Durchgelesen – „Unterwerfung“ v. Michel Houellebecq

Natürlich ist dieser Roman seit geraumer Zeit in aller Munde. Es gibt zahlreiche und vor allem unterschiedlichste Reaktionen in den Medien. Inzwischen ist der Roman nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland zum sogenannten Bestseller aufgestiegen. Doch wie das Wort schon sagt, ist der Bestseller mit Betonung auf „Seller“, das meist verkaufte und nicht unbedingt das meist gelesene Buch. Ob das nun wirklich zutrifft, lässt sich nur mit einem Fragezeichen beantworten. Denn versucht man das neue Werk Houellebecqs vollkommen abstrakt von den letzten Ereignissen in Frankreich als Roman bewusst zu lesen, bedarf es nicht nur einer gewissen intensiven und sehr aufmerksamen Lektüre dieses neuen Werks, sondern auch einer nicht ganz unwichtigen Kenntnis, aber vor allem einem grossen Interesse an französischer Polit-Soziologie und an französischer Literatur im Allgemeinen und im Besonderen der des 19. Jahrhunderts!

Michel Houellebecq, geboren 1956 auf La Réunion, ist ein französischer Schriftsteller, Essayist, Dichter und Romancier. Er gehört seit den 90ziger Jahren in der ganzen Welt zu den am meisten übersetzten Autoren Frankreichs. Er ist aber auch noch Sänger, Schauspieler und Regisseur. 2014 kam sein Film „L’Enlèvement de Michel Houellebecq“ („Die Entführung des Michel Houellebecq“) heraus, der auch auf Arte gezeigt wurde. Zu seinen wichtigsten Romanen zählen die „Ausweitung der Kampfzone“, „Elementarteilchen“, „Plattform“ und „Karte und Gebiet“, für den Houellebecq 2010 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Aktuell ist nun – dank der Übersetzung von Norma Cassau und Bernd Wilczek – sein neuer Roman „Unterwerfung“ fast zeitgleich in Frankreich und Deutschland erschienen.

Der Roman spielt in Frankreich im Jahre 2022. Der Hauptprotagonist und gleichzeitig auch Ich-Erzähler, François, ist 44 Jahre alt. Er lehrt an der Pariser Universität Literatur des 19. Jahrhunderts und hat seine Dissertation über das Thema „Joris-Karl Huysmans oder Das Ende des Tunnels“ verfasst. Somit ist er nicht nur der Huysmans-Spezialist in wissenschaftlicher Hinsicht, nein Huysmans ist auch der Schriftsteller, der François bereits seit seiner Jugend begleitet und er diesen dadurch über die Jahre hinweg als seinen wahren „Gefährten“ bezeichnen kann. Für den doch eher einsam erscheinenden François hatte die Literatur schon immer eine sehr grosse Bedeutung und sie:

„…vermittelt uns das Gefühl von Verbundenheit mit einem anderen menschlichen Geist, mit allem, was diesen Geist ausmacht, mit seinen Schwächen und seiner Grösse, seinen Grenzen, seinen Engstirnigkeiten, seinen fixen Ideen, seinen Überzeugungen; mit allem, was ihn berührt, interessiert, erregt oder abstößt.“

Neben seiner Literatur und den Büchern sind Frauen für François ein nicht ganz unwichtiges Thema. Als Universitätsprofessor sitzt er quasi an der Quelle der Jugend, obwohl er junge Leute eigentlich gar nicht wirklich mag. Myriam, eine Studentin, war aber einfach anders. Seine Ex-Freundin wollte er nun unbedingt wiedertreffen, denn der Sex mit ihr hatte doch irgendwie nachhaltig positive Spuren bei ihm hinterlassen. Doch Myriam entschloss sich – auch durch ihre Eltern forciert – Frankreich in Richtung Israel zu verlassen. Für François war dies überhaupt kein Thema und somit musste er sich früher oder später mit der Trennung von Myriam abfinden.

François leidet schwer durch seine nicht wirklich lebensbedrohlichen Krankheiten, aber vor allem wegen seiner Einsamkeit nicht nur durch die fehlende Liebe zu einer Frau, insbesondere zu Myriam. Nein, auch seine Eltern hat er bereits über Jahre nicht gesehen. Als er erfährt, dass sein Vater stirbt, bevor er jemals nochmal mit ihm sprechen konnte, wird er bereits nachdenklich. Doch spätestens durch die administrative Mitteilung über die Beerdigung seiner Mutter auf der Armen-Parzelle des Friedhofs bekommt das Wort „Erbärmlichkeit“ eine andere Bedeutung. François fährt in den Ort „Rocamadour“ im Südwesten von Frankreich und spürt zum ersten Mal den Verlust seiner spirituellen Gefühle nachdem er in der Kirche vor der „Schwarzen Madonna“ gebetet hatte.

Die politische Situation in Frankreich war bereits vor seiner Reise ziemlich angespannt und François hat die Entwicklungen, obwohl er eigentlich politisch gar nicht so interessiert ist und die Literatur für ihn den weitaus höheren Stellenwert hat, trotzdem genauestens verfolgt. Die Regierung von François Hollande nach einer zweiten Amtszeit ab 2017 ist nun abgewählt und der neue Präsident der Französischen Republik heisst Mohammed Ben Abbes. Er kommt von der berühmten Fakultät ENA und hat über Mandela promoviert. Die Regierung besteht nun aus einer Koalition von Mitte-Rechts-Bündnis und der Muslimbruderschaft. Durch den neuen Präsidenten bekommt nun der Islam eine neue und andere Bedeutung in Frankreich und besonders innerhalb der französischen Gesellschaft, so dass die Universität ab sofort nur noch von einem Dekan geleitet werden kann, der sich zum muslimischen Glauben bekennt. Das gleiche gilt natürlich auch für das Lehrpersonal, die Professoren. Somit stellt sich nun die Frage, ob François seine bereits von der neuen Leitung der Universität Paris vorgeschlagene erstaunlich hohe Pension trotz des noch jugendlichen Rentenalters in Anspruch nehmen wird, oder ob er doch zum Islam konvertiert, um seine Lehrtätigkeit wieder aufnehmen zu können. Doch in wie weit bei dieser Entscheidung sein langjähriger literarischer Weggefährte Joris-Karl Huysmans hilfreich sein kann, lässt sich nicht so einfach auf den Punkt bringen…!

„Unterwerfung“ ist auf ersten Blick sicherlich ein politischer Roman, ein echter Polit-Science-Fiction. Gleichzeitig präsentiert uns Michel Houellebecq aber auch einen durchaus provokant zynischen Entwicklungsroman, der sowohl die französischen Politiker, als auch die französische Gesellschaft durchaus in gewisse Bedrängnis bringen könnte. Doch nicht vergessen sollte man auf jeden Fall, dass dieses Werk auf geradezu taktisch durchdacht angelegte Weise auch eine Art französische Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts ist, allen voran mit Joris-Karl Huysmans. Diesen bemerkenswerten Schriftsteller kennen wir bereits durch sein kleines feines Oeuvre „Monsieur Bougran in Pension“. Der Ich-Erzähler in Houellebecqs neuem Roman „Unterwerfung“ ist genauso wie André Breton begeistert von Huysmans:

„Er ist selbstlos, er lässt dem Leser einen Vorsprung, lädt ihn ein, sich im Voraus über den Autor zu mokieren, über die Exzesse seiner greinenden, grauenhaften oder komischen Beschreibungen.“

Mit dem Blick auf Huysmans öffnet der Roman nicht nur politisch visionäre Türen, er öffnet auch Türen zu einer Literatur, die vielleicht einigen Lesern – vor allem deutschsprachigen – doch im ersten Moment eher unbekannt erscheinen mag. Aber gerade wegen dieser brillant konstruierten Verbindung zwischen Literatur, Politik, Religion und Gesellschaft, wird dieses Buch zu einem anspruchsvollen und intellektuellen Polit-Sozio-Thriller, der sich letztendlich durch die unübersehbare Neutralität des Ich-Erzählers François auszeichnet und dadurch eine ganz eigene Form der „Verantwortlichkeit“ des Schriftstellers gegenüber dem Leser vermittelt.

„Unterwerfung“ ist ein spannender und literarisch ambitionierter Roman, der einen ausgeprägten Wissensdrang in vielerlei Hinsicht provoziert und für ausreichend Gesprächsstoff sorgt. Es ist aber auch ein Buch, das gleichzeitig fordert, empört, irritiert und amüsiert und somit sicherlich einen bleibenden Stellenwert in der Literatur des 21. Jahrhunderts erlangen wird!

Durchgelesen – „Monsieur Bougran in Pension“ v. J.-K. Huysmans

Joris-Karl Huysmans wurde am 5. Februar 1848 in Paris geboren. Er war der Sohn eines holländischen Lithographen. Er verbrachte seine Schulzeit in einem Internat bis zu seinem Abitur. 1866 nahm er nach seiner schulischen Ausbildung einen Posten als mittlerer Angestellter im französischen Innenministerium an. Doch neben dieser Tätigkeit widmete sich Huysmans auch der Schriftstellerei. Er schrieb Kunstkritiken und nahm als Romancier am literarischen Leben teil. Er lernte Emile Zola kennen, der ihn in gewisser Weise bezüglich seines ersten Romans „Marthe, histoire d’une fille“ (Marthe. Geschichte einer Dirne“), den er 1876 veröffent-lichte, sehr beeinflusste. Richtig berühmt – auch über die französischen Grenzen hinaus – wurde er 1884 mit seinem Roman „A rebours“ („Gegen den Strich“), der die Geschichte eines dekadenten Antihelden beschreibt. 1888 beauftragte der britischen Anwalt, Kunst- und Literaturliebhaber Harry Quilter Joris-Karl Huysmans, eine kleine Geschichte für dessen Zeitschrift zu schreiben, und somit entstand die Erzählung „La Retraite de Monsieur Bougran“, die jedoch nicht den Ansprüchen von Quilter entsprach und somit nicht abgedruckt wurde. Erst 1964, fast 60 Jahre nach seinem Tod wurde diese beeindruckende Erzählung veröffentlicht. Und jetzt nach nach fast 50 Jahren dürfen wir dieses kleine erzählerische Meisterwerk – das zu Recht als Huysmans bestes Oeuvre bezeichnet wird – dank der grandiosen Übersetzung von Gernot Krämer zum ersten Mal in deutscher Sprache lesen.

Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Paris. Der Hauptprotagonist ist Monsieur Bougran, ein pflichtbewusster französischer Staatsbeamter, der – heute würde man sagen – unfreiwillig in den Vorruhestand geschickt wird. Sein Chef Monsieur Devin versucht ihm das schonend beizubringen, obwohl er sich extra für ihn eingesetzt hatte:

„Sie werden nächsten Monat wegen Gebrechen, die eine Folge Ihrer Amtsausübung sind, in den Ruhestand versetzt.“

Das war er nun, der Satz, der Monsieur Bougran nicht nur verstörte und erschütterte, sondern sein Leben komplett auf den Kopf stellte. Was ihn besonders beängstigte, war nicht die finanzielle Situation, auch wenn die Rente gerade so für ihn als Junggesellen reichte. Nein, es war eher die Frage, wie würde er die Zeit verbringen so ganz ohne Arbeit, ohne feste Anwesen-heitszeiten, ohne die Gewohnheiten und die Kollegen, obwohl die Gespräche immer die gleichen waren. Er war irgendwie zufrieden in diesem „Einerlei“ und in dieser „Gleich-förmigkeit“. Doch jetzt musste er plötzlich im Alter von 50 Jahren sein Leben komplett neu organisieren.

Monsieur Bougran versucht sich zu arrangieren, geht viel spazieren im Jardin du Luxembourg. Er stellt fest, dass „der Park ein Pflanzenfolterkeller“ ist, da die Bäume nicht so wachsen dürfen, wie es die Natur erlaubt. Aber nicht nur diese Erkenntnis, sondern vor allem diese unerklärbare Leere in seinem Leben beschäftigten ihn, so dass er nachts nicht mehr schlafen konnte und kaum Hunger verspürte. Ja man könnte schon fast von einer Depression sprechen, in die Monsieur Bougran gefallen war. Doch diese scheint bald überwunden zu sein, als er versucht seinen Plan zu verwirklichen, ein eigenes Büro in seiner Wohnung einzurichten, getreu dem Büro im Ministerium. Und als er dann noch im Jardin des Plantes ganz zufällig seinen alten Laufburschen Huriot trifft und engagiert, sollte man meinen, dass es eigentlich kein Hindernis mehr geben dürfte, die neue „Büro-Organisation“ in die Tat umzusetzen…

Joris-Karl Huysmans hat mit Monsieur Bougran einen wunderbaren Helden in einer mehr als zeitlosen Tragik-Komödie geschaffen, mit dem der Leser sofort mitfühlen, ja fast schon mitleiden kann, ohne dabei ein Schmunzeln auf den Lippen unterdrücken zu müssen. Man spürt die eigenen Ministeriumserfahrungen von Huysmans und erkennt die versteckte Botschaft, dass der Ruhestand, nicht unbedingt ein „ruhiger“ Zustand sein kann, bzw. sein darf, sondern sich eher in eine Angst verwandelt, nach dem Arbeitsende in ein unausgefülltes Leben zu fallen.

Joris-Karl Huysmans beobachtet messerscharf die Arbeitsatmosphäre, die Arbeitsstätte und die dazugehörige Büroeinrichtung. Er stellt die sichere Arbeit als Seelenrettung dar und macht sich dezent lustig über den unermüdlichen Ehrgeiz und das verkrampfte Festhalten am immer Gleichbleibenden. Doch die Angst vor Veränderung drängt sich subtil durch diese Unermüdlichkeit. Mit dieser Erzählung von gerade mal 20 Seiten ist Huysmans eine äusserst brillante Miniatur-Sozialstudie gelungen, die selbst nach 125 Jahren nicht im Geringsten an Aktualität verloren hat. Deshalb dürfen wir uns mehr als freuen, dass dieses kleine Meisterwerk endlich dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt wird.

„Monsieur Bougran in Pension“ ist ein ganz besonderes Stück Literatur, ein echter Prosa-Leckerbissen, den Sie verehrter Leser sich auf keinen Fall entgehen lassen sollten. Diese Erzählung bietet viele neue „alte“ Lebenserkenntnisse, durch Witz und Ironie raffiniert komponiert und elegant erzählt. Trotz der Kürze entwickelt diese subtile psychologische „Arbeitsstudie“ eine nachwirkende Spannung, die fesselt und zum intensiven Nachdenken über das Thema „Pension“ und „Leben nach der Arbeit“ einlädt…