Durchgelesen – „Ein Liebesabenteuer“ v. Alexandre Dumas

In der Literatur gibt es hin und wieder so wunderbare Überraschungen, die man nicht für möglich halten würde. Und genau so eine literarische Überraschung ist die Entdeckung eines Werkes von Alexandre Dumas, das wir mit grosser Erwartung nun nach sage und schreibe über 150 Jahren zum ersten Mal in deutscher Sprache in den Händen halten dürfen. Alexandre Dumas hat im Alter von 57 Jahren diesen Text mit dem Titel „Une aventure d’amour“ („Ein Liebesabenteuer“) lange Zeit nach seiner Hauptschaffensperiode geschrieben, welcher dann 1860 in Frankreich veröffentlicht wurde.

Alexandre Dumas (1802-1870) ist neben Balzac und Hugo einer der grossen französischen Schriftsteller, der vor allem durch seine Historienromane „Der Graf von Monte Christo“ und „Die drei Musketiere“ Weltruhm und eine überaus hohen Bekanntheitswert erreichte. Seine ersten Schreibversuche startete Alexandre Dumas allerdings mit Komödien, später betätigte er sich auch als Lyriker und Journalist. Er lernte Victor Hugo kennen und arbeitete mit Gérard de Nerval zusammen. Doch so richtig populär und beliebt wurde er erst durch seine Abenteuerromane. Dumas war ein Lebe- und Genussmensch, den Frauen gegenüber nie abgeneigt widmete er sich den schönen Dingen im Leben. Er reiste viel – nach Belgien, Deutschland, Italien und Russland -, nicht nur aus Interesse, sondern auch, um seinen Gläubigern immer mal wieder entfliehen zu können. Doch diese Reiseeindrücke konnte er dann letztendlich erfolgreich in seinen „Mémoires“ verarbeiten, die zwischen 1852 und 1854 in Brüssel erschienen waren. Doch heute nach dem bekannt abenteuerlustigen Alexandre Dumas erleben wir in diesem – dank der sehr gelungenen Übersetzung von Roberto J. Giusti – gerade neu veröffentlichten Buch „Ein Liebesabenteuer“ eine neue und ungewohnte Seite von Alexandre Dumas.

„Ein Liebesabenteuer“ ist keine  klassische Erzählung, auch keine Novelle, geschweige denn ein Roman. Es könnte eine Geschichte oder eher ein Bericht aus seinem Leben sein, autobiographisch, aber trotzdem äusserst literarisch. Im Herbst 1856 kommt bei Alexandre Dumas überraschend eine Dame zu Besuch. Obwohl er seinem Hausdiener klare Anweisung gegeben hat, niemanden zu ihm vorzulassen, wird die Dame hereingeführt, denn sie war nach Meinung des Dieners einfach besonders schön. Bei dieser Dame handelt es sich um Lilla Bulyowsky. Eine junge Frau, 25 Jahre alt und Schauspielerin aus Budapest. Über einen Kontakt spricht sie nun bei Alexandre Dumas vor und wünscht sich, dass er sie in die französische Bohemien-Welt einführt. Allerdings stellt sie gleich eines klar:

„…ich habe einen Gatten, den ich liebe, und ein Kind, das ich vergöttere.“

Sicher ein kluger Schachzug von Lilla, denn dass Alexandre Dumas dem weiblichen Geschlecht doch sehr stark zugeneigt war, konnte auch ihr nicht verborgen bleiben und somit zieht sie bereits bei ihrem ersten Treffen mit Alexandre eine klare Grenze. Nach einem Monat regelmässiger Begegnungen zwischen Alexandre und Lilla wird es für Lilla Zeit, die Weiterreise anzutreten. Sie möchte unbedingt nach Deutschland, die Reise soll über Brüssel, Spa und Köln, ja und dann weiter nach Mainz bis nach Mannheim führen. Alexandre entschliesst sich kurzer Hand, Lilla bis nach Brüssel zu begleiten. Trotz einem Knistern und einer gewissen Spannung zwischen den beiden bleibt Alexandre während der Zugreise besonders höflich und galant distanziert, ja ein wahrer „Gentleman“, der sich als hervorragender Begleiter entpuppt und bei Ankunft in Brüssel trotz gewisser erotischer Schwingungen eine ganz neue Seite an sich entdeckt:

„Eine Stunde später war sie im „Hotel de Suède“. Ich führte sie zu ihrem Zimmer, küsste ihr respektvoll die Hand und murmelte im Hinausgehen: «Wie bezaubernd es wäre, wenn man eine Frau zum Freund haben könnte!»“ 

Alexandre entschied sich nach dem Brüssel-Aufenthalt die Reise nach Deutschland weiter mit Lilla gemeinsam fortzusetzen und so dürfen wir dabei die interessanten und unter anderem auch äusserst amüsanten Anmerkungen Dumas über die deutsche Lebensart und allerlei kulinarische Genüsse verfolgen:

„In allen Ländern der Erde gibt man Essig in den Salat; in Deutschland gibt man den Salat in den Essig.“

Die Reise nach Deutschland entwickelte sich als ein wahres Entdeckungswunder für Alexandre, der inzwischen mit Lilla in Koblenz eingetroffen ist und selbst immer mehr von seinem „geschwisterlichen“ Verhältnis zu Lilla überrascht war, das selbst die Nähe der Hotelzimmer nicht im geringsten mehr gefährden konnte. In Koblenz freunden sich Lilla und Alexandre mit einer sympathischen Wienerin an, welche beide auf ihrer Weiterreise begleiten wird. Dabei erzählt Alexandre den beiden Damen ein wahres Liebesabenteuer, das er 1836 in Palermo mit einer Frau, die er nur Maria nannte, erlebt hatte. Könnte nun auch die Beziehung mit Lilla nicht doch noch eine andere Wendung nehmen, als wir sie bis jetzt beobachten, denn die Reise war noch lange nicht beendet, sowohl im realen, als auch im gedanklich erzählerischen und vor allem emotionalen Sinne…?

Alexandre Dumas versprüht mit diesem von Charme und Esprit kaum zu überbietenden Werk einen Zauber und eine Eleganz, wie wir sie uns nicht schöner wünschen könnten. „Ein Liebesabenteuer“ ist eine entzückende Anekdote aus einem bewegten und intensiven Leben, das nun endlich aus der Übersetzungs-Verschollenheit entsprang und somit den deutschsprachigen Leser in die vielleicht noch völlig unerforschte Welt von Alexandre Dumas entführen kann.

Das besondere an diesem kleinen feinen Oeuvre ist das stilvolle Herausstellen eines sehr positiv anmutenden Charakterzugs von Alexandre Dumas im Bezug auf die Bewunderung und den Respekt gegenüber Frauen. Alexandre Dumas könnte der Vater von Lilla sein, und selbst dies wäre vielleicht kein Hinderungsgrund für eine Affäre. Doch in diesem erstaunlich emotional offenen Text zeigt Alexandre Dumas eine gewisse souveräne, aber auch ehrfürchtig vornehme Haltung und lernt, je länger seine und Lillas „Zweisamkeit“ dauert, das Wunder der Freundschaft zwischen Mann und Frau kennen und lieben:

„Zwischen uns war etwas entstanden, das sich zwischen der Liebe zweier Amants und der Liebe zwischen Bruder und Schwester eingependelt hatte, eine äusserst charmante Empfindung, die in der Skala menschlicher Innigkeit noch nicht einzuordnen war.“

Alexandre Dumas hat uns mit diesem wundervollen, aber auch klugen und geistreichen „Lebensbericht“ ein ganz besonderes literarisches Bijou geschenkt. Wir freuen uns sehr, dass diese Übersetzungslücke im Werk von Alexandre Dumas nun so erfolgreich geschlossen werden konnte. Ob als reine Liebesgeschichte, diplomatisch verpackte Reisereportage oder autobiographische Anekdote, dieses „Liebesabenteuer“ ist nicht nur für Dumas Verehrer ein äusserst intelligent unterhaltsamer Lesegenuss und deshalb besonders empfehlenswert!

Durchgelesen – „Die Gierigen“ v. Karine Tuil

Falsche Identität, besessene Liebe, soziale Macht, kompromissloser Erfolg, exzessive Leidenschaft und krankhafter Ehrgeiz bilden neben vielen anderen Themen das Zentrum in diesem herausragenden und äusserst imposanten Gesellschaftsroman von Karine Tuil, der durch seinen Originaltitel „L’invention de nos vies“ (frei übersetzt „Die Erfindung unserer Leben“) den Blick auf die Lebens-Findung bzw. Erfindung noch mehr lenkt, als der deutsche Titel im ersten Moment zu erahnen vermag.

Karine Tuil wurde 1972 geboren und hat Jura studiert und sich auf Medienrecht spezialisiert. Parallel nicht nur neben ihrer Doktorarbeit ist sie als sehr erfolgreiche Schriftstellerin tätig. Inzwischen hat sie neun Romane veröffentlicht. Ihr erster Roman „Pour le pire“ erschien 2000, danach folgten neben Romanen auch ein Theaterstück und verschiedene Kurzgeschichten und Erzählungen. Die ersten Romane zeichneten sich durch ihren komödiantischen Ansatz aus, doch ab 2007 werden die Themen mit ihrem Roman „Douce France“ ernster. Aktuell dürfen wir nun den neunten Roman von Karine Tuil erstmals in deutscher Sprache – dank der fantastischen Übersetzung von Maja Ueberle-Pfaff – mit dem Titel „Die Gierigen“ entdecken. Dieser Roman erschien in Frankreich bereits im Herbst 2013 und stand auf der Auswahlliste für den begehrtesten französischen Literaturpreis – „Prix Goncourt“.

Der Roman spielt teilweise in Paris, hauptsächlich in New York, und ist bei erster Betrachtung wie eine Dreiecksgeschichte aufgebaut, entwickelt sich aber über kurz oder lang zu einem gewaltigen und meisterhaft konstruierten Gesellschaftsroman, der keine sozialen Aspekte auslässt, unterschlägt oder vertuscht. Es gibt drei Personen, die jede für sich allein eine wichtige Rolle in diesem Buch spielen, doch letztendlich ist der eigentliche Hauptprotagonist Samir Tahar. Aufgewachsen in einem Vorort von Paris, Eltern Tunesier, Mutter Schneiderin, Vater Arbeiter (starb nach einer Verhaftung bei einer Vernehmung). Seine Mutter schlägt sich durch und arbeitet bei reichen Leuten im Haushalt, lässt sich auch von einem der reichen Hausherren verführen, wird dabei auch noch schwanger, treibt das Kind jedoch nicht ab und somit bekommt Samir einen Halbbruder.

Samir will raus aus diesem Milieu, strotzt vor fast schon nicht zu bändigendem Ehrgeiz und geht an die Pariser Universität, um Jura zu studieren. Und da trifft er auf Samuel und Nina. Sie sind ein Paar und die zwei weiteren Hauptpersonen dieser unglaublich vielschichtigen Story. Samuel ist der Sohn intellektueller ultra-orthodoxer Juden und träumt von einer Schriftstellerkarriere, die bis jetzt nicht die geringsten Anzeichen erkennen lässt. Nina ist eine unglaublich schöne junge Frau, die sich jedoch für wenig interessieren und engagieren kann und mehr von Tag zu Tag lebt.

Die Freundschaft der Dreien endete nach langem hin und her aufgrund der Affäre zwischen Nina und Samir. Für Samir gab es dann nur ein Ziel, seine Karriere so schnell und gut wie möglich voranzutreiben. Nach erfolgreichen Studienabschlüssen verlässt er Frankreich. Heute ist Samir ein gefeierter Staranwalt in New York, kauft nur noch massgeschneiderte Anzüge, verkehrt in Edelrestaurants und ist mir Ruth Berg – die Mutter seiner zwei Kinder – , einer attraktiven, hoch intelligenten Frau verheiratet, die aus einer der reichsten und einflussstärksten jüdischen Familien Amerikas stammt und die Tochter von Rahm Berg ist. Samir ist durch diese eheliche Verbindung natürlich auch Teil der amerikanischen Elite. Er hätte es nie soweit nach oben geschafft, wenn er nicht bereits vor dem beruflichen Start in den USA seinen Namen den Umständen entsprechend anpasste und sich ab diesem Zeitpunkt Sam Tahar nannte. Er versuchte mit diesem einfachen aber doch sehr wirksamen Schachzug endlich den rassistischen und somit auch karrierefeindlichen Problemen auszuweichen. Den Araber Samir gab es dadurch nicht mehr, sondern nur noch den Juden Sam, denn jeder dachte, das dies die Abkürzung für Samuel war.

Nach zwanzig Jahren sehen nun Samuel und Nina per Zufall im Fernsehen auf dem Sender CNN einen Bericht über Sam Tahar. Und ganz schnell wird Samuel bewusst, dass Samir durch eine geklaute Identität mehr als Erfolg in seinem Leben hat, vom Geld und Ansehen ganz zu schweigen. Samuel dagegen hatte bis jetzt nicht im Ansatz das erreicht, von dem er immer geträumt hatte. Nina und er beschliessen, dass sie diesem Täuschungsmanöver von Samir unbedingt auf die Spur gehen sollten, ja sich sogar rächen wollten und nehmen mit Samir Kontakt auf. Samuel verfolgt gleichzeitig noch einen für ihn zusätzlich sehr wichtigen Test, um endlich herauszufinden, ob seine Freundin Samir immer noch liebt. Es dauert nicht lange und Samir fliegt nach Paris, um Nina und damit auch Samuel zu treffen und spätestens da wird Samir mit seiner erfundenen Identität konfrontiert. Samuel versucht Klartext zu sprechen:

„Du musst mir nichts erklären. Du hast Teile meiner Vergangenheit geklaut und dir daraus eine Biographie zusammengebastelt! Du hast meine Lebensgeschichte geplündert, um deine auszuschmücken. Das ist pervers! Wie konntest du so was nur tun?“

Ab diesem Treffpunkt wird nicht nur das Leben, die Gefühle und die Erwartungen von Samuel und Nina komplett auf den Kopf gestellt, sondern vor allem die Daseinsberechtigung von Samirs Identität einer extremen existentiellen Prüfung unterzogen. Samir hat nämlich nicht nur seinen ehemaligen Freund hinters Licht geführt, sondern er hat alle angelogen, seine Frau, seine Kinder, seinen Schwiegervater und seinen früheren Mentor in Paris. Alle Menschen, mit denen er bis jetzt konfrontiert war, halten ihn für einen beruflich extrem erfolgreichen jüdischen Anwalt, treuen Ehemann und liebevollen Vater. Samir ist jedoch Araber, gibt sich überall als Jude aus, ist karrierebesessen und sexsüchtig. Er betrügt seit Jahren Ruth mit anderen Frauen. Hat sich sogar ein kleines Appartement in der Nähe seiner New Yorker Kanzlei gemietet, um seine Sucht nach hauptsächlich körperlicher Liebe problemlos – zumindest nach Aussen hin – schnell und unkompliziert ausleben zu können.

Die Geschichte nimmt eine mehr und mehr dramatische Wendung an. Nina trennt sich von Samuel und lässt sich von Samir in die USA einladen, er hält sie quasi als Zweitfrau und dann taucht auch noch sein ungeliebter Halbbruder auf, der seine „Unterstützung“ benötigt. Die Situation kippt vollkommen und die Tragödie setzt sich mit hoch brisanten sozialen und „politischen“ Verwicklungen fort…

„Die Gierigen“ ist ein Buch für Leser, die im wahrsten Sinne des Wortes gierig nach dieser Art von Gesellschaftsroman sind und sollte dies noch nicht der Fall sein, es spätestens nach den ersten Seiten auch sein werden. Diese Story erschüttert und erstaunt, während sich aber gleichzeitig auch irgendwie Mitleid einstellt für diese drei Protagonisten, die Karine Tuil in meisterlicher Weise so pointiert charakterisiert, porträtiert und damit zu echtem Leben erweckt. Die Geschichte ist unendlich komplex, mehr als intensiv und genau deshalb wahnsinnig fesselnd.

Dieses Gesellschaftsdrama bringt Migrationsprobleme zu Tage, wirft Fragen über Benachteiligung auf, geht ausgehend von Lügen hinsichtlich der Rettung und der Befreiung von gesellschaftlichen und persönlichen Zwängen über in die Angst der Offenlegung und der Ehrlichkeit sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber. Dieses Buch zeichnet sich durch eine extrem starke Wirksamkeit und Klugheit aus, die nicht im Geringsten verwundern lassen, dass dieses Werk auf der Auswahlliste für den französischen Literaturpreis „Prix Goncourt“ platziert war.

Karine Tuil ist eine begnadete Schriftstellerin, die mit ihrem unglaublich rasanten Stil den Leser packt. Sie schreibt markant, zackig und unterstreicht dies mit raffiniert eingesetzten Techniken, wie beispielsweise die Aneinanderreihung von Wörtern mit Slash- Zeichen(„/“), statt klassisch das Komma zu verwenden. Folglich wird dadurch die Beschreibung der Situation oder der Person noch klarer und bestechender, was die Sogkraft dieses Romans weiterhin steigert. Trotz dieser unerschütterlichen Direktheit und unübertreffbaren Prägnanz, gelingt es Karine Tuil bravourös dieser irrsinnigen Geschichte eine unglaublich betörende Eleganz und äusserst kraftvolle Sensibilität zu verleihen.

„Die Gierigen“, ist ein unvergängliches und vor allem unvergessliches Werk: spannend wie ein Thriller, aufklärend wie eine Gesellschaftsreportage und leidenschaftlich wie eine Liebesgeschichte. Ein Roman, der einen aufwühlt, berührt und verführt und dadurch sicher zu einem der besten Bücher dieses Literaturherbstes in Deutschland avanciert. Mehr als empfehlenswert!!

Durchgelesen – „Das Glück, wie es hätte sein können“ v. Véronique Olmi

Wissen wir wirklich, wie sich Glück anfühlt? Vielleicht sehen wir unser Glück gar nicht, oder können es nicht sehen, weil wir in unserem Innersten so eingesperrt sind und gar nicht fähig sind, Glücksgefühle überhaupt zu verspüren. Doch grundsätzlich sollten wir Glück erfahren können und dürfen, obwohl das Leben natürlich auch aus Problemen, Verletzungen und Enttäuschungen, aber vor allem auch aus Überdruss und Routine besteht. Véronique Olmi hat mit ihrem neuen Roman unter dem Originaltitel „Nous étions faits pour être heureux“, was auf Deutsch bedeuten würde – „Wir wären gemacht, um glücklich zu sein“ – dem Thema Glück doch klar eine wichtige Position zugebilligt. Doch leider sieht die fiktive Realität in vielen Fällen anders aus, wie dieser wunderbare Roman hier zeigt.

Véronique Olmi, geboren 1962 in Nizza, gehört zu den wichtigsten und bekanntesten Schriftstellerinnen und Dramatikerinnen Frankreichs. Sie wurde mit zahlreichen Preisen wie zum Beispiel dem Prix Alain-Fournier für ihren ersten Roman „Bord de Mer“ („Meeresrand“) 2002 geehrt. Ihre Theaterstücke werden nicht nur in Frankreich, sondern auch sehr erfolgreich im Ausland gespielt. „Das Glück, wie es hätte sein können“ ist der zehnte Roman von Véronique Olmi der bereits 2012 in Frankreich erschienen ist und nun aktuell – dank der Übersetzung von Claudia Steinitz – den deutschsprachigen Lesern vorgestellt wird.

Der Roman spielt in Paris. Véronique Olmi erzählt aus verschiedenen Perspektiven und schenkt ihr „Ich“ nur einer der Hauptpersonen in diesem Roman, nämlich Suzanne, eine Frau um die 40, nicht sehr attraktiv, eher bodenständig, anpackend und dafür in sich ruhend. Sie arbeitet als selbständige Klavierstimmerin und ist mit Antoine, einem perfekten und sanften Mann, verheiratet.

Suzanne hat einen neuen Auftrag. Sie soll ein Klavier in einem Appartement am Montmartre stimmen. Dort trifft sie auf Lucie, die Hausherrin, eine junge, sehr attraktive Frau, Anfang 30, Mutter von zwei entzückenden Kindern. Sie lebt hier nicht allein, sondern mit ihrem Mann Serge, erfolgreicher Immobilienmakler, 60 Jahre alt. Serge bemerkt Suzanne anfänglich nicht, obwohl sie sich ganz flüchtig am Eingang begegnen, geht zur Arbeit und Lucie widmet sich dem Klavier und der Klavierstimmerin. Erst einige Tage später sehen sich Serge und Suzanne per Zufall in der gleichen Bar am Abend wieder. Serge in Begleitung von Lucie entdeckt Suzanne ganz allein auf der Tanzfläche:

„Das ist es, was Serge packt und schockiert, als er Suzanne zum ersten Mal sieht: wie sehr sie lebt, ohne Angst zu haben. Ihre Hüften sind zu breit, denkt er. Und auch: Sie ist schön. Ohne Rechtfertigung. Ohne Gesetz. Das ist unverständlich und ungerecht…Sie tanzt und kümmert sich nicht darum, ob das vielleicht stören könnte, diese Gestalt ohne Jugend und dennoch diese Kraft, die sie durchströmt, aber sie ist so gewöhnlich, beinahe vulgär. Es ist doch vulgär, oder, sich so zu zeigen, wie man ist?“

Und genau das ist es, was Serge nicht kann, sich so zu zeigen, wie man bzw. er ist. Serge lebt in einer scheinbar perfekten Welt, mit einer dreissig Jahre jüngeren Frau, und wundert sich immer mehr, wie er wohl mit seiner Launenhaftigkeit und den regelmässigen Migräneattacken auf Lucie wirkt. Aber sie liebt ihn, „ obwohl sie doch ganz offensichtlich ein junges, robustes und kampflustiges Fohlen war.“ Serge liebt den Luxus, dennoch hat er nicht alles, wovon er wirklich träumt bzw. geträumt hat. Und es stört ihn, dass seine Frau immer alles glücklich macht:

„Was kann man jemanden sagen, der jeden Tag, der kommt wie eine unerwartete Überraschung empfängt, wenn man selbst sich nur eines wünscht: genau neben seinem eigenen Dasein zu laufen?“

Serge verfolgt Suzanne bei dem nächst besten Wiedersehen, er wartet im Regen vor ihrem Haus, bis sie ihm ohne zu zögern die Tür öffnet. Sie kommen sich näher, sie lieben sich. Er weiss nicht, warum ihn diese Frau so anzieht, obwohl sie gar nicht so schön ist. Auch Suzanne ist irritiert von diesem Mann, der sich nicht öffnet, schweigt, eingesperrt ist in seinen Emotionen und sie trotzdem anzieht. Sie hat Schwierigkeiten diese Stille mit ihm zu ertragen und sie spürt einen Lügenmantel, der Serge umgibt, den er nicht ablegen will. Nicht nur Serge wirkt verloren, auch sie fühlt sich ihm ausgeliefert und dadurch ebenfalls verloren, da sie sich in einen Mann verliebt hat, der ihr nichts anvertrauen kann, gerade weil ihn ein lange gehütetes und dramatisches Kindheitsgeheimnis so sehr belastet.

Kurz vor Weihnachten treffen sie sich ein letztes Mal, erst vor dem Haus seiner Kindheit, bevor sie in eine Wohnung in die Nähe des Gare Saint Lazare gehen. Suzanne hatte sich inzwischen von ihrem Mann Antoine getrennt, was sie Serge nicht anvertraute. Doch Serge kündigte ihr an, etwas Wichtiges erzählen zu müssen. Er berichtete über seine traurige Kindheit, seinen Vater Hubert, Chirurg, der streng, cholerisch und so aggressiv war, dass er Serge Mutter in seinem Beisein regelmässig schlug. Serge erzählte von seiner unendlichen Liebe zu seiner Mutter und deren Liebe zu David und zum Klavierspiel, und ganz besonders zu ihrem Lieblingsstück „Der Liebestraum“ von Franz Liszt. Serge erzählt Suzanne nicht nur ein paar Lebenserinnerungen. Er erläutert bis aufs kleinste Detail seine bitteren Erfahrungen in der Kindheit, die daraus resultierenden tiefen Ängste und die für ihn kaum zu ertragene und mehr als belastende „Mitschuld“ an einem Mord…

Véronique Olmi spielt in diesem Roman wie ein Pianist auf dem Klavier, sie berührt die weissen Tasten der positiven Emotionen, wie Liebe und Geborgenheit, doch genau so stark werden auch die schwarzen Tasten der Melancholie, Lüge und Angst gedrückt. Ihre Sprache ist von unglaublicher Musikalität und Sensibilität, die es trotzdem erlaubt die Probleme beim Namen zu nennen, um der Wahrheit früher oder später wirklich in die Augen schauen zu können. Véronique Olmi geht tief in die menschlichen Abgründe hinein, um das wahre Drama, aber gleichzeitig auch die mögliche Befreiung darin zu entdecken. Sie zeigt gekonnt, wie die Fassade eines bourgeoisen, erfolgreichen und scheinbar glücklichen Lebens schneller bröckeln kann, als einem lieb ist. Und sie macht mehr als deutlich wie wichtig es ist zu erkennen, dass fehlende Liebe in der Kindheit, einem Erwachsenen es wesentlich schwerer macht, selbst Liebe zu schenken. Denn nicht umsonst, hat Serge grosse Schwierigkeiten seine Kinder zu lieben, vor allem sieht er immer wieder die Angstgefühle seines Sohnes in dessen Augen und fühlt sich dadurch mehr als erinnert an seine lähmende Angst vor seinem Vater.

Mit beeindruckender Empathie charakterisiert Véronique Olmi ihre Figuren, die sich trotz ihrer Verschiedenheit, ihrer Konkurrenz und ihrer Liebesfähigkeit bzw. Liebesunfähigkeit durch die Musik, oder sagen wir besser durch das Klavier, als dezent angelegter roter Faden, in einer gewissen Form miteinander verknüpfen lassen. Denn das Klavier war bereits der Dreh- und Angelpunkt in Serges Kindheit, und auch bei seinem Sohn, der nun Klavierspielen lernen soll, taucht dieses Motiv wieder auf. Und das Klavier ist wiederum so mit der Lüge verbunden, dass weder Serge noch Suzanne anfangs den Mut haben, sich gegenseitig zu gestehen, welche sowohl positive als auch negative Bedeutung das Klavier bzw. die Musik hatte und welche unausweichlichen Konsequenzen daraus für ihr jeweiliges Leben entstehen konnten.

Doch sobald die Grenzen des Schweigens zwischen Serge und Suzanne geöffnet werden, zeigt uns Véronique Olmi welche Arten es von Schweigen und Lüge gibt und welche Kraft sich entwickeln kann, wenn die Ketten gesprengt werden und der Mensch sich endlich öffnen und jemanden vertrauen bzw. etwas anvertrauen kann. Véronique Olmi kann sowohl einfühlend und als beobachtend erzählen und schafft es aus einer dramatischen Liebesgeschichte eine vielschichtige Komposition zu kreieren: sie fügt die Motive der Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, aber auch der Lüge und Wahrheit so grandios zusammen, dass daraus ein melancholisch bedrückendes und gleichzeitig optimistisch beglückendes Werk entsteht.

„Das Glück, wie es hätte sein können“ ist mehr als die Geschichte um eine aussergewöhnliche „amour fou“, es ist ein Feuerwerk an Gefühlen, Leidenschaft und Dramatik. Es zeigt den Schein, aber auch die Realität und wir lesen uns von der vermeintlich geplanten Zukunft über die verdrängte Vergangenheit in die reale Gegenwart. Wir werden mit dem glücklosen Jetzt unausweichlich konfrontiert, obwohl wir die Gründe dafür nicht gleich kennen. Aber wir spüren als Leser sofort, wie uns die Vergangenheit blockieren kann und sehnen uns während der Lektüre deshalb umso mehr danach, durch den emotionalen unaufhaltsamen Spannungssog von Véronique Olmi in die Vergangenheit mit all ihrem Leid, ihrer Wut und ihrem Unglück eintauchen zu dürfen, um dadurch erleichtert und befreit wieder aufzutauchen.

Dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubend elegante und betörende sensible Roman ist die perfekte „Einladung“ sich mit der eigenen Vergangenheit und den vielleicht dazugehörigen Lebenslügen zu beschäftigen. Dieses Werk macht Mut und regt unglaublich zum Nachdenken und Nachfühlen an. Und besonders wichtig ist, dass uns Véronique Olmi in ihrem Buch auf so meisterliche Art zeigt, vielleicht so gar lehrt, wie wichtig die Musikalität nicht nur in der Sprache sondern auch im wahren Leben ist, denn Musik bedeutet Glück und Glück ist Musik!

Durchgelesen – „Letzter Akt“ v. Christoph Leuchter

Ein Toter, ein Kommissar, ein kleines Dorf in der Toskana, ein deutscher Professor, ein Pfarrer als Mechaniker und viele offene Fragen in Punkto Verrat und Schuld. All diese Figuren und Themen werden hier meisterhaft von Christoph Leuchter in seinem Erstlingsroman « Letzter Akt » ineinander ver- und gleichzeitig wieder entwoben.

Christoph Leuchter (geb. 1968) hat vor seinem Studium der Germanistik in Bonn und Aachen, auch Klavier und Musikwissenschaft studiert. Seine Magisterarbeit widmete er Max Frisch und 2001 promovierte er über mittelalterlichen Minnesang. Er arbeitete bereits als wissenschaftlicher Assistent am Germanistischen Institut der RWTH Aachen, war als Lektor tätig und lehrt nun seit 2006 Angewandte Text- und Literaturwissenschaft und Kreatives Schreiben an der RWTH Aachen University. Sein nun gerade aktuell veröffentlichter erster Roman « Letzter Akt » wurde durch verschiedene Stipendien unter anderem durch das Literarische Colloquium Berlin unterstützt. Christoph Leuchter lebt als Musiker und Autor mit seiner Familie in der Nähe von Aachen.

Christoph Leuchters Roman spielt in der Toskana, in einem kleinen unbekannten Dorf in der Nähe von Florenz :

« Das Dorf, um das es hier geht, könnte zwanzig bis dreissig Kilometer von Florenz entfernt liegen. In dieser Gegend sind die Hinweisschilder am Strassenrand meist ungenau, und der Name des winzigen Ortes steht ohnehin nirgends. Als hätte man ihn einfach vergessen oder gutwillig von der Landkarte gestrichen. »

Dieser wahrlich vergessene kleine Ort wirkt irgendwie ausgestorben, die Jungen sind weggezogen, nur die Alten sind geblieben. Man könnte dieses Dorf auch als eine Art natürlich gewachsenes « Altersheim » bezeichnen, das von Maddalena, dem schülerlosen Lehrer, dem schwerkranken Apotheker Barelli und seiner glücklicherweise noch sehr attraktiven Frau, dem Pater Guiseppe, der wahrscheinlich in seinem « ersten » Leben Automechaniker war, und dem Tischler und Künstler des Dorfes, Paolo Veronese, bewohnt wird. Ach und dann gibt es noch einen ganz besonderen Langzeitgast, den man keinesfalls vergessen sollte: den deutschen Professor Martin Vonderheid, genannt Di Landa. Inzwischen sechundsiebzig Jahre alt und verheiratet mit Maria, einer dreissig Jahre jüngeren Französin, lebt er nun seit fast zehn Jahren in diesem Dorf. Zuvor unterrichtete Di Landa mittelalterliche Literatur in Paris und gibt jetzt in seinem Ruhestand ab und zu noch Literaturvorlesungen an der Universität von Florenz.

Di Landa und seine schöne Marie wohnen in einem Haus, das am Rande einer riesigen Wiese liegt, auf der sich ein alter Schuppen befindet. Wie oft unternimmt der Professor hier einen Spaziergang, wie auch dieses Mal. Seine Neugierde führt ihn in den Schuppen und dann erblickt er mit Entsetzen einen Toten, der unter der Decke hängt. Irgendwie musste er durch den Schock ohnmächtig geworden sein. Jetzt spürt er nur noch seine Platzwunde und versucht langsam seine Sinne wieder zu sortieren, denn in der Zwischenzeit ist ein junger Kommissar aus Florenz, namens Corelli, im Dorf eingetroffen, der viele Fragen stellt.

Keiner wusste bis jetzt, wer der Tote war. Doch Professor Di Landa erinnert sich wieder : es war sein Freund, ein gewisser Wolf Rosenstein. Corelli ist fasziniert und gleichzeitig abgelenkt von Marie, doch trotzdem beschäftigen ihn zwei Fragen : Warum hängt sich ein ehemaliger Freund des Professors genau in diesem Schuppen auf. Könnte es auch Mord gewesen sein, auch wenn alles auf einen Selbstmord hindeutet?

Es war tatsächlich Suizid ! Corelli – gerade selbst in einer privaten Krise – überbringt die gerichtsmedizinischen Ergebnisse persönlich, obwohl dies nicht im Geringsten von Nöten gewesen wäre. Irgendwie fühlt er sich magisch von diesem Ort, aber auch von Di Landa und dessen attraktiver Frau angezogen. Wegen einer Autopanne quartiert sich Corelli bei Di Landa ein. Die zwei Männer kommen sich – begleitet von gutem Rotwein – bei einem Gespräch näher. Und damit endet der kurze kriminalistische Exkurs und die eigentliche von Professor Di Landa erzählte Geschichte, welche in Berlin der Zwanziger Jahre beginnt, nimmt seinen Lauf :

« „Eines Morgens schob unser Lehrer einen blonden Jungen vor sich her ins Klassenzimmer, postierte ihn vor dem Lehrerpult und erklärte der Klasse : Das sei ihr neuer Mitschüler, Wolf Rosenstein.“ … „Der Neue musste sich zu mir in die Bank setzen, ich wusste es genau, und ich beschloss, dass wir Freunde würden.“ »

Martin Vonderheid und Wolf Rosenstein wurden Freunde, Martin verbrachte viel Zeit im Haus der Familie Rosenstein. Er fühlte sich dort sehr wohl. Es war ein musikalisches und gastfreundschaftliches Haus, Wolfs Mutter spielte am Flügel, sein Vater arbeitete im Aussenministerium und wirkte sehr jugendlich und offen. Martins Vater dagegen trank seit seiner Entlassung aus dem Militär und seine Mutter war bereits tot. Martin und Wolf zeigten sich gegenseitig ihre Fähigkeiten und Begabungen, tauschten ein neues gegen altes Fahrrad und wurden verwöhnt vom Chauffeur der Familie Rosenstein. Doch die politische Lage verschärfte sich, es gab Unruhen in der Stadt. Man hörte von der Festnahme Hitlers in München, doch die Situation veränderte sich glücklicherweise zum Positiven und man fühlte sich wieder etwas beruhigter und befreiter. Es wurden Feste organisiert im Hause Rosenstein, wo Martin zum ersten Mal auch Wolfs zwei Jahre ältere Cousine Lily kennenlernte. Sie verstanden sich alle perfekt miteinander und somit entwickelte sich eine neue und ganz ungewöhnliche Dreier-Freundschaft, die jedoch durch ein sehr « natürliches « Ereignis unterbrochen und nach Jahren in einer ganz neuen und vor allem auch tragischen Weise wieder entdeckt wurde…

Christoph Leuchter hat sich ein wunderbares Umfeld für diese raffiniert konstruierte Geschichte ausgesucht. Ein Dorf umgeben von Wiesen und Olivenhainen, guter Wein, die Nähe zur Kulturstadt Florenz, ein echtes Paradies für ein schönes Leben. Doch kann ein Leben auch dann paradiesisch werden, wenn es mit verdrängter Schuld beladen ist ? Der Hautprotagonist, Professor Di Landa, versucht an diesem Ort seiner Vergangenheit aus dem Weg zu gehen, und wird durch den vollkommen unerwarteten Selbstmord seines Freundes von seinen Erinnerungen wieder eingeholt. Christoph Leuchter gelingt es auf bemerksenwerte Weise durch seine sprachliche Kunst diese Gegensätze zwischen Traumlandschaft und Lebensdramatik so brillant zu verknüpfen, das der Leser im ersten Moment sich trotz der Tragik immer leicht auf einer toskanischen Sommerwiese gebettet fühlt.

« Der letzte Akte » ist kein Kriminalroman im klassischen Sinne. Hier wird nur ganz raffiniert ein junger, unerfahrener und unglücklicher Kriminalkommissar für die perfekte Rolle des « Zuhörers » für eine Lebensbeichte besetzt. Somit wird Corelli, wunderbar ironisch dargestellt, der personifizierte rote Faden in dieser doch sehr dramatischen Erzählung. Er klärt hier im Sinne der Polizeiarbeit nichts mehr auf, sondern teilt nicht nur mit Di Landa, sondern auch mit allen Dorfbewohnern in einer gewissen Weise und für ein bestimmte Zeit ihr gemeinsames Schicksal.

Chrisoph Leuchter schreibt musikalisch, malerisch und trotzdem sehr klar. Er ist emotionaler Künstler und kühler Beobachter in einer Person. Und genau diese zwei Perspektiven spiegeln sich auf ganz besonders kluge Weise in seinem faszinierenden und äusserst fesselnden Erstlingsroman, den man als anspruchsvoller Leser guter Literatur keinesfalls verpassen sollte!

Durchgelesen – „Die Teufelssonate“ v. Alex van Galen

Musik kann Leidenschaft erzeugen, Musik kann aber auch zur Obsession werden, wodurch die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn kaum mehr erkennbar sind. Will man die Macht der Musik begreifen, braucht man nur die einzelnen Biographien berühmter Musiker und Komponisten studieren, und man wird zu den ungewöhnlichsten Erkenntnissen kommen. Als wahrlich einfachere und unterhaltsamere Alternative dazu empfiehlt sich dieser faszinierende und sehr fesselnde Roman « Die Teufelssonate » !

Alex van Galen wurde 1965 geboren. Bereits als Kind hatte er durch einen ungewöhnlichen Zufall auf seinem Schulweg den Konzertpianisten Jan Beekmans aus Brabant gehört. Van Galen wurde durch einen wunderbaren Kontakt sein einziger Privatschüler. Aus dieser Schüler-Lehrer-Beziehung entwickelte sich eine sehr wichtige Freundschaft, die van Galen noch heute in seiner Arbeit als Schriftsteller beeinflusst. Er studierte Literaturwissenschaft an der Universität Utrecht und arbeitete sehr erfolgreich als Drehbuch-schreiber für das Fernsehen. « Die Teufelssonate » ist sein zweiter Roman, der bereits in den Niederlanden in kürzester Zeit zu einem unglaublich grossen Erfolg wurde.

« Die Teufelssonate » spielt in Paris und Amsterdam. Der Hauptprotagonist ist Mikhael Notovich. Er ist nicht nur ein berühmter Pianist, sondern auch ein Frauenverführer und ungebremster Exzentriker, mit dem Hang zu manisch-depressiven Anwandlungen, die ihm nicht nur sein Musikleben kosten, sondern auch andere Menschen in seinem Umfeld verstören und zerstören.

Notovich ist besessen von der Musik, doch trotzdem lernt er immer wieder besondere Frauen kennen. In diesem Fall ist es die junge unbekannte Künstlerin Senna. Sie macht ihn mit ihrer Art einerseits wahnsinnig, andererseits kann er aber ohne sie nicht leben. Sie selbst ist eine sehr schwierige Persönlichkeit, lässt sich treiben, ist mal da, mal dort. Doch Notovich ist ganz verrückt nach ihr und versucht Liebe und Musik unter einen Hut zu bringen. Doch wenn er sich der Musik und hauptsächlich seinem grossen Idol dem Komponisten Franz Liszt hingibt, vergisst er alles um sich herum. Es spielt sich in Trance und verliert jeglichen Bezug zur Wirklichkeit. Und so kommt es dass er sein letztes öffentliches Konzert in einem Pariser Theater musikalisch sehr riskant, aber trotzdem mutig beginnt :

« Notovich fing an zu spielen. Ein Präludium stand auf dem Programm, aber er hielt sich nie an Programme. Er begann mit der fünften Transzendentalen Etüde von Franz Liszt. Diese Etüde ist schwindelerregend schwierig, beinahe unspielbar. Kein normal denkender Mensch würde ein Konzert damit eröffnen. »

Er spielte sich in einen wahren Rausch und bemerkte keine Sekunde, dass seine Hände voller Blut waren. Der Direktor des Theaters unterbrach das Konzert und zwei Polizisten führten Notovich ab. Er wurde verdächtigt, seine grosse Liebe Senna getötet zu haben. Doch Notovich erinnerte sich an gar nichts, er hatte oft Blackouts, auch beim Spielen. Die Polizei konnte ihm nichts konkretes nachweisen, deshalb verlässt er Paris und geht nach Amsterdam. Doch da taucht plötzlich sein Konkurrent Valdin auf. Er lädt Notovich zu einem geheimen Konzert ein und fordert ihn zu einem Pianisten – Duell heraus. Valdin provoziert ihn in Punkto seiner Besessenheit bezüglich der Liszt’schen Kompositionen und versucht ihn vollkommen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Denn Valdin ist der Einzige, der das Geheimnis um den Tod von Senna in allen Details kennt…

Der Thriller nimmt seinen rasanten Lauf. Wir befinden uns in einem Rausch, der verwoben ist mit Liebe, Leidenschaft, Hass, Enttäuschung und sehr viel emotionaler Musik von Chopin, Rachmaninoff und natürlich von Franz Liszt. Und  nach knapp vierhundert Seiten erwacht der Leser aus einem musikalischen Höllen-Traum, der die Musik nicht nur von seiner freundlich hellen, sondern besonders auch von seiner absolut düsteren Seite zeigt.

Alex van Galen ist mit seiner « Teufelssonate » ein atemberaubendes Buch gelungen, das durch die anspruchsvolle Sprache, die subtile Spannung, die einen immer mal wieder an Alfred Hitchcock erinnert, und durch die sehr fundierten Informationen über Pianisten und Komponisten beeindruckt. Gleichzeitig spürt man bei diesem Buch auch die Kunst des Drehbuch-schreibers, der hier am Werk ist. Rückblenden und Gegenwart im ständigen Wechsel, die feine Charakterisierung der Hauptakteure und die ständige Präsenz der Musik, all dies würde sich ganz wunderbar in einen Film verwandeln lassen. Man sieht die zwei Klaviervirtuosen direkt vor den lesenden Augen, «hört» das Spiel und fühlt sich dadurch immer mal wieder an berühmte Pianisten erinnert, wie beispielsweise Sviatoslav Richter – der auch nur im Dunkeln mit einem kleinen Spot für die Klaviertasten spielte – oder Lazar Berman – der Hände wie ein Bär hatte und mehr als eine Oktave greifen konnte – .

Diese Bildhaftigkeit macht diesen Roman zu einem sehr starken literarischen und extrem spannenden Musikerlebnis. Deshalb ist dieser Pianistenthriller eine richtig gute Lektüre für jeden Klaviermusikliebhaber, der mit Chopin, Liszt und Rachmaninoff vertraut ist. Aber auch der vielleicht nicht ganz so klassik-erfahrene Krimileser wird mit «Der Teufelssonate » auf seine Kosten kommen, denn sie ist mehr als packend und mitreißend. Man könnte von einem echten « Pageturner » sprechen, der darüberhinaus dem Leser noch zusätzlich die wunderbare Welt der Klaviermusik eröffnen kann. Denn was gäbe es nach der Lektüre nicht Schöneres als die berühmte und sehr emotionale Sonate h-moll von Liszt neu oder wieder zu entdecken und dieses grossartige Buch mit all seiner Musikalität nochmals nachwirken zu lassen !

Alfred de Musset – Gedicht

Was Poesie ist?

Erinnrung scheuchen, doch ergreifen den Gedanken,
Ihn sanft um goldene Axe brechen ohne Wanken,
Unruhig, ungewiss, zugleich doch unbeweglich;
Verewigen einen Traum von wenigen Minuten,
Aufsuchen zwischen Gut und Schön die Harmonie,
Uns aus dem Herzen sich erhorchen sein Genie;
Hell singen, lachen, weinen, ziellos, leicht erreglich;
Aus bloßem Lächeln, Seufzern, Worten, Blickesgluten
Ein reizend Werk zu schaffen, um aus milden
Herztränen Perlen bilden:
Das ist des Dichters Leidenschaft voll Lust wie Pein,
Sein Leben und sein Wohl, sein Ehrgeiz dies allein!

Durchgelesen – „Die Frau in der hinteren Reihe“ v. Françoise Dorner

Ein wunderbares Buch über die besondere Kunst einer Frau, ihren Mann auf ganz aussergewöhnliche Art und Weise zu verführen.

Nina und ihr Mann besitzen in Paris einen Zeitungskiosk und müssen deshalb täglich sehr früh aufstehen. Um drei vor fünf morgens klingelt der Wecker, damit auch noch in drei Minuten die ehelichen Pflichten absolviert werden können, denn ab fünf Uhr  wartet schon der Zeitungsgrosshändler. Der Alltagstrott begleitet sie seit Jahren und ihre Ehe leider darunter immer mehr. Eine insgesamt unbefriedigende Situation, vor allem  für Nina.

Wo sind die Abenteuer, die die Zeitschriften versprechen, welche Nina täglich verkauft? Sie führt ein glanzloses Leben und das muss sich ändern. Sie lernt einen interessanten Mann kennen, der ihre weiblichen Fähigkeiten ganz neu wiederentdeckt. Und ab diesem Zeitpunkt entschliesst sich Nina, ihren Ehemann zu verführen, den sie immer noch liebt.

Sie macht sich schön, verkleidet sich und trifft im Kino ihren Mann wieder, der sich in eine fremde Frau verliebt, die genau einige Reihen hinter ihm während der Vorstellung sitzt. Jedoch ohne zu wissen oder nur zu erahnen, dass dies seine eigene Frau ist. Und das ist der Beginn einer „fatalen“ Liebesgeschichte….

„Eine Hymne auf die Sinnlichkeit der Frauen“, so schreibt die Zeitschrift Lire. In Frankreich wurde der Roman gleich nach Erscheinen im Jahr 2004 dann auch mit dem Prix Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. Ein amüsantes, aber auch kluges Buch voller Leidenschaft, Träume und Liebe.