wie beispielsweise Malerei, Fotographie und Skulptur. Unbekannte und sehr berühmte Künstler werden hier in diesem Buch vereint. Ein so aussergewöhnlicher Ansatz, der dem anonymen Unbekannten einen so unfassbar grossen Wert verleiht dank der Nähe zu dem berühmt Bekannten. Auch die Epochen werden so wundervoll durcheinander gewürfelt und die Form der Darstellung zeigt all seine Facetten. 

Der Leser bzw. Betrachter betritt mit diesem besondern Buch ein Museum der besonderen Art, ein wahres „Hand-Museum“. Wir sind erstaunt über die Hand-Vielfalt von Schiele, Rodin, Holbein, v. Menzel, Degas und Ingres. Fasziniert von unbekannten plastischen Werken aus Mexiko oder anonymer Fotokunst, entdecken wir natürlich nebenbei auch Picasso, Alberto Giacometti, Louise Bourgeois, Paul Steinberg, Man Ray, Gerhard Richter, Oscar Munoz und Sophie Calle unter vielen Anderen. 

Beim Betrachten dieser Bilder und Kunstwerke spürt man selbst durch das Blättern und Aufschneiden bzw. Öffnen der Seiten, wie wichtig doch Hände auch beim Lesen sind. Welch ein unbeschreiblich schönes Gefühl es doch ist, mit seinen Händen ein Buch aufzuschlagen, darin zu blättern, die Seiten zu berühren und zu erspüren. Hände sind in diesem Fall eine Art zweites oder manchmal sogar das einzige Auge, um das Wichtige im Leben zu sehen bzw. zu erfühlen. Und gleichzeitig geben diese Hände sehr viel mehr, als man im ersten Moment vielleicht glauben mag, an Ausdruck, Information und Gefühl weiter. 

In den aktuellen komplexen Zeiten, in welchen Hände zur Begrüssung und zur Berührung wegen vorgeschriebener Distanz einen noch höheren Stellenwert bekommen, kann dieses so traumhaft schöne Kunstbuch diesen Mangel ein wenig ausgleichen. Doch vergessen wir nicht, wie wichtig Hände sind, welche Bedeutung sie haben, vor allem dann, wenn wir sie nicht in wichtigen Momenten so benützen können und dürfen, wie wir es gewohnt sind und wie wir es uns so sehnlichst wünschen.

Heinrich Heine meinte „Eine schöne Hand ziert den Menschen“. Ob die Hand des individuellen Lesers schön ist, bleibt jedem in seiner ganz privaten Betrachtungsweise selbst überlassen. Halten Sie, verehrter Leser, einfach dieses so besondere Kunstbuch in Ihren schönen Händen – denn nur dies zählt!

Novalis – Gedicht

Wenn nicht mehr zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,

Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Weihnacht

Die Winterstürme durchdringen
die Welt mit wütender Macht.
Da sinkt auf schneeigen Schwingen
die tannenduftende Nacht.
 
Da schwebt beim Scheine der Kerzen
ganz leis nur, kaum, dass du´s meinst,
durch arme irrende Herzen
der Glaube – ganz so wie einst.
 
Da schimmern im Auge Tränen,
du fliehst die Freude – und weinst,
der Kindheit gedenkst du mit Sehnen,
oh, wär es noch so wie einst!
 
Du weinst! Die Glocken erklingen
es sinkt in festlicher Pracht
herab auf schneeigen Schwingen
die tannenduftende Nacht.

Durchgeblättert – „Literaturhotels“ v. Barbara Schaefer

Friedrich Hebbel brachte es mit diesem Zitat auf den Punkt: „Eine Reise ist ein Trunk aus der Quelle des Lebens“.

Nur leider kann in den aktuellen komplexen Zeiten sich kaum jemand an diesem so essentiellen und lebenswichtigen Trunk laben. Glücklicherweise vermögen Bücher ein wenig hinwegtrösten und dem Leser eine andere Art des „Reisens“ erlauben.

Gut geeignet sind dazu Bildbände, die sich auch noch mit dem Reisen und insbesonderen mit dem literarischen Reisen beschäftigen. Barbara Schaefer, inzwischen als freie Autorin aktiv, hat Theaterwissenschaften und Germanistik in München und Italien studiert. Sie hat eine grosse Vorliebe für ungewöhnliche Hotels, im Besonderen Literaturhotels, denen sie ihr aktuell erschienenes Buch widmet. 

Charmant eingeführt über die Vorzüge in einem Hotel zu schreiben oder als Schriftsteller doch lieber das eigene Heim zu preferieren, begleitet uns Barbara Schaefer mit ihren sehr informativen und charmanten Texten durch eine Reise von 19 Hotels, in denen Literatur und Bücher entstanden sind, die aber auch Fluchtort und Heimat für viele bedeutende Schrifsteller wurden.

Die Reise beginnt in Deutschland, über Österreich in die Schweiz, dann nach Italien und Frankreich. Sie führt weiter nach England, Schottland und Polen. Lässt den Leser einen Abstecher in die Türkei machen, wirft gleich zwei Blicke nach Thailand und einen in die USA. 

Ein paar Hotels, wie das Adlon in Berlin und das Waldhaus Sils Maria in der Schweiz sind sicher bei vielen literarisch Interessierten bekannt. Doch wir entdecken viel Neues, wie das Bauhaus-Hotel Albergo Fondazione Monte Verità im schweizerischen Tessin, in dem Hermann Hesse einige Zeit verbrachte. Oder das Belmond Hotel Timeo in Südsizilien, auf dessen Terrasse D.H. Lawrence gelegentlich gesehen wurde. 

Wer noch nicht das berühmte Werk „Hotel Savoy“ von Joseph Roth gelesen hat, sollte unbedingt im gleichnamigen Hotel in der Altstadt von Lodz (Polen) Roth-Luft schnuppern. Am Ende dieser „Buch-Reise“ besuchen wir noch ein im ersten Moment eher unbekanntes Hotel – „The Algonquin“, das älteste Hotel von New York City. Berühmt wurde dieses Hotel durch seinen legendären Literaturzirkel, den „Algonquin Round Table“ und bei dem die Theaterkritikerin Dorothy Parker eine zentrale Rolle spielte.

„Literaturhotels“ ist ein wirklich schön gestaltetes Werk, einladend natürlich auch durch diverse wundervolle Bilder aus den Hotels und den dazugehörigen Landschaften und Städten. Ein Buch, das die Sehnsucht nach Ferne, nach Flucht, nach Ankommen und nach Genuss zu einem gewissen Punkt erfüllen kann. Doch am Ende hilft nur die wahre Reise selbst, wie Gogol treffend formulierte: „Wie schön ist eine lange, lange Reise! Wie oft habe ich danach wie nach einem Rettungsanker gegriffen! Und wie oft hat mich so eine Reise errettet!“

Geniessen wir fürs Erste diesen schönen Bildband und gleichzeitig hoffen wir, dass uns bald eine echte Reise zu diesen besonderen Literaturhotels im Sinne von Gogol „erretten“ kann!

Heinrich Heine – Gedicht

Sie erlischt

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
Und Herrn und Damen gehn nach Haus.
Ob ihnen auch das Stück gefallen?
Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.
Ein hochverehrtes Publikum
Beklatschte dankbar seinen Dichter.
Jetzt aber ist das Haus so stumm,
Und sind verschwunden Lust und Lichter.
Doch horch! ein schollernd schnöder Klang
Ertönt unfern der öden Bühne; –
Vielleicht, daß eine Saite sprang
An einer alten Violine.
Verdrießlich rascheln im Parterr‘
Etwelche Ratten hin und her,
Und alles riecht nach ranz’gem Öle.
Die letzte Lampe ächzt und zischt
Verzweiflungsvoll, und sie erlischt.
Das arme Licht war meine Seele.

Durchgelesen – „Rose Royal“ v. Nicolas Mathieu

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel, Sie kommt und geht von einem zum andern, Sie nimmt uns alles doch sie gibt auch viel zu viel, Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ genau so wurde bereits mit dieser ersten Strophe eines berühmten Schlagers in den sechziger Jahren von Connie Francis die Liebe besungen.

Das überrascht auch heute nicht, denn die Liebe ist, wird und kann immer ein seltsames Spiel bleiben. Doch wie seltsam, verrückt, intensiv, fatal und glücklich eine Liebe sich entwickeln kann, wird sehr klar durch das aktuellste literarische Werk „Rose Royal“ von Nicolas Mathieu, das ganz neu – in ausgezeichneter deutscher Übersetzung von Lena Müller und André Hansen – erschienen ist.

Nicolas Mathieu, 1978 in Épinal (Vosges) geboren, lebt und arbeitet in Nancy. Inzwischen hat er mehrere Romane veröffentlicht, sein erster Roman „Aux animaux la guerre erschien 2014 und wurde für eine französische Fernsehserie adaptiert. 2018 folgte sein zweiter Roman „Wie später ihre Kinder“ („Leurs enfants après eux“), der im gleichen Jahr unter anderem mit dem wichtigsten französischen  Literaturpreis geehrt wurde – dem Prix Goncourt! 2019 entstand sein letztes kleines feines Werk, eine Art „Roman-Novelle noir“ – „Rose Royal“ – die nun ein Jahr später erfreulicherweise in deutscher Sprache vorliegt.

Dieses neue Werk von Nicolas Mathieu ist die Geschichte einer Frau – Rose – 50 Jahre alt, geschieden, zwei Kinder, Sekretärin. Sie hat viele Schicksalsschläge und Trauerfälle überwunden, einige Beziehungen und Liebschaften erlebt und überlebt. Und sie hat eine Freundin, mit der sie sich in ihrer Stammkneipe dem „Royal“ regelmässig trifft und  dort ihren Durst nicht nur nach Bier stillen kann und wird. 

Obwohl Rose sich ihr Leben soweit unabhängig eingerichtet hatte und auch spürte, dass sie mit Männern selbstbewusster und stärker umgehen konnte, gab es doch immer wieder einen Moment, wo sie sich durch die männliche Dominanz verletzt und bedrängt fühlte. Das musste aufhören und so beschloss Rose, sich einen kleinen Revolver für ihre ganz persönliche Sicherheit zu besorgen.

„Die Angst sollte die Seiten wechseln.“

Bei einem konkreten Abend im „Royal“ war die Stimmung eher verhalten, denn ihre Freundin konnte nicht wie gewohnt die Kneipe als einen privaten „Friseur-Salon“ benutzen. Doch kurz vor der Sperrstunde stürmten Jugendliche das Lokal und wollten ihre letzten 100 Tage vor der Abiturprüfung feiern. Der Wirt liess sich darauf ein und es wurde viel getrunken. Ganz plötzlich nach einem Knall, stürmte ein Mann mit einem sehr schwer verletzten und blutüberströmten Hund in die Kneipe und hoffte auf Hilfe und Unterstützung. Rose beobachtete die Situation, holte ihren Revolver und schoss zielgerichtet in den Kopf des Hundes. Der Hund war von seinem Leiden erlöst und der Hundebesitzer war erleichtert. 

Genau dieser Hundehalter – namens Luc – meldete sich keine zwei Tage später bei Rose per Telefon und seit dem waren sie irgendwie zusammen, mal mehr und weniger. Doch diese Beziehung entwickelte sich anders, als Rose je erwartete und sich vielleicht gewünscht hätte, wären dann nicht so viele Probleme: der Alkohol, das Schweigen, die Gewalt und die Abhängigkeit.

Rose wollte sich eigentlich befreien und war im selben Moment dabei sich zu bewaffnen. Doch sie liess es zu, sich in eine Art goldenen Käfig einsperren und darin gleichzeitig entwaffnen zu lassen. Was konnte jetzt noch passieren…?

Dieser Mini-Roman ist ein kleines Kunstwerk! Meisterhaft in seiner Sprache, die nur so vor Klarheit, Schärfe und Direktheit strotzt. Hier kann nichts versteckt und geschönt werden. Alles wird ausgesprochen und wie auf einem Sektionstisch zerlegt. Und genau dadurch wird diese literarisch-psychologische „Studie“ hinsichtlich der späten Liebe einer Frau zu einem mehr als unvergesslichen Lese-Ereignis.

Nicolas Mathieu skizziert bravourös in 90 Seiten das Leben einer Frau, das sich komplett verwandelt. Nachdem sie einen Hund von sein Schmerzen befreit hat, beginnt sie letztendlich selbst wie ein Hund zu leiden. Rose wechselt von ihrer schwer erkämpften  Unabhängigkeit in die totale Abhängigkeit, nicht nur vom Alkohol auch von der Liebe eines Mannes. 

„Sie konnte sich nicht vorstellen, ohne ihn zu leben, und ärgerte sich über sich selbst, die Gleichung aus Ablehnung und Anziehung nicht lösen zu können.“ 

„Rose Royal“ ist ein grandioser Text und eines der besten Bücher in diesem Sommer,  das man mit einem Atemzug durchlesen kann und muss. Es zeigt die realistische Banalität von menschlichen Beziehungen und macht viele sozialgesellschaftlichen Probleme sichtbar ganz ohne Pathos, aber trotzdem sehr poetisch. Nicht umsonst gibt es trotz der Kürze drei Teile in diesem Roman, der wie eine echte Tragödie in drei Akten konzipiert ist. Eine Tragödie, die Rose – eine Frau, die sich nach Liebe sehnte – vielleicht hätte verhindern können, doch wie und ob darf bzw. sollte der Leser unbedingt selbst herausfinden…

 

Durchgeblättert – „Do You Read Me“ – Besondere Buchläden und ihre Geschichten

Philippe Djian hatte bereits klar erkannt: „Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler.“

Und um dieses kaum zu übertreffende Zitat noch konkreter zu erleben, sollte es im wahrsten Sinne des Wortes Bücher auf Rezept geben, die das Leben herausfordern, hinterfragen und bereichern. Ja und genau so ein Buch hat gerade das „Licht der Welt“ erblickt, einer ganz besonderen Welt – der Welt der Buchläden. 

Buchhandlungen sind Orte, die Fragen zu lassen, in denen man Antworten findet, die zu literarischen Reisen einladen, die Informationen und Kultur vermitteln, die Möglichkeiten des Austausches bieten, die Ablenkung nicht nur vortäuschen und die Aktualität mit Beständigkeit elegant verknüpfen.

„Do You Read Me“, ein wunderschön gestalteter Bildband über genau diese Buch-Orte, ist zur Zeit das interessanteste und abwechslungsreichste Buch über Buchläden und ihre dazugehörigen unerlässlich spannenden Geschichten. Der Titel des Buches wurde der Buchhandlung „Do You Read me“ aus Berlin „entliehen“, die ein eher ungewöhnliches Buchhandlungskonzept vorweist, welches Magazinen aus aller Welt mehr Bedeutung in Auswahl und Platz schenkt, als dem zusätzlich angebotenen aussergewöhnlichen Buchsortiment.

Über 60 Buchhandlungen bzw. Buchläden werden in diesem Werk mit grandiosem Bildmaterial und fein kuratierten Texten vorgestellt. Die Auswahl ist absolut international, neben bereits auch berühmt bekannten Buchhandlungen wie „Shakespeare & Company“ in Paris oder der „Boekhandel Dominicanen“ in Maastricht, entdecken wir bezaubernde und atemberaubende Buch-Paradiese und Buch-Kleinode, die ihresgleichen suchen.

Da gibt es beispielsweise ein charmant in Türkisfarben gehaltenes Buchladen-Café in Istanbul oder ein spektakuläres Buchhandlungskonzept in Mexiko-Stadt, bei der im jüngsten Buchhandlungprojekt „Cafebreria El Péndulo“ eine riesige Palme mitten in der Buchhandlung steht und aus deren Dach ragen darf. In Island wird ein entzückendes kleines Antiquariat „Bokin“ zum Kulturbotschafter. Die USA zeigt eine Fülle von faszinierenden unabhängigen Buchhandlungen, die mehr als klassisches Engagement beweisen, wie zum Beispiel der Initiator „Michael Seidenberg“ seines vollkommen „geheimen“ Buchladens – „Brazenhead Books“ in New York City -, den er aus und mit seinem eigenen Appartement gemacht hatte. Aber auch eine schwimmende Buchhandlung mit dem Titel „The Book Barge“, die am Canal du Nivernais in Frankreich liegt, sorgt für Erstaunen.

Richtig spektakulär darf es natürlich auch sein, vor allem wenn man die Bilder der Buchhandlung „WUGUAN BOOKS“ aus Kaohsiung (Taiwan) bewundert, denn in dieser Buchhandlung werden ungefähr 400 Bücher in absoluter Dunkelheit mit jeweils eigenem Licht präsentiert. Oder vollkommen unverwechselbar, wenn man sich die Buchhandlung „Morioka Shoten“ in Tokio ansieht. Hier wird nur ein einziges Buch zum Verkauf angeboten!

Die vielfältige Auswahl an Buchläden in diesem Werk ist beeindruckend, inspirierend und motivierend zugleich. Die hier präsentierten Buchhandlungen sind auf verschiedenste Weise und in  ihrer Kombination inhaltlich, aber auch gestalterisch und architektonisch die wundervollsten „Meisterwerke“ in Punkto Lese-Paradiese!

Kaum verwunderlich, dass bereits in einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung dieses Buch als „Verneigung vor einer fantastischen Institution: der Buchhandlung“ bezeichnet wird. Es könnte sogar noch mehr sein als „nur“ die Verneigung vor der Institution Buchhandlung. 

Selbstverständlich ist es auch die Verneigung vor den buch-begeisterten Köpfen, kreativen Initiatoren und kompetenten Buchhändlern, die diese Lese-Orte mit gebührendem Engagement und grosser Leidenschaft geschaffen haben und weiterhin alles dafür tun, sie langfristig anziehend und lebendig zu halten. Doch vergessen wir nicht den Leser, Buchliebhaber und potentiellen Kunden, der genau diese Buchläden regelmässig frequentiert, schätzt, liebt, verehrt und belebt. Und genau diesem Bücherfreund gebührt gleichwohl eine eben so grosse Verneigung, die man in der aktuellen Zeit auf keinem Fall unerwähnt lassen sollte!

„Do You Read Me“ ist ein grandioses „Sammelsurium“ der unterschiedlichsten Buchhandlungen jedoch mit einer grossen Gemeinsamkeit: diese Buchläden geben eine Art „Zuhause“, erfüllen Wünsche und schenken uns – wie bereits Mark Forsyth in seinem Essay erläuterte – eine besondere und unverwechselbare Art des Glücks, nämlich „das große Glück, das zu finden, wonach man gar nicht gesucht hat“!

Friedrich Nietzsche – Gedicht

Vogel – Urtheil

Als ich jüngst, mich zu erquicken,
Unter dunklen Bäumen sass,
Hört’ ich ticken, leise ticken,
Zierlich, wie nach Takt und Maass.
Böse wurd’ ich, zog Gesichter,
Endlich aber gab ich nach,
Bis ich gar, gleich einem Dichter,
Selber mit im Tiktak sprach.

Wie mir so im Versemachen
Silb’ um Silb’ ihr Hopsa sprang,
Musst ich plötzlich lachen, lachen
Eine Viertelstunde lang,
Du ein Dichter? Du sein Dichter?
Stehts mit deinem Kopf so schlecht? —
«Ja, mein Herr! Sie sind ein Dichter!»
— Also sprach der Vogel Specht.

Durchgelesen – „Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain“ v. Alex Lépic

Commissaire Lacroix ist wieder im Einsatz! 

Alex Lépic, der Erfinder von „Commissaire Lacroix –  den wir bereits durch seinen ersten Fall mehr als schätzen gelernt haben –  entführt den Leser in seinem gerade frisch erschienen zweiten Fall in die besondere Welt der Pariser Bäckereien!

Hätten Sie gewusst, dass es in Paris 1200 unabhängige Bäckereien gibt und dass jedes Jahr ein Wettbewerb um den „Grand prix de la baguette de tradition française de la ville de Paris“, den grossen Preis hinsichtlich des besten Baguettes von Paris, veranstaltet wird? 

Ja, Paris hat so einige Überraschungen zu bieten und da bleiben auch die Pariser Bäcker nicht verschont. Dieser Preis für das beste Baguette bringt dem Bäcker nämlich auch noch eine besondere Ehre ein – dieser auserwählte Bäcker darf nun für ein Jahr bis zur nächsten Wahl des besten Baguettes den Élysées Palast und somit den Französischen Präsidenten beliefern.

Und über diesen wichtigsten Preis der Stadt Paris konnte sich nun die Bäckerei – Boulangerie Lefèvre in der Rue de Seine, im 6. Arrondissement von Paris – freuen. Doch diese grosse Freude über den – vor allem zum zweiten Mal in Folge hintereinander gewonnenen  – 1. Paris für das beste Pariser Baguette, was es bis jetzt noch nie gegeben hat, wird dramatisch getrübt. Monsieur Maurice Lefèvre ist tot! Nach der Verleihung dieser Auszeichnung früh morgens entdeckt ihn ein Gas-Techniker erschlagen in seiner Backstube.

Commissaire Lacroix ist selbst erschüttert, denn für ihn war Maurice Lefèvre ein rechtschaffener und vor allem sehr fleissiger Bäcker, dessen Baguette äusserst beliebt war und selbst Monsieur le Commissaire einen kleinen Umweg dafür nicht scheute. Unterstützt von seinem engagierten Team mit „Capitaine“ Rio, dem „Commandant“ Pagnelli und natürlich auch mit Gerichtsmediziner Docteur Obert, kann die Tatwaffe – ein Brotschieber aus Holz – schnell gefunden werden. Doch was steckt hinter dieser schrecklichen Tat, was sind die Motive und wer ist der Täter?

Der Fall entwickelt sich als delikat, denn die Bäckerinnung und insbesondere deren Chef und dessen „Handelssekretärin“, beide in gewisse Machenschaften verstrickt, haben einen wichtigen organisatorischen Einfluss auf die Zusammensetzung der Jury des Pariser Baguette-Wettbewerbs. Sie hatten Maurice Lefèvre als Letzte gesehen und waren somit wichtige Zeugen. Und bereits bei der ersten Befragung bemerkte Lacroix eine aufsteigende Nervosität und subtile erste Andeutungen auf eine potentielle Wahlmanipulation innerhalb der Jury. 

Die Situation war angespannt, erste Verdächtigungen wurden ausgesprochen auch in Bezug auf Konkurrenz mit anderen Bäckern. Doch Commissaire Lacroix – wie sein berühmter „Kollege“ Maigret –  liess sich glücklicherweise nicht von den ersten Erkenntnissen zu stark beeindrucken und keineswegs beeinflussen, was auch gut war, denn der Fall hatte es in sich und musste auch in besonderer Rücksichtnahme auf den „Élysées Palast“ als „Kunde“ dieser Bäckerei schnellst möglich aufgeklärt werden…

Alex Lépic ist ein echter Paris-Kenner und Flaneur! Mit dem charmanten, etwas altmodisch angehaltenen Commissaire Lacroix, der übrigens nach wie vor kein Mobiltelefon besitzt und deshalb am Besten über die Festnetznummer seines Stammlokals erreichbar ist, kann man nicht nur einen spannenden Kriminalroman lesen, sondern auch durch Paris „reisen“. Und diese „Reise“ lässt sich nun durch die so schön gestaltete Karte auf der Innenseite des Buchcovers ausgezeichnet vor-  und nachbereiten.

Der zweite Fall spielt schwerpunktmässig im 6. Arrondissement – konkret im Quartier Saint-Germain-des-Près mit seinen Literatencafés und vielen guten Bäckereien und Restaurants. Commissaire Lacroix nimmt nie die Metro, geht vorzugsweise zu Fuss – vor allem zwischen seiner Wohnung im 7. Arrondissement und seinem Arbeitsplatz dem Kommissariat im 5. Arrondissement. Hin und wieder nimmt er den Bus und lässt sich in seinen Polizei-Einsätzen von Capitaine Rio chauffieren, die sich – zu seinem Leidwesen – dem Pariser Fahrstil mehr als angepasst hat. 

In diesem zweiten Kriminalroman kommt der Leser den Haupt-, aber auch den Nebenfiguren immer näher, man wird vertrauter, erkennt die Eigenarten, freut sich über neue Feinheiten und fühlt sich beim Lesen in Paris, bei Commissaire Lacroix, seiner Familie, seinen Kollegen und Freunden im wahrsten Sinne des Wortes „ zu Hause“. 

Doch trotz oder gerade wegen dieser „Wohlfühlatmosphäre“  bleibt  „Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain“ ein ganz ausgeklügelt fesselnder Kriminalroman, bei dem der Leser so en passant mit der Pariser Bäckereikunst verführt und gleichzeitig in ein perfides Verbrechen verwickelt wird.

Eric Lépic und sein „Maigret“ alias Commissaire Lacroix entwickelt sich quasi von „Fall zu Fall“ zu der besonderen neue Kriminalreihe, die intelligent, unterhaltsam, informativ und so mitreissend erzählt wird, dass die Lust auf mehr, hoffentlich bald mit dem dritten Fall gestillt werden kann…

Durchgelesen – „Das Ensemble“ v. Aja Gabel

Das Streichquartett ist eine der wichtigsten Gattungen der abendländischen Musikgeschichte. Es bezeichnet aber auch die Zusammensetzung eines Ensembles, das aus zwei Violinen, einer Bratsche und eines Cellos besteht, die von vier Musikern gespielt werden. Bereits Goethe hatte in einem Streichquartett nicht nur eine Musikgattung, sondern auch eine Zusammenführung von vier musizierenden Menschen gesehen:

„Man hört vier vernünftige Leute sich unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen.“

Und von genau vier solch „vernünftigen“ und in diesem Falle jungen Leuten erzählt dieser besondere Roman „Das Ensemble“ von Aja Gabel, der gerade aktuell dank der wunderbaren Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence in deutscher Sprache erschienen ist. 

Der Roman von Aja Gabel ist nicht nur eine Geschichte von vier Musikern, es sind eigentlich vier Geschichten von vier Mitgliedern eines Streichquartetts – eines Ensembles: die Erfolgsgeschichte, die Leidensgeschichte und vor allem die Liebes- und Freundschaftsgeschichte.

Es gibt vier Hauptcharaktere – vier Freunde –  und jeder hat eine einzelne Stimme, nicht nur im musikalisches Sinne, sondern auch im Lebenssinne und diese vier Einzelstimmen müssen in ihren einzelnen Persönlichkeiten in das komplexe Ensemble integriert und dazu zu einer musikalischen Stimme vereint werden.

Da gibt es Jana, 24 Jahre alt, die erste Geigerin, eine zielstrebige, zeitweise hektische Musikerin, die das absolute Gehör hat, auf Selbstvertrauen baut und sich von ihrer unerlässlich aufstrebenden Mutter, eine berühmte Schauspielerin zu sein, zu distanzieren versucht.

Henry, Bratschist, der jüngste des Quartetts und ein echtes Wunderkind. Dies sorgt nicht nur für Erstauen bei den anderen drei Musikern, sondern hin und wieder auch für Neid und grosse Auseinandersetzungen.

Dann treffen wir auf Daniel, den Cellisten dieses Ensembles, ein Musiker, der spät zur Musik kam, ein Musiker, der viel arbeiten bzw. üben muss, um den musikalischen Ansprüchen der anderen Drei gerecht zu werden.

Und dann gibt es noch Brit, die zweite Violinistin. Sie ist eine unverbesserliche Romantikerin, die manchmal den Schwerpunkt ihres Lebens nicht in die Musik legt, sondern sich lieber mit der Gründung einer eigenen Familie beschäftigt.

Diese vier Personen formen das Van-Ness-Quartett, sie lernen sich im Konservatorium kennen, befreunden sich und vereinen sich zu einem Ensemble, das in einer Zeitspanne von 1994 bis 2010 durch viele Höhen und vor allem auch Tiefen gehen muss. Die Musiker vermasseln einen Wettbewerb, sie streiten, sie kämpfen mit Missgunst und Unverständnis, sie planen die nächsten Konzerte, üben bis zum Umfallen und stehen auch vor vielen menschlichen und ganz persönlichen Entscheidungen…

Aja Gabel hat einen sehr intensiven, emotionalen, spannenden und auch aktionsvollen Debüt-Roman geschrieben, der mehr als nur das vielschichtige Leben und Wirken eines Streichquartetts erzählt. Diese enge Verknüpfung, diese Freundschaft, diese Nähe zwischen diesen vier Musikern, ist jederzeit übertragbar auf andere Freundesgruppen und Familien, die auch wie diese vier Musiker um Akzeptanz, Anerkennung, Wertschätzung und Respekt innerhalb ihres Ensembles hart arbeiten und kämpfen. 

Mit grosser Hingabe und Einfühlungsvermögen werden durch die Musik als Inbegriff der zwischenmenschlichen Kommunikation neue Erlebnisse, Konflikte und Lösungen vermittelt, die den Leser nicht nur in den Bann ziehen, sondern auch emotional berühren und aufrühren. Und trotz des – für den Laien – so unfassbar vorstellbaren Erfolgsdrucks eines Musikers, erleben wir diese vier sehr unterschiedlichen Charaktere, wie stark sie doch – schwankend zwischen spannungsgeladenen Differenzen und tief gehendem Einvernehmen – miteinander eng zusammengehören.

Das „Ensemble“ ist ein grossartiges Buch, das man bereits nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann. Und dieser Roman ist ein besonderes Geschenk, das den Leser nicht nur literarisch, sondern auch musikalisch verführt und man bereits während der Lektüre grosse Lust verspürt, so manch berühmtes Streichquartett sei es von Beethoven, Dvorak, Haydn, Mendelssohn, Mozart, Ravel, Schostakowitsch und Tschaikowski endlich neu oder wieder zu entdecken!

Durchgelesen – „Fehlstart“ von Marion Messina

Wer kennt das Phänomen nicht: man möchte neu starten und beginnt gleichzeitig diesen Start mit einem Fehler und am Ende fügt sich alles zu einem perfekt geplanten Fehlstart zusammen.

Und von genau so einem Fehlstart handelt der aktuell in deutscher Sprache erschienene Debütroman von Marion Messina, der grandios aus dem Französischen von Claudia Steinitz übersetzt wurde.

Marion Messina wurde 1990 in Grenoble geboren und hat nach dem Abitur Politik- und Agrarwissenschaften studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin. Ihr Debüt-Roman „Fehlstart“ („Faux départ“) wurde in Frankreich nach Erscheinen 2017 sehr gefeiert!

Aurélie, eine junge begabte Schülerin mit einem sehr guten Abiturabschluss, bleibt es verwehrt an den berühmten Eliteuniversitäten von Paris zu studieren. Aus finanziellen Gründen – aufgewachsen in einer Sozialwohnung in Grenoble – muss sie ihr Studium in Ihrer Heimatstadt aufnehmen. Obwohl sie viel lieber ein Literaturstudium absolvieren wollte, entschliesst sich Aurélie notgedrungen für das Jurastudium, um ihre Eltern zufrieden zu stellen. Doch kaum hatte sie ihr Studium aufgenommen, stellten sich die ersten eher desillusionierenden Gedanken ein:

„Nach den zwei Stunden dieser ersten Vorlesung hatte sich Aurelie wie ein frisch defloriertes Mädchen gefühlt, sie konnte es nicht fassen, dass etwas so lange Erträumtes so fade, unnütz und endlos sein konnte.“

Aurélie versuchte das Beste aus der Situation zu machen und fand einen Studentenjob, um sich von ihrer Familie etwas mehr zu befreien und selbstständiger zu werden. Zuerst verteilte sie Flyer und landete schliesslich als Reinigungskraft in einem Wohnheim. Dabei lernt sie Alejandro, einen kolumbianischen Studenten kennen, der sich in seinem  letzten Studienjahr befindet und seine Wohnungsmiete verdienen musste.

Alejandro war genervt von Kolumbien und musste unbedingt nach Europa gehen, um dort seinen Master zu beenden. Er war 24 Jahre alt und sprach fast perfekt Französisch. Aurélie war 18 Jahre alt, verliebte sich in Alejandro und träumte von einer besonderen Zweisamkeit, die sie beflügelte:

„Ihre Zuneigung brachte sie zum Strahlen: Sie hatte abgenommen, und ihr Teint war reiner; durch ein Wunder hatte sie die Erstsemesterprüfungen bestanden.“

Alejandro war ein echter Lateinamerikaner, ein guter Liebhaber, aber nicht bereit, sich festzulegen und er wollte sein Leben leben, die Welt entdecken und konnte sich somit eine definitiv feste Bindung an eine Frau, wie Aurélie noch nicht vorstellen. Er ging einfach weg aus Grenoble und Aurélies Leben war damit mehr als durcheinander, sie hatte Liebeskummer und ihr Studium war gefährdet. Auch Aurélie wollte weg, von Grenoble, von dem Studium, von ihrer Familie.

Aurélie entschied sich für Paris! Sie wollte endlich in die Stadt, die für sie mehr als nur eine Metropole, sondern der Inbegriff von Freiheit und Erfolg war bzw. sein musste. Doch leider hatte sie den kühlen „Empfang“ von Paris nicht so erwartet und musste sich für die erste Zeit mit einem Sechs-Betten-Schlafsaal einer Jugendherberge arrangieren.

Niemand wusste von ihrem „Ausflug“ nach Paris, denn Aurélie wollte erst mal Fuss fassen, einen Job und natürlich eine Wohnung finden. Sie fand eine Stelle als „flexible“ Empfangsdame und wusste immer erst morgens gegen 6 Uhr zu welcher Firma sie jetzt fahren sollte, um eine fehlende Hostess zu ersetzen. Die Arbeit war einerseits langweilig, andererseits auch anstrengend. Denn auch nur zu warten und immer zu lächeln, kostete so manche Kräfte, die sie im ersten Moment zu unterschätzen wagte.

„Die Stadt macht einen verrückt.“

Das Leben in Paris entwickelte sich vollkommen anders als erwartet, die Träume wurden nicht erfüllt. Weder konnte sie genügend Geld verdienen, um sich eine angemessene Wohnung zu leisten, noch konnte sie ihren Erfolg und ihr Glück finden. Wie würde dieses Leben in Paris für Aurélie nun weitergehen…

„Fehlstart“ ist ein ernstes und äusserst wichtiges Buch – wahnsinnig fesselnd geschrieben – das vollkommen transparent und direkt, die Realität einer jungen Französin schildert, die nicht aus einer bourgeoisen Pariser Familie stammt, sondern aus Grenoble und durch ihre Geburt in einem sozial schwachen Umfeld aufwächst und sich daraus befreien möchte.

Nur diese Befreiung kostet mehr als physische und psychische Kraft, denn sie ist nicht möglich. Es gibt keinen Aufstieg, es gibt Versuche bezüglich eines sozialen Aufstiegs, doch dieser wird ständig von äusseren Umständen verhindert. Und da setzt Marion Messina an und hat mit ihrer ausgezeichneten Beobachtungsgabe ein so klares Sittengemälde gezeichnet, das durch ihre scharfe Ironie und ihren subtilen Zynismus dem Leser ganz besondere Einblicke in die heutige französische Gesellschaft öffnet.

„Fehlstart“ ist nicht umsonst ein mehr als gefeierter Debütroman in Frankreich gewesen und sollte nun – dank der deutschen Übersetzung – für ein anspruchsvolles und frankophiles Leserpublikum zur absoluten Pflichtlektüre werde!

 

Hermann Hesse – Gedicht

Spätsommer

Noch schenkt der späte Sommer Tag um Tag
Voll süßer Wärme. Über Blumendolden
Schwebt da und dort mit mildem Flügelschlag
ein Schmetterling und funkelt sammetgolden.

Die Abende und Morgen atmen feucht
Von dünnen Nebeln, deren Naß noch lau.
Vom Maulbeerbaum mit plötzlichem Geleucht
Weht gelb und groß ein Blatt ins sanfte Blau.

Eidechse rastet auf besonntem Stein,
Im Blätterschatten Trauben sich verstecken.
Bezaubert scheint die Welt, gebannt zu sein
In Schlaf, in Traum, und warnt dich, sie zu wecken.

So wiegt sich manchmal viele Takte lang
Musik, zu goldener Ewigkeit erstarrt,
Bis sie erwachend sich dem Bann entrang
Zurück zu Werdemut und Gegenwart.

Wir Alten stehen erntend am Spalier
Und wärmen uns die sommerbraunen Hände.
Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende,
Noch hält und schmeichelt uns das Heut und Hier.

Durchgelesen – „Lacroix und die Toten vom Pont Neuf“ v. Alex Lépic

Durch den berühmten Kommissar Maigret sind wir doch alle ein wenig verwöhnt. Wie sehr hat er uns in den Bann gezogen, nicht nur seine Fälle aufgeklärt, sondern uns auch Frankreich und Paris nähergebracht. Doch endlich gibt es einen würdigen Nachfolger für Kommissar Maigret, den wir Alex Lépic zu verdanken haben.

Alex Lépic ist gebürtiger Franzose, in Deutschland aufgewachsen, und ein echter Paris-Kenner, das man unschwer in seinem ersten in Deutsch geschriebenen Roman „Lacroix und die Toten vom Pont Neuf“ erkennen kann.

Commissaire Lacroix – immer mit Hut, Mantel und Pfeife ausgerüstet – muss sich gleich nach seinem Sommerurlaub mit einem schwierigen Fall beschäftigen. Eigentlich arbeitet er im Kommissariat des 5./6. Arrondissement, das sich ganz nah am Boulevard Saint Germain in der Rue de La Montagne-Sainte-Geniève im 5. Arrondissment von Paris befindet. Es ist ein sehr hässliches Gebäude und verfügt auch noch über das Musée de la préfecture de Police, was so manche komische Begegnung mit Schulklassen etc. mit sich bringt. Doch dieses Mal brauchen die Kollegen aus dem 1. Arrondissement dringend Unterstützung, denn ein Toter Clochard liegt unter der berühmten und ältesten Brücke von Paris, dem Pont Neuf. Er wurde auf perfide und perfektionnistische Art und Weise mit dem Messer getötet.

Zwei Mitarbeiter, eine junge Polizistin – stammt aus dem Überseedépartement Mayotte – und ein Polizist – Korse – unterstützen Lacroix bei seinen Aufgaben und Recherchen. Der Fall ist sehr verzwickt und lässt den schönen Urlaub mit seiner Frau Dominique gleich wieder in Vergessenheit geraten. Aber auch seine Frau, Bürgermeisterin des 7. Arrondissements, ist auch wie immer schnell in ihren Arbeitsalltag zurückgekehrt.

Glücklicherweise kann er noch auf die Unterstützung seines Priester-Bruders Pierre-Richard zurückgreifen, der in Paris gerade in der Obdachlosen-Szene so einige wichtige Kontakte hat. Und dann gab es noch Yvonne, die Wirtin seines Stammlokals „Chai de l’Abbaye“, die sich nicht nur um das kulinarische Wohl während der Arbeitszeiten von Commissaire Lacroix kümmerte, sondern auch Gott und Welt in ganz Paris kannte.

Die ersten Spuren bei dem toten Clochard unter dem Pont Neuf führen zu einer potentiellen Bettler-Mafia, die angeblich Gelder von sämtlichen Obdachlosen in dieser Gegend eintrieben. Der Verdacht fällt auf zwei Brüder und bevor diesem Verdacht genau nachgegangen werden konnte, gibt es schon den zweiten Toten, wieder ein Obdachloser. Die Lage spitzt sich zu, es sieht nach einem Serienmord aus und nun ist auch Commissaire Lacroix trotz seiner grossen Erfahrungen unter Druck…

Alex Lépic ist ein Wunder gelungen, denn Commaissaire Lacroix ist mehr als nur ein würdiger „Nachfolger“ von Maigret. Lacroix ist so perfekt in die aktuelle Zeit gesetzt, dass man es nicht besser machen könnte. Der Krimi ist sehr gut aufgebaut, subtil, fein und äusserst spannend erzählt. Alle Personen in diesem Roman haben ihre Eigenarten, es ist von furchteinflössend, skurill, amüsant und verrückt alles vorhanden.

Alex Lépic schreibt wunderbar, endlich mal wieder ein Krimi, der sich so richtig gut liest und der einem das Paris des 21. Jahrhunderts mit all seinen schönen, aber eben auch mit seinen Problemen und Schattenseiten zeigt. Man taucht ein in die sogenannten Pariser Welten und möchte wegen des so sympathischen Personals und wegen der Spannung und Dramatik gar nicht mir auftauchen. Deshalb hoffen wir sehr, dass nach diesem grandiosen ersten Fall, der Zweite bald folgen wird…!

Christian Friedrich Hebbel – Gedicht

Dies ist ein Herbsttag…

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.