Durchgelesen – „Eine Frau am Telefon“ v. Carole Fives

Frauen und Telefonieren gehört sicher zusammen. Und wenn es sich dann bei dem Telefonieren auch noch um Mütter handelt, die ihre Kinder anrufen, wird alles noch viel interessanter. Und ganz besonders aufregend sind sicherlich die Gespräche zwischen Mutter und Tochter. Wie gerne möchte man da nicht mithören ohne betroffen zu sein. Diese Gelegenheit gibt uns nun die französische Autorin Carole Fives mit ihrem gerade aktuell auf Deutsch erschienen Roman „Eine Frau am Telefon“.

Carole Fives, geboren 1971, ist Schriftstellerin und Künstlerin. Diplomiert mit einem Abschluss in Philosophie und Kunst hat sie 2010 ihre ersten Texte veröffentlicht. Sie wurde mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet und war für ihren Roman „Une femme au téléphone“ – erschienen 2017 bei L’Arbalète/Gallimard – Finalistin für den Grand Prix RTL Lire. Dieses Buch ist nun ihr erstes Werk in deutscher Übersetzung.

Die Hauptfigur in diesem Roman ist Charlène, eine doch eher sehr lebenslustige, aber nicht ganz einfache Frau. Anfang sechzig, schlägt sich Charlène so durch ihr Leben, sie hat zwei Kinder und ist Witwe. Doch so einfach ist das mit dem Alleinsein nicht, was wir als Leser quasi live miterleben können. Sie nervt ihre Tochter mit ständigen Anrufen, doch diese nimmt die Gespräche aus welchen Gründen auch immer nicht an.

Das hält aber Charlène nicht im Geringsten davon ab, Ihre Probleme laut kundzutun. Der Anrufbeantworter der Tochter wird somit zum besten Freund von Charlène. Alle Probleme werden besprochen: es geht teilweise um eher einfachere Themen wie ihr Hund und Fernsehserien, die immer wieder so nebenbei einfliessen. Die grossen Themen wie die überwundene Krebserkrankung, das ewige Alleinseins, die erfolglose Suche nach einem neuen Mann im Internet und eine angebliche bipolare Störung bieten enorme Abwechslung in diesen rasanten Monologen:

„Ich bin normal, das sind wir übrigens alle. Dass wir hier sind, bedeutet nur, dass wir normaler sind als die anderen, die draussen rumlaufen, und die alle verrückt sind.“

Charlène lässt sich nichts gefallen, kämpft sich aus den unmöglichsten und teilweise manchmal fast schon ausweglosen Situationen heraus, ohne jemals an Kraft und Humor zu verlieren. Trotzdem vergeht kein Anruf, bei dem sie sich nicht beschwert, dass ihre Kinder sich nicht um sie kümmern. Dass vor allem auch ihre Tochter nie für sie Zeit hat, obwohl diese ja nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Bei ihrem Sohn ist es ja etwas anderes, verheiratet und Kind. Auch wenn sie bei Ihrem wörtlichen „Auskotzen“ immer nur den Anrufbeantworter vor sich hat, fühlt Charlène sich von ihrer Tochter nicht richtig behandelt:

„Wir wollen hier nicht die Rollen vertauschen. Die Mutter bin immer noch ICH. Du bist nur die Tochter. Ich erlebe es immer wieder, dass Kinder mit Ihren Eltern reden, als wären diese erst vier, man könnte meinen, sie wollten sich rächen.“

Letztendlich tröstet sich Charlène mit Zigaretten und Whiskey, stärkt sich hin und wieder mit Antidepressiva, bevor sie sich vielleicht doch manchmal eine gewisse Übertreibung und Schuldgefühle eingestehen muss.

„Eine Frau am Telefon“ ist ein wunderbares Buch, trotz ernster Themen ist es sehr amüsant. Man schüttelt den Kopf, lacht laut, wundert sich und freut sich auf jeden neuen Anruf bzw. auf jede neue Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Es zeigt eine Frau, die so verrückt und gleichzeitig vielleicht auch wieder so normal ist. Das Schweigen der Tochter und diese grandiosen Monologe, zaubern aus diesem kleinen Roman ein Feuerwerk an Dynamik, Vehemenz und Ehrlichkeit, das man unbedingt erleben bzw. erlesen muss!

Durchgelesen – „Unsere Frau in Pjöngjang“ v. Jean Echenoz

Was wäre die Literatur ohne Humor, Witz und Ironie? Natürlich sollte dies alles raffiniert und kreativ literarisch umgesetzt werden. Somit überrascht es nicht, dass dies Jean Echenoz mit seinem aktuell in Deutschland erschienen Roman „Unsere Frau in Pjöngjang“ sehr gut gelungen ist.

Jean Echenoz, geboren 1947, gehört zu den wichtigsten französischen Schriftstellern. Er hat in verschiedenen französischen Städten, unter anderen Lyon, Marseille und Paris, Soziologie studiert und kurz für eine Fachzeitschrift gearbeitet. Seit 1975 lebt er in Paris und 1979 publizierte er seinen ersten Roman „Le Méridien de Greenwich“ bei dem Verlag Éditions de Minuit, dem er bis heute treu geblieben ist und der inzwischen alle seine Bücher veröffentlicht hat. Jean Echenoz wurde mit einer Fülle von Literaturpreisen geehrt. Zu den wichtigsten gehören der „Prix Medicis“ für den Roman „Cherokee“ (1983) und der „Prix Goncourt“ für das Werk „ Je m’en vais“ (1999). In Deutschland wurde er zuletzt sehr bekannt durch sein kleines feines Buch „14“. Sein aktueller Roman –  bei seinem französischen Verleger – unter dem Titel „Envoyée spéciale“ publiziert – ist nun dank der meisterhaften Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel (2004 Celan-Preis, 2015 Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis) in deutscher Sprache erschienen.

„Ich will eine Frau, verkündete der General. Eine Frau brauche ich, so.“ Und ja, genau so beginnt der neue Roman von Jean Echenoz. Der Roman spielt in Paris, in La Creuse – einer eher ländlichen Gegend zwischen Limoges und Clermond-Ferrand – und in Nordkorea, genauer in Pjöngjang. Es gibt einen Erzähler, der dem Leser, diese ungewöhnliche Geschichte näher bringt, aufklärt und als eine Art Mediator fungiert, was sich als sehr praktisch erweist, da er den Leser auf die Feinheiten hinweist, jedoch das Unwichtige galant ignoriert und mit eigenen Kommentaren nicht spart.

Kurzum wir haben mehrere Hauptprotagonisten und dazu gehören in erster Linie Constance, eine junge Frau, die gerade in Trennung von ihrem Mann Lou Tausk lebt, Komponist von vielen sehr berühmten Songs, General Bourgeaud und dessen Leutnant Paul Objat. Es gibt noch einige andere Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Jean-Pierre und Christian, Clément Pognel, Nadine Alcover und Gang Un-ok.

Die Geschichte beginnt mit der Suche nach einer Frau, wie bereits der erste Satz schon verrät, die in ein ganz bestimmtes Schema passen muss: „ Na ja, eine Ahnungslose, nicht wahr, so brachte der General es auf den Punkt. Die nichts begreift, die tut, was man ihr sagt, und keine Fragen stellt. Und möglichst eine Hübsche.“ Und Leutnant Objat, nimmt sich dieser Herausforderung an, hat schon eine grandiose Idee und entführt auf doch eher ungewöhnliche Weise Constance, die gerade dabei ist auf dem Friedhof von Passy einen kleinen Spaziergang zu unternehmen.

Die Entführung klappt, die junge Frau wird in ein ländliches Gebiet im Departement La Creuse gebracht und man versucht, sie so gut wie möglich zu behandeln. Letztendlich ist sie ja die sogenannte Auserwählte für eine geheimdienstliche Aktion in Nordkorea, und das bedarf natürlich unglaublich genauer Vorbereitungen im Hinblick auf diese nicht einfache Mission. Doch nicht alles scheint so zu funktionieren, wie der Leutnant sich das vorstellt und die ersten Hindernisse, Komplikationen, natürlich auch Verzögerungen treten auf…

Dieser Roman ist ein Feuerwerk an Ironie, Spass und Esprit. Dieses Werk hat auch viel von einer Parodie, die subtil viele Fragen zulässt, die jedoch nicht alle während der Lektüre beantwortet werden und damit dem Roman nochmal einen ganz besonderen Kick verleiht. Jean Echenoz zaubert mit der Sprache, verleiht ihr den diskreten ironisch rebellischen Charme, gibt ihr einen musikalisch-rhythmischen Takt vor, der den Leser zu einer Dynamik anstachelt, die sich einfach richtig gut anfühlt.

„Unsere Frau in Pjöngjang“ ist ein sehr komisches und spannendes Buch zu gleich. Eine Art Spionage-Roman, quasi eine „Mission Impossible“ der besonderen Art. Jean Echenoz gibt seinen – trotz des brisanten Auftrags – eher etwas trägen Figuren viel Raum, die sich vielleicht im sogenannten Weltbürgertum bewegen können, dürfen oder müssen. Er konfrontiert den Leser vollkommen spielerisch informativ mit psychologischen Phänomenen wie dem Stockholm-Syndrom und bereichert gleichzeitig diese Geschichte in stilistisch gekonnter Weise mit absurden Episoden, die nicht komischer sein könnten. Kein Wunder, dass dieses Buch purer Lesegenuss ist!

 

Durchgeblättert – „Das Problem mit den Frauen“ v. Jacky Fleming

Frauen sind ein Problem und machen Probleme, nicht nur in den unterschiedlichen zwischenmenschlichen Beziehungen. Bereits in der Geschichtsschreibung liegt das Problem mit den Frauen, somit ist es nicht verwunderlich, sondern höchste Zeit, dieses zeitlose Problem zu nennen.

Jacky Fleming nimmt sich diesem « Problem » an und weiss wovon sie spricht und zeichnet. Geboren 1955 in London hat sie sich bereits während ihres Kunststudiums an der Leed University mit dem Feminismus beschäftigt. Seit 1978 erscheinen ihre Comicstrips , die sie unter anderem für verschiedene Zeitungen wie The Guardian und The Observer kreiert. Ganz aktuell ist nun ihr neuestes Comic-Werk « Das Problem mit den Frauen » in Deutschland erschienen.

Frauen hatten es schwer in der Geschichte, es gibt nur wenige grossen Namen, wenn man beispielsweise an Marie Curie denkt. Doch bis diese Frau aus ihrem weiblichen Schatten treten konnte, blieben viele Frauen auf der Strecke. Sie waren in der Minderzahl, « aber sie hatten sehr kleine Köpfe, weswegen sie zu nichts nütze waren, ausser zu Handarbeit und Krocket ». Und so nimmt das weibliche Drama seinen Lauf. Es gab « keine schwarzen Frauen », es gab « Frühfrauen » wie Queen Victoria und « gefallene Mädchen ». Und nicht unschuldig daran waren natürlich die genialen Männer, von denen es mehr als genug gab. Bereits Jean-Jacques Rousseau fand es richtig, dass « Mädchen zeitig lernen müssten, sich zu fügen… ».

Die Probleme mit den Frauen weiteten sich aus, bedenke man schon allein die Kleidung, die sie trugen bzw. tragen mussten. Wie sollte man da Fahrrad fahren können, geschweige denn andere sportliche Leistungen erbringen, von geistigen Aufgaben wie Denken und Schreiben ganz zu schweigen. Bei den Frauen war alles klein, nicht nur das Gehirn, sondern auch die Ergebnisse daraus. So entstand bei Frauen nur kleine Kunst. Es fehlte den Frauen an Geniehaaren und intellektuellen Bärten. Doch besonders markant war letztendlich laut dem Assistenten von Darwin : «  Frauen besitzen nur wenig von jener beharrlichen Zielstrebigkeit und Durchsetzungskraft, die für den mannhaften Geist charakteristisch sind. »

Dazu bleibt nur noch hinzuzufügen, dass glücklicherweise auch wenn es manchmal nicht so scheint, die Entwicklung der Frauen stetig voranschreitet und das Problem mit den Frauen ein Problem der Männer ist und bleiben wird.

Das Buch zeigt in schwarz-weiss die Vergangenheit ohne dabei die Gegenwart indirekt nicht zu vergessen. Denn irgendwo fragt man sich, wie konnten sich Frauen dies alles zur damaligen Zeit so gefallen lassen. Aber letztendlich könnten sich heute Frauen diese Frage immer noch bzw. wieder stellen. Im 21. Jahrhundert tragen Frauen zwar kein Kleiderkorsett mehr, aber so manch anderes gesellschaftliche Korsett lässt sich nicht leugnen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Frauen wie Jacky Fleming mit Ihrem Können und Ihrer Hartnäckigkeit, dazu beitragen, die Unsichtbarkeit der Frau in der Geschichte sichtbar zu machen.

Jacky Fleming hat mit grandioser Zeichenfeder im viktorianischen Stil einen so bösartigen, originellen, amüsanten und bissigen Comic geschaffen, der wirklich für alle Frauen und Männer jeglicher Couleur und Gesinnung zu Pflichtlektüre werden sollte. Das bekräftigte auch die Zeitung « The Independent », die dieses Buch unbedingt auf dem Schullehrplan sehen möchte. Das kann man nur bestätigen !

Durchgeblättert – „THE PARISIANER“ v. La Lettre P

Wer kennt nicht die wunderbar wirkungsvollen und künstlerisch nachhaltig faszinierenden Titelblätter der bekannten Nachrichten-, Kultur- und Literaturzeitschrift „THE NEW YORKER“. Viele Künstler, beispielsweise auch Jean-Jacques Sempé, haben sich da nicht nur verewigt, sie haben mit ihrer Illustration auch ein Statement geschaffen, was New York und die USA betrifft. Wie schade ist es doch, dass kein Pendant dazu für Paris existiert. Was gäbe man nicht dafür, die Gedanken auch über diese Stadt durch Illustrationen sprechen zu lassen. Nach langer Zeit ist nun das Ergebnis eines ganz besonderen Projekts im Dezember 2013 mit einer Ausstellung in der Galerie de la Cité internationale des Arts in Paris sichtbar geworden. Jetzt waren nur noch Neugierde und echte Fantasie gefragt. Der Traum eines Pariser „NEW YORKER“ war nun nicht nur gedanklich, sondern vor allem zeichnerisch verwirklicht worden und es entstanden eine Fülle von verschiedenen Covern eines absolut imaginären Magazins, das leider bis heute an keinem Zeitungskiosk zu erwerben ist, dafür aber mit dem schönen Titel „THE PARISIANER“ seine zahlreichen Verehrer inzwischen weit über die französischen Grenzen hinaus gefunden hat.

Die Herausgeber La Lettre P (Vereinigung von Grafikern und Illustratoren), die sich für ihre Leidenschaft bezüglich der grafischen Kunst einsetzen, haben mit ihrer Idee, Paris in Illustrationen eine Geschichte erzählen zu lassen, den Blick auf die Stadt nicht nur bestätigt, sondern auch geöffnet. Anlässlich der Ausstellung und dem viel zu schnell vergriffenen dazugehörigen Katalog, gibt es die von mehr als über 100 Künstlern unterschiedlichsten Cover des „THE PARISIANER“ nun aktuell neu aufgelegt in einer schmucken und trotzdem sehr handlichen Buchausgabe, die nicht nur den Pariser, sondern jeden Freund dieser Stadt begeistern wird.

In diesem Buch lernt man Paris in den unterschiedlichsten Facetten kennen, kann in den Bildern mühelos lesen, ohne die französische Sprache beherrschen zu müssen. Ein Bilderbuch der Sonderklasse für bibliophile Menschen, welche die Kunst der Illustration zu schätzen und die darin diskret versteckten Informationen zu deuten wissen.

Paris ist die Stadt, die ohne das Wahrzeichen „Eiffelturm“ gar nicht vorstellbar wäre. Obwohl ja lange Zeit diese Sehenswürdigkeit mehr als ungeliebt war und die Bewohner von Paris „die eiserne Dame“ am liebsten wieder abgerissen hätten. Die Pariser Cafés sind mehr als ein Ort, um seinen Espresso zu trinken, es sind Orte des Treffens, des Beobachtens, des Lesens etc. Selbst wenn man morgens mit dem Hund eine Runde dreht, ist das Ende des Spaziergangs nicht unbedingt gleich das Appartement, sondern noch schnell das Café ums Eck. Apropos Hunde, die Liebe zu den Vierbeinern ist in Frankreich, insbesondere in Paris sehr hoch, also ist es kaum verwunderlich, dass auch der Hund in vielen dieser eindrucksvollen Cover des „THE PARISIANER“ nicht zu kurz kommt. Aber auch Themen wir Verkehr, Streiks und Obdachlose werden zeichnerisch raffiniert und absolut unzweideutig dem Leser dargelegt. Doch in allen dieser so kunstvoll packenden Titelbilder wird der Humor nie vernachlässigt, allein die vielen japanischen Touristen, die zahlreichen Verliebten, Unmengen von Zeitungen, diversen Regenschirmen und Sonnenbrillen, zeigen die ernsthafte Leichtigkeit dieses so grossartigen Kunst- und Buch-Projekts.

Verehrter Leser, am besten Sie lassen sich von dieser kleinen Bildauswahl inspirieren. Geniessen Sie die ganz persönlichen Paris-Eindrücke dieser „THE PARISIANER“-Künstler. Ein Buch, in dem man flanieren, lachen, lieben und träumen kann, das einen auch ein wenig zittern und ungeduldig werden lässt, genauso wie es auch Paris macht.

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Paris war schon laut Ernest Hemingway ein „Fest fürs Leben“, doch hier in diesem Buch zählt nicht die Sprache, denn es geht um einen ganz anderen Wort-schatz, nämlich um Bildmomente und deren Interpretation, die wir je nach Stimmungslage jedes Mal anders erleben können und dabei immer wieder etwas Neues, das Paris bietet, entdecken. Paris ist und bleibt ein unendliches Universum und „THE PARISIANER“ –  eine Hommage an das berühmte Magazin „THE NEW YORKER“ – verkörpert in diesem so originellen „Kunstbuch“ den perfekt erlebten und grandios zeichnerisch umgesetzten „Zeitschriften-Traum“ dieser besonderen Stadt.

Durchgelesen – „Roman in Fragen“ v. Padgett Powell

Ist ein Roman ein Roman, wenn er nur aus Fragen besteht ? Stört es uns als Leser, wenn wir keinen Helden vorfinden und eine konkrete Handlung fehlt? Können wir uns überhaupt nur auf Fragesätze konzentrieren ? Wo bleiben eigentlich die Antworten dazu? Sind Sie, als Leser, bereit für weitere Fragen ? Ja ! Dann sollten Sie sich schnellstens dieses Buch besorgen !

Padgett Powell, geboren am 25. April 1952 in Gainesville Florida, zählt zu den interessantesten Südstaaten-Schriftstellern der USA. Seine erste Erzählung « Edisto » entstand 1984, wurde für den American Book Award nominiert und in Auszügen im « New Yorker » abgedruckt. Powell veröffentlicht in den nächsten Jahren noch weitere Erzählungen, Short-Story–Sammlungen und 2009 den Roman « The Interrogative Mood. A novel ? », welcher nun ganz aktuell durch die herausragende Übersetzung von Harry Rowohlt dem deutschsprachigen Publikum präsentiert wird. Powell schreibt unter anderem auch im « Esquire », « Harper’s Magazin », « The Paris Review » and « The New York Times Book Review ». Er wird mit zahlreichen Auszeichnungen – unter anderem mit dem « Whiting Writers’ Award » – geehrt. Seit 1984 unterrichtet Padgett Powell an der University of Florida.

« Sind Ihre Gefühle rein ? Sind Ihre Nerven anpassungsfähig ? Wie stehen Sie zur Kartoffel ? »

Mit diesen drei Fragen beginnt nun das Wunderwerk « Roman in Fragen » von Padgett Powell. Es ist tatsächlich ein Wunderwerk, denn wie könnte man anders einen Roman, wenn es überhaupt einer ist, bezeichnen, der uns auf über 180 Seiten nur mit Fragen konfrontiert.

Anfänglich liest man schwungvoll ein Wort nach dem anderen und stellt sich über kurz oder lang selbst die Frage, was Gefühle, Nerven und Kartoffeln eigentlich so gemeinsam haben könnten. Man schüttelt zuerst vollkommen verständnislos und irritiert den Kopf und fängt am Besten nochmal ganz langsam von Vorne an. Und dann wieder, diese Fragen, aber plötzlich bewegt sich etwas beim Lesen. Das Auge sieht nicht nur mehr das kurvige Fragezeichen am Satzende, sondern man fängt an die Fragen lesenderweise auf sich wirken zu lassen und sie insgeheim oder auch laut vor sich hin sprechend zu beantworten.

Es beginnt ein Spiel und es erinnert ein kleines bisschen an das berühmte « Questionnaire » von Marcel Proust. Doch trotzdem ist es anders, denn es sind viele Fragen, manchmal zu viele, und einige wiederholen sich auch noch, und man fragt sich ernsthaft, warum jetzt schon wieder :

« Fühlen Sie sich in einer Hose mit Tunnelzug wohl ? »

Und auch nach dem zweiten oder dritten Mal, bleibt diese Frage die gleiche und man kann auch sie nur mit ja oder nein beantworten. Es gibt aber auch viele Fragen, die mehr als ein Ja und Nein von uns Leser abverlangen. Das sind Fragen, die ein sehr intensives Nachdenken erfordern und vielleicht eine fundierte Antwort benötigen, oder auch nicht:

« Können Sie alles auflisten, wovor Sie Angst haben, oder ist es leichter, alles aufzulisten, wovor Sie keine Angst haben oder haben Sie vor gar nichts Angst, oder haben Sie im Wesentlichen vor allem Angst ? »

Powell stellt endlos viele Fragen: über das Aussehen, das Essen, die Gefühle, die Gewohnheiten, die Welt und die Liebe, kurzum über das ganze Leben. Der Fragende könnte und dürfte ein Mann sein, aber trotzdem  sind die Fragen nicht nur auf dieses Geschlecht abgezielt, sondern teilweise sehr weiblich und meistens jedoch geschlechtsunspezifisch. Sie gehen durchaus manchmal sehr ins Private, ja fast schon ins Intime, werden aber mit rationalen und sachlichen Fragen im Anschlus gleich wieder neutralisiert.

Der Fragende verspürt oft beim Leser eine gewisse Unsicherheit, ob dieser überhaupt versteht bzw. verstehen kann, warum er ihn all dies so direkt fragen muss :

« Bereiten Ihnen Socken Sorgen, die farblich zwar durchaus, in subtilerer Hinsicht jedoch nicht zur übrigen Kleidung passen ? Ist Ihnen klar, was ich damit meine ? Ist Ihnen klar, warum ich Ihnen all diese Fragen stelle ? Ist Ihnen, meinen Sie, überhaupt vieles klar, oder nur sehr wenig, oder schwimmen Sie irgendwo dazwischen im trüben Meer des Erwartbaren ? Sollte ich « im trüben Meer der Geistesgegenwart » sagen ? Sollte ich weggehen ? Sie in Frieden lassen ? Sollte ich mit meinen Fragen nur mich selbst behelligen ? »

Nach diesen Zeilen, weiss man nun letztendlich, ob man sich mit diesen Fragen weiterhin belästigen lassen will, oder nicht. Eines ist ganz klar, es mag Leser geben, die fühlen sich bereits nach den ersten Seiten vollkommen genervt von dieser ewigen Fragerei und brechen dieses literarische « Kunstwerk » ab. Sie werden es auf jeden Fall bereuen, denn so schnell wird uns Leser nichts mehr vergleichbar Geniales in der Welt der Literatur über den Weg laufen, als dieser sogenannte Fragen-Roman.

Dieses Buch hat nur dann einen literarisch praktischen Sinn, wenn man sich auf diese Fragen einlässt, ja sie vollkommen unvoreingenommen zulässt. Spätestens ab diesem Moment beginnt das eigentliche Vergnügen. Es ist wie eine psychologische Lebensübung, die wahre Wunder bewirkt. Nie haben Sie nach einer Lektüre so viel über sich selbst erfahren, wie durch Powells verrücktes Buch. Sie denken über Themen nach, die Sie sicherlich öfters verdrängt oder einfach vergessen haben, wie es uns auch mit folgenden Fragen ganz konkret klar gemacht wird :

« Wie oft fragen Sie sich : « Was habe ich vergessen ? » ? Wie oft zeigt sich, dass Sie, wenn Sie sich fragen, was Sie vergessen haben, dass Sie etwas vergessen haben ? Wie oft, wenn Sie sich fragen, was Sie vergessen haben und es sich zeigt, dass Sie etwas vergessen haben, veranlasst Sie die Frage dazu, sich daran zu erinnern, was Sie vergessen haben ? »

Sind Sie, verehrter Leser, nun endgültig aufgeklärt, warum man dieses Buch unbedingt lesen sollte ? Zur Ergänzung muss man noch hinzufügen, dass es sich mit « Roman in Fragen » nicht nur um ein echtes Meisterwerk handelt. Es ist ein literarischer Coup, spannend wie ein Krimi, denn Sie wissen nie, welche Frage als nächstes kommt, witzig wie eine Komödie, denn wann können Sie so unkompliziert und spontan über sich selbst lachen und intelligent, wie ein Psychologiebuch, das Selbstanalyse selten so einfach und praktisch gefördert hat. Das Werk ist sprachlich grandios, stilistisch exotisch, inhaltlich etwas surrealistisch und deshalb fühlt man sich während des fragenfüllenden Romankonstrukts  besonders wohl, wenn man als Leser eine ausgeprägte Schwäche für geniale Köpfe und Künstler wie zum Beispiel George Perec und René Magritte hat.

« Roman in Fragen » ist ein wunderbar raffiniertes, philosophisches, komisches und melancholisch verrücktes Buch, das man am Besten jedes Monat oder zu mindest einmal im Jahr durcharbeiten sollte. Die Fragen bleiben zwar irgendwie die Gleichen, aber Ihre Antworten werden sich sicherlich ändern. Doch noch wichtiger ist die dadurch entstandene Motivation, endlich selbst das Zepter in die Hand zu nehmen und Sätze mit diesem so lebendigen Fragezeichen zu kreieren. Deshalb hören Sie niemals auf, sowohl vor als auch nach der Lektüre, Fragen zu stellen, denn sie lösen Denkblockaden, befreien von geistigem Unrat und beflügeln das echte Leben. Nehmen Sie Platz im Fragenkarussell, lassen Sie sich mitreissen und probieren Sie das « Fragenspiel » gleich mal ganz pragmatisch bei Ihrem Buchhändler des Vetrauens aus: Kennen Sie Padgett Powell ? Haben Sie sein aktuelles Buch schon gelesen ? Würden Sie diesen Roman Ihren Freunden empfehlen ?…

Durchgeblättert – „Alte Meister“ nach Thomas Bernhard v. Nicolas Mahler

Erinnern Sie sich noch an den Musikphilosophen Reger, an seinen Freund Atzbacher und an den Museumswärter Irrsigler ? Es handelt sich hier um die drei Hauptprotagonisten aus der bitterbösen Prosa-Komödie « Alte Meister » von Thomas Bernhard, die 1985 erstmals veröffentlicht wurde. Ein Werk, besser eine Kritikschrift, die sich mit den kulturellen « Schönheiten » unserer Gesellschaft beschäftigt, sei es in der Kunst, Musik, Literatur, Philosophie und Religion. Aber auch die Themen Liebe,Kitsch und Dummheit spielen eine grosse Rolle.

Der Schauplatz des Romans ist die Kunst- und Musikstadt Wien. Reger sitzt im Kunsthistorischen Museum auf einer Bank im Bordone-Saal genau gegenüber von Tintorettos « Weissbärtigen Mann ». Er ist über 80 Jahre alt, schreibt immer noch Musik-Kritiken für die Times und besucht seit mehr als 30 Jahren diesen für ihn ganz besonders wichtigen Ort. Für Reger ist dies aber auch der perfekte Platz, um nicht nur über alles nachzudenken, sondern auch die ganze Welt zu kritisieren. Mit Irrsigler, dem Museumswärter, verbindet ihn seit seinem ersten Besuch ein ungewöhnliches Verhältnis. Für Reger ist er nur ein « Staatstoter » und passt deshalb sehr gut auf diesen Wärter-Posten, obwohl es bereits als Kind sein grösster Wunsch gewesen wäre, zur Polizei zu gehen. Übrigens weilt Reger gewöhnlich jeden zweiten Vormittag im Museum. Montags nie, denn da ist geschlossen und auch die eintrittfreien Samstage meidet er bewusst. Doch eines Tages bittet er seinen Freund Atzbacher – ein Privatgelehrter, der übrigens auch der Erzähler dieser Geschichte ist, – zu einem Treffen ausgerechnet am Samstag. Atzbacher ist mehr als überrascht und neugierig, was dies wohl für einen Grund haben könnte. Doch bis es zu dessen Enthüllung kommt, wettert Reger erst einmal ohne Unterlass gegen alles, gegen die Kunst, die Literatur, die Komponisten, die Philosophen und natürlich auch gegen die Wiener…

Thomas Bernhard (1931 – 1989) gehört zu den bedeutendsten österreichischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er war der Meister der Übertreibung, die durch seine elegante Sprache, eingebaut in atemberaubende Schachtelsätze, den parodistischen und karikaturistischen Elementen eine unglaublich starke Bedeutung verleihen konnte. Er war ein Gesellschaftskritiker, manchmal ein wenig größenwahnsinnig und radikal, aber im Kern letztendlich auch ehrlich und irgendwie berührend.

Und genau diese Mischung aus Bösartigkeit und Sentimentalität öffnet die Türen für eine ganz neue Form der visuellen Erweckung dieses nörglerischen Prosa-Stücks. Bernhard’s Werk erfährt eine zeichnerische Wiederbelebung und somit entsteht die grandiose Neu-Adaption von « Alte Meister » als Comic bzw. Graphic Novel.

Dies könnte ein schwieriges Unterfangen für manche Bernhard-Verehrer bedeuten oder im schlimmsten Fall sogar ein abwehrendes Kopfschütteln auslösen. Mut ist sicherlich eine der wichtigsten Voraussetzungen für dieses Projekt, und Kopfschütteln darf man auch, aber vor Begeisterung. Nicolas Mahler ist der heldenhafte Künstler, oder soll man besser sagen Zeichen-Magier dieser neuen « Alten Meister », die er in einer wirklich genialen Adaption perfekt umgesetzt hat. Bernhard’s Werk, das ja hauptsächlich aus Schimpf -Monologen besteht, wird hier von 300 Seiten auf ungefähr die Hälfte reduziert. Der Inhalt ist quasi zeichnerisch zusammengefasst und die ausgewählten Sätze Bernhards werden in die einzelnen Karikatur-Zeichnungen virtuos eingebaut.

Ab jetzt sind die drei Protagonisten lebendig, irgendwie real : Reger dargestellt als kleiner dicker Mann mit schwarzem Mantel, Hut und Stock. Atzbacher dagegen gross, hager, mit Brille und übergroßer Nase. Und wenn man Irrsiger – eher klein, rund und mit unproportional langer Nase – betrachtet, versteht man sehr gut, dass er im Museum sicherlich besser aufgehoben ist, als bei der Wiener Polizei. Nicolas Mahler zeichnet schwarz – weiss mit einer einzigen farblichen Pointierung in Gelbgold. Eine Farbe, die hervorhebt – nicht immer nur zum Vorteil -, einen veredelten Rahmen schafft und wie ein « goldener » Faden verbindet. Bernhard’s Worte und Mahler’s Striche provozieren gemeinsam und ergänzen sich dadurch perfekt. Bernhard übertreibt, wo er nur kann, und Mahler untertreibt, wie er nur kann. Denn seine Hauptdarsteller sind quasi gesichtslos, keine Ohren, Augen und Münder, dafür manchmal charakterstarke Nasen. Hier treffen absurde Prosa auf absurde Zeichenkunst.

« Alte Meister », ein Klassiker, wird minimalistisch und mit sehr kunstvoll reduzierten Humor zum Leben erweckt, durch einen bemerkenswerten österreichischen Comic-Zeichner. Nicolas Mahler (geb. 1969) lebt in Wien und arbeitet für österreichische, deutsche und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften und publizierte in den letzten Jahren mehr als 20 Bücher in Frankreich, Kanada und USA. In Deutschland kennt man ihn seit 2006 durch Veröffentlichungen im Satiremagazin Titanic. Er wurde mit einigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Max-und-Moritz-Preis 2010 als bester deutscher Comic-Künstler.

« Alte Meister » als Comic bzw. Graphic Novel ist ein sehr gelungenes und faszinierend bös-skuriles Projekt. Thomas Bernhard bleibt der unvergesslicher Meister des literarisch tragikomischen Höhenflugs und Nicolas Mahler ist der neu zu entdeckende Meister der minimalistisch-parodistischen Zeichenfeder. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen, ausser : Unbedingt lesen !

Durchgelesen – „Die besten Wochen meines Lebens…“ v. Martin Page

« Die besten Wochen meines Lebens begannen damit, dass eine Frau mich verliess, die ich gar nicht kannte. » so lautet der vollständige Titel der deutschen Übersetzung dieses äusserst poetischen und originellen Romans. Aber den eigentlichen literarischen Schlüssel dieser feinen Liebeskomödie findet man leider nur im französischen Titel « Peut-être une histoire d’amour ». Das « peut-être » (vielleicht, oder kann sein) beschreibt das wahre Geheimnis dieser Geschichte, ein Geheimnis, das sich um die Schwierigkeiten, Höhen und Tiefen des realen oder fiktiven Lebens dreht, in welches der Leser hier ganz en passant spielerisch eintaucht.

Martin Page, geboren am 7. Februar 1975, verbrachte seine Jugend in einem südlichen Pariser Vorort. Er hatte viele Studiengänge wie zum Beispiel Jura, Psychologie, Philosophie, Kunstgeschichte und Soziologie begonnen, aber niemals abgeschlossen. Er arbeitete unter anderem als Nachtwächter und Putzmann. Mit 25 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Roman (« Comme je suis devenu stupide ») und lebt seit einigen Jahren als Schriftsteller in Paris, wie der Hauptprotagonist aus seinem Roman « Die besten Wochen meines Lebens… », welcher übrigens 2008 mit einem der wichtigsten französischen Literaturpreise dem « Prix Renaudot » ausgezeichnet und in zwanzig Sprachen übersetzt wurde.

« Die besten Wochen meines Lebens … » erzählt die Geschichte eines sehr erfolgreichen und attraktiven Pariser Junggesellen. Dieser junge Mann mit dem Namen Virgile, dreissig Jahre alt und ein Hypochonder wie er im Buche steht, arbeitet in einer sehr angesehenen Pariser Werbeagentur, die sich ganz in der Nähe des Louvre befindet. Ein Quartier, das ihm eigentlich nicht gefällt, ausser der Buchhandlung Delamain, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet, und für ihn oft als Rückzugsort dient. Trotz seiner herausragenden beruflichen Fähigkeiten, die sogar eine angemessene Beförderung entstehen lassen, welche er aber keinesfalls annehmen möchte, ist sein Leben eher ein Trauerspiel im Hinblick auf Liebesbeziehungen. Um es auf den Punkt zu bringen : Virgile wird ständig von den Frauen verlassen, was sein bereits sehr schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl noch mehr ins Wanken bringt. Doch spätestens an dem Tag, als per Anrufbeantworter Clara ihm mitteilt, ihn zu verlassen, ändert sich sein ganzes Leben. Doch wer ist eigentlich Clara ?

Virgile wird durch diese Trennung – von einer ihm unbekannten Frau – vollkommen aus seinem genau durchgeplanten Leben herausgerissen. Aber vielleicht sind diese Worte auf dem Anrufbeantworter wie ein unerwünschtes Geschenk, um seinem Leben ganz unbewusst eine neue Wendung geben zu können. Bis jetzt kann Virgile keinesfalls ohne seiner Therapeutin Frau Dr. Zetkin leben. Er kleidet sich immer gleich und hat seinen privaten Lebensmittelpunkt im 10. Arrondissement von Paris:

« Er wohnte in einer Absteige in der Rue de Dunkerque, genau gegenüber von der Gare du Nord und ihren Statuen. Im Erdgeschoss des Gebäudes befand sich ein Porno-Kino, das Calypso. Von den sechzehn Wohnungen dienten fünfzehn dem Austausch von Geld und Sekreten. Er hatte eine lange Zeit gebraucht, um sich an das ständige Stöhnen der Prostituierten und ihrer Kunden zu gewöhnen ; heute störte es ihn nicht mehr als Konzert der Grillen in der Provence. Aus seiner Wohnung drang wenig Getöse, Geschrei und Gebrüll nach draussen. Sein Tod hätte eine ernste Konsequenz, das wusste Virgile : Die Studien der gefühlsmässigen Katastrophen würden dramatisch ins Stocken geraten. »

Und nicht nur die Studien würden ins Stocken geraten, sein ganzes Leben und vor allem die bis jetzt erfolglose Suche nach  einer Liebesbeziehung wären nur noch Schall und Rauch. Virgile ist vollkommen verwirrt, die Angst vor dem Tod, besonders vor einer unheilbaren Krankheit, wird durch diese Nachricht auf dem Anrufbeantworter immer grösser. Er denkt zwar auch an einen üblen Streich, doch ein Leiden, wie die Frühdemenz, scheint ihm immer wahrscheinlicher. Er kündigt sämtliche Anschlüsse wie Telefon und Strom und letztendlich so gar den Mietvertrag, weil er sicher ist, schwer krank zu sein. Virgile lässt sich durch eine Überweisung von seiner Psychoanalytikern in den Computertomographen schieben, um jegliche Anzeichen auf Frühdemenz oder andere Krankheitsbilder auszuschliessen. Zu seinem Erstaunen ist er vollkommen gesund, was seine Therapeutin nicht im geringsten verwundert.

Doch das Leben von Virgile, der übrigens nie ohne Marc Aurels Selbstbetrachtungen verreisen würde, steht weiterhin auf dem Kopf. Seine Ex-Freundinnen versuchen ihn zu trösten wegen Clara und unbekannte Menschen besichtigen seine Wohnung. Er sucht nicht nur nach Erklärungen, sondern auch nach Lösungen. Auch seine Angst, dass er durch die Liebe zu einer Frau, seine grosse Liebe zu Paris verlieren könnte, bereitet ihm grosses Kopfzerbrechen. Virgile merkt jedoch immer mehr, wie sehr ihm plötzlich Clara fehlt. Und deshalb entschliesst er sich, die unbekannte, geheimnisvolle Frau zurückzuerobern…

Martin Page hat mit seinem Buch « Die besten Wochen meines Lebens… » nicht nur eine subtile französische Komödie über einen ziemlich verrückten Grossstadtneurotiker geschrieben, sondern auch einen sehr intelligenten und witzigen Roman vorgelegt, der sich durch seine besonders raffinierte erzählerisches Qualität auszeichnet.

Wie bereits eingangs erwähnt, geht es hier um das « Vielleicht », das sich wie ein roter Faden durch die Fantasie und Wirklichkeit dieses Romans zieht. Eine Frau wie Clara, die nicht wirklich existiert, aber trotzdem real zu sein scheint, wenn sich all seine Ex-Freundinnen so rührend um ihn kümmern. Eine Frau, die mehr Fiktion ist, aber letztlich durch ihre « Existenz » das Leben vollkommen durcheinander bringt und den liebeskranken Helden sozusagen aus der Welt der « Toten » in die Welt der « Lebendigen » zurückführt.

Und genau diesen Weg beschreibt Martin Page – dank seiner sehr feinfühligen und gleichzeitig äusserst selbst ironischen Charakterisierung seines Hauptdarstellers  – auf sehr humorvolle, aber intellektuell anspruchsvolle Weise. Gleichzeitig spürt der Leser Virgile’s grosse Liebe zu seiner Stadt :

« Wenn man die kulturelle, menschliche und ästhetische Wüste der Kleinstädte in der Banlieue oder in der Provinz kennengelernt hat, so ist Paris eine wahre Oase. Man darf nicht in Paris aufgewachsen sei, um in diese Stadt verliebt zu sein, wie man arm gewesen sein muss, um den Wert des Geldes zu schätzen. »

Und genau diese Pariser Oase könnte keine bessere Kulisse sein für Martin Page’s grandiosen komödiantischen Roman, der nicht nur eine ideale Spätsommerlektüre ist, sondern sich auch als sehr gute Grundlage für einen Woody-Allen-Film eignen würde !

Durchgelesen – „Schweine züchten in Nazareth“ v. Amanda Sthers

Kann man vor seinen Gefühlen fliehen? Ist es eine Alternative, Schweine in Israel zu züchten, statt sein Leben als erfolgreicher Kardiologe in Paris zu verbringen ? Dürfen Ehefrauen keine Nervensägen sein und müssen Kinder immer so werden, wie es die Eltern wollen ? So viele Fragen, doch dazu gibt es nur eine Antwort : Lesen Sie « Schweine züchten in Nazareth » von Amanda Sthers !

Amanda Sthers, ihr richtiger Name ist Amanda Queféllec – Maruani, wurde am 18. April 1978 in Paris geboren. Ihre Mutter stammt aus der Bretagne, ist Anwältin und katholisch. Sie tritt extra zum jüdischen Glauben über, um den Vater von Amanda Sthers, einen jüdisch-tunesischen Psychiater, heiraten zu können. Amanda Sthers selbst hat zwei Kinder von ihrem ersten Mann, dem Sänger Patrick Bruel und lebt inzwischen in einer neuen Partnerschaft mit dem Sänger Sinclair, mit dem sie auch gemeinsame berufliche Projekte verfolgt. Amanda Sthers schreibt Chansons, Romane und Theaterstücke, wie zum Beispiel : « Le Vieux Juif blonde », durch das sie 2006 richtig berühmt wurde. Der aktuell nun in deutscher Übersetzung veröffentlichte Roman « Schweine züchten in Nazareth » erschien bereits in Frankreich 2010 unter dem Titel « Les Terres saintes ».

Selbst wann man kein Schweinefleisch isst, da es den Cholesterinspiegel ungünstig beeinflussen würde, und man sich gleichzeitig in einem Land befindet, das mit dem Schwein aus rein religiösen Gründen so seine Probleme hat, kann eine Schweinezucht trotzdem die perfekte Methode sein, um ein ganz neues Leben zu beginnen und somit den familiären Problemen zu entfliehen.

Und genau zu diesem Schritt entscheidet sich Harry Rosenmerck, einer der Hauptprotagonisten dieses sehr exzentrischen Romans. Er ist Kardiologe, geschieden und hat zwei erwachsene Kinder. Harry beschliesst, trotz der vehementen Kritik von Rabbi Moshe Cattan, Schweine in Nazareth zu züchten. Harry beachtet sämtliche Vorschriften und  Bedingungen : die Schweine dürfen den Boden des heiligen Landes auf keinen Fall berühren und werden deshalb in Ställen mit einer sogenannten Pfahlkonstruktion gehalten. Harry’s Schweine werden zu Speck verarbeitet, welchen er dann an ein Restaurant in Tel Aviv liefert. Laut Harry’s Recherchen, könnte man sie aber auch zur Terrorismus-bekämpfung einsetzen, wobei man Schweineblut abgefüllt in die städtischen Busse hängt und somit die Terroristen bei einem Anschlag mit diesem Blut beschmutzt werden und dadurch unrein sind und von jeglicher Aufnahme ins Paradies nur noch träumen können. Doch Rabbi Moshe ist in jeglicher Hinsicht schockiert. Es entwickelt sich zwischen diesen beiden Herren ein sowohl politischer, aber auch emotionaler Schlagabtausch in Form eines Briefwechsels :

« Lieber Herr Rosenmerck,

ich sehe, dass ich Sie mit meiner Bitte, sich zu waschen, gekränkt habe. Erlauben Sie mir bitte, mich dafür zu entschuldigen. Ich will Sie nicht deshalb in die Jeschiwa einladen, um Ihnen Ihre Tefillin anzulegen. Unsere Religion, wie Sie sehr wohl wissen, zeichnet sich nicht durch Bekehrungseifer aus, vor allem nicht gegenüber Menschen, die bereits Juden sind. (Sind Sie es tatsächlich, wenn Sie nicht beschnitten sind ? Mit dieser Frage muss ich mich noch auseinandersetzen.)

Besuchen Sie mich, Herr Rosenmerck. Ich kann nicht zu Ihnen kommen. Es ist mir nicht gestattet, mit der Schweinerasse in Kontakt zu treten.

Mit freundlichen Grüssen, Moshe Cattan, Rabbi von Nazareth»

Aber nicht nur Harry und Rabbi Moshe führen einen kuriosen und lebhaften Briefwechsel, auch die anderen Mitglieder der Familie Rosenmerck tauschen sich in dieser Form aus, oder treffender formuliert : sie beschimpfen und kränken sich gegenseitig mit Briefen und Mails.

Harry ist nämlich seit dem Outing seines Sohnes David verstummt.  Er redet nicht mehr mit ihm, bzw. antwortet nie, obwohl David unermüdlich Briefe an seinen Vater schreibt, in denen er um seine Liebe und Aufmerksamkeit bettelt, die durch seine Liebesbeziehung mit einem Mann vollkommen abhanden gekommen ist. David ist ein in Paris gefeierte Theaterautor und widmet seinem Vater extra ein Theaterstück mit dem Titel « Schweine züchten in Nazareth ».

Annabelle ist Harry’s Tochter. Sie lebt in New York und ist ständig in viel zu alte Männer verliebt, die sich nie für sie von ihrer Frau trennen würden. Sie durchlebt einen dauerhaften bzw. immer wiederkehrenden Liebeskummer und macht deshalb seit Jahren eine Therapie. Doch durch eine Besuch bei ihrem Vater in Israel entdeckt sie ganz neue Seiten an sich.

Und dann gibt es noch Monique Duchêne, die Ex-Frau von Harry Rosenmerck, die ständig an Annabelle herummäkelt und endlich hofft, dass sie einen Mann bekommt, den sie verdient. Monique sieht eigentlich nur die Intelligenz ihrer Tochter und interessiert sich nicht wirklich dafür, was in ihrem Herzen vorgeht. Sie ist keine Mutter, die trösten kann, denn dazu ist sie selbst viel zu neurotisch. Doch auch sie schreibt ihrem Ex-Mann immer wieder Briefe, weil sie ihn wahrscheinlich doch noch ein wenig liebt, weil er der Vater ihrer Kinder ist und weil sie plötzlich sehr krank wird…

« Schweine züchten in Nazareth » ist eine höchst vergnügliche, aber gleichzeitig auch melancholische  Geschichte, um eine irgendwie verrückte und trotzdem nicht ganz unrealistische Familie. Der Roman hat sehr viele autobiographische Züge, denn wie Amanda Sthers Mutter, tritt auch Monique für Harry extra zum jüdischen Glauben über. Amanda Sthers gelingt es mit ihrer Briefroman-Technik ein Feuerwerk an guten und schlechten Gefühlen so raffiniert und authentisch zu präsentieren, als wäre sie der Regisseur eines Films oder Theaterstücks. Alle Protagonisten beschimpfen sich, streiten sich, lieben sich und versuchen sich zu versöhnen. Den Rahmen für diese skurrile und teilweise extrem komische Geschichte bildet die trotz aller Probleme entstehende und reifende Freundschaft zwischen dem Rabbi Moshe und Harry. Denn auch hier geht es um Versöhnung und Anerkennung.

Amanda Sthers hat ein fantastisches Gespür für die Psyche der Menschen. Sie kann glänzend mit der Sprache umgehen, spielt mit Ironie und lakonischen Redewendungen und verleiht dadurch ihren Briefen eine bewusst gesteuerte Direktheit, die diesen Roman so unglaublich lebendig und trotz aller Tragik unterhaltsam macht. Amanda Sthers gibt uns aber auch gesellschaftskritische und politische Einblicke in das Land Israel und öffnet mit ihrem wunderbaren Humor neue Türen bezüglich Freundschaft und Aussöhnung.

« Schweine züchten in Nazareth » ist eine äusserst geistreiche und bewegende Liebesgeschichte, bei der man sich wünscht, das sie nie enden würde ! Ein Roman, der berührt, aufklärt, Glück verbreitet, lautes Lachen auslöst und zum Nachdenken anregt. Kurzum ein wunderbares Buch von einer sehr begabten Autorin !

Durchgelesen – „Die Filmerzählerin“ v. Hernàn Rivera Letelier

Kann man das Kino in eine Art Erzählstunde verwandeln ? Bleibt da nichts auf der Strecke, die Bilder, die Ausstattung, das Licht etc. ? Hernàn Rivera Letelier zeigt uns in seinem kleinen, aber sehr starken Roman «  Die Filmerzählerin », was es bedeutet einen Film im Kino sehen zu dürfen und welche Wirkung und Folgen es haben kann, diesen Film erzählenderweise mit Anderen zu teilen.

Hernàn Rivera Letelier wurde 1950 in Talca – Südchile – geboren und wuchs als Kind in der Atacama-Wüste im Norden des Landes auf. Er war begeistert von Literatur und Büchern und besuchte in seiner Jugend als einziger die Werksbibliothek der Minensiedlung. Aufgrund von Armut hatte er im Alter von 21 Jahren mit dem Schreiben begonnen und sofort mit einem Gedicht an einem Preisausschreiben des örtlichen Radioprogramms teilgenommen. Der Hauptpreis war nämlich ein Abendessen in einem feinen Restaurant. Er gewann diesen Wettbewerb mit einem vierseitigen Liebesgedicht und gehört heute zu den meistgelesenen spanischprachigen Schriftstellern !

Der Roman « Die Filmerzählerin » spielt in einer Minensiedlung in der chilenischen Atacama-Wüste. Maria Margarita, ein zehnjähriges Mädchen, ist die Hauptakteurin dieses sprachlich sehr eleganten Buches. Sie lebt mit ihrem Vater, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist und von seiner schönen Frau verlassen wurde, mit ihren vier Brüdern. Jeder der Familie, ausser dem Vater, hat seine Aufgaben. Die Männer arbeiten im Salpeterabbau und die Frauen sollen sich um den Haushalt kümmern. In diesem Fall versucht Maria diese Rolle zu übernehmen, aber nicht nur diese.

Das einzig Schöne, was diese Siedlung zu bieten hat, ist das Kino. Der Vater trifft immer die Filmauswahl. Doch da das Geld nur für eine Eintrittskarte reichte, wurden Maria und ihre Brüder jeweils einzeln in das Kino geschickt, um den Film anzusehen, nein man sollte treffender sagen, um ihn aufzusaugen. Denn anschliessend musste jeder diesen Film der Familie ganz genau erzählen. Den internen Familien-Wettbewerb hat Maria für sich entschieden und durfte ab diesem Zeitpunkt nun immer als Einzige in das Kino.

Maria spielte mit Herz und Seele, machte Stimmen nach, benutzte Requisiten und schminkte sich, um den Film so realitätsnah wie möglich wiederzugeben. Die Familie war begeistert, der Vater bestätigt, dass er das richtige Kind für diese Aufgabe ausgesucht hatte. Auch die anderen Bewohner der Siedlung beobachteten die Film-Erzählabende und wurden immer neugieriger. Der Vater lud nun auch Freunde ein und ein Gast meinte, man könnte daraus sogar ein Geschäft machen und Eintritt verlangen. Doch man einigte sich auf freiwillige Spenden und somit wurde Maria zur professionellen Filmerzählerin :

„Der « Saal » füllte sich mit Kindern und Erwachsenen, Männern und Frauen. Darunter welche, die sahen sich erst den Film im Kino an, kamen dann zu uns und liessen ihn sich erzählen. Und sagten, wenn sie gingen, der Film, den ich erzählt hätte, sei besser gewesen als der, den sie gesehen hatten. „

Ja und so verwandelte sich das Wohnzimmer in einen Kinosaal und Maria fand immer mehr Spass und Freude an ihrer besonderen Aufgabe und vor allem an ihrem außergewöhnlichem Talent. Es ging so gar soweit, dass sie nun auch von anderen Leuten engagiert wurde, vor allem dann wenn das örtliche Kino keinen Film bieten konnte.

Doch eines Tages wird Maria von einem komischen Mann, dem Geldverleiher der Siedlung, zum Filmerzählen « bestellt ». Normalerweise begleitete sie immer ihr Bruder, doch diesmal hatte sie ihn gehen lassen und die Lage entwickelte sich seltsam. Maria sollte sich auf den Schoss des Mannes setzen, um den Film besser erzählen zu können. Doch die Situation spitzt sich zu und es passieren ganz schreckliche Dinge…

« Die Filmerzählerin «  ist ein wunderbar poetisches Buch, mit einem Sinn für das ganz Besondere ! Letelier zeigt sehr vorsichtig, aber trotzdem mit einer emotionalen Wucht die Armut dieser Menschen und ihre daraus entstehenden Probleme. Es beginnt wie in einem Märchen mit einem zarten Zauber, der diese doch schwierigen Lebensbedingungen dank der faszinierenden Wortbilder eher positiv und humorvoll beschreibt. Der Leser ist begeistert von dieser bemerkenswert schönen Begabung des Filmerzählens, einer Kunst, die das Leben lebenswert macht, Freude bereitet und die Menschen auf magische Weise kurzfristig in eine andere und vor allem bessere Welt versetzt.

Letelier charakterisiert mit seinen prägnant klaren Sätzen eingebettet in 44 Kapiteln die einzelnen Lebensschicksale. Wir nehmen Teil an den erzählten « Kinoerlebnissen » und spüren auch die Tragik und die Enttäuschung, die das Leben nicht nur von Maria, sondern auch das ihrer Brüder bestimmen werden.

« Die Filmerzählerin » ist nicht nur ein ideales Buch für Cineasten, die diese Lektüre sicherlich besonders geniessen werden. Es ist aber auch ein Werk für jeden anspruchsvollen und neugierigen Leser, der beim Schmökern dieses Romans nicht nur Buchstaben, sondern bereits nach dem ersten Kapitel eine Filmszene vor Augen haben wird, denn Lesen ist wie Kino, nur im Kopf !

Durchgelesen – „Meine Krönung“ v. Véronique Bizot

Gewiss ist man glücklich über eine Auszeichnung! Aber freut man sich auch dann noch, wenn man bis jetzt eigentlich mehr oder minder in Vergessenheit geraten war, sein Leben bereits gelebt hat und man am liebsten nur noch seine Ruhe möchte. Genau dann kann eine Ehrung oder Auszeichnung sogar zu einem echten Problem werden, vor dem sich nur sehr schwierig flüchten lässt! Alt sein hat Vorteile so lange man machen kann, was man will. Doch was passiert, wenn man im Alter plötzlich wieder entdeckt wird und das Telefon nicht mehr still steht?

Genau diese spannende Frage beantwortet Véronique Bizot in ihrem sehr originellen Erstlings-Roman „Meine Krönung“ (Mon couronnement), der ganz aktuell in deutscher Übersetzung vorliegt. Sie hat vorher bereits mehrere Novellen veröffentlicht und mit dem Buch „Meine Krönung“ zwei der wichtigsten französischen Literaturpreise erhalten: 2010 den Grand Prix du Roman der französischen Schriftstellervereinigung und den Prix Lilas – ein Preis für Frauen von Frauen, der in dem berühmten Pariser Literaten-Bistrot La Closerie de Lilas in Paris jedes Jahr verliehen wird. Véronique Bizot ist 1958 geboren. Sie lebt und arbeitet als Journalistin in Paris.

Der Protagonist und Ich-Erzähler dieses Romans ist der 89 Jahre alte Wissenschaftler Gilbert Kaplan. Ein Mann, der viel erlebt hat, verheiratet war, einen Sohn gezeugt hat und dessen Frau sich aus dem Fenster seines Landhauses gestürzt hat. Und jetzt soll er für eine frühere Entdeckung ausgezeichnet werden, an die er sich kaum mehr erinnern kann. In einem Labor hatte er so einiges erforscht, aber jetzt nach so vielen Jahren der Stille und Zurückgezogenheit, steht er plötzlich im Mittelpunkt. Die Presse steht vor seiner Tür, bedrängt ihn unaufhörlich und Monsieur Kaplan möchte eigentlich nur flüchten, doch wohin?

Als „Fluchthelferin“ eignet sich am besten seine Haushälterin und Lebensbegleiterin Madame Ambrunaz, eine ältere, aber äusserst beharrliche Frau, die sich immer wieder etwas neues einfallen lässt und wenn es nur die berühmten Linsen sind, die sie für Monsieur Kaplan ständig kocht:

Am Ende sind die Leute dann doch irgendwann gegangen, und ich war wieder allein in der Wohnung, mit Madame Ambrunaz, die in der Küche Linsen kochte, ich hörte das Rasseln der Linsen beim Waschen, ich dachte, dass man die Linsen aus Le Puy, die ich immer im Supermarkt kaufe, gar nicht zu waschen braucht und dass ich sie obendrein heute Abend ganz bestimmt nicht essen würde.“

Aber nicht nur die Linsen, auch seine Gedanken und Erinnerungen an frühere Zeiten sind eine Art Flucht. Dann taucht auch noch sein jüngerer Bruder auf, dessen letztes schriftstellerisches Werk er noch gar nicht richtig bewundert hat. Gilbert Kaplan wird immer unruhiger je näher der Tag seiner „Krönung“ rückt. Um die Zeit bis zur Preisverleihung zu verkürzen und sich nicht ständig dem Ansturm der Journalisten aussetzen zu müssen, schlägt Madame Ambrunaz eine Reise vor, und zwar nach Le Touquet – ein kleiner Ort am Meer der im Departement Calais liegt. Sie versucht alles, um Monsieur Kaplan zu unterstützen und aus seiner Lethargie, vor allem aus seiner ganz speziellen äusseren und inneren Unordnung herauszuholen. Es geht soweit, dass sie sich sogar um ein gemeinsames Grab für sich und Monsieur Kaplan gekümmert hat. Mme Ambrunaz ist eine ganz besondere Frau, die sich vor nichts bzw. niemanden beirren lässt, auch nicht von einem grantigen und schwermütigen Wissenschaftler. Doch die grösste und am meisten unerwartete Überraschung, die sie ihm jemals bereiten konnte, passiert ganz unvorhergesehen kurz vor der Preisverleihung….

„Meine Krönung“ ist der Roman eines verbitterten alten Mannes, eines Misanthropen, der in einem Appartement in der Rue Saint-Lazare in Paris wohnt und nur in Ruhe gelassen werden möchte, was schon ein wunderbar gelungener Widerspruch an sich ist. Denn die Rue Saint-Lazare, die direkt zum Gare St. Lazare führt, ist alles andere als ruhig, vollkommen hektisch und laut. Hier spüren wir schon die leichten Spötteleien über Ruhe, Alter und Menschenfeindlichkeit, welche die Hauptperson irgendwie sympathisch werden lassen. Der Roman hat einen unglaublich feinen Humor, der durch die beeindruckend beschriebene Interaktion zwischen Gilbert Kaplan und seiner bezaubernd komischen Haushälterin Madame Ambrunaz erst seinen Höhepunkt erreicht.

Mit einem  sehr subtil eingesetzten Sarkasmus zeigt uns Véronique Bizot dieses gelebte Leben, das von einer ausgebremsten Lebendigkeit erzählt, wie es Thomas Bernhard nicht besser beschreiben könnte. Die Kunst der ständigen Verkürzung ist das raffinierte Stilmittel dieses kleinen Romans. Der Leser erfährt immer nur alles in abgespeckter Form, zum Beispiel nicht die genauen Gründe des Selbstmordes seiner Frau, aber auch nichts über die eigentliche wissenschaftliche Arbeit, für die der Protagonist in diesem Buch einen Preis bekommt. Somit überraschen sich nicht nur die Figuren in dem Werk gegenseitig, auch der Leser  wird ständig durch neue Ereignissen verblüfft. „Meine Krönung“ ist gleichzeitig ein leichtes und intensives Buch. Ein Roman voller Witz, aber auch einer gewissen Härte, die uns erwarten könnte, wenn wir alt sind.

Durchgelesen – „Acht Wochen verrückt“ v. Eva Lohmann

Sind wir nicht alle ein wenig verrückt? Oder wissen wir nur nicht, ob wir verrückt sind? Denn was heisst eigentlich normal sein? Ist normal wirklich das Gegenteil von verrückt? Es gäbe noch Tausende von ähnlichen Fragen, die sich jeder sicherlich schon einmal in seinem Leben gestellt hat. Doch was passiert, wenn man spürt, dass wirklich nicht mehr alles so ist, wie es eigentlich sein sollte. Wenn der Körper streikt, der Geist nur noch müde ist und man sich in einer Traurigkeit befindet, die nicht enden möchte. Diesen Zustand kennt die Autorin Eva Lohmann sehr gut, und hat uns mit ihrem Erstlingsroman „Acht Wochen verrückt“ ein grandioses Werk geschenkt, das nicht besser in die sogenannte tadellos funktionierende Welt passen könnte.

Eva Lohmann, geboren 1981, arbeitet als Innenarchitektin und Werbetexterin in Hamburg. Sie hatte nach Depressionen und Burn-Out selbst einen Zusammenbruch und wurde in eine psychosomatische Klinik eingewiesen. Dort hat sie sehr genau Tagebuch geführt, welches letztendlich als Grundlage für diesen ersten autobiographischen Roman diente. Eva Lohmann nimmt uns mit auf eine Reise in eine ganz andere Welt und stellt uns als alter Ego die Hauptfigur Mila ihres ersten Romans vor.

Mila, eine junge Frau Ende zwanzig, erfolgreich mit einem gut bezahlten Job inklusive Beförderung, einem netten Partner und vielen Freunden, wird an einem Donnerstag in einer psychosomatischen Klinik aufgenommen. Seit Wochen, ja fast schon Monaten war sie zu nichts mehr in der Lage. Zuerst funktionierte Mila nur noch vor allem in ihrem stressigen Job, dann wurde ihr alles zuviel, selbst die Hausarbeit. Sie hatte keine Lust mehr auszugehen, sie lag am Liebsten nur noch im Bett und gab sich ihrer nicht mehr enden wollenden Traurigkeit hin. Sie hofft nun auf Hilfe und wundert sich, als sie in dieser Klinik ankommt, dass die Einrichtung zuerst mehr einem Hotel als – wie man im Jargon so schön sagt – der Klapse ähnelt.

Das „neue“ Leben in der Klinik am See beginnt langsam. Nachdem sie ihr Zimmer zugeteilt bekam und ihre magersüchtige Zimmergenossin Clara kennengelernt hat, versucht sie ein wenig zur Ruhe zu kommen. Sie entdeckt den Klinikgarten und beobachtet ihre anderen Mitpatienten. Zwei Tage später hat sie ihre erste Sitzung bei ihrem Therapeuten Dr. Hennings:

„Er hält mir die Hand hin und sieht nett aus. Gross, grauhaarig, mit einem kleinen Bart und um die vierzig. Auf eine bestimmte Weise sogar attraktiv, solange man seinem Kleidungsstil keine Beachtung schenkt. Mein zukünftiger Therapeut trägt praktische Ledersandalen, Trekkinghosen und – ein gebatiktes Shirt.“

Trotz seines „Kleidungsstils“ wird Dr. Hennings während der nächsten Wochen für Mila der wichtigste Ansprechpartner in dieser Klinik. Sie erkennt durch seine Hilfe, dass hinter ihrer Depression noch viel mehr steckt und ein Burn-Out selten allein auftritt. Es wird ihr bewusst, dass ihre körperlichen Schmerzen, die sie mit allerlei Tabletten zu bekämpfen versucht hatte, rein psychosomatische Schmerzen sind. Der regelmässige Tablettenkonsum, um immer zu funktionieren, hat sie bereits in eine Abhängigkeitsspirale befördert, die sie selbst nicht hätte durchbrechen können. Deshalb werden die Schmerzpillen konfisziert und Mila darf dafür nur noch ein Antidepressiva schlucken, das die ersten Tage ausser blöden und nicht ganz ungefährlichen Nebenwirkungen nichts zu bieten hatte. Nach zwei Tagen ist der „Drogentrip“ jedoch vorbei und der Körper hat sich endlich an die Substanz gewöhnt. Mila ist immer noch traurig, fängt aber trotzdem langsam an, ihre Seele und deren Bedürfnisse mit Dr. Hennings Hilfestellung zu entschlüsseln.

Trotz ihrer Depression fühlt sich Mila im Vergleich zu ihren Mitpatienten eher als total „normal“. Betrachtet man beispielsweise Katharina, die nach einem Jahr Trennung von ihrem Freund immer noch ständig weint, oder denkt man an Ron – verheiratet und zweifacher Familienvater -, der sich als Frau in einem Männerkörper fühlt und nicht weiss, wohin mit diesen Empfindungen. Doch am Meisten geschockt ist Mila von ihrer Zimmernachbarin Carla, als diese eines Tages ihren Koffer packt, da sie in ein richtiges Krankenhaus sprich Psychiatrie wechseln muss, denn ihr Gewicht ist auf lebensbedrohliche Weise gesunken, was nur noch mit Zwangsernährung verhindert werden kann.

Im Laufe dieser acht Wochen lernt Mila, die Ich-Erzählerin, nicht nur neue Freundschaften schliessen. Nein, sie erkennt, dass sich hinter ihrer Depression auch eine Tablettensucht versteckt und ein nicht unbedeutender Vaterkomplex begründet ist. Mila fängt in dieser Zeit an sich selbst und ihre Gefühle zu akzeptieren. Sie wird sensibler, aber auch mutiger, vor allem was ihre Familie und die Jobfrage betrifft…

„Acht Wochen verrückt“ ist ein geniales Buch. Es zeigt zum ersten Mal, vollkommen schonungslos, aber trotzdem sehr differenziert und feinfühlig, die Erfahrungen eines Menschen, der an seine psychischen Grenzen kommt und sich traut, Hilfe zu verlangen und anzunehmen. Mit viel Humor und Witz, aber auch mit grossen Respekt beschreibt Eva Lohmann die psychischen Probleme, die jeden Menschen in der heutigen Zeit ereilen können. Sie schafft es aufgrund ihrer eigenen Erfahrung und mit Hilfe ihres autobiographischen Romans tiefe Einblicke in die Welt der „Verrückten“ zu gewähren, die man als Beobachter von Aussen nie so beschreiben könnte. Besonders ihre Fähigkeit, die Menschen und ihre Stimmungen zu beobachten, sie aber nicht zu bewerten, geschweige denn ins Lächerliche zu ziehen, zeugt von einer grossen sprachlichen Begabung.

„Acht Wochen verrückt“ ist ein Roman, der nicht schockt, obwohl er ein Tabu bricht. Dieses Buch schiebt Klischees beiseite, konfrontiert den Leser mit der „echten“ Realität und fordert uns auf, das Thema – Psychische Erkrankungen – neu und mit mehr Offenheit zu betrachten. Eva Lohmann ist ein grosser – trotz seiner nur 190 Seiten –  Erstlingsroman gelungen, der vielleicht nicht von „Verrückten“ in einer normalen, sondern eher von „Normalen“ in einer verrückten Welt erzählt. „Acht Wochen verrückt“ ist ein sehr zu empfehlendes Buch für alle Menschen, ob „Normal“ oder „Verrückt“, ab vor allem für diejenigen, die noch nicht wissen, wie man den sogenannten „Verrückten“ in der heutigen Gesellschaft begegnen sollte!

Durchgelesen – „Wir werden zusammen alt“ v. Camille de Peretti

Lassen Sie uns ganz unvoreingenommen hinter die Türen eines Altersheimes blicken, und Sie werden feststellen, dass das Alter weder einfach, noch kompliziert ist und weder langweilig, noch kurzweilig sein muss. Eines ist jedoch wahr, dass alt werden und alt sein mit Glück und Geheimnis verbunden sind. Umso faszinierender ist es für uns Leser – dank Camille de Pretti, die für uns in ihrem Roman „Wir werden zusammen alt“ 64 Türen einer französischen Seniorenresidenz öffnet – diesen Lebensabschnitt auf äusserst sensible, aber durchwegs sehr humoristische und direkte Art zu entdecken.

Camille de Peretti ist 1981 in Paris geboren, studierte Philosophie, arbeitete im Finanzbereich einer Bank und war Fernsehköchin für französische Küche in Japan. Inzwischen lebt sie als freie Schriftstellerin in Paris. Ihr erster Roman „Thornytorinx“ erschien 2005, danach folgte 2006 „Nous sommes cruels“ und 2008 „Nous vieillirons ensemble“, der durch die geniale Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel nun mit dem Titel „Wir werden zusammen alt“ erstmals auf deutsch erscheint.

Der Roman spielt in einem Pariser Altersheim namens „Les Bégonias“ und  ist nach einer besonderen literarischen Technik konzipiert, die auch am Ende des Buches sehr genau und detailliert beschrieben wird. Der Struktur des Textes liegt ein literarisches Virtuosenstück von Georges Perec zu Grunde, nämlich dem Werk „Das Leben . Gebrauchsanweisung“, welches für einen Tag ein Mietshaus öffnet, als wäre es nur der  Querschnitt des Gebäudes ganz ohne Mauern und wo der Leser alles über die Wohnungs-einrichtungen und die Bewohner verfolgen kann. Die Grundbasis dazu war ein Schachbrett, mit 10 mal 10 Feldern und jedes Feld entspricht einem Zimmer oder Teil des Gebäudes. Camille de Peretti hat dieses System übernommen und das Erdgeschoss dieses Altersheims zu einem Schachbrett mit 8 mal 8 Feldern eingeteilt. Somit entstehen insgesamt 64 Kapitel  bzw. Räume, welche nicht klassisch angeordnet, sondern nach dem sogenannten Rösselsprung (wie im Schachspiel zwei vor, einer seitlich oder umgekehrt) eingeteilt werden. Infolgedessen bewegt sich der Leser quasi für einen Tag von morgens 9.00 Uhr fast jede viertel Stunde bis 00.45 Uhr  von einem Raum zum Nächsten.

Während dieses literarisch und stilistisch virtuosen Rundgangs lernen wir die Bewohner, Besucher und Mitarbeiter dieser Seniorenresidenz kennen. Da gibt es zum Beispiel die drei alten Damen Madame Alma, Madame Buissonette und Madame Barbier. Irgendwie können sie sich nicht leiden, aber sie können auch nicht ohne die jeweils andere. Wir lernen Geneviève Destroismaisons kennen, die man als Baronin bezeichnet, obwohl sie gar keine ist. Sie ist die jüngste Bewohnerin und lebt hier, obwohl das Altersheim keine geeignete Einrichtung für Alzheimer-Kranke ist. Aber dafür wohnt ihr Mann gleich in der Nähe und kümmert sich rührend um seine geliebte Frau. Thérèse, eine eher zurückhaltende und feine alte Dame findet hier in „Les Bégonias“ die Liebe ihres Lebens. An Bord dieser Residenz ist auch noch der selbsternannte Kapitän Dreyfus, der Madame Alma und den zwei anderen Damen immer irgendwelche Anweisungen gibt, damit sie sich auch hier auf dem „Alten-Schiff“ richtig benehmen.

Auch das Personal ist bei dieser spannenden Truppe ganz schön gefordert. Philippe Drouin, der Direktor dieses Altenheims, ist Junggeselle und sammelt Briefmarken, seitdem er sich über das Verschwinden seiner ehemaligen Freundin hinwegtrösten muss. Er ist ständig in Alarmbereitschaft und kümmert sich vorwiegend um die grossen Probleme, wie zum Beispiel um die defekte Kühlung, die so einiges Chaos verursacht, nachdem die Leiche einer Bewohnerin zu wenig gekühlt wurde und nun überall Ameisen herumlaufen.

Die Besucher kommen und gehen, manchmal nur für zehn Minuten, andere erst nach vier Wochen. Alle haben immer irgendwie ein schlechtes Gewissen, dass sie sich zu wenig um die Alten kümmern. Wie zum Beispiel Camille, die ihre Tante immer in „Les Bégonias“ besucht, und feststellt, dass sie all dies, was ihre Tante für sie getan hat, niemals wiedergutmachen könnte. Hier spürt der Leser eindeutig die auto-biographischen Züge des Romans und die echten Erfahrungen, die Camille de Pretti selbst gemacht hat, als sie ihre Großtante in einem Altersheim regelmässig besuchte.

Wir werden zusammen alt“ ist ein sprachliches und literarisches Kunststück, ja fast schon ein Kunstwerk, welches mit Witz, Humor, Ironie und ungeschönter Klarheit ein sehr brisantes und nicht unbedingt einfaches Thema beschreibt. Wer möchte schon gerne alt werden, wer freut sich auf das Alt sein und wer sehnt seinen Lebensabend in einem Altersheim herbei? In diesem Roman werden viele Schicksale beschrieben, doch auch wenn sie vielleicht im ersten Moment eher traurig und deprimierend erscheinen, löst Camille de Peretti mit ihrer unglaublichen Virtuosität und ihrem Charme beim Leser nicht nur Schmunzeln, sondern lautes Lachen aus. Man sollte dieses Buch langsam lesen, sich mit grosser Aufmerksamkeit auf diesen besonderen Rundgang durch ein mit herrlich französischen Flair ausgestattetes Altersheim begeben und jede Zeile dieses hervorragenden Schreibstils aufsaugen. Vielleicht können wir uns mit Hilfe dieses wunderbaren Romans einer dreissig Jahre jungen Schriftstellerin auf das unverhinderbare alt werden vorbereiten, es versuchen anzunehmen, um letztendlich das alt sein mit Lust und Freude zu geniessen, bevor es zu spät ist!

Durchgelesen – „Die Silikonliebhaber“ v. Javier Tomeo

„Die Silikonliebhaber“ könnte im ersten Augenblick vielleicht ein erotischer, fast schon ein „pornographischer Groschenroman“ sein. Doch hinter diesem kurzen Roman (gerade mal 140 Seiten) steckt eine eher hintergründige, scheinbar etwas schamlose, aber nicht weniger intellektuelle literarische Satire, die den Leser mit dem Thema – Sexualität – offen konfrontiert.

Javier Tomeo, geboren 1932, studierte Jura und Kriminologie. Er gehört zu den meistübersetzten spanischen und meistgelesenen europäischen Gegenwartsautoren. 1994 wurde er mit dem Premio Aragon ausgezeichnet und lebt heute als Schriftsteller in Barcelona.

„Die Silikonliebhaber“ ist ein Roman im Roman, das heisst, die eigentliche Geschichte ist eingebettet in eine Rahmenhandlung. Und in dieser Rahmenhandlung erhält der Ich-Erzähler, selbst Schriftsteller, von seinem Freund Ramòn M. das Manuskript seines Romans, das in fünf Teillieferungen zugestellt wird, welche er auch noch gründlichst korrigieren soll. Und das ist bei dieser eher ungewöhnlichen, um nicht zu sagen schrägen Geschichte, eine besondere Herausforderung.

Die eigentliche Geschichte handelt von Basilio und Lupercia – einem Ehepaar mittleren Alters-. Basilio liebt Opern und Lupercia ist dem Alkohol sehr nahe. Sie betreiben zusammen ein kleines Kurzwarengeschäft, was auf Reizwäsche spezialisiert ist. Sie wohnen in einer Drei-Zimmer-Wohnung, die hauptsächlich von einem riesigen Flachbildfernseher dominiert wird und sie schlafen in getrennten Zimmern, da sie keine sexuelle Beziehung mehr miteinander haben. Doch es gibt eine Alternative für die sexuell unbefriedigten Seelen: zwei Puppen aus Silikon. Lupercia tröstet sich mit «Big John» und Basilio mit «Marylin»:

„Die eine Puppe heisst Marylin und verliess vor erst sieben Monaten die Fabrik…  . Sie wiegt etwas über zehn Kilo, ist schwarzhaarig, hat mandelförmige Augen… . Marylin gehört zur dritten Generation des Sexpuppentyps Minerva HP-457 und verfügt, abgesehen von den Alkalibatterien, über weitere charakteristische Eigenschaften, die sie von ihrem Vorgängermodellen unterscheiden.“

Daneben kann Marylin noch die bedeutendsten Arien aus der Opernwelt im Originaltext singen und mit lateinischen Zitaten punkten. Lupercias Puppe mit dem Namen Big John ist ebenfalls mit den wichtigsten und neuesten Programmen ausgestattet, die jedes Frauenherz höher schlagen lassen und die Lust dadurch unendlich steigern. Kurzum sie sind beide mit jeglich erdenklichen technischen Firlefanz ausgerüstet, der ihre konservativen Besitzer glücklich machen soll. Doch eines Tages, als Basilio und Lupercia am Abend nach Hause kommen, entdecken sie ihre Puppen auf dem Sofa in einer sehr eindeutigen Situation bzw. Stellung. Die Puppen haben sich ineinander verliebt. Marylin findet die Manneskraft von Basilio sowieso zu klein und lacht ihn nur noch aus; und auch Big John ist frustriert von Lupercia:

„«Wenn ich ehrlich sein soll» gesteht Big John mit gesenktem Blick, «dann muss ich dir sagen, dass es mir mit dir noch nie so richtig gefallen hat. All mein Gestöhn war nichts als Komödie…».“

Nach dieser Entdeckung wird Marylin in den Wandschrank verbannt. Lupercia versucht Big John noch einmal aus der Reserve zu locken, und ihn zu fragen, wer besser ist, sie oder die andere Puppe. Doch er liebt Marylin. Daraufhin sticht Lupercia – ziemlich alkoholisiert –  ihm mit dem Messer in den Rücken und die Luft entweicht langsam aber sicher aus seiner Wunde. Wird Big John überleben, kann Marylin ihn retten, werden sie zusammen glücklich? Gibt es ein Happy-End….. ?

Der Ich-Erzähler hat sich bemüht diese Geschichte bis zum Schluss aufmerksam zu lesen, jedoch hat er nicht an seiner Kritik zwischen den einzelnen Lieferungen gespart. Für ihn ist das Ende nicht wirklich durchdacht und überhaupt ist er mit dem ganzen Werk unzufrieden:

„Ich jedenfalls bleibe bei meiner Meinung: hier handelt es sich um eine Geschichte, die unerträglich ist. Absolut inakzeptabel, sogar heutzutage, wo sowieso schon so viel Unsinn gelesen wird. Schlecht ausgedacht, schlecht ausgeführt, schlecht abgeschlossen.“

Der Leser könnte diese Meinung des fiktiven Herausgebers und Ich-Erzählers übernehmen. Doch wenn er genau hinter den schwarzen Humor und die sprachliche Kunst blickt und vielleicht auch noch zwischen den Zeilen liest, wird er feststellen, dass dies ein kleines poetisches Bravourstück ist. Tomeo hat aus dieser Geschichte eine mehr oder weniger erotische Persiflage gemacht, die sowohl direkte als auch indirekte Kritik an der heutigen Gesellschaft übt. Selbst die technisch hochentwickelten Puppen aus Silikon, die den Menschen nicht ersetzen können, stellen in diesem Roman die Freiheit des Menschen über alles. Das hat auch Marilyn immer wieder betont: „Libertas inaestimabilis res est“ („Die Freiheit ist ein unschätzbares Gut“). Das unterstreicht auch Tomeo’s Sprache, die frei, direkt, manchmal auch deftig, aber nie ordinär ist. Er schreibt raffiniert und äusserst komisch! Der Leser kann lauthals lachen, gleichzeitig verwundert den Kopf schütteln und wird nach der Lektüre vielleicht sogar ein wenig melancholisch zurückbleiben.