Heinrich Heine – Gedicht

Sie erlischt

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
Und Herrn und Damen gehn nach Haus.
Ob ihnen auch das Stück gefallen?
Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.
Ein hochverehrtes Publikum
Beklatschte dankbar seinen Dichter.
Jetzt aber ist das Haus so stumm,
Und sind verschwunden Lust und Lichter.
Doch horch! ein schollernd schnöder Klang
Ertönt unfern der öden Bühne; –
Vielleicht, daß eine Saite sprang
An einer alten Violine.
Verdrießlich rascheln im Parterr‘
Etwelche Ratten hin und her,
Und alles riecht nach ranz’gem Öle.
Die letzte Lampe ächzt und zischt
Verzweiflungsvoll, und sie erlischt.
Das arme Licht war meine Seele.

Gottfried Keller – Gedicht

Trübes Wetter

Es ist ein stiller Regentag,
So weich, so ernst, und doch so klar,
Wo durch den Dämmer brechen mag
Die Sonne weiß und sonderbar.

Ein wunderliches Zwielicht spielt
Beschaulich über Berg und Tal;
Natur, halb warm und halb verkühlt,
Sie lächelt noch und weint zumal.

Die Hoffnung, das Verlorensein
Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein,
Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.

Ich aber, mein bewußtes Ich,
Beschau‘ das Spiel in stiller Ruh,
Und meine Seele rüstet sich
Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.

Durchgelesen – „Das amerikanische Hospital“ v. Michael Kleeberg

Das Leben schreibt viele Geschichten, traurige, mutige, schöne und intensive. „Das amerikanische Hospital“ ist eine von diesen nachhaltigen Lebensgeschichten, die besonders sanft, einfühlsam, aber auch unglaublich informativ und authentisch von Michael Kleeberg erzählt wird. Er selbst studierte Politische Wissenschaften, Geschichte und Visuelle Kommunikation. Sein literarisches Werk wurde mit dem Anna-Seghers-Preis (1996), dem Lion-Feuchtwanger-Preis (2000) und dem Irmgard-Heilmann-Preis (2008) honoriert. Seit 2000 lebt er als freier Schriftsteller und Übersetzer aus dem Französischen und Englischen in Berlin. Davor hat er 14 Jahre in Paris gelebt, eine Stadt die ihn sicherlich sehr geprägt hat und die auch der Schauplatz dieses Romans ist.

„Das amerikanische Hospital“ ist nicht nur der Titel dieses intensiven Romans, es ist auch der richtige Name eines privaten Krankenhauses in Neuilly, einem der nobelsten Vororte im Westen von Paris. Es ist in der Regel der Ort, wo Menschen Hilfe und Heilung suchen, aber es ist auch ein Ort der Begegnung. Und so kommt es, dass Hélène, eine 30 Jahre junge, dynamische und erfolgreiche Pariser Innenarchitektin, und David, ein amerikanischer Soldat, hier aufeinandertreffen. Im Herbst 1991 wartet Hélène an der Rezeption des American Hospitals und just in diesem Moment sieht sie einen Mann – Amerikaner – vor ihr zusammenbrechen. Er lag gekrümmt zu ihren Füssen und zuckte, als hätte er einen epileptischen Anfall. Sie sprang ihm sofort zur Hilfe, er klammerte sich an ihr so fest, dass ihr Kleid an der Taille aufgerissen wurde. Glücklicherweise  kamen ihr zwei Pfleger zu Hilfe und sie wurde aus seinen starken Händen befreit.

Hélène hatte sich für das Hôpital Américain in Neuilly entschieden, um eine künstliche Befruchtung – eine sogenannte In-vitro-Behandlung – vornehmen zu lassen. Ihr Mann und sie wünschten sich unbedingt ein Kind. Aber sie konnte auf natürliche Weise keine Kinder bekommen, und für ihren Mann ist eine Familie ohne Kind keine richtige Familie. Unabhängig davon sollte sie auch noch ihre Arbeit aufgeben, um sich vollkommen auf die Behandlung konzentrieren zu können. Die Prozedur dieser künstlichen Befruchtung war unbeschreiblich aufwendig, Voruntersuchungen, Gespräche und schliesslich der erste Versuch im November. Ja und genau vier Wochen später bei der ersten Follikelpunktion, wo sie aufgrund einer leichten Narkose, eine Nacht im Krankenhaus verbringen musste, traf sie den Amerikaner wieder. Als sie in der Cafeteria sass, erkannte er sie, während sie beide jeder für sich ein Buch gelesen hatten:

„Entschuldigen Sie, sagte er im Stehen. Sie werden sich nicht erinnern. Sie haben mir -, er stockte. Sie waren sehr freundlich. Er blickte zu Boden. Sie haben sich um mich gekümmert, als ich -. Aber natürlich ! Jetzt lächelte sie im Wiedererkennen das Lächeln, das sie sich seinerzeit versagt hatte. Setzen Sie sich doch. Geht es Ihnen wieder gut? Er legte zuerst das Buch ab, bevor er dankte und Platz nahm. So fiel ihr Blick darauf. Oh! Elizabeth Bishop!,rief sie. Sagen Sie nicht, Sie kennen Elizabeth Bishop. The art of losing isn’t hard to master, zitierte sie, und sie schwiegen beide kurz. Hilfesuchend irrte sein Blick über den Tisch, dann las er, beinahe vorwurfsvoll: Aragon. Das sind ja auch Gedichte! La Diane Française…. „

Hélène freute sich über das Wiedersehen. Sie spürte eine unerklärbare Nähe zu diesem Mann, die sicherlich auf die gemeinsame Liebe zur Lyrik begründet war. Doch dies allein war es nicht. Sie erzählte ihm den Grund ihres Aufenthaltes im Hôpital Américain, dass sie nicht krank wäre, sondern unbedingt schwanger werden möchte. Er schwärmte weiter von Elizabeth Bishop, überhaupt würde für ihn die Poesie ein wichtiger Teil in seinem Leben spielen, noch dazu wo er die Literatur auch richtig studiert hatte.

Der erste Versuch der künstlichen Befruchtung scheiterte und sie musste sich Anfang des Jahres einer Ausschabung im Krankenhaus unterziehen. Sie liess sich nicht entmutigen und startete im Sommer darauf einen zweiten Versuch. Ihr Arzt machte ihr Hoffnungen. Es wäre nicht ungewöhnlich, dass es nicht sofort funktioniert. Sie bräuchte Geduld. Hélènes Leben bestand von nun an nur noch aus Terminen bei ihrem Arzt. Das Hôpital Américain wurde wie eine Art „Arbeitsplatz“ zu dem sie regelmässig pendelte. Ja und dann sah sie ihn wieder und stellte mit Entsetzen fest, das er Soldat ist. Ein amerikanischer Soldat! Passt das zusammen: Lyrikliebhaber und Soldat? Sie konnte die Frage nicht beantworten. Sie war viel zu überrascht, um nicht zu sagen fast schon schockiert:

„Es stimmt schon, begann er, als sie sich im gegenübergesetzt hatte, ich hätte Ihnen gleich sagen sollen, dass ich Soldat bin. Ja. Man sollte das immer sofort sagen. So wie Aussätzige früher immer eine Pestklingel getragen haben. Damit die anständigen Menschen einen weiten Bogen schlagen konnten. Tut mir leid, wenn ich kurz angebunden war, sagte sie. Aber ich mag es nicht, angelogen zu werden, auch wenn das zu einer interessanten Unterhaltung geführt hat. Warum haben Sie mir erzählt, Sie hätten Literatur studiert, wenn Sie Soldat sind? Er sah sie ungläubig an. Aber ich habe Literatur studiert. So, so, so, neben dem Gewehrputzen? Ich meine es ernst, sagte er.“

David, der literaturstudierte amerikanische Soldat, ist im American Hospital Patient. Er wurde hier seit einer gewissen Zeit psychoanalytisch behandelt, um seine schrecklichen Erfahrungen im ersten Irakkrieg, bei dem er als Offizier teilgenommen hatte, zu verarbeiten. Er leidet an extremen Panikattacken, die sich nur sehr schwer in Griff bekommen lassen. David ist Berufssoldat mit Stolz und vor allem auch aus familiären Gründen. Hélène dagegen ist Pazifistin, sie findet den Krieg furchtbar und stellt auch die Rolle der USA in Frage. Dennoch fühlt sie sich von David irgendwie angezogen. Die beiden kommen sich näher, aber nicht in einer klassischen Liebesgeschichte. Sie werden Freunde und öffnen sich gegenseitig ihre verwundeten Seelen. David berichtet von seinen extremen Erfahrungen im Kriegseinsatz, von den Toten und Verwundeten. Hélène erzählt ihm von den weiteren erfolglosen Versuchen, schwanger zu werden. Zwei Menschen, die irgendwie beide, aber jeder für sich auf andere Weise, gebrochen und versehrt sind. Zwei Seelen, die durch intensive Gespräche und Zuhören voneinander erfahren, sich gegenseitig entdecken und sich in freundschaftlicher Weise „lieben“ und zu vertrauen lernen. Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die es ihnen erlaubt, den anderen jeweils zu unterstützen und zu helfen. Dadurch entsteht eine Kraft durch die sie beide am Ende des Romans eine ganz neue Art der Unabhängigkeit und Freiheit gewinnen ….

„Das amerikanische Hospital“ ist ein äusserst intimer Roman. Selten wird dem Leser ein so tiefer Einblick in die Seele zweier Menschen gewährt. Perfekt recherchiert sowohl im Bereich der künstlichen Befruchtung als im militärischen Bereich des ersten Irakkriegs, zeigt uns Michael Kleeberg wie nah die doch sehr unterschiedlichen Probleme der Menschen zusammenliegen können und welche Kräfte im Hinblick auf die Erkennung der menschlichen Tragödie entstehen können. Paris als Schauplatz bietet eine undurchdringbare Atmosphäre, welche beispielsweise bei den gemeinsamen Spaziergängen der beiden Hauptprotagonisten nicht besser in diesem Roman hätte beschrieben werden können. Bewundernswert ist jedoch vor allem das Einfühlungsvermögen von Seiten Michael Kleeberg, der sich wirklich unbeschreiblich kompetent, aber auch unglaublich sensibel in die Seele einer Frau ein denken, ja fast schon einleben kann. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht des Ehemannes von Hélène, was der Leser erst auf den letzten Seiten erfährt. Deshalb ist es um so bemerkenswerter wie fein die seelischen Qualen von beiden Hauptakteuren in die Privatwelt, aber auch in das Zeitgeschehen, integriert werden.

„Das amerikanische Hospital“ ist ein meisterhaft geschriebener Roman, voller Poesie und Dramatik. Ein Buch für Menschen, die sich bewusst sind, wie wichtig Freundschaft im Leben ist und die bereits erfahren haben bzw. noch erfahren werden, welch heilende und tröstende Wirkung ein Gespräch leisten kann.

Durchgelesen – „Ruhestörung“ v. Richard Yates

Richard Yates zählt zu den grössten und wichtigsten amerikanischen Schriftstellern und Essayisten. Geboren 1926 in Yonkers, New York und gestorben 1992 in Birmingham, Alabama lebte er bis zu seinem Tode in Kalifornien. Seine Werke haben zu seinen Lebzeiten nie die Anerkennung erhalten, die sie verdient hätten. Er arbeitete als Journalist, Lehrer und begann seine Karriere als Romancier 1961 mit dem Werk „Zeiten des Aufruhrs“, welches erst kürzlich von Sam Mendes verfilmt wurde. Ende der sechziger Jahre waren Yates und sein umfassendes Werk immer mehr in Vergessenheit geraten. Inzwischen wurde Richard Yates wieder neu entdeckt. Seine Kurzgeschichten zählen zu den besten des 20. Jahrhunderts. Heute vergleicht man ihn mit Autoren wie J.D. Salinger und John Updike. Sein Leben wurde geprägt von Höhen und Tiefen, er war ein psychisch labiler Trinker und gleichzeitig ein echter Realist. Er zog das Unglück an, versuchte aber ebenso diesem zu entfliehen. Und das Schreiben war sicherlich eines der sinnvollsten Fluchtmittel, die er finden konnte.

„Ruhestörung“ gehört zu seinen wichtigsten Romanen und erschien bereits 1975. Jetzt liegt dieser intensive und erschütternde Roman zum ersten Mal in der bemerkenswerten deutschen Übersetzung von Anette Grube vor. Das Buch erzählt eine dramatische Geschichte, die den Leser in die düsteren und erbärmlichen Winkel der menschlichen Seele blicken lässt.

Der Hauptprotagonist  – John Wilder –  ist ein beruflich erfolgreicher New Yorker Anzeigenverkäufer. Er hat eine liebende Ehefrau – Janice – und einen zehnjährigen Sohn. Doch eines Tages im Spätsommer ändert sich das bis jetzt so glücklich scheinende Leben. Inzwischen wieder von seiner Dienstreise nach Chicago zurückgekehrt, ruft John seine Frau aus einer Bar an. Er klingt total verstört, macht einen betrunken Eindruck und ist vollkommen aufgelöst:

„«Verdammt noch mal, hörst du mir nicht zu? Ich habe gerade gesagt, dass ich nicht nach Hause kommen kann.» Sie beugte sich, auf der Kante des Doppelbetts sitzend, vor, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und hielt den Hörer mit beiden Händen fest. «Warum nicht?» fragte sie.“

John ist tatsächlich betrunken. Wenn Probleme auftauchen, flüchtet er sich immer öfter in den Alkohol. Er gesteht Janice, sie mit einer anderen Frau betrogen zu haben. Er ist verzweifelt, weil er kein Geburtstagsgeschenk für seinen Sohn gekauft hat. Kurzum, er ist nervlich am Ende. Janice ruft voller Sorge seinen besten Freund Paul an, der Anwalt ist. Sie erklärt ihm die dramatische Situation, erzählt ihm von John’s Ängsten und ihren Ängsten, denn John hat gedroht, sie und ihren Sohn umzubringen.

Paul ist raffiniert, geht in die Bar, wo sich er und John immer treffen. Findet ihn und versucht mit ihm ganz zufällig ins Gespräch zu kommen. Doch John ist wirklich vollkommen fertig, hat mehrere Tage nicht geschlafen, ist total betrunken und kurz vor dem Zusammenbruch. Paul schafft es, John in ein Krankenhaus einliefern zu lassen, in dem er aber randaliert. Er wird sofort mit einem Krankenwagen ins Bellevue – die Psychiatrie – gebracht. Fünf Tage muss John an diesem Ort verbringen, denn es ist gerade das Thanksgiving – Wochenende und keiner der Ärzte ist im Einsatz. Geschlossene Abteilung, Alkoholentzug, Psychopharmaka, das ganz Programm ist ein wahres Trauma für John. Nach seiner Entlassung kehrt er erstmal zu seiner Frau zurück und arbeitet wieder erfolgreich weiter. Es folgen Psychotherapien und Treffen bei den Anonymen Alkoholikern. Man könnte glauben, dass er ernsthaft versucht, mit dem Trinken aufzuhören, doch die Flasche bleibt nach wie vor sein bester Freund. Er lügt alle an, seine Familie, seine Freunde und auch die Therapeuten und Ärzte, wie Dr. Blomberg:

„«Waren Sie bei den Treffen?» «Bei zwei. Das erste war grässlich…» Er versuchte mehrmals und ohne offenkundigen Erfolg zu erklären, warum. …. «Und Sie haben nicht getrunken?» «Nein.» Das war gelogen – auch nach dem zweiten, besseren Treffen hatte er in der Küche heimlich drei warme Bourbons getrunken, bevor er ins Bett ging – , aber es schien sinnvoll, in Anbetracht von Blombergs Honorar.“

Doch diese schrecklichen Tage in Bellevue lassen ihn wieder an einen Traum erinnern und somit bastelt er an einer neuen Idee, die ihn motivieren könnte, dem Trinken abzuschwören. Er will seine schlimmen traumatischen Erfahrungen und Erlebnisse in der Psychiatrie verfilmen und geht deshalb nach Hollywood. Doch da läuft leider alles gar nicht nach Plan und der Alkohol wird bald wieder sein wichtigstes „Nahrungs- und Beruhigungsmittel“….

„Ruhestörung“ ist ein aufwühlendes und provozierendes Buch. Es beschreibt mit unglaublicher Präzision die Selbstzerstörung eines eigentlich erfolgreichen, aber nicht erklärbar unglücklichen Mannes. Yates öffnet dem Leser kompromisslos die Augen und konfrontiert ihn unmissverständlich mit den Problemen – Sucht und Abhängigkeit – und den daraus entstehenden Konsequenzen. Das Buch ist nicht nur ein simpler Psychiatrieroman, sondern auch ein komplexes menschliches Psychogramm, das den Leser nicht so schnell loslässt. Richard Yates beschreibt mit seiner klaren und teilweise bedrohlich messerscharfen Sprache die Charaktere dieses Romans so authentisch wie die Fälle in einer psychologischen Studie über Alkoholprobleme. Vor allem die atemberaubenden Dialoge unterstützen die ungeschönte Realität und Dramatik des Romans.

Ruhestörung“ ist ein Werk mit einem brisanten und nicht gesellschaftsfähigen Thema, das nie aktueller sein könnte. Als Leser sollten Sie jedoch beachten, dass dies keine leichte Problem-Lektüre für entspannte Stunden ist. Im Gegenteil es handelt sich hier um ein sehr literarisches und sprachlich äusserst differenziertes Buch, das den Leser unglaublich stark fordert und nachhaltig wachrüttelt.

Joseph Freiherr von Eichendorff – Gedicht

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Friedrich Schiller – Gedicht

Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel
Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen;
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling locket ihr Zauberschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben;
Denn beschliesst er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren,
Im Herzen kündet es laut sich an:
Zu was Besserm sind wir geboren.
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

William Shakespeare – Gedicht

„Sonette 146“ – von William Shakespeare

Ach Seele, Mitte meiner sünd’gen Erde,
umgeben rings von feindlicher Gewalt,
was darbst im Innern du, erträgst Beschwerde
und zierst doch deine äussere Gestalt?

Was willst du bei so kurz bemessner Pacht
auf dein zerfallend Haus so viel verschwenden?
Soll denn der Wurm als Erbe dieser Pracht
dein Gut verzehren? Derart musst du enden?

Nein, lebe du auf deines Knechtes Kosten;
soll er nun darben, du hast den Gewinn;
lass Himmelszeit dich Trödelstunden kosten,
sei innen satt, den äussern Prunk wirf hin:

Vom Tode zehrst du, wie vom Leben er,
und starb der Tod, so ist kein Sterben mehr.