Schlagwort: Lyrik

Theodor Fontane – Gedicht

Der echte Dichter

Ein Dichter, ein echter, der Lyrik betreibt,
Mit einer Köchin ist er beweibt,
Seine Kinder sind schmuddlig und unerzogen,
Kommt der Mietszettelmann, so wird tüchtig gelogen,
Gelogen, gemogelt wird überhaupt viel,
»Fabulieren« ist ja Zweck und Ziel.

Und ist er gekämmt und gewaschen zuzeiten,
So schafft das nur Verlegenheiten,
Und ist er gar ohne Wechsel und Schulden
Und empfängt er pro Zeile ’nen halben Gulden
Oder pendeln ihm Orden am Frack hin und her,
So ist er gar kein Dichter mehr,
Eines echten Dichters eigenste Welt
Ist der Himmel und – ein Zigeunerzelt.

Durchgelesen – „Der Sommer ohne Männer“ v. Siri Hustvedt

Ehebruch und Betrug gehören zu den klassischen Themen der allseits beliebten Frauenliteratur. „Der Sommer ohne Männer“ unterscheidet sich jedoch ganz klar von den gewöhnlichen Beziehungskisten-romanen mit viel Herz und Schmerz, bei denen man bereits auf der ersten Seite weiss, wie das letzte Kapitel endet. Nein, dies ist ein grandioser Roman über Frauen und Männer und über die zwischen beiden Geschlechtern oft daraus entstehenden Probleme, welche nicht nur Leid verursachen, sondern sehr wohl auch positive Erfahrungen und wichtige Erkenntnisse zur Folgen haben können.

Siri Hustvedt hat sich mit diesem gerade frisch auf deutsch erschienen Werk selbst übertroffen, denn so ironisch und witzig haben wir sie in den letzten Jahren selten erlebt. Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, geboren. Sie ist die Tochter einer Norwegerin und eines Professors für norwegische und amerikanische Geschichte. Schon als junges Mädchen wollte sie unbedingt Schriftstellerin werden. 1980 lernte sie den Autor Paul Auster kennen, den sie ein Jahr später heiratete. 1986 beendete sie ihre Promotion in englischer Literatur mit einer Arbeit über Charles Dickens. Berühmt wurde sie durch die Romane „Die Verzauberung der Lily Dahl“ (1992) und „Was ich liebte“ (2003). 2008 erschien „Die Leiden eines Amerikaners“ und vor einem Jahr „Die zitternde Frau“. Sie lebt als Schriftstellerin mit ihrem Mann Paul Auster und der gemeinsamen Tochter in Brooklyn.

„Der Sommer ohne Männer“ analysiert auf intellektuelle und gleichzeitig amüsante Weise die Beziehung zwischen der New Yorker Dichterin Mia und dem Neurowissenschaftler Boris. Sie stecken beide in einer echten Krise. Diese Krise nennt Boris charmant diplomatisch eine „Pause“. Doch für Mia war sofort klar, dass diese „Pause“ zweibeinig ist:

„Die Pause war eine Französin mit schlaffem, aber glänzendem braunem Haar. Sie hatte einen signifikanten Busen, der echt, nicht künstlich war, eine schmale Rechteckbrille und einen exzellenten Verstand. Natürlich war sie jung, zwanzig Jahre jünger als ich, und ich vermute, dass Boris schon länger scharf auf seine Kollegin gewesen war, ehe er sich auf ihre signifikanten Bereiche stürzte.“

Mia ist so geschockt! Nachdem Boris ihr erklärte, dass er eine „Pause“ bräuchte, dreht sie total durch und landet schliesslich in der Psychiatrie. Sie wird mit Psychopharmaka ruhig gestellt, denn sie leidet an einer kurzfristigen psychotischen Störung, die man auch als „Durchgangssyndrom“ bezeichnet. Sie ist verrückt, aber zum Glück nicht lange. Nach gut zehn Tagen wird sie aus der Klinik wieder entlassen und weiterhin von ihrer Frau Dr. S. ambulant betreut. Mia braucht jetzt selbst eine Pause und fährt zur Erholung in ihre Geburtsstadt in Minnesota, in die Nähe ihrer neunzigjährigen Mutter, die dort in einem Altersheim wohnt.

Mia mietet sich ein nettes Haus, lernt nicht nur ihre Nachbarin – Mutter von zwei kleinen Kindern – kennen, die sich oft lautstark im Garten mit ihrem Mann streitet, sondern auch die entzückenden Freundinnen ihrer Mutter. Alle Damen sind Witwen und äusserst interessante Charaktere, vor allem Abigail, die ein ganz besonderes Hobby hat. Mia verbringt viel Zeit mit ihrer Mutter und gibt einen Lyrikkurs für sieben pubertierende Mädchen, die nicht nur begeisterte Mini-Dichterinnen werden wollen, sondern auch sich gegenseitig das Leben ziemlich schwer machen.

Dazwischen grübelt Mia über ihren untreuen Boris nach und macht sich Gedanken über die Männer ganz im Allgemeinen. Sie ist wütend und enttäuscht und beginnt, eine Art erotisches Tagebuch zu führen, welchem sie ihre Gefühle und Erinnerungen in Punkto Liebe, Sex und Ehe anvertraut. Aber nicht nur diese Verarbeitungsform, auch die neuen Freundschaften, die sie in ihrer Heimat schliessen kann und die spannende Arbeit als Kursleiterin haben sie auf ganz neue Wege gebracht. Die Erholung wird mehr und mehr spürbar und die neue Lebensfähigkeit auch ohne Boris ist deutlich erkennbar. Und genau das könnte der Auslöser und die Gelegenheit für ihren Mann sein, Mia wieder interssant und attraktiv zu finden. Boris erkundigt sich nach ihr in Form von kleinen Briefen und schmeichelt ihr. Und Mia macht sich ein wenig lustig darüber und geniesst gleichzeitig im Stillen! Denn eines ist ganz sicher, Frauen wollen umworben werden….

„Der Sommer ohne Männer“ wird aus der Sicht der Dichterin Mia in der Ich-Form erzählt, das den Leser in die Seele einer intellektuellen Frau auf so wunderbar poetische und gleichzeitig freche Weise hineinzieht. Durch die faszinierende  Mischung zwischen Tagebucheintrag, Gedanken, Erlebnissen, Telefongesprächen, Briefen und Gedichten ist dieses Buch nicht nur äusserst kurzweilig, sondern auch sehr klug und wahnsinnig erfrischend.  Siri Hustvedt spricht den Leser direkt an, als würde sie sich mit ihm verbünden bzw. ihn ins absolute Vertrauen ziehen. Was für ein intelligenter Schachzug in Bezug auf Leserbindung.

„Der Sommer ohne Männer“ ist kein Roman, den man so en passant herunterliest. Er bedarf einer gewissen Konzentration und Aufmerksamkeit, denn es ist ein sehr anspruchsvolles und sprachlich unglaublich komplexes Werk. Siri Hustvedt fordert uns als grossartige Erzählerin heraus mit Ironie, Humor und Geist über die Empfindungen dieser Frau oder der Frau im Allgemeinen nachzudenken. Hier geht es nicht um Klischees oder Männerhass, ganz im Gegenteil, hier wird die weibliche Demut zelebriert und der Mut und die Kraft, sich selbst wiederzufinden, brillant geschildert. Siri Hustvedt schenkt uns ein wunderbares Buch über Frauen im Lauf der Jahrhunderte, über die Reife eines Lebens und die weibliche Sensibilität. Ein hoch literarisches Highlight in der Fülle der sogenannten „Frauenliteratur“, das man insbesondere Männern sehr ans Herz legen sollte!

Durchgelesen – „Merry Fishmas“ v. Arezu Weitholz

Haben Sie schon Ihr Weihnachtsmenü zusammengestellt? Falls nicht, sollten Sie auf keinen Fall den Fischgang vergessen! Nachdem Arezu Weitholz uns bereits mit ihrem ersten Band „Mein lieber Fisch“ das Leben und Leiden von Fischen auf witzige Weise erklärt hat, erscheint nun passend zum Weihnachtsfest ein zweiter Gedichtband mit 44 Fischgedichten. Doch die Gedichte sind nicht nur für das bevorstehende Fest geeignet, eine Vielzahl der Verse sind ganzjährig einsetzbar trotz ihrer entzückenden weihnachtlichen Zeichnungen. Dieses Lyrik-Büchlein bietet somit wieder ein dauerhaftes Vergnügen für alle „fischigen“ Lebenslagen.

Die Brasse besiegt ihre Angst, die Fische sind verliebt und der Karpfen hat einen Kater. Aber dafür fängt die Krake an zu dichten und das mit Erfolg:

„Die Krake“

Die kleine Krake Kasimir
ist ein bisschen schlicht
sie kann sich keine Reime merken
und auch kein Gedicht

Wal auf Aal, das ist zuviel
Hecht auf echt erst recht
Welle, Delle, Siel und Kiel
gehn auch eher schlecht

Not und Krake sind am Ringen
doch dann ersinnt sie eine List:
Immer einen Knoten schlingen
damitse keinen Reim vergisst

Heute ihr Gedichte glücken
und man lobt sie in der See
nur das Schwimmen kannse knicken
denn sie ist jetzt Makramee

(genehmigter Abdruck, Quelle: „Merry Fishmas“, Vierundvierzig Fischgedichte fürs Fest von Arezu Weitholz, Weissbooks Verlag)

Lars, der Lachs ist Kettenraucher, die Meerjungfrau träumt von schicken Schuhen, die Renke hat sich verrenkt und der Tropenfisch wettert gegen den Weihnachtsmann. Da hilft nur eins, Ruhe bewahren und philosophisch denken:

„Der Philosofisch im Winter“

Bin ich ich
ein Fisch, ein Floh
bin ich nich
in Wahrheit froh

Bin ich das Meer
bin ich die Flut
ist alles wahr
ist alles gut

Wo geht es hin
wer lenkt den Weg
bin ich schon tot
bin ich zu spät

Bin ich aus Eis
und Schnee gebaut
tut es wohl weh
wenn es mal taut

Will ich, will ich
will mich nur was
und wenns mich will:
was soll denn das

(genehmigter Abdruck, Quelle: „Merry Fishmas“, Vierundvierzig Fischgedichte fürs Fest von Arezu Weitholz, Weissbooks Verlag)

Arezu Weitholz hat sich mal wieder übertroffen, die Gedichte sind einfach wunderbar! Witzig, amüsant, nachdenklich, kurzum sie sind prädestiniert für espritvolle Momente. Zaubern Sie Ihr ganz persönliches und wortreiches „Fisch-Menü“, geniessen Sie dies nicht nur an den Festtagen. Deshalb lassen wir jetzt die Fische schwimmen und freuen uns – wie der Fisch im Wasser –  an dieser hinreißenden und „schuppigen“ Poesie!

Durchgelesen – „Mein lieber Fisch“ v. Arezu Weitholz

Sie lieben Fisch, gehen gerne zum Angeln? Nein?! Aber Sie lieben dafür Gedichte, dann ist dieser entzückende Lyrikband mit vierundvierzig Fischgedichten der richtige „Fang“ für Sie!

Arezu Weitholz, die Autorin und gleichzeitig noch Illustratorin dieses wunderbaren Büchleins lebt in Berlin. Sie machte eine Ausbildung bei einer Bank und legte eine Zeit lang in Südafrika Platten auf. Inzwischen arbeitet sie Journalistin unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und schreibt für namhafte Rockgrössen die Songtexte.

Und sie hat eine unglaubliche Begabung aus „Fischen“ besondere Lebewesen zu machen. Der Leser taucht in eine Wasserwelt, die weder langweilig, öde, blass und einfallslos ist. Im Gegenteil voller Witz, Humor und Bissigkeit. Da wird selbst der absolute Fischverächter schwach und stürzt sich in die Fluten. Arezu Weitholz führt uns ein in ihre Fisch-Welt mit dem Gedicht:

Der Aalphabet“

„Es war einmal ein Fisch im Meer
der liebte die Buchstaben sehr.
Er zählte sie von früh bis spät
man nannt ihn auch den Aalphabet.

Doch eines Tages fehlte ihm
das grosse F, und das war schlimm
denn nun gabs grosse Ische
und sonst nur kleine fische.

Er sucht im ganzen Ozean
von oben bis nach unten.
Das grosse F war irgendwann
ganz vollständig verschwunden.

Der Aalphabet, er war nicht blöd
er tat, als wärs normal.
Und seitdem ist der grösste Isch
kein Isch mehr, sondern Wal.“

(genehmigter Abdruck, Quelle: „Mein lieber Fisch“, Vierundvierzig Fischgedichte von Arezu Weitholz, Weissbooks Verlag)

Fische in allen Variationen, in allen Grössen, tot oder lebendig. Man wünscht sich ein Aquarium, einen Fluss oder einen See, um den „Gedanken“ der Fische nachzuspüren. Selbst von ganz menschlichen Problemen, wie einer Grippewelle, werden die Weitholz’schen Fische nicht verschont:

„Die Grippewelle“

„Erst, da keuchten die Sardellen
und bald hustete der Hecht.
Böse röcheln die Forellen
und den Heringen ist schlecht.

Kopfweh, Fieber bei den Fischen
keiner mehr verlässt sein Haus.
Denn den Wal darfs nicht erwischen
wenn der niest, ist alles aus.“

(genehmigter Abdruck, Quelle: „Mein lieber Fisch“, Vierundvierzig Fischgedichte von Arezu Weitholz, Weissbooks Verlag)

Was für ein Vergnügen, diese Gedichte nach ringelnatzscher Manier zu lesen! Seien Sie mutig, wagen Sie ein literarisches Fisch-Menü. Sie werden es nicht bereuen, denn es ist absolut grätenfrei und äusserst schmackhaft!

Durchgeblättert – „Heimliche Gedichte“

„Ein Theaterstück ist der Mittelstreckenlauf, Prosa ist Marathon und Lyrik Hochsprung“, das sagte bereits Friedrich Dürrenmatt und das könnte auch die Maxime dieses wunderbaren Lyrikbandes sein.

Heimliche Gedichte, so heisst eine Anthologie, die Gedichte von Romanciers uns entdecken lässt, die teilweise zum ersten Mal auf deutsch oder in Buchform erschienen sind.

Diese literarischen Bijoux (immer in Originalsprache und der deutschen Übersetzung) werden hier in dieser ungewöhnlichen Auswahl dem Leser näher gebracht.

Der Leser wird überrascht von Prosaautoren wie Robert Musil, Joseph Roth, Raymond Chandler, Indrid Noll, Paul Auster, John Updike, James Joyce, Philippe Djian und vielen anderen.

Auch John Iriving hat ein einziges Gedicht geschrieben, und Alan Sillitoe hat gleich mehrere Gedichte verfasst, obwohl er der Meinung war, dass Romanciers keine guten Gedichte schreiben können, und diese Einschätzung hat er dann auch gleich als Gedicht umgesetzt:

„Schreib keine Gedichte,
Sagte der Rezensent.
Erzähl eine Geschichte,
Das sind die Sachen
Für die man dich kennt.

Unsinn, sagte ich.
Du spinnst.
Leck mich am Arsch.
Du kannst mich mal.
Verpiss Dich.
Hau ab.

Na, ist das ein Gedicht?

Er sagte: Reimt sich nicht.“

Heimliche Gedichte, ein wunderbares Buch für Lyrikliebhaber und für Leser, die schon alles haben. Ein kleiner Prachtband mit verborgenen Schätzen zum Geniessen, Staunen und Amüsieren.