Durchgelesen – „Letzter Akt“ v. Christoph Leuchter

Ein Toter, ein Kommissar, ein kleines Dorf in der Toskana, ein deutscher Professor, ein Pfarrer als Mechaniker und viele offene Fragen in Punkto Verrat und Schuld. All diese Figuren und Themen werden hier meisterhaft von Christoph Leuchter in seinem Erstlingsroman « Letzter Akt » ineinander ver- und gleichzeitig wieder entwoben.

Christoph Leuchter (geb. 1968) hat vor seinem Studium der Germanistik in Bonn und Aachen, auch Klavier und Musikwissenschaft studiert. Seine Magisterarbeit widmete er Max Frisch und 2001 promovierte er über mittelalterlichen Minnesang. Er arbeitete bereits als wissenschaftlicher Assistent am Germanistischen Institut der RWTH Aachen, war als Lektor tätig und lehrt nun seit 2006 Angewandte Text- und Literaturwissenschaft und Kreatives Schreiben an der RWTH Aachen University. Sein nun gerade aktuell veröffentlichter erster Roman « Letzter Akt » wurde durch verschiedene Stipendien unter anderem durch das Literarische Colloquium Berlin unterstützt. Christoph Leuchter lebt als Musiker und Autor mit seiner Familie in der Nähe von Aachen.

Christoph Leuchters Roman spielt in der Toskana, in einem kleinen unbekannten Dorf in der Nähe von Florenz :

« Das Dorf, um das es hier geht, könnte zwanzig bis dreissig Kilometer von Florenz entfernt liegen. In dieser Gegend sind die Hinweisschilder am Strassenrand meist ungenau, und der Name des winzigen Ortes steht ohnehin nirgends. Als hätte man ihn einfach vergessen oder gutwillig von der Landkarte gestrichen. »

Dieser wahrlich vergessene kleine Ort wirkt irgendwie ausgestorben, die Jungen sind weggezogen, nur die Alten sind geblieben. Man könnte dieses Dorf auch als eine Art natürlich gewachsenes « Altersheim » bezeichnen, das von Maddalena, dem schülerlosen Lehrer, dem schwerkranken Apotheker Barelli und seiner glücklicherweise noch sehr attraktiven Frau, dem Pater Guiseppe, der wahrscheinlich in seinem « ersten » Leben Automechaniker war, und dem Tischler und Künstler des Dorfes, Paolo Veronese, bewohnt wird. Ach und dann gibt es noch einen ganz besonderen Langzeitgast, den man keinesfalls vergessen sollte: den deutschen Professor Martin Vonderheid, genannt Di Landa. Inzwischen sechundsiebzig Jahre alt und verheiratet mit Maria, einer dreissig Jahre jüngeren Französin, lebt er nun seit fast zehn Jahren in diesem Dorf. Zuvor unterrichtete Di Landa mittelalterliche Literatur in Paris und gibt jetzt in seinem Ruhestand ab und zu noch Literaturvorlesungen an der Universität von Florenz.

Di Landa und seine schöne Marie wohnen in einem Haus, das am Rande einer riesigen Wiese liegt, auf der sich ein alter Schuppen befindet. Wie oft unternimmt der Professor hier einen Spaziergang, wie auch dieses Mal. Seine Neugierde führt ihn in den Schuppen und dann erblickt er mit Entsetzen einen Toten, der unter der Decke hängt. Irgendwie musste er durch den Schock ohnmächtig geworden sein. Jetzt spürt er nur noch seine Platzwunde und versucht langsam seine Sinne wieder zu sortieren, denn in der Zwischenzeit ist ein junger Kommissar aus Florenz, namens Corelli, im Dorf eingetroffen, der viele Fragen stellt.

Keiner wusste bis jetzt, wer der Tote war. Doch Professor Di Landa erinnert sich wieder : es war sein Freund, ein gewisser Wolf Rosenstein. Corelli ist fasziniert und gleichzeitig abgelenkt von Marie, doch trotzdem beschäftigen ihn zwei Fragen : Warum hängt sich ein ehemaliger Freund des Professors genau in diesem Schuppen auf. Könnte es auch Mord gewesen sein, auch wenn alles auf einen Selbstmord hindeutet?

Es war tatsächlich Suizid ! Corelli – gerade selbst in einer privaten Krise – überbringt die gerichtsmedizinischen Ergebnisse persönlich, obwohl dies nicht im Geringsten von Nöten gewesen wäre. Irgendwie fühlt er sich magisch von diesem Ort, aber auch von Di Landa und dessen attraktiver Frau angezogen. Wegen einer Autopanne quartiert sich Corelli bei Di Landa ein. Die zwei Männer kommen sich – begleitet von gutem Rotwein – bei einem Gespräch näher. Und damit endet der kurze kriminalistische Exkurs und die eigentliche von Professor Di Landa erzählte Geschichte, welche in Berlin der Zwanziger Jahre beginnt, nimmt seinen Lauf :

« „Eines Morgens schob unser Lehrer einen blonden Jungen vor sich her ins Klassenzimmer, postierte ihn vor dem Lehrerpult und erklärte der Klasse : Das sei ihr neuer Mitschüler, Wolf Rosenstein.“ … „Der Neue musste sich zu mir in die Bank setzen, ich wusste es genau, und ich beschloss, dass wir Freunde würden.“ »

Martin Vonderheid und Wolf Rosenstein wurden Freunde, Martin verbrachte viel Zeit im Haus der Familie Rosenstein. Er fühlte sich dort sehr wohl. Es war ein musikalisches und gastfreundschaftliches Haus, Wolfs Mutter spielte am Flügel, sein Vater arbeitete im Aussenministerium und wirkte sehr jugendlich und offen. Martins Vater dagegen trank seit seiner Entlassung aus dem Militär und seine Mutter war bereits tot. Martin und Wolf zeigten sich gegenseitig ihre Fähigkeiten und Begabungen, tauschten ein neues gegen altes Fahrrad und wurden verwöhnt vom Chauffeur der Familie Rosenstein. Doch die politische Lage verschärfte sich, es gab Unruhen in der Stadt. Man hörte von der Festnahme Hitlers in München, doch die Situation veränderte sich glücklicherweise zum Positiven und man fühlte sich wieder etwas beruhigter und befreiter. Es wurden Feste organisiert im Hause Rosenstein, wo Martin zum ersten Mal auch Wolfs zwei Jahre ältere Cousine Lily kennenlernte. Sie verstanden sich alle perfekt miteinander und somit entwickelte sich eine neue und ganz ungewöhnliche Dreier-Freundschaft, die jedoch durch ein sehr « natürliches « Ereignis unterbrochen und nach Jahren in einer ganz neuen und vor allem auch tragischen Weise wieder entdeckt wurde…

Christoph Leuchter hat sich ein wunderbares Umfeld für diese raffiniert konstruierte Geschichte ausgesucht. Ein Dorf umgeben von Wiesen und Olivenhainen, guter Wein, die Nähe zur Kulturstadt Florenz, ein echtes Paradies für ein schönes Leben. Doch kann ein Leben auch dann paradiesisch werden, wenn es mit verdrängter Schuld beladen ist ? Der Hautprotagonist, Professor Di Landa, versucht an diesem Ort seiner Vergangenheit aus dem Weg zu gehen, und wird durch den vollkommen unerwarteten Selbstmord seines Freundes von seinen Erinnerungen wieder eingeholt. Christoph Leuchter gelingt es auf bemerksenwerte Weise durch seine sprachliche Kunst diese Gegensätze zwischen Traumlandschaft und Lebensdramatik so brillant zu verknüpfen, das der Leser im ersten Moment sich trotz der Tragik immer leicht auf einer toskanischen Sommerwiese gebettet fühlt.

« Der letzte Akte » ist kein Kriminalroman im klassischen Sinne. Hier wird nur ganz raffiniert ein junger, unerfahrener und unglücklicher Kriminalkommissar für die perfekte Rolle des « Zuhörers » für eine Lebensbeichte besetzt. Somit wird Corelli, wunderbar ironisch dargestellt, der personifizierte rote Faden in dieser doch sehr dramatischen Erzählung. Er klärt hier im Sinne der Polizeiarbeit nichts mehr auf, sondern teilt nicht nur mit Di Landa, sondern auch mit allen Dorfbewohnern in einer gewissen Weise und für ein bestimmte Zeit ihr gemeinsames Schicksal.

Chrisoph Leuchter schreibt musikalisch, malerisch und trotzdem sehr klar. Er ist emotionaler Künstler und kühler Beobachter in einer Person. Und genau diese zwei Perspektiven spiegeln sich auf ganz besonders kluge Weise in seinem faszinierenden und äusserst fesselnden Erstlingsroman, den man als anspruchsvoller Leser guter Literatur keinesfalls verpassen sollte!

Durchgelesen – „Madame Hemingway“ v. Paula McLain

« Paris – ein Fest fürs Leben » zählt zu den bekanntesten Werken Ernest Hemingways, das 1965 – vier Jahre nach seinem Selbstmord  – erschienen ist. Es behandelt die Jahre 1921 – 1926. Hemingway beschreibt in diesem Werk die Erinnerungen seiner Pariser Zeit, seiner literarischen Bekanntschaften und der teilweise glücklichen, aber letztendlich doch eher dramatischen Ehe mit seiner ersten Frau Hadley Richardson. « The Paris Wife » – wie sie meistens nur betitelt wurde –  ist in den Biographien über Ernest Hemingway immer ein wenig zu kurz gekommen. Das wird sich jedoch ab sofort ändern. Dank Paula McLain und ihrem aktuell in Deutschland erschienen Roman « Madame Hemingway » bekommt der Leser zum ersten Mal die Gelegenheit, diese faszinierende und aussergewöhnliche Frau an Ernest Hemingway’s  Seite näher kennenzulernen.

Paula McLain wurde 1965 geboren und studierte Kreatives Schreiben. Sie lebte in verschiedenen Künstlerkolonien wie zum Beispiel Yaddo und MacDowell. Paula McLain hat sich – wie sie es auch im Zusatzmaterial am Ende des Romans in einem Gespräch erklärt – sehr intensiv für dieses Buch vorbereitet. Inspiriert durch das Lesen von Briefwechseln und zahlreichen Biographien entwickelte sie diesen grandiosen Roman, der in einem historischen Rahmen eingebettet ist und gerade deshalb den fiktiven Teilen der Geschichte einen zusätzlichen und wichtigen Raum geben kann. Zum ersten Mal wird das Leben von Hadley Richardson in den zentralen Mittelpunkt gerückt und bekommt im Hinblick auf die Biographie und das Werk Ernest Hemingways eine ganz neue Bedeutung.

« Madame Hemingway » wird in der Ich-Form aus der Sicht von Hadley Richardson erzählt. Der Roman beginnt in Chicago im Jahre 1920 : Hadley und Hem (so wird Hemingway in Freundeskreises immer genannt) lernen sich per Zufall über ihre Freundin Kate bei einem Fest in deren Wohnung kennen. Hadley wird 1891 als jüngstes von vier Kindern in St. Louis (Missouri) geboren. Ihre Familie ist sehr wohlhabend und konservativ. Hadleys Mutter war eine sehr dominante und herrschsüchtige Frau. Trotzdem erhielten die Kinder eine gute Erziehung und Hadley und ihre Schwester bekamen zusätzlich noch privaten Klavierunterricht am hauseigenen Flügel. Als Hadley mit sechs Jahren einen Unfall hatte und aus dem Fenster stürzte, war sie für mehrere Monate krank und wurde infolgedessen während ihrer Kindheit und Jugend von der Mutter überbeschützt. Sie blieb immer irgendwie gesundheitlich angeschlagen und fiel nach dem Selbstmord ihres Vaters, der sich fast vor ihren Augen erschossen hatte, in eine tiefe Depression. Trotzdem kümmerte sie sich um ihre schwerkranke Mutter, die sie bis zu ihrem Tode pflegte.

Hadley reist auf Einladung ihrer Freundin Kate nach Chicago, blüht endlich im Alter von 28 Jahren etwas auf, feiert, geniesst das Leben, und trifft auf einen besonderen Mann :

« Ernest Hemingway war kaum mehr als ein Fremder für mich, doch er schien von Glück geradezu durchdrungen. Ich konnte keinerlei Angst in ihm erkennen, nur Lebendigkeit und Intensität. Seine Augen leuchteten in alle Richtungen, und sie funkelten mich an, als er sich zurücklehnte und mich mit einer Drehung schwungvoll an sich zog. Er hielt mich eng an seine Brust gedrückt, und ich spürte seinen warmen Atem auf meinem Haar und Nacken. »

Hadley fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben umworben und verliebt sich immer mehr in Ernest. Hem – sieben Jahre jünger als Hadley – war damals ein ambitionierter Mann, was seine journalistischen und schriftstellerischen Arbeiten betraf. Nach der Abreise von Hadley schreiben sie sich fast täglich sehnsuchtsvolle Briefe, treffen sich ein zweites Mal und heiraten schliesslich, denn Hem ist der Meinung, dass sie genau das richtige Mädchen für ihn ist. Hadley ist eher das Gegenteil von ihm: zurückhaltend, konservativ, fast schon ein wenig altmodisch. Auch wenn sich Ernest über ihre Art manchmal ein wenig lustig macht, schätzt er besonders ihre uneingeschränkte Loyalität. Das junge Paar lebt noch kurze Zeit in Amerika und verlässt auf Anraten eines Freundes die Heimat in Richtung Paris.

Mit wenig Geld in der Tasche – die Reise konnte durch eine Erbschaft von Hadley finanziert werden –  kommen sie in das pulsierende Paris der Goldenen Zwanziger Jahre an. Eine Welt, in welche die eher altmodische Hadley nicht wirklich zu passen scheint. Die Pariser Frauen sind selbst-bewusst, kleiden sich in Chanel, tragen schicke Kurzhaarfrisuren, ziehen mit Eleganz an ihrer Zigarettenspitze und geben sich dem Rausch der Nach-kriegsjahre hin. Auch Hadley und Hem versuchen in dieser neuen Welt Fuss zu fassen. Musik liegt in der Luft, der Jazz hat Paris fest im Griff, aber nicht nur das, auch der Alkohol spielt eine sehr grosse Rolle. Hadley und Hem wohnen sehr spartanisch in einem kleinen Appartement im 5. Arrondissement, das direkt neben einem Tanzlokal liegt. Diese Gegend gehörte damals zum alten Paris : ein wenig arm und dreckig. Hem verbringt viel Zeit in Cafés, um zu arbeiten – wie er immer behauptet – und Hadley kümmert sich um den Haushalt, kauft ein und entdeckt ihr Paris, wie beispielsweise die Märkte von Les Halles und die erwürdigen Häuser und schmalen Gässchen der Ile-St.-Louis. Auch wenn Hadley sich immer noch nicht richtig wohlfühlt, Hem ist von Paris begeistert :

« « Hier ist es so schön, dass es schon weh tut », bemerkte Ernest eine Abends, als wir auf dem Weg zum Dinner waren. « Liebst du es nicht auch ? » Das tat ich nicht, noch nicht, aber ich war beeindruckt. In dieser Zeit durch die besten Pariser Strassen zu laufen erweckte den Eindruck, durch die geöffneten Vorhänge in einen surrealen Zirkus zu blicken und jederzeit die Seltsamkeit und Pracht bewundern zu können. »

Ernest mietet sich ein kleines Zimmer zum Arbeiten und knüpft langsam immer mehr Kontakte in den Schriftstellerkreisen, während Hadley den Tag mit Klavierspielen und Spaziergängen verbringt. Inzwischen werden sie von namhaften amerikanischen Kollegen eingeladen, wie Gertrude Stein, Ezra Pound, F. Scott und Zelda Fitzgerald, die Hem endlich die Türen zu den berühmten Pariser Künstlerkreisen öffnen. Doch Hadley bleibt immer die Ehefrau, sitzt abseits, auch wenn sie ihren Mann unterstützt und sich als erste Leserin seiner Werke intellektuell einbringt. Ernest schreibt wie besessen und ist sehr launisch : einerseits lebt er fast schon euphorisch seine extreme Arbeitswut aus, andererseits ist er oft deprimiert, entmutigt und cholerisch. All diese Stimmungschwankungen erträgt Hadley mit einer würdevollen Selbstverständlichkeit, die sich durch ihre grosse Liebe zu Hem entwickelt hat. Sie reisen gemeinsam durch Europa, verbringen schöne Zeiten in Österreich und entdecken den Stierkampf in Spanien. Die Liebe ist stark und schwierig zugleich. Sie wird jedoch durch ein sehr grosses Missgeschick von Hadley, bei welchem sämtliche Manuskripte Hemingways in einem Zug gestohlen werden, zum ersten Mal auf eine harte Probe gestellt. Die Tatsache, dass Hadley dann auch noch von ihm schwanger wird, macht die bereits angespannte Lebens-situation zwischen ihr und Hem noch schwieriger. Ernest ist durcheinander und wird negativ von einigen Kollegen dahingehend beeinflusst, dass ein Kind nicht wirklich in ein Schriftstellerleben  – insbesonderen in seines – passt. Die zuerst sich viel versprechend entwickelnde Liebe zwischen Hadley und Ernest wird immer komplizierter, und erreicht ihren dramatischen Höhepunkt, als Hem sich in die Freundin von Hadley verliebt…

« Madame Hemingway » ist ein bemerkenswertes und mutiges Buch. Ein Roman, der zum ersten Mal Ernest Hemingway in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Die Autorin zeichnet einen Mann, der mehr als ein Macho ist, sich eigentlich nur um seine Arbeit und um seinen weiteren schriftstellerischen Erfolg kümmert. Doch in dieser beeindruckenden Liebesgeschichte kommt auch seine mitfühlende Seite zum Vorschein, die das Bild seiner komplexen Persönlichkeit ergänzt und nicht nur negativ darstellt.

Paula Mclain ist es gelungen, ein sehr bewegendes, informatives und beeindruckendes Porträt von Hadley Hemingway zu « malen ». Sie verwandelt die Hauptpersonen  zu wunderbaren Akteuren, welche durch die vielen Dialoge dem Leser eine Lebendigkeit und aktive Gegenwart vermitteln, als würde man am Nebentisch eines Cafés sitzen und mithören. Paula Maclain hat sich äusserst intensiv mit Hadely Richardson und natürlich auch mit Ernest Hemingway auseinandergesetzt. Sie sagt selbst, wie wichtig es ist, dass alle Personen, die tatsächlich gelebt haben und hier in dem Roman als fiktive Figuren auftreten, trotzdem so autenthisch, aber vor allem auch im Hinblick auf die historischen Lebensläufe so realistisch wie möglich dargestellt werden. Paula McLain erzählt mit sehr graziler Feingefühligkeit und hoher Empathie den Lebens- und Liebestraum eines ganz aussergewöhnlichen Paares. Sie findet den richtigen Ton und Rhythmus in ihrer Sprache und kann diesen literarisch gekonnt an ihre Hauptdarsteller weitergeben.

« Madame Hemingway » ist eine Liebesgeschichte, eine romaneske Biographie einer sehr charakterstarken Frau und ein sehr stimmungsvolles Buch über die «Golden Twenties» in der Kulturmetropole Paris. Dieses Buch wird jeden literatur- und kulturbegeisterten Leser in seinen Bann ziehen. Es ist ein Roman voller Leidenschaft, Glück, aber auch Verrat, Selbstsucht und Angst. Ein emotional und sprachlich sehr gelungenes Werk, das nicht nur eine Frau in ihrer ganzen Würde trotz Einsamkeit und Schmerz porträtiert, sondern auch zeigt, wie aufregend und gleichzeitig kompliziert es sein kann, mit einem Schriftsteller-Genie wie Ernest Hemingway verheiratet zu sein.

Tauchen Sie ein in das pulsierende und glamouröse Paris der zwanziger Jahre und begleiten Sie ein ungewöhnliches Paar durch ihre respektvolle, aber auch schmerzliche Liebe! Sie werden es nicht bereuen, denn dieses Buch ist wie Paris, ein wahres Fest für das Leben !

Durchgelesen – „Unverdächtig“ v. Tanguy Viel

Eine Liebe ohne Geld oder Geld ohne Liebe – was ist falsch und was ist richtig ? Bei dieser Frage denkt man sofort an Theodor W. Adorno, der die Antwort auf diese Frage eigentlich mit seinem berühmten Satz «  Es gibt kein richtiges Leben im falschen » bereits beantwortet hat. Diese Sentenz, die übrigens aus der « Minima Moralia » stammt, ist zwischen 1944 und 1947 entstanden und sollte dazu beitragen, die Differenz zwischen richtig und falsch zu bekräftigen und die Wichtigkeit zu verdeutlichen, das Richtige zu erkennen.

« Unverdächtig » ist trotz dieser sicherlich interessanten und nachdenkenswürdigen Anmerkung kein philosophischer Roman. Ganz im Gegenteil,  dieses Buch ist ein ganz verrückter und außergewöhnlicher Thriller, der sich um eine « amour fou » und um einen unerfüllten Traum dreht und vielleicht deshalb ganz unbewusst diesen adorn’schen Aphorismus als Motto hat.

Tanguy Viel, geboren 1973 in Brest – die « Hauptstadt » der Bretagne -, ist einer der aufsteigenden jungen französischen Autoren. Bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete er in einem Theater in Tours. Er war von 2003 – 2004 Gast in der « Villa Medicis », die als Herberge der « Académie de France » in Italien dient. 2009 erhielt Viel den Prix de la Ville Carhaix für seinen Roman Paris-Brest.

« Unverdächtig » (im Original « Insoupçonnable ») erschien bereits 2006 in Frankreich, wurde als erster Roman in deutsche Übersetzung 2007 veröffent-licht und liegt uns nun in der aktuellen Taschenbuchausgabe vor, die jeden Urlaub – ob auf dem heimatlichen Balkon oder am fernen Strand – zu einem äusserst kurzweiligen und spannungsreichen Erlebnis macht.

Der Roman spielt in einem bretonischen Küstenstädtchen. Die Haupt-protagonisten sind drei Männer und eine Frau. Es geht um menschliche Abgründe, Treue, Verrat, Lügen und Liebe.

Sam und Lise sind ein eher unkonventionelles Paar. Sie arbeitet nachts als Bardame, um Männer zu animieren, zu mehr Alkohol, aber auch zur Liebe. Doch Lise ist im Vergleich zu ihren Kolleginnen konsequent und geht nie bis zu dem eigentlich letzten Schritt. Sam ist unendlich verliebt in Lise. Er selbst trödelt in seinem Leben herum, ist arbeitslos und verbringt die meiste Zeit mit Schlafen und Fernsehen. Er träumt vom grossen Geldregen und von einem besseren Leben mit Lise. Beide würden so gerne in die USA gehen, doch es scheint momentan nur ein Traum zu bleiben.

Bis zu jenem Zeitpunkt, als Lise’s bester Kunde – der Witwer Henri – ihr einen Heiratsantrag macht ! Henri ist ein sehr wohlhabender Auktionskommissar. Kurzum er verkauft edle Antiquitäten und  lebt in einem sehr grossen und eleganten Haus. Er ist quasi ein richtig guter Fang. Lise und Sam schmieden einen Plan :

« Ich erinnere mich an den Klang ihrer Stimme an jenem Morgen, wir beide mit den Ellbogen auf der Fensterbank, wir beide lange Minuten still, all dies schien wie in einem Block zu uns zu sprechen, und unsere Blicke aufeinander geheftet, ich erinnere mich, wie sie irgendwann sagte : Jetzt oder nie, das ist die Gelegenheit Sam. Wie, die Gelegenheit wozu, Lise, die Gelegenheit wozu ? »

Wozu, das ist ganz klar, um endlich ihren Traum zu realisieren. Lise heiratet Henri und Sam, der Geliebte, avanciert zum « falschen » Bruder und Trauzeugen. Ein wahrlich sehr gefährliches Unterfangen, denn Sam und Lise versuchen trotzdem sich immer sehr nah zu sein und begeben sich dadurch mehr und mehr in grosse Gefahr, entdeckt zu werden. Sie haben nämlich eines ganz vergessen, oder sollte man eher sagen einen, den Bruder von Henri : Edouard. In diesem Fall ist er der echte Bruder, er arbeitet genau wie Henri als Auktionskommissar in der gemeinsamen Firma und ist ein leidenschaftlicher Golfer. Sam, der neue « Schwager » wird nun zum Golfpartner des besonders introvertierten Edouard, aber nur für kurze Zeit. Denn Sam und Lise hecken einen in ihren Augen absolut genialen Plan aus : Lise wird entführt und Henri soll Zahlen – eine Million Dollar ! Doch leider klappt die inszenierte Entführung nicht im Geringsten und das vollkommen unvorhergesehene Chaos nimmt einen dramatischen Verlauf…

« Unverdächtig » ist zwar ein sehr schmaler, aber dafür umso genialer Roman, der sich dem Einfluss der sogenannten « Nouvelle Vague », einer ganz besonderen französischen Kinobewegung in den 50 Jahren, nicht entziehen kann. Man denkt sofort an François Truffaut, der sicherlich aus diesem Roman einen subtil spannenden und befreiten Film hätte zaubern können. Tanguy Viel schreibt als wäre er der Kameramann, lässt seinen Ich-Erzähler Sam die Gegenwart und die Vergangenheit gekonnt vermischen, so dass beim Lesen eine visuelle Ästhetik entsteht, die man selten bei Kriminalromanen finden kann. Der Leser wird nicht nur Zuschauer, er erlebt dieses Buch, riecht die Meeresluft und verspürt zunehmend die beklemmende Atmosphäre.

Doch « Unverdächtig » wäre ohne der Übersetzungskunst von Hinrich Schmidt-Henkel nicht das, was wir hier vor Augen haben. Jede Feinheit, jede Stimmung ist wunderbar eingefangen, selbst das, was man zwischen den Zeilen liest, wurde « übersetzt ». Eine herausragende Leistung, die wir als anspruchsvoller Leser wahrlich geniessen können.

« Unverdächtig » ist ein Buch mit Tiefgang, Magie, Thriller-Flair und einem Überraschungscoup. Ein Roman, wo Sätze zu Bildern werden, ausgestattet mit sprachlich und stilistisch feinster Raffinesse und einem meisterhaft aufgebauten Spannungspotential. Dieses Buch lädt ein nochmals über den eingangs erwähnten Satz von Adorno nachzudenken und sich selbst bewusst zu werden, was es bedeutet, das richtige Leben zu führen. Ein brillantes Buch von einem vielversprechenden Autor !