Johann Peter Hebel – Gedicht

Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz
traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zu Zeiten.

Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch e wir’s bitten,
ist für Throne und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.

War’s nicht so im alten Jahr?
Wird’s im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder
und kein Mensch wird’s wenden.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage,

jedem auf dem Lebenspfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!

Durchgelesen – „Nachsaison“ v. Philippe Besson

Edward Hopper (1882 – 1967) gehört zu den bekanntesten Malern des amerikanischen Realismus. Berühmt durch seine Bilder, die den einzelnen Menschen in Hotels, Bars oder vor Hausfassaden darstellen, und vor allem durch sein ganz aussergewöhnliches « Licht » wird so manche zwar stille, aber trotzdem intensive « Betonung » dieser wahrlich einsamen Situtation meisterhaft herausgearbeitet. Aktuell kann man noch bis 28. Januar 2013 diesen Künstler und sein Werk in einer glanzvollen Retrospektive im Pariser Grand Palais bewundern. Diese Ausstellung ist ein wunderbarer, ja wahrlich perfekter Anlass den bereits 2002 in Frankreich und 2007 in Deutschland erschienen Roman « Nachsaison » von Philippe Besson zu entdecken.

Inspiriert durch –  man könnte mit absoluter Sicherheit sagen – das populärste Gemälde des 20. Jahrhunderts, « Nighthawks » (Nachtschwärmer) von Edward Hopper, erzählt Philippe Besson eine ganz besondere, in gewisser Weise auch schmerzvolle und  melancholische, aber trotzdem emotional äusserst fesselnde Liebesgeschichte. Philippe Besson (geb. 1967) kennen wir bereits durch seinen zuletzt in deutscher Übersetzung veröffentlichten Roman « Venice Beach ».

Wenn wir uns kurz das Gemälde « Nighthawks » ins Gedächtnis rufen, welches Edward Hopper – nachempfunden einem Restaurant an der Ecke Greenwich Avenue in New York – 1942 gemalt hat, erkennen wir auf dem Bild eine Bar, die nachts durch ihr Neonlicht kühl und klar inszeniert wird. Zwei Männer mit Anzug und Hut und eine Frau mit einem roten Kleid sitzen bzw. stehen an der Bar. In der Mitte arbeitet ein weiss gekleideter Barkeeper. Der Betrachter des Bildes sieht von Aussen auf diese Bar und kann sich jederzeit eine eigene Geschichte dazu ausdenken. Doch diese « Aufgabe » übernimmt in diesem Fall Philippe Besson :

Der Roman spielt an einem Sonntagabend im September in der sogenannten « Nachsaison » in der Bar des kleinen Städtchens namens Cape Cod, das ca. eine Stunde Fahrtzeit mit dem Auto von Boston entfernt liegt. Wie auch auf dem Gemälde von Hopper zu erkennen, heisst diese Bar « Phillies », wie die Besitzerin hier in Bessons Roman. Wir treffen als erstes Louise, die Frau mit dem roten Kleid. Obwohl sie hier Stammgast ist, sitzt sie dem Barkeeper Ben anfangs nur schweigend gegenüber:

« Trotzdem hat Ben sie nicht beachtet, als sie hereinkam. Ben beachtet sie seit Jahren nicht mehr. Seit wann genau ? Er hat sich so an sie gewöhnt, dass er sie seiner Meinung nach nicht mehr zu beobachten braucht. Er kennt sie so gut : Was würde er sehen, was er nicht schon gesehen hat ? Und ausserdem, zwischen ihr und ihm geht es nicht um Verführung, das ging es im übrigen nie, sondern um Einverständnis. »

Louise schreibt Theaterstücke und ist inzwischen eine berühmte Autorin. Sie trinkt wie immer einen weissen Martini und wartet auf ihren Liebhaber Norman, der verheiratet ist und sich heute von seiner Frau trennen will bzw. soll. Über kurz oder lang entsteht doch eine kleine Konversation mit Ben über ihr letztes Werk. Währendessen betritt vollkommen überraschend Stephen (Rechtsanwalt in Boston) die Bar. Es war ihr früherer Geliebter, den sie nun zum ersten Mal fünf Jahre nach ihrer Trennung wiedersieht :

« Stephen hat regelmässig an Louise gedacht. Obwohl mit Rachel verheiratet, Vater zweier reizender Jungen und stark in seinem Beruf eingespannt, hat er nie aufgehört, an sie zu denken. »

Louise ist überrascht und verwirrt. Es werden Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Beziehung wachgerüttelt und es kommen alte emotionale Verletzungen ungefiltert zum Vorschein. Erstaunlicherweise stehen sich die Beiden im Laufe der unterschiedlichen Rückblicke mit einer ganz neuen Offenheit gegenüber, die neue, unbekannte und vor allem unerwartete Gefühle entstehen lässt, die jedoch nicht unbedingt von dem jeweilig Anderen auch erwidert werden können. Und während all dieser doch nicht ganz unaufregenden Wiederbegegnung, dürfen wir vor allem Norman nicht vergessen, der ja eigentlich Louise in der Bar treffen wollte, um ihr eine frohe Botschoft zu verkünden. Doch er meldet sich zweimal nur per Telefon und kommt nicht…

Philippe Besson hat dieses legendäre « Bar-Gemälde » von Edward Hopper zu seinem erzählerischen Ausgangspunkt gemacht. Die vier Personen, wie auch bei Hopper, erhalten hier zum ersten Mal konkrete Namen. Der einzelnen Mann an der Bar mit dem Rücken zum Betrachter tritt im Roman nur zeitweise auf und ist ein alter Fischer. Der Mann im Anzug mit Hut neben der Dame in Rot (hier Louise) ist Stephen der Anwalt. Und so wird auf einmal dieses so faszinierende Kunstwerk von Hopper sehr lebendig. Der Erzähler dieser Geschichte steht wir der Kunstbetrachter vor diesem Bild und beschreibt die Situation, aus welcher dieses intensive, irgendwo auch dramatisch kühle, aber trotzdem sehr feinsinnige literarische « Gemälde » entstanden ist.

Edward Hopper fängt diese einzigartige « schweigende » Stimmung durch seine unvergleichliche « Lichttechnik » ein. Philippe Besson macht dies genauso raffiniert mit seinen dosiert gesetzten direkten Reden der « Darsteller », die wie ein kurzer « Lichtspot » auf die einzelnen Beobachtungsmomente des Erzählers einwirken und somit eine gleich starke Sogwirkung entsteht wie bei diesem magischen Bild.

Jetzt bleibt nur zu wünschen, dass Sie, verehrter Leser, vielleicht noch aktuell in der Pariser Ausstellung oder bei einem anderen Kunstevent die Gelegenheit haben werden, Hoppers beeindruckendes Werk zu bewundern. Zur Einstimmung oder auch zum künstlerischen Nachgenuss sollte jeder kunst- und kulturbegeisterte Leser diesen Roman « erlebt » haben.

« Nachsaison » ist einer der wenigen von der Kunst inspirierten Romane, der nach der Lektüre so richtig Lust auf Kunst und in diesem Fall auf Edward Hopper macht, da dieses Buch einfach genau so schön ist wie das berühmte Gemälde!

Durchgelesen – „Silbermann“ v. Jacques de Lacretelle

«Silbermann» ist ein kleines ganz grosses Werk eines in Deutschland bis jetzt eher unbekannten Autors. Ein Buch, das als bedeutender Klassiker des «Antisemitismus» und gleichzeitig als einer der aussergewöhnlichsten und schönsten Schülerromane bezeichnet werden kann.

Jacques de Lacretelle wurde am 14. Juli 1888 auf dem Schloss Cormatin in der Region Saône-et-Loire geboren. Nach dem Tod seines Vaters wurde er vom Grossvater aufgezogen, der sich sehr um seine Bildung kümmerte. Er ging aufs Gymnasium und studierte später an der Universität in Cambridge. Aufgrund gesundheitlicher Probleme widmete er sich während des ersten Weltkriegs bereits den Schönheiten der Literatur. Befreundet mit Marcel Proust, André Gide und Anatole France begann er seine literarische Karriere im Alter von 32 Jahren. 1922 veröffentlichte er seinen Roman «Silbermann» bei Gallimard und erhielt dafür sofort einen der wichtigsten französischen Literaturpreise den «Prix Femina». Im Jahre 1936 wurde er als Mitglied in die berühmte «Académie française» gewählt, der er 48 Jahre lang bis zu seinem Tod am 2. Januar 1985 angehörte. Jacques de Lacretelle schrieb eine Fülle von unterschiedlichster Bücher, unter anderem auch einen Roman über die weibliche Homosexualität («La Bonifas»). Doch letztendlich blieb «Silbermann» sein Hauptwerk, welches wir nun nach einer Erstübertragung aus dem Französischen von 1924 – dank der herausragenden Neu-Übersetzung von Irène Kuhn und Ralf Stamm – in einer edel und künstlerisch hochwertig gestalteten Ausgabe neu oder wieder entdecken dürfen.

Der Roman «Silbermann» spielt in Paris. Der Erzähler ist ein junger Mann im Alter von ca. 15 Jahren und besucht die 3. Klasse (entspricht in Deutschland etwa der 9. Klasse Gymnasium). Er wächst behütet in einer Familie auf, die protestantisch konservativ und emotional eher kühl distanziert ist. Sein Vater arbeitet als Richter und seine Mutter kümmert sich um Wohltätigkeits-veranstaltungen in der Pariser Gesellschaft. Obwohl er im bourgeoisen 16. Arrondissement wohnt, lebt er mit seiner Familie eher bescheiden und nicht allzu pompös.

Die Ferien, die er immer bei seinen Grosseltern auf dem Land bei Aiguesbelles verbringt, sind vorbei und das neue Schuljahr beginnt. Der Ich-Erzähler lernt einen Jungen kennen, der neu in seiner Klasse ist. Er heisst David Silbermann, ein – wie es bereits den ersten Eindruck macht – hochbegabter Schüler, der sogar eine Klasse übersprungen hat. Der Erzähler – bis jetzt noch mit seinem Klassenkameraden Philippe Robin (Sohn einer sehr bekannten Familie des Pariser Bürgertums) befreundet – ist tief beeindruckt vom Wissen und von der Intelligenz Silbermanns. Wie er Szenen aus Racines Iphigenie mit Hingabe und Feinfühligkeit rezitiert, beeindruckt den Erzähler tief. Doch der Eifer von Silbermann stösst in der Schule nicht nur auf positive Stimmen.

Per Zufall treffen sie sich eines Morgens in einem kleinen Parkstück im Wohnviertel des Erzählers. Silbermann wirkt zuerst etwas verängstigt. Doch im Laufe des Gesprächs ändert sich der Gesichtsausdruck immer mehr, und man spürt die Erleichterung und Freude. Silbermann zeigt seinem Klassen-kameraden seine neueste Literaturentdeckung und liest ihm verschiedene Verse vor. Sie diskutieren unter anderem über Jean de La Fontaine und Victor Hugo. Er schwärmt von seiner Bibliothek und lädt ihn ein, mit zu ihm nach Hause zu kommen und sich jederzeit Bücher bei ihm ausleihen zu können. Der Erzähler bleibt jedoch etwas zurückhaltend. Doch Silbermann versucht ihn zu überzeugen und nimmt seine Hand:

« Silbermann ergriff sie, hielt sie fest und blickte mich mit einem Ausdruck von Dankbarkeit an. Dann sagte er mit unendlich sanfter Stimme:

„Ich bin froh, sehr froh, dass wir uns getroffen haben… Ich hätte nicht gedacht, dass wir Freunde werden könnten.“ „Warum nicht ?“ fragte ich und war aufrichtig erstaunt.
„In der Schule hab ich dich immer mit Robin gesehen, und da er in diesem Sommer einen ganzen Monat lang kein Wort mit mir reden wollte, dachte ich, dass auch du …  Sogar im Englischunterricht, wo wir ja nebeneinandersitzen, habe ich mich nicht getraut …“

… Ich tat, als hätte ich ihn nicht verstanden, und stammelte lächelnd:

„Das ist doch Blödsinn … Warum dachtest du … ?“ 
„Weil ich Jude bin“, unterbrach er mich brüsk und in einem so seltsamen Ton, dass mir nicht klar war, ob das Bekenntnis ihm schwerfiel oder ihn mit Stolz erfüllte. »

Silbermann ist fasziniert von der Literatur. Er ist insgesamt ein Verehrer der gesamten französischen Kultur und will nichts mehr, als ein französischer Jude sein zu können. Er engagiert sich sehr, doch in der Klasse ist er immer mehr von Feinden umgeben. Sein Freund (Ich-Erzähler) versucht soweit es geht, ihm zu helfen, ihn zu unterstützen und für ihn da zu sein. Er kündigt seine Freundschaft zu Philippe auf und kümmert sich nur noch um Silbermann. Gleichzeitig profitiert er von Silbermann’s Intelligenz und geniesst die Nachmittage in dessen Bibliothek. Doch die Situation für Silbermann verschlechtert sich mehr und mehr.

Der dramatische Höhepunkt in diesem Roman wird erreicht, als Silbermann’s Vater, der als Antiquitätenhändler arbeitet, wegen angeblichen Betrugs und Diebstahls verhaftet wird. Obwohl er von der Unschuldigkeit seines Vaters überzeugt ist, geht das Mobbing weiter. Denn die Polizei ist anderer Meinung, von der Presse ganz zu schweigen. Und zu allem Übel kommt noch hinzu, dass der zuständige Untersuchungsrichter der Vater des Erzählers ist. Silbermann fleht bei seinem Freund um Hilfe, dass dieser dessen Vater (Richter) von der Unschuld seines Vaters überzeugt. Der Erzähler setzt sich für seinen Freund ein, spürt aber die unabweichliche antisemitische Einstellung seiner Eltern. Er kann nichts erreichen. Sogar die Freundschaft zu Silbermann wird ihm von seinen Eltern verboten, doch lässt der Erzähler es soweit kommen …?

« Silbermann » ist nicht nur ein unglaublich schöner und fesselnder Schülerroman, der ohne schnoddrigen Jugendjargon auskommt, sondern eine mit elegant geschriebener Feder erzählte Geschichte zweier sehr unterschied-licher Jungen. Der eine – Silbermann – mehr als gebildet, ehrgeizig, aber auch sensibel, emotional und « sehr gewieft ». Wir lernen durch ihn die französische klassische Literatur kennen und lieben, sind von seiner Art vollkommen angetan, manchmal auch ein wenig überfordert, doch letztendlich tief beeindruckt. Der Andere – Erzähler – Sohn eines bedeutenden Richters, protestantisch, korrekt, zurückhaltend, hilfsbereit und missionarisch. Er zeigt selten Gefühle und ist wesentlich weniger belesen, raffiniert und kämpferisch.

Jacques de Lacretelle hat diesen Roman in einer Zeit geschrieben, wo die Thematik des Antisemitismus bereits präsent war, aber nicht im Geringsten den Höhepunkt erreichte, den wir uns jemals im Laufe der Geschichte vorzustellen gewagt hätten. « Silbermann » ist ein sehr eindringlich erzähltes Werk, das versucht die Fragen nach Moral, Identität und Anerkennung in der Gesellschaft, in diesem Fall in der französischen Gesellschaft, zu diskutieren und teilweise zu beantworten. Jacques de Lacretelle schreibt mit sehr hohem stilistischen Anspruch, so dass dieser Roman keinesfalls mit den uns bekannten Schülerromanen wie beispielsweise « Das fliegende Klassenzimmer » zu vergleichen wäre. Es ist eben doch mehr ein Werk, das nicht nur für Schüler, sondern für jeden kulturpolitisch interessierten Menschen zur Pflichtlektüre werden sollte. Es beschreibt mit seinen Hauptfiguren die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Religionsfreiheit und macht auf die zeitlose Aktualität des weitestgehend schwierigen Thema’s  – Antisemitismus –  aufmerksam.

Das besondere an diesem Werk ist die intensive Sichtbarkeit des Wunsches nach vollkommener Anerkennung, welche Silbermann – trotz der grossen körperlichen und seelischen Leiden, die er ständig ertragen muss – nie aufhört zu erreichen versucht. Jacques de Lacretelle kann diese fast schon unbeugsame Kraft des immer ständigen Kampfes durch seine wunderbar schnörkellose, sehr distinguierte und gleichzeitig extrem spannungs-erzeugende Sprache mehr als deutlich machen. Diese literarische Kunst zieht den Leser nicht nur in seinen Bann, sie gibt ihm auch Raum, das Thema « Antisemitismus » wieder neu zu überdenken und lässt uns gerade deshalb mit vielen offenen Fragen zurück. Aber genau diese raumgebende Freiheit zur Selbstreflexion ist es, was dieses Buch so aussergewöhnlich macht.

« Silbermann » ist ein absoluter Klassiker und gehört zu den wenigen ganz besonders wertvollen literarischen Neu- bzw. Wiederentdeckungen und sollte aus diesem Grund in keiner guten Bibliothek, ob privat oder öffentlich, fehlen.