Durchgelesen – „Das Päckchen“ v. Franz Hohler

Kann ein kleines Päckchen ein eher beschaulich friedvolles Leben durcheinanderbringen? Natürlich! Und wie es das kann, zeigt uns mit seiner wundervollen Erzählkunst Franz Hohler mit dem gerade aktuell erschienen neuen Roman „Das Päckchen“.

Franz Hohler, geboren 1943 in Biel, ist nicht nur Liedermacher und Kabarettist, sondern auch Schriftsteller. Bereits während seines Germanistik- und Romanistik-Studiums hat er sein erstes Kabarettprogramm aufgeführt. Er hat mit Grössen aus der Kabarett-Szene wie zum Beispiel Hanns Dieter Hüsch und Emil Steinberger zusammengearbeitet. Sein umfangreiches Gesamtwerk bietet neben vielen Kabarettprogrammen, Theaterstücken, Film- und Fernseh-Produktionen, auch Kinderbücher und natürlich Kurzgeschichten und Romane. Franz Hohler wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Kassler Literaturpreis 2002, dem Kunstpreis der Stadt Zürich 2005, dem Solothurn Literaturpreis 2013 und dem Johann-Peter-Hebel-Preis 2014. Er ist Mitglied beim International PEN und lebt in Zürich. Zu seinen wichtigsten Prosawerken zählen beispielsweise „Tschipo“ (Kinderroman) 1978, „Der neue Berg“ (Roman) 1989, „Es klopft“ (Roman) 2007 und „Gleis 4“ (Roman) 2013“. In diesem Leseherbst beschenkt uns Franz Hohler mit seinem neuen Roman „Das Päckchen“.

Die Geschichte spielt in verschiedenen Städten und Orten, wie Zürich, Bern, St. Gallen, in den Schweizer Bergen, aber auch in der Nähe von Regensburg nämlich im Kloster Weltenburg und in kleinen Orten Italiens. Das Besondere an diesem Werk sind die unterschiedlichen Zeitebenen, zwischen dem „Jetzt“ im 21. Jahrhundert und dem „Früher“ im 8. Jahrhundert, in die uns der Autor entführt.

Die Erzählung beginnt in Bern, in der Nähe des Hauptbahnhofs, wo sich Ernst Stricker befindet und gerade dabei war, seine Frau anzurufen. Just in diesem Moment klingelt ein anderer öffentlicher Telefonapparat und Ernst nimmt das Gespräch entgegen.

„Und auf einmal war er unterwegs zu seiner alten Frau namens „Ich“, die Hilfe brauchte, seine Hilfe.“

Normalerweise war Ernst kein Mann der spontanen Tat. Er war 48 Jahre alt, arbeitete als Bibliothekar in der Zentralbibliothek Zürich. Mit seiner Frau Jacqueline ebenfalls Bibliothekarin in der Kantonsbibliothek St. Gallen, wohnte er in Winterthur. Er führte ein zufriedenes, aber letztendlich doch sehr unaufgeregtes und geordnetes Leben. Es war eine Überraschung, dass Ernst zielstrebig, diese alte Dame – unbekannterweise – in Bern aufsuchte. Die Dame wirkte etwas verwirrt, nannte ihn Ernst, verwechselte ihn mit ihrem Neffen und gab Ernst Stricker ein Päckchen zur Aufbewahrung, da sie Sorge hatte, es käme sonst in falsche Hände.

Er nahm das Päckchen mit nach Hause, versteckte es erst einmal, damit auch seine Frau nichts mit bekam. Doch lange konnte er seine Neugierde nicht unterdrücken und packte ganz vorsichtig, dieses kleine Päckchen aus.

„Zum Vorschein kam tatsächlich ein Buch, ein Buch, bei dessen Anblick Ernst eine Gänsehaut bekam.“

Das war auch kein Wunder, denn bei diesem besonderen Buch handelte es sich um das „Abrogans“, ein lateinisch-althochdeutsches Synonymwörterbuch, von dem man behauptet, dass es das älteste Buch der deutschen Sprache sei. Das meinte auch Ernst Stricker, dem diese Kostbarkeit sofort ein Begriff war und die – in seiner Erinnerung – neben zwei anderen sogenannten Abschriften zu den Schätzen der Stiftsbibliothek St. Gallen gehören musste. Das Original galt als verschollen. Vielleicht hielt er nun genau dieses Exemplar in seinen Händen? Ernst Stricker war berührt, betroffen und verwirrt zu gleich, er wusste im ersten Moment nicht, was zu tun war. Doch er forscht nach und taucht in die Welt des 8. Jahrhunderts ein, „trifft“ den neunzehnjährigen Novizen „Haimo“, der im Kloster Weltenburg – in der Nähe von Regensburg – mit der Abschrift dieses Wörterbuchs beauftragt wurde…

Und so beginnt eine wundervolle, spannende Geschichte, die mit Ernst Stricker einen perfekten „Detektiv“ gefunden hat. Franz Hohler lässt seine Haupt- und Nebenfiguren mit unglaublicher Vorsicht, aber auch mit grosser Intelligenz handeln und wirken. Trotz der grossen Zeitspannen wird man als Leser so persönlich vertraut durch die Handlung geführt, so dass man sich nie verloren, sondern ganz im Gegenteil fast schon als Teil oder „Assistent“ dieses Privatermittlers im Sinne der Buchkunst fühlt. Ja, man leidet mit, hofft endlich auf neue Erkenntnisse, freut sich über die nächsten Erfolgsschritte und überlegt, ob dieses besondere Buch, jemals da ankommen wird, wo es eigentlich hingehört.

Franz Hohler beweist wieder einmal zartes Feingefühl hinsichtlich eines schönen Themas, das ganz unerwartet, aber sicher nicht unabsichtlich Interesse auf mehr Details entfacht. Franz Hohler schreibt einfach brillant. Die Klarheit und Einfachheit in seinem unverwechselbaren Stil erwecken eine so elegant und kluge Leidenschaft, die den Leser mehr als beglückt.

Das „Päckchen“ ist ein literarisches Bijou und zählt sicherlich zu den wichtigsten und schönsten Entdeckungen in diesem Literaturherbst.

 

Durchgelesen – „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ v. Dimitri Verhulst

Ist es erstrebenswert, aber vor allem auch realisierbar, eine unheilbare Krankheit, von der man bis jetzt noch verschont wurde, als seelischen Überlebenstrick für sich selbst zu wählen und diese Krankheit auch noch als Befreiungsmittel aus verschiedenen alltäglichen Zwängen einzusetzen? Diese Frage sollte man eigentlich sofort mit Nein beantworten. Auch wenn es noch so verrückt und kurios klingen mag, interessant wäre es trotzdem herauszufinden, ob das auch wirklich gelingen könnte. Und genau diese noch offene Frage versucht Dimitri Verhulst mit seinem tragisch-komischen Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ zu beantworten.

Dimitri Verhulst – geboren 1972 in Aalst (Belgien) – gehört zu den besten flämischen Schriftstellern. Sein autobiographischer Roman „Die Beschissenheit der Dinge“ wurde für den AKO-Literaturpreis nominiert und mit der Goldenen Eule prämiert. 2009 wurde dieser Besteller verfilmt, hochgelobt und in Cannes ausgezeichnet. Und sogar die Irish Times kürte die englische Ausgabe dieses Romans zum „Best Books of 2012“. Und für „Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten“ erhält Dimitri Verhulst den Libris-Literaturpreis. Seine Werke sind in 25 Sprachen übersetzt. Aktuell dürfen wir uns nun – dank der hervorragenden Übersetzung von Rainer Kersten – auf sein neues Buch „Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ freuen!

Der Hauptprotagonist dieses Romans ist der ehemalige Bibliothekar Désiré Cordier, ein bescheidener Mann, Anfang 70, verheiratet mit Monique (genannt Moniek) und Vater von zwei erwachsenen Kindern – Hugo und Charlotte -. Er sieht seinem Lebensabend immer mehr mit grossen Zweifeln und Bedenken entgegen. Besonders genervt ist er von seiner Frau Moniek, die ständig an ihm herummäkelt und nichts Gutes an ihm findet. Gleichzeitig soll auch noch das Haus verkauft werden. Da der Umzug in eine kleine Wohnung immer näher rückt, sieht er wahrlich rot. Wie soll er unter diesen Bedingungen noch seiner schwierigen und dominanten Frau ausweichen können, wenn es weder einen Keller noch einen Garten als Rückzugsort geben wird. Da bleibt nur eins, Désiré muss die Flucht nach vorne ergreifen.

Doch wie sieht eine Flucht nach vorne aus, wenn man nicht mehr ganz jung ist und eigentlich das intensive und aktive Leben mehr oder minder schon fast ein wenig abgelaufen ist. Désiré hat eine geniale Idee, er beschliesst ab sofort dement zu werden. Ja genau, er wird einen Demenzkranken spielen und zwar so perfekt, dass die Flucht in die Aufnahme eines Pflegeheims enden kann und sich damit der Umzug in das neue Appartement mit seiner Göttergattin für ihn erübrigt. Ob das wohl gut gehen wird? Es geht gut, oder sagen wir mal so, Désiré bereitet sich gut vor, um dem Ziel näher kommen zu können. Umsonst war er nicht Bibliothekar und hat sich ständig mit Büchern beschäftigt. Somit ist es für ihn ein eher leichtes Spiel, sich mit Hilfe von Literatur auf „seine“ Demenz vorzubereiten. Langsam lässt er die ersten Symptome sichtbar werden: Er sollte eine Torte kaufen und besorgt stattdessen einen neuen Toaster. Auch das Merken von Namen wird zunehmend schwieriger, geschweige denn findet er allein den Weg nach Hause. Désiré kauft in Läden ein ohne zu zahlen, somit ist die Polizei auch schneller involviert als erhofft. Auch die Zugfahrten ohne Ticket werden mehr und mehr zur Gewohnheit. Unabhängig von diesen ersten konkreten Krankheitssymptomen kommen natürlich auch noch Stimmungsschwankungen und Depressionen zum Vorschein, die auch Moniek immer mehr verunsichern. Die Situation spitzt sich zu, so dass Désiré in Begleitung seiner Frau nun endlich eine Ärztin aufsucht, um Klarheit über seinen Zustand zu bekommen. Er muss den sogenannten Mini-Mental-Status-Test (MMST) – auch Idiotentest genannt – machen. Und man möge es im ersten Moment gar nicht glauben, aber Désiré hat doch tatsächlich den Test auf seine Weise „bestanden“:

„Bingo, geschafft! Ich war mit Auszeichnung durchs Examen gerattert, den von vielen Vergesslichen gefürchteten MMS-Test. Es war ein solcher Triumph, dass ich mich beherrschen musste, der Ärztin nicht sofort ein Loch in die Decke zu springen Einen schöneren Preis für Schauspiel kann es doch nicht geben (oder?) als den, dass der Demenzkranken-Darsteller auch offiziell als Demenzkranker anerkannt wird!“

Es war ein echter Erfolg für Désiré. Das „Arbeiten“ dafür hatte sich gelohnt und jetzt musste er zielstrebig weiterspielen, um die angestrebte „Freiheit“ Altersheim bald erreichen zu können. Für seine Frau war diese Situation alles andere als ein Zuckerschlecken, was niemanden verwunderte. Moniek hatte sich ihr zukünftiges Leben einfach anders vorgestellt. Doch Désiré verfeinerte seine Schauspielkunst, erkannte früher oder später seine Familie nicht mehr, wusste weder Uhrzeit noch Datum und fühlte sich gleichzeitig in seiner Verrücktheit trotz allem irgendwie aufgehoben. Ja und bald schon konnte er sein neues Heim beziehen. Es war ein kleines Zimmer im Altersheim „Geriatriezentrum Winterlicht“, welches Moniek ihm aus Rache, weil sie nicht mehr in seiner Erinnerung war und Désiré aus ihrer Sicht so wie so nichts mehr mitbekam, nur mit den ältesten und schäbigsten Möbeln eingerichtet hatte.

Doch auch wenn die Flucht im ersten Moment nun geglückt war und Désiré seine ganz persönliche Freiheit dadurch erreichen konnte, war die Aufgabe doch komplexer und anstrengender als anfangs gedacht. Denn im Heim durfte er keinesfalls nur die geringsten Anzeichen von wachem und absolut intakten Geist zeigen, sonst wäre ja er schneller als erwünscht aufgeflogen. Désiré musste seine Rolle weiterhin mehr als perfekt spielen und dazu gehörten auch Lebensbereiche, die doch so eine gewisse Überwindung abforderten:

„Obwohl die Tat selbst vollkommener Absicht entspringt, geht es mir sehr gegen den Strich, dass ich jede Nacht wieder ins Bett scheisse. Mich zu dieser entwürdigenden Aktion zu erniedrigen ist wahrlich die unangenehmste Konsequenz des ziemlich verrückten Wegs, den ich auf meine alten Tage gewählt habe.“

Auch wenn Désiré diese Aktionen sehr verabscheut, findet er trotz allem so langsam seinen „Platz“ in seinem neuen Zuhause und beginnt zu beobachten, vor allem sich selbst, aber auch Moniek, seine Kinder, die Heimbewohner und das Pflegepersonal. Das Verhalten seiner Familie ist so erschreckend, sehr traurig, aber auch bemerkenswert und teilweise positiv überraschend. Die Heimbewohner – unter anderen eine alte Jugendliebe und ein ehemaliger Nazi – haben auch so manches Geheimnis, das natürlich Désiré in seinem „Zustand“ nicht im Geringsten verborgen bleibt. Doch wie lange wird er diese grosse Rolle noch spielen können und wollen…?

Dieser Roman ist ein wahres „Wunderwerk“ in Punkto Umgang mit Demenz. Hier wird die Krankheit nicht als Dämon hingestellt. Nein, hier wird sie in ein geniales Fluchtmittel für ein vielleicht besseres und unkomplizierteres Leben verwandelt. Ja, verehrter Leser, Sie werden es kaum glauben, auch eine von hoher Dramatik begleitete Krankheit lässt sich als ungewöhnlicher Überlebenstrick instrumentalisieren, herausragende schauspielerische Fähigkeiten natürlich vorausgesetzt. Dimitri Verhulst leistet hier wahre Meisterarbeit, in dem er nicht nur einen Hauptprotagonisten mit grandioser und sehr überzeugender darstellerischer Begabung erfindet, sondern auch noch gleichzeitig dadurch dieser Krankheit das geheimnisvolle Böse entzieht.

Es geht hier trotzdem und vor allem um das wahre Leben, mit all seinen Schattenseiten und seiner Dramatik, welches aber besonders durch das komische Talent von Dimitri Verhulst eine gewisse Unbeschwertheit erfährt und gerade deshalb nicht auf Klarheit verzichten muss, wie es Désiré Cordier hier in diesem Roman sehr treffend zeigt:

„Leute in meinem Alter brauchen kein Facebook oder sonst irgendwelchen Sozialfirlefanz am Computer, um der Einsamkeit ein Schnippchen zu schlagen. Wir sehen uns mit schrecklicher Regelmäßigkeit im real life, auf Beerdigungen, und unterhalten unsere Kontakte zur immer mehr sich lichtenden Aussenwelt auf diese Weise noch ganz persönlich.“

Dimitri Verhulst schafft es mit kaum zu übertreffender Empathie die persönlichsten und intimsten Gedanken, aber auch Aktionen auf so unglaublich nonchalante und satirisch-ironische Art zu beschreiben, so dass sich der Leser ein vollkommen ungezwungenes Lachen kaum verkneifen kann, obwohl ihm im gleichen Moment irritiert der Atem stockt. Ja und der Sprachwitz und die manchmal durchwegs geradlinige und sehr pathosfreie Schonungslosigkeit krönen dieses Werk. Und so entsteht aus dieser schwierigen und bedrückenden Thematik ein sehr unterhaltsames und gleichzeitig nachhaltig berührendes Stück Literatur.

„Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau“ ist ein besonders empfehlenswerter literarischer „Lebensratgeber“, der unabhängig von der teilweise hoffnungslosen Tragik dieser Krankheit die Vergesslichkeit und Zerstreutheit so einfühlsam und spielerisch amüsant zelebriert, so dass wir ganz unbewusst unsere Augen und unsere Seele im Hinblick auf das Problem Demenz nochmal ein grosses Stück mehr öffnen können, als bei der Lektüre eines eher trockenen und humorlosen Sachbuchs!

Durchgelesen – „Roman in Fragen“ v. Padgett Powell

Ist ein Roman ein Roman, wenn er nur aus Fragen besteht ? Stört es uns als Leser, wenn wir keinen Helden vorfinden und eine konkrete Handlung fehlt? Können wir uns überhaupt nur auf Fragesätze konzentrieren ? Wo bleiben eigentlich die Antworten dazu? Sind Sie, als Leser, bereit für weitere Fragen ? Ja ! Dann sollten Sie sich schnellstens dieses Buch besorgen !

Padgett Powell, geboren am 25. April 1952 in Gainesville Florida, zählt zu den interessantesten Südstaaten-Schriftstellern der USA. Seine erste Erzählung « Edisto » entstand 1984, wurde für den American Book Award nominiert und in Auszügen im « New Yorker » abgedruckt. Powell veröffentlicht in den nächsten Jahren noch weitere Erzählungen, Short-Story–Sammlungen und 2009 den Roman « The Interrogative Mood. A novel ? », welcher nun ganz aktuell durch die herausragende Übersetzung von Harry Rowohlt dem deutschsprachigen Publikum präsentiert wird. Powell schreibt unter anderem auch im « Esquire », « Harper’s Magazin », « The Paris Review » and « The New York Times Book Review ». Er wird mit zahlreichen Auszeichnungen – unter anderem mit dem « Whiting Writers’ Award » – geehrt. Seit 1984 unterrichtet Padgett Powell an der University of Florida.

« Sind Ihre Gefühle rein ? Sind Ihre Nerven anpassungsfähig ? Wie stehen Sie zur Kartoffel ? »

Mit diesen drei Fragen beginnt nun das Wunderwerk « Roman in Fragen » von Padgett Powell. Es ist tatsächlich ein Wunderwerk, denn wie könnte man anders einen Roman, wenn es überhaupt einer ist, bezeichnen, der uns auf über 180 Seiten nur mit Fragen konfrontiert.

Anfänglich liest man schwungvoll ein Wort nach dem anderen und stellt sich über kurz oder lang selbst die Frage, was Gefühle, Nerven und Kartoffeln eigentlich so gemeinsam haben könnten. Man schüttelt zuerst vollkommen verständnislos und irritiert den Kopf und fängt am Besten nochmal ganz langsam von Vorne an. Und dann wieder, diese Fragen, aber plötzlich bewegt sich etwas beim Lesen. Das Auge sieht nicht nur mehr das kurvige Fragezeichen am Satzende, sondern man fängt an die Fragen lesenderweise auf sich wirken zu lassen und sie insgeheim oder auch laut vor sich hin sprechend zu beantworten.

Es beginnt ein Spiel und es erinnert ein kleines bisschen an das berühmte « Questionnaire » von Marcel Proust. Doch trotzdem ist es anders, denn es sind viele Fragen, manchmal zu viele, und einige wiederholen sich auch noch, und man fragt sich ernsthaft, warum jetzt schon wieder :

« Fühlen Sie sich in einer Hose mit Tunnelzug wohl ? »

Und auch nach dem zweiten oder dritten Mal, bleibt diese Frage die gleiche und man kann auch sie nur mit ja oder nein beantworten. Es gibt aber auch viele Fragen, die mehr als ein Ja und Nein von uns Leser abverlangen. Das sind Fragen, die ein sehr intensives Nachdenken erfordern und vielleicht eine fundierte Antwort benötigen, oder auch nicht:

« Können Sie alles auflisten, wovor Sie Angst haben, oder ist es leichter, alles aufzulisten, wovor Sie keine Angst haben oder haben Sie vor gar nichts Angst, oder haben Sie im Wesentlichen vor allem Angst ? »

Powell stellt endlos viele Fragen: über das Aussehen, das Essen, die Gefühle, die Gewohnheiten, die Welt und die Liebe, kurzum über das ganze Leben. Der Fragende könnte und dürfte ein Mann sein, aber trotzdem  sind die Fragen nicht nur auf dieses Geschlecht abgezielt, sondern teilweise sehr weiblich und meistens jedoch geschlechtsunspezifisch. Sie gehen durchaus manchmal sehr ins Private, ja fast schon ins Intime, werden aber mit rationalen und sachlichen Fragen im Anschlus gleich wieder neutralisiert.

Der Fragende verspürt oft beim Leser eine gewisse Unsicherheit, ob dieser überhaupt versteht bzw. verstehen kann, warum er ihn all dies so direkt fragen muss :

« Bereiten Ihnen Socken Sorgen, die farblich zwar durchaus, in subtilerer Hinsicht jedoch nicht zur übrigen Kleidung passen ? Ist Ihnen klar, was ich damit meine ? Ist Ihnen klar, warum ich Ihnen all diese Fragen stelle ? Ist Ihnen, meinen Sie, überhaupt vieles klar, oder nur sehr wenig, oder schwimmen Sie irgendwo dazwischen im trüben Meer des Erwartbaren ? Sollte ich « im trüben Meer der Geistesgegenwart » sagen ? Sollte ich weggehen ? Sie in Frieden lassen ? Sollte ich mit meinen Fragen nur mich selbst behelligen ? »

Nach diesen Zeilen, weiss man nun letztendlich, ob man sich mit diesen Fragen weiterhin belästigen lassen will, oder nicht. Eines ist ganz klar, es mag Leser geben, die fühlen sich bereits nach den ersten Seiten vollkommen genervt von dieser ewigen Fragerei und brechen dieses literarische « Kunstwerk » ab. Sie werden es auf jeden Fall bereuen, denn so schnell wird uns Leser nichts mehr vergleichbar Geniales in der Welt der Literatur über den Weg laufen, als dieser sogenannte Fragen-Roman.

Dieses Buch hat nur dann einen literarisch praktischen Sinn, wenn man sich auf diese Fragen einlässt, ja sie vollkommen unvoreingenommen zulässt. Spätestens ab diesem Moment beginnt das eigentliche Vergnügen. Es ist wie eine psychologische Lebensübung, die wahre Wunder bewirkt. Nie haben Sie nach einer Lektüre so viel über sich selbst erfahren, wie durch Powells verrücktes Buch. Sie denken über Themen nach, die Sie sicherlich öfters verdrängt oder einfach vergessen haben, wie es uns auch mit folgenden Fragen ganz konkret klar gemacht wird :

« Wie oft fragen Sie sich : « Was habe ich vergessen ? » ? Wie oft zeigt sich, dass Sie, wenn Sie sich fragen, was Sie vergessen haben, dass Sie etwas vergessen haben ? Wie oft, wenn Sie sich fragen, was Sie vergessen haben und es sich zeigt, dass Sie etwas vergessen haben, veranlasst Sie die Frage dazu, sich daran zu erinnern, was Sie vergessen haben ? »

Sind Sie, verehrter Leser, nun endgültig aufgeklärt, warum man dieses Buch unbedingt lesen sollte ? Zur Ergänzung muss man noch hinzufügen, dass es sich mit « Roman in Fragen » nicht nur um ein echtes Meisterwerk handelt. Es ist ein literarischer Coup, spannend wie ein Krimi, denn Sie wissen nie, welche Frage als nächstes kommt, witzig wie eine Komödie, denn wann können Sie so unkompliziert und spontan über sich selbst lachen und intelligent, wie ein Psychologiebuch, das Selbstanalyse selten so einfach und praktisch gefördert hat. Das Werk ist sprachlich grandios, stilistisch exotisch, inhaltlich etwas surrealistisch und deshalb fühlt man sich während des fragenfüllenden Romankonstrukts  besonders wohl, wenn man als Leser eine ausgeprägte Schwäche für geniale Köpfe und Künstler wie zum Beispiel George Perec und René Magritte hat.

« Roman in Fragen » ist ein wunderbar raffiniertes, philosophisches, komisches und melancholisch verrücktes Buch, das man am Besten jedes Monat oder zu mindest einmal im Jahr durcharbeiten sollte. Die Fragen bleiben zwar irgendwie die Gleichen, aber Ihre Antworten werden sich sicherlich ändern. Doch noch wichtiger ist die dadurch entstandene Motivation, endlich selbst das Zepter in die Hand zu nehmen und Sätze mit diesem so lebendigen Fragezeichen zu kreieren. Deshalb hören Sie niemals auf, sowohl vor als auch nach der Lektüre, Fragen zu stellen, denn sie lösen Denkblockaden, befreien von geistigem Unrat und beflügeln das echte Leben. Nehmen Sie Platz im Fragenkarussell, lassen Sie sich mitreissen und probieren Sie das « Fragenspiel » gleich mal ganz pragmatisch bei Ihrem Buchhändler des Vetrauens aus: Kennen Sie Padgett Powell ? Haben Sie sein aktuelles Buch schon gelesen ? Würden Sie diesen Roman Ihren Freunden empfehlen ?…

Durchgeblättert – „In 80 Büchern um die Welt“

„In 80 Büchern um die Welt“ ist der Titel eines sehr schönen und informativen literarischen Reiseführers, der den Leser natürlich sofort an das Buch „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne erinnert. Doch handelt es sich hier nicht um einen einzigen Abenteuerroman, viel mehr um einen aussergewöhnlichen Text-Bild-Band, der uns einlädt, in und mit Büchern um die Welt zu reisen. Das Besondere an diesem Werk ist die Tatsache, dass uns nicht ein Autor durch die Welt führt, sondern gleich eine ganze Autorengruppe, nämlich die belesenen und vielgereiste Absolventen des Aufbaustudiengangs Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Eine Reise beginnt in der Regel mit dem Einchecken bei Flughafen oder Bahnhof und hier ganz stilgerecht mit einem Vorwort, welches der Autor und Essayist Feridun Zaimoglu nicht besser eröffnen hätte können, als mit diesem alten und sehr schönen deutschen Sprichwort:

„Reisen wechselt das Gestirn, aber weder Kopf noch Hirn.“

„In 80 Büchern um die Welt“ bietet eine besondere literarische Weltreise, die in die Kontinente Europa, Asien, Ozeanien, Afrika, Südamerika und Nordamerika führt. Innerhalb dieser Kontinente entdeckt der Leser Orte und Länder, die er vielleicht bereits besucht hat, die er aber auch ganz neu erobern kann, nicht nur durch einen direkt gebuchten Flug oder Zug, sondern auch durch ein Buch bzw. durch einen Roman.

Man spürt sofort beim ersten Durchblättern die Reise- und Leselust der Autoren, die uns auf diesen Weg ganz intellektuell, aber auch spielerisch neue Kulturen und Menschen näherbringt. Die Werke, die uns um und durch die Welt begleiten, wurden sehr bewusst und gut überlegt ausgewählt. Es handelt sich dabei um 80 grosse Romane des 20. Jahrhunderts. Dabei entdecken wir die Literatur wieder, die man sicherlich zu manchem Pflicht-Werk zählen könnte, oder die bereits als Schullektüre Lust auf andere Städte gemacht hat, wie zum Beispiel „Paris – Ein Fest fürs Leben“ von Ernest Hemingway oder „Die Stimmen von Marrakesch“ von Elias Canetti.

Doch mit diesem ungewöhnlichen literarischen Reiseführer stöbern wir auch eher unbekannte Autoren auf, die sicherlich nur selten einen Platz in der heimischen Bibliothek finden. Denken wir zum Beispiel an folgende Werke:

„Geh nicht fort“ von Margaret Mazzantini: Ein Roman, der im Rom der Jahrtausendwende spielt und sich um einen erfolgreichen Chirurgen namens Timotheo dreht, der in einer sehr grossen Lebenskrise steckt.

„Die Reise nach Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew: Die Geschichte des Trinkers Wenedikt, der mit einem Koffer voller Alkohol seine Zugreise von Moskau nach Petuschki unternimmt und dabei schwer ins Philosophieren gerät.

„Ketala“ von Fatou Diome: Ein bewegendes Schicksal einer senegalesischen Frau, die eigentlich nach dem Abitur Literaturwissenschaft studieren möchte, dann aber von ihrem Vater gezwungen wird, einen wesentlich älteren Mann zu heiraten und nur noch Ehefrau und Mutter sein kann.

Jedes dieser 80 vorgestellten Bücher erweckt Neugierde und Wissensdurst! Wir erkunden das Land bzw. die Stadt, in welcher der Roman spielt. Gleichzeitig erfahren wir auch etwas über den Autor des Romans und bekommen Informationen über das vorgestellte Werk. Zitate, schöne Fotos und länderspezifische Literaturtipps runden diesen lebendigen Text-Bild-Band noch zusätzlich ab.

„In 80 Büchern um die Welt“ ist ein sehr anregendes und inspirierendes Buch für Weltenbummler und solche, die es noch werden wollen. Es macht nicht nur Lust auf Reisen, sondern auch auf Bücher und Lesen. Denn Lesen ist – wie wir alle bereits wissen – eine ganz besondere Reiseart: die Augen wandern von Buchstabe zu Buchstabe und von Wort zu Wort. Der Gedanke fliegt und der Geist schwebt in anderen Welten. Die Autoren, sprich die Absolventen der Uni München, haben dem Bücherliebhaber und Reisefreudigen ein wunderschönes, kompaktes und sehr ansprechendes Buch geschenkt, das uns zu literarischen „Kurztrips“ rund um den Globus verführt und den Duft von fernen Ländern einatmen lässt!

Max Kruse – Gedicht

Hundewelt

Die ganze Welt
riecht lasterhaft
nach Hunden
Katzen
Schnecken
nach Käse
Wurst und Leidenschaft
an Sträuchern
Steinen
Ecken

Die ganze Welt
ist ein Roman
der
aufgewühlten
Seelen
Ich
hebe auch
das Hinterbein
um meinen
zu erzählen

Die ganze Welt
ist ein Gericht
der schnupperndsten
Ekstase
An jedem Baum
steht ein
Gedicht
das les‘ ich
mit
der Nase

Durchgelesen – „Acht Wochen verrückt“ v. Eva Lohmann

Sind wir nicht alle ein wenig verrückt? Oder wissen wir nur nicht, ob wir verrückt sind? Denn was heisst eigentlich normal sein? Ist normal wirklich das Gegenteil von verrückt? Es gäbe noch Tausende von ähnlichen Fragen, die sich jeder sicherlich schon einmal in seinem Leben gestellt hat. Doch was passiert, wenn man spürt, dass wirklich nicht mehr alles so ist, wie es eigentlich sein sollte. Wenn der Körper streikt, der Geist nur noch müde ist und man sich in einer Traurigkeit befindet, die nicht enden möchte. Diesen Zustand kennt die Autorin Eva Lohmann sehr gut, und hat uns mit ihrem Erstlingsroman „Acht Wochen verrückt“ ein grandioses Werk geschenkt, das nicht besser in die sogenannte tadellos funktionierende Welt passen könnte.

Eva Lohmann, geboren 1981, arbeitet als Innenarchitektin und Werbetexterin in Hamburg. Sie hatte nach Depressionen und Burn-Out selbst einen Zusammenbruch und wurde in eine psychosomatische Klinik eingewiesen. Dort hat sie sehr genau Tagebuch geführt, welches letztendlich als Grundlage für diesen ersten autobiographischen Roman diente. Eva Lohmann nimmt uns mit auf eine Reise in eine ganz andere Welt und stellt uns als alter Ego die Hauptfigur Mila ihres ersten Romans vor.

Mila, eine junge Frau Ende zwanzig, erfolgreich mit einem gut bezahlten Job inklusive Beförderung, einem netten Partner und vielen Freunden, wird an einem Donnerstag in einer psychosomatischen Klinik aufgenommen. Seit Wochen, ja fast schon Monaten war sie zu nichts mehr in der Lage. Zuerst funktionierte Mila nur noch vor allem in ihrem stressigen Job, dann wurde ihr alles zuviel, selbst die Hausarbeit. Sie hatte keine Lust mehr auszugehen, sie lag am Liebsten nur noch im Bett und gab sich ihrer nicht mehr enden wollenden Traurigkeit hin. Sie hofft nun auf Hilfe und wundert sich, als sie in dieser Klinik ankommt, dass die Einrichtung zuerst mehr einem Hotel als – wie man im Jargon so schön sagt – der Klapse ähnelt.

Das „neue“ Leben in der Klinik am See beginnt langsam. Nachdem sie ihr Zimmer zugeteilt bekam und ihre magersüchtige Zimmergenossin Clara kennengelernt hat, versucht sie ein wenig zur Ruhe zu kommen. Sie entdeckt den Klinikgarten und beobachtet ihre anderen Mitpatienten. Zwei Tage später hat sie ihre erste Sitzung bei ihrem Therapeuten Dr. Hennings:

„Er hält mir die Hand hin und sieht nett aus. Gross, grauhaarig, mit einem kleinen Bart und um die vierzig. Auf eine bestimmte Weise sogar attraktiv, solange man seinem Kleidungsstil keine Beachtung schenkt. Mein zukünftiger Therapeut trägt praktische Ledersandalen, Trekkinghosen und – ein gebatiktes Shirt.“

Trotz seines „Kleidungsstils“ wird Dr. Hennings während der nächsten Wochen für Mila der wichtigste Ansprechpartner in dieser Klinik. Sie erkennt durch seine Hilfe, dass hinter ihrer Depression noch viel mehr steckt und ein Burn-Out selten allein auftritt. Es wird ihr bewusst, dass ihre körperlichen Schmerzen, die sie mit allerlei Tabletten zu bekämpfen versucht hatte, rein psychosomatische Schmerzen sind. Der regelmässige Tablettenkonsum, um immer zu funktionieren, hat sie bereits in eine Abhängigkeitsspirale befördert, die sie selbst nicht hätte durchbrechen können. Deshalb werden die Schmerzpillen konfisziert und Mila darf dafür nur noch ein Antidepressiva schlucken, das die ersten Tage ausser blöden und nicht ganz ungefährlichen Nebenwirkungen nichts zu bieten hatte. Nach zwei Tagen ist der „Drogentrip“ jedoch vorbei und der Körper hat sich endlich an die Substanz gewöhnt. Mila ist immer noch traurig, fängt aber trotzdem langsam an, ihre Seele und deren Bedürfnisse mit Dr. Hennings Hilfestellung zu entschlüsseln.

Trotz ihrer Depression fühlt sich Mila im Vergleich zu ihren Mitpatienten eher als total „normal“. Betrachtet man beispielsweise Katharina, die nach einem Jahr Trennung von ihrem Freund immer noch ständig weint, oder denkt man an Ron – verheiratet und zweifacher Familienvater -, der sich als Frau in einem Männerkörper fühlt und nicht weiss, wohin mit diesen Empfindungen. Doch am Meisten geschockt ist Mila von ihrer Zimmernachbarin Carla, als diese eines Tages ihren Koffer packt, da sie in ein richtiges Krankenhaus sprich Psychiatrie wechseln muss, denn ihr Gewicht ist auf lebensbedrohliche Weise gesunken, was nur noch mit Zwangsernährung verhindert werden kann.

Im Laufe dieser acht Wochen lernt Mila, die Ich-Erzählerin, nicht nur neue Freundschaften schliessen. Nein, sie erkennt, dass sich hinter ihrer Depression auch eine Tablettensucht versteckt und ein nicht unbedeutender Vaterkomplex begründet ist. Mila fängt in dieser Zeit an sich selbst und ihre Gefühle zu akzeptieren. Sie wird sensibler, aber auch mutiger, vor allem was ihre Familie und die Jobfrage betrifft…

„Acht Wochen verrückt“ ist ein geniales Buch. Es zeigt zum ersten Mal, vollkommen schonungslos, aber trotzdem sehr differenziert und feinfühlig, die Erfahrungen eines Menschen, der an seine psychischen Grenzen kommt und sich traut, Hilfe zu verlangen und anzunehmen. Mit viel Humor und Witz, aber auch mit grossen Respekt beschreibt Eva Lohmann die psychischen Probleme, die jeden Menschen in der heutigen Zeit ereilen können. Sie schafft es aufgrund ihrer eigenen Erfahrung und mit Hilfe ihres autobiographischen Romans tiefe Einblicke in die Welt der „Verrückten“ zu gewähren, die man als Beobachter von Aussen nie so beschreiben könnte. Besonders ihre Fähigkeit, die Menschen und ihre Stimmungen zu beobachten, sie aber nicht zu bewerten, geschweige denn ins Lächerliche zu ziehen, zeugt von einer grossen sprachlichen Begabung.

„Acht Wochen verrückt“ ist ein Roman, der nicht schockt, obwohl er ein Tabu bricht. Dieses Buch schiebt Klischees beiseite, konfrontiert den Leser mit der „echten“ Realität und fordert uns auf, das Thema – Psychische Erkrankungen – neu und mit mehr Offenheit zu betrachten. Eva Lohmann ist ein grosser – trotz seiner nur 190 Seiten –  Erstlingsroman gelungen, der vielleicht nicht von „Verrückten“ in einer normalen, sondern eher von „Normalen“ in einer verrückten Welt erzählt. „Acht Wochen verrückt“ ist ein sehr zu empfehlendes Buch für alle Menschen, ob „Normal“ oder „Verrückt“, ab vor allem für diejenigen, die noch nicht wissen, wie man den sogenannten „Verrückten“ in der heutigen Gesellschaft begegnen sollte!

Durchgelesen – „Der Zauber der ersten Seite“ v. Laurence Cossé

Wünschen wir uns als Bücherliebhaber, Lesebegeisterte und Literaturkenner, nicht schon immer eine Buchhandlung, die nur gute Literatur bzw. gute Romane verkauft? Eine Buchhandlung, die sich abhebt vom Mainstream-Angebot, die sich durch keine Bestsellerlisten beeinflussen lässt, geschweige denn Bestseller in ihr Sortiment aufnimmt. Kann eine Buchhandlung, die nur ausgewählte Literatur, zum Teil schon vergessene Werke, Klassiker und Erstausgaben auf Lager hat, überleben und eventuell sogar Erfolg haben? All diese Fragen mögen wir uns als Kunde und Leser stellen. Die Antworten finden wir hier in diesem überaus charmanten Roman, der den Leser in eine ganz besondere Welt der Bücher eintauchen lässt, wie wir sie uns nur in unseren kühnsten Träumen wünschen können.

Laurence Cossé, geboren 1955 in Boulogne -Billancourt, arbeitet als Kolumnistin, Hörfunkautorin und Schriftstellerin. Sie hat mit ihrem Roman „Der Zauber der ersten Seite“ (im Original „Au Bon Roman“), der nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorliegt, laut der französischen Tageszeitung Le Figaro „Eine Hymne auf das Lesen und die Einzigartigkeit des Lebens!“ geschrieben. Sie veröffentlichte bereits neun Romane. Ihre Novellen-Sammlung „Vous n’écrivez plus?“ wurde mit dem Prix de la Nouvelle de L’Académie Française 2007 ausgezeichnet.

„Der Zauber der ersten Seite“ beginnt sehr spannend! Drei berühmte Autoren werden jeweils Opfer eines hinterhältigen und subtilen Anschlags. Der Erste ist Paul Néon, der in einem kleinen Dorf in der Nähe von Chambéry lebt. Er wird von zwei Unbekannten in den Wald geschleppt, mit Alkohol vollgepumpt und in der Kälte mit der Flasche in der Hand einfach liegen gelassen. Der zweite Anschlag gilt der Schriftstellerin Anne-Marie Montbrun. Sie wird bei einer ihrer täglichen Autofahrten durch ein plötzlich querstehendes Auto auf der Strasse überrascht, kommt von der Strasse ab und stürzt einen Abhang hinunter. Glücklicherweise überleben sowohl Paul, als auch Anne-Marie, das Attentat. Armel Le Gall, das dritte Anschlagopfer, fühlt sich bei seinem morgendlichen Spaziergang von zwei jungen Männern verfolgt und bedroht. Zuerst nimmt er es gar nicht so ernst, doch die Angst wird bei jedem Spaziergang grösser, die Männer warten auf ihn und er kann gerade noch rechtzeitig fliehen und sich retten. Doch er ist so durcheinander, dass er beschliesst Ivan Georg anzurufen:

„«Doch gestern geht’s wieder los, die beiden Kerle warten auf mich. Es regnet, kalter Nieselregen. Meine Nerven flattern. Zehn Meter vor ihnen packt mich die Angst, und ich mache kehrt. Ich will ehrlich sein: Ich mache mich so schnell wie möglich davon, in sehr schnellen Schritten. Aber nicht schnell genug, um nicht noch jemanden grölen zu hören: Fast wie in einem schlechten Krimi, was Le Gall? Mit ordinären Personen und einem grob gestrickten, richtig dümmlichen Plot. Armer Le Gall, wo er die gute Literatur so liebt. Das ist kein guter Roman, was? Können Sie sich das vorstellen, Van? Sie betonten das gut. Gar kein guter Roman…»“

Ab jetzt befindet sich der Leser in einem einzigartigen Krimi, der nicht nur Schriftsteller als Opfer bietet, sondern die gute Literatur an sich. Da hilft nur noch eins: die Polizei muss eingeschaltet werden. Mit Kommissar Heffner wird der Fall aufgerollt und bis ins Detail untersucht. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte der besonderen Buchhandlung „Der gute Roman“.

Ivan Georg, ein Buchhändler aus Leidenschaft mit einem nicht ganz konventionellen buchhändlerischen Lebenslauf, und Francesca Aldo-Valbelli, eine junge Mäzenin aus reicher Familie mit grosser Liebe zur Literatur und verheiratet mit einem profitgierigen Manager, gründen gemeinsam die Buchhandlung „Der gute Roman“. Eine Buchhandlung, die sich vom klassischen umsatzgesteuerten und nach Massenware orientierten System unterscheiden soll. Ein Ort, der nur gute Romane zu bieten hat, die von einem ausgewählten Komitee vorgeschlagen werden. Insgesamt besteht dieses Komitee aus acht grossen Romanciers, die sich entschlossen haben, die Idee des „Guten Romans“ zu unterstützen. Sie alle wissen untereinander nicht von ihrer Mitgliedschaft, sie haben sich alle der Anonymität untergeordnet, welche eine der Grundprinzipien dieses Komitees ist. Jeder Autor hat ein sogenanntes Codewort, was er im Falle einer Kontaktaufnahme benutzen muss. Alle acht Autoren wurden vor der Eröffnung der Buchhandlung aufgefordert, eine Liste mit 600 Romanen aufzustellen, ohne die sie niemals auf eine einsame Insel ziehen würden. Und diese acht Listen wurden dann zu einer Gesamtliste vereint, welche letztendlich das Sortiment “ Des guten Romans“ verkörpern wird. Für Ivan, die geniale Idee und die Basis des neuen Buchhandlung- Konzepts:

„«Unser Vorhaben ist radikal. Eine Revolution der kulturellen Sitten. Alle Welt ist heute der Meinung, es würden zu viele überflüssige Bücher veröffentlicht. Dieses Phänomen betrachten wir als geistige Umweltverschmutzung, deshalb sagen wir einfach: Es reicht! Hören wir auf, uns unseren Geschmacks-sinn abstumpfen zu lassen. Sorgen wir für frische Luft. Atmen wir. Wir glauben, wir haben eine gute Chance, Gleichgesinnte zu finden.»“

Die Buchhandlung wird im Erdgeschoss eines sehr schönen Hauses in der Rue Dupuytren, in der Nähe vom Place d’Odéon, im 6. Arrondissement von Paris Ende Sommer kurz vor der literarischen Rentrée eröffnet. Begleitet von einem nahe zu genialen Marketingauftritt und Werbeplan, der von Francesca lanciert und betreut wurde, ist die Buchhandlung ab dem ersten Tag ein wahnsinniger Erfolg. Die Menschen strömen in den Laden, lesen sich fest und kaufen die Regale leer. Jeder ist glücklich, der diesen Ort betritt. Endlich eine Buchhandlung, die gute Romane empfiehlt und nur solche verkauft. Und dazu ein Buchhändler, der alles gelesen hat, was in seiner Buchhandlung steht. Ein Konzept, das keine Bestseller wie zum Beispiel Dan Brown vorsieht und das sich nicht durch die Neuerscheinungspakete der Verlage irritieren lässt, indem sie einfach ganz galant abgelehnt werden.

Doch dieser Erfolg wird leider nicht nur mit wohlwollenden Augen betrachtet. Die Konkurrenz und der Neid sind nicht weit entfernt. Deshalb versucht Kommissar Heffner die Drahtzieher der Anschläge und der verbalen Attacken in der Presse und im Internet herauszufinden und zu enttarnen. Die Freunde des „Guten Romans“ lassen sich jedoch nicht beirren, bleiben ihrer Buchhandlung treu und unterstützen sie soweit es geht. Doch die Rache der „normalen“ Buchhandlungen lässt nicht nach, sie provozieren und versuchen alles, um diesen Erfolg zu unterbinden und dem sogenannten Elitären ein Ende zu setzen. Es geht schliesslich soweit, dass neben des „Guten Romans“ noch zwei weitere Buchhandlungen eröffnet werden mit den Namen „Freude am Roman“ und „Der exzellente Roman“. Wer steckt dahinter, und warum ist der „Gute Roman“ eine solche Bedrohung? Dies alles und noch mehr, vor allem aber auch was das Leben und die Liebe nicht nur zur Literatur betrifft, erfährt der Leser in diesem wahrlich grandiosen und aussergewöhnlichen Buch aus der Welt der Buchstaben.

„Der Zauber der ersten Seiten“ ist ein magischer Roman, den man in der Fülle der Auswahl an guter Literatur erst lange suchen muss. Man unterliegt dem Charme, der Idee, der Wirkung und der Spannung dieses Werkes bereits ab der ersten Seite. Der Leser spürt die Leidenschaft, die von dieser Geschichte ausgeht, die sich mit der harten Realität der Buchhandelswelt auseinandersetzt und einen Gegenpol schafft, der nicht besser als die in diesem Buch beschriebene Ideal-Buchhandlung, die sich viele Leser und Buchhändler sicherlich wünschen, sein könnte. Laurence Cossé schreibt äusserst sensibel und respektvoll in ihrem Roman über eine Fülle von anderen mehr oder weniger bekannten guten Romanen, die der Leser neu entdecken oder wieder entdecken kann. Somit tritt der Leser ganz unbeabsichtigt eine Reise an voller Inspiration und Leidenschaft durch die gute Literatur (mit Schwerpunkt der Französischen Literatur), welche ihn zwischen Faszination und Spannung taumeln lässt. Selten wurden die Themen Buchhandel und Literatur so gut in Szene gesetzt und mit der Form des Kriminalromans in einen äusserst mitreißenden Pageturner verwandelt, bei denen es sich in der Regel ja sonst nur um sogenannte Bestseller handelt.

„Der Zauber der ersten Seite“ sollte sich nicht zum Bestseller im Sinne des meistverkauften Werkes entwickeln, sondern es sollte das meistgelesene Buch werden, um verstehen zu können, wie eine Ideal-Buchhandlung aussehen könnte. Möge die Utopie einer Buchhandlung wie „Der gute Roman“ nicht nur Utopie bleiben in der heutigen Zeit von Grossketten und Stapeltiteln, sondern wenigsten zum Nachdenken anregen! Vielleicht gehen Träume in Erfüllung für den belesenen Kunden und den leidenschaftlichen Buchhändler und möge deshalb vor dem reinen Profit die Liebe zu Büchern und zur Literatur immer an erster Stelle stehen!

Durchgelesen – „Wie ein Roman“ v. Daniel Pennac

Keine Lust auf Bücher und Lesen, und das noch am Welttag des Buches! Dieser Roman ist eine Einladung zur Lektüre. Er weckt nicht nur auf pädagogische, sondern viel mehr auf amüsant witzige Weise die Freude am Lesen. Und die beste Überzeugungsarbeit dazu leisten

Die unantastbaren Rechte des Lesers:

„1. Das Recht, nicht zu lesen.

2. Das Recht, Seiten zu überspringen.

3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen.

4. Das Recht, noch einmal zu lesen.

5. Das Recht, irgendwas zu lesen.

6. Das Recht auf Bovarysmus, d.h. den Roman als Leben zu sehen.

7. Das Recht, überall zu lesen.

8. Das Recht, herumzuschmökern.

9. Das Recht, laut zu lesen.

10. Das Recht, zu schweigen.“