Marie von Ebner-Eschenbach – Gedicht

Zigarette

Gewidmet sei das erste der Sonette,
In dem ich völlig mich der Form bemeistert,
Der Zauberin, die mich dazu begeistert:
Der duftenden Havannazigarette.

Nicht mühsam ward zusammen es gekleistert.
Es floss, ein Strom im selbstgegrabnen Bette,
Indessen ich des Rauches Wolkenkette
Gen Himmel blies, vor Wonne halb entgeistert.

Mir zaubert, Feine, deines Dufts Narkose
Des Traumes Blüte ins entlaubte Leben,
In meinen Herbst die Nachtigall, die Rose.

Wenn deine zarten Wölkchen mich umschweben,
Fühl ich versöhnter mich mit meinem Lose
Und lass mit ihnen sich den Geist erheben.

William Shakespeare – Gedicht

„Sonette 146“ – von William Shakespeare

Ach Seele, Mitte meiner sünd’gen Erde,
umgeben rings von feindlicher Gewalt,
was darbst im Innern du, erträgst Beschwerde
und zierst doch deine äussere Gestalt?

Was willst du bei so kurz bemessner Pacht
auf dein zerfallend Haus so viel verschwenden?
Soll denn der Wurm als Erbe dieser Pracht
dein Gut verzehren? Derart musst du enden?

Nein, lebe du auf deines Knechtes Kosten;
soll er nun darben, du hast den Gewinn;
lass Himmelszeit dich Trödelstunden kosten,
sei innen satt, den äussern Prunk wirf hin:

Vom Tode zehrst du, wie vom Leben er,
und starb der Tod, so ist kein Sterben mehr.