Durchgeblättert – „Jeux de Mains“ v. Cécile Poimboeuf-Koizumi & Stephen Ellcock

„Nichts gibt mehr Ausdruck und Leben, als die Bewegung der Hände; im Affekte besonders ist das sprechendste Gesicht ohne sie unbedeutend.“ Gotthold Ephraim Lessing hatte mit diesem Satz bereits die Bedeutung von Händen ganz klar erkannt. Die Bewegung der Hände kann, darf und muss vieles bedeuten. Menschen schreiben mit den Händen, sie malen, sie spielen ein Instrument und sie sprechen mit ihnen. Die Hände können aber auch Angst verbreiten, sie können bestrafen und schlagen. Hände können auch ganz unbewegt bleiben, sie können aber auch streicheln, trösten und Liebe schenken. Hände können fast alles oder nichts. 

In der Kunst ist die Hand das absolute Sinnbild der Kreativität. Und um dieses so unterschiedlich interpretierte Kunstsinnbild einzuordnen, zu bewundern, zu verstehen, zu lieben und zu erleben, haben Cécile Poimboef-Koizumi und Stephen Ellcock ein Werk geschaffen, das dem Namen Kunstbuch mehr als alle Ehre erweist. Cécile Poimboef-Koizumi stammt aus einer französisch-japanischen Familie, sie arbeitet als Verlegerin, hat den Verlag Edition Chose Commune mitgegründet und leitet diesen als künstlerische Direktorin. Stephen Ellcock ist ein in London lebender Schrifsteller, Publizist und Sammler von Bildern. Er hat ein virtuelles Museum auf Facebook und Instagram kreiert. Die Kombination von diesen beiden Ausnahmetalenten hat nun ein wundervolles und sehr beeindruckendes Werk hervorgebracht: „Jeux de mains“, das man mit Handspiele oder Händespiel – je nachdem – übersetzen könnte. 

Dieses Kunstbuch ist gleichzeitig auch ein Werk der Buchkunst. Die japanische Bindetechnik hat einen gewissen Einfluss genommen und nicht alle Seiten dieses Werks sind offen geschnitten. Somit kann der Leser, Betrachter und Kunstgeniesser nach jedem Kunstwerk die Seiten ganz vorsichtig durchschneiden, damit er die dazugehörigen Informationen nachlesen kann.

Die beiden Schöpfer dieses Buch-Objekts haben sich bei der Auswahl der darin vorgestellten Hand-Kunstwerke sehr viele Gedanken gemacht. Mehr als 100 Kunstwerke aus den verschiedensten Bereichen wie beispielsweise Malerei, Fotographie und Skulptur. Unbekannte und sehr berühmte Künstler werden hier in diesem Buch vereint. Ein so aussergewöhnlicher Ansatz, der dem anonymen Unbekannten einen so unfassbar grossen Wert verleiht dank der Nähe zu dem berühmt Bekannten. Auch die Epochen werden so wundervoll durcheinander gewürfelt und die Form der Darstellung zeigt all seine Facetten. 

Der Leser bzw. Betrachter betritt mit diesem besondern Buch ein Museum der besonderen Art, ein wahres „Hand-Museum“. Wir sind erstaunt über die Hand-Vielfalt von Schiele, Rodin, Holbein, v. Menzel, Degas und Ingres. Fasziniert von unbekannten plastischen Werken aus Mexiko oder anonymer Fotokunst, entdecken wir natürlich nebenbei auch Picasso, Alberto Giacometti, Louise Bourgeois, Paul Steinberg, Man Ray, Gerhard Richter, Oscar Munoz und Sophie Calle unter vielen Anderen. 

Beim Betrachten dieser Bilder und Kunstwerke spürt man selbst durch das Blättern und Aufschneiden bzw. Öffnen der Seiten, wie wichtig doch Hände auch beim Lesen sind. Welch ein unbeschreiblich schönes Gefühl es doch ist, mit seinen Händen ein Buch aufzuschlagen, darin zu blättern, die Seiten zu berühren und zu erspüren. Hände sind in diesem Fall eine Art zweites oder manchmal sogar das einzige Auge, um das Wichtige im Leben zu sehen bzw. zu erfühlen. Und gleichzeitig geben diese Hände sehr viel mehr, als man im ersten Moment vielleicht glauben mag, an Ausdruck, Information und Gefühl weiter. 

In den aktuellen komplexen Zeiten, in welchen Hände zur Begrüssung und zur Berührung wegen vorgeschriebener Distanz einen noch höheren Stellenwert bekommen, kann dieses so traumhaft schöne Kunstbuch diesen Mangel ein wenig ausgleichen. Doch vergessen wir nicht, wie wichtig Hände sind, welche Bedeutung sie haben, vor allem dann, wenn wir sie nicht in wichtigen Momenten so benützen können und dürfen, wie wir es gewohnt sind und wie wir es uns so sehnlichst wünschen.

Heinrich Heine meinte „Eine schöne Hand ziert den Menschen“. Ob die Hand des individuellen Lesers schön ist, bleibt jedem in seiner ganz privaten Betrachtungsweise selbst überlassen. Halten Sie, verehrter Leser, einfach dieses so besondere Kunstbuch in Ihren schönen Händen – denn nur dies zählt!