Durchgelesen – „Nachsaison“ v. Philippe Besson

Edward Hopper (1882 – 1967) gehört zu den bekanntesten Malern des amerikanischen Realismus. Berühmt durch seine Bilder, die den einzelnen Menschen in Hotels, Bars oder vor Hausfassaden darstellen, und vor allem durch sein ganz aussergewöhnliches « Licht » wird so manche zwar stille, aber trotzdem intensive « Betonung » dieser wahrlich einsamen Situtation meisterhaft herausgearbeitet. Aktuell kann man noch bis 28. Januar 2013 diesen Künstler und sein Werk in einer glanzvollen Retrospektive im Pariser Grand Palais bewundern. Diese Ausstellung ist ein wunderbarer, ja wahrlich perfekter Anlass den bereits 2002 in Frankreich und 2007 in Deutschland erschienen Roman « Nachsaison » von Philippe Besson zu entdecken.

Inspiriert durch –  man könnte mit absoluter Sicherheit sagen – das populärste Gemälde des 20. Jahrhunderts, « Nighthawks » (Nachtschwärmer) von Edward Hopper, erzählt Philippe Besson eine ganz besondere, in gewisser Weise auch schmerzvolle und  melancholische, aber trotzdem emotional äusserst fesselnde Liebesgeschichte. Philippe Besson (geb. 1967) kennen wir bereits durch seinen zuletzt in deutscher Übersetzung veröffentlichten Roman « Venice Beach ».

Wenn wir uns kurz das Gemälde « Nighthawks » ins Gedächtnis rufen, welches Edward Hopper – nachempfunden einem Restaurant an der Ecke Greenwich Avenue in New York – 1942 gemalt hat, erkennen wir auf dem Bild eine Bar, die nachts durch ihr Neonlicht kühl und klar inszeniert wird. Zwei Männer mit Anzug und Hut und eine Frau mit einem roten Kleid sitzen bzw. stehen an der Bar. In der Mitte arbeitet ein weiss gekleideter Barkeeper. Der Betrachter des Bildes sieht von Aussen auf diese Bar und kann sich jederzeit eine eigene Geschichte dazu ausdenken. Doch diese « Aufgabe » übernimmt in diesem Fall Philippe Besson :

Der Roman spielt an einem Sonntagabend im September in der sogenannten « Nachsaison » in der Bar des kleinen Städtchens namens Cape Cod, das ca. eine Stunde Fahrtzeit mit dem Auto von Boston entfernt liegt. Wie auch auf dem Gemälde von Hopper zu erkennen, heisst diese Bar « Phillies », wie die Besitzerin hier in Bessons Roman. Wir treffen als erstes Louise, die Frau mit dem roten Kleid. Obwohl sie hier Stammgast ist, sitzt sie dem Barkeeper Ben anfangs nur schweigend gegenüber:

« Trotzdem hat Ben sie nicht beachtet, als sie hereinkam. Ben beachtet sie seit Jahren nicht mehr. Seit wann genau ? Er hat sich so an sie gewöhnt, dass er sie seiner Meinung nach nicht mehr zu beobachten braucht. Er kennt sie so gut : Was würde er sehen, was er nicht schon gesehen hat ? Und ausserdem, zwischen ihr und ihm geht es nicht um Verführung, das ging es im übrigen nie, sondern um Einverständnis. »

Louise schreibt Theaterstücke und ist inzwischen eine berühmte Autorin. Sie trinkt wie immer einen weissen Martini und wartet auf ihren Liebhaber Norman, der verheiratet ist und sich heute von seiner Frau trennen will bzw. soll. Über kurz oder lang entsteht doch eine kleine Konversation mit Ben über ihr letztes Werk. Währendessen betritt vollkommen überraschend Stephen (Rechtsanwalt in Boston) die Bar. Es war ihr früherer Geliebter, den sie nun zum ersten Mal fünf Jahre nach ihrer Trennung wiedersieht :

« Stephen hat regelmässig an Louise gedacht. Obwohl mit Rachel verheiratet, Vater zweier reizender Jungen und stark in seinem Beruf eingespannt, hat er nie aufgehört, an sie zu denken. »

Louise ist überrascht und verwirrt. Es werden Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Beziehung wachgerüttelt und es kommen alte emotionale Verletzungen ungefiltert zum Vorschein. Erstaunlicherweise stehen sich die Beiden im Laufe der unterschiedlichen Rückblicke mit einer ganz neuen Offenheit gegenüber, die neue, unbekannte und vor allem unerwartete Gefühle entstehen lässt, die jedoch nicht unbedingt von dem jeweilig Anderen auch erwidert werden können. Und während all dieser doch nicht ganz unaufregenden Wiederbegegnung, dürfen wir vor allem Norman nicht vergessen, der ja eigentlich Louise in der Bar treffen wollte, um ihr eine frohe Botschoft zu verkünden. Doch er meldet sich zweimal nur per Telefon und kommt nicht…

Philippe Besson hat dieses legendäre « Bar-Gemälde » von Edward Hopper zu seinem erzählerischen Ausgangspunkt gemacht. Die vier Personen, wie auch bei Hopper, erhalten hier zum ersten Mal konkrete Namen. Der einzelnen Mann an der Bar mit dem Rücken zum Betrachter tritt im Roman nur zeitweise auf und ist ein alter Fischer. Der Mann im Anzug mit Hut neben der Dame in Rot (hier Louise) ist Stephen der Anwalt. Und so wird auf einmal dieses so faszinierende Kunstwerk von Hopper sehr lebendig. Der Erzähler dieser Geschichte steht wir der Kunstbetrachter vor diesem Bild und beschreibt die Situation, aus welcher dieses intensive, irgendwo auch dramatisch kühle, aber trotzdem sehr feinsinnige literarische « Gemälde » entstanden ist.

Edward Hopper fängt diese einzigartige « schweigende » Stimmung durch seine unvergleichliche « Lichttechnik » ein. Philippe Besson macht dies genauso raffiniert mit seinen dosiert gesetzten direkten Reden der « Darsteller », die wie ein kurzer « Lichtspot » auf die einzelnen Beobachtungsmomente des Erzählers einwirken und somit eine gleich starke Sogwirkung entsteht wie bei diesem magischen Bild.

Jetzt bleibt nur zu wünschen, dass Sie, verehrter Leser, vielleicht noch aktuell in der Pariser Ausstellung oder bei einem anderen Kunstevent die Gelegenheit haben werden, Hoppers beeindruckendes Werk zu bewundern. Zur Einstimmung oder auch zum künstlerischen Nachgenuss sollte jeder kunst- und kulturbegeisterte Leser diesen Roman « erlebt » haben.

« Nachsaison » ist einer der wenigen von der Kunst inspirierten Romane, der nach der Lektüre so richtig Lust auf Kunst und in diesem Fall auf Edward Hopper macht, da dieses Buch einfach genau so schön ist wie das berühmte Gemälde!

Durchgelesen – „Venice Beach“ v. Philippe Besson

Ein Buch mit dem Titel « Venice Beach » versprüht eindeutig Lust auf Sonne, Strand und mehr. Gleichzeitig spielt dieser Roman auch noch in Kalifornien, genauer in und um Los Angeles. Die Hauptpersonen sind ein Polizist und ein berühmter Schauspieler. Und somit schliessen wir natürlich spontan daraus, dass es sich hier um einen Krimi mit Urlaubsfeeling handeln könnte. Doch vielleicht sind Sie, lieber Leser – auch wenn es sich hier um eine echte Mordgeschichte handelt – nach den ersten Seiten etwas enttäuscht, denn dieser Roman ist kein klassischer Thriller, sondern eine mehr als aussergewöhnliche Liebesgeschichte.

Philippe Besson – geboren am 29. Januar 1967 in Barbezieux – studierte an der École supérieure de commerce in Rouen und arbeitete ab 1989 in Paris als Jurist und Dozent für Sozialrecht. 1999 begann er mit seinem ersten Roman « En l’absence des hommes », der in Frankreich 2001 erschien und für den Philippe Besson mit dem Prix Emmanuel-Roblès der Académie Goncourt ausgezeichnet wurde. Danach folgten fast im jährlichen Abstand weitere Romane : « L’arrière saison » (2003), « Un garçon d’Italie » (2003), « Les jours fragiles » (2004), « Son frère » (2005) – wurde von Patrice Chéreau verfilmt – , « Un instant d’abondan » (2005), « L ‘enfant d’octobre » (2006), « Se résoudre aux adieux » (2007) und im Jahr 2008 « Un homme accidentel », welcher uns nun aktuell mit dem leider etwas – in Punkto Urlaubsstimmung – verwirrenden deutschen Titel « Venice Beach » dank der Übersetzung von Caroline Vollmann vorliegt. Die Romane von Philippe Besson haben nicht nur in Frankreich einen sehr grossen Erfolg, sondern werden inzwischen in 14 Sprachen übersetzt.

Der Roman wird in der Ich-Form aus der Sicht einer der Hauptfiguren, des Polizeiinspektors, rückwirkend erzählt. Der namenlose Erzähler ist eigentlich glücklich verheiratet mit Laura, einer Bibliothekarin, welche sehr bald ihr erstes Kind zur Welt bringen wird. Er selbst ist ein sehr verantwortungsvoller und gewissenhafter Polizist, der das eher ruhige Arbeitsleben in Beverly Hills zu schätzen weiss und der froh ist, jeglicher Schlägerei aus dem Weg gehen zu können :

« Vielleicht haben mich meine Vorgesetzten deshalb gewählt : Man ahnte, dass ich keinen besonderen Ehrgeiz entwickeln und keinen Zwischenfall provozieren würde, dass ich in der Lage wäre, der Langeweile Widerstand zu leisten, und dass ich mich auf dem Foto gut ausnähme. »

Doch die so angenehme Ruhe in Hollywood ist bald vorbei, als man einen Toten auf dem Cresent Drive findet. Es war ein junger Mann, ermordert durch einen Schlag auf die Schläfe. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass es sich bei dem Toten um den neunzehnjährigen Billy Greenfield – einem Prostituierten – handelt.

Der Fall musste aufgeklärt werden, der Erzähler und sein irischer Kollege McGill bearbeiteten die Informationen, die sie bis jetzt bekommen konnten. Sie durchkämmten die Wohnung des Toten, welche eher einem ziemlich heruntergekommenen Zimmer glich. Bei der Durchsuchung entdeckte McGill ein kleines Heft, eine Art Notzibuch, das der Erzähler jedoch nur in seine Jackentasche einsteckte ohne eine Auge darauf zu werfen. Am Nachmittag des gleichen Tages besuchte der Polizist endlich seine Frau, nachdem er sie am Abend wegen des Mordes vertrösten musste. Doch der Fall liess ihm keine Ruhe, er sprach mit seinem Kollegen über die Eltern des Toten und plötzlich fiel ihm wieder das Notizbuch ein. Er durchforstete darin alle Einträge und Adressen und entdeckte ganz plötzlich den Namen Jack Bell. Er musste wirklich überlegen, wer Jack Bell eigentlich war und dann erinnerte er sich wieder:

« Nun also Jack Bell. Vierundzwanzig Jahre. Der neue Schwarm von Hollywood. Zwei Blockbuster in Folge in den letzten sechs Monaten. Titelfotos auf Illustrierten ohne Ende. Einige Eskapaden beim Verlassen von Bars. Einige Gerüchte um ein verwüstetes Hotelzimmer. Und Schnappschüsse, auf denen man ihn am Arm eines jungen rothaarigen, magersüchtigen Models erkennt. Vor allem aber das perfekte Bild des Überlebenden. »

Jack Bell wohnte am Maple Drive, einer der besten Adressen von Hollywood. Man hörte nur « Schlechtes » über ihn, was den Polizist nicht verwunderte und genau diese Angebertypen, wie Jack Bell vielleicht einer war, lagen ihm überhaupt nicht. Er musste ihn wegen einer Befragung aufsuchen, war nicht überrascht bezüglich der luxeriösen Wohnverhältnisse und dafür umso mehr erschrocken über seine zurückhaltende Erscheinung. Etwas ermüdet und ausstrahlungsloser als in der Boulevardpresse begegnete Jack Bell ihm gegenüber trotzdem sehr höflich. Nach eindringlicher Befragung stellte sich heraus, dass er Billy Greenfield nicht kannte und sich auch mit ihm zwei Abende davor nicht verabredet hatte. Der Besuch war damit schnell abgeschlossen und der Polizist konnte sich nun endlich auf den Heimweg zu seiner geliebten Frau Laura machen. Er war glücklich mit ihr und freute sich sehr darauf, endlich Vater zu werden.

Am nächsten Tag versuchte Jack Bell den Polizisten nochmals zu erreichen. Er solle erneut bei ihm zu Hause vorbeikommen, er hätte vergessen, ihm etwas Wichtiges zu sagen. Der Polizist ging hin und war etwas irritiert, als Jack Bell plötzlich doch zugeben musste, Billy Greenfield zu kennen und dass dieser als kleiner Drogenlieferant ihn desöfteren mit Gras versorgte. Es war unverständlich für den Polizisten, warum Jack Bell beim ersten Mal gelogen hatte. Aber es war reine Absicht, denn Jack Bell wollte den Polizisten unbedingt wiedersehen, was sogar bei der Verabschiedung des zweiten Treffens wiederholt klar ausgesprochen wurde. Der Polizist war vollkommen durcheinander und lief planlos durch die Stadt. Er musste seine Sinne ordnen, dachte es würde helfen, Jack Bell mit seiner eventuellen Verlobten zu sich nach Hause einzuladen, ihm seine Frau Laura vorzustellen und einen schönen Abend gemeinsam zu verbringen. Doch Jack kam allein und das eigentliche Drama nahm seinen Anfang. Der Polizist verabredete sich am darauffolgenden Tag mit Jack und es war etwas geschehen, was er nie für möglich gehalten hätte :

« Während dieser Stunde, die ich auf ihn wartete, habe ich versucht, den Schlüssel für das unabweisbare Bedürfnis zu finden, das mich zu ihm trieb. Ich habe versucht herauszubekommen, warum ein guter Polizist in ein intimes Verhältnis mit einem bekannten Schauspieler einwilligt, der vielleicht in einem Mord verwickelt ist, und vor allem, warum ein verheirateter Mann, der bald Vater wird, in Begleitung eines zwielichtigen Individuums, von dem er fast nichts weiss, zu einer Spritztour auf der SR-1 aufbricht. In Wirklichkeit bedurfte es keiner grossen Anstrengung, um zu verstehen, was sich da anbahnte, aber einer enormen Anstrengung, um es zuzugeben. »

Obwohl für den Erzähler sein ganzes Leben auf dem Spiel stand, verliebten sich die zwei Männer vollkommen Hals über Kopf ineinander und somit entwickelte sich eine atemberaubende Amor fou zwischen einem heterosexuellen Polizisten und einem potentiellen krimminellen Schauspieler. Eine Liebe, die 18 Tage dauerte und ihren tragischen Höhepunkt am « Venice Beach » erreichen würde…

Dieser Roman ist eine echte literarische Entdeckung, die glücklicherweise endlich nach vier Jahren das deutschprachige Publikum erreicht. Soviel Emotionen – aus der Sicht eines Mannes und vor allem zwischen zwei Männern – wie in diesem Buch findet man selten. Philippe Besson schafft es mit seinem elegant exentrisch drehbuchartigen Stil, der sich durch sehr kurze Sätze und seine besonders sachliche Wortwahl auszeichnet, uns in eine aussergewöhnliche Gefühlswelt eintauchen zu lassen, die wir aus dieser Perspektive sicherlich nicht oft erfahren werden.

Denn Eines muss ganz klar verdeutlicht werden, es handelt sich hier keinesfalls um einen klassischen Schwulenroman. Es ist vielmehr die Geschichte einer vollkommen ungeplanten und unvorhersehbaren gleichgeschlechtlichen Liebe, die vielleicht jeden von uns ereilen könnte, ohne dass wir es uns im jetzigen Moment jemals vorstellen würden und könnten. Deshalb ist der Titel der Originalausgabe « Un homme accidentel », der eindeutig Zutreffendere. Frei übersetzt würde man sagen « Der zufällige Mann » oder « Ein Mann – ein Unfall ». Besonders das Wort « accidentel », was sich von « accident » – übersetzt « Unfall » ableitet, ist der Schlüssel dieses Romans. Philippe Besson bringt es in seiner Geschichte auch ganz klar auf den Punkt : « Nur ein verrückter Unfall war imstande, uns zusammenzubringen. Der gewaltsame Tod von Billy Greenfield ist ein verdammter Unfall gewesen. »

Dieses Buch ist also definitiv kein Kriminialroman. Es ist ein Liebesbekenntnis und eine Lebensgeschichte, die sowohl irritiert, als auch fasziniert, die vollkommen ohne Larmoyanz auskommt und dafür durch ihre unbestechliche Klarheit und schnörkellose Prägnanz hervorsticht und berührt. Ein Werk, das – obwohl der Mord eher in den Hintergrund rückt – durch seine emotionale Spannung und Sogfunktion mehr als beeindruckt.

« Venice Beach » ist ein sehr starker, leidenschaftlicher und bewegender Roman, der zeigt, wie sich ein Leben so plötzlich und unerwartet durch ein tragisches Ereignis verändern kann und am Ende trotz der Tragik nicht nur der Schmerz und die Scham, sondern auch die Liebe in Erinnerung bleibt!