Durchgelesen – „Venice Beach“ v. Philippe Besson

Ein Buch mit dem Titel « Venice Beach » versprüht eindeutig Lust auf Sonne, Strand und mehr. Gleichzeitig spielt dieser Roman auch noch in Kalifornien, genauer in und um Los Angeles. Die Hauptpersonen sind ein Polizist und ein berühmter Schauspieler. Und somit schliessen wir natürlich spontan daraus, dass es sich hier um einen Krimi mit Urlaubsfeeling handeln könnte. Doch vielleicht sind Sie, lieber Leser – auch wenn es sich hier um eine echte Mordgeschichte handelt – nach den ersten Seiten etwas enttäuscht, denn dieser Roman ist kein klassischer Thriller, sondern eine mehr als aussergewöhnliche Liebesgeschichte.

Philippe Besson – geboren am 29. Januar 1967 in Barbezieux – studierte an der École supérieure de commerce in Rouen und arbeitete ab 1989 in Paris als Jurist und Dozent für Sozialrecht. 1999 begann er mit seinem ersten Roman « En l’absence des hommes », der in Frankreich 2001 erschien und für den Philippe Besson mit dem Prix Emmanuel-Roblès der Académie Goncourt ausgezeichnet wurde. Danach folgten fast im jährlichen Abstand weitere Romane : « L’arrière saison » (2003), « Un garçon d’Italie » (2003), « Les jours fragiles » (2004), « Son frère » (2005) – wurde von Patrice Chéreau verfilmt – , « Un instant d’abondan » (2005), « L ‘enfant d’octobre » (2006), « Se résoudre aux adieux » (2007) und im Jahr 2008 « Un homme accidentel », welcher uns nun aktuell mit dem leider etwas – in Punkto Urlaubsstimmung – verwirrenden deutschen Titel « Venice Beach » dank der Übersetzung von Caroline Vollmann vorliegt. Die Romane von Philippe Besson haben nicht nur in Frankreich einen sehr grossen Erfolg, sondern werden inzwischen in 14 Sprachen übersetzt.

Der Roman wird in der Ich-Form aus der Sicht einer der Hauptfiguren, des Polizeiinspektors, rückwirkend erzählt. Der namenlose Erzähler ist eigentlich glücklich verheiratet mit Laura, einer Bibliothekarin, welche sehr bald ihr erstes Kind zur Welt bringen wird. Er selbst ist ein sehr verantwortungsvoller und gewissenhafter Polizist, der das eher ruhige Arbeitsleben in Beverly Hills zu schätzen weiss und der froh ist, jeglicher Schlägerei aus dem Weg gehen zu können :

« Vielleicht haben mich meine Vorgesetzten deshalb gewählt : Man ahnte, dass ich keinen besonderen Ehrgeiz entwickeln und keinen Zwischenfall provozieren würde, dass ich in der Lage wäre, der Langeweile Widerstand zu leisten, und dass ich mich auf dem Foto gut ausnähme. »

Doch die so angenehme Ruhe in Hollywood ist bald vorbei, als man einen Toten auf dem Cresent Drive findet. Es war ein junger Mann, ermordert durch einen Schlag auf die Schläfe. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass es sich bei dem Toten um den neunzehnjährigen Billy Greenfield – einem Prostituierten – handelt.

Der Fall musste aufgeklärt werden, der Erzähler und sein irischer Kollege McGill bearbeiteten die Informationen, die sie bis jetzt bekommen konnten. Sie durchkämmten die Wohnung des Toten, welche eher einem ziemlich heruntergekommenen Zimmer glich. Bei der Durchsuchung entdeckte McGill ein kleines Heft, eine Art Notzibuch, das der Erzähler jedoch nur in seine Jackentasche einsteckte ohne eine Auge darauf zu werfen. Am Nachmittag des gleichen Tages besuchte der Polizist endlich seine Frau, nachdem er sie am Abend wegen des Mordes vertrösten musste. Doch der Fall liess ihm keine Ruhe, er sprach mit seinem Kollegen über die Eltern des Toten und plötzlich fiel ihm wieder das Notizbuch ein. Er durchforstete darin alle Einträge und Adressen und entdeckte ganz plötzlich den Namen Jack Bell. Er musste wirklich überlegen, wer Jack Bell eigentlich war und dann erinnerte er sich wieder:

« Nun also Jack Bell. Vierundzwanzig Jahre. Der neue Schwarm von Hollywood. Zwei Blockbuster in Folge in den letzten sechs Monaten. Titelfotos auf Illustrierten ohne Ende. Einige Eskapaden beim Verlassen von Bars. Einige Gerüchte um ein verwüstetes Hotelzimmer. Und Schnappschüsse, auf denen man ihn am Arm eines jungen rothaarigen, magersüchtigen Models erkennt. Vor allem aber das perfekte Bild des Überlebenden. »

Jack Bell wohnte am Maple Drive, einer der besten Adressen von Hollywood. Man hörte nur « Schlechtes » über ihn, was den Polizist nicht verwunderte und genau diese Angebertypen, wie Jack Bell vielleicht einer war, lagen ihm überhaupt nicht. Er musste ihn wegen einer Befragung aufsuchen, war nicht überrascht bezüglich der luxeriösen Wohnverhältnisse und dafür umso mehr erschrocken über seine zurückhaltende Erscheinung. Etwas ermüdet und ausstrahlungsloser als in der Boulevardpresse begegnete Jack Bell ihm gegenüber trotzdem sehr höflich. Nach eindringlicher Befragung stellte sich heraus, dass er Billy Greenfield nicht kannte und sich auch mit ihm zwei Abende davor nicht verabredet hatte. Der Besuch war damit schnell abgeschlossen und der Polizist konnte sich nun endlich auf den Heimweg zu seiner geliebten Frau Laura machen. Er war glücklich mit ihr und freute sich sehr darauf, endlich Vater zu werden.

Am nächsten Tag versuchte Jack Bell den Polizisten nochmals zu erreichen. Er solle erneut bei ihm zu Hause vorbeikommen, er hätte vergessen, ihm etwas Wichtiges zu sagen. Der Polizist ging hin und war etwas irritiert, als Jack Bell plötzlich doch zugeben musste, Billy Greenfield zu kennen und dass dieser als kleiner Drogenlieferant ihn desöfteren mit Gras versorgte. Es war unverständlich für den Polizisten, warum Jack Bell beim ersten Mal gelogen hatte. Aber es war reine Absicht, denn Jack Bell wollte den Polizisten unbedingt wiedersehen, was sogar bei der Verabschiedung des zweiten Treffens wiederholt klar ausgesprochen wurde. Der Polizist war vollkommen durcheinander und lief planlos durch die Stadt. Er musste seine Sinne ordnen, dachte es würde helfen, Jack Bell mit seiner eventuellen Verlobten zu sich nach Hause einzuladen, ihm seine Frau Laura vorzustellen und einen schönen Abend gemeinsam zu verbringen. Doch Jack kam allein und das eigentliche Drama nahm seinen Anfang. Der Polizist verabredete sich am darauffolgenden Tag mit Jack und es war etwas geschehen, was er nie für möglich gehalten hätte :

« Während dieser Stunde, die ich auf ihn wartete, habe ich versucht, den Schlüssel für das unabweisbare Bedürfnis zu finden, das mich zu ihm trieb. Ich habe versucht herauszubekommen, warum ein guter Polizist in ein intimes Verhältnis mit einem bekannten Schauspieler einwilligt, der vielleicht in einem Mord verwickelt ist, und vor allem, warum ein verheirateter Mann, der bald Vater wird, in Begleitung eines zwielichtigen Individuums, von dem er fast nichts weiss, zu einer Spritztour auf der SR-1 aufbricht. In Wirklichkeit bedurfte es keiner grossen Anstrengung, um zu verstehen, was sich da anbahnte, aber einer enormen Anstrengung, um es zuzugeben. »

Obwohl für den Erzähler sein ganzes Leben auf dem Spiel stand, verliebten sich die zwei Männer vollkommen Hals über Kopf ineinander und somit entwickelte sich eine atemberaubende Amor fou zwischen einem heterosexuellen Polizisten und einem potentiellen krimminellen Schauspieler. Eine Liebe, die 18 Tage dauerte und ihren tragischen Höhepunkt am « Venice Beach » erreichen würde…

Dieser Roman ist eine echte literarische Entdeckung, die glücklicherweise endlich nach vier Jahren das deutschprachige Publikum erreicht. Soviel Emotionen – aus der Sicht eines Mannes und vor allem zwischen zwei Männern – wie in diesem Buch findet man selten. Philippe Besson schafft es mit seinem elegant exentrisch drehbuchartigen Stil, der sich durch sehr kurze Sätze und seine besonders sachliche Wortwahl auszeichnet, uns in eine aussergewöhnliche Gefühlswelt eintauchen zu lassen, die wir aus dieser Perspektive sicherlich nicht oft erfahren werden.

Denn Eines muss ganz klar verdeutlicht werden, es handelt sich hier keinesfalls um einen klassischen Schwulenroman. Es ist vielmehr die Geschichte einer vollkommen ungeplanten und unvorhersehbaren gleichgeschlechtlichen Liebe, die vielleicht jeden von uns ereilen könnte, ohne dass wir es uns im jetzigen Moment jemals vorstellen würden und könnten. Deshalb ist der Titel der Originalausgabe « Un homme accidentel », der eindeutig Zutreffendere. Frei übersetzt würde man sagen « Der zufällige Mann » oder « Ein Mann – ein Unfall ». Besonders das Wort « accidentel », was sich von « accident » – übersetzt « Unfall » ableitet, ist der Schlüssel dieses Romans. Philippe Besson bringt es in seiner Geschichte auch ganz klar auf den Punkt : « Nur ein verrückter Unfall war imstande, uns zusammenzubringen. Der gewaltsame Tod von Billy Greenfield ist ein verdammter Unfall gewesen. »

Dieses Buch ist also definitiv kein Kriminialroman. Es ist ein Liebesbekenntnis und eine Lebensgeschichte, die sowohl irritiert, als auch fasziniert, die vollkommen ohne Larmoyanz auskommt und dafür durch ihre unbestechliche Klarheit und schnörkellose Prägnanz hervorsticht und berührt. Ein Werk, das – obwohl der Mord eher in den Hintergrund rückt – durch seine emotionale Spannung und Sogfunktion mehr als beeindruckt.

« Venice Beach » ist ein sehr starker, leidenschaftlicher und bewegender Roman, der zeigt, wie sich ein Leben so plötzlich und unerwartet durch ein tragisches Ereignis verändern kann und am Ende trotz der Tragik nicht nur der Schmerz und die Scham, sondern auch die Liebe in Erinnerung bleibt!

Durchgelesen – „Im schönen Monat Mai“ v. Émilie de Turckheim

Lassen Sie sich auf keinen Fall von diesem positiv klingenden und Sonne verbreitenden Titel täuschen, denn dieser kleine Roman hat es mehr als in sich. Es fliegen keine Maikäfer und Schmetterlinge über die Seiten. Ganz im Gegenteil, denn hier brodelt Rache und Vergeltung auf einem äusserst ironisch spannenden Niveau.

Émilie de Turckheim, geboren 1980, hat ihren ersten Roman « Les Amants terrestres » im Alter von 24 Jahren geschrieben. Davor machte sie ihren Abschluss an der Universität (Sciences-Po) in Paris. Inzwischen sind noch vier andere Romane von ihr veröffentlicht worden. Für ihren in Frankreich aktuell erschienen Roman « Héloïse est chauve » hat sie den Nachwuchspreis « Prix Bel Ami » erhalten. Mit dem schmalen – gerade mal 100 Seiten starken – und sehr aussergewöhnlichen Buch « Im schönen Monat Mai » (« Le joli moi de mai » Frankreich 2010) wird nun zum ersten Mal – dank der grandiosen Übersetzung von Brigitte Große – ein Werk von Émilie de Turckheim dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt.

« Im schönen Monat Mai » spielt auf einem Gut in Saint-Benoît sur Leuze das von Parisern gerne zur Jagd aufgesucht wird, jedoch eher im November als im Mai. Der Roman wird von Aimé (28 Jahre alt) erzählt, der sich hier als Gardien, oder besser gesagt als einfacher Hausknecht um fast alles kümmert. Doch Aimé ist nicht wirklich sehr intelligent, behauptet er zumindest immer von sich selbst. Ein einfach gestrickter Mann, der vor allem eines überhaupt nicht kann, nämlich erzählen :

« Mein Vorname ist Aimé. Das heisst Lieber, hat aber nichts zu sagen. Ihr werdet schon sehen, ich kann keine Geschichten erzählen. »

Das werden auch Sie, verehrter Leser, sofort feststellen, denn seine sprachlichen Fähigkeiten sind nicht gerade von höchstem Niveau, auch die Satzstellungen und die unkontrollierten Einschübe bringen die Struktur des Romans oder den mehr oder mal weniger vorhandenen roten Faden oft bis an seine « knotenfreien » Grenzen. Doch letztendlich verstehen wir auch so ganz genau, um was es sich hier eigentlich dreht:

Aimé’s Chef – Monsieur Louis – ist tot. Er liegt bereits begraben unter der Erde. Vor einem guten Monat wurde er erschossen – Suzid oder Mord – in einer Wiese nicht weit vom Gut entfernt gefunden. Da Monsieur Louis weder eine Frau, noch Kinder, geschweige denn andere Nachfahren hat, gibt es ein Testament, in dem er fünf eigentlich vollkommen fremde Menschen zu seinen Erben bestimmt hat und welche nun zur offiziellen Testamentseröffnung mit dem Notar auf das Gut eingeladen wurden.

Das Erbe ist richtig gross : Geld, Hof, Wald, Schweinezucht und der Hausknecht. Die von Monsieur Louis vermeintlich willkürlich ausgewählten Erben sind frühere Jagdgäste : Da wäre zum einen der waffensammelnde Wachtmeister Lyon-Saëck, « der eigentlich schon in Pension ist, aber immer noch den Polizeiblick draufhat ». Ebenfalls angereist sind Madame und Monsieur Truchon, ein geldgieriges Ehepaar. Als weitere Erbenanwärter lernen wir noch den sehr zurückhaltenden ehemaligen Offizier Monsieur Hi und Sacha Milou, einen schwulen Bordellbesitzer mit seinem Hund Pistache, kennen.

Sie sind alle bereits einen Tag vor dem eigentlichen Notartermin eingetroffen, essen gemeinsam eine Suppe und gehen anschliessend in den Salon, « um sich bekanntzumachen, wie Monsieur Louis gesagt hätte, aber keiner findet die Idee gut, ausser Frau Truchon, die lieber ihre zu kleinen Kleider herzeigt, als dass sie schlafen geht ».

Aimé hält eine kurze Ansprache über den Anlass dieser Zusammenkunft und schlägt vor, dass jeder der Gäste sich kurz vorstellt. Doch dann wird es plötzlich turbulent. Paulette Truchon fühlt sich in ihrem Erbe betrogen, « und schreit so laut, dass ihr die Brüste aus der Korsage springen und jeder merkt, dass die zwei Dinger noch grösser sind, als was sie uns gern hat glauben lassen wollen. » Und dann passiert es : Madame fällt plötzlich zu Boden und rührt sich nicht mehr. « Alle sind aufgestanden und schauen ärgerlich auf die baumelnden Brüste und fragen, ob es ihr gut geht, was eine ziemlich blöde Frage ist, weil Paulette doch mit verdrehten Augen wie eine Tote auf dem Parkett liegt. » Da ist bereits alles zu spät, auch das Jammern und Hilferufen von Herrn Truchon ist vollkommen überflüssig, denn Paulette war definitiv tot.

Eigentlich ein wirklich trauriges und dramatisches Ereignis, aber irgendwie hatte es auch etwas Positives, denn die noch übrigen Erben mussten nun das Gesamtvermögen von Monsieur Louis nur noch durch vier teilen.

Aimé erzählt eifrig weiter, und dabei kommt immer wieder der Name einer Frau vor, nämlich Lucette. Dieser Dame sind übrigens alle vier noch potentiellen Erben irgendwann einmal begegnet. Doch am Meisten bedauert es Aimé, dass gerade eben Lucette nicht an seiner Stelle diese Geschichte erzählt, denn « die hat so eine Gabe, dass sie alles richtig erzählt, wie es in dem Haus riecht, wie sich die Stimme von Herrn Dings anhört, was der oder der gesagt hat und was die oder die drauf gesagt hat. Und dann passt sie auch immer drauf auf, dass sie sich ein paar Überraschungen aufhebt für später. Sie sagt, das heisst „Süß-Pence“. »

Auch Aimé gibt sich sehr grosse Mühe, diese Überraschungen nicht auszulassen, die nicht nur unverhoffte und höchste Spannung bieten, sondern zu äusserst interessanten und mehr als dramatischen Entwicklungen führen, mit denen der Leser nicht im Geringsten rechnen würde…

Émilie de Turckheim gelingt es, mit ihrem unglaublich originellen Aufbau, den Leser genauso wie auch die fünf bzw. vier Erben regelrecht in diesem Buch bzw. Gut festzuhalten. Der Roman beginnt so harmlos, simpel und fast schon ein wenig einfältig, dass man sich als Leser anfänglich vielleicht ein wenig wundert. Doch spätestens nach den ersten Seiten, hat uns Aimé mit seinem brav infantilen Erzählstil bis zum – im wahrsten Sinne des Wortes – bitteren Ende total vereinnahmt.

Eingebettet in die melancholische Grundstimmung des menschlichen Wesens, konfrontiert uns Émilie de Turchkeim durch ihren kaum zu stoppenden schwarzen Humor und ihrer subtil eingesetzten Ironie mit der Rache und Intrige eines mehr als verletzten und einsamen Menschen. Unterstützt durch die sehr saloppe, offene und direkte Sprache, kann man trotz dieser so schrägen Dramatik die menschlichen Abgründe immer mehr aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus beobachten. Der Leser wird geradezu durch diese emotionale und irgendwie komplex wirkende Einfachheit spielerisch gezwungen, jeden einzelnen Satz von Aimé als eine Art Puzzle-Teil in die Hand zu nehmen, um es letztendlich, sowohl vor Entsetzen kopfschüttelnder, als auch dank der Groteske lachender Weise, bis zum vollkommen unerwarteten « Gesamtbild » zusammensetzen zu können.

« Im schönen Monat Mai » könnte man ohne Weiteres als eine verrückte Mischung aus Agatha Christie, Gilbert Adair und Jean-Paul Sartre besonders in Punkto « Geschlossene Gesellschaft » (« Huis Clos ») bezeichnen. Dieses Buch ist ein kurioses, grandioses, kleines Stück Literatur, das man keinesfalls verpassen sollte und deshalb freuen wir uns umso mehr, dass die aufstrebende französische Autorin Émilie de Turckheim nun endlich auch hier in Deutschland « literarisch » angekommen ist !

Durchgelesen – „Die Teufelssonate“ v. Alex van Galen

Musik kann Leidenschaft erzeugen, Musik kann aber auch zur Obsession werden, wodurch die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn kaum mehr erkennbar sind. Will man die Macht der Musik begreifen, braucht man nur die einzelnen Biographien berühmter Musiker und Komponisten studieren, und man wird zu den ungewöhnlichsten Erkenntnissen kommen. Als wahrlich einfachere und unterhaltsamere Alternative dazu empfiehlt sich dieser faszinierende und sehr fesselnde Roman « Die Teufelssonate » !

Alex van Galen wurde 1965 geboren. Bereits als Kind hatte er durch einen ungewöhnlichen Zufall auf seinem Schulweg den Konzertpianisten Jan Beekmans aus Brabant gehört. Van Galen wurde durch einen wunderbaren Kontakt sein einziger Privatschüler. Aus dieser Schüler-Lehrer-Beziehung entwickelte sich eine sehr wichtige Freundschaft, die van Galen noch heute in seiner Arbeit als Schriftsteller beeinflusst. Er studierte Literaturwissenschaft an der Universität Utrecht und arbeitete sehr erfolgreich als Drehbuch-schreiber für das Fernsehen. « Die Teufelssonate » ist sein zweiter Roman, der bereits in den Niederlanden in kürzester Zeit zu einem unglaublich grossen Erfolg wurde.

« Die Teufelssonate » spielt in Paris und Amsterdam. Der Hauptprotagonist ist Mikhael Notovich. Er ist nicht nur ein berühmter Pianist, sondern auch ein Frauenverführer und ungebremster Exzentriker, mit dem Hang zu manisch-depressiven Anwandlungen, die ihm nicht nur sein Musikleben kosten, sondern auch andere Menschen in seinem Umfeld verstören und zerstören.

Notovich ist besessen von der Musik, doch trotzdem lernt er immer wieder besondere Frauen kennen. In diesem Fall ist es die junge unbekannte Künstlerin Senna. Sie macht ihn mit ihrer Art einerseits wahnsinnig, andererseits kann er aber ohne sie nicht leben. Sie selbst ist eine sehr schwierige Persönlichkeit, lässt sich treiben, ist mal da, mal dort. Doch Notovich ist ganz verrückt nach ihr und versucht Liebe und Musik unter einen Hut zu bringen. Doch wenn er sich der Musik und hauptsächlich seinem grossen Idol dem Komponisten Franz Liszt hingibt, vergisst er alles um sich herum. Es spielt sich in Trance und verliert jeglichen Bezug zur Wirklichkeit. Und so kommt es dass er sein letztes öffentliches Konzert in einem Pariser Theater musikalisch sehr riskant, aber trotzdem mutig beginnt :

« Notovich fing an zu spielen. Ein Präludium stand auf dem Programm, aber er hielt sich nie an Programme. Er begann mit der fünften Transzendentalen Etüde von Franz Liszt. Diese Etüde ist schwindelerregend schwierig, beinahe unspielbar. Kein normal denkender Mensch würde ein Konzert damit eröffnen. »

Er spielte sich in einen wahren Rausch und bemerkte keine Sekunde, dass seine Hände voller Blut waren. Der Direktor des Theaters unterbrach das Konzert und zwei Polizisten führten Notovich ab. Er wurde verdächtigt, seine grosse Liebe Senna getötet zu haben. Doch Notovich erinnerte sich an gar nichts, er hatte oft Blackouts, auch beim Spielen. Die Polizei konnte ihm nichts konkretes nachweisen, deshalb verlässt er Paris und geht nach Amsterdam. Doch da taucht plötzlich sein Konkurrent Valdin auf. Er lädt Notovich zu einem geheimen Konzert ein und fordert ihn zu einem Pianisten – Duell heraus. Valdin provoziert ihn in Punkto seiner Besessenheit bezüglich der Liszt’schen Kompositionen und versucht ihn vollkommen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Denn Valdin ist der Einzige, der das Geheimnis um den Tod von Senna in allen Details kennt…

Der Thriller nimmt seinen rasanten Lauf. Wir befinden uns in einem Rausch, der verwoben ist mit Liebe, Leidenschaft, Hass, Enttäuschung und sehr viel emotionaler Musik von Chopin, Rachmaninoff und natürlich von Franz Liszt. Und  nach knapp vierhundert Seiten erwacht der Leser aus einem musikalischen Höllen-Traum, der die Musik nicht nur von seiner freundlich hellen, sondern besonders auch von seiner absolut düsteren Seite zeigt.

Alex van Galen ist mit seiner « Teufelssonate » ein atemberaubendes Buch gelungen, das durch die anspruchsvolle Sprache, die subtile Spannung, die einen immer mal wieder an Alfred Hitchcock erinnert, und durch die sehr fundierten Informationen über Pianisten und Komponisten beeindruckt. Gleichzeitig spürt man bei diesem Buch auch die Kunst des Drehbuch-schreibers, der hier am Werk ist. Rückblenden und Gegenwart im ständigen Wechsel, die feine Charakterisierung der Hauptakteure und die ständige Präsenz der Musik, all dies würde sich ganz wunderbar in einen Film verwandeln lassen. Man sieht die zwei Klaviervirtuosen direkt vor den lesenden Augen, «hört» das Spiel und fühlt sich dadurch immer mal wieder an berühmte Pianisten erinnert, wie beispielsweise Sviatoslav Richter – der auch nur im Dunkeln mit einem kleinen Spot für die Klaviertasten spielte – oder Lazar Berman – der Hände wie ein Bär hatte und mehr als eine Oktave greifen konnte – .

Diese Bildhaftigkeit macht diesen Roman zu einem sehr starken literarischen und extrem spannenden Musikerlebnis. Deshalb ist dieser Pianistenthriller eine richtig gute Lektüre für jeden Klaviermusikliebhaber, der mit Chopin, Liszt und Rachmaninoff vertraut ist. Aber auch der vielleicht nicht ganz so klassik-erfahrene Krimileser wird mit «Der Teufelssonate » auf seine Kosten kommen, denn sie ist mehr als packend und mitreißend. Man könnte von einem echten « Pageturner » sprechen, der darüberhinaus dem Leser noch zusätzlich die wunderbare Welt der Klaviermusik eröffnen kann. Denn was gäbe es nach der Lektüre nicht Schöneres als die berühmte und sehr emotionale Sonate h-moll von Liszt neu oder wieder zu entdecken und dieses grossartige Buch mit all seiner Musikalität nochmals nachwirken zu lassen !

Durchgelesen – „Madame ist leider verschieden“ v. Claude Izner

Sie lieben Bücher, Sie lieben Paris und Sie schätzen den besonderen Kriminalroman!? Dann könnte dieses Buch eine interessante Entdeckung für Sie sein. „Madame ist leider verschieden“ ist, wie auch bereits der Untertitel besagt: „Ein Paris-Krimi“. Erwarten Sie jedoch keinen klassischen Thriller, sondern seien Sie offen für einen charmanten, geistvollen und subtil spannenden, historischen Roman, der nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erschienen ist.  Das Original wurde bereits 2003 unter dem Titel „Mystère rue des Saints-Pères“ veröffentlicht und war in Frankreich ein grosser Erfolg.

Hinter Claude Izner – ein Pseudonym –  verstecken sich zwei buchbegeisterte Schwestern: Liliane Korb und Laurence Lefèvre. Claude ist Lilianes zweiter Vorname und Izner ist der Mädchenname ihrer Mutter, somit war die Namensschöpfung Claude Izner perfekt. Bereits erfolgreich durch viele Kinderbuchromane, habe die beiden Schwestern nicht nur als Schriftstellerinnen, sondern auch in der Filmbranche gearbeitet. Da sie beide langjährige Bouquinistinnen mit einem eigenen Bücherstand am Seine-Ufer sind, war für sie klar, dass ihre gemeinsam verfassten Kriminalromane um den sehr sympathischen Buchhändler Victor Legris in Paris spielen würden. Die Bücher sind seit einigen Jahren in Frankreich, England und Italien sehr beliebt und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

Wie in der Biographie von Claude Izner kurz erwähnt, ist die Hauptperson in diesem Werk der Buchhändler Victor Legris. Der Kriminalroman spielt in Paris zur Zeit der Weltausstellung im Jahr 1889. Das ist das Paris des technischen Wandels: der tonnenschwere Eiffelturm, den man nicht nur zu Fuss, sondern mit einem Aufzug erklimmen kann, die Trambahn, ja sogar das Telefon. Eine Weltausstellung ist neben diesen neuen Entwicklungen vor allem auch ein Anziehungspunkt für die unterschiedlichsten Kulturen. Menschenmassen strömen zu den Ausstellungsständen, und all dies bietet ganz nebenbei einen besonderen Schauplatz für geheimnisvolle Umstände.

Victor Legris verlässt sein Geschäft (Elzévir – Buchhandlung und Antiquariat), welches in der Rue des Saints-Pères liegt – eine kleine Quer-Strasse, die  den Seine-Quai von Nord nach Süd mit dem berühmten Boulevard Saint-Germain verbindet. Er macht sich auf den Weg in Richtung Eiffelturm. Dieser war übrigens damals ein eher sehr umstrittenes Bauwerk, das nicht nur Befürworter, sondern auch sehr viele Gegner hatte. Auf der ersten Plattform ist Victor mit seinem Kompagnon, und man könnte auch sagen Ziehvater, dem Japaner Kenji Mori verabredet, um sich in das Goldene Buch eintragen zu können, was wiederum nur wenigen Auserwählten zur Ehre wurde. Zu diesen gehörte unter anderen auch Madame Eugénie Patinot, die in Begleitung von drei kleinen Kindern war. Victor Legris beobachtet die wilde Kinderschar und folgende dramatische Szene:

„Jemand setzte sich neben sie, stand wieder auf, stolperte und stützte sich schwer auf ihre Schulter, ohne sich zu entschuldigen. Eugénie stiess einen kleinen Schrei aus – irgendetwas hatte sie in den Nacken gestochen. Eine Biene? Ganz sicher war es eine Biene! Voller Abscheu schlug sie mit den Armen um sich, sie sprang auf und verlor das Gleichgewicht, ihre Beine versagten ihr den Dienst. Sie schaffte es gerade noch zurück auf die Bank. Langsam wurden ihre Glieder taub, sie bekam Atemnot. Sie liess sich gegen die Wand sinken. Schlagen. Angst und Erschöpfung vergessen …“

Madame Eugénie Patinot ist tot. Die Journalisten stürzen sich auf dieses Ereignis, die Presse überschlägt sich förmlich, so dass sich Victor Legris immer mehr die Frage stellt, ob es sich vielleicht nicht nur um einen mysteriösen Unfall, sondern eher um Mord handeln könnte.

Victor taucht immer mehr ein in die Welt der Journalisten, Maler und Karikaturisten. Er lernt nicht nur einen schwerreichen Kunstsammler kennen, sondern entdeckt auch seine Zuneigung zu einer aussergewöhnlichen russischen Frau namens Tasha, welche als Zeichnerin bei der Zeitung Passe-partout arbeitet und ihn immer mehr in irgendwelche Verstrickungen hineinzieht. Nachdem auch Madame Patinot nicht die einzige Tote bleibt, und es immer mehr nach einem Serienmord aussieht, spitzt sich die Lage soweit zu, dass so gar sein Freund und Kompagnon Kenji zu dem Kreis der Verdächtigen zählt. Jetzt ist es für Victor an der Zeit sich konkret mit dem Fall, besser mit den Fällen zu beschäftigen und somit beginnt er auf eigene Faust – trotz eines sehr engagierten Kommissars – zu ermitteln ….

„Madame ist leider verschieden“ ist der ideale Krimi für alle Parisfreunde und solche, die es noch werden wollen. Der Leser entdeckt bei der Lektüre das schillernde Paris während der Weltausstellung, das sich übrigens bis heute kaum verändert hat, wenn man von Gasbeleuchtung und den Pferdewagen absieht. Der Leser fühlt sich, als würde er – während er die Wörter mit den Augen aufsaugt – die Seine entlang laufen, den Eiffelturm bestaunen und die Pariser Luft einatmen, dank der überaus kompetenten „Stadtführung“ von Claude Izner. Aber darüber hinaus entdecken wir zusätzlich noch so einige pikante Details über die Pariser Gesellschaft (man denke zum Beispiel an die sogenannten Halbweltdamen). Besonders interessant sind auch die literarisch hervorragend integrierten Anekdoten aus dem Maler- und Künstlermilieu, bei welchen wir lernen können, dass van Gogh zu dieser Zeit noch nicht berühmt war und seine Werke eher unerkannt bei Seite gelegt wurden.

Claude Izner beschreibt in „Madame ist leider verschieden“ sensibel, malerisch und trotzdem mit einem scharfen Blick für Feinheiten das unvergessliche Paris des 19. Jahrhunderts. Wir werden Zeuge mysteriöser, aber doch sehr stilvoller Verbrechen, wir entdecken mit Hilfe eines äusserst kompetenten Buchhändlers und Antiquars, wie Victor Legris es ist, die interessante Welt der Literatur und der schönen Bücher. Und wir spüren bis zur letzten Seite, dass – wie Ernest Hemingway es auch sagte –  „Paris ein Fest fürs Leben“ ist!

Durchgelesen – „Eine Frage von Glück oder Zufall“ v. Dominique Barbéris

„Eine Frage von Glück oder Zufall“ führt den Leser in die französische Provinz, in eine Atmosphäre, die der Meister aller französischer Filme Claude Chabrol, wäre er Schriftsteller gewesen, nicht besser hätte beschreiben bzw. filmen können. Das Buch ist ein Kriminalroman: es gibt einen Mord, es gibt bereits einen festgenommenen Verdächtigen, aber es ist noch nicht wirklich klar, wer nun der wahre Täter ist!

Dominique Barbéris ist mit diesem Roman ein kleines stimmungsvolles Wunderwerk gelungen, wie es nur flämische Maler in ihren Bildern festhalten können. Dominique Barbéris wurde als Tochter eines Diplomaten in Kamerun geboren und hat ihre Kindheit in Brüssel und Nantes verbracht. Sie studierte in Sèvres und an der Sorbonne. Nach dem sie in der Kommunikationsabteilung einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet hat, lehrt sie heute an der Universität in Paris. 1996 erschien ihr erster Roman. „Eine Frage von Glück oder Zufall“ wurde 2007 in Frankreich veröffentlicht und 2008 ausgezeichnet mit dem sehr renommierten Literaturpreis „Prix des Deux Magots“. Dieser Roman, der im Original den Titel „Quelque chose à cacher“  trägt (welcher die Stimmung noch mehr unterstreicht, als der deutsche Titel), ist das erste Buch in deutscher Übersetzung von Dominique Barbéris.

Der Roman spielt, wie schon angedeutet, auf dem Land, genauer in einer kleinen Stadt mit dem Namen N. an der Loire.  Ein Ort, der durch diesen bekannten Fluss, eine faszinierende Kulisse für einen Mord und seine mysteriösen Umstände bietet. Die Geschichte wird erzählt in der indirekten Rede und aus der Sicht eines Mannes, der äusserst merkwürdig und verdächtig erscheint. Es handelt sich hierbei um den etwas introvertierten Sohn von Doktor Lagarde (Arzt des Ortes). Er ist Kunstmaler – studierte Malerei in Paris -, arbeitet aber inzwischen als Angestellter im kleinen Kunstmuseum der Stadt N.

Eines Tages trifft der Erzähler in seinem Museum nach vielen Jahren Marie-Hélène, die er sehr bewundert hat, wieder. Er ist verunsichert, überrascht und durcheinander. Es kommen viele Erinnerungen hoch. Er kannte sie bereits als Kind. Er öffnete ihr die Tür bei ihrem Vater, als sie verletzt die Praxis von Dr. Lagarde aufsuchte. Doch jetzt ist sie eine erwachsene Frau:

„Ich nahm an, dass sie auf Geschäftsreise war, eine tatkräftige Frau, eine Rechtsanwältin, die Personalchefin eines Pariser Unternehmens, das habe ich gedacht, weil sie dieses Schneiderkostüm trug (ich erinnerte mich, dass sie ein ziemlich intelligentes Mädchen war). Ich sagte mir, dass sie zu Mittag gegessen haben musste, dass sie tatsächlich in dieses Nest zurückgekehrt war, dass sie bis zur Abfahrt ihres Zuges noch etwas Zeit hatte. Genau das habe ich mir gesagt, ich erinnere mich: Eine Frau, die noch etwas Zeit hat.“

Doch Marie-Hélène hat nicht mehr viel Zeit, denn sie wird in der Nacht auf Allerheiligen in ihrem Haus ermordet. Sie wurde aus nächster Nähe erschossen. Und genau zu diesem Zeitpunkt spazierte der Erzähler bei strömenden Regen entlang der Loire zu dem ansonsten unbewohnten Haus von Marie-Hélène, der Villa La Boulaye, das direkt an den Friedhof grenzt.

Massonneau, der ortsansässige Kommissar, kümmert sich um den Fall. Der Erzähler verfolgt äusserst minutiös die Ermittlungen, und auch Massonneau berichtet sehr detailliert seine Überlegungen und Erkenntnisse. Marie-Hélène wollte das Haus ihrer Kindheit verkaufen, sie traf sich bereits mit einem Makler. Doch Marie-Hélène traf sich auch noch mit einem Ingenieur aus dem benachbarten Kernkraftwerk im Restaurant des Ortes, was die Bedienung dort bestätigte. Alles sehr geheimnisvoll und undurchsichtig. Denn wer ist jetzt nun der wirkliche Mörder? Der Mann, der als Verdächtiger festgenommen wurde und in der ersten Nacht der Untersuchungshaft versuchte, sich zu erhängen und nun im Koma liegt, oder vielleicht doch der Erzähler?

„Eine Frage von Glück oder Zufall“ ist ein subtiler Roman, der nicht nur Chabrol wiedererkennen lässt, sondern auch eine grosse Portion Simenon mitliefert. Ein Buch mit unglaublicher Spannung, obwohl man ja bereits meint, den Mörder zu kennen. Dominique Barbéris lässt uns mit ihrer wunderbar musikalischen und geheimnisvollen Sprache eintauchen in die ländliche Atmosphäre an der Loire. Mit traumhaften Beschreibungen, die jedoch sehr prägnant und keineswegs ausschweifend sind, atmen wir als Leser die Luft des Nebels und den Geruch des Regens ein und sehen die Landschaft vor unserem inneren Auge entstehen. Wir spüren die Poesie der Loire und ihrer Umgebung. Wir sehen durch Fenster, aber gleichzeitig sehen wir nichts. Und deshalb bleiben viele Fragen offen, wie die „Eine Frage von Glück oder Zufall“! Was für ein schönes Buch, das jeden Freund des besonderen Kriminalromans begeistern wird und einem trotz der gerade mal 178 Seiten zwei oder drei unvergessliche und sehr nachhaltige Stunden schenkt.

Durchgelesen – „Schuld“ v. Emmanuel Bove

Emmanuel Bove, mit bürgerlichem Namen Emmanuel Bobovnikoff, wurde am 20. April 1898 in Paris geboren. Der Vater, ein jüdisch-russischer Lebenskünstler ohne festen Job und die Mutter, ein luxemburgisches Dienstmädchen, trennten sich ab 1910, so dass Emmanuel sowohl bei seinem Vater und als auch bei seiner Mutter lebte. Er besuchte verschiedene Schulen in Genf und Paris. 1915 starb sein Vater. Bove arbeitete als Hilfsarbeiter, Kellner, Taxifahrer und führte ein sehr ärmliches Leben. Während des Militärdienstes lernte er seine späterere Ehefrau, die Lehrerin Suzanne Vallois, kennen. Sie heirateten 1921 und zogen aus finanziellen Gründen nach Österreich, in die Nähe von Wien. 1922 begann er seinen ersten Roman „Mes amis“ („Meine Freunde“) und fing an Groschenromane  zu schreiben – allerdings unter Pseudonym -, um Geld zu verdienen und um schliesslich auch wieder nach Paris zurückkehren zu können. Während er seinen Roman „Mes amis“ endlich beendete, trennte Bove sich von seiner ersten Frau.

Emmanuel Bove lernte die Schriftstellerin Colette kennen, die ihm half seinen Roman in ihrem Verlag zu veröffentlichen. Auch eine Begegnung mit Rilke, welcher von Bove’s ersten Roman total begeistert war, beflügelte ihn so sehr, dass er mehr und mehr Erzählungen und Romane schreiben konnten. Im November 1928 wurde ihm der damals mit 50 000 Francs sehr hochdotierte Prix Figuière verliehen. Sein Leben entwickelte sich rasant weiter, er heiratete ein zweites Mal, eine reiche Bankierstochter, lebte mit ihr in England, musste jedoch wegen ihres Bankrotts wieder nach Frankreich zurückkehren. 1942 floh er wegen Verfolgung nach Algerien, wo er u.a. André Gide und Saint-Exupéry begegnetete. Bove erkrankte schwer an Malaria, kehrte im Oktober 1944 wieder nach Frankreich zurück. Er starb am 13. Juli 1945 in Paris.

Emmanuel Bove’s Werk wurde in den 80ziger Jahren in Deutschland durch die Übersetzungen von Peter Handke bekannt. Die Erzählungen und Romane zeigen vor allem die Schattenseiten des französischen Bürgertums und die Probleme der Gesellschaft.

„Schuld“ wurde 1932 unter dem Originaltitel „Un Raskolnikoff“ veröffentlicht. Inzwischen ist dieses Buch in Frankreich restlos vergriffen und nur noch im besonders ausgewählten antiquarischen Buchhandel erhältlich. Umso mehr kann man sich über diese – erstmals auf deutsch von Thomas Laux hervorragend übersetzte – Wiederentdeckung freuen.

Dieser schmale Roman (gerade mal 90 Seiten) könnte eine kleine und leicht veränderte Form von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ sein. Allein der Originaltitel „Un Raskolnikoff“ lässt ganz klare Verbindungen zu dem grossen philosophischen Roman von Dostojewski erkennen. Nur hat Bove in seinem Mini-Roman für das Thema Sühne keinen Platz, da die Schuld keine wirkliche Schuld ist.

Der Roman „Schuld“ spielt im winterlichen Paris und erzählt die Geschichte des armseeligen, unglücklichen und arbeitslosen Pierre Changarnier. Er will unbedingt mit seiner Freundin Violette das Glück finden. Sie streunen durch das kalte verschneite Paris, obwohl er krank ist und Fieber hat. Er ist so schwach, er friert und sie suchen sich ein Café, um sich aufzuwärmen. Changarnier versucht Violette zu erklären, dass sich etwas ändern muss in seinem Leben:

„«Violette», sagte er, «eines ist sicher, dieses Leben kann so nicht weitergehen. Jeder Mensch auf der Welt hat Geld, Liebe, Vergnügen, bloss wir nicht. Jeder Mensch kommt, geht, lebt, bloss wir nicht.» Changarnier schlug mit der Faust auf den Tisch. «So kann das nicht weitergehen.» Violette sah ihn erschrocken an. Protest war ihrer einfachen Seele fremd.“

Sie diskutieren, er überlegt, was er machen könnte. Sich bei der Fremdenlegion bewerben oder als Mann am Projektor in einem Kino arbeiten. Er träumt von festem Gehalt, oder doch lieber nicht arbeiten, da vielleicht der Spass daran fehlen könnte. Changarnier wird aufbrausend, stürmisch und wirft ein Glas zu Boden. Der Wirt verlangt, dass er den Schaden begleicht. Doch Changarnier will nicht zahlen, denn er braucht das Geld fürs Kino. Der Wirt ist wütend, jedoch nur kurz, denn Changarnier verblüfft ihn mit diesem Satz:

„«Komm schon, reg Dich ab, nimm deinen Hut und geh mit uns dem Glück entgegen.»“

Changarnier und Violette verlassen das Café, werden jedoch von einem kleinen Mann verfolgt, der sie nicht in Ruhe lässt, bis er ihnen seine Geschichte erzählt. Die Geschichte eines Mordes und eines Mörders, der nie bestraft wurde. Changarnier spürt währenddessen Erinnerungen aufsteigen, die auch ihn zum Mörder werden lassen. Oder sind es nur Halluzinationen oder Phantasien? Er wird festgenommen und befindet sich plötzlich auf dem Kommissariat. Aber ist er wirklich ein Mörder?

Und jetzt ist der Leser gefordert! Wer hat Schuld? Kann ein Mensch Schuld haben, auch wenn ihn keine Schuld trifft. Hat ein Mörder Schuld, auch wenn die Tat nie bestraft wurde? Ist Reue vielleicht auch eine andere Form von Schuldanerkenntnis? Der Leser befindet sich in den Fängen zwischen Schuld und Sühne und versucht daraus möglichst schnell zu entkommen, in dem er sich auf diesen besonderen Roman einlässt. Bove zeigt uns die menschliche Tragödie mit seinen meisterhaft knapp, aber trotzdem intensiv porträtierten Hauptfiguren. Bove bedient sich einer glasklaren Sprache, die Moral, Mitleid und Erlösung in atemberaubender Weise darstellt. „Schuld“ ist ein subtil dramatischer, äusserst spannender und literarisch höchst anpruchsvoller Roman! Seien Sie neugierig auf dieses kleine feine Buch, das den deutschprachigen Leser mit einer grossen und bewegenden Neuentdeckung beschenkt!

Durchgelesen – „Mord auf ffolkes Manor“, „Ein stilvoller Mord“ u. „Und dann gab’s keinen mehr“ v. Gilbert Adair

Eine echte Entdeckung sind die drei aufeinander folgenden Bände „Mord auf ffolkes Manor“, „Ein stilvoller Mord“ in Elstree“ und „Und dann gab’s keinen mehr“ von Gilbert Adair. Er bezeichnet jeden Einzelnen selbst als „eine Art Kriminalroman“.

Der erste Fall „Mord auf ffolkes Manor“ spielt an Weihnachten 1935. Bei einem Abendessen im Hause des Colonel Roger ffolkes treffen sich nicht nur Freunde, sondern es gibt auch eine Leiche im Dachzimmer, das von innen verschlossen war. Ein mysteriöser Fall, doch glücklicher Weise ist unter den Gästen die berühmte Krimiautorin Evadne Mount. Die ganze Angelegenheit könnte man auch in einem ihrer Krimis lesen, und somit ist sie gefragt.

Der zweite Fall „Ein stilvoller Mord in Elstree“ spielt gut 10 Jahre später, 1946. Hier ist Evadne Mount gefordert. Denn ihre beste Freundin, die Schauspielerin Cora Rutherford, wird vor laufender Kamera, während eines Filmdrehs vergiftet. Ein sehr verzwickter Fall, der bis zum Schluss sehr rätselhaft und fast unlösbar bleibt.

Und der dritte und letzte Fall „Und dann gab’s keinen mehr“ spielt im Jahr 2011. Der gefeierte Schriftsteller und Störenfried Gustav Slavorigin wird auf dem Gelände des Sherlock-Holmes-Festival in Meiringen (Schweiz) ermordet aufgefunden. Da auf Slavorigin auch noch ein Kopfgeld von 100 Millionen Dollar ausgesetzt war, erscheinen alle Anwesenden des Festivals verdächtig zu sein. Ja und Evadne Mount versucht alles um diesen Fall zu lösen, aber es kommt ihr ein absolut unerwarteter Partner zu Hilfe, der dem Fall zu einer äusserst überraschenden Wendung verhilft. Der letzte Band und auch sein Titel sind ein klarer Hinweis, dass Gilbert Adair keinen Krimi mehr schreibt. Zumindest bis jetzt. Selten kann man so intellektuelle, kurzweilige, verrückte und sprachlich äusserst anspruchsvolle Krimis lesen. Sie sind eine Art Krimi im Stile von Agatha Christie. Das Ganze ist eine sehr spannende, aber amüsante Hommage an die Zeit der englischen Kriminalromane. Die Handlungen sind so konstruiert, dass sie fast schon wieder perfekt sind und die Sprache ist wirklich ein grosses Vergnügen.