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Durchgelesen – „Die Rückkehr der Jungfrau Maria“ v. Bjarni Bjarnason

Glauben Sie an Wunder ? Wie auch immer Sie diese Frage beantworten werden, ob mit ja oder nein, Sie sollten sich keinesfalls diesen unglaublich schrägen und ja wahrlich wundersamen Roman von Bjarni Bjarnason entgehen lassen. Denn was könnte es Spannenderes und Verrückteres geben, als « Die Rückkehr der Jungfrau Maria » mitzuerleben!

Bjarni Bjarnason wurde am 9. November 1965 in Reykjavik (Island) geboren. Sein erstes Buch – ein Lyrikband – erschien 1989. Inzwischen hat B. Bjarnason bereits mehr als 12 Bücher veröffentlicht. Sein Werk wurde mit dem Tomas-Guomundsson-Literaturpreis und dem Halldor-Laxness-Preis ausgezeichnet. Zum ersten Mal dürfen wir nun – dank der grandiosen Übersetzung von Tina Flecken – eines seiner Werke auf Deutsch entdecken: « Die Rückkehr der Jungfrau Maria ». Der Roman erschien bereits 1996 auf Isländisch und wurde im gleichen Jahr für den Isländischen Literaturpreis nominiert.

Die ungewöhnliche Geschichte wird aus der Sicht von Michael von Blomsterfeld in der Ich-Form erzählt. Michael Blomsterfeld ist der Enkel des berühmten und angesehenen Theologen Johannes von Blomsterfeld. Leider musste dieser aufgrund seiner mehr als prophetischen Schriften und Lehren, sein Amt an der Universität niederlegen. Somit war für Michael – obwohl er durch den Einfluss seines Grossvaters – immer auch ein Wissenschaftler werden wollte, klar, dass er nicht die gleiche Laufbahn wie sein Grossvater einschlagen würde. Er entdeckte durch seine Privatlehrer und ganz besonders durch Samuel Wallenda das Reiten und das Turnen. Doch noch mehr gefielen ihm die Tricks und Techniken, die er von ihm lernte. Samuel Wallenda hatte nämlich in einem Zirkus gearbeit und das faszinierte Michael auf besondere Weise und er entwickelte eine wahre Zirkusleidenschaft. Somit ist es nicht im Geringsten verwunderlich, dass er – als er 17 Jahre alt war und sein Grossvater starb – in den Zirkus ging, der Samuel gehörte.

Nach sieben Jahren kehrt Michael wieder zurück in das Haus seines Grossvaters und entdeckt beim Stöbern in einer Geheimschublade ein kleines handgeschriebens Buch mit dem Titel :

« Die Rückkehr der Jungfrau Maria
Niedergeschrieben nach Traumvisionen
von Johannes von Blomsterfeld »

Und dann lernen wir Maria kennen. Sie stellt mit Entsetzen fest, dass sie ab dem Zeitpunkt, als sie in die Pubertät kam, kein Spiegelbild mehr hatte:

« Das ist ja seltsam, ich habe mich bisher im Spiegel gesehen. Sie probierte es mit einem anderen Spiegel, aber ohne Erfolg. Sie schaute auf ihre Hände, an ihrem Körper herunter – alles von ihr war da, genauso sichtbar wie immer. Was war geschehen ?
Vielleicht bin ich in dem Moment gestorben, als ich in die Pubertät kam, und jetzt bin ich ein Geist.
Sie begann, nach ihrer eigenen Leiche zu suchen, aber die war nirgends. Und ihr Spiegelbild erschien nicht, wie sehr sie auch versuchte, den Spiegel zu überlisten.
Ich muss für alle unsichtbar geworden sein, ausser für mich selbt. »

Sie war vollkommen verwirrt und versuchte bei ihrem Vater eine Erklärung zu finden. Dieser beruhigte sie dahingehend, dass sie einfach viel zu schön sei, um ein Spiegelbild haben zu können. Maria hatte trotzdem Angst, vor allem wenn andere Leute davon erfahren. Es sollte ein Geheimnis zwischen ihrem Vater und ihr bleiben. Doch leider kam es ganz anders :

Maria war eine hervorragende Theologiestudentin, schrieb bereits mit 21 Jahren ihre Doktor-arbeit. Bei den letzten Korrekturen verspürt sie plötzlich einen eigenartigen Schwindel, sie versucht sich mit kalten Wasser wieder aufzupeppen, doch dann stellt sie mit Erstaunen fest, dass alle von ihr beschriebenen Seiten leer waren. Nichts war mehr da, weder Notizbücher, Tagebücher, alles Geschriebene war verschwunden, in Luft aufgelöst. Sie wendet sich an ihren Lehrer und erklärt ihm die Situation. Maria hat Angst vor dem bevorstehenden Rigorosum, das sie am Liebsten absagen würde, doch es findet ein paar Tage später statt. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Dissertation weg war, doch die Professoren prüften sie und alles verlief bestens, bis der Bischof Jean Sebastian sich einmischte. Für ihn war es unerklärlich, dass Maria eine berühmte Studentin war trotz der verschwundenen Einschreibungsunterlagen für die Universität und es über ihre Arbeiten keinen einzigen schriftlichen Nachweis mehr gab. Er forderte um Aufklärung und er sprach von einem « Wunder » ! Und konfrontierte Maria mit dem Buch « Die Rückkehr der Jungfrau Maria von Professor von Blomsterfeld ». Der Bischof provozierte Maria, die den Inhalt des Buches zu kennen glaubte, ohne es jemals gelesen zu haben. Maria versuchte sich zu verteidigen, betrat das Rednerpult und erzählte eine ganz besondere Geschichte. Doch auch diese konnte die Zuhörerschaft nicht beruhigen und es kam zum Eklat, so dass Maria als Betrügerin « verurteilt » wurde.

Michael von Blomsterfeld verbrachte zwei Monate im Haus seines Grossvaters und stellte den « Zirkusschrank » fertig. Ein ganz besonderes « Möbelstück », das einen kompletten Zirkus darstellte, mit Puppen, die sogar in der Luft Salti schlagen konnten. Er baute dazu noch einen Wagen, damit er mit diesem Zirkusschrank auf Marktplätz fahren konnte und die Zuschauer damit begeistern und beglücken würde. Er hoffte so sehr, mit seinem « Zirkus der Göttlichen Ordnung » ein Patent anmelden zu können und viel Geld damit zu verdienen, um vor allem den Zirkus von seinem Freund Wallenda retten zu können. Michael war gerade mit seinem Zirkuswagen per Zug unterwegs und entdeckt beim Aussteigen auf dem Bahnhof einen grossen Menschenauflauf, der durch eine junge Frau ausgelöst wurde, die – obwohl sie eigentlich Kleider getragen hatte – ihre Nacktheit zu verbergen versuchte:

« Obwohl viele versuchten, die Aufmerksamkeit der Frau zu erlangen, schaute sie mich weiter lächelnd an, bis ich das Gefühl hatte, etwas unternehmen zu müssen. Mein Blick fiel auf meinen Koffer, der mit meinem halb heraushängenden Zauberumhang offen auf dem Bahnsteig lag. Ohne lange nachzudenken, packte ich den Umhang und drängte mich durch die Menschenmenge. »

Und so rettete Michael diese wunderschöne Frau und bot ihr ganz beiläufig noch eine Stelle als Assistentin für seinen « Zwei-Personen-Freiluftzirkus » an. Er stellte sich als Michael von Blomsterfeld vor und sie tat das gleiche mit « Maria » ! Und dann war es geschehen. Michael trifft auf die Maria aus dem Buch seines Grossvaters und das eigentliche von Wundern nur so durchzogene gemeinsame Abenteuer beginnt…

In diesem Roman wird nicht nur Michael, sondern auch der Leser mit einer sagenumwobenen mehr als wundervollen Schönheit konfrontiert, dass man sich die göttliche Jungfrau Maria niemals mehr anders vorstellen und erträumen möchte. Hier ist Maria eine nur von Anmut und Grazie bezaubernde Frau, kein Mütterlein mit Christuskind im Arm. Nein, hier spielen Reize, Eros und Sex eine grosse Rolle.

Bjarni Bjarnason präsentiert uns in seinem mehr als genialen und wahnsinnig skurrilen Roman eine Maria, die auch noch zur selbstbewussten Frau wird, sich nicht unterkriegen lässt, trotz ihrer « Unsichtbarkeit ». Sie kämpft sich in ein wahres Leben hinein, schliesst sich dem idealistischen, aber durchwegs auch zielstrebigen Zirkusliebhaber und Künstler Michael an, lernt sich zu wehren und spürt erstmals wahre Liebe, die jedoch zu grossen unerwarteten Turbulenzen und Gefahren führt.

Mit seiner äusserst poetischen und gleichzeitig auch sehr bildhaften Sprache liefert uns Bjarni Bjarnason nicht nur ein kurioses und gleichzeitig äusserst menschliches Werk über Religion, Wunder und Glauben, sondern fördert und fordert auf atemberaubende Weise auch die Phantasie des Lesers. « Die Rückkehr der Jungfrau Maria » ist ein von Einfallsreichtum, Sprachkunst und subtiler Exzentrik kaum zu überbietendes Werk. Es ist ein wahres, ja besonders kluges « Roman-Wunder », was man unbedingt lesenderweise « erleben » sollte!

Durchgelesen – „Paris. Eine Liebe“ v. Urs Faes

Paris, bekannt und oft erwähnt als Stadt der Liebe, werden wir hier nicht nur als Schauplatz, ja sondern auch als Protagonistin erleben können, die anderen Menschen einen Raum bietet, die gegenwärtige Wirklichkeit mit der Vergangenen zu vergleichen, zu vermischen und neu zu entdecken.

Urs Faes (geboren am 13. Februar 1947 in Aarau) wuchs im Suhrental auf und absolvierte am Klosterinternat Wettingen sein Abitur. Danach studierte er Geschichte, Germanistik, Philosophie und Ethnologie. Unterbrochen durch verschiedene Auslandsaufenthalte in Irland, Nord- und Südamerika, schliesst er 1978 seine Dissertation an der Universität Zürich ab. Er arbeitet als Journalist u.a. beim Tagesanzeiger und der Neuen Zürcher Zeitung und schreibt seine ersten Gedichte und Prosatexte, die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht werden. 1983 erscheint sein erster Roman « Webfehler ». Es folgen Theaterstücke, Hörspiele, Erzählungen und weitere Romane. Geehrt mit vielen Preisen, wie zum Beispiel dem Literaturpreis des Kanton Solothurns 1999 und dem Einzelwerkpreis der schweizerischen Schillerstiftung 2001 und 2008 für den Roman « Liebesarchiv » zählt Urs Faes zu den wichtigsten Schweizer Schriftstellern. Aktuell ist nun seine Erzählung « Paris. Eine Liebe » erschienen !

Wie bereits erwähnt und durch den Titel kaum anders vorstellbar, spielt diese sehr stimmungsvolle und intensive Erzählung in Paris. Wir haben September und genau nach fast dreissig Jahren kehrt Eric in « seine » Stadt wieder zurück, in der er damals Student war.

Er kommt am Gare de l’Est an und wird durch den Lärm und die Hektik irritiert, versucht ohne darüber nach zu denken, in diesem Gewühl nach einem grünen Mantel Ausschau zu halten, den Mantel den Claudine immer getragen hattte. Sie war eine junge Studentin, die ihn faszinierte, in die er verliebt war und die ihn bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr losgelassen hat. Doch heute wird er von André abgeholt. Er hat ihm ein Hotel in der Nähe der Sorbonne organisiert. André hat ihn überzeugt, dass er nach so langer Zeit endlich wieder einmal nach Paris kommt. Eric hat Angst, nicht vor der Stadt, aber vor den Erinnerungen, vor den erlebten Szenen mit Claudine, die ihm hier unbewusst wieder in gewisser Weise fast schon real vor Augen erscheinen werden. Eric ist überrascht, wie sehr sich Paris in den dreissig Jahren verändert hat, doch mit Andrés Hilfe entdecken sich noch den Charme von Früher und die alten Jazzkeller. Doch das Wichtigste für Eric ist, die Wege nachzulaufen und die Orte aufzusuchen, die mit Claudine in Verbindung standen.

Claudine war Eric’s grosse Liebe, er der « Lizentiat in Philosophie, verkrallt in eine Dissertation zur Bedeutung von Hegels Herr und Knecht für den marxistischen Diskurs » und sie eine Studentin mit langem blonden Haar, schmalen Händen und kurzgeschnittenen Nägeln. Claudine zeigte ihm Paris, und wenn er nicht da war, beschrieb sie die Stadt in ihren Briefen und erzählte ihm von ihrer Leidenschaft für Kirchen und Friedhöfe.

Mit André schreitet er die Stationen ab, an denen er mit Claudine liebte, lebte und diskutierte. Die Stadt war wie eine Gesamterinnerung an seine Zeit und an seine Liebe :

« Alles war Paris, eine Liebeserklärung an Claudine, die durch die Rue de Rome gegangen war, ihr fiel das Licht zu, das abendlich mild auf der Strasse traf, den Asphalt sprenkelte. Ihr gehörten die Chansons. Bonjour la vie / Bonjour mon vieux soleil / Bonjour ma mie / Bonjour l’automne vermeil… »

Claudine machte ihn glücklich, ihre Stimme faszinierte Eric und er war berauscht durch ihre Erscheinung und ihre Art. Doch in den Februartagen vor dreissig Jahren war Claudine zwar in Paris, sie hatte jedoch wenig Zeit für ihn und schickte ihn mit ihrem Stadtplan allein durch Paris. Und jetzt geht er wieder allein durch die Stadt, zumindest was Claudine betrifft. André begleitet ihn auf seiner Erinnerungswanderung. Er trifft auf eine ehemalige Concierge in der Rue de Sèvres 88, wo er unter dem Dach in einem Chambre de bonne die « schönsten Jahre seines Lebens » verbracht hat. Auch die Concierge wundert sich :

« Und was sie denn suchten, fragt sie und tritt näher an sie heran.
Das, was zurückgeblieben sei von damals. »

Was nun wirklich zurückgeblieben war, konnte bzw. kann Eric dies noch in „seiner“ Stadt der Liebe, in Paris, finden ? Damals, oft bevor Claudine und Eric in die Metro eingestiegen waren, begann sie einen Satz, ohne ihn je zu vollenden, mit : « Ich muss Dir noch etwas sagen ». Wird Eric noch herausfinden, was sie ihm eigentlich immer und schon sehr lange mitteilen wollte…?

Urs Faes hat dem Leser eine traumhaft schöne Erzählung von gerade mal 65 Seiten geschenkt, die durch die zarten sensiblen Zeichnungen von Nanne Meyer nicht nur ergänzt, sondern auch in ihrer Intensität bestärkt wird. Der Leser spürt mit der unglaublichen Feinfühligkeit der Sprache diesen besonderen Zauber und die unsterbliche Magie von Paris, die sich trotz ihrer Veränderung in den letzten dreissig Jahren auch heute noch wiederfinden lässt. Die Liebe zur Stadt und die Liebe zu Claudine sind fast eins. Es ist wie eine verbindende Liebeserklärung, denn wie Claudine ist auch Paris eine « Frau » : geheimnisvoll, direkt, unangepasst, verrückt, charmant, zart, hart und unberechenbar.

« Paris. Eine Liebe » ist ein literarisches Kleinod an Inspiration, Sprache, Atmosphäre und Gefühl. Urs Faes schreibt wie selbst erlebt. Man erkennt kleine autobiographische Annährungen, entdeckt seine Liebe zur Stadt Paris und zu den Frauen und wünscht sich nach dieser emotional berauschenden Lektüre nichts Sehnlicheres als auf den Spuren von Claudine und Eric durch Paris zu flanieren…!