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Durchgelesen – „Doktor Glas“ v. Hjalmar Söderberg

Kann ein Mord jemals gerechtfertigt sein? Vor allem dann, wenn es um sexuelle Freiheit und Moral, oder sollte man eher sagen um Doppelmoral geht. Falls Sie, verehrter Leser, jetzt Neugierig werden sollten, dann hat dies ihre absolute Berechtigung. Denn der vorliegende Roman ist ein ganz besonderes Buch, ein „Kriminalroman“ der Extraklasse, der ganz ohne Kommissar auskommt und die Planung des potentiellen Mordes bereits auf den ersten Seiten subtil erkennbar wird.

Hjalmar Söderberg, geboren 1869 in Stockholm, stammt aus einem eher bürgerlichen Elternhaus. Sein Vater war Beamter und die Mutter Musiklehrerin. Eigentlich wollte Söderberg an die Oper gehen und sich ganz der Musik widmen. Doch nach seinem Schulabschluss arbeitete Söderberg im Zollamt; nach kurzer Zeit studierte er jedoch für ein paar Monate Politik und Latein und wurde letztendlich freier Kritiker und Journalist. Söderberg verfasste vier Romane, fünf Novellensammlungen und drei Theaterstücke. Er war – aufgrund seiner Gesellschaftskritik und seiner Moralvorstellungen – zur damaligen Zeit ein echter „Kultautor“. Und auch heute gehört er noch zu den beliebtesten und meist gelesenen schwedischen Schriftstellern der Jahrhundertwende. Nun dürfen wir seinen wichtigsten Roman „Doktor Glas“ dank der Übersetzung von Verena Reichel entdecken, der bereits erstmals 1905 erschienen war.

Der Roman, der als eine Art Tagebuch geführt wird, spielt in Stockholm des Fin de Siècle und beginnt mit dem ersten Eintrag im schwül heissen Juni und endet ungefähr vier Monate später mit dem letzten Eintrag Anfang Oktober. Der Hauptprotagonist ist „Tyko Gabriel Glas – Doktor der Medizin“, der nicht mehr so genau weiss, warum er diesen Beruf eigentlich gewählt hat:

„Was für ein Beruf! Wie kommt es, dass ich unter allen Erwerbszweigen den gewählt habe, für den ich mich am wenigsten eigne? Ein Arzt muss eins von beiden sein: entweder ein Menschenfreund oder ehrgeizig. – Allerdings habe ich mich früher wohl für beides gehalten.“

All das Menschliche, das ihm in seiner Praxis so Tag ein und aus begegnet, ekelt ihn irgendwie immer mehr an. Auch mit den Frauen klappt es gar nicht, er hat sich selbst in jungen Jahren bereits mehr auf seine Ausbildung konzentriert und in „Selbstbeherrschung geübt“. Natürlich hatte er auch Träume in Punkto Liebe und er erinnert sich doch immer wieder ganz bewusst an seine erste Annäherung an ein Mädchen, das bereits über 10 Jahren zurückliegt. Auch wenn sein Arztberuf ihn regelmässig mit vielen Frauen und ihren Krankheiten und Problemen – wie Schwangerschaftsabbrüche – konfrontierte, war er bis jetzt immer noch allein geblieben. Doch es dauerte gar nicht lange und er verliebte sich in die Frau des Pastors – Helga Gregorius -, als sie ihn wegen eines sehr persönlichen Anliegen in seiner Praxis aufsuchte.

Helga Gregorius war jung, attraktiv, voller Feinsinnigkeit und litt extrem unter dem sexuellen Trieb ihres Mannes. Sie ekelte sich vor ihm und er liess nicht von ihr ab, auch wenn sie sich ihm verweigerte. Sie versuchte sich zurückzuziehen, doch es steigerte sich dahingehend, dass der Pastor sie mit Gewalt nahm. Sie sah nur noch einen einzigen Ausweg und bat deshalb Doktor Glas um Hilfe, da ihr Mann doch bei ihm wegen seiner Herzprobleme in Behandlung sei. Doktor Glas war verwirrt, denn wie konnte er dieser Frau helfen. Er spürte, dass er sie irgendwie von diesem „Ehemann“ befreien musste.

Mit allen Mitteln, wie die Vortäuschung einer Krankheit bei Helga Gregorius, die absolute Enthaltsamkeit forderte, versuchte Doktor Glas den Pastor von seiner Frau sexuell zu „entfernen“.  Sogar ein dringend notwendiger Kuraufenthalt des Pastors wegen seines schwachen Herzens, wurde organisiert, um diese Frau vor ihren Ehepflichten zu retten, noch dazu wo sie selbst so glücklich war mit ihrem Geliebten. Doch es gelingt nicht. Nach der Kur kommt der Pastor erholter denn je zurück und kann es kaum mehr erwarten endlich seine Ehe zu „pflegen“. Für Doktor Glas gibt es jetzt nur noch einen einzigen Ausweg diese Frau einerseits zu beschützen und andererseits ihr neues Glück zu ermöglichen: der Pastor sollte sterben…

„Doktor Glas“ ist ein atemberaubend spannender Roman, der durch die faszinierend elegante Sprache zu einem sehr beeindruckenden Oeuvre wird, das die Bezeichnung „Kultroman“ mehr als verdient hat. Söderberg will hier durch diese prägnant distanzierte, aber auch gleichzeitig messerscharfe Beobachtungsgabe seinem Hauptdarsteller Macht verleihen, um Moral gegen Moral wieder aufheben zu lassen. Doktor Glas möchte diese junge Frau vom sexuellen Druck und den bigotten „Ehepflichten“ ihres Mannes – dem Pastor  –  befreien, so dass sie wiederum als Geliebte für einen anderen Mann bereit sein konnte. Doch warum erlöst nicht der Liebhaber diese – seine – Frau aus den Fängen ihres Ehemannes, sondern Doktor Glas? Vielleicht geht es auch da überhaupt gar nicht um Liebe, sondern nur um Sex?

„Doktor Glas“ ist ein grandioses Buch. Es spielt in einer prächtigen Stadtkulisse und fängt auf zielsichere Weise, aber trotzdem mit einer ungekünstelten Leichtigkeit die Stimmungen und Gedanken der einzelnen Personen und natürlich die des Hauptprotagonisten wunderbar ein. Hjalmar Söderberg versuchte mit diesem Roman nicht nur ein, sondern gleich mehrere Tabus zu brechen. Und dies alles wird so raffiniert und galant verkörpert durch einen träumenden Flaneur, der durch das sommerliche Stockholm wandelt, mit dem unglaublichen Vorhaben sich von seinem innerlich lodernden Feuer zu befreien und dabei nicht nur die Frau, in die er eigentlich verliebt ist, sondern vor allem sich selbst, zu retten versucht. Ob ihm dies gelingt, verehrter Leser, das sollten Sie unbedingt selbst herausfinden…

Durchgelesen – „Zorngebete“ v. Saphia Azzeddine

Fünf Jahre nach der sehr erfolgreichen Erstveröffentlichung in Frankreich unter dem Originaltitel « Confidences à Allah » wird nun erfreulicherweise diese provokant und tragikomische Emanzipationsgeschichte « Zorngebete » dank der grandiosen Übersetzung von Sabine Heymann endlich dem deutschsprachigen Leserpublikum präsentiert.

Saphia Azzeddine, geboren 1979 in Agadir (Marokko), lebt seit ihrem 9. Lebensjahr in Frankreich (in Ferney-Voltaire) nahe an der Französischen Schweiz. Nach ihrem Abitur hat sie Soziologie studiert. Im Anschluss verbrachte sie ein Sabbatical-Jahr in Houston und arbeitete anschliessend als Diamantschleiferin in Genf. Inzwischen ist sie als Journalistin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin tätig. Ihr erster Roman « Confidences à Allah » wurde als Theaterstück adaptiert und am Theaterfestival in Avignon 2008 mit Alice Belaïdi in der Hauptrolle der Jbara aufgeführt. Der Erfolg dieses Stücks führte 2010 zu einer Tournée  durch Frankreich, Schweiz, Belgien und Luxemburg. Und die Schauspielerin Alice Belaïdi wurde für diese Hauptrolle mit dem « Molière » 2010 ausgezeichnet. Saphia Azzeddines zweiter Roman « Mein Vater ist Putzfrau » wurde im Sommer 2010 erfolgreich verfilmt und im gleichen Jahr erschien ihr dritter Roman « La Mecque-Phuket ».

« Zorngebete » ist ein sehr mutiges Buch, denn es erzählt die Geschichte einer jungen muslimischen Frau, die sich ihre Freiheit irgendwie erkaufen möchte und dafür jede Art von Sex als « Währung » einsetzt und trotzdem gleichzeitig nie den Glauben verliert und somit in Allah ihren engsten und nicht ganz unkritisch betrachteten « Vertrauten » sieht.

Jbara, so heisst die Anti-Heldin, dieses ganz aussergewöhnlichen, beeindruckenden und sicherlich auch irgendwie verstörenden Romans. Sie versucht mit aller Gewalt aus dem engen Leben in ihrem Heimatdorf zu entkommen. Zwischen Verachtung und Unterdrückung kämpft sie sich durch ein Leben, in dem sie fast schon die Rolle des schwarzen Schafes übernommen hat, wobei sie doch selbst Schafhirtin ist und sie ihre Tiere über alles liebt. Doch die Strenge ihres Vater, durch den Glauben an Allah noch verstärkt, der dadurch alles zur Sünde werden lässt, möchte sie, nein muss sie endlich aus ihrem « Haus » einem Zelt im marokkanischen Tafafilt ausbrechen. Doch wie ? Sie « erkauft » sich bereits ganz früh im Alter von 16 Jahren ihr heissgeliebtes Granatapfeljoghurt durch Sex mit dem alten Hirten Miloud. Sie betet und fleht um Hilfe bei Allah, dass sich bald etwas ändert :

« – Danke, Allah, für die Gesundheit, für die meiner Mutter, meiner Brüder und Schwestern. Danke für …ähhh… meine Schafe… Danke für alles eben, was weiss ich, und ich will Dir sagen, Du bist bestimmt sehr schön und sehr barmherzig und auch sehr glorreich, Allah. Aber trotzdem. Warum hast Du es zugelassen, dass ich noch hier bin ? Findest Du, dass das ein Leben ist, Tafafilt ? Was habe ich hier für einen Wert ausser dem, ein menschliches Wesen zu sein ? Allah, ich flehe Dich an, mach, dass etwas passiert in meinem Leben ! Danke, Allah. Du bist sehr schön, sehr barmherzig und sehr glorreich. Amine. »

Ja und es passiert tatsächlich etwas. Zweimal in der Woche fährt der Bus aus Belsouss vorbei und genau an einem Tag fällt ein Koffer herunter. Es war ein besonderer, ein rosa Koffer, auf dem « J’adore Dior » stand. Jbara nimmt den Koffer zu sich und öffnet das Wunderding und herausfallen Glitzertops, Strings, Jeanshosen, Schuhe mit Keilabsätzen und Geld. Sie ist so glücklich und bedankt sich gleich bei Allah. Doch das Glück hält nur kurz an, denn Allah sorgt auch noch für eine andere, dafür sehr schwierige « Überraschung ». Jbara ist schwanger von Miloud und das bedeutet quasi Tod. Denn eine Frau unverheiratet schwanger wird verstossen. Und so entscheidet sie, selbst wegzugehen, bevor man merkt dass sie schwanger ist. Sie steigt in den Bus mit dem rosa Koffer ein.

Jbara bekommt ihr Kind auf der Strasse, lässt es liegen und schlägt sich als Prostituierte weiter durch. Sie steigt immerhin etwas auf, bekommt durch Kontakte einen Job als Dienstmädchen, doch ihre Schönheit irritiert und provoziert die Männer und so wird sie vom Sohn des Haus-herren vergewaltigt. Sie erträgt es zwangsweisebedingt und mit Hilfe ihrer Gespräche mit Allah. Aber es dauert nicht lange und Jbara entdeckt eine neue oder eher alte Welt in einer Disco :

« Allah, heute Abend werde ich mir wieder Böses zufügen. Ich werde anschaffen gehen. Es ist nicht mehr Miloud. Es ist nicht mehr Abdelkrim. Es ist nicht mehr, um zu essen, es ist, um mir Sachen zu kaufen. Extras. Ausserdem wird es das erste Mal in meinem Leben sein, dass ich es nicht erdulden muss, und das will ich ausleben. Ich bitte nicht um Erlaubnis, ich will nur dass Du weisst, dass ich weiss, was ich tue. Es ist hässlich. Vielleicht ist es haram. Aber zumindest gebe ich nicht Dir die Schuld. Ich übernehme meine Verantwortung. Ich werde den Preis dafür Zahlen, wenn es überhaupt einen Preis zu zahlen gibt. Es sei denn, der Preis ist das Leben. Ich zahle ihn gern. Ich zahle auf jeden Fall cash. Du wirst nicht hinters Licht geführt, niemals würde ich Dich um Kredit bitten. »

Jbara ist der « Stern » in der neuen Diskothek. Sie möchte nicht mehr als Dienstmädchen arbeiten, sondern es zu mehr bringen. Sie verlässt die reiche Familie, nimmt sich ein kleines Zimmer und arbeitet nur noch in der Disco. Und da lernt sie per Zufall einen Scheich kennen, der sie « fördert » und fordert. Sie verdient gut, doch allzu lang hält das vermeintliche Glück nicht  an. Sie wird von der Polizei verhaftet und kommt wegen illegaler Prostitution für drei Jahre ins Gefängnis…

Saphia Azzeddine hat mit Jbara eine Figur geschaffen, die zeigt wie stark die Unterdrückung, Frauen in Situationen zwingen kann, die zwar durch die Traditionen nicht im Geringsten geduldet werden, aber auch keinen Rückhalt innerhalb der Familientraditionen zulassen und die unflexible Männerdominanz diese nur noch mehr unterstreicht. « Zorngebete » ist aber auch ein Roman der Sehnsüchte, des Verlangens, des Überlebens und ganz besonders des Hinterfragens. Denn wäre sich Jbara in all ihrem Handeln so rücksichtslos und berechnend sicher, würde sie Allah nicht ständig informieren, um Rat fragen und auch ihn und den Glauben an sich in Frage stellen.

Doch eines der wichtigsten Aspekte in diesem einerseits tragischen, aber irgendwie auch sehr subtil komischen Roman, ist die Erkenntnis darüber, wie wichtig es ist, sich selbst vertrauen zu können, im Hinblick auf die aktuellen Situationen, den Lebensalltag, die Lebensdauer ; und um dadurch nie den Respekt und die Toleranz im Bezug auf Religionen und Glauben zu verlieren. Deshalb ist es wunderbar in diesem Buch zu verfolgen, wie Jbara zwar keineswegs mit ihrem « Ausstieg » aus ihrer alten Welt in dem Dorf Tefafilt zufrieden ist, sie aber Selbstverantwortung übernimmt und nicht mehr selbst ein Opfer all dieser Umstände sein möchte und somit bis zum Schluss nie aufhört, um die wahre Freiheit zu kämpfen.

« Zorngebete » ist nicht nur ein provozierendes Buch, es ist ein äusserst couragierter Roman, ein Werk, das aufrüttelt und zum Nachdenken über Selbstbestimmung der Frauen im Islam anregt. Es ist aber auch ein Plaidoyer über den zeitgemässen und lockereren Umgang mit Glauben und Religion im Allgemeinen. Saphia Azzaddine schreibt in einer Sprache, die von raffiniert eingesetzter Lakonie und nonchalenter Direktheit geprägt ist und somit den Leser herausfordert, den Zusammenhang zwischen Vertrauen und Moral bezüglich Entscheidungen und Lebensorientierung ganz neu für sich zu definieren.

« Zorngebete » lässt viele Fragen offen, bietet dadurch Raum für Reflexionen und ist gerade deshalb ein äusserst bemerkenswertes literarisches Werk, das dafür sorgt, wichtige Einblicke in eine ganz andere Welt durch eine doch gewiss schonungslos offene Weise zu erhalten…

Durchgelesen – „Die Rückkehr der Jungfrau Maria“ v. Bjarni Bjarnason

Glauben Sie an Wunder ? Wie auch immer Sie diese Frage beantworten werden, ob mit ja oder nein, Sie sollten sich keinesfalls diesen unglaublich schrägen und ja wahrlich wundersamen Roman von Bjarni Bjarnason entgehen lassen. Denn was könnte es Spannenderes und Verrückteres geben, als « Die Rückkehr der Jungfrau Maria » mitzuerleben!

Bjarni Bjarnason wurde am 9. November 1965 in Reykjavik (Island) geboren. Sein erstes Buch – ein Lyrikband – erschien 1989. Inzwischen hat B. Bjarnason bereits mehr als 12 Bücher veröffentlicht. Sein Werk wurde mit dem Tomas-Guomundsson-Literaturpreis und dem Halldor-Laxness-Preis ausgezeichnet. Zum ersten Mal dürfen wir nun – dank der grandiosen Übersetzung von Tina Flecken – eines seiner Werke auf Deutsch entdecken: « Die Rückkehr der Jungfrau Maria ». Der Roman erschien bereits 1996 auf Isländisch und wurde im gleichen Jahr für den Isländischen Literaturpreis nominiert.

Die ungewöhnliche Geschichte wird aus der Sicht von Michael von Blomsterfeld in der Ich-Form erzählt. Michael Blomsterfeld ist der Enkel des berühmten und angesehenen Theologen Johannes von Blomsterfeld. Leider musste dieser aufgrund seiner mehr als prophetischen Schriften und Lehren, sein Amt an der Universität niederlegen. Somit war für Michael – obwohl er durch den Einfluss seines Grossvaters – immer auch ein Wissenschaftler werden wollte, klar, dass er nicht die gleiche Laufbahn wie sein Grossvater einschlagen würde. Er entdeckte durch seine Privatlehrer und ganz besonders durch Samuel Wallenda das Reiten und das Turnen. Doch noch mehr gefielen ihm die Tricks und Techniken, die er von ihm lernte. Samuel Wallenda hatte nämlich in einem Zirkus gearbeit und das faszinierte Michael auf besondere Weise und er entwickelte eine wahre Zirkusleidenschaft. Somit ist es nicht im Geringsten verwunderlich, dass er – als er 17 Jahre alt war und sein Grossvater starb – in den Zirkus ging, der Samuel gehörte.

Nach sieben Jahren kehrt Michael wieder zurück in das Haus seines Grossvaters und entdeckt beim Stöbern in einer Geheimschublade ein kleines handgeschriebens Buch mit dem Titel :

« Die Rückkehr der Jungfrau Maria
Niedergeschrieben nach Traumvisionen
von Johannes von Blomsterfeld »

Und dann lernen wir Maria kennen. Sie stellt mit Entsetzen fest, dass sie ab dem Zeitpunkt, als sie in die Pubertät kam, kein Spiegelbild mehr hatte:

« Das ist ja seltsam, ich habe mich bisher im Spiegel gesehen. Sie probierte es mit einem anderen Spiegel, aber ohne Erfolg. Sie schaute auf ihre Hände, an ihrem Körper herunter – alles von ihr war da, genauso sichtbar wie immer. Was war geschehen ?
Vielleicht bin ich in dem Moment gestorben, als ich in die Pubertät kam, und jetzt bin ich ein Geist.
Sie begann, nach ihrer eigenen Leiche zu suchen, aber die war nirgends. Und ihr Spiegelbild erschien nicht, wie sehr sie auch versuchte, den Spiegel zu überlisten.
Ich muss für alle unsichtbar geworden sein, ausser für mich selbt. »

Sie war vollkommen verwirrt und versuchte bei ihrem Vater eine Erklärung zu finden. Dieser beruhigte sie dahingehend, dass sie einfach viel zu schön sei, um ein Spiegelbild haben zu können. Maria hatte trotzdem Angst, vor allem wenn andere Leute davon erfahren. Es sollte ein Geheimnis zwischen ihrem Vater und ihr bleiben. Doch leider kam es ganz anders :

Maria war eine hervorragende Theologiestudentin, schrieb bereits mit 21 Jahren ihre Doktor-arbeit. Bei den letzten Korrekturen verspürt sie plötzlich einen eigenartigen Schwindel, sie versucht sich mit kalten Wasser wieder aufzupeppen, doch dann stellt sie mit Erstaunen fest, dass alle von ihr beschriebenen Seiten leer waren. Nichts war mehr da, weder Notizbücher, Tagebücher, alles Geschriebene war verschwunden, in Luft aufgelöst. Sie wendet sich an ihren Lehrer und erklärt ihm die Situation. Maria hat Angst vor dem bevorstehenden Rigorosum, das sie am Liebsten absagen würde, doch es findet ein paar Tage später statt. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Dissertation weg war, doch die Professoren prüften sie und alles verlief bestens, bis der Bischof Jean Sebastian sich einmischte. Für ihn war es unerklärlich, dass Maria eine berühmte Studentin war trotz der verschwundenen Einschreibungsunterlagen für die Universität und es über ihre Arbeiten keinen einzigen schriftlichen Nachweis mehr gab. Er forderte um Aufklärung und er sprach von einem « Wunder » ! Und konfrontierte Maria mit dem Buch « Die Rückkehr der Jungfrau Maria von Professor von Blomsterfeld ». Der Bischof provozierte Maria, die den Inhalt des Buches zu kennen glaubte, ohne es jemals gelesen zu haben. Maria versuchte sich zu verteidigen, betrat das Rednerpult und erzählte eine ganz besondere Geschichte. Doch auch diese konnte die Zuhörerschaft nicht beruhigen und es kam zum Eklat, so dass Maria als Betrügerin « verurteilt » wurde.

Michael von Blomsterfeld verbrachte zwei Monate im Haus seines Grossvaters und stellte den « Zirkusschrank » fertig. Ein ganz besonderes « Möbelstück », das einen kompletten Zirkus darstellte, mit Puppen, die sogar in der Luft Salti schlagen konnten. Er baute dazu noch einen Wagen, damit er mit diesem Zirkusschrank auf Marktplätz fahren konnte und die Zuschauer damit begeistern und beglücken würde. Er hoffte so sehr, mit seinem « Zirkus der Göttlichen Ordnung » ein Patent anmelden zu können und viel Geld damit zu verdienen, um vor allem den Zirkus von seinem Freund Wallenda retten zu können. Michael war gerade mit seinem Zirkuswagen per Zug unterwegs und entdeckt beim Aussteigen auf dem Bahnhof einen grossen Menschenauflauf, der durch eine junge Frau ausgelöst wurde, die – obwohl sie eigentlich Kleider getragen hatte – ihre Nacktheit zu verbergen versuchte:

« Obwohl viele versuchten, die Aufmerksamkeit der Frau zu erlangen, schaute sie mich weiter lächelnd an, bis ich das Gefühl hatte, etwas unternehmen zu müssen. Mein Blick fiel auf meinen Koffer, der mit meinem halb heraushängenden Zauberumhang offen auf dem Bahnsteig lag. Ohne lange nachzudenken, packte ich den Umhang und drängte mich durch die Menschenmenge. »

Und so rettete Michael diese wunderschöne Frau und bot ihr ganz beiläufig noch eine Stelle als Assistentin für seinen « Zwei-Personen-Freiluftzirkus » an. Er stellte sich als Michael von Blomsterfeld vor und sie tat das gleiche mit « Maria » ! Und dann war es geschehen. Michael trifft auf die Maria aus dem Buch seines Grossvaters und das eigentliche von Wundern nur so durchzogene gemeinsame Abenteuer beginnt…

In diesem Roman wird nicht nur Michael, sondern auch der Leser mit einer sagenumwobenen mehr als wundervollen Schönheit konfrontiert, dass man sich die göttliche Jungfrau Maria niemals mehr anders vorstellen und erträumen möchte. Hier ist Maria eine nur von Anmut und Grazie bezaubernde Frau, kein Mütterlein mit Christuskind im Arm. Nein, hier spielen Reize, Eros und Sex eine grosse Rolle.

Bjarni Bjarnason präsentiert uns in seinem mehr als genialen und wahnsinnig skurrilen Roman eine Maria, die auch noch zur selbstbewussten Frau wird, sich nicht unterkriegen lässt, trotz ihrer « Unsichtbarkeit ». Sie kämpft sich in ein wahres Leben hinein, schliesst sich dem idealistischen, aber durchwegs auch zielstrebigen Zirkusliebhaber und Künstler Michael an, lernt sich zu wehren und spürt erstmals wahre Liebe, die jedoch zu grossen unerwarteten Turbulenzen und Gefahren führt.

Mit seiner äusserst poetischen und gleichzeitig auch sehr bildhaften Sprache liefert uns Bjarni Bjarnason nicht nur ein kurioses und gleichzeitig äusserst menschliches Werk über Religion, Wunder und Glauben, sondern fördert und fordert auf atemberaubende Weise auch die Phantasie des Lesers. « Die Rückkehr der Jungfrau Maria » ist ein von Einfallsreichtum, Sprachkunst und subtiler Exzentrik kaum zu überbietendes Werk. Es ist ein wahres, ja besonders kluges « Roman-Wunder », was man unbedingt lesenderweise « erleben » sollte!

Durchgelesen – „Mein Leben in Aspik“ v. Steven Uhly

„Mein Leben in Aspik“ ist der grandiose Debütroman von Steven Uhly. Er selbst ist deutsch-bengalischer Abstammung. Er studierte Literatur, war Leiter eines Instituts in Brasilien und übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Zur Zeit lebt er in München.

Dieses Stück Literatur handelt von einer sehr schrägen und lügenbehafteten Familiengeschichte, bei der es ganz schön knallt. Der Leser sollte auf jeden Fall offen für alles sein. Er sollte neugierig und humorvoll sein und es mit der Wahrheit nicht zu genau nehmen. Und er sollte während der Lektüre seinen Moralvorstellungen einen kurzen Urlaub gönnen, was für manche Passagen in diesem Buch sehr hilfreich sein könnte.

Der Roman fängt noch verhältnismässig harmlos an, indem der Ich-Erzähler, ein junger Mann zwischen 25 und 30 Jahre, sich an seine Kindheit erinnert, in der seine Oma ein sehr wichtige Rolle gespielt hat. Sie erzählte ihm im Alter von 9 Jahren als sogenannte Gute-Nacht-Geschichten von ihren Mordplänen bezüglich seines Opas. Wie könnte es funktionieren? Sie wollte ihn vielleicht verhungern lassen, dass wäre eventuell ihr Lieblingsmordplan. Sie schmiedete viele neue Pläne über mehrere Jahre hin bis sie mal fast sechs Monate darüber nichts mehr ihrem Enkel erzählte. Ja und dann war der Opa plötzlich tot.

Danach war die Oma bestens gelaunt und kümmerte sich nun um die sexuelle Aufklärung ihres Enkels, der gerade seine erste Liebe durchlebte. Der Ich-Erzähler wohnte mit seiner Mutter und Oma unter einem Dach, doch die Verbindung zu seiner Mutter war nicht die aller Beste. Erst später als der Ich-Erzähler bereits nach seinem Abitur und wegen seines Philosophie-Studiums nach Köln zog, besuchte ihn seine Mutter, die ständig in Deutschland unterwegs war auf der Suche nach einem passenden Mann. Dieser Besuch war eine Gelegenheit, seine Mutter endlich mal zu fragen, ob sie eigentlich noch seinen Vater liebt:

„«Aber Mama! Ich wollte es nur wissen», versuchte ich sie zu beschwichtigen. …. «Mama, es ist mir ganz egal, was zwischen euch passiert ist, das heisst, nein, es ist mir nicht egal, im Gegenteil: Ich will endlich wissen, was zwischen euch passiert ist!» … «Dein Vater hatte ein Verhältnis mit deiner Oma», sagte sie gepresst. ….«Was?», entfuhr es mir. Dann musste ich lachen, ich musste so laut lachen, dass meine Mutter mich mit offenen Mund anstarrte, während ihr Tränen übers Gesicht liefen.“

Seine Oma hatte tatsächlich ein Verhältnis mit seinem Vater und wurde auch noch vom ihm geschwängert . Sie bekam heimlich eine Tochter, die jetzt bei ihrem Vater lebte. Die Tochter war gleichzeitig nun auch die Schwester seiner Mutter und er war ihr Halbbruder, sie war aber auch noch seine Halbtante. Er kündigte seine Wohnung in Köln und fuhr nach Berlin, um seine Halbschwester und um seinen Vater, der übrigens Spanier war, aufzusuchen. Und dann begann das eigentliche Familien-Enthüllungsabenteuer, das den Leser nur noch stauen und Kopfschütteln, aber auch sehr oft laut lachen lässt.

Der Ich-Erzähler verliebt sich in seine Halbschwester, die von ihm auch noch ein Kind bekommt, wobei auch ihr Vater als Kindsvater in Frage kommen könnte. Der Enkel schwängert auf äusserst ungewöhnliche Weise  auch noch seine Oma und die indische Verlobte seines Vaters. Dieser will seine Verlobte eigentlich gar nicht heiraten, sondern hat es eher auf deren Mutter abgesehen. Die Hochzeit platzt zwischen Vater und Verlobte wegen eines Unfalls, bei dem die Halbschwester vom Ich-Erzähler bzw. die Tochter der Oma ins Koma fällt. Dafür heiratet er nach indischen Ritus die Tochter der Geliebten seines Vaters usw. Sodom und Gomorrha lassen grüssen, aber das ist noch lange nicht alles.

Die Geschichte entwickelt sich turbulent weiter. Der Ich-Erzähler muss unter anderem erkennen, dass sein Vater ein sehr bekannter Bordell-Besitzer in Berlin ist. Er versucht immer mehr diesen Enthüllungen zu entfliehen, obwohl er trotzdem endlich alles über seine Familie wissen will. Bei jedem sogenannten seelischen „Fluchtversuch“ wird er ohnmächtig, was ihn oft noch in verzwicktere Situationen bringt, als man sich überhaupt ausmalen kann. Vor allem immer dann, wenn er seine Halbschwester küsst, überfallen ihn eigenartige Visionen, in denen die dramatischen Szenen seiner Familiengeschichte gezeigt werden, die auch seine Ermordung einschliesst. Doch glücklicherweise werden diese Visionen nur teilweise Realität.

Man könnte denken, diese Geschichte ist haarsträubend und total verrückt. Vielleicht ist sie es auch, aber sie ist so klug konstruiert und extrem schnell komponiert, dass es einem beim Lesen den Atem raubt und man das Gefühl hat, in einer Achterbahn zu sitzen. Der Roman hat keine Kapitel. Er beginnt direkt und endet nach 260 Seiten genauso direkt, somit kann man gar nicht anders, als dieses Buch in einem Zug durchzulesen. Die flotten und treffsicheren Dialoge, die ständig neuen inhaltlichen Entwicklungen, all dies reisst den Leser mit, auch wenn man sich zwischendurch so manche Frage nach Moral stellen möchte, aber gar keine Zeit hat, diese noch zu beantworten.

„Mein Leben in Aspik“ zeigt dem Leser wie wichtig es ist, seine Familiengeschichte zu enthüllen und sich auch nicht vor schlimmeren Überraschungen zu fürchten, die plötzlich ganz ungewollt zum Vorschein kommen könnten. Hier geht es letztendlich für den Ich-Erzähler nur um eins: Was hat mehr Bedeutung – die grosse tiefe Liebe oder der schnelle leichte Sex? Um dies herauszufinden sollten Sie dieses Buch lesen. Tauchen Sie ein in die moralischen und gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen dieses genialen Romans! Sie müssen zwar mit viel Chaos und Katastrophen rechnen, doch Sie werden es auf keinen Fall bereuen!

Durchgelesen – „Du liebst mich, du liebst mich nicht“ v. Jonathan Lethem

Jonathan Lethem gehört zu den wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren und hat mit seinem Buch „Du liebst mich, du liebst mich nicht“, eine amerikanische Variante des Sommernachtstraums geliefert. Ein total verrücktes und groovendes Buch!

Der erste Satz des Romans: „Sie trafen sich im Museum, um Schluss zu machen.“

Lucinda hat ihren Job in einem Coffee-Shop gekündigt und verbringt mehrer Stunden täglich bei einer Nörgel-Hotline (Teil eines avangardistischen Kunstprojekts), anonymen Anrufern zuzuhören. Daneben spielt sie Bass in einer Band, deren verwirrter Leadsänger Matthew – er arbeitet im Zoo – ein depressives Känguru entführt hat. Bedwin, der geniale Texter der Band, hat eine Schreibblockade, doch Lucianda kann ihn mit einigen philosophischen Aussagen eines Dauer-Nörgels (Carl), in den sie sich auch noch unsterblich verliebt, versorgen. Durch diese vertonten Texte, sprich genialen Songs, steht die Band kurz vor ihrem totalen Durchbruch, nur der Nörgler macht ihnen einen Strich durch die Rechnung, was fatale Folgen hat. Doch es kommt letztendlich zu einem wunderbaren Happy-End!

Die Handlung dieses Buches dreht sich um Kunst, Musik, Sex und Alkohol, und das in einer Geschwindigkeit und einem Rythmus, die den Leser total in Bann zieht. Es ist eine romantische Farce und sie beschreibt die Widersprüchlichkeiten der Liebe, die sich zwischen den Mitgliedern einer aufstrebenden Rockband aus Los Angeles abspielen. Es geht um geistiges Eigentum und seelische Abhängigkeit. Shakespeare lässt grüssen!

Der letzte Satz des Romans: „Es gibt keine Tiefe ohne Oberfläche.“