Durchgelesen – „Das Ensemble“ v. Aja Gabel

Das Streichquartett ist eine der wichtigsten Gattungen der abendländischen Musikgeschichte. Es bezeichnet aber auch die Zusammensetzung eines Ensembles, das aus zwei Violinen, einer Bratsche und eines Cellos besteht, die von vier Musikern gespielt werden. Bereits Goethe hatte in einem Streichquartett nicht nur eine Musikgattung, sondern auch eine Zusammenführung von vier musizierenden Menschen gesehen:

„Man hört vier vernünftige Leute sich unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen.“

Und von genau vier solch „vernünftigen“ und in diesem Falle jungen Leuten erzählt dieser besondere Roman „Das Ensemble“ von Aja Gabel, der gerade aktuell dank der wunderbaren Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence in deutscher Sprache erschienen ist. 

Der Roman von Aja Gabel ist nicht nur eine Geschichte von vier Musikern, es sind eigentlich vier Geschichten von vier Mitgliedern eines Streichquartetts – eines Ensembles: die Erfolgsgeschichte, die Leidensgeschichte und vor allem die Liebes- und Freundschaftsgeschichte.

Es gibt vier Hauptcharaktere – vier Freunde –  und jeder hat eine einzelne Stimme, nicht nur im musikalisches Sinne, sondern auch im Lebenssinne und diese vier Einzelstimmen müssen in ihren einzelnen Persönlichkeiten in das komplexe Ensemble integriert und dazu zu einer musikalischen Stimme vereint werden.

Da gibt es Jana, 24 Jahre alt, die erste Geigerin, eine zielstrebige, zeitweise hektische Musikerin, die das absolute Gehör hat, auf Selbstvertrauen baut und sich von ihrer unerlässlich aufstrebenden Mutter, eine berühmte Schauspielerin zu sein, zu distanzieren versucht.

Henry, Bratschist, der jüngste des Quartetts und ein echtes Wunderkind. Dies sorgt nicht nur für Erstauen bei den anderen drei Musikern, sondern hin und wieder auch für Neid und grosse Auseinandersetzungen.

Dann treffen wir auf Daniel, den Cellisten dieses Ensembles, ein Musiker, der spät zur Musik kam, ein Musiker, der viel arbeiten bzw. üben muss, um den musikalischen Ansprüchen der anderen Drei gerecht zu werden.

Und dann gibt es noch Brit, die zweite Violinistin. Sie ist eine unverbesserliche Romantikerin, die manchmal den Schwerpunkt ihres Lebens nicht in die Musik legt, sondern sich lieber mit der Gründung einer eigenen Familie beschäftigt.

Diese vier Personen formen das Van-Ness-Quartett, sie lernen sich im Konservatorium kennen, befreunden sich und vereinen sich zu einem Ensemble, das in einer Zeitspanne von 1994 bis 2010 durch viele Höhen und vor allem auch Tiefen gehen muss. Die Musiker vermasseln einen Wettbewerb, sie streiten, sie kämpfen mit Missgunst und Unverständnis, sie planen die nächsten Konzerte, üben bis zum Umfallen und stehen auch vor vielen menschlichen und ganz persönlichen Entscheidungen…

Aja Gabel hat einen sehr intensiven, emotionalen, spannenden und auch aktionsvollen Debüt-Roman geschrieben, der mehr als nur das vielschichtige Leben und Wirken eines Streichquartetts erzählt. Diese enge Verknüpfung, diese Freundschaft, diese Nähe zwischen diesen vier Musikern, ist jederzeit übertragbar auf andere Freundesgruppen und Familien, die auch wie diese vier Musiker um Akzeptanz, Anerkennung, Wertschätzung und Respekt innerhalb ihres Ensembles hart arbeiten und kämpfen. 

Mit grosser Hingabe und Einfühlungsvermögen werden durch die Musik als Inbegriff der zwischenmenschlichen Kommunikation neue Erlebnisse, Konflikte und Lösungen vermittelt, die den Leser nicht nur in den Bann ziehen, sondern auch emotional berühren und aufrühren. Und trotz des – für den Laien – so unfassbar vorstellbaren Erfolgsdrucks eines Musikers, erleben wir diese vier sehr unterschiedlichen Charaktere, wie stark sie doch – schwankend zwischen spannungsgeladenen Differenzen und tief gehendem Einvernehmen – miteinander eng zusammengehören.

Das „Ensemble“ ist ein grossartiges Buch, das man bereits nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann. Und dieser Roman ist ein besonderes Geschenk, das den Leser nicht nur literarisch, sondern auch musikalisch verführt und man bereits während der Lektüre grosse Lust verspürt, so manch berühmtes Streichquartett sei es von Beethoven, Dvorak, Haydn, Mendelssohn, Mozart, Ravel, Schostakowitsch und Tschaikowski endlich neu oder wieder zu entdecken!

Durchgeblättert – „Lies und Höre – Orte der Dichtung und Musik“ v. Volker Gebhardt

Deutschland, das Land der Dichter und Musiker, aber auch der kulturellen Orte wie Theater, Musikhäuser und Bibliotheken. Ein Land das zwar Vieles bietet, aber leider oft unentdeckt bleibt. Wie wäre es nun mit einer Reise zum Beispiel auf den Spuren von Goethe, Hölderlin, Bach und Beethoven. Da werden Sie nun sagen, alt bekannt und nicht wirklich etwas neues, doch weit gefehlt !

Um die Bedeutung vieler pompöser Villen und Gebäude, aber auch kleiner Gartenhäuschen etc. zu verstehen, werden wir von Volker Gebhardt mit seinem faszinieren Bild- und Textband « Lies und Höre » auf eine Art kulturelle Wanderung durch Deutschland mitgenommen. Volker Gebhardt hat nach seinem Studium der Kunstgeschichte am Warburg Institute in London in verschiedenen Verlagen gearbeitet und ist heute als freier Autor und Publizist tätig. Bei diesem kulturellen Reisebuch wurde er von den zwei Fotografen Horst und Daniel Zielske begleitet, die sich seit über zwanzig Jahren auf Landschafts- und Architekturfotographie spezialisiert haben.

Gleich zu Beginn dieser besonderen « Lies und Höre » – Reise findet man in diesem sehr aufwendig gestalteten Buch direkt neben dem Inhaltsverzeichnis eine äusserst übersichtliche Deutschlandkarte mit den jeweilig gekennzeichneten kulturellen Orten, die in diesem Band besprochen bzw. vorgestellt werden. Man muss fairerweise ergänzen, dass hier aufgrund einer ganz bewussten Auswahl von Volker Gebhardt, ein gewisser Mut zur Lücke im Hinblick auf Dichterhäuser etc. beabsichtigt war. Es geht hier nicht darum alles abzudecken, sondern besondere und bedeutende Repräsentanten der deutschen Kultur in den Mittelpunkt zu rücken.

Somit können wir unsere Reise beispielsweise im Süden starten : Über das Hermann-Hesse-Haus in Gaienhofen oder den Hölderlinturm in Tübingen – weiter in die Mitte Deutschlands nach Leipzig zum Bachmuseum und der Thomaskirche  – mit einem Schlenker nach Osten zu einer Wanderung durch das Ruppiner Land auf den Spuren von Theodor Fontane  – mit dem Endziel im Norden Meeresluft zu schnuppern und dabei das Theodor-Storm Museum in Husum zu besuchen.

Sie können aber auch im Norden mit einem Abstecher ins Buddenbrookhaus in Lübeck beginnen, in den Westen weiterreisen nach Bonn für einen kurzen Besuch im Beethoven-Haus, um dann von dort aus direkt quer durch die Republik im Osten eine Pause in Goethes Gartenhaus in Weimar einzulegen. Weiter geht es dann über einen kleinen Umweg über Bayreuth und Richard Wagner schliesslich nach Meersburg an den Bodensee, um als krönenden Abschluss den schönen Alpenblick vom Domizil der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff aus geniessen zu können.

Wie Sie sehen, kann kulturelles Reisen sehr abwechslungsreich und kurzweilig sein. Volker Gebhardt führt uns mit seinem Buch « Lies und Höre » an Orte, die wir nicht so schnell wieder vergessen, zeigt uns überraschende Details und macht uns durch seine prägnanten Kurzbiographien der Dichter, Musiker und Denker neugierig auf mehr. Dieser gelungene Band besticht durch sehr kompetente Texte und die traumhaften Landschafts- und Architektur-aufnahmen, die eine Reise wunderbar ergänzen, aber natürlich niemals ersetzen würden. Denn wie bereits Goethe treffend formulierte : « Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. » Deshalb zögern Sie nicht länger! Lassen Sie sich durch dieses schöne Buch inspirieren. Reisen Sie auf den Spuren deutscher Philosophen und Literaten und geniessen Sie die dazugehörige Musik in der beeindruckenden Architektur deutscher Konzert- und Opernhäusern !