Durchgelesen – „Die Reisen mit meiner Tante“ v. Graham Greene

Graham Greene (1904 – 1991) zählt zu den wichtigsten englischen Schriftstellern der 20. Jahrhunderts. Geboren als Viertes von sechs Kindern waren die Kindheit und vor allem die Schulzeit  für ihn sehr schwierig, da sein Vater auch gleichzeitig der Schuldirektor war. Greene studierte Geschichte und musste bereits wegen seiner Vorliebe zu Russischem Roulette im Jugendalter in psychiatrische Behandlung. Nach seinem Studium arbeitete Greene als Journalist bei der Tageszeitung « The Times ». Obwohl er zum Katholizismus wechselte, bleib er zeitlebens ein grosser Kritiker hinsichtlich der Amtskirche. In den dreissiger Jahren arbeitete er als Filmkritiker und während des zweiten Weltkriegs war er beim Auslandsgeheimdienst für das Aussenministeriums in Westafrika tätig. Eine Vielzahl seiner Romane befassen sich immer wieder mit dem Thema Schuld und Verrat, was Graham Greene in grandiose Abenteuergeschichten verwandelte. Sein erster Roman « Schlachtfeld des Lebens » wurde 1934 veröffentlicht. Er war aber nicht nur Romancier, sondern auch Drehbuchautor, was der mehr als berühmte Film « Der Dritte Mann » (1949) beweist. Jetzt gibt es die Gelegenheit, einen Klassiker in Neuübersetzung wieder zu entdecken, der die Reise- und Abenteuerlust von Graham Greene literarisch wunderbar widerspiegelt. « Die Reisen mit meiner Tante » erschienen zum ersten Mal unter dem Titel « Travel with my Aunt » 1969 und sind nun dank der angenehm modernen Übertragung ins Deutsche durch Brigitte Hilzensauer aktuell erschienen.

Der Roman wird in der Ich-Form aus der Sicht des pensionierten Bankbeamten, Dahlienzüchter und Junggesellen Henry Pulling erzählt. Seine Mutter ist gestorben und ganz zufällig trifft er nach einer sehr langen Zeit bei der Beerdigung seine Tante Augusta wieder. Bei diesem Ereignis werden, während die Leiche seiner Mutter gerade eingeäschert wird, erste und unerwartete Informationen ausgetauscht und ungewöhnliche Familienerinnerungen wachgerufen. Tante Augusta hat auch in ihrem Alter (75 Jahre) noch mehr Temperament als Henry in seiner Jugend, was ihn zunächst mehr als irritiert, aber trotzdem irgendwie anzieht. Henry begleitet seine Tante zu sich nach Hause und spätetens in dem Moment als er Wordsworth – ihr « Kammerdiener » -kennenlernt, wird sich das Leben von Henry schlagartig ändern. Tante Augusta beginnt zu erzählen, während Wordsworth sich um die Asche von Henrys Mutter kümmert, allerdings nicht im besten Sinne. Denn kaum als Henry wieder bei sich zu Hause war, sich intensiv mit seinen Dahlien beschäftigte, rief ganz aufgeregt seine Tante an, um ihm von einer Razzia bei ihr in der Wohnung zu berichten und ihn gleichzeitig vorzuwarnen, dass die Polizei unbedingt die Asche seiner Mutter anlysieren will. Und tatsächlich wird doch in der Urne nicht nur die Asche gefunden, sondern ein grosser Anteil Haschisch. Der « Kammerdiener » setzt sich daraufhin nach Paris ab und somit ist die liebe Tante Augusta plötzlich ganz allein.

Was könnte ihr Besseres einfallen, als ihren neu bzw. wiedergewonnen Neffen als Reisebegleiter zu engagieren. Tante Augusta hatte einen Plan. Sie wollte von Paris aus mit dem Orientexpress nach Istanbul fahren angeblich wegen nicht ganz durchschaubarer Geldgeschäfte. Doch Henry, der eher sesshafte, unbewegliche Dahlienliebhaber, war nicht nur von den Reiseideen seiner Tante überrascht, sondern wunderte sich unter welchen schrägen Reisevorkehrungen und Sicherheitsmassnahmen sie so manchen Zollbeamten um die Nase herumgeführt hatte. Doch bei all diesen undurchsichtigen Unternehmungen hatte Tante Augusta aufgrund ihres Alters inzwischen einen Hang zum Luxus entwickelt. Somit war es nicht im Geringsten verwunderlich, dass sie gleich eine ganze Suite im Hotel Saint James und Albany direkt gegenüber vom Jardin des Tuileries gebucht hatte. Für Henry eine unnötige Geldausgabe, vor allem nur für eine Nacht. Doch Tante Augusta klärte ihn auf :

« « Zuerst must du lernen, Verschwendung zu geniessen », erwiderte meine Tante. « Armut befällt einen so plötzlich wie die Grippe ; da ist es gut, wenn man für schlechte Zeiten ein paar Erinnerungen an Extravaganz auf Lager hat. » »

Dies war eine klare Botschaft für Henry und er versuchte ab sofort all die kuriosen Ideen seiner Tante so wenig wie möglich zu hinterfragen und begab sich trotzdem nicht ganz unfreiwillig mit ihr auf gemeinsame Reise nach Istanbul. Eine Reise, die mehr als ein Abenteuer ist, denn es werden Goldbarren in einer Kerze geschmuggelt und der türkische Geheimdienst ist in Alarmbereitschaft. Abgesehen von schlüpfrigen Devisengeschäften, raucht Henry auch noch seinen ersten Joint und wird mehr und mehr in die nicht ganz ungefährlichen Eskapaden seiner Tante mithineingezogen…

Graham Greene beweist in diesem grandiosen und wahrlich literarisch spannenden « Unter-haltungsroman » sein komödiantisches Talent. Er hat mit Tante Augusta eine Hauptfigur geschaffen, die uns mit ihrer Art, ihrem Humor, aber auch mit ihrer Direktheit und Nonchalence auf eine unvergleichliche Abenteuerreise mitnimmt, die nur so von Lebensfreude erfüllt ist. Hier denkt man sofort an das bekannte Bonmot « Alter schützt vor Torheit nicht ». Jugendlichkeit kombiniert mit Lebensefahrung wird hier ganz grossgeschrieben. Und somit bleibt dieser Roman mehr als zeitgemäss und ist durch seine Lebendigkeit und Individualität aktuell und äusserst modern.

« Die Reisen mit meiner Tante » ist ein wahrer Schatz der Weltliteratur. Gekrönt durch eine unvergleiche Komik wird Tante Augusta nicht nur bei Henry im Herzen bleiben, sondern auch bei Ihnen, verehrter Leser. Stürzen Sie sich lesenderweise in ein paar wundervolle Abenteuer, entdecken Sie mit Tante Augusta interessante Länder und Städte und lassen Sie sich anstecken von diesem herrlich schwarzen Humor…

Durchgelesen – „Im schönen Monat Mai“ v. Émilie de Turckheim

Lassen Sie sich auf keinen Fall von diesem positiv klingenden und Sonne verbreitenden Titel täuschen, denn dieser kleine Roman hat es mehr als in sich. Es fliegen keine Maikäfer und Schmetterlinge über die Seiten. Ganz im Gegenteil, denn hier brodelt Rache und Vergeltung auf einem äusserst ironisch spannenden Niveau.

Émilie de Turckheim, geboren 1980, hat ihren ersten Roman « Les Amants terrestres » im Alter von 24 Jahren geschrieben. Davor machte sie ihren Abschluss an der Universität (Sciences-Po) in Paris. Inzwischen sind noch vier andere Romane von ihr veröffentlicht worden. Für ihren in Frankreich aktuell erschienen Roman « Héloïse est chauve » hat sie den Nachwuchspreis « Prix Bel Ami » erhalten. Mit dem schmalen – gerade mal 100 Seiten starken – und sehr aussergewöhnlichen Buch « Im schönen Monat Mai » (« Le joli moi de mai » Frankreich 2010) wird nun zum ersten Mal – dank der grandiosen Übersetzung von Brigitte Große – ein Werk von Émilie de Turckheim dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt.

« Im schönen Monat Mai » spielt auf einem Gut in Saint-Benoît sur Leuze das von Parisern gerne zur Jagd aufgesucht wird, jedoch eher im November als im Mai. Der Roman wird von Aimé (28 Jahre alt) erzählt, der sich hier als Gardien, oder besser gesagt als einfacher Hausknecht um fast alles kümmert. Doch Aimé ist nicht wirklich sehr intelligent, behauptet er zumindest immer von sich selbst. Ein einfach gestrickter Mann, der vor allem eines überhaupt nicht kann, nämlich erzählen :

« Mein Vorname ist Aimé. Das heisst Lieber, hat aber nichts zu sagen. Ihr werdet schon sehen, ich kann keine Geschichten erzählen. »

Das werden auch Sie, verehrter Leser, sofort feststellen, denn seine sprachlichen Fähigkeiten sind nicht gerade von höchstem Niveau, auch die Satzstellungen und die unkontrollierten Einschübe bringen die Struktur des Romans oder den mehr oder mal weniger vorhandenen roten Faden oft bis an seine « knotenfreien » Grenzen. Doch letztendlich verstehen wir auch so ganz genau, um was es sich hier eigentlich dreht:

Aimé’s Chef – Monsieur Louis – ist tot. Er liegt bereits begraben unter der Erde. Vor einem guten Monat wurde er erschossen – Suzid oder Mord – in einer Wiese nicht weit vom Gut entfernt gefunden. Da Monsieur Louis weder eine Frau, noch Kinder, geschweige denn andere Nachfahren hat, gibt es ein Testament, in dem er fünf eigentlich vollkommen fremde Menschen zu seinen Erben bestimmt hat und welche nun zur offiziellen Testamentseröffnung mit dem Notar auf das Gut eingeladen wurden.

Das Erbe ist richtig gross : Geld, Hof, Wald, Schweinezucht und der Hausknecht. Die von Monsieur Louis vermeintlich willkürlich ausgewählten Erben sind frühere Jagdgäste : Da wäre zum einen der waffensammelnde Wachtmeister Lyon-Saëck, « der eigentlich schon in Pension ist, aber immer noch den Polizeiblick draufhat ». Ebenfalls angereist sind Madame und Monsieur Truchon, ein geldgieriges Ehepaar. Als weitere Erbenanwärter lernen wir noch den sehr zurückhaltenden ehemaligen Offizier Monsieur Hi und Sacha Milou, einen schwulen Bordellbesitzer mit seinem Hund Pistache, kennen.

Sie sind alle bereits einen Tag vor dem eigentlichen Notartermin eingetroffen, essen gemeinsam eine Suppe und gehen anschliessend in den Salon, « um sich bekanntzumachen, wie Monsieur Louis gesagt hätte, aber keiner findet die Idee gut, ausser Frau Truchon, die lieber ihre zu kleinen Kleider herzeigt, als dass sie schlafen geht ».

Aimé hält eine kurze Ansprache über den Anlass dieser Zusammenkunft und schlägt vor, dass jeder der Gäste sich kurz vorstellt. Doch dann wird es plötzlich turbulent. Paulette Truchon fühlt sich in ihrem Erbe betrogen, « und schreit so laut, dass ihr die Brüste aus der Korsage springen und jeder merkt, dass die zwei Dinger noch grösser sind, als was sie uns gern hat glauben lassen wollen. » Und dann passiert es : Madame fällt plötzlich zu Boden und rührt sich nicht mehr. « Alle sind aufgestanden und schauen ärgerlich auf die baumelnden Brüste und fragen, ob es ihr gut geht, was eine ziemlich blöde Frage ist, weil Paulette doch mit verdrehten Augen wie eine Tote auf dem Parkett liegt. » Da ist bereits alles zu spät, auch das Jammern und Hilferufen von Herrn Truchon ist vollkommen überflüssig, denn Paulette war definitiv tot.

Eigentlich ein wirklich trauriges und dramatisches Ereignis, aber irgendwie hatte es auch etwas Positives, denn die noch übrigen Erben mussten nun das Gesamtvermögen von Monsieur Louis nur noch durch vier teilen.

Aimé erzählt eifrig weiter, und dabei kommt immer wieder der Name einer Frau vor, nämlich Lucette. Dieser Dame sind übrigens alle vier noch potentiellen Erben irgendwann einmal begegnet. Doch am Meisten bedauert es Aimé, dass gerade eben Lucette nicht an seiner Stelle diese Geschichte erzählt, denn « die hat so eine Gabe, dass sie alles richtig erzählt, wie es in dem Haus riecht, wie sich die Stimme von Herrn Dings anhört, was der oder der gesagt hat und was die oder die drauf gesagt hat. Und dann passt sie auch immer drauf auf, dass sie sich ein paar Überraschungen aufhebt für später. Sie sagt, das heisst „Süß-Pence“. »

Auch Aimé gibt sich sehr grosse Mühe, diese Überraschungen nicht auszulassen, die nicht nur unverhoffte und höchste Spannung bieten, sondern zu äusserst interessanten und mehr als dramatischen Entwicklungen führen, mit denen der Leser nicht im Geringsten rechnen würde…

Émilie de Turckheim gelingt es, mit ihrem unglaublich originellen Aufbau, den Leser genauso wie auch die fünf bzw. vier Erben regelrecht in diesem Buch bzw. Gut festzuhalten. Der Roman beginnt so harmlos, simpel und fast schon ein wenig einfältig, dass man sich als Leser anfänglich vielleicht ein wenig wundert. Doch spätestens nach den ersten Seiten, hat uns Aimé mit seinem brav infantilen Erzählstil bis zum – im wahrsten Sinne des Wortes – bitteren Ende total vereinnahmt.

Eingebettet in die melancholische Grundstimmung des menschlichen Wesens, konfrontiert uns Émilie de Turchkeim durch ihren kaum zu stoppenden schwarzen Humor und ihrer subtil eingesetzten Ironie mit der Rache und Intrige eines mehr als verletzten und einsamen Menschen. Unterstützt durch die sehr saloppe, offene und direkte Sprache, kann man trotz dieser so schrägen Dramatik die menschlichen Abgründe immer mehr aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus beobachten. Der Leser wird geradezu durch diese emotionale und irgendwie komplex wirkende Einfachheit spielerisch gezwungen, jeden einzelnen Satz von Aimé als eine Art Puzzle-Teil in die Hand zu nehmen, um es letztendlich, sowohl vor Entsetzen kopfschüttelnder, als auch dank der Groteske lachender Weise, bis zum vollkommen unerwarteten « Gesamtbild » zusammensetzen zu können.

« Im schönen Monat Mai » könnte man ohne Weiteres als eine verrückte Mischung aus Agatha Christie, Gilbert Adair und Jean-Paul Sartre besonders in Punkto « Geschlossene Gesellschaft » (« Huis Clos ») bezeichnen. Dieses Buch ist ein kurioses, grandioses, kleines Stück Literatur, das man keinesfalls verpassen sollte und deshalb freuen wir uns umso mehr, dass die aufstrebende französische Autorin Émilie de Turckheim nun endlich auch hier in Deutschland « literarisch » angekommen ist !