Durchgeblättert – „Chanson“ v. Olaf Salié

Mitte der 80ziger Jahre entdeckten wir durch verschiedene Umwege Serge Reggiani, der in Deutschland kaum bekannt war. Seine sensible warme Stimme traf ins Herz. Die Interpretation von Ma Liberté“ (Text und Komposition von Georges Moustaki) öffnete unbekannte Türen im Universum des französischen Chansons.

Es gabe Tage, da erklang bereits beim Frühstück per Zufall im deutschen Radio „Sous le ciel de Paris“ mit Edith Piaf und das trockene Hörnchen schmeckte wie ein frisches Croissant. Bei Liebeskummer half am Besten „Ne me quitte pas“ von Jacques Brel. Ja, und um die Wartezeit auf Urlaub zu verkürzen, versetzte uns Charles Trenet mit „La mer“ bereits an den Strand.

Diese nostalgischen Momente kamen und gingen, verlierten sich in den letzten Jahren, da das Pariser Leben und die französischen Chansons inzwischen zum Alltag gehören. Und plötzlich werden all diese Erinnerungen wieder wach dank Olaf Salié und seinem äusserst elegant wissenswerten Text- und Bildband „Chanson“.

Olaf Salié kennt Frankreich, Paris, liebt die französische Kultur und das französische Chanson. Er war lange Zeit Chefredakteur eines Kölner Wissenschaftsverlages und lebt inzwischen in Berlin.

Leidenschaft, Melancholie und Lebensfreude aus Frankreich, das ist der Untertitel dieses sehr informativen und schön gestalteten Werkes. Dass das Chanson in Frankreich zu einem Kulturgut, gehört steht wohl ausser Frage. Dass es auch eine Art Schutz von Seiten des Staates geniesst, ist vielleicht ausserhalb von Frankreich unbekannt. Durch ein Gesetz wird dafür gesorgt, dass 40 Prozent der im französischen Radio gesendeten Lieder auch wirklich original französischer Herkunft sein müssen. All dies und vieles mehr erfährt der Leser in der Einleitung dieses Buches. Die geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge, die auch das Chanson massgeblich beeinflusst haben, werden durch das sehr gut ausgewählte historische Bildmaterial anschaulich erläutert. Auch die Bedeutung der französischen Literatur wird nicht vernachlässigt. Ganz im Gegenteil, denn Einige der berühmten Dichter und Philosophen des 20. Jahrhunderts wie Jacques Prévert, Louis Aragon oder Jean-Paul Sartre waren die Urheber sehr bekannter Chansontexte.

Wir blättern beispielsweise durch die Biographien von Maurice Chevalier, Yves Montand, Charles Aznavour, Georges Moustaki, Gilbert Bécaud. Tauchen ein in das Leben von Juliette Gréco, Barbara, Georges Brassens, Jacques Brel. Lernen auch Léo Ferré genauer kennen, der zu den poetischten Chansonniers gehört. Und machen dann einen Sprung von den sechziger Jahren u.a. mit Jonny Hallyday, Serge Gainsbourg zu den Frauen der siebziger Jahre wie Jane Birkin, France Gall. Am Ende dieses aussergewöhnlichen musikalischen Parcours gibt es noch Einblicke in den Übergang vom klassischen Chanson zum sogenannten „Nouvelle Chanson“, wo natürlich Carla Bruni, Patrick Bruel und ZAZ nicht fehlen dürfen.

Die Porträts dieser Chansonniers/Chansonnières sowohl in Text als auch im Bild machen nicht nur neugierig, mehr darüber zu erfahren. Sie machen vor allem Lust, endlich wieder die alten CDs auszupacken und sich mit diesen lyrischen Hymnen dem Leben und der Liebe zu widmen. Dieses wundervolle Buch von Olaf Salié ist eine grossartige Hommage an das französische Chanson. Ein Buch, das in jeder Lebenssituation Wissen, Genuss und Trost spendet durch eine der poetischsten Formen der Musik, die selbst die Einsamkeit mit „Ma solitude“ von Georges Moustaki in ein Glücksgefühl verwandelt!

Durchgelesen – „Das Glück, wie es hätte sein können“ v. Véronique Olmi

Wissen wir wirklich, wie sich Glück anfühlt? Vielleicht sehen wir unser Glück gar nicht, oder können es nicht sehen, weil wir in unserem Innersten so eingesperrt sind und gar nicht fähig sind, Glücksgefühle überhaupt zu verspüren. Doch grundsätzlich sollten wir Glück erfahren können und dürfen, obwohl das Leben natürlich auch aus Problemen, Verletzungen und Enttäuschungen, aber vor allem auch aus Überdruss und Routine besteht. Véronique Olmi hat mit ihrem neuen Roman unter dem Originaltitel „Nous étions faits pour être heureux“, was auf Deutsch bedeuten würde – „Wir wären gemacht, um glücklich zu sein“ – dem Thema Glück doch klar eine wichtige Position zugebilligt. Doch leider sieht die fiktive Realität in vielen Fällen anders aus, wie dieser wunderbare Roman hier zeigt.

Véronique Olmi, geboren 1962 in Nizza, gehört zu den wichtigsten und bekanntesten Schriftstellerinnen und Dramatikerinnen Frankreichs. Sie wurde mit zahlreichen Preisen wie zum Beispiel dem Prix Alain-Fournier für ihren ersten Roman „Bord de Mer“ („Meeresrand“) 2002 geehrt. Ihre Theaterstücke werden nicht nur in Frankreich, sondern auch sehr erfolgreich im Ausland gespielt. „Das Glück, wie es hätte sein können“ ist der zehnte Roman von Véronique Olmi der bereits 2012 in Frankreich erschienen ist und nun aktuell – dank der Übersetzung von Claudia Steinitz – den deutschsprachigen Lesern vorgestellt wird.

Der Roman spielt in Paris. Véronique Olmi erzählt aus verschiedenen Perspektiven und schenkt ihr „Ich“ nur einer der Hauptpersonen in diesem Roman, nämlich Suzanne, eine Frau um die 40, nicht sehr attraktiv, eher bodenständig, anpackend und dafür in sich ruhend. Sie arbeitet als selbständige Klavierstimmerin und ist mit Antoine, einem perfekten und sanften Mann, verheiratet.

Suzanne hat einen neuen Auftrag. Sie soll ein Klavier in einem Appartement am Montmartre stimmen. Dort trifft sie auf Lucie, die Hausherrin, eine junge, sehr attraktive Frau, Anfang 30, Mutter von zwei entzückenden Kindern. Sie lebt hier nicht allein, sondern mit ihrem Mann Serge, erfolgreicher Immobilienmakler, 60 Jahre alt. Serge bemerkt Suzanne anfänglich nicht, obwohl sie sich ganz flüchtig am Eingang begegnen, geht zur Arbeit und Lucie widmet sich dem Klavier und der Klavierstimmerin. Erst einige Tage später sehen sich Serge und Suzanne per Zufall in der gleichen Bar am Abend wieder. Serge in Begleitung von Lucie entdeckt Suzanne ganz allein auf der Tanzfläche:

„Das ist es, was Serge packt und schockiert, als er Suzanne zum ersten Mal sieht: wie sehr sie lebt, ohne Angst zu haben. Ihre Hüften sind zu breit, denkt er. Und auch: Sie ist schön. Ohne Rechtfertigung. Ohne Gesetz. Das ist unverständlich und ungerecht…Sie tanzt und kümmert sich nicht darum, ob das vielleicht stören könnte, diese Gestalt ohne Jugend und dennoch diese Kraft, die sie durchströmt, aber sie ist so gewöhnlich, beinahe vulgär. Es ist doch vulgär, oder, sich so zu zeigen, wie man ist?“

Und genau das ist es, was Serge nicht kann, sich so zu zeigen, wie man bzw. er ist. Serge lebt in einer scheinbar perfekten Welt, mit einer dreissig Jahre jüngeren Frau, und wundert sich immer mehr, wie er wohl mit seiner Launenhaftigkeit und den regelmässigen Migräneattacken auf Lucie wirkt. Aber sie liebt ihn, „ obwohl sie doch ganz offensichtlich ein junges, robustes und kampflustiges Fohlen war.“ Serge liebt den Luxus, dennoch hat er nicht alles, wovon er wirklich träumt bzw. geträumt hat. Und es stört ihn, dass seine Frau immer alles glücklich macht:

„Was kann man jemanden sagen, der jeden Tag, der kommt wie eine unerwartete Überraschung empfängt, wenn man selbst sich nur eines wünscht: genau neben seinem eigenen Dasein zu laufen?“

Serge verfolgt Suzanne bei dem nächst besten Wiedersehen, er wartet im Regen vor ihrem Haus, bis sie ihm ohne zu zögern die Tür öffnet. Sie kommen sich näher, sie lieben sich. Er weiss nicht, warum ihn diese Frau so anzieht, obwohl sie gar nicht so schön ist. Auch Suzanne ist irritiert von diesem Mann, der sich nicht öffnet, schweigt, eingesperrt ist in seinen Emotionen und sie trotzdem anzieht. Sie hat Schwierigkeiten diese Stille mit ihm zu ertragen und sie spürt einen Lügenmantel, der Serge umgibt, den er nicht ablegen will. Nicht nur Serge wirkt verloren, auch sie fühlt sich ihm ausgeliefert und dadurch ebenfalls verloren, da sie sich in einen Mann verliebt hat, der ihr nichts anvertrauen kann, gerade weil ihn ein lange gehütetes und dramatisches Kindheitsgeheimnis so sehr belastet.

Kurz vor Weihnachten treffen sie sich ein letztes Mal, erst vor dem Haus seiner Kindheit, bevor sie in eine Wohnung in die Nähe des Gare Saint Lazare gehen. Suzanne hatte sich inzwischen von ihrem Mann Antoine getrennt, was sie Serge nicht anvertraute. Doch Serge kündigte ihr an, etwas Wichtiges erzählen zu müssen. Er berichtete über seine traurige Kindheit, seinen Vater Hubert, Chirurg, der streng, cholerisch und so aggressiv war, dass er Serge Mutter in seinem Beisein regelmässig schlug. Serge erzählte von seiner unendlichen Liebe zu seiner Mutter und deren Liebe zu David und zum Klavierspiel, und ganz besonders zu ihrem Lieblingsstück „Der Liebestraum“ von Franz Liszt. Serge erzählt Suzanne nicht nur ein paar Lebenserinnerungen. Er erläutert bis aufs kleinste Detail seine bitteren Erfahrungen in der Kindheit, die daraus resultierenden tiefen Ängste und die für ihn kaum zu ertragene und mehr als belastende „Mitschuld“ an einem Mord…

Véronique Olmi spielt in diesem Roman wie ein Pianist auf dem Klavier, sie berührt die weissen Tasten der positiven Emotionen, wie Liebe und Geborgenheit, doch genau so stark werden auch die schwarzen Tasten der Melancholie, Lüge und Angst gedrückt. Ihre Sprache ist von unglaublicher Musikalität und Sensibilität, die es trotzdem erlaubt die Probleme beim Namen zu nennen, um der Wahrheit früher oder später wirklich in die Augen schauen zu können. Véronique Olmi geht tief in die menschlichen Abgründe hinein, um das wahre Drama, aber gleichzeitig auch die mögliche Befreiung darin zu entdecken. Sie zeigt gekonnt, wie die Fassade eines bourgeoisen, erfolgreichen und scheinbar glücklichen Lebens schneller bröckeln kann, als einem lieb ist. Und sie macht mehr als deutlich wie wichtig es ist zu erkennen, dass fehlende Liebe in der Kindheit, einem Erwachsenen es wesentlich schwerer macht, selbst Liebe zu schenken. Denn nicht umsonst, hat Serge grosse Schwierigkeiten seine Kinder zu lieben, vor allem sieht er immer wieder die Angstgefühle seines Sohnes in dessen Augen und fühlt sich dadurch mehr als erinnert an seine lähmende Angst vor seinem Vater.

Mit beeindruckender Empathie charakterisiert Véronique Olmi ihre Figuren, die sich trotz ihrer Verschiedenheit, ihrer Konkurrenz und ihrer Liebesfähigkeit bzw. Liebesunfähigkeit durch die Musik, oder sagen wir besser durch das Klavier, als dezent angelegter roter Faden, in einer gewissen Form miteinander verknüpfen lassen. Denn das Klavier war bereits der Dreh- und Angelpunkt in Serges Kindheit, und auch bei seinem Sohn, der nun Klavierspielen lernen soll, taucht dieses Motiv wieder auf. Und das Klavier ist wiederum so mit der Lüge verbunden, dass weder Serge noch Suzanne anfangs den Mut haben, sich gegenseitig zu gestehen, welche sowohl positive als auch negative Bedeutung das Klavier bzw. die Musik hatte und welche unausweichlichen Konsequenzen daraus für ihr jeweiliges Leben entstehen konnten.

Doch sobald die Grenzen des Schweigens zwischen Serge und Suzanne geöffnet werden, zeigt uns Véronique Olmi welche Arten es von Schweigen und Lüge gibt und welche Kraft sich entwickeln kann, wenn die Ketten gesprengt werden und der Mensch sich endlich öffnen und jemanden vertrauen bzw. etwas anvertrauen kann. Véronique Olmi kann sowohl einfühlend und als beobachtend erzählen und schafft es aus einer dramatischen Liebesgeschichte eine vielschichtige Komposition zu kreieren: sie fügt die Motive der Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, aber auch der Lüge und Wahrheit so grandios zusammen, dass daraus ein melancholisch bedrückendes und gleichzeitig optimistisch beglückendes Werk entsteht.

„Das Glück, wie es hätte sein können“ ist mehr als die Geschichte um eine aussergewöhnliche „amour fou“, es ist ein Feuerwerk an Gefühlen, Leidenschaft und Dramatik. Es zeigt den Schein, aber auch die Realität und wir lesen uns von der vermeintlich geplanten Zukunft über die verdrängte Vergangenheit in die reale Gegenwart. Wir werden mit dem glücklosen Jetzt unausweichlich konfrontiert, obwohl wir die Gründe dafür nicht gleich kennen. Aber wir spüren als Leser sofort, wie uns die Vergangenheit blockieren kann und sehnen uns während der Lektüre deshalb umso mehr danach, durch den emotionalen unaufhaltsamen Spannungssog von Véronique Olmi in die Vergangenheit mit all ihrem Leid, ihrer Wut und ihrem Unglück eintauchen zu dürfen, um dadurch erleichtert und befreit wieder aufzutauchen.

Dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubend elegante und betörende sensible Roman ist die perfekte „Einladung“ sich mit der eigenen Vergangenheit und den vielleicht dazugehörigen Lebenslügen zu beschäftigen. Dieses Werk macht Mut und regt unglaublich zum Nachdenken und Nachfühlen an. Und besonders wichtig ist, dass uns Véronique Olmi in ihrem Buch auf so meisterliche Art zeigt, vielleicht so gar lehrt, wie wichtig die Musikalität nicht nur in der Sprache sondern auch im wahren Leben ist, denn Musik bedeutet Glück und Glück ist Musik!

Durchgelesen – „Aus den Fugen“ v. Alain Claude Sulzer

Das Leben geht oft seltsame Wege. Es kreuzen sich Schicksale, Menschen kommen von ihrem eingeschlagenen Kurs ab und befreien sich von praktischen und emotionalen Fesseln. In dem aktuell veröffentlichten Roman « Aus den Fugen » von Alain Claude Sulzer lernen wir gleich verschiedene Personen kennen, deren Leben im wahrsten Sinne des Wortes « aus den Fugen » geraten wird und dabei die musikalische « Fuge » einen wichtigen Beitrag dazu leistet.

Alain Claude Sulzer, geboren 1953 in Riehen bei Basel (Schweiz), absolvierte eine Ausbildung zum Bibliothekar und arbeitete anschliessend als Journalist. Sein erster Prosatext erschien 1983. Darauf folgten viele weitere literarische Arbeiten. Gleichzeitig übersetzte er Texte aus dem Französischen unter anderem von Julien Green, Jean Echenoz und Jules Renard. Er wird mit zahlreichen Preisen geehrt, wie zum Beispiel der « Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank » und 2005 dem Einzelwerkpreis der schweizerischen Schillerstiftung. Seinen grössten Erfolg feierte er mit dem Roman « Ein perfekter Kellner » 2004, welcher 2008 mit dem Prix Medicis étranger ausgezeichnet wurde. Nun dürfen uns über seinen neuen Roman « Aus den Fugen » freuen, der sich als eine äusserst raffinierte symphonische « Literatur-Komposition » präsentiert.

Der Roman spielt in Berlin und hat nicht nur einen Hauptprotagonisten, sondern gleich eine Vielzahl von Figuren, die mehr oder minder eine fast schon tragende, aber zumindest sehr wichtige Rolle in diesem « musikalischen » und unglaublich vielschichtigen Werk spielen werden.

Es beginnt mit dem Pianisten Marek Olsberg, ein sehr berühmter Musiker, der den klaviermusikkennenden Leser vielleicht an Horowitz, Brendel und Alexis Weissenberg erinnern könnte. Gefeiert auf der ganzen Welt, Konzerte wie zum Beispiel in New York und Wien, jedoch Single aufgrund seiner nicht ganz einfachen Lebensweise. Dieses Mal zeigt er seine pianistischen Künste bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie, unter anderem auf dem Programm die « Hammerklaviersonate » von Beethoven. Und dann passiert etwas vollkommen Unterwartetes im letzten Satz, dem zweiten Fugensatz dieser Sonate :

« Etwa drei Minuten vor dem Ende des letzten Satzes der Hammerklaviersonate, diesem Meilenstein der Klaviermusik, etwa nach neun Minuten Spiel, kurz vor Erreichen des Ziels, hielt Marek Olsberg unvermittelt inne und hob langsam die Hände. »

Marek Olsberg beendet ganz unvorhergesehen dieses Stück, steht auf, klappt den Klavierdeckel herunter und murmelt vor sich hin :

« „Das war’s.“ »

Und damit endet eine musikalische Fuge, die nicht nur das live miterlebende Publikum schockiert, sondern auch ganz konkrete Einzel-Lebensschicksale von verschiedenen Menschen, die mit diesem Konzertabend bewusst oder unbewusst, beruflich oder privat miteinander-verknüpft sind, quasi « aus den Fugen » geraten.

Somit lernen wir gleich zu Beginn auch Marek Olsbergs Assistentin Astrid Maurer kennen – eine taffe unverheiratete Frau, die alles für « ihren » Pianisten organisiert, ihn auf Reisen begleitet und keines seiner Konzerte verpasst, bis auf dieses Mal, denn Astrid wurde wie schon so oft genau an diesem Abend von einem Migräneschub überrascht…

Wir treffen auf Esther – verheiratet mit Thomas -, die mit ihrer vom Ehemann verlassen Freundin Solveig in das Konzert geht. Aufgrund des abrupten Endes fährt sie früher nach Hause als ursprünglich geplant und wundert sich, warum ihr Mann nicht in ihrer Wohnung auf sie wartet…

Dann gibt es noch Sophie, die ihre Nichte Klara mit einem klassischen Konzert überraschen möchte und dabei erfährt, warum ihr damaliger Geliebter und jetzt der Freund ihrer Schwester, auch diese betrügt…

Es stossen Johannes, der die Konzertkarten verfallen lässt und Marina, die eigentlich Bettina heisst und als Escort-Service arbeitet, aufeinander. Dadurch wird die Ehefrau von Johannes hellhörig und dummerweise stellt sich auch noch heraus, dass Johannes und Marina sich bereits von früher kennen…

Was wäre ein Konzert nicht ohne anschliessendem Empfang, bei dem der Kellner Lorenz aushelfen sollte, aber es ja aufgrund des Spielabbruchs dazu nicht mehr kommen konnte und er nun aus purer Lust und Langeweile bei dem Sponsorenehepaar in dessen Villa ein paar wertvolle Steine mitgelassen wollte und blöderweise dabei auch noch von der Ehefrau des Sponsors erwischt wird…

Und so kreisen sie alle, die Besucher und Nichtbesucher, um den « verlorenen » Konzertabend und werden sich in ihrem Leben der schmerzvollen, aber gleichzeitig auch hilfreichen Erkenntnisse bewusst, so dass es für viele an der Zeit ist, den Tatsachen ins Auge zu blicken, sich von Ignoranz zu befreien und zu versuchen, einen neuen und anderen Lebensweg einzuschlagen. Alain Claude Sulzer gelingt es meisterlich durch einen wahrlichen musikalischen Kunstgriff, der die Figuren dieses Romans so miteinander verbindet, dass sie zu erst in eine pianistische « Fuge » eintauchen und gleichzeitig aus den Fugen geraten. Man spürt als Leser, wie das vor dem Konzert gelebte Leben plötzlich bei vielen der Romanprotagonisten bröckelt, Risse bekommt, ja fast schon zerfällt.

Alain Claude Sulzer hat diesen Roman so wundervoll feinfühlig, wie ein Komponist seine Musikstücke Note für Note, aufgeschrieben. Jede Figur ist wie ein Instrument in einem grossen Orchester, und nur alle zusammen, auch wenn dadurch die einzelnen Lebensschicksale erst zum Vorschein kommen, bilden letztendlich doch die eigentliche literarische « Symphonie ». Er verwendet eine so klare, sensible, aber trotzdem schnörkelose Sprache. Hier wird nichts romantisiert, ganz im Gegenteil hier wird aufgeräumt und sich befreit von Ballast, schlechten Verhaltensweisen, blöden Gedanken und unguten Gefühlen. Es geht darum, aus dem Schicksal zu lernen und sein Leben in die Hand zu nehmen, wie Marek Olsberg, der endlich aus seinem Programmkorsett entschlüpft ist und sich nun ohne schlechten Gewissens ganz allein in einer Bar ein Bier gönnen kann.

« Aus den Fugen » ist ein ganz besonderer Roman, der sich mehr als zu lesen lohnt, den man nicht nur mit seinen Wort für Wort folgenden Augen aufnehmen sollte, sondern auch mit seinen sehenden « Ohren », denn es handelt sich hier um literarische « Musik » vom Feinsten, die es mit Muse bewusst zu geniessen gilt !

Durchgelesen – „Mozarts letzte Arie“ v. Matt Beynon Rees

Suchen Sie sich einen ruhigen Ort, vielleicht zünden Sie sich eine Kerze an, aber legen Sie auf jeden Fall Mozart auf ! Ab jetzt wird Sie nichts mehr daran hindern, sich für etwas mehr als 300 Seiten in das Wien des 18. Jahrhunderts versetzen zu lassen und in Verbrechen, Intrigen, Komplotte und Lügen begleitet von traumhafter Musik zu versinken.

Matt Beynon Rees (geb. 1967 in South Wales) arbeitete lange Zeit als Jerusalemer Bürochef der Time, für die er auch weiterhin freiberuflich tätig ist. Bekannt wurde Rees durch seine Krimis rund um den palästinensischen Lehrer Omar Jussuf. Für den Roman « Der Verräter von Bethlehem » wurde er sogar mit dem New Blood Dagger Award ausgezeichnet. Nach vier Krimis aus der Jussuf-Reihe ist nun sein aktuellstes Werk « Mozarts letzte Arie » dank der hervoragenden Übersetzung von Klaus Modick (u.a. Bettina-von-Arnim-Preisträger) erstmals in deutscher Sprache erschienen.

« Mozarts letzte Arie » ist ein historischer Kriminialroman, der sich vor allem um die Musik eines der grössten österreichischen Komponisten und insbesondere um dessen letzte Oper « Die Zauberflöte » dreht. Die Geschichte beginnt mit einem nicht ganz unwichtigen Prolog : Nannerl, die Schwester von Wofgang Amadeus Mozart, lässt ihren Neffen Franz Xaver Mozart (Mozarts Sohn) zu sich rufen, um ihm etwas sehr Wichtiges zu übergeben. Es handelt sich um ein Tagebuch, das vor vierzig Jahren seine Tante (Nannerl) während einer Reise nach Wien kurz nach dem Tod Mozarts geführt hat. Und genau hier – also kurz vor dieser Reise – setzt nun die eigentliche Kriminalgeschichte ein.

Wir befinden uns im Jahre 1791. Nannerl ist mit Johann Berchtold von Sonnenburg verheiratet und lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Salzburg. Sie führt ein eher ruhiges, um nicht zu sagen fast schon beschauliches und sehr zurückgezogenes Leben. Doch spätestens ab dem Moment, als sie einen Brief von Constanze (Mozarts Frau) erhält, ist ihr Leben von einer Sekunde auf die andere vollkommen durcheinandergewirbelt. Der Brief enthält eine sehr traurige Nachricht : Wolfgang, ihr Bruder, ist am 5. Dezember gestorben und liegt bereits beerdigt in einem einfachen Grab auf dem Sankt Marxer Friedhof in Wien. Constanze schreibt von der Premiere der « Zauberflöte », von Klatschgeschichten bezüglich einer eventuellen Untreue ihres Mannes, von einem Freund namens Hofdemel, der seine Frau mit einem Messer misshandelt und sich dann selbst getötet hat, weil sie eventuell die Geliebte Mozarts gewesen sei. Constanze erklärt ergänzend, dass dieser Mensch auch noch Mozart mit Gift ermordert haben soll.

Nannerl ist erschüttert von dieser traurigen Nachricht und gleichzeitig voller Erregung im Hinblick auf die Mordgerüchte, da sich dahinter nicht nur verlogenes Getuschel, sondern auch eine gewisse Wahrheit verstecken könnte. Denn Mozart selbst war – laut Constanze – bereits einige Wochen vor seinem Tod der Überzeugung, dass man ihn vergiftet hätte. Er sei angeblich an einem Fieber gestorben, das jedoch nicht mehr behandelt werden konnte. Nannerl ist verwirrt und versucht sich alle nur erdenklichen Mordmotive vorzustellen, doch letztendlich gibt es nur eine Möglichkeit, um die echte Wahrheit herauszufinden : sie muss nach Wien reisen und das Grab von ihrem Bruder aufsuchen. Nannerls Mann reagiert alles andere als tröstend und verständnisvoll, doch sie lässt sich nicht abbringen und fährt mit ihrem Dienstmädchen nach Wien.

Sie steigt in einem Gasthof ab und besucht gleich nach ihrer Ankunft ihre Schwägerin. Sie trösten sich gegenseitig und Constanze berichtet von dem grossen Erfolg, welche « Die Zauberflöte » auslöste. Es war nämlich nicht nur die Musik, welche die Menschen so angesprochen hatte, es war mehr :

“ « Die Zauberflöte ? Sie wird mehr gelobt als jedes andere seiner Werke. Nicht nur der Musik wegen, so erstaunlich das sein mag. »
« Für was denn noch ? »
« Für ihre Philosophie. Dass jedermann friedlich und brüderlich miteinander leben kann. Wolfgang hat sie zusammen mit seinem Freund Schikaneder geschreiben, dem Intendanten des Freihaustheaters. Nun ja, du solltest dich besser mit Schikaneder darüber unterhalten ; aber für mich steht fest, dass Die Zauberflöte Wolfgangs Glauben an Gleichheit und brüderliche Liebe zum Ausdruck bringt. »“

Die beiden Frauen diskutieren über die Mordgerüchte und dabei erwähnt Constanze, dass Wolfgang sich ganz sicher war, dass er mit Acqua Toffana – einer ganz besonderen Mischung verschiedener Giftstoffe – vergiftet wurde. Constanze glaubt es nach wie vor nicht und denkt, dass ihr Mann einfach trübsinnig war und seine hohen Schulden ihn vollkommen aus der Bahn geworfen hätten. Doch Genaues wusste sie nicht, denn seine Probleme vertraute Mozart nur seinen Logenbrüdern, wie zum Beispiel dem Prinzen Karl Lichnowsky, an. Nannerl war nicht im geringsten überrascht, dass sich ihr Bruder mit Freimaurern eingelassen hatte. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass ihm in Hinblick auf seine letzte Oper eine Bruderschaft, die sich um Gleichheit bemühte, als sehr anziehend erscheinen musste.

Inzwischen ist die emotionale Nähe zu ihrem verstorbenen Bruder Wolfgang wieder aufgeblüht, nachdem sie sich ja einige Jahre vor seinem Tod nicht mehr gesehen hatten, aber auch ihr starkes Bedürfnis nach endgültiger Wahrheit lässt sich nicht mehr unterdrücken. Nannerl stürzt sich in die Wiener Gesellschaft, trifft sich mit Emanuel Schikaneder und Anton Stadler (Musiker und Freund Wolfgangs), lernt den Schauspieler Karl Gieseke kennen und macht die Bekanntschaft des Baron Gottfried van Swieten (Direktor der kaiserlichen Bibliothek und Leiter der Zensurbehörde). Sie erkennt immer mehr die Verstrickungen nicht nur im Wiener Hochadel, sondern auch in den Geheimlogen. Nannerl kann gerade noch einem Überfall entkommen, muss bei einem Besuch der Oper « Die Zauberflöte » mitansehen, wie Gieseke tot im Bühnenbild hängt und entdeckt dazu noch Komplotte mit den österreichischen und preussischen Geheimdiensten. Raffiniert setzt sie ihre wundervollen Klaviermusik-Künste kriminalistisch ein und ist somit dem Mörder oder den Mördern ihres Bruders mehr und mehr auf der Spur…

« Mozarts letzte Arie » ist – wie Matt Beynon Rees im Anhang selbst erläutert – ein auf die historischen Ereignisse ruhender Roman, bei dem er nur bei einigen Figuren die Fiktion ein wenig hat einfliessen lassen. Aber genau dies macht diesen Krimi zu einem ganz besonders informativen und mitreissenden Werk. Rees verleiht den einzelnen Figuren eine so intensive und markante Persönlichkeit, dass man sich bei der Lektüre fast wie bei einer Filmvorführung fühlt. Man taucht dadurch so tief in die Geschichte ein, so dass das Buch zu einer Art « Opernbühne » wird und der Leser sich nicht mehr wundern muss , wenn er glaubt, die kristallklare Sopranstimme der « Königin der Nacht » wirklich zu hören.

Dieser Krimi entwickelt einen unvergleichlichen Sog und zieht den Leser auf subtilste Weise in besondere Sphären hinein, die voller Musik sind, aber eben nicht nur. Denn Politik, Gesellschaft und Geheimlogen spielen in diesem Werk eine sehr wichtige Rolle und werden äusserst galant und fesselnd – als wäre die Geschichte ein grosses Spinnennetz – miteinander verwoben. Matt Beynon Rees fängt den Leser durch seinen fantastisch gelungenen Spannungsbogen sofort ein und man spürt parallel nicht nur die musikalische, sondern auch die emotionale Kraft bezüglich der grossen Geschwisterliebe zwischen Nannerl und ihrem Bruder Wolfgang. Somit ist man als Leser einerseits sensibel berührt, aber andererseits in der unerbittlichen Suche nach dem Mörder unglaublich stark gefesselt.

Matt Beynon Rees bietet darüberhinaus in seinem Roman ein sehr beeindruckendes und atmosphärisch dichtes gesellschaftliches und musikalisches Porträt der Stadt Wien Ende des 18. Jahrhunderts. « Mozarts letzte Arie » ist ein perfektes Buch für jeden Krimifreund, der das Besondere sucht! Hier geht es eben nicht nur um den klassischen Mord und Totschlag, sondern um gesellschaftliche und politische Intrigen und vor allem um die Bedeutung und Auswirkungen der Musik bzw. bestimmter Kompositionen. Man kann diesen Roman bestimmt auch als Lehrstück in Punkto Wahrheit verwenden und lernt dabei auch, was es heisst, wenn man von der Macht der Musik spricht. Kurzum « Mozarts letzte Arie » ist ein sehr kluger und spannender Musik-Krimi, der nicht nur Reiselust erzeugt, sondern vor allem als eine Art musikalisches « Amuse-Gueule » richtig « Appetit » auf Mozarts Opern macht!

Durchgelesen – „Lied ohne Worte“ v. Sofja Tolstaja

Sofja Tolstaja war eigentlich geprüfte Hauslehrerin und begann bereits in jungen Jahren mit ihren ersten Schreibversuchen. Doch mit 18 lernte sie den 16 Jahre älteren Grafen Lew Tolstoi kennen, der bereits seine ersten literarischen Erfolge verzeichnen konnte. Sie heiratete ihn am 23. September 1862 und zog danach mit ihm auf sein Landgut. Das Schreiben hatte sie aufgehört, dafür widmete sich Sofja Tolstaja den Tagebücher ihres Mannes, wobei sie feststellte, dass er dem weiblichen Geschlecht vor ihrer Zeit nicht im Geringsten abgeneigt war. Sofja wurde sechzehnmal schwanger, davon waren drei Fehlgeburten und von den 13 Kindern, die sie gebar, hatten 8 Kinder das Erwachsenenalter erreicht. Das Schicksal ging nicht spurlos an ihr vorüber: der Tod von drei Kindern und eine schwere Karnkheit trafen sie schwer. Auch die Ehe mit Tolstoi wurde immer schwieriger, seine Eifersucht entfernte das Paar mehr und mehr. Sofja fing wieder an zu schreiben, jedoch wurden ihre Werke zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht, im Gegenteil sie verstaubten über Jahrzehnte in Moskauer Archiven.

„Lied ohne Worte“ ist der zweite Roman von Sofja Tolstaja (nach „Eine Frage der Schuld“), der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Ein literarisches Kleinod, das sich um Leidenschaft, Pflichtbewusstsein und um die Kraft der Musik dreht und das Leben einer Ehefrau im Russland des 19. Jahrhunderts sehr feinfühlig beschreibt.

Sascha, eine junge Frau, Mutter eines kleinen Sohnes, verheiratet mit dem gutmütigen, aber eher wenig sensiblen Versicherungsbeamten Pjotr, ist in einer tiefen seelischen Krise. Ihre Mutter stirbt – bereits seit einiger Zeit schwer krank –   als sie gerade noch rechtzeitig auf der Insel Krim ankommt:

„Die Trauer verzehrte Sascha so sehr, dass sie den ganzen Winter über krank darniederlag und zu Beginn des Frühlings wie ein Schatten ihrer selbst sich dahinschleppte, empfindlich, mager, finster.“

Ihr Mann kann sie nicht trösten, versucht sie jedoch mit dem Vorschlag, in das Landhaus ihrer Mutter zu fahren, aufzuheiteren. Doch auch dies lehnt Sascha ab, da die Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter sie dort nie loslassen würden. Das Einzige, was sie sich noch vorstellen kann, ist ein Sommerhaus anzumieten. Pjotr kümmert sich um alles und findet ein wunderschönes Sommerhaus, das auf einer Anhöhe liegt und durch zwei Badehäusschen am Fluss gekrönt wird. Die Familie fährt somit endlich aufs Land,  und Pjotr blüht auf, denn seine liebste Beschäftigung ist Gärtnern. Sascha dagegen ist immer noch verloren in ihrer Trauer und fühlt sich niedergeschlagen und verwirrt. Doch eines Tages hört sie aus dem benachbarten Sommerhaus die Interpretation von Mendelssohn Bartholdy:

„In allen Variationen klang das «Lied ohne Worte» wunderschön, und es war, als ob es der kranken Seele Saschas etwas Empfindsames und Zärtliches erzählte, das sie beruhigte und erfreute. Doch dann das Ende – im Pianissimo – erklang derselbe Akkord dreimal wie ein Seufzen, und alles war still. Auch Sascha seufzte auf, ihr war, als hätten die Klänge des Klaviers eine schwere Last von ihrer Seele genommen.“

Dieses Klavierspiel verzaubert sie so sehr, dass sie zum ersten Mal wieder das Leben spüren kann. Auf einem Spaziergang lernt sie den Nachbarn und Pianisten Iwan Iljitsch persönlich  kennen, der ihr durch seine Spiel so viel Glück schenken konnte. Anfangs war es nur die Musik, doch es dauert nicht lange, und die Begeisterung bezieht sich nun auch auf den Pianisten. Sie kämpft zwischen künstlerischer Verehrung und leidenschaftlicher Liebe, gegen die sie sich ständig wehrt. Doch der Konflikt wird immer grösser und führt sie direkt in die Nervenheilanstalt….

Dieser Roman ist ein romantisches Meisterwerk, das die Stimmungen und Ängste einer Frau wunderbar und sehr feinsinnig umschreibt. „Lied ohne Worte“ ist eine sehr anregende literarische Lektüre, die zeigt, wie nah sich doch Liebe und Genie im Lebensalltag wiederfinden können. Ein Werk voller Musik, welche durch die sensible Sprache Tolstajas eine ganz besondere Bedeutung und Intensität erreicht.

Durchgelesen – „Vindings Spiel“ v. Ketil Bjornstad

Dies ist ein spannender und gleichzeitig sehr einfühlsamer Roman über die Liebe zur Musik und über das Erwachsenwerden.

Die Geschichte spielt in Norwegen in den sechziger Jahren. Der Protagonist in diesem Roman ist der fünfzehnjährige Aksel Vinding, der auch als Ich-Erzähler fungiert. In seiner Familie gibt es immer Ärger, mit seinen Eltern und mit seiner älteren Schwester. Und dann passiert auch noch ein Unglück. Bei einem Badeausflug ertrinkt seine eher lebensfrohe und sorglose Mutter.  Dies ist ein Drama für die ganze Familie, und Aksel kann mit dem Verlust und der Trauer nur sehr schwer umgehen.

Er beschliesst deshalb, die Schule abzubrechen und entscheidet sich nur noch für das Klavierspiel. Mit dieser Entscheidung fühlt er sich ihr am Nächsten, denn seine Mutter hat es ihm beigebracht und die Liebe zur Musik vermittelt. Er spielt Tag und Nacht, um zu vergessen, aber auch um Pianist zu werden. Es dauert nicht lange und er taucht ein in die Welt der jungen Künstler und lernt dabei die junge sensible und hochbegabte Anja Skoog kennen.

Fortan besteht sein Leben aus Ravel, Chopin, Beethoven, aus Konzertdebüts, Wettbewerbe und Konkurrenz. Er verliebt sich in Anja und entdeckt ein Geheimnis in ihrer Familie. Und er spürt auch, dass der Stress mit Konzertagenturen und der Druck im Allgemeinen ihn an seine Grenzen bringt.

Bjornstad beschreibt wunderbar die Liebe zur Musik, was sie aus den Menschen macht und wie weit man mit der Musik gehen kann. Ein Liebesroman, eine brillant erzählte Hommage an die Musik und ein kenntnisreicher Roman über die Musikszene in den Sechzigern. Ein Buch voller Gefühl, Leidenschaft und Melancholie!

Durchgelesen – „Am Anfang war die Nacht Musik“ v. A. Walser und „Mein Jenseits“ v. M. Walser

Alissa Walser, Am Anfang war die Nacht Musik: Ein erstaunlicher Roman mit einer erstaunlichen Sprache. Sie ist schwülstig, gestelzt, hat aber trotzem einen unglaublich starken Rhythmus, der den Leser mitnimmt. Der Roman spielt in Wien im Jahre 1777. Es geht um den berühmten Arzt Franz Anton Mesmer, der die blinde Pianistin und Sängerin Maria Theresia heilen soll. Er nimmt sie auf in sein magnetischen Hospital. Sie fühlt sich zum ersten Mal befreit, weg vom ständigen Druck, noch besser Klavier zu spielen. Und vor allem weg von ihrer Familie. Mesmer hofft mit Hilfe der Heilung endlich den medizinischen Durchbruch zu erreichen. Arzt und Patientin entdecken ihre gemeinsame Liebe zur Musik und die ersten Heilerfolge sind zu erkennen. Doch es kommt zu einen Medizin-Skandal. Man spürt hier in diesem Roman sehr deutlich, was für ein wunderbares Werkzug Sprache sein kann: „Gedanken, denkt er, sind wie Arznei. Falsch dosiert, und man geht zugrunde daran.“ Ein Buch für Musikliebhaber und nicht nur für Freunde historischer Romane.

Martin Walser, Mein Jenseits: Eine Novelle über „Glauben“. Der Hauptprotagonist ist Augustin Feinlein, Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen. Er hat Probleme mit dem Älterwerden, deshalb hat er aufgehört ab seinem 63. Geburtstag weiter zu zählen. Feinlein hat Schwierigkeiten mit seinem Oberarzt Dr. Bruderhofer. Dieser hat seine grosse Liebe Eva Maria geheiratet. Sie war zuvor mit Feinlein verlobt, heiratete dann den Grafen Wigolfing und nachdem dieser an der Eiger Nordwand verunglückte, wurde sie die Frau des 18 Jahre jüngeren Dr. Bruderhofer. Und sie schreibt immer noch Postkarten an Feinlein mit dem Abschluss “ In Liebe“. Und das versucht er zu glauben, nein er glaubt es! „Eine Sekunde Glauben ist mir tausend Stunden Zweifel und Verzweiflung nicht zu hoch bezahlt.“ Und Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt.“ Die Geschichte ist so skuril und der Held ist gleichzeitig eine komische und traurige Gestalt. Am Schluss wird August Feinlein in sein eigenes Psychiatrisches Landeskrankenhaus eingeliefert, doch warum? Ein schmales, aber sehr intensives und starkes Buch!

Man spürt bei beiden Büchern, die Tochter des Vaters, aber auch den Vater der Tochter. Übrigens ist dies der erste Roman von Alissa Walser. Sie hat 1992 für eine Erzählung den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten.