Durchgelesen – „Blaubart“ v. Amélie Nothomb

Wer kennt es nicht das Märchen von Blaubart ? Charles Perrault (1628 – 1703) war der Erfinder dieses frauenmordenden Blaubarts. Ein Märchen, das für zahlreiche andere Werke adaptiert wurde, sei es Dramen, Filme, Opern, Illustrationen, Erzählungen und jetzt auch für einen Roman. Amélie Nothomb hat sich dieser Geschichte in besonderer Weise angenommen und wir dürfen nun – dank der hervorragenden Übersetzung von Brigitte Große – einen neuen alten Blaubart entdecken, der aktuell in deutscher Sprache erschienen ist und bereits 2012 unter dem Titel « Barbe bleue » in Frankreich veröffentlicht wurde.

Amélie Nothomb – Tochter eines belgischen Diplomaten – ist am 13. August 1967 in Kobe (Japan) geboren. Sie verbrachte ihre ersten fünf Jahre in Japan. Aufgrund des Berufes ihres Vaters kamen längere Aufenthalte in China, New York, Burma und Laos hinzu. Erst im Alter von 17 Jahren kam sie nach Europa zurück. Sie studierte Romanistik an der Université Libre de Bruxelles. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie für ein Grossunternehmen in Tokio. 1992 kehrte sie nach Belgien zurück und veröffentlichte ihren ersten Roman « Hygiène de l’assassin » (« Die Reinheit des Mörders »), welcher von der Leserschaft und von den Kritikern frenetisch bejubelt wurde. Seitdem schreibt sie jedes Jahr einen Roman, der nach den Sommerferien in Frankreich erscheint. Sie wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, wie zum Beispiel « Grand Prix du Roman de l’Académie française » (1999) für den Roman « Stupeur et tremblements » (« Mit Staunen und Zittern »), « Grand Prix Jean Giono pour l’ensemble de son œuvre » und 2007 mit dem « Prix de Flore » für « Nid’Ève, ni d’Adam » (« Die japanische Verlobte »). Amélie Nothomb lebt als Schriftstellerin in Paris und Brüssel.

Nothombs Blaubart spielt im Paris des 21. Jahrhunderts. Die Hauptprotagonisten sind Saturnine (25 Jahre alt, sie arbeitet als Lehrerin an der École du Louvre) und Don Elemirio Nibal y Milcar (44 Jahre alt). Saturnine eine junge belgische Frau sucht schon lange eine neue Unterkunft. Aktuell wohnt sie noch bei ihrer Freundin Corinne in der Banlieu, doch sie möchte gerne im Zentrum von Paris leben. Sie meldet sich auf eine Anzeige für ein 40 qm- Zimmer mit Bad und Mitbenutzung der Küche in einem noblen Stadtpalais im 7. Arrondissement für nur 500.- Euro im Monat, und das in Paris. Für Saturnine ganz klar, hier muss irgendwo ein grosser Haken sein, denn die Preise liegen bei einem solchen Angebot meistens beim Doppelten. Somit ist es auch kein Wunder, dass die Nachfrage für dieses Zimmer sehr hoch ist und sie nun neben 15 anderen Frauen auf die Besichtigung warten muss. Während dieser Wartezeit hört sie interessante Informationen über den Vermieter Don Elemirio und die Vormieterinnen. Acht Frauen sollen es gewesen sein und sie sind, seitdem sie hier gewohnt haben, alle verschwunden oder vielleicht sogar tot ? Doch Saturnine lässt sich nicht verwirren und wird doch tatsächlich als neue Mieterin von Don Elemirio ausgewählt. Er zeigt ihr das Zimmer mit dem prachtvollen Bad und die modern eingerichtete Küche. Und sie wird darauf hingewiesen den Eingang zur Dunkelkammer nicht zu betreten. Alle andere Räumlichkeiten würde sie benützen dürfen.

Saturnine unterschreibt den Vertrag bei Don Elemirios Sekretär, lässt sich auch mit seinem Chauffeur zu ihrer Freundin fahren um alles einzupacken und zieht noch am gleichen Tag in ihre neue Bleibe. Neben dem Sekretär, dem Chauffeur gibt es noch Mélaine, der sich um den Haushalt kümmert. Don Elemirio kocht sehr gerne und lädt Saturnine am ersten Abend in seine Küche zum Essen ein. Saturnine versucht cool zu bleiben, sich nicht durch die Gedanken an verschwundene Frauen beirren zu lassen und verhält sich dadurch Don Elemirio gegenüber eher sehr kühl und teilweise sogar taktlos. Schliesslich fragt sie ihn, was er denn so den ganzen Tag über mache :

« « Ich bin Spanier », erklärte er.
« Danach habe ich nicht gefragt. »
« Das ist mein Beruf.»
« Und worin besteht der ? »
« Die spanische Würde ist weit über alle anderen erhaben. Ich bin Vollzeit würdig. »
« Und worin zeigt sich Ihre Würde, heute Abend zum Beispiel ? »
« Ich werde das Inquisitionsregister wiederlesen. Es ist wunderbar ! Wie konnte man diese Instanz so verleumden ! »… »

Ja und so diskutieren sie beide über Folter, Mord, Tod, Hexerei usw. Und nicht nur dieser Abend wird mit anspruchsvollen Themen verbracht, auch die Folgenden sind getragen von den Eigenarten und Vorstellungen dieses doch irgendwie merkwürdigen Mannes, der übrigens auch ein Faible für Farben und schöne Stoffe hat. Nur Champagner fehlte bis jetzt im Haushalt von Don Elemirio, für den Saturnine zu Beginn erst einmal selbst sorgte und der nun fortan als ein wichtiges Elixier für die weiteren Gespräche dienen wird. Denn früher oder später geht es mehr und mehr um das Verschwinden der acht Untermieterinnen. Saturnine ist nun die neunte im Bunde. Die verschlossene Tür zur Dunkelkammer hatte für alle Vorgängerinnen letztendlich doch eine zu grosse Anziehungskraft, sie wurden neugierig und sind seitdem wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht kann auch Saturnine dieser Neugierde nicht widerstehen…?

Amélie Nothomb hat dieses alte Märchen zu neuem und vor allem modernen Leben erweckt. Amélie Nothomb besitzt eine ganz besondere Gabe, sie kann mit ihrer – ja fast schon zügellosen – Erzähllust die Charakter-eigenschaften eines Menschen so brillant darstellen, dass einem beim Lesen teilweise der Atem stockt. Sie hat aber auch einen Humor und Witz der seinesgleichen sucht, mit dem sie auch schwierige und tiefgründige Themen ausgezeichnet verpackt und somit dem Leser auf spielerische Weise näher bringt. Amélie Nothombs besondere Fähigkeit liegt in der explosiven Prägnanz ihrer Dialoge. Don Elemirio und Saturnine liefern sich im wahrsten Sinne des Wortes einen faszinierend wortreichen « Fechtkampf », wobei zu Beginn noch lange nicht klar ist, wer hier als Sieger gefeiert werden kann. Denn hier geht es noch um viel mehr als nur um Würde und Moral.

« Blaubart » gehört sicher neben vielen anderen zu Amélie Nothombs besten Romanen. Sie zeigt ihr Schreibtalent wieder einmal auf eindrückliste Weise. Kann trotz Anspruch und Intellekt einfach grandios unterhalten. Und schafft es, aus einem Märchen schon fast einen kleinen subtilen Thriller zu zaubern, der nicht nur amüsant skurile, sondern auch nachdenklich intelligente Spannung erzeugt. « Blaubart » ist kein normaler Roman, er ist wie ein prosaischer Feuerwerkskörper, den Sie, verehrter Leser, unbedingt in diesem Literatur-Frühling krachen lassen sollten !

Durchgelesen – „Doktor Glas“ v. Hjalmar Söderberg

Kann ein Mord jemals gerechtfertigt sein? Vor allem dann, wenn es um sexuelle Freiheit und Moral, oder sollte man eher sagen um Doppelmoral geht. Falls Sie, verehrter Leser, jetzt Neugierig werden sollten, dann hat dies ihre absolute Berechtigung. Denn der vorliegende Roman ist ein ganz besonderes Buch, ein „Kriminalroman“ der Extraklasse, der ganz ohne Kommissar auskommt und die Planung des potentiellen Mordes bereits auf den ersten Seiten subtil erkennbar wird.

Hjalmar Söderberg, geboren 1869 in Stockholm, stammt aus einem eher bürgerlichen Elternhaus. Sein Vater war Beamter und die Mutter Musiklehrerin. Eigentlich wollte Söderberg an die Oper gehen und sich ganz der Musik widmen. Doch nach seinem Schulabschluss arbeitete Söderberg im Zollamt; nach kurzer Zeit studierte er jedoch für ein paar Monate Politik und Latein und wurde letztendlich freier Kritiker und Journalist. Söderberg verfasste vier Romane, fünf Novellensammlungen und drei Theaterstücke. Er war – aufgrund seiner Gesellschaftskritik und seiner Moralvorstellungen – zur damaligen Zeit ein echter „Kultautor“. Und auch heute gehört er noch zu den beliebtesten und meist gelesenen schwedischen Schriftstellern der Jahrhundertwende. Nun dürfen wir seinen wichtigsten Roman „Doktor Glas“ dank der Übersetzung von Verena Reichel entdecken, der bereits erstmals 1905 erschienen war.

Der Roman, der als eine Art Tagebuch geführt wird, spielt in Stockholm des Fin de Siècle und beginnt mit dem ersten Eintrag im schwül heissen Juni und endet ungefähr vier Monate später mit dem letzten Eintrag Anfang Oktober. Der Hauptprotagonist ist „Tyko Gabriel Glas – Doktor der Medizin“, der nicht mehr so genau weiss, warum er diesen Beruf eigentlich gewählt hat:

„Was für ein Beruf! Wie kommt es, dass ich unter allen Erwerbszweigen den gewählt habe, für den ich mich am wenigsten eigne? Ein Arzt muss eins von beiden sein: entweder ein Menschenfreund oder ehrgeizig. – Allerdings habe ich mich früher wohl für beides gehalten.“

All das Menschliche, das ihm in seiner Praxis so Tag ein und aus begegnet, ekelt ihn irgendwie immer mehr an. Auch mit den Frauen klappt es gar nicht, er hat sich selbst in jungen Jahren bereits mehr auf seine Ausbildung konzentriert und in „Selbstbeherrschung geübt“. Natürlich hatte er auch Träume in Punkto Liebe und er erinnert sich doch immer wieder ganz bewusst an seine erste Annäherung an ein Mädchen, das bereits über 10 Jahren zurückliegt. Auch wenn sein Arztberuf ihn regelmässig mit vielen Frauen und ihren Krankheiten und Problemen – wie Schwangerschaftsabbrüche – konfrontierte, war er bis jetzt immer noch allein geblieben. Doch es dauerte gar nicht lange und er verliebte sich in die Frau des Pastors – Helga Gregorius -, als sie ihn wegen eines sehr persönlichen Anliegen in seiner Praxis aufsuchte.

Helga Gregorius war jung, attraktiv, voller Feinsinnigkeit und litt extrem unter dem sexuellen Trieb ihres Mannes. Sie ekelte sich vor ihm und er liess nicht von ihr ab, auch wenn sie sich ihm verweigerte. Sie versuchte sich zurückzuziehen, doch es steigerte sich dahingehend, dass der Pastor sie mit Gewalt nahm. Sie sah nur noch einen einzigen Ausweg und bat deshalb Doktor Glas um Hilfe, da ihr Mann doch bei ihm wegen seiner Herzprobleme in Behandlung sei. Doktor Glas war verwirrt, denn wie konnte er dieser Frau helfen. Er spürte, dass er sie irgendwie von diesem „Ehemann“ befreien musste.

Mit allen Mitteln, wie die Vortäuschung einer Krankheit bei Helga Gregorius, die absolute Enthaltsamkeit forderte, versuchte Doktor Glas den Pastor von seiner Frau sexuell zu „entfernen“.  Sogar ein dringend notwendiger Kuraufenthalt des Pastors wegen seines schwachen Herzens, wurde organisiert, um diese Frau vor ihren Ehepflichten zu retten, noch dazu wo sie selbst so glücklich war mit ihrem Geliebten. Doch es gelingt nicht. Nach der Kur kommt der Pastor erholter denn je zurück und kann es kaum mehr erwarten endlich seine Ehe zu „pflegen“. Für Doktor Glas gibt es jetzt nur noch einen einzigen Ausweg diese Frau einerseits zu beschützen und andererseits ihr neues Glück zu ermöglichen: der Pastor sollte sterben…

„Doktor Glas“ ist ein atemberaubend spannender Roman, der durch die faszinierend elegante Sprache zu einem sehr beeindruckenden Oeuvre wird, das die Bezeichnung „Kultroman“ mehr als verdient hat. Söderberg will hier durch diese prägnant distanzierte, aber auch gleichzeitig messerscharfe Beobachtungsgabe seinem Hauptdarsteller Macht verleihen, um Moral gegen Moral wieder aufheben zu lassen. Doktor Glas möchte diese junge Frau vom sexuellen Druck und den bigotten „Ehepflichten“ ihres Mannes – dem Pastor  –  befreien, so dass sie wiederum als Geliebte für einen anderen Mann bereit sein konnte. Doch warum erlöst nicht der Liebhaber diese – seine – Frau aus den Fängen ihres Ehemannes, sondern Doktor Glas? Vielleicht geht es auch da überhaupt gar nicht um Liebe, sondern nur um Sex?

„Doktor Glas“ ist ein grandioses Buch. Es spielt in einer prächtigen Stadtkulisse und fängt auf zielsichere Weise, aber trotzdem mit einer ungekünstelten Leichtigkeit die Stimmungen und Gedanken der einzelnen Personen und natürlich die des Hauptprotagonisten wunderbar ein. Hjalmar Söderberg versuchte mit diesem Roman nicht nur ein, sondern gleich mehrere Tabus zu brechen. Und dies alles wird so raffiniert und galant verkörpert durch einen träumenden Flaneur, der durch das sommerliche Stockholm wandelt, mit dem unglaublichen Vorhaben sich von seinem innerlich lodernden Feuer zu befreien und dabei nicht nur die Frau, in die er eigentlich verliebt ist, sondern vor allem sich selbst, zu retten versucht. Ob ihm dies gelingt, verehrter Leser, das sollten Sie unbedingt selbst herausfinden…

Durchgelesen – „Silbermann“ v. Jacques de Lacretelle

«Silbermann» ist ein kleines ganz grosses Werk eines in Deutschland bis jetzt eher unbekannten Autors. Ein Buch, das als bedeutender Klassiker des «Antisemitismus» und gleichzeitig als einer der aussergewöhnlichsten und schönsten Schülerromane bezeichnet werden kann.

Jacques de Lacretelle wurde am 14. Juli 1888 auf dem Schloss Cormatin in der Region Saône-et-Loire geboren. Nach dem Tod seines Vaters wurde er vom Grossvater aufgezogen, der sich sehr um seine Bildung kümmerte. Er ging aufs Gymnasium und studierte später an der Universität in Cambridge. Aufgrund gesundheitlicher Probleme widmete er sich während des ersten Weltkriegs bereits den Schönheiten der Literatur. Befreundet mit Marcel Proust, André Gide und Anatole France begann er seine literarische Karriere im Alter von 32 Jahren. 1922 veröffentlichte er seinen Roman «Silbermann» bei Gallimard und erhielt dafür sofort einen der wichtigsten französischen Literaturpreise den «Prix Femina». Im Jahre 1936 wurde er als Mitglied in die berühmte «Académie française» gewählt, der er 48 Jahre lang bis zu seinem Tod am 2. Januar 1985 angehörte. Jacques de Lacretelle schrieb eine Fülle von unterschiedlichster Bücher, unter anderem auch einen Roman über die weibliche Homosexualität («La Bonifas»). Doch letztendlich blieb «Silbermann» sein Hauptwerk, welches wir nun nach einer Erstübertragung aus dem Französischen von 1924 – dank der herausragenden Neu-Übersetzung von Irène Kuhn und Ralf Stamm – in einer edel und künstlerisch hochwertig gestalteten Ausgabe neu oder wieder entdecken dürfen.

Der Roman «Silbermann» spielt in Paris. Der Erzähler ist ein junger Mann im Alter von ca. 15 Jahren und besucht die 3. Klasse (entspricht in Deutschland etwa der 9. Klasse Gymnasium). Er wächst behütet in einer Familie auf, die protestantisch konservativ und emotional eher kühl distanziert ist. Sein Vater arbeitet als Richter und seine Mutter kümmert sich um Wohltätigkeits-veranstaltungen in der Pariser Gesellschaft. Obwohl er im bourgeoisen 16. Arrondissement wohnt, lebt er mit seiner Familie eher bescheiden und nicht allzu pompös.

Die Ferien, die er immer bei seinen Grosseltern auf dem Land bei Aiguesbelles verbringt, sind vorbei und das neue Schuljahr beginnt. Der Ich-Erzähler lernt einen Jungen kennen, der neu in seiner Klasse ist. Er heisst David Silbermann, ein – wie es bereits den ersten Eindruck macht – hochbegabter Schüler, der sogar eine Klasse übersprungen hat. Der Erzähler – bis jetzt noch mit seinem Klassenkameraden Philippe Robin (Sohn einer sehr bekannten Familie des Pariser Bürgertums) befreundet – ist tief beeindruckt vom Wissen und von der Intelligenz Silbermanns. Wie er Szenen aus Racines Iphigenie mit Hingabe und Feinfühligkeit rezitiert, beeindruckt den Erzähler tief. Doch der Eifer von Silbermann stösst in der Schule nicht nur auf positive Stimmen.

Per Zufall treffen sie sich eines Morgens in einem kleinen Parkstück im Wohnviertel des Erzählers. Silbermann wirkt zuerst etwas verängstigt. Doch im Laufe des Gesprächs ändert sich der Gesichtsausdruck immer mehr, und man spürt die Erleichterung und Freude. Silbermann zeigt seinem Klassen-kameraden seine neueste Literaturentdeckung und liest ihm verschiedene Verse vor. Sie diskutieren unter anderem über Jean de La Fontaine und Victor Hugo. Er schwärmt von seiner Bibliothek und lädt ihn ein, mit zu ihm nach Hause zu kommen und sich jederzeit Bücher bei ihm ausleihen zu können. Der Erzähler bleibt jedoch etwas zurückhaltend. Doch Silbermann versucht ihn zu überzeugen und nimmt seine Hand:

« Silbermann ergriff sie, hielt sie fest und blickte mich mit einem Ausdruck von Dankbarkeit an. Dann sagte er mit unendlich sanfter Stimme:

„Ich bin froh, sehr froh, dass wir uns getroffen haben… Ich hätte nicht gedacht, dass wir Freunde werden könnten.“ „Warum nicht ?“ fragte ich und war aufrichtig erstaunt.
„In der Schule hab ich dich immer mit Robin gesehen, und da er in diesem Sommer einen ganzen Monat lang kein Wort mit mir reden wollte, dachte ich, dass auch du …  Sogar im Englischunterricht, wo wir ja nebeneinandersitzen, habe ich mich nicht getraut …“

… Ich tat, als hätte ich ihn nicht verstanden, und stammelte lächelnd:

„Das ist doch Blödsinn … Warum dachtest du … ?“ 
„Weil ich Jude bin“, unterbrach er mich brüsk und in einem so seltsamen Ton, dass mir nicht klar war, ob das Bekenntnis ihm schwerfiel oder ihn mit Stolz erfüllte. »

Silbermann ist fasziniert von der Literatur. Er ist insgesamt ein Verehrer der gesamten französischen Kultur und will nichts mehr, als ein französischer Jude sein zu können. Er engagiert sich sehr, doch in der Klasse ist er immer mehr von Feinden umgeben. Sein Freund (Ich-Erzähler) versucht soweit es geht, ihm zu helfen, ihn zu unterstützen und für ihn da zu sein. Er kündigt seine Freundschaft zu Philippe auf und kümmert sich nur noch um Silbermann. Gleichzeitig profitiert er von Silbermann’s Intelligenz und geniesst die Nachmittage in dessen Bibliothek. Doch die Situation für Silbermann verschlechtert sich mehr und mehr.

Der dramatische Höhepunkt in diesem Roman wird erreicht, als Silbermann’s Vater, der als Antiquitätenhändler arbeitet, wegen angeblichen Betrugs und Diebstahls verhaftet wird. Obwohl er von der Unschuldigkeit seines Vaters überzeugt ist, geht das Mobbing weiter. Denn die Polizei ist anderer Meinung, von der Presse ganz zu schweigen. Und zu allem Übel kommt noch hinzu, dass der zuständige Untersuchungsrichter der Vater des Erzählers ist. Silbermann fleht bei seinem Freund um Hilfe, dass dieser dessen Vater (Richter) von der Unschuld seines Vaters überzeugt. Der Erzähler setzt sich für seinen Freund ein, spürt aber die unabweichliche antisemitische Einstellung seiner Eltern. Er kann nichts erreichen. Sogar die Freundschaft zu Silbermann wird ihm von seinen Eltern verboten, doch lässt der Erzähler es soweit kommen …?

« Silbermann » ist nicht nur ein unglaublich schöner und fesselnder Schülerroman, der ohne schnoddrigen Jugendjargon auskommt, sondern eine mit elegant geschriebener Feder erzählte Geschichte zweier sehr unterschied-licher Jungen. Der eine – Silbermann – mehr als gebildet, ehrgeizig, aber auch sensibel, emotional und « sehr gewieft ». Wir lernen durch ihn die französische klassische Literatur kennen und lieben, sind von seiner Art vollkommen angetan, manchmal auch ein wenig überfordert, doch letztendlich tief beeindruckt. Der Andere – Erzähler – Sohn eines bedeutenden Richters, protestantisch, korrekt, zurückhaltend, hilfsbereit und missionarisch. Er zeigt selten Gefühle und ist wesentlich weniger belesen, raffiniert und kämpferisch.

Jacques de Lacretelle hat diesen Roman in einer Zeit geschrieben, wo die Thematik des Antisemitismus bereits präsent war, aber nicht im Geringsten den Höhepunkt erreichte, den wir uns jemals im Laufe der Geschichte vorzustellen gewagt hätten. « Silbermann » ist ein sehr eindringlich erzähltes Werk, das versucht die Fragen nach Moral, Identität und Anerkennung in der Gesellschaft, in diesem Fall in der französischen Gesellschaft, zu diskutieren und teilweise zu beantworten. Jacques de Lacretelle schreibt mit sehr hohem stilistischen Anspruch, so dass dieser Roman keinesfalls mit den uns bekannten Schülerromanen wie beispielsweise « Das fliegende Klassenzimmer » zu vergleichen wäre. Es ist eben doch mehr ein Werk, das nicht nur für Schüler, sondern für jeden kulturpolitisch interessierten Menschen zur Pflichtlektüre werden sollte. Es beschreibt mit seinen Hauptfiguren die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Religionsfreiheit und macht auf die zeitlose Aktualität des weitestgehend schwierigen Thema’s  – Antisemitismus –  aufmerksam.

Das besondere an diesem Werk ist die intensive Sichtbarkeit des Wunsches nach vollkommener Anerkennung, welche Silbermann – trotz der grossen körperlichen und seelischen Leiden, die er ständig ertragen muss – nie aufhört zu erreichen versucht. Jacques de Lacretelle kann diese fast schon unbeugsame Kraft des immer ständigen Kampfes durch seine wunderbar schnörkellose, sehr distinguierte und gleichzeitig extrem spannungs-erzeugende Sprache mehr als deutlich machen. Diese literarische Kunst zieht den Leser nicht nur in seinen Bann, sie gibt ihm auch Raum, das Thema « Antisemitismus » wieder neu zu überdenken und lässt uns gerade deshalb mit vielen offenen Fragen zurück. Aber genau diese raumgebende Freiheit zur Selbstreflexion ist es, was dieses Buch so aussergewöhnlich macht.

« Silbermann » ist ein absoluter Klassiker und gehört zu den wenigen ganz besonders wertvollen literarischen Neu- bzw. Wiederentdeckungen und sollte aus diesem Grund in keiner guten Bibliothek, ob privat oder öffentlich, fehlen.

Durchgelesen – „Mein Leben in Aspik“ v. Steven Uhly

„Mein Leben in Aspik“ ist der grandiose Debütroman von Steven Uhly. Er selbst ist deutsch-bengalischer Abstammung. Er studierte Literatur, war Leiter eines Instituts in Brasilien und übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Zur Zeit lebt er in München.

Dieses Stück Literatur handelt von einer sehr schrägen und lügenbehafteten Familiengeschichte, bei der es ganz schön knallt. Der Leser sollte auf jeden Fall offen für alles sein. Er sollte neugierig und humorvoll sein und es mit der Wahrheit nicht zu genau nehmen. Und er sollte während der Lektüre seinen Moralvorstellungen einen kurzen Urlaub gönnen, was für manche Passagen in diesem Buch sehr hilfreich sein könnte.

Der Roman fängt noch verhältnismässig harmlos an, indem der Ich-Erzähler, ein junger Mann zwischen 25 und 30 Jahre, sich an seine Kindheit erinnert, in der seine Oma ein sehr wichtige Rolle gespielt hat. Sie erzählte ihm im Alter von 9 Jahren als sogenannte Gute-Nacht-Geschichten von ihren Mordplänen bezüglich seines Opas. Wie könnte es funktionieren? Sie wollte ihn vielleicht verhungern lassen, dass wäre eventuell ihr Lieblingsmordplan. Sie schmiedete viele neue Pläne über mehrere Jahre hin bis sie mal fast sechs Monate darüber nichts mehr ihrem Enkel erzählte. Ja und dann war der Opa plötzlich tot.

Danach war die Oma bestens gelaunt und kümmerte sich nun um die sexuelle Aufklärung ihres Enkels, der gerade seine erste Liebe durchlebte. Der Ich-Erzähler wohnte mit seiner Mutter und Oma unter einem Dach, doch die Verbindung zu seiner Mutter war nicht die aller Beste. Erst später als der Ich-Erzähler bereits nach seinem Abitur und wegen seines Philosophie-Studiums nach Köln zog, besuchte ihn seine Mutter, die ständig in Deutschland unterwegs war auf der Suche nach einem passenden Mann. Dieser Besuch war eine Gelegenheit, seine Mutter endlich mal zu fragen, ob sie eigentlich noch seinen Vater liebt:

„«Aber Mama! Ich wollte es nur wissen», versuchte ich sie zu beschwichtigen. …. «Mama, es ist mir ganz egal, was zwischen euch passiert ist, das heisst, nein, es ist mir nicht egal, im Gegenteil: Ich will endlich wissen, was zwischen euch passiert ist!» … «Dein Vater hatte ein Verhältnis mit deiner Oma», sagte sie gepresst. ….«Was?», entfuhr es mir. Dann musste ich lachen, ich musste so laut lachen, dass meine Mutter mich mit offenen Mund anstarrte, während ihr Tränen übers Gesicht liefen.“

Seine Oma hatte tatsächlich ein Verhältnis mit seinem Vater und wurde auch noch vom ihm geschwängert . Sie bekam heimlich eine Tochter, die jetzt bei ihrem Vater lebte. Die Tochter war gleichzeitig nun auch die Schwester seiner Mutter und er war ihr Halbbruder, sie war aber auch noch seine Halbtante. Er kündigte seine Wohnung in Köln und fuhr nach Berlin, um seine Halbschwester und um seinen Vater, der übrigens Spanier war, aufzusuchen. Und dann begann das eigentliche Familien-Enthüllungsabenteuer, das den Leser nur noch stauen und Kopfschütteln, aber auch sehr oft laut lachen lässt.

Der Ich-Erzähler verliebt sich in seine Halbschwester, die von ihm auch noch ein Kind bekommt, wobei auch ihr Vater als Kindsvater in Frage kommen könnte. Der Enkel schwängert auf äusserst ungewöhnliche Weise  auch noch seine Oma und die indische Verlobte seines Vaters. Dieser will seine Verlobte eigentlich gar nicht heiraten, sondern hat es eher auf deren Mutter abgesehen. Die Hochzeit platzt zwischen Vater und Verlobte wegen eines Unfalls, bei dem die Halbschwester vom Ich-Erzähler bzw. die Tochter der Oma ins Koma fällt. Dafür heiratet er nach indischen Ritus die Tochter der Geliebten seines Vaters usw. Sodom und Gomorrha lassen grüssen, aber das ist noch lange nicht alles.

Die Geschichte entwickelt sich turbulent weiter. Der Ich-Erzähler muss unter anderem erkennen, dass sein Vater ein sehr bekannter Bordell-Besitzer in Berlin ist. Er versucht immer mehr diesen Enthüllungen zu entfliehen, obwohl er trotzdem endlich alles über seine Familie wissen will. Bei jedem sogenannten seelischen „Fluchtversuch“ wird er ohnmächtig, was ihn oft noch in verzwicktere Situationen bringt, als man sich überhaupt ausmalen kann. Vor allem immer dann, wenn er seine Halbschwester küsst, überfallen ihn eigenartige Visionen, in denen die dramatischen Szenen seiner Familiengeschichte gezeigt werden, die auch seine Ermordung einschliesst. Doch glücklicherweise werden diese Visionen nur teilweise Realität.

Man könnte denken, diese Geschichte ist haarsträubend und total verrückt. Vielleicht ist sie es auch, aber sie ist so klug konstruiert und extrem schnell komponiert, dass es einem beim Lesen den Atem raubt und man das Gefühl hat, in einer Achterbahn zu sitzen. Der Roman hat keine Kapitel. Er beginnt direkt und endet nach 260 Seiten genauso direkt, somit kann man gar nicht anders, als dieses Buch in einem Zug durchzulesen. Die flotten und treffsicheren Dialoge, die ständig neuen inhaltlichen Entwicklungen, all dies reisst den Leser mit, auch wenn man sich zwischendurch so manche Frage nach Moral stellen möchte, aber gar keine Zeit hat, diese noch zu beantworten.

„Mein Leben in Aspik“ zeigt dem Leser wie wichtig es ist, seine Familiengeschichte zu enthüllen und sich auch nicht vor schlimmeren Überraschungen zu fürchten, die plötzlich ganz ungewollt zum Vorschein kommen könnten. Hier geht es letztendlich für den Ich-Erzähler nur um eins: Was hat mehr Bedeutung – die grosse tiefe Liebe oder der schnelle leichte Sex? Um dies herauszufinden sollten Sie dieses Buch lesen. Tauchen Sie ein in die moralischen und gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen dieses genialen Romans! Sie müssen zwar mit viel Chaos und Katastrophen rechnen, doch Sie werden es auf keinen Fall bereuen!