Durchgelesen – „Rose Royal“ v. Nicolas Mathieu

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel, Sie kommt und geht von einem zum andern, Sie nimmt uns alles doch sie gibt auch viel zu viel, Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ genau so wurde bereits mit dieser ersten Strophe eines berühmten Schlagers in den sechziger Jahren von Connie Francis die Liebe besungen.

Das überrascht auch heute nicht, denn die Liebe ist, wird und kann immer ein seltsames Spiel bleiben. Doch wie seltsam, verrückt, intensiv, fatal und glücklich eine Liebe sich entwickeln kann, wird sehr klar durch das aktuellste literarische Werk „Rose Royal“ von Nicolas Mathieu, das ganz neu – in ausgezeichneter deutscher Übersetzung von Lena Müller und André Hansen – erschienen ist.

Nicolas Mathieu, 1978 in Épinal (Vosges) geboren, lebt und arbeitet in Nancy. Inzwischen hat er mehrere Romane veröffentlicht, sein erster Roman „Aux animaux la guerre erschien 2014 und wurde für eine französische Fernsehserie adaptiert. 2018 folgte sein zweiter Roman „Wie später ihre Kinder“ („Leurs enfants après eux“), der im gleichen Jahr unter anderem mit dem wichtigsten französischen  Literaturpreis geehrt wurde – dem Prix Goncourt! 2019 entstand sein letztes kleines feines Werk, eine Art „Roman-Novelle noir“ – „Rose Royal“ – die nun ein Jahr später erfreulicherweise in deutscher Sprache vorliegt.

Dieses neue Werk von Nicolas Mathieu ist die Geschichte einer Frau – Rose – 50 Jahre alt, geschieden, zwei Kinder, Sekretärin. Sie hat viele Schicksalsschläge und Trauerfälle überwunden, einige Beziehungen und Liebschaften erlebt und überlebt. Und sie hat eine Freundin, mit der sie sich in ihrer Stammkneipe dem „Royal“ regelmässig trifft und  dort ihren Durst nicht nur nach Bier stillen kann und wird. 

Obwohl Rose sich ihr Leben soweit unabhängig eingerichtet hatte und auch spürte, dass sie mit Männern selbstbewusster und stärker umgehen konnte, gab es doch immer wieder einen Moment, wo sie sich durch die männliche Dominanz verletzt und bedrängt fühlte. Das musste aufhören und so beschloss Rose, sich einen kleinen Revolver für ihre ganz persönliche Sicherheit zu besorgen.

„Die Angst sollte die Seiten wechseln.“

Bei einem konkreten Abend im „Royal“ war die Stimmung eher verhalten, denn ihre Freundin konnte nicht wie gewohnt die Kneipe als einen privaten „Friseur-Salon“ benutzen. Doch kurz vor der Sperrstunde stürmten Jugendliche das Lokal und wollten ihre letzten 100 Tage vor der Abiturprüfung feiern. Der Wirt liess sich darauf ein und es wurde viel getrunken. Ganz plötzlich nach einem Knall, stürmte ein Mann mit einem sehr schwer verletzten und blutüberströmten Hund in die Kneipe und hoffte auf Hilfe und Unterstützung. Rose beobachtete die Situation, holte ihren Revolver und schoss zielgerichtet in den Kopf des Hundes. Der Hund war von seinem Leiden erlöst und der Hundebesitzer war erleichtert. 

Genau dieser Hundehalter – namens Luc – meldete sich keine zwei Tage später bei Rose per Telefon und seit dem waren sie irgendwie zusammen, mal mehr und weniger. Doch diese Beziehung entwickelte sich anders, als Rose je erwartete und sich vielleicht gewünscht hätte, wären dann nicht so viele Probleme: der Alkohol, das Schweigen, die Gewalt und die Abhängigkeit.

Rose wollte sich eigentlich befreien und war im selben Moment dabei sich zu bewaffnen. Doch sie liess es zu, sich in eine Art goldenen Käfig einsperren und darin gleichzeitig entwaffnen zu lassen. Was konnte jetzt noch passieren…?

Dieser Mini-Roman ist ein kleines Kunstwerk! Meisterhaft in seiner Sprache, die nur so vor Klarheit, Schärfe und Direktheit strotzt. Hier kann nichts versteckt und geschönt werden. Alles wird ausgesprochen und wie auf einem Sektionstisch zerlegt. Und genau dadurch wird diese literarisch-psychologische „Studie“ hinsichtlich der späten Liebe einer Frau zu einem mehr als unvergesslichen Lese-Ereignis.

Nicolas Mathieu skizziert bravourös in 90 Seiten das Leben einer Frau, das sich komplett verwandelt. Nachdem sie einen Hund von sein Schmerzen befreit hat, beginnt sie letztendlich selbst wie ein Hund zu leiden. Rose wechselt von ihrer schwer erkämpften  Unabhängigkeit in die totale Abhängigkeit, nicht nur vom Alkohol auch von der Liebe eines Mannes. 

„Sie konnte sich nicht vorstellen, ohne ihn zu leben, und ärgerte sich über sich selbst, die Gleichung aus Ablehnung und Anziehung nicht lösen zu können.“ 

„Rose Royal“ ist ein grandioser Text und eines der besten Bücher in diesem Sommer,  das man mit einem Atemzug durchlesen kann und muss. Es zeigt die realistische Banalität von menschlichen Beziehungen und macht viele sozialgesellschaftlichen Probleme sichtbar ganz ohne Pathos, aber trotzdem sehr poetisch. Nicht umsonst gibt es trotz der Kürze drei Teile in diesem Roman, der wie eine echte Tragödie in drei Akten konzipiert ist. Eine Tragödie, die Rose – eine Frau, die sich nach Liebe sehnte – vielleicht hätte verhindern können, doch wie und ob darf bzw. sollte der Leser unbedingt selbst herausfinden…