Guillaume Apollinaire – Gedicht

Unterm Pont Mirabeau

Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine.
Was Liebe hieß,
muß ich es in ihr wiedersehn?
Muß immer der Schmerz vor der Freude stehn?

Nacht komm herbei, Stunde schlag!
Ich bleibe, fort geht Tag um Tag.

Die Hände, die Augen geben wir hin.
Brücken die Arme,
darunter unstillbar ziehn
die Blicke, ein mattes Fluten und Fliehn.

Nacht komm herbei, Stunde schlag!
Ich bleibe, fort geht Tag um Tag.

Wie der Strom fließt die Liebe, so
geht die Liebe fort.
Wie lang währt das Leben! Oh,
wie brennt die Hoffnung so lichterloh!

Nacht komm herbei, Stunde schlag!
Ich bleibe, fort geht Tag um Tag.

Wie die Tage fort, wie die Wochen gehn!
Nicht vergangene zeit
noch Lieb werd ich wiedersehn.
Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine.

Nacht komm herbei, Stunde schlag!
Ich bleibe, fort geht Tag um Tag.

Übersetzt von Hans Magnus Enzensberger

Karl Henckell – Gedicht

Seinestimmung in Paris

Es schwanken im Flusse die roten
Lichter von kreuzenden Booten,
Die zitternde Spiralen
In tiefschwarze Wasser malen,
Mit glimmenden Spuren die Ufer verbinden,
Von Brücke zu Brücke hinhuschen und schwinden.

Durch hundert Brücken und Bogen
Geheimnisschauernd geflogen,
Wo die Laute rauschend verschwimmen
Und von wirrphantastischen Stimmen
Hohldunkle Wölbungen wiederhallen
Wie von Opfern, der schweigenden Tiefe verfallen.

Dumpf Murmeln, Flüstern und Raunen
Von Kronos rasenden Launen,
Von Glorias glühendem Kosen
Mit bleichen, blutigen Rosen,
Von Höllentriumph, gotttrunkener Macht
Ein Echo, hinsterbend in Schatten der Nacht …