Durchgelesen – „Die Entscheidung“ v. Amélie Cordonnier

Bleiben oder gehen!? Für wen bleiben bzw. warum gehen? Fragen, die sich viele Frauen in einer Beziehung oder Ehe nicht stellen wollen, dürfen oder können. Auch dann, wenn die Antwort so wichtig und lebensrettend wäre. 

Amélie Cordonnier, als Journalistin tätig, stellt in ihrem Erstlingsroman „Die Entscheidung“ („Trancher“ 2018) – aktuell erschienen dank der hervorragenden Übersetzung von Amelie Thoma –  ihrer Hauptprotagonistin genau diese Fragen. Cordonnier erzählt die Geschichte einer Frau, die liebt, leidet und kämpft.

Das Familiendasein könnte eigentlich schön sein zwischen Aurélien, der Mann und Vater zweier Kinder und seiner Frau. Sie führen in Paris ein ganz beschauliches Leben. Die Frau und Mutter erlebte jedoch vor Jahren ein Wechselbad zwischen Liebe und Gewalt, war dadurch gezeichnet von Depressionen. Sie fand durch Therapien wieder Halt und schaffte es, sich von ihrem Mann zu lösen, bevor er selbst auch mit einer Therapie seine Aggressionen bearbeitete.

Aus Liebe ist die Frau wieder zu ihm zurückgekehrt, in der Hoffnung, dass es nochmal funktioniert. Sieben Jahre lang war alles scheinbar wieder gut bzw. hielt er durch. Doch plötzlich kam die Gewalt zurück. Es war eine verbale Gewalt, die alles zerstörte und sie wurde erneut eine „geschlagene“ Frau:

„Die Frau eines gewalttätigen Typen, der es schafft, sie kaputt zu schlagen, ohne sie zu berühren.“

Demütigungen, Beleidigungen, Schimpfwörter von „fette Hure“, „Ratte“ über „Schlampe“, „Flittchen“ bis zur „Schickse“ ist alles dabei. Jedes Wort trifft sie ins Mark. Es fühlt sich an wie ein Schlag, der jedoch nicht über die Hand, sondern durch sein Gebrüll auf die Frau einwirken.

Selbst Marie, die Freundin der Frau, versteht nicht, warum sie sich erneut wieder so behandeln lässt und drängt, dass sie endlich eine endgültige Entscheidung fällen muss. Nur welche Entscheidung? Sie will partout ihren Kindern nicht den Vater nehmen, obwohl selbst diese miterleben, wie mies Aurélien seine Frau und die Mutter seiner Kinder behandelt. 

Sie versucht die permanent angespannte Situation auszusitzen, nachdem sie sich eine Frist für ihre Entscheidung Anfang Januar zu ihrem Geburtstag gesetzt hat. Doch es wird immer schwerer:

„Du wartest schweigend, dass die Gewalt abebbt. Dass seine angestaute Wut abfliesst wie der Eiter aus einer Geschwulst.“

Inzwischen überträgt sich auch die Wut von Aurélien auf den Sohn, der seine Schwester grundlos schlägt. Ein Signal, dass die Frau eigentlich nicht ignorieren sollte. Sie quält sich, sie leidet und sie entscheidet!

Amélie Cordonnier fordert den Leser heraus. Der ungewöhnliche Erzählstil in der zweiten Person, dieses „Du“ verwirrt und trifft, lässt jedoch nicht mehr los und man hängt an den präzisen Worten und scharfsinnigen Sätzen wie ein Besessener und Abhängiger, als gäbe es kein Entkommen mehr. Dass Wörter töten könnten, wird spätestens nach dieser Lektüre deutlich. 

„Trancher“ ist im Französischen mehr als nur eine „Entscheidung“. Es bedeutet auch etwas „durchschneiden“, „durchschlagen“, „beseitigen“, „klären“ und bei Schwierigkeiten „aus dem Weg räumen“. Ein gut gewählter Titel im französischen Original, der die verletzende Gewalt in all seinen Facetten betrachtet, einordnet und bearbeitet. 

Wut, Panik, Kampf, Leid und Ambivalenz der Gefühle, alles packt die Autorin in gerade mal 170 Seiten, um Gewalt in der Ehe ohne Umschweife auf den Punkt zu bringen. Es ist ein bewegender, aufwühlender Roman, ein grandioses Buch, auch wenn es weh tut und Angst macht. Die Autorin mit ihrem spektakulären „Du“ spricht eine Wahrheit aus, die gesehen und gehört werden muss. Gewalt und Misshandlung in der Ehe, auch wenn sie nicht sofort durch blaue Flecken oder schwere äusserliche Verletzungen ersichtlich ist, darf nicht unerkannt bleiben. 

Lesen Sie „Die Entscheidung“! Ein wichtiges literarisch beeindruckendes Debüt, das man auf gar keinem Fall in diesem Jahr verpassen sollte! 

Durchgelesen – „Nachsaison“ v. Philippe Besson

Edward Hopper (1882 – 1967) gehört zu den bekanntesten Malern des amerikanischen Realismus. Berühmt durch seine Bilder, die den einzelnen Menschen in Hotels, Bars oder vor Hausfassaden darstellen, und vor allem durch sein ganz aussergewöhnliches « Licht » wird so manche zwar stille, aber trotzdem intensive « Betonung » dieser wahrlich einsamen Situtation meisterhaft herausgearbeitet. Aktuell kann man noch bis 28. Januar 2013 diesen Künstler und sein Werk in einer glanzvollen Retrospektive im Pariser Grand Palais bewundern. Diese Ausstellung ist ein wunderbarer, ja wahrlich perfekter Anlass den bereits 2002 in Frankreich und 2007 in Deutschland erschienen Roman « Nachsaison » von Philippe Besson zu entdecken.

Inspiriert durch –  man könnte mit absoluter Sicherheit sagen – das populärste Gemälde des 20. Jahrhunderts, « Nighthawks » (Nachtschwärmer) von Edward Hopper, erzählt Philippe Besson eine ganz besondere, in gewisser Weise auch schmerzvolle und  melancholische, aber trotzdem emotional äusserst fesselnde Liebesgeschichte. Philippe Besson (geb. 1967) kennen wir bereits durch seinen zuletzt in deutscher Übersetzung veröffentlichten Roman « Venice Beach ».

Wenn wir uns kurz das Gemälde « Nighthawks » ins Gedächtnis rufen, welches Edward Hopper – nachempfunden einem Restaurant an der Ecke Greenwich Avenue in New York – 1942 gemalt hat, erkennen wir auf dem Bild eine Bar, die nachts durch ihr Neonlicht kühl und klar inszeniert wird. Zwei Männer mit Anzug und Hut und eine Frau mit einem roten Kleid sitzen bzw. stehen an der Bar. In der Mitte arbeitet ein weiss gekleideter Barkeeper. Der Betrachter des Bildes sieht von Aussen auf diese Bar und kann sich jederzeit eine eigene Geschichte dazu ausdenken. Doch diese « Aufgabe » übernimmt in diesem Fall Philippe Besson :

Der Roman spielt an einem Sonntagabend im September in der sogenannten « Nachsaison » in der Bar des kleinen Städtchens namens Cape Cod, das ca. eine Stunde Fahrtzeit mit dem Auto von Boston entfernt liegt. Wie auch auf dem Gemälde von Hopper zu erkennen, heisst diese Bar « Phillies », wie die Besitzerin hier in Bessons Roman. Wir treffen als erstes Louise, die Frau mit dem roten Kleid. Obwohl sie hier Stammgast ist, sitzt sie dem Barkeeper Ben anfangs nur schweigend gegenüber:

« Trotzdem hat Ben sie nicht beachtet, als sie hereinkam. Ben beachtet sie seit Jahren nicht mehr. Seit wann genau ? Er hat sich so an sie gewöhnt, dass er sie seiner Meinung nach nicht mehr zu beobachten braucht. Er kennt sie so gut : Was würde er sehen, was er nicht schon gesehen hat ? Und ausserdem, zwischen ihr und ihm geht es nicht um Verführung, das ging es im übrigen nie, sondern um Einverständnis. »

Louise schreibt Theaterstücke und ist inzwischen eine berühmte Autorin. Sie trinkt wie immer einen weissen Martini und wartet auf ihren Liebhaber Norman, der verheiratet ist und sich heute von seiner Frau trennen will bzw. soll. Über kurz oder lang entsteht doch eine kleine Konversation mit Ben über ihr letztes Werk. Währendessen betritt vollkommen überraschend Stephen (Rechtsanwalt in Boston) die Bar. Es war ihr früherer Geliebter, den sie nun zum ersten Mal fünf Jahre nach ihrer Trennung wiedersieht :

« Stephen hat regelmässig an Louise gedacht. Obwohl mit Rachel verheiratet, Vater zweier reizender Jungen und stark in seinem Beruf eingespannt, hat er nie aufgehört, an sie zu denken. »

Louise ist überrascht und verwirrt. Es werden Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Beziehung wachgerüttelt und es kommen alte emotionale Verletzungen ungefiltert zum Vorschein. Erstaunlicherweise stehen sich die Beiden im Laufe der unterschiedlichen Rückblicke mit einer ganz neuen Offenheit gegenüber, die neue, unbekannte und vor allem unerwartete Gefühle entstehen lässt, die jedoch nicht unbedingt von dem jeweilig Anderen auch erwidert werden können. Und während all dieser doch nicht ganz unaufregenden Wiederbegegnung, dürfen wir vor allem Norman nicht vergessen, der ja eigentlich Louise in der Bar treffen wollte, um ihr eine frohe Botschoft zu verkünden. Doch er meldet sich zweimal nur per Telefon und kommt nicht…

Philippe Besson hat dieses legendäre « Bar-Gemälde » von Edward Hopper zu seinem erzählerischen Ausgangspunkt gemacht. Die vier Personen, wie auch bei Hopper, erhalten hier zum ersten Mal konkrete Namen. Der einzelnen Mann an der Bar mit dem Rücken zum Betrachter tritt im Roman nur zeitweise auf und ist ein alter Fischer. Der Mann im Anzug mit Hut neben der Dame in Rot (hier Louise) ist Stephen der Anwalt. Und so wird auf einmal dieses so faszinierende Kunstwerk von Hopper sehr lebendig. Der Erzähler dieser Geschichte steht wir der Kunstbetrachter vor diesem Bild und beschreibt die Situation, aus welcher dieses intensive, irgendwo auch dramatisch kühle, aber trotzdem sehr feinsinnige literarische « Gemälde » entstanden ist.

Edward Hopper fängt diese einzigartige « schweigende » Stimmung durch seine unvergleichliche « Lichttechnik » ein. Philippe Besson macht dies genauso raffiniert mit seinen dosiert gesetzten direkten Reden der « Darsteller », die wie ein kurzer « Lichtspot » auf die einzelnen Beobachtungsmomente des Erzählers einwirken und somit eine gleich starke Sogwirkung entsteht wie bei diesem magischen Bild.

Jetzt bleibt nur zu wünschen, dass Sie, verehrter Leser, vielleicht noch aktuell in der Pariser Ausstellung oder bei einem anderen Kunstevent die Gelegenheit haben werden, Hoppers beeindruckendes Werk zu bewundern. Zur Einstimmung oder auch zum künstlerischen Nachgenuss sollte jeder kunst- und kulturbegeisterte Leser diesen Roman « erlebt » haben.

« Nachsaison » ist einer der wenigen von der Kunst inspirierten Romane, der nach der Lektüre so richtig Lust auf Kunst und in diesem Fall auf Edward Hopper macht, da dieses Buch einfach genau so schön ist wie das berühmte Gemälde!