Christian Morgenstern – Gedicht

Die Brille

Korf liest gerne schnell und viel;
darum widert ihn das Spiel
all des zwölfmal unerbetnen
Ausgewalzten, Breitgetretnen.

Meistens ist in sechs bis acht
Wörtern völlig abgemacht,
und in ebensoviel Sätzen
läßt sich Bandwurmweisheit schwätzen.

Es erfindet drum sein Geist
etwas, was ihn dem entreißt:
Brillen, deren Energieen
ihm den Text – zusammenziehen!

Beispielsweise dies Gedicht
läse, so bebrillt, man – nicht!
Dreiunddreißig seinesgleichen
gäben erst – Ein – – Fragezeichen!!

Durchgelesen – „Das Labyrinth der Wörter“ v. Marie-Sabine Roger

Glücklicherweise werden immer wieder kleine Schätze aus der französischen Literatur entdeckt und ins Deutsche übersetzt. In diesem Fall handelt es sich um den entzückenden Roman „Das Labyrinth der Wörter“ im Original „La tête en friche“ von Marie-Sabine Roger. Das Buch erschien bereits 2008 in Frankreich, erhielt 2009 den Prix Inter und ist nun endlich in Deutschland erschienen.

Es gibt zwei zentrale Personen in diesem Roman: den Ich-Erzähler, Germain und Margueritte, eine alte Dame.

Germain hatte eine schwere Kindheit, er war kein Wunschkind, im Gegenteil er wurde in der Nacht des 14. Juli unbeabsichtigt gezeugt. Seine Mutter liess ihn immer spüren, dass er nichts kann und nichts wert ist. Inzwischen ist Germain 45 Jahre und wohnt in einem Wohnwagen im Garten des Hauses seiner Mutter. Sie ist total verwirrt, reisst sein mit Liebe angepflanztes Gemüse willkürlich heraus oder tanzt bis tief in die Nacht zu spanischer Musik. Germain hat keinen Schulabschluss, somit verdient er sich seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs. Er ist total ungebildet, zwar kein echter Analphabet, doch hat er sehr grosse Probleme mit dem Verstehen von Wörtern. Germain hat jedoch das Herz am richtigen Fleck, er ist ein Schrank von Mensch bei einer Grösse von fast 1,90m und einem Gewicht von 110 kg. Er liebt seine Katze und schnitzt gerne Tiere aus Holz.

„Sie können sich nicht vorstellen, wie kompliziert das Lesen ist, wenn man nicht gebildet ist, so wie ich. Man liest ein Wort, gut, man versteht es, das nächste auch, und mit ein bisschen Glück sogar das dritte. Man geht weiter, immer der Fingerspitze nach, acht, neun, zehn, zwölf, bis zum Punkt. Aber wenn man da angekommen ist, ist man keinen Schritt weiter! Man versucht zwar, alles zusammenzufügen, aber es ist nichts zu machen: Die Wörter bleiben so durcheinander wie eine Handvoll Schrauben und Muttern in einer Blechdose.“

Germain lernt im Park auf einer Bank Margueritte kennen. Sie zählt wie er immer die Tauben. 26 Stück sind es, und Germain hat ihnen allen einen Namen gegeben, unter anderem einer Taube den Namen Margueritte. Die alte Dame ist entzückt und freundet sich ganz vorsichtig mit Germain an. Sie ist zierlich, zart, voller Charme und Freundlichkeit. Und sie ist sehr gebildet, hat Biologie studiert und ihren Doktor gemacht. Margueritte lebt in einem Altersheim und sie liest für ihr Leben gerne. Aber am aller Liebsten liest sie gerne laut und besonders dann, wenn sie einen guten Zuhörer findet. Nach dem dritten Treffen mit Germain auf der Parkbank liest sie ihm ein Zitat vor, das aus dem Buch „Die Pest“ von Albert Camus stammt. Germain ist zuerst verunsichert, gibt ihr zu verstehen, dass Lesen gar nicht so sein Ding ist. Doch Margueritte macht ihn neugierig und sie beginnt mit ihrer angenehmen und ruhigen Stimme vorzulesen.

Germain entdeckt durch Margueritte eine neue Welt, die Welt der Literatur und er hat mit ihr eine grosse Hilfe gefunden, endlich aus dem „Labyrinth der Wörter“ herauszukommen. Germain spürt zum ersten Mal Zuneigung und Vertrauen, als hätte er eine Grossmutter gefunden.

Leider kann Margueritte nicht mehr lange vorlesen, da sie eine unheilbare Augenkrankheit hat. Es berührt Germain so, dass er sich etwas einfallen lässt:

“ «Ich habe eine Überraschung für Sie!» «Ach ja?» Und sie hat hinzugefügt: «Ich liebe Überraschungen.» «Sie sind mir ja wirklich eine echte Frau…» Sie hat gelacht. «Ach, sagen wir mal, ein Relikt davon.» Sie hat es mir erklärt. Da habe ich auch gelacht.“

Doch mehr sollte man hier nicht verraten! Eine rührende Lebensgeschichte, auf keinen Fall seicht, voller Poesie und Anmut, mit einem Hauch von Witz und sehr viel Menschlichkeit! Und eine wunderbare Vorlage für eine Literatur-verfilmung, die es seit Anfang Juni in Frankreich gibt. Der Film „La tête en friche“ nach dem französischen Original gedreht mit einer Besetzung, die man sich nicht besser wünschen könnte. Gérard Depardieu als Germain und Gisèle Casadesus (feiert in den nächsten Tagen ihren 96. Geburtstag) als Margueritte. Ein echtes Traumpaar! Ein wunderschöner, tiefsinnger und feiner Film. Da darf man sich als Leser dieses warmherzigen Romans sehr auf die Filmpremiere in Deutschland freuen!

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Der Lesende

Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag,
mit Regen rauschend, an den Fenstern lag.
Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr:
mein Buch war schwer.
Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen,
die dunkel werden von Nachdenklichkeit,
und um mein Lesen staute sich die Zeit. –
Auf einmal sind die Seiten überschienen,
und statt der bangen Wortverworrenheit
steht: Abend, Abend… überall auf ihnen.
Ich schau noch nicht hinaus, und doch zerreißen
die langen Zeilen, und die Worte rollen
von ihren Fäden fort, wohin sie wollen…
Da weiß ich es: über den übervollen
glänzenden Gärten sind die Himmel weit;
die Sonne hat noch einmal kommen sollen. –
Und jetzt wird Sommernacht, soweit man sieht:
zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute,
dunkel, auf langen Wegen, gehn die Leute,
und seltsam weit, als ob es mehr bedeute,
hört man das Wenige, das noch geschieht.

Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,
wird nichts befremdlich sein und alles groß.
Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe,
und hier und dort ist alles grenzenlos;
nur dass ich mich noch mehr damit verwebe,
wenn meine Blicke an die Dinge passen
und an die ernste Einfachheit der Massen, –
da wächst die Erde über sich hinaus.
Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen:
der erste Stern ist wie das letzte Haus.