Schlagwort: Schriftsteller

Max Frisch – Zitat

« (Warum ich Schriftsteller bin:) weil Schreiben noch eher gelingt als Leben, und weil für diesen Versuch, das Leben schreibend zu bestehen, der Feierabend nicht ausreicht. »

Durchgeblättert – „Die beste Buchhandlung der Welt“

Kennen Sie Ihre ganz persönlich beste Buchhandlung der Welt ? Was unterscheidet die Lieblingsbuchhandlung von anderen Buchhandlungen ? Fragen über Fragen, die jeder Leser und Buchkäufer ganz für sich selbst beantworten kann. Doch eine Frage bleibt unbeantwortet und könnte den Leser bestimmt interessieren: wo kaufen eigentlich Schriftsteller ihre Bücher ? Endlich nehmen Autoren ihre Leser auf einen äusserst abwechslungsreichen und spannenden Streifzug durch ihre Welt der Buchhandlungen mit. Die seit mehreren Jahren sehr erfolgreiche Serie des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels, bei der Autoren ihre Buchhandlungs-favoriten regelmässig präsentieren, gibt es Dank des Herausgebers Holger Heimann (Börsenblatt-Redakteur) nun endlich im Buchformat!

Unter dem Titel « Die beste Buchhandlung der Welt » stellen 50 Schriftsteller wie zum Beispiel Durs Grünbein, Benedict Wells, Thomas Glavinic, Adolf Muschg, Jenny Erpenbeck, Peter Stamm und Bodo Kirchhoff ihre Lieblingsbuchhandlung vor. Dieses Buch ist wie eine Buchhandelsreise durch ganz Deutschland mit kleinen Abstechern nach Österreich und in die Schweiz. Es ist vorallem auch eine literarische Fundgrube fantastischer Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen, die zum Schmunzeln, Staunen, Verwundern und Entdecken anregen.

Natürlich sind diese Buchhandlungsporträts mehr als subjektiv, sie beschreiben den ganz persönlichen Geschmack jedes Autors, seine Vorlieben und Ansprüche. Dadurch lernen wir nicht nur die Buchhandlung als « Verkaufsraum » von Büchern kennen, sondern treffen ganz zufällig auch auf den Betreiber, Geschäftsführer, Inhaber oder Buchhändler dieses ehrwürdigen kleinen oder grossen Buchhauses.

Selten konnten wir als Leser so bequem durch 50 verschiedene Buchhandlungen spazieren, um uns inspirieren zu lassen und die Vorstellungen der Autoren aber auch die Besonderheiten der Lieblingsbuchhändler kennenzulernen, wie folgende Beispiele sehr aussagekräftig zeigen :

Adolf Muschg hat sich eine ganz besondere Buchhandlung ausgesucht, die nicht konsumorientiert wirkt, sondern sich wie eine kleine Entdeckungsreise anfühlt bei welcher der Inhaber als „Literatur-Reiseführer“ ein wahrer « Glücksfall » ist :

« Alfred Strohmaier in Regensburg ist einer. Und es hängt von der Optik ab, ob man seine Atlantis-Buchhandlung als Insel der Ruhe und Konzentration betrachtet – oder als sichtbaren Beweis, dass der Kontinent des Lesens nicht untergegangen ist. Alfred Strohmeier : ein Prospero, der seine Zaubermittel, die Bücher, nicht in ihrer eigenen Masse versenkt, sondern als Einzelstücke, ja als Preziosen behandelt. Sein Geschäft ist eigentlich ein Bücher-Kabinett, in dem die Rarität keine Sache des Preises, sondern der Bildung ist, und Bildung zum Alltag gehört. »

Felicitas Hoppe dagegen zieht in Berlin die Buchkaufhäuser den kleinen Buchhandlungen vor :

« Seit ich in Mitte wohne : Nur noch Dussmann. Das riecht nach Trägheit, nach Mangel an Unterscheidungsvermögen. Aber ich kehre gern in Kaufhäuser ein, anonym und immer willkommen. Mein Besuch hat wenig mit Büchern zu tun, noch weniger damit, dass es bei Dussmann (fast) alles gibt (in Wort, Bild, Ton), sondern mit dem Blick aus dem oberen Stock. Ich sitze (ein Zufallsbuch auf dem Schoss) in einem Dussmannsessel, schaue auf die Friedrichsstrasse herab und bilde mir ein, ich wäre nicht zum Kaufen gekommen, sondern zum Lesen, womöglich zum Wohnen und könnte mich nachts hier einschliessen lassen, um im Licht der Strassenslaternen meine eigenen Bücher zu schreiben.»

Thomas Glavinic hat seinen Lieblingsbuchladen in Wien und einen ganz Besonderen noch dazu, da er bis 1.00 Uhr morgens geöffnet hat und so manchen Service bietet, der für Buchhandlungen eher ungewöhnlich ist:

« Die Buchhandlung Phil in Wien hat einen Vorteil : Sie ist eine Kneipe. Umgekehrt kann man es natürlich auch ausdrücken : Die Phil hat gegenüber den windigen Kaschemmen, in denen ich sonst einkehre, den Vorteil, dass man darin Bücher kaufen kann. »

Matthias Politycki braucht eine Buchhandlung, die ihm seine Schwellenangst nimmt und  ist deshalb so begeistert von « seinem » Buchhändler, dem Inhaber der Buchhandlung Samtleben in Hamburg :

« Stephan Samtleben ist ein solcher Buchhändler, der so vollständig von seinem Wissen durchdrungen ist, dass er’s nicht nötig hat, einem damit ein schlechtes Gewissen zu machen – im Gegenteil, man bekommt sofort gute Laune, und wenn er dann doch einmal auf seine leise, unaufgeregte Weise ins Schwärmen gerät, so bleibt er dabei stets so präzis und unprätentiös, dass man sich…jawohl, mitunter bei dem Gedanken ertappt, Lesen könnte doch noch irgendwo ein Vergnügen sein. »

Für Peter Stamm war es nicht einfach, die Frage nach seiner Lieblingsbuchhandlung zu beantworten, da er sich sehr schlecht auf eine Buchhandlung festlegen konnte und wollte. Für seine Entscheidung war schliesslich nicht die Auswahl bzw. das Sortiment ausschlaggebend, wie man hier bei seiner Lieblingsbuchhandlung in Winterthur sofort erkennt :

« Vielleicht noch wichtiger ist die Atmosphäre in einer Buchhandlung. Bei Obergass Bücher spürt man sofort, dass hier Leserinnen arbeiten, die sich für Bücher begeistern. »

Spätestens jetzt bzw. nach der Lektüre dieser Buchhandlungsporträts fängt man selbst als Leser an, zu überlegen, welche Buchhandlung man nun zu seinen Favoriten zählen würde. Holger Heimann ist ein kleines Bravourstück gelungen, indem er diese Einzelporträts aus der Börsenblatt-Reihe, dem Wochenmagazin des Deutschen Buchhandels, zu diesem wunderbaren Buch zusammengeführt hat. Nun kann jeder Leser, Buchkäufer, Buchliebhaber und nicht nur das Fachpersonal der Buchbranche diese aussergewöhnlichen Erzählungen, Geschichten, Porträts, ja fast schon Essays über den jeweiligen Buchhändler des Vertrauens bzw. der Lieblingbuchhandlung von fünfzig Schriftstellern entdecken.

Dieses Werk ist ein sehr schönes und mehr als wichtiges Buch im Zeitalter der Internetbuchhandlung und der Bestellung per Klick, auch und gerade deshalb, weil leider so manche hier vorgestellte Buchhandlung nicht mehr existiert. Natürlich hat nicht jeder Autor eine kleine schnukelige Buchhandlung als seinen Top-Favoriten, viele Schriftsteller bevorzugen aus ganz unterschiedlichen Gründen auch die Filiale einer Buchhandelskette . Und genau diese Mischung macht dieses Buch so interessant, da es selten so reale Einblicke in das Besuchsverhalten und in die Auswahl von Autoren bezüglich ihrer Buchhandlungen gibt.

« Die beste Buchhandlung der Welt » gehört zu den wenigen wirklich sehr starken Büchern über Buchhandlungen und zählt zu den wichtigsten Neuerscheinungen diesen Jahres. Ein Buch, das für jeden anspruchsvollen Leser, auch wenn er bereits seine Lieblingsbuchhandlung hat oder gerade noch auf der Suche nach dieser einzig Wahren ist, fast schon zum Lesepflichtprogramm gehören sollte!

Durchgeblättert – „Unpacking My Library: Writers and Their Books“ v. Leah Price

Im Dezember letzten Jahres ist nun das zweite Buch aus der Reihe « Unpacking My Library » erschienen. Diesmal dürfen wir einen Blick in die Privatbibliotheken berühmter zeitgenössischer Schriftsteller, wie zum Beispiel Junot Diaz, Jonathan Lethem, Philip Pullman und Edmund White werfen.

Sie kennen sicherlich den Spruch : „Sage mir, was Du isst und ich sage Dir, wer Du bist.“ Dieser Satz würde sich auch wunderbar – im Sinne eines geistigen Nahrungsmittels – auf Bücher übertragen lassen, die man in einer gewissen Form ja ebenfalls regelmässig « verzehrt ». Leah Price, Englischprofessorin (Harvard) und die Herausgeberin dieses wunderschönen und faszinierenden Bildbandes, geht noch viel weiter. Sie sagt in ihrem Vorwort : “To expose a bookshelf is to compose a self.’’

Der Aufbau ist ähnlich wie im ersten Buch « Architects and Their Books ». In diesem Fall werden 13 Autoren und ihre dazugehörige Privat-Bibliotheken vorgestellt. Leah Price führt mit jedem Einzelnen ein Interview und stellt Fragen unter anderem über die Ordnungssysteme innerhalb der Bibliotheken, die Lesegewohnheiten, die Sammelleidenschaften, die Vorlieben bezüglich e-Reader oder gedrucktem Buch. Sie möchte aber gerne von ihnen auch erfahren, wie ihre Bibliothek in fünf Jahren aussehen könnte, ob sie Bücher verleihen und welche Bücher zu ihren Top Ten gehören.

Die Antworten sind sehr interessant, manchmal auch überraschend. Doch letztendlich machen die zahlreichen Photos das Buch erst zu einem echten Erlebnis. Denn auch hier wurden –  wie bereits bei den « Architects »  – nicht nur die Bibliotheken im Ganzen fotografiert, sondern einzelne Regale herausgenommen und mit Hilfe der Kamera wie ein Stilleben festgehalten. Der Leser kann sich also quasi vor einzelne Regalböden « stellen » und schmökern.

Dieses mit hochwertigen Fotobildmaterial ausgestattete Werk ist mal wieder der Beweis, dass Bücher, nicht nur ein dekoratives Wohnaccessoire, sondern auch ein echtes Kulturgut sind, und Bibliotheken somit über einen Menschen mehr aussagen können, als man je zu denken vermag.

« Unpacking My Library » ist eine äusserst individuelle, sehr ambitionierte und grandios konzipierte Bildband-Reihe über die Privatbibliotheken interessanter und kluger Menschen. Möge sie endlos weiter fortgesetzt werden und wer weiss, vielleicht erscheinen diese Bücher in absehbarer Zeit auch in deutscher Übersetzung!

Durchgeblättert – „Zehn Gebote des Schreibens“

Wie verführen Schriftsteller ihre Leser ? Welche Techniken werden verwendet ? Was sind die geheimen Tricks der Autoren, einen Roman unvergesslich werden zu lassen ? All diese Fragen dürften ab sofort nicht mehr unbeantwortet bleiben. « Zehn Gebote des Schreibens » ist ein äusserst kompaktes kleines azurblaues Brevier, das keineswegs ein klassisches Handbuch über das Schreiben ersetzt, sondern sich als kleine Trickkiste 42 deutschsprachiger und internationaler Autoren entpuppt.

Wichtig ist vorab zu bemerken, dass dies keine allgemeingültigen, sondern eher sehr persönliche Richtlinien für das Schreiberhandwerk sind. Hier verraten uns bekannte und erfahrene Autoren ihre « zehn Gebote des Schreibens ».

Margaret Atwood reist sehr viel, deshalb : « Packe einen Bleistift ein, wenn du im Flugzeug schreiben willst, Füller laufen aus. Sollte der Bleistift abbrechen, kannst du ihn aber nicht anspitzen, da man im Flieger kein Messer mitnehmen darf. Deshalb : Nimm zwei Bleistifte mit. »

Für Andrea De Carlo ist es unter anderem sehr wichtig, dass das Leben und somit auch die Literatur abwechslungsreich bleibt : «Dulde keine Langeweile. Selbst die diszipliniertesten Schriftsteller brauchen Anregung in ihrem Privatleben. Langweilige Ehen, Beziehungen, Alltagsabläufe, Umgebungen führen unausweichlich zu langweiligen Romanen. Das Leben muss sexy bleiben. »

Moderne Technik ist nicht immer eine Garantie für den Schreiberfolg, deshalb bemerkt Jonathan Franzen vielleicht nicht zu unrecht : « Es darf bezweifelt werden, dass jemand mit Internetanschluss am Arbeitsplatz gute Romane schreibt.»

Doch was macht ein Schriftsteller, wenn er nicht schreiben kann, vor dem leeren Blatt sitzt und der Einfall einfach nicht kommen will. Da ist Thomas Glavinic ganz pragmatisch : «Wenn dir nichts einfällt, schreibe nichts. Eine Idee, auf die du selbst gekommen bist, ist meist nicht viel wert. Du musst auf eine Idee warten, die dich heimsucht, wenn du am wenigsten damit rechnest.»

Hakan Nesser findet die Gesellschaft eines Hundes beim Schreiben sehr angenehm, trotzdem sollte man folgendes beachten : «Lies deinem Hund niemals laut vor, was du während des Tages geschafft hast, bevor du ihn nicht anständig gefüttert hast. »

Sehr wichtig ist natürlich auch die Angst bezüglich der Literaturkritik. Sie sollte den Schriftsteller nicht schon beim Schreiben belasten, deshalb gehört für Cees Nooteboom das folgende Gebot zu seinen TOP 10: « Verschwende deine Gedanken nicht an Rezensenten. »

Es ist ein wahres Vergnügen und natürlich auch eine Bereicherung für jeden schreibenden und nicht schreibenden Leser, diese Auswahl verschiedenster « zehn Gebote » zu studieren. Wobei man sicherlich so manchen Ratschlag nicht immer allzu ernst nehmen sollte. Alle Autoren, die übrigens im Anhang mit einer Kurzvita vorgestellt werden, haben sehr unterschiedliche Regeln und Strategien, auch wenn sich manche ein klein wenig zu ähneln scheinen. Doch ein Gebot ist das Wichtigste, denn hier sind sich alle hier präsentierten 42 Schriftsteller einig : Lesen, Lesen und nochmal Lesen ! Juli Zeh ist der gleichen Meinung allerdings mit einem nicht ganz unbedeutenden zusätzlichen Hinweis : « Lies viel. Aber nicht die Bücher von Leuten, die es besser können als du. Das kannst du wieder machen, wenn dein Roman fertig ist.»

Geniessen Sie dieses wunderbar anregende Büchlein und tauchen Sie ein in die geheime Welt des Schreibens! Sie werden kurzweilige und bereichernde Momente erleben und selten so viel Freude an ganz besonderen Ratschlägen haben. Nutzen Sie die weissen leeren Blätter am Ende des Büchleins und schreiben Sie Ihre ganz persönlichen « Zehn Gebote » auf. Und wer weiss, vielleicht wird nach dieser besonderen Lektüre aus Ihnen, verehrter Leser, noch ein angesehener Schriftsteller…

Durchgelesen – „Umgang mit Grössen“ v. Walter Kempowski

„Umgang mit Grössen“ von Walter Kempowski ist ein ganz besonderes Buch – eine Miniatur-Biographien-Galerie über Schriftsteller. Deshalb sollte man auch den ergänzenden Untertitel „Meine Lieblingsdichter – und andere“ nicht unerwähnt lassen.

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 geboren und starb am 5. Oktober 2007 in Rotenburg an der Wümme. Er ist einer der bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit und wurde durch seine autobiographischen Romane „Tadellöser & Wolff (1975) und „Ein Kapitel für sich“ (1979) berühmt. Das besondere Stilelement in den Werken Kempowskis ist die Kunst der literarischen Collage, das eine Art Vermischung und Aneinanderreihung von Liedtexten, Zitaten, Reklameschriften und Berichten von Zeitzeugen beeinhaltet. Nicht alle seine Werke sind in diesem Stil geschrieben, aber das grösste Oeuvre – „Das Echolot“ -, ist in dieser Form angelegt, welches 1993 beginnt und nach 12 Jahren endgültig mit dem zehnten Band komplett veröffentlicht wurde. Es war ein literarisches Event und gleichzeitig auch sein krönender Abschluss. Zwischen 1997 und 1999 schrieb Walter Kempowski im Rahmen einer Auftragsarbeit der „Welt am Sonntag“ kleine Autoren-Biographien, die er für ein Projekt 2002 vorbereitet hatte. Jetzt erscheint glücklicherweise aus dem Nachlass und durch den Einsatz des langjährigen Wegbegleiters Karl Heinz Bittel dieses wunderbare Projekt in Buchform.

Über 90 Biographien auf 280 Seiten öffnen Türen zu Lebenswelten bereits verstorbener und noch lebender Dichter. Ein Panoptikum, das ihres Gleichen sucht vor allem was die Prägnanz betrifft. Sicherlich kann man sich fragen, was erfährt man auf gerade mal zwei bis drei Seiten über einen Autor? Doch die Länge einer Biographie sagt eben noch lange nichts aus über die eigentlich wichtigen Informationen. Walter Kempowski wird hier zum Plauderer und lässt uns ganz ungeniert daran teilhaben, was er so über seine Schriftstellerkollegen denkt.

Die Auswahl seiner Lieblingsdichter und auch der sogenannten Anderen, wie wir bereits aus dem Untertitel leicht ironisch herauslesen können, ist genial. Denn wer würde zwischen hoch literarischen Autoren wie beispielweise  Honoré de Balzac, Truman Capote, William Faulkner, Johann Wolfgang von Goethe, Marcel Proust und Leo Tolstoi einen Bestsellerautor wie Heinz G. Konsalik oder Johannes Mario Simmel erwarten. Und genau diese Mischung macht dieses Buch so unglaublich lebendig und spannend.

Kempowski interessiert sich nicht nur für das bereits vielen Lesern bekannte und in klassischen Biographien beschriebene Leben dieser Autoren, nein er ist neugierig auf Kuriositäten, Macken und Marotten dieser Schreibkünstler. Er findet die zum Teil ungewöhnlichen Ess- und Trinkgewohnheiten mancher erwürdiger Literaten mehr als amüsant. Er hat einen Faible für die verschiedenen Bärte und die Bekleidung. Aber auch die unterschiedlichen Malheurs und Todesarten seiner Dichterfreunde lassen ihn aufmerksam werden.

Dieses Buch ist aber auch ein Wunderwerk an privaten Erlebnissen und ein Sammelsurium origineller Dichteranekdoten. Er schreibt bespielsweise über eine Begegnung mit Thomas Bernhard, als dieser extra aufgestanden war, als er an seinen Tisch trat und er damit nicht nur sein vernarbtes Gesicht, sondern auch Bernhards neue Cordhose gesehen hat. Fjodor Dostojewski war für Kempowski ein sehr wichtiger Schriftsteller, mit dem er eine gemeinsame Erfahrung teilte: sie haben beide in Sibirien gesessen, als Angehörige eines revolutionären Kreises. Aber auch die französischen Autoren haben es ihm angetan und er bedauert es immer sehr, dass er seine Werke nicht im Original lesen kann. Doch Gustave Flaubert bewundert er noch aus einem anderen Grund:

„Gustave Flaubert «der Heilige des Romans», der «Kunstmönch», der Wegbereiter des L’art pour l’art? Für mich ist er zuerst der Mann mit dem schönen Schnurrbart, der als Glückspilz antrat: Er zog nämlich die richtige Nummer und entging dem Militärdienst.“

Walter Kempowski erklärt wirklich aus seinem ganz persönlichen Blickwinkel, was ihn an einem Autor interessiert oder nicht, welchem Autor er sehr nahe ist, und welcher einfach Glück hatte, auf Bestsellerlisten zu stehen und Preise zu bekommen, die er vielleicht seiner Ansicht nach nicht verdient hätte. Kempowski würde sich nie ein Foto von Hesse auf seinen Schreibtisch stellen, da ihm sein Äusseres nicht so gefällt, dagegen findet er ein Bild von Thomas Mann „erwärmend“. Er verehrt James Joyce, zieht den Hut vor dem Auflagen-Erfolg des Schriftstellers Heinz G. Konsalik und als Lieblingsautor nennt er immer zur Verblüffung der Journalisten die französische Autorin und Wegbereiterin des „nouveau roman“ Natalie Sarraute, die in Deutschland nur sehr wenige kennen.

„Umgang mit Grössen“ ist eine Art literarisches Biographie-Lexikon, was sich durch eine unglaublich brutale Subjektivität von Seiten Walter Kempowskis, aber auch durch feinfühlige und gleichzeitig respektlose Verehrung und Bewunderung seiner „Lieblingsdichter  – und andere“ auszeichnet. Jede einzelne Miniatur-Biographie ist wie das „Amuse gueule“ eines grossen bevorstehenden Menus. Walter Kempowski macht Appetit auf mehr, auf das ganze Dichterleben, auf alles, was diese Schriftsteller zu bieten haben. Welch eine grosse Freude, dass nun endlich dieses Buchprojekt nach fast zehn Jahren realisiert wurde und dass wir uns als anspruchsvoller Leser mehr als glücklich schätzen können, diese beeindruckende Sammlung berühmter Dichter-Lebensgeschichten von Walter Kempowski in den Händen halten zu dürfen.

„Umgang mit Grössen“ ist ein wahrlich sensationelles Buch, vor allem für den interessieren Leser, der wenig Zeit hat und trotzdem das Besondere wissen möchte. Selten waren Biographien so kurzweilig, bissig und amüsant wie hier. Probieren Sie es aus! Sie werden sich festlesen und sofort erkennen, warum hier in der Kürze, die Würze liegt!

Marcel Proust – Zitat

„In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können.“

Durchgelesen – „Airport“ v. Alain de Botton

„Airport – Eine Woche in Heathrow“ ist kein Roman, sondern eine philosophisch literarische Auftragsarbeit, die Alain de Botton von einer Firma, die Flughäfen besitzt, angeboten bekam. Selten, dass sich Flughafenbetreiber für Literatur interessieren, doch in diesem Fall traf es zu. Die Firma lud einen Schriftsteller zu einer Woche Aufenthalt im neu gebauten Terminal 5 ein. Und somit wurde Alain de Botton – Philosoph und Schriftsteller –  der erste „Heathrows Writer-in-Residence“. Gemeinsam mit dem berühmten Fotografen Richard Baker hatte Botton nun freien Zugang zum gesamten Bereich des Terminal 5, zu den Shops, zu den Lounges und vor allem auch zu den Bereichen hinter den Sicherheits-absperrungen. Einquartiert im Flughafenhotel für sieben Tage nahm dieses Abenteuer nun seinen Lauf.

Alain de Botton beobachtet wohlwollend die Vorgänge auf dem Terminal. Mit Charme und Leichtigkeit beschreibt er die alltäglichsten Gegebenheiten, die Begegnungen mit Reisenden, die Freude bei den Wartenden, die Ungeduld bei den Abfliegenden. Er taucht ein in die kleine und gleichzeitig grosse Welt zwischen Check-in-Bereich und Duty-Free. Er spricht mit Personal, Chefs und Seelsorgern und er freut sich sehr über seinen Arbeitsplatz: ein Schreibtisch, der sich in der Mitte eines Abschnitts des Terminals 5 befand:

„Für die meisten Besucher des Terminals aber war der Tisch eines Schriftstellers wie eine offene Herausforderung, sich ihrer Umgebung mit grösserer Phantasie und Aufmerksamkeit zuzuwenden und genauer auf jene Empfindungen zu achten, die der Flughafen in ihnen hervorrief, mit denen sie sich jedoch in ihrer Hektik auf dem Weg zum richtigen Flugsteig nur selten näher befassen konnten.“

Von Seite zu Seite spürt man immer intensiver den Flughafenbetrieb. Der Leser  verschwindet quasi im Terminal 5, überlegt, ob er nun abfliegen, ankommen oder lieber einkaufen gehen soll. Er lernt die vetraute Putzfrau kennen, den Schuhputzer und den Vorstandschef einer der grössten Fluggesellschaften. Man möchte am Liebsten eine Woche im Flughafenhotel verbringen und sich auch mitten in ein Terminal setzen – umgeben von Lärm, Getöse und Tumulten – und nur beobachten, mit den Leuten sprechen und bleiben!

Das Buch ist ein kluges und witziges Gesellschaftsessay, das sich durch eine unglaubliche Beobachtungsschärfe und Sensiblität auszeichnet. Ein kleines schmales beeindruckendes Werk, ergänzt mit wunderbaren Momentaufnahmen des Fotografen R. Baker,  für Vielflieger, Gelegenheitsflieger und alle, die sich für besondere Orte und Menschen interessieren.

Robert Gernhardt – Gedicht

„Leiden und Leben und Lesen und Schreiben“ von Robert Gernhardt

Ich will alles sagen dürfen,
Wort aus jeder Wunde schürfen:

Scheiss der Hund drauf, das Gelingen
lässt sich einfach nicht besingen.

Wer will vom Gelingen lesen?
Höchstens reichlich flache Wesen.

Lieber sprech ich doch zu jenen,
die sich nach was Tiefem sehnen.

Die, wenn die Geschäfte laufen,
gerne etwas Schicksal kaufen.

Seiten voller Schmerz und Wunden
adeln allzu satte Stunden.

Verse voller Pein und Leiden
nützen letzten Endes beiden:

Die da bluten, die da blättern,
beide sehnen sich nach Rettern.

Deshalb muss es beide geben,
die da leiden, die da leben.

Die da lesen, soll man rühren
weiter sowie höher führen.

Und die andern, wir, die schreiben,
sollten auf dem Teppich bleiben.

Durchgeblättert – „Schriftsteller und ihre Hunde“

Das ist ein ganz besonders schönes Bilderbuch für Literaten und für Hundeliebhaber. Jürgen Christen, Journalist und Hundebesitzer, stellt in diesem Buch die „Musen auf vier Pfoten“ vieler sehr bekannter Schriftsteller und Schriftstellerinnen vor. Es gibt oft eine sehr enge Bziehung zwischen Hund und  Autor, von dieser scheint’s beide unheimlich profitieren. Vorallem die wortlose Kommunikation zwischen den „vierpfotigen Musen“ und den Poeten ist von ausserordenlicher Bedeutung.

Ernst Jandl hat seinen Mops in dem Gedicht „ottos mops“ verewigt. Günter Grass seinem Hund Kara den Nobelpreis erklärt und sein dritter Band der Danziger Trilogie „Hundejahre“ (1963) gehört zu seinen wichtigsten Werken. Thomas Mann wurde von seinem Schäferhundmischling Bauschan für die Erzählung „Herr und Hund“ inspiriert. Truman Capote konnte nicht ohne seiner Bulldogge leben. Juli Zeh hat ihren Hund Otello zum Autor gemacht mit dem Buch „Kleines Konversationslexikon für Haushunde“. John Steinbeck tourte mehrere Monate lang mit seinem Königspudel Charley durch die USA ….

Es bereitet ein grosses Vergnügen Hunde und ihre literarischen Herrchen kennenzulernen und in ein Stück ihrer privaten Welt einzutauchen.