Durchgeblättert – „Do You Read Me“ – Besondere Buchläden und ihre Geschichten

Philippe Djian hatte bereits klar erkannt: „Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler.“

Und um dieses kaum zu übertreffende Zitat noch konkreter zu erleben, sollte es im wahrsten Sinne des Wortes Bücher auf Rezept geben, die das Leben herausfordern, hinterfragen und bereichern. Ja und genau so ein Buch hat gerade das „Licht der Welt“ erblickt, einer ganz besonderen Welt – der Welt der Buchläden. 

Buchhandlungen sind Orte, die Fragen zu lassen, in denen man Antworten findet, die zu literarischen Reisen einladen, die Informationen und Kultur vermitteln, die Möglichkeiten des Austausches bieten, die Ablenkung nicht nur vortäuschen und die Aktualität mit Beständigkeit elegant verknüpfen.

„Do You Read Me“, ein wunderschön gestalteter Bildband über genau diese Buch-Orte, ist zur Zeit das interessanteste und abwechslungsreichste Buch über Buchläden und ihre dazugehörigen unerlässlich spannenden Geschichten. Der Titel des Buches wurde der Buchhandlung „Do You Read me“ aus Berlin „entliehen“, die ein eher ungewöhnliches Buchhandlungskonzept vorweist, welches Magazinen aus aller Welt mehr Bedeutung in Auswahl und Platz schenkt, als dem zusätzlich angebotenen aussergewöhnlichen Buchsortiment.

Über 60 Buchhandlungen bzw. Buchläden werden in diesem Werk mit grandiosem Bildmaterial und fein kuratierten Texten vorgestellt. Die Auswahl ist absolut international, neben bereits auch berühmt bekannten Buchhandlungen wie „Shakespeare & Company“ in Paris oder der „Boekhandel Dominicanen“ in Maastricht, entdecken wir bezaubernde und atemberaubende Buch-Paradiese und Buch-Kleinode, die ihresgleichen suchen.

Da gibt es beispielsweise ein charmant in Türkisfarben gehaltenes Buchladen-Café in Istanbul oder ein spektakuläres Buchhandlungskonzept in Mexiko-Stadt, bei der im jüngsten Buchhandlungprojekt „Cafebreria El Péndulo“ eine riesige Palme mitten in der Buchhandlung steht und aus deren Dach ragen darf. In Island wird ein entzückendes kleines Antiquariat „Bokin“ zum Kulturbotschafter. Die USA zeigt eine Fülle von faszinierenden unabhängigen Buchhandlungen, die mehr als klassisches Engagement beweisen, wie zum Beispiel der Initiator „Michael Seidenberg“ seines vollkommen „geheimen“ Buchladens – „Brazenhead Books“ in New York City -, den er aus und mit seinem eigenen Appartement gemacht hatte. Aber auch eine schwimmende Buchhandlung mit dem Titel „The Book Barge“, die am Canal du Nivernais in Frankreich liegt, sorgt für Erstaunen.

Richtig spektakulär darf es natürlich auch sein, vor allem wenn man die Bilder der Buchhandlung „WUGUAN BOOKS“ aus Kaohsiung (Taiwan) bewundert, denn in dieser Buchhandlung werden ungefähr 400 Bücher in absoluter Dunkelheit mit jeweils eigenem Licht präsentiert. Oder vollkommen unverwechselbar, wenn man sich die Buchhandlung „Morioka Shoten“ in Tokio ansieht. Hier wird nur ein einziges Buch zum Verkauf angeboten!

Die vielfältige Auswahl an Buchläden in diesem Werk ist beeindruckend, inspirierend und motivierend zugleich. Die hier präsentierten Buchhandlungen sind auf verschiedenste Weise und in  ihrer Kombination inhaltlich, aber auch gestalterisch und architektonisch die wundervollsten „Meisterwerke“ in Punkto Lese-Paradiese!

Kaum verwunderlich, dass bereits in einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung dieses Buch als „Verneigung vor einer fantastischen Institution: der Buchhandlung“ bezeichnet wird. Es könnte sogar noch mehr sein als „nur“ die Verneigung vor der Institution Buchhandlung. 

Selbstverständlich ist es auch die Verneigung vor den buch-begeisterten Köpfen, kreativen Initiatoren und kompetenten Buchhändlern, die diese Lese-Orte mit gebührendem Engagement und grosser Leidenschaft geschaffen haben und weiterhin alles dafür tun, sie langfristig anziehend und lebendig zu halten. Doch vergessen wir nicht den Leser, Buchliebhaber und potentiellen Kunden, der genau diese Buchläden regelmässig frequentiert, schätzt, liebt, verehrt und belebt. Und genau diesem Bücherfreund gebührt gleichwohl eine eben so grosse Verneigung, die man in der aktuellen Zeit auf keinem Fall unerwähnt lassen sollte!

„Do You Read Me“ ist ein grandioses „Sammelsurium“ der unterschiedlichsten Buchhandlungen jedoch mit einer grossen Gemeinsamkeit: diese Buchläden geben eine Art „Zuhause“, erfüllen Wünsche und schenken uns – wie bereits Mark Forsyth in seinem Essay erläuterte – eine besondere und unverwechselbare Art des Glücks, nämlich „das große Glück, das zu finden, wonach man gar nicht gesucht hat“!

Durchgelesen – „Flaneur in Paris“ v. Guillaume Apollinaire

Walter Benjamin hat 1929 die Neuausgabe des « Le flâneur des deux rives » (erstmals erschienen 1919) unter dem Titel « Bücher, die übersetzt werden sollten » in der Frankfurter Zeitung rezensiert. Jetzt erscheint dieses Werk von Guillaume Apollinaire mehr als 80 Jahre nach Benjamins Anregung endlich zum aller ersten Mal in deutscher Übersetzung.

Guillaume Apollinaire wurde am 26. August 1880 in Rom geboren und starb am 9. November 1918 in Paris. Er war ein französischer Autor polnisch-italienischer Abstammung, der durch seine aussergewöhnliche Lyrik, welche zu den bedeutendsten der französischen Literatur Anfang des 20. Jahrhunderts zählt, berühmt wurde. Seine Kindheit verbrachte Apollinaire noch in Rom, sein Schulzeit erlebte er bereits in Monaco, wohin die Mutter gezogen war, nachdem sich ihr Geliebter – ein hochrangiger Offizier  – von ihr getrennt hatte. Ab Anfang 1899 kam es zum nächsten Umzug, diesmal nach Paris, was wieder durch einen neuen Liebhaber der Mutter ausgelöst wurde.

Die Lehrjahre in Paris waren nicht einfach. Ohne jeden Schulabschluss, denn er hatte das Abitur nicht abgelegt, versuchte er sich mit einfach Jobs über Wasser zu halten, arbeitete als « Ghostwriter » und schrieb Gedichte und Erzählungen. Er reiste ein Jahr  – inspiriert durch eine Französischschülerin – durch verschiedene Länder unter anderem auch nach Deutschland (Berlin u. Dresden).

Ein Wendepunkt ist sicherlich das Treffen im Jahre 1905 mit Picasso, welcher Apollinaire die Tür zu dem Kreis der Pariser Avantgarde-Maler öffnete. Der Austausch über Kunst faszinierte ihn so sehr, dass er sich mehr und mehr als Kunstkritiker fühlte. 1912 erschien seine berühmte Lyriksammlung unter dem Titel « Alcool », die jedoch erst nach seinem Tode zu einem bis heute anhaltenden Erfolg wurde. 1914 meldete sich Apollinaire gleich nach Beginn des 1. Weltkrieges aus lauter Begeisterung darüber freiwillig zum Dienst. 1915 war er dann endlich an der Front und ein Jahr später wurde er leider durch einen Granatsplitter an der Schläfe schwer verletzt und musste mehrmals operiert worden.

Sein letztes Buch « Flaneur in Paris », was er noch vor seinem Tod vollendete, aber erst einige Monate später nach seinem Tod erschienen war, wurde jedoch bereits 1918 durch einen befreundeten Verleger als Projekt vorbereitet.

« Flaneur in Paris » sollte eigentlich ein Roman werden, aber Apollinaire hatte seinem Verleger einfach die letzten feuilletonistischen Textes aus den Jahren 1910-1918 gegeben.

« Flaneur in Paris » ist demnach eine Art Sammlung von zehn Geschichten, die uns in Form von literarischen Spaziergängen durch das Paris Anfang des 20. Jahrhunderts führen. Es beginnt mit « Erinnerungen an Auteuil » damals noch ein Vorort von Paris, inzwischen liegt Auteuil im 16. Arrondissement. Apollinaire wohnte von 1909 – 1913 in Auteuil, weil seine Freundin, die Malerin Marie Laurencin, dort lebte. Er beschreibt die Strassen und die Häuser, und wundert sich, dass nichts mehr so ist wie zu Balzacs Zeiten.

In den weiteren Geschichten wie zum Beispiel « Die Buchhandlung von Monsieur Lehec », die sich um einen Buchhändler dreht, der seinen Bücher nicht wirklich verkaufen möchte, lernen wir das Pariser Verleger-  und Buchhändlerleben kennen. Apollinaire erzählt aber auch von Künstlern und Dichtern, die in der Nähe der Rue de Buci – eine Strasse im Viertel Saint-Germain des Près – gelebt haben. Er führt uns auch noch in das Viertel um den Place Pigalle und an die grossen Boulevards, wo er in einem Café den Autor Ernest La Jeunesse kennenlernt.

In der Geschichte « Die Quais und die Bibliotheken » begleitet uns Apollinaire – obwohl er schreibt :

« Ich gehe möglichst selten in die grossen Bibliotheken. Lieber spaziere ich über die Quais, diese herrliche öffentliche Bibliothek. »

– nicht nur durch Pariser Bibliotheken, sondern auch durch besondere und beeindruckende Bibliotheken Frankreichs und verschiedenster anderer Länder, die er während seiner Reisen besucht hatte. Dabei entdeckt er immer wieder neue Werke, Verzeichnisse und sogenannte « Phantasie-Kataloge » unter anderem mit fiktiven Büchern, die ihn nicht nur zum staunen, sondern auch zum Schmunzeln bringen. Doch letztendlich ist er – um wieder auf  Paris zurückzukommen – nur davon überzeugt :

« Kann man in Paris einen schöneren Spaziergang machen ? Wenn man Zeit hat, sollte man für das Stück von der Gare d’Orsay zum Pont Saint-Michel ruhig einen ganzen Nachmittag einplanen. Es gibt auf der ganzen Welt bestimmt keinen reizvolleren, keinen angenehmeren Spaziergang.« 

Und damit hat er sicherlich Recht, auch wenn sich als einzige kleine Veränderung nach fast hundert Jahren der Gare d’Orsay sich in das Musée d’Orsay verwandelt hat. Genauso wie es Apollinaire uns hier beschreibt, können wir heute noch diesem Weg folgen : entlang der Seine, mit Blick auf den Louvre auf der anderen Seine-Seite, vorbei an dem Institut de France, weiter an der Seine von der Pont-des-Arts über Pont Neuf zum Pont Saint Michel.

Diese literarischen Streifzüge sind etwas ganz besonderes. Apollinaire ist immer auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen und leicht Skurrilen, auch wenn alles im ersten Augenblick eher etwas beschaulich und harmlos aussieht. Man spürt bei jeder dieser Geschichten, die wahre Poesie und den Lyriker. Aber auch das Mystische und Surreale wird keineswegs vernachlässigt. Kurzum dieses 120 Seiten starke Büchlein, das durch hervorragende Erläuterungen und einem äusserst informativen Nachwort des Übersetzers Gernot Krämer ergänzt wurde, ist ein echtes Bijou der französischen klassischen Literatur. Deshalb freut es uns um so mehr, es endlich nach so langer Zeit in dieser herausragenden Übersetzung lesen zu dürfen.

« Flaneur in Paris » ist eines der schönsten Bücher und einer der wenigen Klassiker, der in den letzten Jahren in Deutschland neu im Sinne der Erstübersetzung erschienen ist. Der Leser hat nun zwei wunderbare Möglichkeiten: er kann nun auf den Spuren von Apollinaire durch Paris schlendern und von dieser Stadt träumen, aber er kann auch mit diesem Buch auf den Spuren von Apollinaire in Paris bummeln und diese Stadt in vollen Zügen geniessen.