Durchgelesen – „Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“ v. Eric-Emmanuel Schmitt

Der Umgang mit der Wahrheit ist nicht immer ganz einfach. Bereits in jungen Jahren lernen wir oft ehrlich zu sein und die Wahrheit zu sagen. Doch ist das hilfreich im Leben, bringt uns diese Wahrheit wirklich weiter, oder wäre nicht manchmal ein wenig Unwahrheit besser? Emile M. Cioran bringt es in seinem Zitat auf den Punkt: „Wir haben nur die Wahl zwischen unerträglichen Wahrheiten und heilsamen Mogeleien.“ Ja und genau diese Wahl greift Eric-Emmanuel Schmitt in seiner neuen Erzählung „Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“ sehr gekonnt auf!

Eric-Emmanuel Schmitt, geboren 1960 in Sainte-Foy-lès-Lyon (Rhône Alpes), ist als Romancier, Novellenschreiber, Dramaturg und Regisseur tätig. Er zählt zu den wichtigsten französischen Autoren. Seine Eltern waren Sportlehrer und erfolgreiche Sportler – der Vater Frankreichmeister im Boxen und die Mutter im Gehen. Seine Mutter nahm Eric-Emmanuel Schmitt in jungen Jahren ins Theater mit und er war von seinem ersten Stück „Cyrano de Bergerac“, das er dort sehen durfte, so begeistert, dass er fortan nur noch schreiben wollte und mit 16 Jahren entschied, Schriftsteller zu werden. Nach seinem Abschluss an der École normale supérieure studierte er von 1980 bis 1985 Philosophie und promovierte 1987 über „Diderot et la métaphysique“. Anfänglich schreibt er viele Theaterstücke, für die er unter anderem 1994 mit zwei „Molière“ (bestes Theaterstück und bester Theater-Autor) für „Le Visiteur“ ausgezeichnet wurde. Er erhält eine Vielzahl von Auszeichnungen in Frankreich – den Prix de la Sélyre, Prix Chronos und den Prix Goncourt pour la Novelle 2010 („Concerto à la mémoire d’un ange“). Aber auch international wird Eric-Emmanuel Schmitt sehr geehrt, wie beispielsweise der Deutsche Bücherpreis 2004 für seine Erzählung „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, welche mit Omar Sharif in der Hauptrolle verfilmt wurde. Dieses letztgenannte Werk gehört zu einer Reihe, dem „Cycle de l’Invisible“, wie auch „Der Sumo, der nicht dick werden konnte“ und die nun aktuell – dank der hervorragenden Übersetzung von Marlene Frucht – veröffentlichte Erzählung „Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“.

Die Erzählung spielt in China. Der namenlose Ich-Erzähler – ein französischer Handelsvertreter – muss in regelmässigen Abständen wichtige Geschäftsverhandlungen mit einem chinesischen Spielzeughersteller vor Ort führen. Während der Verkaufsgespräche in einem Hotel versucht er sich immer ein wenig „Auszeit“ zu gönnen in dem er die Toiletten aufsucht und dabei Frau Ming kennenlernt. Sie ist die Toilettenfrau – in Frankreich auch „dame pipi“ genannt:

„Frau Ming war also für die Männertoilette im Grandhotel in Yunhai zuständig, eine Position, die, ihrem stolzen Auftreten nach zu urteilen, von ihrem Erfolg kündete. Hätte sie dagegen am Ende des Ganges die Frauentoilette sauber zu halten gehabt, so hätte das in dieser Nation, in der das männliche Geschlecht bevorzugt wurde, bedeutet, tief zu sinken; dort wäre sie Dienerin gewesen, hier aber war sie Herrscherin, weil die Männer in Scharen an ihr vorbeizogen, ihr zunickten, darauf warteten, dass sie ihnen gütig das Recht einräumte, sich zu erleichtern.“

Es dauert nicht lange und der Ich-Erzähler und Frau Ming freunden sich an. Sie hilft ihm, Flecken aus seiner Krawatte und seinem Hemd zu entfernen, und dabei erzählt Frau Ming von ihren zehn Kindern, was doch etwas ungewöhnlich war, vor allem im Hinblick auf die sogenannte Ein-Kind-Politik in China. Der französische Handelsvertreter ist überrascht und überzeugt, dass dies eine grosse Lüge sein muss. Doch als Frau Ming immer intensiver von ihren Kindern spricht und unglaubliche Details zum Vorschau kommen, wie zum Beispiel die unerschrockenen Zwillinge Kun und Kong, die beim Zirkus auftreten, oder Wang, der aufgrund seiner grossen Begeisterung für Gärten nun als Gartenarchitekt imaginären Gartenbau verkauft, wird auch der Ich-Erzähler unsicher. Gibt es nun die zehn Kinder oder ist alles ein Lügenmärchen?

Die Geschichte spitzt sich zu, als eines Tages Frau Ming nicht wie gewohnt an ihrem Arbeitsplatz erscheint und wegen eines Unfalls – sie wurde von einem Auto angefahren und verletzt – im Krankenhaus liegt. Der Ich-Erzähler versucht alles, sie zu finden und besucht sie am Krankenbett, wo er ganz überraschend auch auf ihre Tochter Ting Ting trifft. Doch Frau Ming ist deprimiert, da sie ihren Geburtstag im Krankenhaus verbringen muss und wünscht sich nur eins, alle zehn Kinder sollen sie an diesem Tag besuchen…

„Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“ ist, wie bereits oben kurz erwähnt, ein Teil aus dem „Cycle de l’Invisible“, der sich mit anderen Kulturen und Weltreligionen literarisch beschäftigt. Hier wird uns so en passant die chinesische Kultur spielerisch und sehr charmant, dank der Unterstützung von Konfuzius näher gebracht. Es ist einfach sehr erstaunlich, aber auch die Kunst des Eric-Emmanuel Schmitt, wie viel wir doch in dieser Erzählung – auf gerade mal ungefähr hundert Seiten – über die chinesische Denkweise erfahren können. Schmitt schreibt spannend, einnehmend und raffiniert emotional. Sein Stil ist unglaublich flüssig, frei von behäbigen Pathos und dadurch besonders frisch und unverbraucht. Dass er dabei noch gekonnt die Weisheiten von Konfuzius integriert ist keineswegs überraschend, sondern Philosophie pur, die wir, als Leser, hier so leichtfüßig bei dieser Lektüre aufsaugen dürfen.

Und ganz besonders wichtig ist es, dass wir in dieser wundervollen Erzählung endlich erfahren werden: „Warum ertragen die Menschen die Wahrheit nicht“. Frau Ming erläutert es ganz klar und direkt ihrem „zehnten“ Kind, das durch die Wahrheitsliebe in seinem Leben nicht weiterkommt. Schmitt lässt Frau Ming mit so viel Liebe von ihren Kindern, welche ihr grosses, aber nicht unbedingt reales Glück bringen, sprechen, das nicht nur den französischen Handelsvertreter sondern auch uns Leser sehr berührt und ein wenig nachdenklich stimmt. Doch letztendlich ist diese kleine feine Erzählung, die vielleicht im ersten Moment auch ein wenig einfach erscheint, ein literarisch philosophisches Meisterwerk im Kleinformat.

„Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“ ist eine so verführungsstarke Geschichte mit einer grandios verpackten Botschaft, in der die Wahrheit dank der gekonnt eingesetzten Lüge eine ganz andere Bedeutung bekommt und Sie, verehrter Leser, in einen unvorstellbar schönen und beglückenden Lebenstraum eintauchen, der hoffentlich nie enden möge!

Peter Rühmkorf – Gedicht

Drei Variationen über das Zeitgedicht

Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht,
ist schon ein Tutmirleidgedicht,
mit Kunst geschliffen und gefeilt,
entgeht ihm, wie die Zeit enteilt,
ojeh!

Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht,
so schnell wie Zeitung kann es nicht,
weil wo es sich mit Sinn verfaßt,
ist prompt der Drucktermin verpaßt,
oweh!

Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht,
hat nur ein kurzes Lebenslicht,
und wenn es auch die Wahrheit spricht,
man dankt’s ihm nicht!
Olé!

Durchgelesen – „Mein Leben in Aspik“ v. Steven Uhly

„Mein Leben in Aspik“ ist der grandiose Debütroman von Steven Uhly. Er selbst ist deutsch-bengalischer Abstammung. Er studierte Literatur, war Leiter eines Instituts in Brasilien und übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Zur Zeit lebt er in München.

Dieses Stück Literatur handelt von einer sehr schrägen und lügenbehafteten Familiengeschichte, bei der es ganz schön knallt. Der Leser sollte auf jeden Fall offen für alles sein. Er sollte neugierig und humorvoll sein und es mit der Wahrheit nicht zu genau nehmen. Und er sollte während der Lektüre seinen Moralvorstellungen einen kurzen Urlaub gönnen, was für manche Passagen in diesem Buch sehr hilfreich sein könnte.

Der Roman fängt noch verhältnismässig harmlos an, indem der Ich-Erzähler, ein junger Mann zwischen 25 und 30 Jahre, sich an seine Kindheit erinnert, in der seine Oma ein sehr wichtige Rolle gespielt hat. Sie erzählte ihm im Alter von 9 Jahren als sogenannte Gute-Nacht-Geschichten von ihren Mordplänen bezüglich seines Opas. Wie könnte es funktionieren? Sie wollte ihn vielleicht verhungern lassen, dass wäre eventuell ihr Lieblingsmordplan. Sie schmiedete viele neue Pläne über mehrere Jahre hin bis sie mal fast sechs Monate darüber nichts mehr ihrem Enkel erzählte. Ja und dann war der Opa plötzlich tot.

Danach war die Oma bestens gelaunt und kümmerte sich nun um die sexuelle Aufklärung ihres Enkels, der gerade seine erste Liebe durchlebte. Der Ich-Erzähler wohnte mit seiner Mutter und Oma unter einem Dach, doch die Verbindung zu seiner Mutter war nicht die aller Beste. Erst später als der Ich-Erzähler bereits nach seinem Abitur und wegen seines Philosophie-Studiums nach Köln zog, besuchte ihn seine Mutter, die ständig in Deutschland unterwegs war auf der Suche nach einem passenden Mann. Dieser Besuch war eine Gelegenheit, seine Mutter endlich mal zu fragen, ob sie eigentlich noch seinen Vater liebt:

„«Aber Mama! Ich wollte es nur wissen», versuchte ich sie zu beschwichtigen. …. «Mama, es ist mir ganz egal, was zwischen euch passiert ist, das heisst, nein, es ist mir nicht egal, im Gegenteil: Ich will endlich wissen, was zwischen euch passiert ist!» … «Dein Vater hatte ein Verhältnis mit deiner Oma», sagte sie gepresst. ….«Was?», entfuhr es mir. Dann musste ich lachen, ich musste so laut lachen, dass meine Mutter mich mit offenen Mund anstarrte, während ihr Tränen übers Gesicht liefen.“

Seine Oma hatte tatsächlich ein Verhältnis mit seinem Vater und wurde auch noch vom ihm geschwängert . Sie bekam heimlich eine Tochter, die jetzt bei ihrem Vater lebte. Die Tochter war gleichzeitig nun auch die Schwester seiner Mutter und er war ihr Halbbruder, sie war aber auch noch seine Halbtante. Er kündigte seine Wohnung in Köln und fuhr nach Berlin, um seine Halbschwester und um seinen Vater, der übrigens Spanier war, aufzusuchen. Und dann begann das eigentliche Familien-Enthüllungsabenteuer, das den Leser nur noch stauen und Kopfschütteln, aber auch sehr oft laut lachen lässt.

Der Ich-Erzähler verliebt sich in seine Halbschwester, die von ihm auch noch ein Kind bekommt, wobei auch ihr Vater als Kindsvater in Frage kommen könnte. Der Enkel schwängert auf äusserst ungewöhnliche Weise  auch noch seine Oma und die indische Verlobte seines Vaters. Dieser will seine Verlobte eigentlich gar nicht heiraten, sondern hat es eher auf deren Mutter abgesehen. Die Hochzeit platzt zwischen Vater und Verlobte wegen eines Unfalls, bei dem die Halbschwester vom Ich-Erzähler bzw. die Tochter der Oma ins Koma fällt. Dafür heiratet er nach indischen Ritus die Tochter der Geliebten seines Vaters usw. Sodom und Gomorrha lassen grüssen, aber das ist noch lange nicht alles.

Die Geschichte entwickelt sich turbulent weiter. Der Ich-Erzähler muss unter anderem erkennen, dass sein Vater ein sehr bekannter Bordell-Besitzer in Berlin ist. Er versucht immer mehr diesen Enthüllungen zu entfliehen, obwohl er trotzdem endlich alles über seine Familie wissen will. Bei jedem sogenannten seelischen „Fluchtversuch“ wird er ohnmächtig, was ihn oft noch in verzwicktere Situationen bringt, als man sich überhaupt ausmalen kann. Vor allem immer dann, wenn er seine Halbschwester küsst, überfallen ihn eigenartige Visionen, in denen die dramatischen Szenen seiner Familiengeschichte gezeigt werden, die auch seine Ermordung einschliesst. Doch glücklicherweise werden diese Visionen nur teilweise Realität.

Man könnte denken, diese Geschichte ist haarsträubend und total verrückt. Vielleicht ist sie es auch, aber sie ist so klug konstruiert und extrem schnell komponiert, dass es einem beim Lesen den Atem raubt und man das Gefühl hat, in einer Achterbahn zu sitzen. Der Roman hat keine Kapitel. Er beginnt direkt und endet nach 260 Seiten genauso direkt, somit kann man gar nicht anders, als dieses Buch in einem Zug durchzulesen. Die flotten und treffsicheren Dialoge, die ständig neuen inhaltlichen Entwicklungen, all dies reisst den Leser mit, auch wenn man sich zwischendurch so manche Frage nach Moral stellen möchte, aber gar keine Zeit hat, diese noch zu beantworten.

„Mein Leben in Aspik“ zeigt dem Leser wie wichtig es ist, seine Familiengeschichte zu enthüllen und sich auch nicht vor schlimmeren Überraschungen zu fürchten, die plötzlich ganz ungewollt zum Vorschein kommen könnten. Hier geht es letztendlich für den Ich-Erzähler nur um eins: Was hat mehr Bedeutung – die grosse tiefe Liebe oder der schnelle leichte Sex? Um dies herauszufinden sollten Sie dieses Buch lesen. Tauchen Sie ein in die moralischen und gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen dieses genialen Romans! Sie müssen zwar mit viel Chaos und Katastrophen rechnen, doch Sie werden es auf keinen Fall bereuen!