Gottfried Keller – Gedicht

Trübes Wetter

Es ist ein stiller Regentag,
So weich, so ernst, und doch so klar,
Wo durch den Dämmer brechen mag
Die Sonne weiß und sonderbar.

Ein wunderliches Zwielicht spielt
Beschaulich über Berg und Tal;
Natur, halb warm und halb verkühlt,
Sie lächelt noch und weint zumal.

Die Hoffnung, das Verlorensein
Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein,
Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.

Ich aber, mein bewußtes Ich,
Beschau‘ das Spiel in stiller Ruh,
Und meine Seele rüstet sich
Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.

Durchgelesen – „Der gute Psychologe“ v. Noam Shpancer

Gehen Sie bereits regelmässig zur Ihrem Psychotherapeuten ? Oder leben Sie mit Ihren Sorgen und Ängsten ganz alleine ? Vielleicht haben Sie bereits ernsthaft über eine Psychotherapie nachgedacht, doch Ihr Vertrauen gegenüber Psychologen ist nur noch nicht gross genug. Dies wird sich jedoch spätestens durch die Lektüre dieses äusserst informativen, klugen und humorvollen Romans « Der gute Psychologe » ändern.

Noam Shpancer wurde 1959 in einem Kibbuz geboren. Er ist Professor für klinische Psychologie an der Universität Ohio und arbeitet daneben als Therapeut in einer Klinik für Kognitive Therapie. Noam Shpancer ist spezialisiert auf Ängste, die in seinem Erstlingsroman « Der gute Psychologe »  – welcher nun ganz aktuell in deutscher Übersetzung vorliegt – erläutert und erfolgreich behandelt werden.

Die Hauptfigur in Noam Shpancer’s Roman ist – wie sollte es auch anders sein – der Psychologe, dessen Namen wir als Leser jedoch nie erfahren werden. Der Psychologe ist nicht nur Therapeut mit Spezialisierung auf Angstpatienten, die er in seiner eigenen Praxis empfängt. Er unterrichtet auch an der Universität als Dozent und versucht seinen Studenten zu erklären, was es bedeutet, ein « guter » Psychologe zu sein. Doch darüber hinaus ist er einfach Mensch, Mann und Single. Wobei er jedoch eine Tochter mit einer verheirateten Kollegin (Nina) hat, seine ehemalige grosse Liebe, die sich von ihrer Seite seit einigen Jahren aus privaten Gründen in eine rein fachliche Freundschaft verwandelte.

Der Psychologe kämpft oft mit seinen Gefühlen, vor allem dann wenn er an seine Tochter denkt. Aber Emotionen sind in der Praxis als Therapeut kein hilfreicher Ratgeber, sie sollten eher in den Hintergrund treten, damit er sich ganz neutral seinen Patienten widmen kann. Er arbeitet in der Regel nur bis drei Uhr nachmittags. Doch für eine neue Patientin, die als Tänzerin in einem Nachtclub arbeitet, macht er eine Ausnahme und empfängt sie Freitags um 16.00 Uhr :

« « Die Erfahrung einer Panikattacke ist sehr verstörend und abrupt, ohne erkennbaren Grund. Es gibt eine natürliche Neigung, einen äusseren Grund für diese Gefühle zu suchen. »
« Sie glauben, ich sei verrückt ? »
« Ich weiss nicht, was das ist. »
« Sie sind Psychologe und wissen nicht, was verrückt ist ? » »

Die Nachtclub-Tänzerin braucht Hilfe, sie kann nicht mehr tanzen, sie hat Angst vor jedem Auftritt. Der Psychologe ist mehr als gefordert, seine Patientin wieder in das « Leben » zurückzuführen. Er ist selbst überrascht, wie sehr ihn dieser Fall beschäftigt und auch sein ganz persönliches Leben beeinflusst. Glücklicherweise kann er sich immer bei Nina einen psychologischen Rat holen, der ihm hilft, selbst die richtigen Therapie-Entscheidungen zu treffen. Auch seine Studenten holen ihn sozusagen wieder auf den theoretischen Boden zurück, denn sie erwarten von ihrem Dozenten, nicht nur praktische Tipps, sondern eine fundierte psychologische Theorie. Und genau zwischen diesen doch sehr unterschiedlichen Welten – zwischen Praxis und Theorie –  lebt und arbeitet ein Psychologe. Er sollte stets bestimmte Richtlinien befolgen, um nicht seinen Gefühlshaushalt und den seiner Patienten vollkommen durcheinander zu bringen :

« Ein guter Psychologe hält Distanz und lässt sich nicht in die Ergebnisse seiner Arbeit verstricken. Die richtige Distanz erlaubt einen genauen und klaren Blick. Ein guter Psychologe überlässt die Sache mit der Nähe Familienangehörigen und geliebten Haustieren, und die Sache mit der Rettung überlässt er religiösen Bürokraten und Exzentrikern an Straßenecken. »

Diese und viele weitere theoretische Erkenntnisse erklärt er seinen Studenten. Doch auch ein guter Psychologe ist nicht davon gefeit, das Persönliche und das Professionnelle zu verwischen, was ungeahnte und gefährliche Konsequenzen mit sich bringen kann…

« Der gute Psychologe » ist ein ganz besonderes Buch. Verpackt in eine Art Sachbuch-Roman werden wir in die spannende Welt der Psychotherapie und der Ängste entführt. Brillant konzipiert erzählt uns Noam Shpancer die Geschichte einer Frau, einer Nachtclub-Tänzerin, die mutig genug ist, sich Hilfe bei einem Psychologen zu holen, um zu lernen, mit ihren Ängsten zu leben, statt sie zu unterdrücken. Wir werden Zeuge verschiedenster Therapiestunden, entdecken psychologische Zusammenhänge, spüren die Ohnmacht und das Gefühlsdurcheinander, aber auch die Hilfestellung und die psychologische « Heilung ». Der Leser entdeckt aber auch das Gefühlsleben – was übrigens auch Ängste beinhaltet –  des Psychologen, welches in der Regel jedem Patienten während der realen Therapie eher verborgen bleibt.

Und gleichzeitig habe wir die Möglichkeit an einem Mini-Studium in Psychologie teilzunehmen, was nicht nur Wissen und Informationen über Psychotherapie und Psychologie im Allgemeinen von Seiten des Dozenten beinhaltet, sondern wir werden Student und verfolgen die Probleme unserer Kollegen, die nicht nur psychologischer Natur sind.

Noam Shpancer ist ein brillantes Werk gelungen. « Der gute Psychologe » ist ein Roman, der die geheimnisvolle Welt der Psychotherapie öffnet, für jeden Menschen zugänglich macht, auch wenn er noch mutlos und voreingenommen sein sollte. Ein Roman, der verblüfft, Neugierde auslöst und hilft. Denn selten ist eine Psychotherapie so günstig, humorvoll, transparent und praktisch wie in diesem Buch. Lassen Sie sich einen « Lese-Termin » geben, Sie werden sehen, wie angenehm und befreiend es ist, bei diesem « guten Psychologen » Patient sein zu dürfen…

Durchgelesen – „Liebe“ v. Molly McCloskey

Die Liebe ist ein ganz besonderes Phänomen. Sie kommt entweder plötzlich und ganz heftig oder sie entwickelt sich aus Freundschaft langsam und stetig. Sie kann sich aber auch schleichend zurückziehen, um sich letztendlich sogar wieder vollkommen zu verabschieden. Liebe muss nicht automatisch ein starkes, lautes und euphorisches Gefühl sein. Liebe kann auch ganz dezent, leise und sehr diskret auftreten. Doch bei all diesen verschiedenen Liebesformen spielen Sehnsucht, Verzweiflung, Unglück und Trauer oft eine grosse Rolle.

Und genau von dieser, einer gar nicht kitschig-romantischen und gute Laune versprühenden, sondern eher melancholischen, schwierigen und erloschenen Liebe, erzählt uns Molly McCloskey in ihren aussergewöhnlichen und sehr zum Nachfühlen und Nachdenken anregenden Geschichten.

Molly McCloskey wurde 1964 in Philadelphia geboren und wuchs in Oregon auf. 1989 zog sie nach Irland, lebte zuerst zehn Jahre an der Westküste  und wohnt inzwischen in Dublin. Während ihrer Zeit in Irland arbeitete sie als freie Journalistin. Von 2006 bis 2007 war sie für die Vereinten Nationen in der Koordination von Hilfsgütern für Somalia tätig. 1997 erschien ihre erste Kurzgeschichten-Sammlung mit dem Titel « Solomon’s Seal » und 2002 folgte ihr zweiter Erzählungsband unter dem Titel «The Beautiful Changes ». Dank der herausragenden Übersetzung von Hans-Christian Oeser, der unter anderem auch F. Scott Fitzgerald und Ian McEwan ins Deutsche übertragen hat und 2010 für seine Arbeit mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet wurde, dürfen wir die wunderbaren Erzählungen von Molly McCloskey nun erstmals in deutscher Übersetzung lesen. Der Band « Liebe » ist eine Auswahl aus den beiden Short-Stories-Sammlungen, für welche Molly McCloskey mit eine Fülle von literarischen Preisen prämiert wurde.

« Liebe », das sind elf bemerkenswerte Erzählungen, die eine ganz andere Liebe beschreiben, welche der Leser bei diesem sehr vielversprechenden Titel erwarten würde. Es geht hier nicht um irgendwelche sorglosen Traumwelten und Liebesillusionen. Wir lesen von eher unaufgeregten Beziehungen, realen Problemen, von Menschen, die sich nach Liebe sehnen, Liebe erleben und Liebe verlieren. Und wir lernen Paare kennen, die versuchen ihre kleines zwischenmenschliches Glück noch zu erhalten, obwohl sie durch einen Schicksalsschlag lernen mussten, die Liebesflamme nicht auslöschen zu lassen.

Diese besonders schwierige Lebenserfahrung zeigt vor allem die beeindruckende Titelgeschichte : ein Paar glücklich liebend bis zu dem Zeitpunkt, als sie ihr gemeinsames Kind in einem Bach – mit dem Gesicht im Wasser liegend – tot auffinden. Es geht um Schuld und Versäumnis. Doch trotz des unfassbaren Verlustes und Schmerzes, versuchen die Eltern ihre erschütterte und noch kleine Liebe zu bewahren. Ein traurige Geschichte, die den Leser trotz der Tragik nicht im Geringsten mit seinem Schmerz überrollt. Ganz im Gegenteil denn die Autorin kann mit ihren klaren und doch sensibel geführten Sätzen ganz vorsichtig einen Hoffnungsschimmer erzeugen, der dieses Paar vielleicht zu einem anderen und neuen Liebesglück führen könnte…

In der Erzählung « Polygamie » zeigt uns Molly McCloskey das Lieben und Leiden eines – was die Seele betrifft – gebildeten Mannes. Er ist Hochschuldozent für Psychologie, er fühlte sich immer umgeben von Frauen und « konsumierte » viele Liebhaberinnen. Doch jetzt nach der Trennung von seiner Frau, die kognitive Verhaltenstherapeutin ist, verliert er irgendwie den Boden unter den Füssen :

« In der darauf folgenden Woche irrt er nicht einmal mehr durch die Strassen, er weint nur noch. Wogen der Traurigkeit durchfluten ihn, so riesig, dass er nicht glauben kann, ihr Ursprung zu sein. Er empfindet den Kummer von Jahrhunderten, von ganzen Völkern und Nationen angesichts von Naturkatastrophen. Er trauert um eine vergangene Version seiner selbst, seines Ichs, das vom Vorhandensein eines so überwältigenden Kummers nichts wusste. »

Auch Männer leiden, ziehen sich zurück und weinen. Eine Erkenntnis, welche Frauen doch manchmal zu vergessen scheinen. Dieser Mann versucht jedoch sein Leiden zu beenden, holt sich von aussen Hilfe, geht zu einem Arzt und taucht ganz langsam wieder aus seinem tiefen Loch heraus. Und dann gibt es vielleicht sogar vollkommen unverhofft wieder Platz in seiner Seele für eine neue Liebe…

Molly McCloskey schreibt in einer faszinierend schonungslosen, aber trotzdem sehr feinfühligen und würdevollen Weise über das allzu menschliche Gefühl Liebe. Sie beobachtet ihre Figuren und Protagonisten wie ein Vogel, der über ihnen auf der Jagd nach Nahrung kreist. Sie öffnet ganz andere Türen im chaotischen Liebes – Gebäude, die nicht nur Glück und Rausch verstecken, sondern bewusst das Leiden und die schmerzvolle Traurigkeit präsentieren, ohne aber nie den letzten Hoffnungsschimmer auf neue und veränderte Liebesgefühle zu verlieren.

« Liebe » das ist sicherlich eine der schönsten Geschichten-Sammlungen der letzten Jahre – ein Buch über kleine und grosse Liebesdramen, die den Leser keinesfalls deprimieren, sondern auf ganz subtile Weise sehr stark fesseln. Selten werden wir mit solch berauschender Poesie beschenkt. Molly McCloskey ist eine psychologische Wortzauberin. Jede einzelne Geschichte erfährt durch ihre Sprachkunst eine ganz ungewöhnliche grazile Spannung und Anziehungskraft, die es uns leicht macht, die von ihr charakterisierten Liebesschicksale nicht nur berührt zu verfolgen, sondern auch literarisch in vollsten Zügen zu geniessen.

Diese Erzählungen schmecken wie Zartbitter-Schokolade : ein wenig herb und sanft zugleich. Liebhaber besonderer Literatur werden begeistert sein und Verehrer von Alice Munro, der kanadischen Erzählerin, fühlen sich sofort an ihre Geschichten erinnert. McCloskey ist ein ganz grosses Erzähl-Talent, das Sie, als Leser nun glücklicherweise mit diesen wunderbaren « Liebes-Geschichten » entdecken können !

Durchgeblättert – „Einer unter 6 Milliarden“ v. Yann Arthus-Bertrand

Sie sind neugierig auf andere Menschen, sie wollten immer schon mal wissen, „was Menschen erleben, träumen und hoffen“?! „Einer unter 6 Milliarden“ ist der Querschnitt in Buchform eines beeindruckenden Projekts.

Yann Arthus-Bertrand gehört zu den berühmtesten Fotografen der Welt. Bekannt wurde er durch sein Werk „Die Welt von oben“ und welches auch indirekt der Auslöser für dieses neue Projekt war. Bei seinen Reisen um die Welt kam er sehr oft mit Menschen ins Gespräch, die ihm ganz offen ihre Alltagsprobleme, Träume, aber auch von ihren Hoffnungen erzählten. Dies spornte ihn an, ein Projekt zu konzipieren, dass Menschen aus den verschiedensten Ländern zu Wort kommen lässt und jedem einzelnen Erdbewohner zeigen soll, wie wichtig es ist, trotz vieler Schwierigkeiten, zusammenleben zu können.

„Einer unter 6 Milliarden“ ist ein Mammutprojek in Zusammenarbeit mit „Good Planet“: 4 Jahre Drehzeit, 75 Länder, 5000 Interviews und 40 Fragen – wie zum Beispiel: Wovon träumten Sie als Kind? Was bedeutet Ihnen die Familie? Was war Ihr schlimmstes Erlebnis? Was bedeutet Ihnen Geld? Und genau diese 40 Fragen findet man am Anfang des Buches, die jeder ganz für sich persönlich beantworten kann. Danach werden die Menschen einzeln, aber als Beispiele für viele andere, vorgestellt. Sie sind offen, ehrlich, mutig, und sehr authentisch. Bei einigen Menschen findet man die Antworten mehrer Fragen – fast wie ein kleines Porträt, bei vielen anderen liest man nur eine Antwort, die jedoch im Vergleich zu anderen Antworten auf die gleiche Frage steht. Dazu kommen die wunderbaren Fotos, sei es in Porträtgrösse oder nur als ganz kleines Passfoto. Der Mensch wird gezeigt in Wort und Bild!

Das Buch ist ein ausserordentliches Panoptikum der Menschen unserer Erde. Es macht neugierig, es klärt auf, es gibt ehrliche Einblicke und es fasziniert. Man trifft Menschen mit ihren Antworten, die sich gegenüber stehen, und sich aber persönlich niemals begegnet sind. Man spürt das unglaublich intensive Gefühl als Leser auch zu diesen 6 Milliarden zu gehören. Und man kann plötzlich entdecken, dass andere Menschen genauso denken und fühlen wie wir selbst, auch wenn sie beispielsweise auf einem ganz anderen Kontinent leben.

„Einer unter 6 Milliarden“ ist ein beeindruckendes im wahrsten Sinne des Wortes  „buntes Bilderbuch“, das 500 Menschen dieser Erde zu Wort kommen lässt. Ein Buch für alle die neugierig sind und Menschen offen begegnen!

Friedrich Schiller – Gedicht

Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel
Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen;
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling locket ihr Zauberschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben;
Denn beschliesst er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren,
Im Herzen kündet es laut sich an:
Zu was Besserm sind wir geboren.
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.