Durchgeblättert – „Vom Glück mit Büchern zu leben“ v. Stefanie von Wietersheim

Mit Büchern zu leben, sollte Glück bedeuten, oder Glück verströmen. Auch dann wenn wir oft über Platz- und Zeitmangel in Punkto Büchern sprechen, ist es doch ein unbeschreiblich schönes Gefühl, umgeben von Büchern sein Leben gestalten und geniessen zu können. Und genau diesem Gefühl sind Stefanie von Wietersheim und Claudia von Boch nachgegangen, in dem sie zwanzig ganz unterschiedliche Persönlichkeiten in ihrem Zuhause und somit auch bei ihren Büchern besucht haben.

Stefanie von Wietersheim hat in Passau und Tours Kulturwissenschaften studiert und arbeitet inzwischen als freie Autorin in München, Paris und Toulouse. Ihre Schwerpunkte liegen bei Kultur, Interiors und Reisen. Claudia von Boch ist als freiberufliche Fotografin für verschiedene Projekte und Magazine tätig und hat ihren Focus auf Interiors, Gärten und Reiseportagen gelegt. Jetzt haben sich die zwei Frauen zu einem ganz besonderen Buchprojekt vereint, das sich mit der Liebe zu Büchern, dem daraus entstehenden Glück und noch vielem mehr beschäftigt.

In diesem wirklich fantastisch gestalteten Buch werden wir Leser so en passant für einen gewissen und ganz bestimmten Moment eingeladen, die bibliophilen Oasen von zwanzig verschiedenen Menschen, die sowohl auf irgendeine Weise mit Büchern arbeiten oder sie als Ausgleich zu ihrem Beruf erleben, kennenzulernen. Jeder dieser « Buchmenschen » wird in Bild und Text  vorgestellt. Es werden die Hintergründe der Buchleidenschaft erläutert und berufliche oder private Zusammenhänge erklärt. Ergänzt durch grandiose Photographien sei es von den Privatbibliotheken, den Menschen selbst beim Lesen oder von den buchreichen bzw. buchfreien Lebensräumen an sich, haben wir als Leser beim Betrachten dieser Bilder und beim Lesen der dazugehörigen Texte das Gefühl, als wären wir hautnah mit dabei. Am Ende jedes dieser Porträts erfahren wir noch ganz persönliche Leseerlebnisse, die unter anderem, wie « mein schönster erster Satz ; ein Buch, das mein Leben verändert hat ; ein Klassiker, der mich zu tode langweilte ; oder auf meinem Nachttisch liegt », ganz konkrete Details in Punkto Leben und Glück mit bzw. durch Büchern zum Vorschein bringen, wie folgende Beispiele zeigen :

So ist es wunderbar festzustellen, dass sich Felicitas von Lovenberg (FAZ-Chefredakteurin Literatur) in schwierigen Momenten sich Hilfe bei den Gedichten von Emily Dickinson holt.

Johanna Rachinger (Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek) zieht dagegen für etwas melancholischen Stunden « Anna Karenina » von Leo Tolstoi zu Rate.

Blanca Bernheimer (Galeristin) hat ihren schönsten letzten Satz bei Eichendorff in dem Gedicht « Mondnacht » gefunden :
« Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus ».

Die Buchhändlerin Regina Moths hätte folgendes Buch gerne geschrieben : « Ralf Vollmann Romanverführer. Das ist meine liebste Berufsbezeichnung, aber ich möchte nicht wirklich Bücher schreiben. Ich möchte sie am liebsten palettenweise verkaufen. »

Gleich zwei Männer in dieser Runde, Oliver Jahn (Journalist und Chefredakteur von AD) und Ivo Wessel (Kunstsammler) sind sich in Punkto « mein schönster erster Satz » einig : « Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen » (Auf Suche nach der verlorenen Zeit, von Marcel Proust)

Ja und Wolfram Siebeck (Gourmetkritiker) hat dagegen mit Proust so seine Schwierigkeiten und ordnet die « Suche nach der verlorenen Zeit » eher unter « Klassiker, die mich zu tode langweilen » ein.

Unterschiedlicher könnten die Antworten und Buchempfehlungen für bestimmte Lebenssituationen gar nicht sein. Und genau das macht den Charme dieses wundervollen Buches aus. Es zeigt Menschen, wie sie mit ihren Büchern in ihren Wohnungen bzw. Häusern leben, sie erleben und zu ihrem ganz persönlichen Leben erwecken. Hier geht es weniger um das Wohnen bzw. um die innenarchitektonisch gestalteten Privatbibliotheken, wobei diese natürlich trotzdem wunderbar anzusehen sind, sondern hier geht es um das Leben mit dem gedruckten Werk und seinen Autoren. Hier wird das Glück mit Büchern zelebriert, hier wird die aufrechte Liebe zum Buch und zur Literatur, welche auch immer es sein mag, auf erzählerisch äusserst stilvolle, empathische und in Punkto hochwertigen Bildmaterial photokünstlerische Weise vermittelt.

Spätestens nach der Lektüre und dem Durchblättern dieses auch herstellerisch sehr wertvollen Text- und Bildbandes betrachtet man seine Bibliothek bzw. Bücherregale von einer ganz neuen Seite, überlegt sich Antworten auf die neugierig machenden Fragen und kommt letztendlich zu dem Entschluss, dass ein Leben mit und unter Büchern wahres Glück bedeutet. Und damit der Nachschub an helfenden, tröstenden, beglückenden und bereichernden Büchern nie ausgehen mag, findet man als kleinen krönenden Abschluss auf den letzten Seiten dieses Prachtbandes noch die Auflistung der Lieblingsbuchhandlungen der vorgestellten Protagonisten.

« Vom Glück mit Büchern zu leben » ist ein traumhaft schönes Buch, das man nicht verschenken, sondern sich als leidenschaftlicher Leser, Buchliebhaber und Literaturfreund  unbedingt selbst zum Geschenk machen sollte. Es verführt in neue buchaffine Lebenswelten, lässt den Leser interessante Literaturempfehlungen entdecken und regt an, sein dauerhaftes Glück nicht irgendwo zu suchen, sondern zwischen zwei schlichten kartonierten oder auch edel in Leinen gebundenen Buchdeckeln !

Durchgelesen – „Umgang mit Grössen“ v. Walter Kempowski

„Umgang mit Grössen“ von Walter Kempowski ist ein ganz besonderes Buch – eine Miniatur-Biographien-Galerie über Schriftsteller. Deshalb sollte man auch den ergänzenden Untertitel „Meine Lieblingsdichter – und andere“ nicht unerwähnt lassen.

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 geboren und starb am 5. Oktober 2007 in Rotenburg an der Wümme. Er ist einer der bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit und wurde durch seine autobiographischen Romane „Tadellöser & Wolff (1975) und „Ein Kapitel für sich“ (1979) berühmt. Das besondere Stilelement in den Werken Kempowskis ist die Kunst der literarischen Collage, das eine Art Vermischung und Aneinanderreihung von Liedtexten, Zitaten, Reklameschriften und Berichten von Zeitzeugen beeinhaltet. Nicht alle seine Werke sind in diesem Stil geschrieben, aber das grösste Oeuvre – „Das Echolot“ -, ist in dieser Form angelegt, welches 1993 beginnt und nach 12 Jahren endgültig mit dem zehnten Band komplett veröffentlicht wurde. Es war ein literarisches Event und gleichzeitig auch sein krönender Abschluss. Zwischen 1997 und 1999 schrieb Walter Kempowski im Rahmen einer Auftragsarbeit der „Welt am Sonntag“ kleine Autoren-Biographien, die er für ein Projekt 2002 vorbereitet hatte. Jetzt erscheint glücklicherweise aus dem Nachlass und durch den Einsatz des langjährigen Wegbegleiters Karl Heinz Bittel dieses wunderbare Projekt in Buchform.

Über 90 Biographien auf 280 Seiten öffnen Türen zu Lebenswelten bereits verstorbener und noch lebender Dichter. Ein Panoptikum, das ihres Gleichen sucht vor allem was die Prägnanz betrifft. Sicherlich kann man sich fragen, was erfährt man auf gerade mal zwei bis drei Seiten über einen Autor? Doch die Länge einer Biographie sagt eben noch lange nichts aus über die eigentlich wichtigen Informationen. Walter Kempowski wird hier zum Plauderer und lässt uns ganz ungeniert daran teilhaben, was er so über seine Schriftstellerkollegen denkt.

Die Auswahl seiner Lieblingsdichter und auch der sogenannten Anderen, wie wir bereits aus dem Untertitel leicht ironisch herauslesen können, ist genial. Denn wer würde zwischen hoch literarischen Autoren wie beispielweise  Honoré de Balzac, Truman Capote, William Faulkner, Johann Wolfgang von Goethe, Marcel Proust und Leo Tolstoi einen Bestsellerautor wie Heinz G. Konsalik oder Johannes Mario Simmel erwarten. Und genau diese Mischung macht dieses Buch so unglaublich lebendig und spannend.

Kempowski interessiert sich nicht nur für das bereits vielen Lesern bekannte und in klassischen Biographien beschriebene Leben dieser Autoren, nein er ist neugierig auf Kuriositäten, Macken und Marotten dieser Schreibkünstler. Er findet die zum Teil ungewöhnlichen Ess- und Trinkgewohnheiten mancher erwürdiger Literaten mehr als amüsant. Er hat einen Faible für die verschiedenen Bärte und die Bekleidung. Aber auch die unterschiedlichen Malheurs und Todesarten seiner Dichterfreunde lassen ihn aufmerksam werden.

Dieses Buch ist aber auch ein Wunderwerk an privaten Erlebnissen und ein Sammelsurium origineller Dichteranekdoten. Er schreibt bespielsweise über eine Begegnung mit Thomas Bernhard, als dieser extra aufgestanden war, als er an seinen Tisch trat und er damit nicht nur sein vernarbtes Gesicht, sondern auch Bernhards neue Cordhose gesehen hat. Fjodor Dostojewski war für Kempowski ein sehr wichtiger Schriftsteller, mit dem er eine gemeinsame Erfahrung teilte: sie haben beide in Sibirien gesessen, als Angehörige eines revolutionären Kreises. Aber auch die französischen Autoren haben es ihm angetan und er bedauert es immer sehr, dass er seine Werke nicht im Original lesen kann. Doch Gustave Flaubert bewundert er noch aus einem anderen Grund:

„Gustave Flaubert «der Heilige des Romans», der «Kunstmönch», der Wegbereiter des L’art pour l’art? Für mich ist er zuerst der Mann mit dem schönen Schnurrbart, der als Glückspilz antrat: Er zog nämlich die richtige Nummer und entging dem Militärdienst.“

Walter Kempowski erklärt wirklich aus seinem ganz persönlichen Blickwinkel, was ihn an einem Autor interessiert oder nicht, welchem Autor er sehr nahe ist, und welcher einfach Glück hatte, auf Bestsellerlisten zu stehen und Preise zu bekommen, die er vielleicht seiner Ansicht nach nicht verdient hätte. Kempowski würde sich nie ein Foto von Hesse auf seinen Schreibtisch stellen, da ihm sein Äusseres nicht so gefällt, dagegen findet er ein Bild von Thomas Mann „erwärmend“. Er verehrt James Joyce, zieht den Hut vor dem Auflagen-Erfolg des Schriftstellers Heinz G. Konsalik und als Lieblingsautor nennt er immer zur Verblüffung der Journalisten die französische Autorin und Wegbereiterin des „nouveau roman“ Natalie Sarraute, die in Deutschland nur sehr wenige kennen.

„Umgang mit Grössen“ ist eine Art literarisches Biographie-Lexikon, was sich durch eine unglaublich brutale Subjektivität von Seiten Walter Kempowskis, aber auch durch feinfühlige und gleichzeitig respektlose Verehrung und Bewunderung seiner „Lieblingsdichter  – und andere“ auszeichnet. Jede einzelne Miniatur-Biographie ist wie das „Amuse gueule“ eines grossen bevorstehenden Menus. Walter Kempowski macht Appetit auf mehr, auf das ganze Dichterleben, auf alles, was diese Schriftsteller zu bieten haben. Welch eine grosse Freude, dass nun endlich dieses Buchprojekt nach fast zehn Jahren realisiert wurde und dass wir uns als anspruchsvoller Leser mehr als glücklich schätzen können, diese beeindruckende Sammlung berühmter Dichter-Lebensgeschichten von Walter Kempowski in den Händen halten zu dürfen.

„Umgang mit Grössen“ ist ein wahrlich sensationelles Buch, vor allem für den interessieren Leser, der wenig Zeit hat und trotzdem das Besondere wissen möchte. Selten waren Biographien so kurzweilig, bissig und amüsant wie hier. Probieren Sie es aus! Sie werden sich festlesen und sofort erkennen, warum hier in der Kürze, die Würze liegt!