Durchgelesen – „Ein Tag zu lang“ v. Marie NDiaye

Planung ist das halbe Leben. Dies ist nicht nur eine leere Floskel, sondern diese Einstellung wird auch sehr oft umgesetzt. Und was plant der Mensch am Liebsten, genau seinen Urlaub. Alles wird organisiert, der Ankunftstag, die Uhrzeit und natürlich auch der Abreisetag. Doch was passiert, wenn man spontan seinen Urlaub um einen Tag verlängert ? Nichts, sollte man meinen. Doch dass eine solche banale Abreiseverzögerung gleich das ganze Leben einer Familie bzw. eines Mannes komplett auf den Kopf stellt, werden wir spätestens durch diesen grandiosen Roman erkennen.

Marie NDiaye ist am 4. Juni 1967 in Pithiviers geboren. Ihre Mutter ist Französin und der Vater Senegalese, der Frankreich wieder in Richtung Afrika verlässt, als sie gerade mal ein Jahr ist. Marie NDiaye wächst in der Pariser Banlieu auf, wird hauptsächlich von Ihren Grosseltern mütterlicherseits erzogen, da Ihre Mutter beruflich als Lehrerin für Naturwissenschaften sehr engagiert ist. Bereits im Alter von 12 Jahren fängt sie an zu schreiben und wird nach ihrem Schulabschluss mit 17 Jahren von Jérôme Lindon entdeckt. Er ist der Gründer des Verlages « Éditions de Minuit », bei welchem NDiayes erstes Werk « Quant au riche avenir » 1985 veröffentlicht wird. Sie schreibt vier weitere Romane, unter anderem « Un temps de saison » 1994, der nun ganz aktuell unter dem Titel « Ein Tag zu lang » nach über acht Jahren – dank der Übersetzung von Claudia Kalscheuer – in deutscher Sprache erschienen ist. Damals schrieb bereits das Magazin « L’Express », das es sich bei der Autorin um eine Frau handelt, auf die man schriftstellerisch in Zukunft zählen könnte. Und das war bzw. ist auch so, denn Marie NDiaye wird mit Ihrem Roman « Rosie Carpe » mit dem Prix Femina 2001 ausgezeichnet und erhält als erste lebende Schriftstellerin die Ehre, dass ihr Theaterstück « Papa doit manger » in der Comédie Française gespielt wird. Doch hauptsächlich bekannt – insbesondere auch international – wurde sie durch die grösste und wichtigste literarische Auszeichnung in Frankreich, den Prix Goncourt, den sie für ihren Roman « Trois Femmes puissantes » (« Drei starke Frauen ») 2009 erhält. Seit 2007 lebt Marie NDiaye mit ihrer Familie in Berlin.

« Ein Tag zu lang » ist ein ganz eigenwilliger und sozialkritischer Roman. Er fühlt sich an wie ein schlechter Traum, wirkt wie ein provokantes Märchen und liest sich fast wie ein Krimi. Die Handlung spielt Anfang September in der französischen Provinz, ohne das konkret der Name des Dorfes genannt wird.

Der Lehrer Herman, obwohl er Familie (eine Frau namens Rose und einen Sohn) hat, ist neben einigen schrägen Dorfbewohnern der Hauptprotagonist. Er kommt aus Paris und verbringt wie jedes Jahr seinen Sommerurlaub in dem Ferienhaus in der Provinz, das jedoch nicht direkt im Dorf sondern etwas ausserhalb liegt. Eigentlich reist er mit seiner Familie spätestens am 31. August ab. Das ist so üblich, nicht nur bei ihm, sondern das machen alle Pariser so, damit sie rechtzeitig wieder in Paris sind, wenn die Schule beginnt, bzw. die Arbeit losgeht und sie somit ein wichtiger Teil der sogenannten « Rentrée » sein können.

Doch dieses mal bleiben sie einen Tag länger und noch am gleichen Nachmittag stellt Herman fest, dass seine Frau und sein Kind verschwunden sind. Just genau in dem Moment, wo der 1. September auf dem Kalenderblatt steht, ist auch das Wetter nicht mehr sommerlich. Es stürmt und ist plötzlich sehr kalt :

« Die plötzlich winterlichen Temperaturen versetzten ihn vollends in Furcht und Schrecken und festigten seine Überzeugung, dass Rose und er, indem sie einen Tag zu lang mit ihrer Abreise gewartet hatten und den Monat September, den sie sonst immer in Paris erlebten, hier auf sich zukommen liessen, sich unbekannten Störungen ausgesetzt hatten, einer Art von Störungen, der sie vielleicht nicht gewachsen waren. »

Herman versucht trotz des schlechten Wetters seine Frau und sein Kind zu finden, frägt bei der Nachbarin, ob seine Frau bei ihr sei, da sie eigentlich noch frische Eier holen wollte. Doch sie war nicht da. Er läuft weiter bis ins Dorf hinein, versucht sie in einem Laden zu finden und möchte unbedingt noch auf der Polizeiwache eine Vermisstenanzeige aufgeben. Der noch anwesende Polizist ist verwundert darüber, da bis jetzt noch nie ein Bewohner des Dorfes verschwunden ist. Er klärt ihn darüber auf, dass um diese Zeit keine Fremden mehr im Dorf leben und gebe ihm zu verstehen, dass Herman nun der erste Pariser sei, der hier dieses Wetter erleben würde. Hermann hofft auf die Hilfe des Polizisten, doch dieser vertröstet ihn nur, da sein Dienst schon vorbei sei.

Herman schläft eine Nacht darüber und ist fest entschlossen am nächsten Tag statt nochmals zur Polizei zu gehen, den Bürgermeister aufzusuchen, damit dieser als deren « Chef » etwas mehr Druck bezüglich einer Vermisstensuche ausüben könnte. Doch der Bürgermeister hat keine Zeit für ein Gespräch und deshalb wird Herman an den Vorsteher des Fremdenverkehrsamtes weitergeleitet :

« „Wo kommen Sie denn her ?“ fragte der Vorsteher leutselig und offenkundig entzückt über Hermans Besuch. „Aus C. ? Aus M. ?“
Er nannte zwei nahe gelegene Dörfer.
„Ich lebe in Paris. Ich sollte seit gestern wieder dort sein.“
Der Vorsteher schrie überrascht auf.
„Sie sind Pariser ? Aber der Sommer ist zu Ende !“
„Das sage ich Ihnen ja“, erwiderte Herman gereizt.
„Ich bin nur noch hier, weil mich ein plötzliches Unglück ereilt hat.“ »

Ja und dieses Unglück nimmt jetzt er sich so richtig seinen Lauf und entwickelt sich in einer ganz mysteriösen Weise schleichend weiter. Herman nimmt die Suche wieder auf und wird dadurch immer mehr zum « Mitglied » dieser Dorfgemeinschaft. Die Dorfbewohner verhalten sich merkwürdig. Die Menschen und das Wetter werden sich immer ähnlicher. Alles versinkt im Regen, eingehüllt im Nebel, ist es nun nicht mehr ganz klar, ob Herman seine Frau und sein Kind jemals wiederfindet, wiederfinden kann bzw. will…

Dieser Roman von NDiaye zählt zu ihren literarisch äusserst bemerkenswerten Frühwerken. Bereits hier erkennt man ihren sprachlichen Scharfsinn und den subtil versteckt provozierenden Humor. Hier werden wir so en passant durch das Verschwinden einer Frau und eines Kindes mit den Feriengewohnheiten der Pariser konfrontiert und müssen dabei erkennen, was es bedeuten kann, wenn der Pariser seinen sonnenverwöhnten Ferienort am 31. August nicht wieder verlässt.

Marie NDiaye ist äusserst mutig, diese sehr eingefahrene ja fast schon traditionelle Gewohnheit der Pariser in so raffiniert literarische Form eines Romans zu packen und dabei ein so spannendes und vollkommen unaufgelöstes « Traummärchen » entstehen zu lassen, in dem nicht nur der Herbst, sondern auch die Menschen, kalt, vernebelt und morbide wirken.

« Ein Tag zu lang » ist ein Buch, das Lebendigkeit und Sterblichkeit im gleichen Atemzug bietet und das den Unterschied zwischen « Sommerparadies » und « Herbstwüste » klar definiert und wehe, man erlaubt sich nur einen Tag länger als gewohnt dieses Sommerparadies geniessen zu wollen, ist das Drama schon perfekt. Dieses sozio-philosophische Märchen steigert sich fast zum Albtraum, und kurz vor dem Ende wacht man auf, ist im ersten Moment etwas irritiert, wundert sich über die unglaubliche Anpassungsänderung von Herman und fragt sich wo Rose und der Junge geblieben sind. Und genau durch diese spannungsgeladene, ja fast schon emotional explosive Entwicklung wird einem als Leser glasklar vor Augen geführt, wie schnell Realitäten verwischen können und sich die eigenen Familienmitglieder plötzlich in Fremde verwandeln.

Geniessen Sie, verehrter Leser, diesen grossartigen Roman und Sie werden nicht nur die ungewöhnlich starke und besonders elgante Sprachbrillanz von Maria NDiaye erleben, sondern sie werden vor allem während der Lektüre auch immer wieder spüren, wie wichtig es ist, seine Umwelt genau zu beobachten, um sich sein Leben von niemand anderen als von sich selbst aus der Hand nehmen zu lassen…

Durchgelesen – „Eine Frage von Glück oder Zufall“ v. Dominique Barbéris

„Eine Frage von Glück oder Zufall“ führt den Leser in die französische Provinz, in eine Atmosphäre, die der Meister aller französischer Filme Claude Chabrol, wäre er Schriftsteller gewesen, nicht besser hätte beschreiben bzw. filmen können. Das Buch ist ein Kriminalroman: es gibt einen Mord, es gibt bereits einen festgenommenen Verdächtigen, aber es ist noch nicht wirklich klar, wer nun der wahre Täter ist!

Dominique Barbéris ist mit diesem Roman ein kleines stimmungsvolles Wunderwerk gelungen, wie es nur flämische Maler in ihren Bildern festhalten können. Dominique Barbéris wurde als Tochter eines Diplomaten in Kamerun geboren und hat ihre Kindheit in Brüssel und Nantes verbracht. Sie studierte in Sèvres und an der Sorbonne. Nach dem sie in der Kommunikationsabteilung einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet hat, lehrt sie heute an der Universität in Paris. 1996 erschien ihr erster Roman. „Eine Frage von Glück oder Zufall“ wurde 2007 in Frankreich veröffentlicht und 2008 ausgezeichnet mit dem sehr renommierten Literaturpreis „Prix des Deux Magots“. Dieser Roman, der im Original den Titel „Quelque chose à cacher“  trägt (welcher die Stimmung noch mehr unterstreicht, als der deutsche Titel), ist das erste Buch in deutscher Übersetzung von Dominique Barbéris.

Der Roman spielt, wie schon angedeutet, auf dem Land, genauer in einer kleinen Stadt mit dem Namen N. an der Loire.  Ein Ort, der durch diesen bekannten Fluss, eine faszinierende Kulisse für einen Mord und seine mysteriösen Umstände bietet. Die Geschichte wird erzählt in der indirekten Rede und aus der Sicht eines Mannes, der äusserst merkwürdig und verdächtig erscheint. Es handelt sich hierbei um den etwas introvertierten Sohn von Doktor Lagarde (Arzt des Ortes). Er ist Kunstmaler – studierte Malerei in Paris -, arbeitet aber inzwischen als Angestellter im kleinen Kunstmuseum der Stadt N.

Eines Tages trifft der Erzähler in seinem Museum nach vielen Jahren Marie-Hélène, die er sehr bewundert hat, wieder. Er ist verunsichert, überrascht und durcheinander. Es kommen viele Erinnerungen hoch. Er kannte sie bereits als Kind. Er öffnete ihr die Tür bei ihrem Vater, als sie verletzt die Praxis von Dr. Lagarde aufsuchte. Doch jetzt ist sie eine erwachsene Frau:

„Ich nahm an, dass sie auf Geschäftsreise war, eine tatkräftige Frau, eine Rechtsanwältin, die Personalchefin eines Pariser Unternehmens, das habe ich gedacht, weil sie dieses Schneiderkostüm trug (ich erinnerte mich, dass sie ein ziemlich intelligentes Mädchen war). Ich sagte mir, dass sie zu Mittag gegessen haben musste, dass sie tatsächlich in dieses Nest zurückgekehrt war, dass sie bis zur Abfahrt ihres Zuges noch etwas Zeit hatte. Genau das habe ich mir gesagt, ich erinnere mich: Eine Frau, die noch etwas Zeit hat.“

Doch Marie-Hélène hat nicht mehr viel Zeit, denn sie wird in der Nacht auf Allerheiligen in ihrem Haus ermordet. Sie wurde aus nächster Nähe erschossen. Und genau zu diesem Zeitpunkt spazierte der Erzähler bei strömenden Regen entlang der Loire zu dem ansonsten unbewohnten Haus von Marie-Hélène, der Villa La Boulaye, das direkt an den Friedhof grenzt.

Massonneau, der ortsansässige Kommissar, kümmert sich um den Fall. Der Erzähler verfolgt äusserst minutiös die Ermittlungen, und auch Massonneau berichtet sehr detailliert seine Überlegungen und Erkenntnisse. Marie-Hélène wollte das Haus ihrer Kindheit verkaufen, sie traf sich bereits mit einem Makler. Doch Marie-Hélène traf sich auch noch mit einem Ingenieur aus dem benachbarten Kernkraftwerk im Restaurant des Ortes, was die Bedienung dort bestätigte. Alles sehr geheimnisvoll und undurchsichtig. Denn wer ist jetzt nun der wirkliche Mörder? Der Mann, der als Verdächtiger festgenommen wurde und in der ersten Nacht der Untersuchungshaft versuchte, sich zu erhängen und nun im Koma liegt, oder vielleicht doch der Erzähler?

„Eine Frage von Glück oder Zufall“ ist ein subtiler Roman, der nicht nur Chabrol wiedererkennen lässt, sondern auch eine grosse Portion Simenon mitliefert. Ein Buch mit unglaublicher Spannung, obwohl man ja bereits meint, den Mörder zu kennen. Dominique Barbéris lässt uns mit ihrer wunderbar musikalischen und geheimnisvollen Sprache eintauchen in die ländliche Atmosphäre an der Loire. Mit traumhaften Beschreibungen, die jedoch sehr prägnant und keineswegs ausschweifend sind, atmen wir als Leser die Luft des Nebels und den Geruch des Regens ein und sehen die Landschaft vor unserem inneren Auge entstehen. Wir spüren die Poesie der Loire und ihrer Umgebung. Wir sehen durch Fenster, aber gleichzeitig sehen wir nichts. Und deshalb bleiben viele Fragen offen, wie die „Eine Frage von Glück oder Zufall“! Was für ein schönes Buch, das jeden Freund des besonderen Kriminalromans begeistern wird und einem trotz der gerade mal 178 Seiten zwei oder drei unvergessliche und sehr nachhaltige Stunden schenkt.