Durchgeblättert – „Egon Schiele – Ein exzessives Leben“ v. Xavier Coste

Egon Schiele (12. Juni 1890 – 31. Oktober 1918) gehört zu den bedeutendsten Malern des Expressionismus und ist einer der wichtigsten Vertreter der Wiener Moderne. Bereits mit 16 Jahren wurde er an der Wiener Akademie der Bildenden Künste aufgenommen, an der er jedoch nur zwei Jahre blieb, da er sich durch den Akademiealltag viel zu sehr eingeengt fühlte. Und genau kurz nach dem Verlassen der Akademie steigt der sensationell begabte Comic-Zeichner Xavier Coste in das Leben von Egon Schiele ein und präsentiert uns eine fantastisch komponierte Biographie in Wort und Bild dieses österreichischen Malers.

Xavier Coste erzählt das wahrlich „exzessive Leben“ von Egon Schiele, das sich natürlich um Kunst dreht, aber auch um Frauen, Liebe und Gefühle. Egon Schiele erläutert seinem Mentor Gustav Klimt, dass die Akademie für ihn abgeschlossen sei, nachdem sein Professor ihn schon halb vor die Tür gesetzt hatte:

„WIE IMMER IST IHR STRICH UNGELENK UND DIE ZEICHNUNG FAHRIG… IHNEN MANGELT ES DEFINITIV AN SORGFALT. DIE AKADEMIE IST GRÖSSTMÖGLICHER EXAKTHEIT VERPFLICHTET.“… ANSTATT ZU SCHWATZEN, SOLLTEN SIE LIEBER MEINE RATSCHLÄGE UMSETZEN… SAGEN SIE UM GOTTES WILLEN NIEMANDEM, DASS SIE BEI MIR GELERNT HABEN.“

Gustav Klimt hat ihn in seiner Entscheidung bestärkt und ist überzeugt, dass die Akademie sich noch wundern würde, wer sie da verlassen hat. Doch Egon Schiele ist wie so oft nur auf die Frauen konzentriert und „entführt“ Klimts Muse (Wally) zu einem Tête-à-Tête in der Natur. Doch sie wird nicht seine Einzige bleiben, denn Egon Schiele braucht Frauen um sich herum, sie sind sein Lebenselixier und er arbeitet mit Ihnen als Modell in – für die damalige Zeit – sehr ungewöhnlichen und provokanten Posen. Lasziv, die Beine geöffnet, Brüste freiliegend oder gleich vollkommen nackt, aber nicht eben als rein ästhetischer Akt, sondern eher pornographisch, zumindest wird ihm das immer wieder unterstellt.

Egon Schiele ist ständig auf der Suche nach Musen und er geht sogar soweit, dass er Kindermodelle in der Zeitung inseriert. Selbst Gustav Klimt versucht ihn immer wieder auf den malerisch richtigen Weg zu führen und ist auch mehr und mehr irritiert über Schieles Kunst. Erfreulicherweise gibt es Phasen, in denen Schiele für eine Ausstellung die „richtigen“ Bilder malen und endlich Geld verdienen konnte. Die Schönheit von ganz jungen Frauen zieht ihn jedoch nach wie vor so magisch an, bis er sogar wegen vermeintlicher Übergriffe auf Minderjährige für 24 Tage in Untersuchungshaft kommt. Zum Glück hilft ihm Gustav Klimt. Er kann ihn bei Galeristen wieder vermitteln und Schiele kann erneut Fuss fassen in der damals doch eher konservativen Kunstszene.

Kurz darauf wird er als Freiwilliger für ein Jahr in den Krieg eingezogen. Begleitet von den schwierigen Auseinandersetzungen zwischen Edith – seiner langjährigen Freundin – und ihm bezüglich der Liaison mit Wally, kommt es letztendlich zum Bruch zwischen Schiele und Wally und am Ende heiratet Egon Schiele seine Edith, die ein Kind von ihm erwartet. Trotz dieser neuen und auch eher positiven stabilen privaten Situation wird Schieles Leben erneut erschüttert, da sein Mentor Gustav Klimt im Sterben liegt. Auch Edith erkrankt schwer, sie infiziert sich durch die Spanische Grippe und stirbt innerhalb kurzer Zeit. Egon Schiele ist bei ihr, steckt sich ebenfalls an und stirbt wenige Tage später – im Alter von 28 Jahren:

„ES IST TRAURIG UND ES IST SCHWER ZU STERBEN. ABER MEIN TOD ERSCHEINT MIR NICHT SCHMERZLICHER ALS MEIN LEBEN – MEIN LEBEN, DAS SO VIELE MENSCHEN VERLETZT HAT.“ (EGON SCHIELES LETZTE WORTE, ZITIERT VON SEINEM FREUND ARTHUR ROESSLER)

Xavier Coste hat dieses sehr intensive und kurze Leben von Egon Schiele in gerade mal 66 Seiten gepackt und daraus ein grandioses „Kunstwerk“ gezaubert, so dass wir trotz der Tragik, diesen aufregenden Lebensweg und die Schönheit der Kunst Egon Schieles auf ganz ungewöhnliche und faszinierende Weise neu bzw. wieder entdecken können. Die morbid melancholische Stimmung Wiens im Herbst vor dem 1. Weltkrieg wird durch die grandiose Zeichentechnik von Xavier Coste in dieser Graphic Novel genial eingefangen. Egon Schiele, gekleidet immer im Anzug und mit Zigarette in der Hand, wird als eine eher unerwartet bourgeoise Erscheinung porträtiert. Doch spätestens während seiner „Arbeit“ erkennen wir die Frauen als eine Art „Wahrzeichen“ der Freizügigkeit, die Xavier Coste in schielscher Manier unvergleichlich meisterhaft zum „Leben“ erweckt.

„Egon Schiele – Ein exzessives Leben“ ist ein extravagantes „Kunst-Buch“ rund um das Leben und Werk Schieles. Es ist eine Mischung aus Bildgeschichte und biographischer Erzählung, die nicht nur durch seine prägnanten Texte innerhalb der Sprechblasen und Zeichnungen glänzt, sondern auch am Ende des Werks durch eine komprimierte Biographie, einen sowohl sprachlich als auch zeichnerisch besonders informativ genussvollen Wert erhält.

Xavier Coste (geb. 1989) ist mit dieser Erstlings-Graphic-Novel ein echter Coup gelungen. Zum ersten Mal „hören“ und „erleben“ wir Egon Schiele in seinem Schaffen, Leiden und Lieben, das uns überrascht, erstaunt und neugierig macht auf sein beeindruckendes, kurzes und gleichzeitig sehr umfangreiches künstlerisches Schaffen. „Egon Schiele – Ein exzessives Leben“ von Xavier Coste ist ein feines und höchst anspruchsvolles Meisterwerk der Comic-Kunst, das Sie, verehrter Leser, keinesfalls verpassen sollten!

Durchgelesen – „Mozarts letzte Arie“ v. Matt Beynon Rees

Suchen Sie sich einen ruhigen Ort, vielleicht zünden Sie sich eine Kerze an, aber legen Sie auf jeden Fall Mozart auf ! Ab jetzt wird Sie nichts mehr daran hindern, sich für etwas mehr als 300 Seiten in das Wien des 18. Jahrhunderts versetzen zu lassen und in Verbrechen, Intrigen, Komplotte und Lügen begleitet von traumhafter Musik zu versinken.

Matt Beynon Rees (geb. 1967 in South Wales) arbeitete lange Zeit als Jerusalemer Bürochef der Time, für die er auch weiterhin freiberuflich tätig ist. Bekannt wurde Rees durch seine Krimis rund um den palästinensischen Lehrer Omar Jussuf. Für den Roman « Der Verräter von Bethlehem » wurde er sogar mit dem New Blood Dagger Award ausgezeichnet. Nach vier Krimis aus der Jussuf-Reihe ist nun sein aktuellstes Werk « Mozarts letzte Arie » dank der hervoragenden Übersetzung von Klaus Modick (u.a. Bettina-von-Arnim-Preisträger) erstmals in deutscher Sprache erschienen.

« Mozarts letzte Arie » ist ein historischer Kriminialroman, der sich vor allem um die Musik eines der grössten österreichischen Komponisten und insbesondere um dessen letzte Oper « Die Zauberflöte » dreht. Die Geschichte beginnt mit einem nicht ganz unwichtigen Prolog : Nannerl, die Schwester von Wofgang Amadeus Mozart, lässt ihren Neffen Franz Xaver Mozart (Mozarts Sohn) zu sich rufen, um ihm etwas sehr Wichtiges zu übergeben. Es handelt sich um ein Tagebuch, das vor vierzig Jahren seine Tante (Nannerl) während einer Reise nach Wien kurz nach dem Tod Mozarts geführt hat. Und genau hier – also kurz vor dieser Reise – setzt nun die eigentliche Kriminalgeschichte ein.

Wir befinden uns im Jahre 1791. Nannerl ist mit Johann Berchtold von Sonnenburg verheiratet und lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Salzburg. Sie führt ein eher ruhiges, um nicht zu sagen fast schon beschauliches und sehr zurückgezogenes Leben. Doch spätestens ab dem Moment, als sie einen Brief von Constanze (Mozarts Frau) erhält, ist ihr Leben von einer Sekunde auf die andere vollkommen durcheinandergewirbelt. Der Brief enthält eine sehr traurige Nachricht : Wolfgang, ihr Bruder, ist am 5. Dezember gestorben und liegt bereits beerdigt in einem einfachen Grab auf dem Sankt Marxer Friedhof in Wien. Constanze schreibt von der Premiere der « Zauberflöte », von Klatschgeschichten bezüglich einer eventuellen Untreue ihres Mannes, von einem Freund namens Hofdemel, der seine Frau mit einem Messer misshandelt und sich dann selbst getötet hat, weil sie eventuell die Geliebte Mozarts gewesen sei. Constanze erklärt ergänzend, dass dieser Mensch auch noch Mozart mit Gift ermordert haben soll.

Nannerl ist erschüttert von dieser traurigen Nachricht und gleichzeitig voller Erregung im Hinblick auf die Mordgerüchte, da sich dahinter nicht nur verlogenes Getuschel, sondern auch eine gewisse Wahrheit verstecken könnte. Denn Mozart selbst war – laut Constanze – bereits einige Wochen vor seinem Tod der Überzeugung, dass man ihn vergiftet hätte. Er sei angeblich an einem Fieber gestorben, das jedoch nicht mehr behandelt werden konnte. Nannerl ist verwirrt und versucht sich alle nur erdenklichen Mordmotive vorzustellen, doch letztendlich gibt es nur eine Möglichkeit, um die echte Wahrheit herauszufinden : sie muss nach Wien reisen und das Grab von ihrem Bruder aufsuchen. Nannerls Mann reagiert alles andere als tröstend und verständnisvoll, doch sie lässt sich nicht abbringen und fährt mit ihrem Dienstmädchen nach Wien.

Sie steigt in einem Gasthof ab und besucht gleich nach ihrer Ankunft ihre Schwägerin. Sie trösten sich gegenseitig und Constanze berichtet von dem grossen Erfolg, welche « Die Zauberflöte » auslöste. Es war nämlich nicht nur die Musik, welche die Menschen so angesprochen hatte, es war mehr :

“ « Die Zauberflöte ? Sie wird mehr gelobt als jedes andere seiner Werke. Nicht nur der Musik wegen, so erstaunlich das sein mag. »
« Für was denn noch ? »
« Für ihre Philosophie. Dass jedermann friedlich und brüderlich miteinander leben kann. Wolfgang hat sie zusammen mit seinem Freund Schikaneder geschreiben, dem Intendanten des Freihaustheaters. Nun ja, du solltest dich besser mit Schikaneder darüber unterhalten ; aber für mich steht fest, dass Die Zauberflöte Wolfgangs Glauben an Gleichheit und brüderliche Liebe zum Ausdruck bringt. »“

Die beiden Frauen diskutieren über die Mordgerüchte und dabei erwähnt Constanze, dass Wolfgang sich ganz sicher war, dass er mit Acqua Toffana – einer ganz besonderen Mischung verschiedener Giftstoffe – vergiftet wurde. Constanze glaubt es nach wie vor nicht und denkt, dass ihr Mann einfach trübsinnig war und seine hohen Schulden ihn vollkommen aus der Bahn geworfen hätten. Doch Genaues wusste sie nicht, denn seine Probleme vertraute Mozart nur seinen Logenbrüdern, wie zum Beispiel dem Prinzen Karl Lichnowsky, an. Nannerl war nicht im geringsten überrascht, dass sich ihr Bruder mit Freimaurern eingelassen hatte. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass ihm in Hinblick auf seine letzte Oper eine Bruderschaft, die sich um Gleichheit bemühte, als sehr anziehend erscheinen musste.

Inzwischen ist die emotionale Nähe zu ihrem verstorbenen Bruder Wolfgang wieder aufgeblüht, nachdem sie sich ja einige Jahre vor seinem Tod nicht mehr gesehen hatten, aber auch ihr starkes Bedürfnis nach endgültiger Wahrheit lässt sich nicht mehr unterdrücken. Nannerl stürzt sich in die Wiener Gesellschaft, trifft sich mit Emanuel Schikaneder und Anton Stadler (Musiker und Freund Wolfgangs), lernt den Schauspieler Karl Gieseke kennen und macht die Bekanntschaft des Baron Gottfried van Swieten (Direktor der kaiserlichen Bibliothek und Leiter der Zensurbehörde). Sie erkennt immer mehr die Verstrickungen nicht nur im Wiener Hochadel, sondern auch in den Geheimlogen. Nannerl kann gerade noch einem Überfall entkommen, muss bei einem Besuch der Oper « Die Zauberflöte » mitansehen, wie Gieseke tot im Bühnenbild hängt und entdeckt dazu noch Komplotte mit den österreichischen und preussischen Geheimdiensten. Raffiniert setzt sie ihre wundervollen Klaviermusik-Künste kriminalistisch ein und ist somit dem Mörder oder den Mördern ihres Bruders mehr und mehr auf der Spur…

« Mozarts letzte Arie » ist – wie Matt Beynon Rees im Anhang selbst erläutert – ein auf die historischen Ereignisse ruhender Roman, bei dem er nur bei einigen Figuren die Fiktion ein wenig hat einfliessen lassen. Aber genau dies macht diesen Krimi zu einem ganz besonders informativen und mitreissenden Werk. Rees verleiht den einzelnen Figuren eine so intensive und markante Persönlichkeit, dass man sich bei der Lektüre fast wie bei einer Filmvorführung fühlt. Man taucht dadurch so tief in die Geschichte ein, so dass das Buch zu einer Art « Opernbühne » wird und der Leser sich nicht mehr wundern muss , wenn er glaubt, die kristallklare Sopranstimme der « Königin der Nacht » wirklich zu hören.

Dieser Krimi entwickelt einen unvergleichlichen Sog und zieht den Leser auf subtilste Weise in besondere Sphären hinein, die voller Musik sind, aber eben nicht nur. Denn Politik, Gesellschaft und Geheimlogen spielen in diesem Werk eine sehr wichtige Rolle und werden äusserst galant und fesselnd – als wäre die Geschichte ein grosses Spinnennetz – miteinander verwoben. Matt Beynon Rees fängt den Leser durch seinen fantastisch gelungenen Spannungsbogen sofort ein und man spürt parallel nicht nur die musikalische, sondern auch die emotionale Kraft bezüglich der grossen Geschwisterliebe zwischen Nannerl und ihrem Bruder Wolfgang. Somit ist man als Leser einerseits sensibel berührt, aber andererseits in der unerbittlichen Suche nach dem Mörder unglaublich stark gefesselt.

Matt Beynon Rees bietet darüberhinaus in seinem Roman ein sehr beeindruckendes und atmosphärisch dichtes gesellschaftliches und musikalisches Porträt der Stadt Wien Ende des 18. Jahrhunderts. « Mozarts letzte Arie » ist ein perfektes Buch für jeden Krimifreund, der das Besondere sucht! Hier geht es eben nicht nur um den klassischen Mord und Totschlag, sondern um gesellschaftliche und politische Intrigen und vor allem um die Bedeutung und Auswirkungen der Musik bzw. bestimmter Kompositionen. Man kann diesen Roman bestimmt auch als Lehrstück in Punkto Wahrheit verwenden und lernt dabei auch, was es heisst, wenn man von der Macht der Musik spricht. Kurzum « Mozarts letzte Arie » ist ein sehr kluger und spannender Musik-Krimi, der nicht nur Reiselust erzeugt, sondern vor allem als eine Art musikalisches « Amuse-Gueule » richtig « Appetit » auf Mozarts Opern macht!

Durchgeblättert – „Alte Meister“ nach Thomas Bernhard v. Nicolas Mahler

Erinnern Sie sich noch an den Musikphilosophen Reger, an seinen Freund Atzbacher und an den Museumswärter Irrsigler ? Es handelt sich hier um die drei Hauptprotagonisten aus der bitterbösen Prosa-Komödie « Alte Meister » von Thomas Bernhard, die 1985 erstmals veröffentlicht wurde. Ein Werk, besser eine Kritikschrift, die sich mit den kulturellen « Schönheiten » unserer Gesellschaft beschäftigt, sei es in der Kunst, Musik, Literatur, Philosophie und Religion. Aber auch die Themen Liebe,Kitsch und Dummheit spielen eine grosse Rolle.

Der Schauplatz des Romans ist die Kunst- und Musikstadt Wien. Reger sitzt im Kunsthistorischen Museum auf einer Bank im Bordone-Saal genau gegenüber von Tintorettos « Weissbärtigen Mann ». Er ist über 80 Jahre alt, schreibt immer noch Musik-Kritiken für die Times und besucht seit mehr als 30 Jahren diesen für ihn ganz besonders wichtigen Ort. Für Reger ist dies aber auch der perfekte Platz, um nicht nur über alles nachzudenken, sondern auch die ganze Welt zu kritisieren. Mit Irrsigler, dem Museumswärter, verbindet ihn seit seinem ersten Besuch ein ungewöhnliches Verhältnis. Für Reger ist er nur ein « Staatstoter » und passt deshalb sehr gut auf diesen Wärter-Posten, obwohl es bereits als Kind sein grösster Wunsch gewesen wäre, zur Polizei zu gehen. Übrigens weilt Reger gewöhnlich jeden zweiten Vormittag im Museum. Montags nie, denn da ist geschlossen und auch die eintrittfreien Samstage meidet er bewusst. Doch eines Tages bittet er seinen Freund Atzbacher – ein Privatgelehrter, der übrigens auch der Erzähler dieser Geschichte ist, – zu einem Treffen ausgerechnet am Samstag. Atzbacher ist mehr als überrascht und neugierig, was dies wohl für einen Grund haben könnte. Doch bis es zu dessen Enthüllung kommt, wettert Reger erst einmal ohne Unterlass gegen alles, gegen die Kunst, die Literatur, die Komponisten, die Philosophen und natürlich auch gegen die Wiener…

Thomas Bernhard (1931 – 1989) gehört zu den bedeutendsten österreichischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er war der Meister der Übertreibung, die durch seine elegante Sprache, eingebaut in atemberaubende Schachtelsätze, den parodistischen und karikaturistischen Elementen eine unglaublich starke Bedeutung verleihen konnte. Er war ein Gesellschaftskritiker, manchmal ein wenig größenwahnsinnig und radikal, aber im Kern letztendlich auch ehrlich und irgendwie berührend.

Und genau diese Mischung aus Bösartigkeit und Sentimentalität öffnet die Türen für eine ganz neue Form der visuellen Erweckung dieses nörglerischen Prosa-Stücks. Bernhard’s Werk erfährt eine zeichnerische Wiederbelebung und somit entsteht die grandiose Neu-Adaption von « Alte Meister » als Comic bzw. Graphic Novel.

Dies könnte ein schwieriges Unterfangen für manche Bernhard-Verehrer bedeuten oder im schlimmsten Fall sogar ein abwehrendes Kopfschütteln auslösen. Mut ist sicherlich eine der wichtigsten Voraussetzungen für dieses Projekt, und Kopfschütteln darf man auch, aber vor Begeisterung. Nicolas Mahler ist der heldenhafte Künstler, oder soll man besser sagen Zeichen-Magier dieser neuen « Alten Meister », die er in einer wirklich genialen Adaption perfekt umgesetzt hat. Bernhard’s Werk, das ja hauptsächlich aus Schimpf -Monologen besteht, wird hier von 300 Seiten auf ungefähr die Hälfte reduziert. Der Inhalt ist quasi zeichnerisch zusammengefasst und die ausgewählten Sätze Bernhards werden in die einzelnen Karikatur-Zeichnungen virtuos eingebaut.

Ab jetzt sind die drei Protagonisten lebendig, irgendwie real : Reger dargestellt als kleiner dicker Mann mit schwarzem Mantel, Hut und Stock. Atzbacher dagegen gross, hager, mit Brille und übergroßer Nase. Und wenn man Irrsiger – eher klein, rund und mit unproportional langer Nase – betrachtet, versteht man sehr gut, dass er im Museum sicherlich besser aufgehoben ist, als bei der Wiener Polizei. Nicolas Mahler zeichnet schwarz – weiss mit einer einzigen farblichen Pointierung in Gelbgold. Eine Farbe, die hervorhebt – nicht immer nur zum Vorteil -, einen veredelten Rahmen schafft und wie ein « goldener » Faden verbindet. Bernhard’s Worte und Mahler’s Striche provozieren gemeinsam und ergänzen sich dadurch perfekt. Bernhard übertreibt, wo er nur kann, und Mahler untertreibt, wie er nur kann. Denn seine Hauptdarsteller sind quasi gesichtslos, keine Ohren, Augen und Münder, dafür manchmal charakterstarke Nasen. Hier treffen absurde Prosa auf absurde Zeichenkunst.

« Alte Meister », ein Klassiker, wird minimalistisch und mit sehr kunstvoll reduzierten Humor zum Leben erweckt, durch einen bemerkenswerten österreichischen Comic-Zeichner. Nicolas Mahler (geb. 1969) lebt in Wien und arbeitet für österreichische, deutsche und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften und publizierte in den letzten Jahren mehr als 20 Bücher in Frankreich, Kanada und USA. In Deutschland kennt man ihn seit 2006 durch Veröffentlichungen im Satiremagazin Titanic. Er wurde mit einigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Max-und-Moritz-Preis 2010 als bester deutscher Comic-Künstler.

« Alte Meister » als Comic bzw. Graphic Novel ist ein sehr gelungenes und faszinierend bös-skuriles Projekt. Thomas Bernhard bleibt der unvergesslicher Meister des literarisch tragikomischen Höhenflugs und Nicolas Mahler ist der neu zu entdeckende Meister der minimalistisch-parodistischen Zeichenfeder. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen, ausser : Unbedingt lesen !

Durchgelesen – „Meine Preise“ v. Thomas Bernhard

Im Februar 2009 wurde dieses Buch anlässlich des 20. Todestages von Thomas Bernhard zum ersten Mal veröffentlicht. Bereits 1980 hat er diese Prosaarbeit geschrieben, die sich in neun Kapiteln und einen Anhang gliedert. Sie handelt um die Umstände und Gegebenheiten bezüglich der ihn verliehenen literarischen Auszeichnungen.

Thomas Bernhard bekannt für seine Boshaftigkeit und Lakonie, erklärt dem Leser auf unglaublich witzige und skurille Weise den Sinn oder auch Unsinn dieser Preise und die dazugehörige Probleme.

Bei der Verleihung des Grillparzerpreises steht Thomas Bernhard vor einer grossen Herausforderung, nämlich einen passenden Anzug zu kaufen. Dieser ganze Aufwand wurde dann nicht einmal belohnt, da er von keinem der hohen Wiener Würdenträger in der Akademie der Wissenschaften empfangen wurde und zu seinem Platz geführt wurde. Ergänzend muss man noch erklären, dass in der Regel seine Tante ihn bei all diesen Preisverleihungen begleitete. Er war um so empörter über diesen Mangel an Höflichkeit, so dass er sich einfach selbst einen Platz gesucht hatte, was dann zu grossen Verwirrungen innerhalb des Saales kurz vor der Preisvergabe führte.

Die Umstände der Verleihung des Literaturpreises der Freien und Hansestadt Bremen waren nicht weniger kompliziert. Der einzige positive Aspekt lag darin, dass dieser Preis mit 10 000.- DM dotiert war, was Thomas Bernhard aus seiner schwierigen finanziellen Lage retten konnte. Er wollte sich nämlich unbedingt einen eigenen Bauernhof kaufen, und wenn es nur eine Ruine wäre, aber dafür etwas Eigenes. Deshalb nahm er die Strapazen bezüglich der Verleihung in Kauf, obwohl er die Stadt Bremen hasste:

„Ich reiste also nach Bremen, das ich nicht kannte. Hamburg kannte ich und liebte ich immer wie auch heute, Bremen verabscheute ich vom ersten Moment an, es ist eine klein-bürgerliche unzumutbare sterile Stadt.  Gleich gegenüber dem Bahnhof war in einem neuerbauten Hotel für mich ein Zimmer bestellt, ich weiss nicht mehr, wie das Hotel geheissen hat. Ich verkroch mich in meinem Hotelzimmer, um die Stadt Bremen nicht sehen zu müssen und wartete den Morgen der Preisverleihung ab.“

Es gab ständig Skandale bei diesen Feierlichkeiten, er regte sich immer über irgendetwas auf, er schimpfte auf die Gesellschaft, auf die Politik und er ironisierte die Welt und sich selbst. Mit Witz und sprachlicher Brillanz gelingt es Thomas Bernhard den Leser auf intellektuelle und anspruchs-volle Weise wunderbar zu unterhalten. Diese Prosaarbeit gehört sicherlich zu seinen vergnüglichsten Werken.