Durchgelesen – „Ein gewisses Lächeln“ v. Françoise Sagan

Langeweile ist ein schwieriger Gefühlszustand, in dem man sich selten gerne befindet. Vielleicht ist Langeweile gar kein Gefühl, sondern nur ein Zustand ? Was passiert, wenn der Alltag nur noch aus Eintönigkeit besteht und auch das Liebesleben sich eher als spannungslos beschreiben lässt ?  Wäre es dann nicht höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen und sich in ein Abenteuer zu stürzen. Ob dies das beste « Medikament » ist, um die Seele von diesem L-Symptom zu befreien, zeigt uns Françoise Sagan mit ihrem äusserst sensiblen Roman « Ein gewisses Lächeln ».

Françoise Sagan (21. Juni 1935 – 24. September 2004) gehörte über viele Jahre zu den erfolgreichsten französischen Schriftstellerinnen. Ihr richtiger Name war eigentlich Françoise Quoirez. Inspiriert durch eine Romanfigur von Marcel Proust (Herzog von Sagan), erschienen alle ihre Werke unter dem für jeden Leser inzwischen allseits bekannten Pseudonym. Françoise Sagan stammte aus einer bürgerlichen Industriellenfamilie. Ihren ersten Roman « Bonjour Tristesse » schrieb sie mit 18 Jahren während ihrer Literaturstudien an der Pariser Sorbonne, der übrigens 1954 veröffentlicht wurde. Ein Jahr später erschien der Roman « Ein gewisses Lächeln » (im Original : « Un certain sourire »). Es war ihr zweites Buch, das – obwohl es nie ganz an den Erfolg des Erstlingswerks herankam – zu ihren wichtigsten Werken zählt. Ihr Leben nahm 1957 durch einen Autounfall eine sehr schwierige und unvorhersehbare Wendung. Ab diesem Zeitpunkt kämpfte Françoise Sagan mit einer lebenslangen Drogensucht, die nicht nur private Probleme, sondern auch grosse finanzielle Krisen nach sich ziehte. Ihr Oeuvre umfasst mehr als 40 Werke – darunter auch zahlreiche Theaterstücke und eine Biographie über Sarah Bernhardt – und ist bis heute ein wichtiges Vermächtnis der französischen Literatur, welches nicht nur in Papierform, sondern auch durch zahlreiche Verfilmungen weiterlebt.

Françoise Sagan erzählt in ihrem Roman « Ein gewisses Lächeln » die Geschichte einer desillusionierten jungen Frau, die dank einer Affäre mit einem verheirateten Mann eine in Sachen Liebe und die dazugehörigen Gefühle sehr wichtige Lektion lernt.

Dominique, die Heldin dieses Buchs, studiert vollkommen unüberzeugt und ohne grossen Ehrgeiz an der Sorbonne in Paris. Gleichzeitig fühlt sie sich auch noch in der eher leidenschaftslosen Beziehung mit ihrem Kommilitonen Bertrand ziemlich gelangweilt. Doch eines Tages stellt ihr Bertrand seinen Onkel Luc und dessen Frau Françoise vor. Eine ungewöhnliche Begegnung mit einem Paar, das sehr glücklich in seinem Leben zu sein scheint. Luc ist ein Mann, der nicht nur weitgereist ist, sondern auch vollkommen in sich ruht und sehr charmant auf Frauen wirkt. Françoise ist eine attraktive und unabhängig wirkende Frau, die aber auch mütterliche Gefühle entwickeln kann, obwohl sie beide kinderlos sind.

Man trifft sich immer öfters zu viert. Dominique wird von beiden ein wenig mit Aufmerksamkeit und Geschenken verwöhnt. Es folgen noch verschiedene Abendessen in der Vierer-Runde bis zu dem Zeitpunkt, als Françoise für zehn Tage zu Bekannten fährt. Luc lädt Dominique zu einem Tête-à-tête ein. Sie gehen essen, dann tanzen und schliesslich in eine Bar. Dominique fühlt sich sehr wohl in seiner Gegenwart. Ihr erstes Gefühl von Einschüchterung ist verschwunden und sie spürt das Verführerische an ihm, was wiederum eine ganz unbekannte Form von Zärtlichkeit bei ihr auslöst. Das Thema Liebe liegt in der Luft. Luc spricht von seinen Gefühlen zu Françoise und kommt gleichzeitig auf den Punkt :

« “ Und nun „, sagte Luc, „würde ich mich sehr freuen, wenn ich mit Ihnen ein Abenteuer haben könnte.“
Ich begann dumm zu lachen. Ich war völlig unfähig zu reagieren. »

Dominique ist überfahren, überrascht, aber auch irgendwie glücklich. Sie spürt seine verführerische Leidenschaft, welche die Anziehungskraft zwischen beiden immer mehr verstärkt. Was wird sie tun ? Traut sie sich aus ihrer eher langweilig harmlosen Beziehung mit Bertrand auszubrechen und ihrem Leben einen neuen Schwung zu verleihen? Doch welche Gefahr könnte sich hinter diesem Abenteuer verbergen? Doch vor allem was würde Dominique tun, wenn sie sich in Luc unsterblich verlieben würde?

Es stellen sich tausende kleine Fragen, doch letztendlich geht es nur um eine Frage, nämlich was Liebe bzw. Gefühle eigentlich bedeuten. Françoise Sagan gelingt es äusserst subtil und raffiniert mit ganz « einfachen » linguistischen und thematischen Mitteln diese doch sehr komplexe Frage in diesem zeitlosen Roman zu beantworten. Sie kann mit ihrem sanft sinnlichen, aber auch leicht melancholischen Stil jedes monotone Leben durch die leidenschaftliche Liebe wieder erwecken. Sie erzählt von freudlosen Alltagsgewohnheiten und stillgelegten Emotionen, als wären sie wie die Federn in einem Kissen, welches man nur zu Schütteln braucht, um es wieder in eine neue lebens- und liebenswerte « Form » zu bringen. Man fühlt sich trotz der anfänglichen «Liebes-Langeweile » – oder besser gesagt « Gefühlsmüdigkeit » der Hauptprotagonistin und den daraus entstehenden Turbulenzen sehr weich gebettet und spürt mit jedem gelesenen Satz, den Wunsch das Leben, so wie es ist, einfach zu umarmen und die daraus spürbaren Empfindungen nicht zu unterdrücken, sondern sie frei zu geniessen.

Françoise Sagan ist eine Künstlerin und Psychologin zu gleich, denn was gibt es Schöneres als die Verwandlung von Gefühls-Leere in Gefühls-Fülle lesenderweise verfolgen, ja fast schon miterleben zu können. « Ein gewisses Lächeln » ist nicht nur ein Roman, der oft gegen Liebeskummer und ähnliche Seelenkrankheiten empfohlen wird. Dieses Buch ist viel mehr : es ist ein zart schmeichelndes Plädoyer für ein – im wahrsten Sinne des Wortes – « sentimentales » Leben !

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