Durchgelesen – „Die Gierigen“ v. Karine Tuil

Falsche Identität, besessene Liebe, soziale Macht, kompromissloser Erfolg, exzessive Leidenschaft und krankhafter Ehrgeiz bilden neben vielen anderen Themen das Zentrum in diesem herausragenden und äusserst imposanten Gesellschaftsroman von Karine Tuil, der durch seinen Originaltitel „L’invention de nos vies“ (frei übersetzt „Die Erfindung unserer Leben“) den Blick auf die Lebens-Findung bzw. Erfindung noch mehr lenkt, als der deutsche Titel im ersten Moment zu erahnen vermag.

Karine Tuil wurde 1972 geboren und hat Jura studiert und sich auf Medienrecht spezialisiert. Parallel nicht nur neben ihrer Doktorarbeit ist sie als sehr erfolgreiche Schriftstellerin tätig. Inzwischen hat sie neun Romane veröffentlicht. Ihr erster Roman „Pour le pire“ erschien 2000, danach folgten neben Romanen auch ein Theaterstück und verschiedene Kurzgeschichten und Erzählungen. Die ersten Romane zeichneten sich durch ihren komödiantischen Ansatz aus, doch ab 2007 werden die Themen mit ihrem Roman „Douce France“ ernster. Aktuell dürfen wir nun den neunten Roman von Karine Tuil erstmals in deutscher Sprache – dank der fantastischen Übersetzung von Maja Ueberle-Pfaff – mit dem Titel „Die Gierigen“ entdecken. Dieser Roman erschien in Frankreich bereits im Herbst 2013 und stand auf der Auswahlliste für den begehrtesten französischen Literaturpreis – „Prix Goncourt“.

Der Roman spielt teilweise in Paris, hauptsächlich in New York, und ist bei erster Betrachtung wie eine Dreiecksgeschichte aufgebaut, entwickelt sich aber über kurz oder lang zu einem gewaltigen und meisterhaft konstruierten Gesellschaftsroman, der keine sozialen Aspekte auslässt, unterschlägt oder vertuscht. Es gibt drei Personen, die jede für sich allein eine wichtige Rolle in diesem Buch spielen, doch letztendlich ist der eigentliche Hauptprotagonist Samir Tahar. Aufgewachsen in einem Vorort von Paris, Eltern Tunesier, Mutter Schneiderin, Vater Arbeiter (starb nach einer Verhaftung bei einer Vernehmung). Seine Mutter schlägt sich durch und arbeitet bei reichen Leuten im Haushalt, lässt sich auch von einem der reichen Hausherren verführen, wird dabei auch noch schwanger, treibt das Kind jedoch nicht ab und somit bekommt Samir einen Halbbruder.

Samir will raus aus diesem Milieu, strotzt vor fast schon nicht zu bändigendem Ehrgeiz und geht an die Pariser Universität, um Jura zu studieren. Und da trifft er auf Samuel und Nina. Sie sind ein Paar und die zwei weiteren Hauptpersonen dieser unglaublich vielschichtigen Story. Samuel ist der Sohn intellektueller ultra-orthodoxer Juden und träumt von einer Schriftstellerkarriere, die bis jetzt nicht die geringsten Anzeichen erkennen lässt. Nina ist eine unglaublich schöne junge Frau, die sich jedoch für wenig interessieren und engagieren kann und mehr von Tag zu Tag lebt.

Die Freundschaft der Dreien endete nach langem hin und her aufgrund der Affäre zwischen Nina und Samir. Für Samir gab es dann nur ein Ziel, seine Karriere so schnell und gut wie möglich voranzutreiben. Nach erfolgreichen Studienabschlüssen verlässt er Frankreich. Heute ist Samir ein gefeierter Staranwalt in New York, kauft nur noch massgeschneiderte Anzüge, verkehrt in Edelrestaurants und ist mir Ruth Berg – die Mutter seiner zwei Kinder – , einer attraktiven, hoch intelligenten Frau verheiratet, die aus einer der reichsten und einflussstärksten jüdischen Familien Amerikas stammt und die Tochter von Rahm Berg ist. Samir ist durch diese eheliche Verbindung natürlich auch Teil der amerikanischen Elite. Er hätte es nie soweit nach oben geschafft, wenn er nicht bereits vor dem beruflichen Start in den USA seinen Namen den Umständen entsprechend anpasste und sich ab diesem Zeitpunkt Sam Tahar nannte. Er versuchte mit diesem einfachen aber doch sehr wirksamen Schachzug endlich den rassistischen und somit auch karrierefeindlichen Problemen auszuweichen. Den Araber Samir gab es dadurch nicht mehr, sondern nur noch den Juden Sam, denn jeder dachte, das dies die Abkürzung für Samuel war.

Nach zwanzig Jahren sehen nun Samuel und Nina per Zufall im Fernsehen auf dem Sender CNN einen Bericht über Sam Tahar. Und ganz schnell wird Samuel bewusst, dass Samir durch eine geklaute Identität mehr als Erfolg in seinem Leben hat, vom Geld und Ansehen ganz zu schweigen. Samuel dagegen hatte bis jetzt nicht im Ansatz das erreicht, von dem er immer geträumt hatte. Nina und er beschliessen, dass sie diesem Täuschungsmanöver von Samir unbedingt auf die Spur gehen sollten, ja sich sogar rächen wollten und nehmen mit Samir Kontakt auf. Samuel verfolgt gleichzeitig noch einen für ihn zusätzlich sehr wichtigen Test, um endlich herauszufinden, ob seine Freundin Samir immer noch liebt. Es dauert nicht lange und Samir fliegt nach Paris, um Nina und damit auch Samuel zu treffen und spätestens da wird Samir mit seiner erfundenen Identität konfrontiert. Samuel versucht Klartext zu sprechen:

„Du musst mir nichts erklären. Du hast Teile meiner Vergangenheit geklaut und dir daraus eine Biographie zusammengebastelt! Du hast meine Lebensgeschichte geplündert, um deine auszuschmücken. Das ist pervers! Wie konntest du so was nur tun?“

Ab diesem Treffpunkt wird nicht nur das Leben, die Gefühle und die Erwartungen von Samuel und Nina komplett auf den Kopf gestellt, sondern vor allem die Daseinsberechtigung von Samirs Identität einer extremen existentiellen Prüfung unterzogen. Samir hat nämlich nicht nur seinen ehemaligen Freund hinters Licht geführt, sondern er hat alle angelogen, seine Frau, seine Kinder, seinen Schwiegervater und seinen früheren Mentor in Paris. Alle Menschen, mit denen er bis jetzt konfrontiert war, halten ihn für einen beruflich extrem erfolgreichen jüdischen Anwalt, treuen Ehemann und liebevollen Vater. Samir ist jedoch Araber, gibt sich überall als Jude aus, ist karrierebesessen und sexsüchtig. Er betrügt seit Jahren Ruth mit anderen Frauen. Hat sich sogar ein kleines Appartement in der Nähe seiner New Yorker Kanzlei gemietet, um seine Sucht nach hauptsächlich körperlicher Liebe problemlos – zumindest nach Aussen hin – schnell und unkompliziert ausleben zu können.

Die Geschichte nimmt eine mehr und mehr dramatische Wendung an. Nina trennt sich von Samuel und lässt sich von Samir in die USA einladen, er hält sie quasi als Zweitfrau und dann taucht auch noch sein ungeliebter Halbbruder auf, der seine „Unterstützung“ benötigt. Die Situation kippt vollkommen und die Tragödie setzt sich mit hoch brisanten sozialen und „politischen“ Verwicklungen fort…

„Die Gierigen“ ist ein Buch für Leser, die im wahrsten Sinne des Wortes gierig nach dieser Art von Gesellschaftsroman sind und sollte dies noch nicht der Fall sein, es spätestens nach den ersten Seiten auch sein werden. Diese Story erschüttert und erstaunt, während sich aber gleichzeitig auch irgendwie Mitleid einstellt für diese drei Protagonisten, die Karine Tuil in meisterlicher Weise so pointiert charakterisiert, porträtiert und damit zu echtem Leben erweckt. Die Geschichte ist unendlich komplex, mehr als intensiv und genau deshalb wahnsinnig fesselnd.

Dieses Gesellschaftsdrama bringt Migrationsprobleme zu Tage, wirft Fragen über Benachteiligung auf, geht ausgehend von Lügen hinsichtlich der Rettung und der Befreiung von gesellschaftlichen und persönlichen Zwängen über in die Angst der Offenlegung und der Ehrlichkeit sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber. Dieses Buch zeichnet sich durch eine extrem starke Wirksamkeit und Klugheit aus, die nicht im Geringsten verwundern lassen, dass dieses Werk auf der Auswahlliste für den französischen Literaturpreis „Prix Goncourt“ platziert war.

Karine Tuil ist eine begnadete Schriftstellerin, die mit ihrem unglaublich rasanten Stil den Leser packt. Sie schreibt markant, zackig und unterstreicht dies mit raffiniert eingesetzten Techniken, wie beispielsweise die Aneinanderreihung von Wörtern mit Slash- Zeichen(„/“), statt klassisch das Komma zu verwenden. Folglich wird dadurch die Beschreibung der Situation oder der Person noch klarer und bestechender, was die Sogkraft dieses Romans weiterhin steigert. Trotz dieser unerschütterlichen Direktheit und unübertreffbaren Prägnanz, gelingt es Karine Tuil bravourös dieser irrsinnigen Geschichte eine unglaublich betörende Eleganz und äusserst kraftvolle Sensibilität zu verleihen.

„Die Gierigen“, ist ein unvergängliches und vor allem unvergessliches Werk: spannend wie ein Thriller, aufklärend wie eine Gesellschaftsreportage und leidenschaftlich wie eine Liebesgeschichte. Ein Roman, der einen aufwühlt, berührt und verführt und dadurch sicher zu einem der besten Bücher dieses Literaturherbstes in Deutschland avanciert. Mehr als empfehlenswert!!

Durchgelesen – „Das Rote Zimmer“ v. August Strindberg

Für Franz Kafka war er « der ungeheure Strindberg ». Für den Literaturliebhaber war bzw. ist August Strindberg nicht nur der bekannteste schwedische Schriftsteller, sondern auch ein grandioser Dramatiker und vor allem ein konsequenter Satiriker.

August Strindberg wurde am 22. Januar 1849 in Stockholm geboren und starb auch in dieser Stadt am 14. Mai 1912, also genau vor 100 Jahren ! Dieses « Jubiläum » könnte bzw. sollte ein idealer Anlass sein, einen der wichtigsten schwedischen Schriftsteller neu bzw. wieder zu entdecken.

August Strindberg wuchs mit seinen sieben Geschwistern in einer mittelständischen Familie auf. Sein Vater war Dampfschiffkommissionär und seine Mutter die ehemalige und vierzehn Jahre jüngere Hausangestellte. Durch den Beruf des Vaters musste er innerhalb der ersten 20 Jahre mehr als zehnmal umziehen. Obwohl die Familie sehr viel Wert auf Kunst und Bildung legte und Hausmusikabende zum allgemeinen Familienleben gehörten, spielte August Strindberg als einziger der Kinder kein Instrument. Er interessierte sich eher für die Naturwissenschaften. Auf dem privaten Gymnasium, das er in Stockholm besuchte, begeisterte er sich vor allem für die Fächer Naturkunde und Französisch. 1867 legte A. Strindberg sein Abitur ab und begann sein Studium « Ästhetik und lebende Sprachen » in Uppsala. Dazwischen kam noch ein kurzer Nebenschauplatz wie das Medizinstudium und der Versuch, Schauspieler zu werden, hinzu. Doch letztendlich wollte er sich für sein erstes Studium entscheiden, musste dieses jedoch nach zwei Jahren aus finanziellen Gründen wieder aufgeben. Während dieser Studienzeit begann er zum ersten Mal mit dem Schreiben. Er bekam für ein Jahr eine Stelle als Redakteur bei einer schwedischen Zeitung in Stockholm. Danach wurde er Sekretär bei der Königlichen Bibliothek. Im Jahre 1879 gelang ihm dann der literarische Durchbruch mit seinem satirischen Gesellschaftsroman « Das Rote Zimmer ».

Unabhängig von seinem sehr bewegten Privatleben (drei Ehen) und seinem beruflichen Erfolg, war er eine sehr gespaltene und suchende Persönlichkeit. Er wurde oft von Wahnvorstellungen, Realitätsverlust und Depressionen geplagt. Doch genau diese psychischen Probleme bzw. Veranlagungen werden oft als die Basis in seinem teilweise sehr biographischen Werk betrachtet. August Strindberg gehört nicht nur zu den berühmtesten schwedischen Autoren, sondern auch zu den produktivsten. Er verfasste insgesamt mehr als 60 Dramen, zehn Romane, zehn Novellensammlungen und hinterließ ungefähr 8000 Briefe.

« Das Rote Zimmer » spielt in Stockholm ungefähr um 1870. Der Hauptprotagonist ist der äusserst gutgläubige und junge Mann Arvid Falk. Auf der Suche nach Freiheit und Wahrheit entscheidet sich Falk dafür, seine Beamtenlaufbahn aufzugeben und « Literat » zu werden. Doch sein schwierigster « Gegner » im Bezug auf seine berufliche Neuausrichtung ist sein älterer und sehr dominierender Bruder Carl Nikolaus Falk, der als Kaufmann grosse Erfolge hat und sein Leben nach einer absolut konservativen Gesellschaftsordnung orientiert, welche er auch sehr klar seiner Frau zu vermitteln versucht :

« Es ist gut, mein Schatz, dass du schlechte Gesellschaft meidest. Nichts ist für den Menschen so gefährlich wie schlechte Gesellschaft. Das sagte weiland schon mein Vater und heute ist dies eines meiner striktesten Prinzipien. »

Arvid wird um das Erbe seines Vaters durch seinen älteren Bruder betrogen, deshalb muss er sich dringend eine bezahlte und vielleicht sogar weniger literarische Aufgabe suchen. Es gestaltet sich als sehr schwierig für Falk, seinen Lebensunterhalt schreibender Weise zu verdienen. Glücklicherweise trifft er auf den Verleger Smith, der ihm auch gleich einen Auftrag erteilt. Falk darf für ihn eine Art Werbeprospekt erstellen, das zur Förderung des Absatzes von Überseetransportversicherungen eingesetzt werden soll. Doch seine ideologischen Grundsätze verbieten ihm diesen Job und somit gibt er diesen Auftrag an den Philosophen Ygberg weiter, der sich dadurch vom Hungertod retten kann.

Doch nicht nur den Philosophen Ygberg, sondern auch einen Landschaftsmaler, der nach erfolglosen Jahren endlich die künstlerische Anerkennung erfährt, die er auch verdient hat, lernt Falk kennen. Er trifft dazu noch einen Bildhauer, der sich von seiner Handwerkskunst abwendet und nur noch auf die Philosophie stürzt, welche ihn jedoch in den Selbstmord führt. Und dann gibt es noch einen Journalisten namens Struve, der für Falk zu einem wirklichen Freund wird und den Arzt Doktor Borg, der sich um Falk’s angeschlagene Psyche kümmert. Man trifft sich regelmässig in einem sogennanten Künstlerkreis im « Roten Zimmer » eines richtigen Bohémien-Gasthauses, diskutiert über die Gesellschaft und das Leben und beobachtet dabei die noch ärmeren Künstler. Doch kann Arvid Falk langfristig dieses Künstler- bzw. Literatenleben durchhalten…?

« Das Rote Zimmer » ist nicht einfach nur ein klassischer Gesellschaftsroman, nein es ist eine durch und durch genial konstruierte Gesellschaftssatire. Auch wenn die eigentliche Handlung sich nicht immer ganz klar wie ein roter Faden durchzieht, lernen wir in 29 Kapiteln das künstlerische, soziale und ökonomische Leben in Stockholm kennen, allerdings auf eine äusserst bösartige und desillusionierte Weise, die so manche Hoffnungslosigkeit nachsichzieht. Arvid Falk, der unverbesserliche Idealist, erfährt und erlebt wie intrigant eine Gesellschaft doch wirklich sein kann. Strindberg zeigt dies in vielen Szenen, in denen er uns mit selbstgefälligen Geschäftsmännern, verschämten Damen in sogenannten Wohltätigkeitsvereinen, Journalisten ohne jeglichem Gewissen und vor allem korrupten Beamten und Politikern konfrontiert.

Mit einer grossen Portion bitterbösen Zynismus, aber auch einem gewissen Realitätssinn lässt Strindberg Arvid Falk seinem Freund Struve eine Begebenheit erzählen, die sich im « Kollegium zur Auszahlung von Beamtengehältern », einem ganz besonders durchorganisierten Amt, das in Punkto Kundenfreundlichkeit wahre « Wunder » vollbrachte, ereignete :

« Ich fragte, ob einer der Herren Zeit habe, mir die Räumlichkeiten hier zu zeigen. Sie erklärten sich für unabkömmlich : hätten Order, das Amtsdienerzimmer nicht zu verlassen. Ich fragte, ob es nicht mehrere Amtsdiener gäbe. Doch, es gebe schon mehrere. Aber – der Oberamtsdiener habe Ferien, der erste Amtsdiener habe dienstfrei, der zweite Amtsdiener sei beurlaubt, der dritte sei auf der Post, der vierte sei krank, der fünfte hole Trinkwasser, der sechste sei auf dem Hof, ‹ und da hockt er den ganzen Tag › ; ausserdem ‹ kommt kein Beamter vor ein Uhr ›. Mit diesem Wink gab man mir das unpassend Frühzeitige meines lästigen Besuchs zu verstehen und erinnerte daran, dass Amtsdiener auch Beamte waren. »

Es gibt noch viele ähnliche Begegnungen, die nicht nur zum Amusement beitragen, sondern auch zum Nachdenken einladen. Ganz besonders beeindruckend ist in diesen Szenen Strindbergs faszinierende Dialogkunst. Durch seine – vom Naturalismus beeinflusst – sehr klare und direkte Sprache kann Strindberg die einzelnen Charaktere der durch unübertreffliche Verlogenheit gekennzeichneten Gesellschaft meisterhaft einfangen und zu echtem Leben erwecken. Mit seiner klug eingesetzten Absicht, viele Beobachtungen bis zum Surrealen hin zu überzeichnen, wird aus diesem eindrucksvollen Gesellschaftsroman dann endgültig ein wahres literarisches Kunstwerk, das auch nach über 130 Jahren keineswegs an Aktualität verloren hat !

Und gerade deshalb ist es fast schon eine Leserpflicht – mehr jedoch ein Lesegenuss -,  in diesen gesellschaftskritischen, teilweise sehr parodistischen und auf jeden Fall stilistisch äusserst brillanten Roman jetzt – dank einer Neuübersetzung von Renate Bleibtreu – einzutauchen!

Durchgelesen – „Im schönen Monat Mai“ v. Émilie de Turckheim

Lassen Sie sich auf keinen Fall von diesem positiv klingenden und Sonne verbreitenden Titel täuschen, denn dieser kleine Roman hat es mehr als in sich. Es fliegen keine Maikäfer und Schmetterlinge über die Seiten. Ganz im Gegenteil, denn hier brodelt Rache und Vergeltung auf einem äusserst ironisch spannenden Niveau.

Émilie de Turckheim, geboren 1980, hat ihren ersten Roman « Les Amants terrestres » im Alter von 24 Jahren geschrieben. Davor machte sie ihren Abschluss an der Universität (Sciences-Po) in Paris. Inzwischen sind noch vier andere Romane von ihr veröffentlicht worden. Für ihren in Frankreich aktuell erschienen Roman « Héloïse est chauve » hat sie den Nachwuchspreis « Prix Bel Ami » erhalten. Mit dem schmalen – gerade mal 100 Seiten starken – und sehr aussergewöhnlichen Buch « Im schönen Monat Mai » (« Le joli moi de mai » Frankreich 2010) wird nun zum ersten Mal – dank der grandiosen Übersetzung von Brigitte Große – ein Werk von Émilie de Turckheim dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt.

« Im schönen Monat Mai » spielt auf einem Gut in Saint-Benoît sur Leuze das von Parisern gerne zur Jagd aufgesucht wird, jedoch eher im November als im Mai. Der Roman wird von Aimé (28 Jahre alt) erzählt, der sich hier als Gardien, oder besser gesagt als einfacher Hausknecht um fast alles kümmert. Doch Aimé ist nicht wirklich sehr intelligent, behauptet er zumindest immer von sich selbst. Ein einfach gestrickter Mann, der vor allem eines überhaupt nicht kann, nämlich erzählen :

« Mein Vorname ist Aimé. Das heisst Lieber, hat aber nichts zu sagen. Ihr werdet schon sehen, ich kann keine Geschichten erzählen. »

Das werden auch Sie, verehrter Leser, sofort feststellen, denn seine sprachlichen Fähigkeiten sind nicht gerade von höchstem Niveau, auch die Satzstellungen und die unkontrollierten Einschübe bringen die Struktur des Romans oder den mehr oder mal weniger vorhandenen roten Faden oft bis an seine « knotenfreien » Grenzen. Doch letztendlich verstehen wir auch so ganz genau, um was es sich hier eigentlich dreht:

Aimé’s Chef – Monsieur Louis – ist tot. Er liegt bereits begraben unter der Erde. Vor einem guten Monat wurde er erschossen – Suzid oder Mord – in einer Wiese nicht weit vom Gut entfernt gefunden. Da Monsieur Louis weder eine Frau, noch Kinder, geschweige denn andere Nachfahren hat, gibt es ein Testament, in dem er fünf eigentlich vollkommen fremde Menschen zu seinen Erben bestimmt hat und welche nun zur offiziellen Testamentseröffnung mit dem Notar auf das Gut eingeladen wurden.

Das Erbe ist richtig gross : Geld, Hof, Wald, Schweinezucht und der Hausknecht. Die von Monsieur Louis vermeintlich willkürlich ausgewählten Erben sind frühere Jagdgäste : Da wäre zum einen der waffensammelnde Wachtmeister Lyon-Saëck, « der eigentlich schon in Pension ist, aber immer noch den Polizeiblick draufhat ». Ebenfalls angereist sind Madame und Monsieur Truchon, ein geldgieriges Ehepaar. Als weitere Erbenanwärter lernen wir noch den sehr zurückhaltenden ehemaligen Offizier Monsieur Hi und Sacha Milou, einen schwulen Bordellbesitzer mit seinem Hund Pistache, kennen.

Sie sind alle bereits einen Tag vor dem eigentlichen Notartermin eingetroffen, essen gemeinsam eine Suppe und gehen anschliessend in den Salon, « um sich bekanntzumachen, wie Monsieur Louis gesagt hätte, aber keiner findet die Idee gut, ausser Frau Truchon, die lieber ihre zu kleinen Kleider herzeigt, als dass sie schlafen geht ».

Aimé hält eine kurze Ansprache über den Anlass dieser Zusammenkunft und schlägt vor, dass jeder der Gäste sich kurz vorstellt. Doch dann wird es plötzlich turbulent. Paulette Truchon fühlt sich in ihrem Erbe betrogen, « und schreit so laut, dass ihr die Brüste aus der Korsage springen und jeder merkt, dass die zwei Dinger noch grösser sind, als was sie uns gern hat glauben lassen wollen. » Und dann passiert es : Madame fällt plötzlich zu Boden und rührt sich nicht mehr. « Alle sind aufgestanden und schauen ärgerlich auf die baumelnden Brüste und fragen, ob es ihr gut geht, was eine ziemlich blöde Frage ist, weil Paulette doch mit verdrehten Augen wie eine Tote auf dem Parkett liegt. » Da ist bereits alles zu spät, auch das Jammern und Hilferufen von Herrn Truchon ist vollkommen überflüssig, denn Paulette war definitiv tot.

Eigentlich ein wirklich trauriges und dramatisches Ereignis, aber irgendwie hatte es auch etwas Positives, denn die noch übrigen Erben mussten nun das Gesamtvermögen von Monsieur Louis nur noch durch vier teilen.

Aimé erzählt eifrig weiter, und dabei kommt immer wieder der Name einer Frau vor, nämlich Lucette. Dieser Dame sind übrigens alle vier noch potentiellen Erben irgendwann einmal begegnet. Doch am Meisten bedauert es Aimé, dass gerade eben Lucette nicht an seiner Stelle diese Geschichte erzählt, denn « die hat so eine Gabe, dass sie alles richtig erzählt, wie es in dem Haus riecht, wie sich die Stimme von Herrn Dings anhört, was der oder der gesagt hat und was die oder die drauf gesagt hat. Und dann passt sie auch immer drauf auf, dass sie sich ein paar Überraschungen aufhebt für später. Sie sagt, das heisst „Süß-Pence“. »

Auch Aimé gibt sich sehr grosse Mühe, diese Überraschungen nicht auszulassen, die nicht nur unverhoffte und höchste Spannung bieten, sondern zu äusserst interessanten und mehr als dramatischen Entwicklungen führen, mit denen der Leser nicht im Geringsten rechnen würde…

Émilie de Turckheim gelingt es, mit ihrem unglaublich originellen Aufbau, den Leser genauso wie auch die fünf bzw. vier Erben regelrecht in diesem Buch bzw. Gut festzuhalten. Der Roman beginnt so harmlos, simpel und fast schon ein wenig einfältig, dass man sich als Leser anfänglich vielleicht ein wenig wundert. Doch spätestens nach den ersten Seiten, hat uns Aimé mit seinem brav infantilen Erzählstil bis zum – im wahrsten Sinne des Wortes – bitteren Ende total vereinnahmt.

Eingebettet in die melancholische Grundstimmung des menschlichen Wesens, konfrontiert uns Émilie de Turchkeim durch ihren kaum zu stoppenden schwarzen Humor und ihrer subtil eingesetzten Ironie mit der Rache und Intrige eines mehr als verletzten und einsamen Menschen. Unterstützt durch die sehr saloppe, offene und direkte Sprache, kann man trotz dieser so schrägen Dramatik die menschlichen Abgründe immer mehr aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus beobachten. Der Leser wird geradezu durch diese emotionale und irgendwie komplex wirkende Einfachheit spielerisch gezwungen, jeden einzelnen Satz von Aimé als eine Art Puzzle-Teil in die Hand zu nehmen, um es letztendlich, sowohl vor Entsetzen kopfschüttelnder, als auch dank der Groteske lachender Weise, bis zum vollkommen unerwarteten « Gesamtbild » zusammensetzen zu können.

« Im schönen Monat Mai » könnte man ohne Weiteres als eine verrückte Mischung aus Agatha Christie, Gilbert Adair und Jean-Paul Sartre besonders in Punkto « Geschlossene Gesellschaft » (« Huis Clos ») bezeichnen. Dieses Buch ist ein kurioses, grandioses, kleines Stück Literatur, das man keinesfalls verpassen sollte und deshalb freuen wir uns umso mehr, dass die aufstrebende französische Autorin Émilie de Turckheim nun endlich auch hier in Deutschland « literarisch » angekommen ist !

Durchgelesen – „First Dog – Enthüllungen eines Präsidentenhundes“ v. Luis Rafael Sànchez

Der Hund ist  – wie wir alle wissen oder meinen zu wissen – der beste Freund des Menschen. Ist er das auch noch, wenn beispielsweise der eigene Hund anfangen würde zu sprechen wie ein Mensch? Denn ist nicht gerade das Schweigen eines Hundes sein schönster und wichtigster Charakterzug. Würde der Hund nun sprechen, könnte es für den Besitzer gefährlich werden, denn Hunde wissen sehr viel, manchmal auch zu viel. Und genau diesem Risiko musste sich der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton aussetzen, denn sein Hund Buddy konnte und durfte nicht mehr länger schweigen!

Luis Rafael Sànchez wurde 1936 in Humacao auf Puerto Rico geboren und ist heute ein erfolgreicher Theaterautor und Verfasser mehrere Romane. Mit seinem Buch „First Dog“ hat sich Sànchez vom lateinamerikanisch magischen Realismus verabschiedet und führt den Leser  – wie er selbst sagt –  in den sogenannten kybernetischen Realismus ein. Kybernetik in der Literatur ist eher ein seltenes Phänomen. Aber durch diese Satire kommen wir der Lehre von selbsttätigen Regel- und Steuerungsmechanismen auf die Spur, die wir in dieser Form nicht origineller hätten entdecken können.

„First Dog“ ist kein klassisches Hundebuch oder auch keine Betriebsanleitung für besondere Hunde. Nein es sind die bewegenden und sehr ernst zu nehmenden Memoiren des Buddy Clinton, des ehemaligen First Dogs der USA von 1997 – 2001. Buddy – ein grosser Katzenhasser – wird Opfer einer politischen Intrige. Er wird vom FBI entführt und von hochrangigen Wissenschaftlerin und Forschern verkabelt, vermenschlicht und mit einem Sprachcomputer verbunden, damit er gegen seinen Chef bzw. gegen sein Herrchen aussagen kann. Und ab diesem Zeitpunkt der totalen Verkabelung mit dem „Verteilungszentrum der künstlichen Intelligenz“ befinden wir uns mitten in einem kybernetischen Regelungssystem, was den Hund zum „Menschen“ werden lässt.

Buddy geniesst anfangs diese Vermenschlichung, auch wenn sie mit sehr grossen körperlichen Strapazen verbunden ist – denke man an die Zwei-Pfoten-Position, die Injektionen für das Allgemeinwissen und die Verkleidung mit Anzug und Krawatte! Doch wie es sich für einen First Dog gehört, trägt er alles mit Fassung und berichtet erst einmal von seinen Erfahrungen im Weissen Haus. Buddy erzählt aus seinem bewegten Liebesleben, insbesondere von der erotischen Begegnung mit der Hündin des österreichischen Botschafters im ehemaligen alten Ehebett von Lincoln. Aber er nimmt sich auch Zeit und Muse über das Verhältnis zwischen Mensch und Hund zu philosophieren:

“ Wir Hunde leisten unserem Herrchen Beistand bis ins hohe Alter. Wir Hunde lieben ihre Kinder auch dann noch, wenn sie uns mit ihren ungeschnittenen Fingernägeln in den Nasenlöchern rumpulen. Wir Hunde sagen unseren Herrchen nicht gleich schlechten Umgang nach, wenn sie beim Nachhausekommen nach Katzenkacke riechen. Wir wissen, dass man über uns lacht, und doch rennen wir unseren Herrchen zuliebe hinter Aufzieh-hasen her. Wir wissen, das man uns verhöhnt, und doch fügen wir uns den absurdesten Namensgebungen. Rambo für ein Schoßhündchen. Rotkäppchen für einen Labrador. O. J. Simpson für einen Pudel, der keiner Fliege etwas zuleide tut. Hunde diskriminieren ihre Herrchen nicht, weil sie Schwarze, Asiaten, Hispanos, Juden oder Muslime sind. Wir Hunde diskriminieren unsere Herrchen nicht, wenn sie mit Männern glücklich werden, und unsere Frauchen nicht, wenn sie mit Frauen glücklich werden.“

Doch die versammelten Wissenschaftler und Sittenwächter warten endlich darauf, dass sich Buddy über die Liaison zwischen seinem Herrchen – dem Präsidenten – und der Praktikantin äussert. Der First Dog schildert ausführlich sämtliche Indiskretionen, denn wie oft war er dabei, als sich sein Herrchen mit dem schönen Fräulein Lewinsky getroffen hat. In allen Einzelheiten berichtet er darüber und lässt natürlich auch dabei immer wieder seine Gedanken im Hinblick auf die Beziehung zwischen Mensch und Hund einfliessen. Besonders in der Hoffnung, dass für Buddy das Mensch sein bald ein Ende hat und er wieder bellend durch das Weisse Haus toben kann….

„First Dog“ ist eine geniale Satire über das Mensch sein als Hund und aus der Sicht eines Hundes. Ohne Humor und einen Sinn für das Surreale sollte man dieses Buch jedoch nicht lesen. Man hat ständig das Gefühl, vor einem grossen Gemälde des berühmten Surrealisten Réné Magritte zu stehen, denn die Sprache von Sànchez ist sehr bildhaft, aber trotzdem spritzig und dynamisch. Auch der stilistische – oder sollte man besser sagen –  der kybernetische  Trick einen Hund mit High-Tech zum Sprechen zu bringen und zu eine Art „Mensch“ zu verwandeln, ist mehr als gelungen. Das Buch ist irgendwo respektvoll frech, teilweise sehr boshaft, ein wenig subtil vulgär, aber keinesfalls ordinär und bis zur letzten Seite äusserst skurril und sehr kurzweilig.

„First Dog“ ist ein Buch selbstverständlich vor allem für satirebegeisterte Hundefreunde! Es ist aber auch für Leser ohne Hund sehr empfehlenswert, denn es zeigt ganz neue Erkenntnisse in Punkto Mensch – Hund – Beziehung, und macht dadurch sehr deutlich, warum der Mensch der beste Freund vom Hund ist und nicht umgekehrt. Ein unvergessliches und aussergewöhnliches Lesevergnügen für alle Liebhaber der surrealistischen Literatur!