Durchgelesen – „Im Café der verlorenen Jugend“ v. Patrick Modiano

Eine richtig feine und sehr französische Geschichte über das plötzliche Verschwinden einer wilden und irgendwie « heimatlosen » jungen Frau, erzählt durch vier ganz unterschiedliche Erzählstimmen, eingebettet in das Paris der sechziger Jahre, so könnte man den Roman « Im Café der verlorenen Jugend » ganz knapp beschreiben. Diese Zusammenfassung bringt es in einer gewissen Weise auf den Punkt, doch sollte man keinesfalls unerwähnt lassen, dass es sich bei diesem wunderbaren Buch, um einen der schönsten, wehmütigsten und bewegendsten Romane, in denen Paris selten « so französisch besungen wird » – wie Alex Capus schreibt – handelt.

Patrick Modiano (geb. 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt) zählt zu den bedeutendsten französischen Schriftstellern der Gegenwart. Er ist italienisch jüdischer Abstammung von Seiten des Vaters. Seine Mutter war eine bekannte belgische Schauspielerin. Modiano verbrachte seine Schulzeit hauptsächlich in Internaten, da der Vater ständig abwesend und seine Mutter oft auf Tournee war. Mit 15 Jahren lernte er über einen Kontakt durch seine Mutter den Geometrielehrer Raymond Queneau (Autor von « Zazie in der Metro ») kennen. Dieses Treffen war für Patrick Modiano mehr als schicksalshaft. Durch Queneau wurde er in die literarischen Kreise eingeführt und durfte an Empfängen des Gallimard Verlags teilnehmen. Inspiriert durch diese neue Welt schreibt er seinen ersten Roman « La Place de l’Étoile », der 1968 bei Gallimard erschienen ist und sofort mit zwei Literaturpreisen (Prix Roger Nimier u. Prix Fénéon) geehrt wurde. Ab diesem Zeitpunkt widmet sich Patrick Modiano nur noch der Schriftstellerei. Sein Gesamtoeuvre umfasst inzwischen ca. 30 Werke, darunter zählen zu den Wichtigsten : « Les Boulevards de ceinture » (Grand Prix du Roman de l ‘Académie française), « Rue des boutiques obscures » (ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt) und « Dans le café de la jeunesse perdue ». Dieses letzt genannte Werk erschien bereits 2007 in Frankreich und wurde nun ganz aktuell durch die grandiose Übersetzung von Elisabeth Edl erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht.

Der Roman « Im Café der verlorenen Jugend » spielt hauptsächlich im 5. und 6. Arrondissement von Paris, der sogenannten « Rive gauche » und im Quartier Pigalle, das unterhalb von Montmartre, im 9. Arrondissement auf der anderen Seine-Seite, der « Rive droite », liegt. Der Roman wird von vier verschiedenen Personen erzählt, denen Patrick Modiano sein « Ich » leiht. Alles dreht sich um eine etwas mysteriös wirkende Frau, die Louki genannt wird, aber mit richtigen Namen Jacqueline Delanque heisst und eine verheiratete Choureau ist.

Der erste Erzähler, ein Student der « École des Mines » geht hin und wieder ins Café Condé – einer der wichtigsten Hauptspielorte dieses Romans. Dieses Café – das « Café der verlorenen Jugend » -, das von Literaten und Schriftstellern frequentiert wird, gehört zu der Welt der Bohemien und liegt im berühmten Pariser Viertel Saint-Germain-des-Près. Der junge Mann – unschlüssig darüber, ober er seine Studien bei der « École des Mines » weiterführen soll – beobachtet ganz zufällig eine junge Frau, die von ihren Stammgästen mit dem Spitznamen Louki « getauft » wurde. Sie ist ihm sofort aufgefallen, weil sie irgendwie anders war, als die Anderen :

« Ihre Hände jedoch waren in der Anfangszeit stets leer. Dann wollte sie es wahrscheinlich den anderen gleichtun, und eines Tages überraschte ich sie im Condé allein und lesend. »

Der zweite Erzähler ist ein Privatdetektiv, der sich als Kunstverleger ausgibt. Er wurde engagiert von ihrem Mann – Jean-Pierre Choureau -, nachdem Louki ihn ohne Ankündigung von einem Tag auf den anderen verlassen hatte. Choureau arbeitet in einer Immobiliengesellschaft. Jacqueline wurde bei dieser Firma als Aushilfssekretärin eingestellt und lernte so Jean-Pierre kennen. Zwei Monate später hatten sie schon geheiratet. Danach zog sie mit ihm in seine Wohnung, die im noblen Pariser Vorort Neuilly lag. Louki war unzufrieden und fühlte sich dadurch sehr einsam in ihrer Ehe :

« In den Tagen vor ihrem Verschwinden, war ihm da etwas Besonderes an ihr aufgefallen ? Nun ja, immer öfter machte sie ihm Vorwürfe wegen ihres gemeinsamen Alltags. Das hier, sagte sie, sei nicht das wahre Leben. »

Der dritte Erzähler, oder besser gesagt die Erzählerin, ist Louki selbst. Sie berichtet von ihrer schwierigen Kindheit und Jugend. Sie wohnte mit ihrer Mutter, welche im Moulin Rouge als Platzanweiserin arbeitete, in der Nähe vom Place Blanche im Quartier Pigalle. Immer, wenn ihre Mutter abends zur Arbeit ging, flüchtete sie – obwohl sie gerade mal 15 Jahre alt war -, aus der Wohnung und sträunte durch das Stadtviertel. Oft verbrachte sie Mitternacht, den Hunger noch schnell mit einem Croissant stillend, in einer Bäckerei, bevor sie mal wieder von einer Polizeikontrolle erwischt wurde:

« Zwei Bullen in Zivil sind aufgetaucht, für eine Ausweiskontrolle. Ich hatte keine Papiere dabei, und sie wollten wissen, wie alt ich bin. Ich habe ihnen lieber gleich die Wahrheit gesagt. »

Ängste und Beklemmungen, im Schlimmsten Fall sogar richtige Panikattacken, waren oft der Auslöser für diese verrückt planlosen « Nachtwanderungen ». Eines Tages begegnet Louki auf der Strasse einem Mädchen, das ein wenig älter war als sie. Durch diese neue « Freundschaft » lernte sie nicht nur die enthemmende Wirkung des Alkohols kennen, sondern auch eine ganz besondere neue Art der Angst-Befreiung. Diese neue Bekannte hatte nämlich noch eine viel bessere Idee, als nur in den Bars und Cafés herumzuhängen:

« „Du wirst sehen … das tut gut … wir nehmen ein bisschen Schnee…“ »

Der vierte und letzte Erzähler ist Roland, ein junger angehender Schriftsteller, der in einer möbilierten Wohnung in der Rue d’Argentine – in der Nähe vom Place d’Étoile – wohnt. Louki und Roland lernen sich bei einem kleinen Empfang des Autors Guy de Vere kennen. Nach langen gemeinsamen Spaziergängen durch das nächtliche Paris, nähern sie sich immer mehr an. Roland wird Loukis Liebhaber, noch während sie bei ihrem Mann lebt und bleibt es auch noch nach einer vollkommen ungeplanten Rückkehr-Verweigerung in den trostlosen Ehealltag :

« Sie hätte zum Abendessen zurück in Neuilly sein sollen, aber um acht lag sie immer noch auf dem Bett. Sie machte auch die Nachttischlampe nicht an. Schliesslich erinnerte ich sie, es sei Zeit. „Zeit wofür ?“ Am Klang ihrer Stimme hörte ich, dass sie nie wieder die Metro nehmen würde, um an der Station Les Sablons auszusteigen. »

Roland und Louki verbringen viel Zeit miteinander, er schreibt an seinem ersten Buch und sie denken daran, bald eine kleine Reise gemeinsam zu unternehmen. Eines Tages, sie hatten sich – wie so oft – um fünf Uhr nachmittags im Café Condé verabredet, doch Louki kam nicht…

Jeder dieser vier Erzähler beleuchtet auf seine ganz besondere Weise und aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln heraus das Leben und die geheimnisvolle Persönlichkeit von Louki. Patrick Modiano hat diesen Roman wie ein kleines Puzzle konzipiert, das sich Stück für Stück zu einem « Gesamtbild » hin entwickeln könnte. Doch bei der Lektüre stellt man fest, dass er absichtlich ein paar Puzzleteile weglässt, damit das Mysteriöse sich nicht gänzlich auflöst und damit Louki letztendlich unergründbar bleiben kann.

Paris, seine Strassen, die Architektur, die Seine, die Cafés und das besondere Licht, als dies, was den typischen Charakter von Paris ausmacht, stetzt Modiano ganz intuitiv und spielerisch als elegantes Stilmittel ein, um sein ganz persönliches Paris zu kreieren. Er agiert wie ein Kartograph und Maler zugleich. So kann der Leser, als würde er mit Modiano’s « Privat-Stadtplan » durch das Paris der vier Erzähler spazieren. Ein Ort, nämlich das Café, hier in diesem Roman das Café Condé, wird zu dem wichtigen Lebensraum überhaupt. Es ist wie eine zweites « Wohnzimmer », in dem nicht nur Louki, sondern auch viele der Stammgäste versuchen, ihre Einsamkeit und die Melancholie des Lebens bewusst zu zelebrieren, um sie letztendlich dadurch besser ertragen zu können. « Im Café der verlorenen Jugend » interpretiert sich als eine wunderbare Metapher für einen Raum, der die verlorene Suche nach der Identität und die in der Konsequenz daraus entstehende fehlende innere Geborgenheit ersetzen könnte.

Patrick Modiano ist ein Meister der klaren und schörkellosen Sprache. Seine Technik besticht durch eine faszinierende Reinheit, die durch einen äusserst sparsamen Einsatz von linguistischen Mitteln gekennzeichnet wird. So entsteht ein ganz einmaliges und sehr klares Porträt von Paris in den frühen sechziger Jahren. Seine Schreibkunst ist wirklich grandios und einzigartig, denn es gelingt ihm, in diesem ungewöhnlichen und sehr mitreissenden Roman, der nicht im Geringsten etwas mit einem Krimi zu tun hat, eine so unglaublich subtile Spannung zu erzeugen, dass sich der Leser bis zum letzten Satz auf eine ganz persönliche und intensive Suche nach Louki begibt. Die wunderbare Pariser Kulisse und das Café als Familienersatz lassen Reise-Sehnsüchte entstehen. Welcher Leser möchte nicht auch zu den Stammgästen dieses Cafés zählen und auf Louki warten?

Fahren Sie nach Paris, auch wenn das Paris der sechziger Jahre vielleicht nicht mehr ganz das gleiche ist wie heute, lassen Sie sich treiben in dieser atemberaubenden Stadt, spüren Sie die Melancholie und die Faszination gleichermassen, und wer weiss, vielleicht treffen Sie ja auch noch Louki? Oder Sie « reisen » ganz entspannt und die Augen auf Modiano’s grandiose Erzählkunst gerichtet von Ihrem Canapé aus und atmen lesender Weise durch diesen wundervollen Roman Pariser Luft und Leben ein!

Durchgelesen – „Mathilde und der Duft der Bücher“ v. Anne Delaflotte

Kennen Sie auch diesen unbeschreiblichen Duft eines Buches? Ein Duft, der angenehm nach Papier und Holz riecht. Ein Duft, der sich in die Nase des Lesers einnistet und die Lektüre begleitet, bis er das Buch am Ende aus der Hand legt. Es ist ein sehr sensuelles Erlebnis, auf das jeder Bibliophile sicherlich nie verzichten möchte. Ja und wer könnte diesen Duft eines Buches nicht besser beschreiben und erklären als ein Buchbinder bzw. eine Buchbinderin.

Anne Delaflotte lässt uns mit ihrem ersten Roman „Mathilde und der Duft der Bücher“, der nun ganz aktuell auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, eintauchen in Welt des Buchbinderhandwerks. Anne Delaflotte ist 1967 in Auxerre geboren und im Burgund aufgewachsen. Sie studierte in Paris internationales Recht und Diplomatie und ist selbst gelernte Buchbinderin. Seit 1993 betreibt sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Alexander Mehdevi, eine internationale Buchhandlung in Prag. Inzwischen lebt sie dort auch als freie Schriftstellerin.

„Mathilde und der Duft der Bücher“ spielt in einem kleinen Ort namens Montlaudun in der Dordogne. Mathilde  ist eine junge Frau Ende zwanzig und hat sich nach einer sehr atemberaubenden Karriere als Diplomatin in Paris für das Buchbinderhandwerk entschieden, welches bereits ihr geliebter Grossvater ausgeübt hatte. Sie hat sich von ihrem Erbe und Ersparten ein Haus in diesem kleinen Dorf gekauft. Mitten im Dorfkern arbeitet Mathilde in ihrem Laden-Atelier zwischen zum Teil sehr netten Nachbarn, wie der Bäcker André und der Schuster Sébastien, aber auch schwierigen alteingesessenen Damen wie die Besitzerinnen des kleinen Tante Emma Ladens. Das Geschäft läuft für Mathilde jedoch sehr schleppend und sie muss sich um ihre Kundschaft mehr als bemühen, fast schon kämpfen.

Doch sie bereut ihre Entscheidung nicht, jetzt als Buchbinderin zu arbeiten, denn sie liebt Bücher. Jeden Morgen geniesst sie ihr Frühstück im Atelier umgeben von Büchern und streicht danach ihre Hand über die Buchrücken der noch zu restaurierenden Werke:

„Dann erst mache ich richtig Bekanntschaft mit dem Objekt. Es reicht nicht aus, es bloss in Augenschein zu nehmen, man muss das Gewicht fühlen, Mass nehmen, es in der Hand spielen lassen. Manchmal schweife ich ab und lese aufs Geratewohl hier und da einige Zeilen. Damit verstosse ich gegen die Regeln meines Grossvaters und Lehrmeisters, der die Ansicht vertrat, ein Buchbinder habe nicht zu lesen. Ein Analphabet sei für die Arbeit am geeignetsten, ob es nun seine Enkelin war oder sonst wer. Er empörte sich über die Auffassung, man dürfe ein Buch schon vorsichtig aufschlagen und sich an seinem Stil ergötzen, wenn der Leim vielleicht noch nicht ganz trocken, der Block aber schon fest ist.“

Eines Tages – Mathilde ist sehr vertieft in ihre Arbeit – klopft es an der Tür und ein junger, sehr attraktiver Mann betritt ihr Atelier. Er übergibt ihr ein altes und durch Brandspuren beschädigtes Buch zur Restauration. Mathilde ist ganz verwirrt, der Mann ist ihr vollkommen unbekannt, scheint auch nicht aus dieser Gegend zu kommen. Er versprüht jedoch einen ungewöhnlichen Duft nach Wald und Erde, der sie fasziniert. Der Mann wirkt kränklich und schwächelt. Sie versucht ihm zu helfen, aber er lehnt ab, gibt ihr eine Anzahlung von 100.- Euro  und sagt, dass er das Buch nach sechs Tagen, so wie Mathilde es vorgeschlagen hat, wieder abholen werde. Er wollte keine Quittung und die eigentlichen Preisver-handlungen sollten zwei Tage später stattfinden. Doch dazu kommt es nicht mehr. Der unbekannte junge Mann wollte nach dem Besuch in Mathildes Atelier zum Bahnhof, um den Zug nach Paris nehmen zu können, doch leider wird er von einem LKW auf dem Bahnhofsplatz erfasst und ist sofort tot.

Mathilde ist geschockt und vollkommen durcheinander. Und genau in diesen Momenten helfen nicht nur die netten Nachbarn, sondern  vor allem ihr geliebter „Cyrano“. Das berühmte Buch „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand ist ihr Lieblingswerk. Es liegt auf ihrem Nachtisch und tröstet sie in schwierigen Zeiten. Es hilft bereits das Lesen einiger Zeilen und schon kann das Leben wieder weitergehen.

Das alte Buch dieses verunglückten Mannes liegt nun auf ihrem Ladentisch und Mathilde hat nicht mal den Namen des Besitzers, geschweige denn die Adresse. Was soll sie tun? Sie sieht sich das Buch in Ruhe an: es enthält Zeichnungen und Aquarelle einer galloromanischen Tempelanlage in einem Wald. Mathilde entscheidet sich für die Restaurierung und entdeckt dabei eine handgeschriebene Namensliste. Sie wird neugierig und fängt an, Nachforschungen zu unternehmen. Sie spürt, dass dieses alte Buch ein Geheimnis enthält, welches sie unbedingt aufdecken muss. Doch Mathilde hat nicht gedacht, dass auch dadurch für sie Probleme entstehen können: ihre mühsam akquirierten Aufträge werden annulliert, es wird schlecht über ihre Buchbindekunst geredet und es wird so gar in ihrem Atelier eingebrochen. Hat dies alles vielleicht mit dem alten Tempel-Buch des unbekannten Mannes zu tun … ?

„Mathilde und der Duft der Bücher“ ist ein faszinierendes, zauberhaftes, aber auch spannendes Buch. Selten finden wir in Romanen die Buchbinderhandwerkskunst so sensibel und authentisch beschrieben wie in diesem wunderbaren Werk. Man möchte sich am Liebsten bei der Lektüre neben Mathilde stellen, das Leder berühren, seine Nase in das Papier halten und zusehen, wie sie den Block festklebt . Dieser Roman ist  ein sprachlich so elegantes und musikalisches Buch! Allein schon durch die immer wieder eingebauten Stellen des „Cyrano de Bergerac“ und durch die literarische Feinfühligkeit, wie Anne Delaflotte über die restaurierende Bücher schreibt, als wären sie Lebewesen, lässt sie uns mit ihrem Roman nicht nur Edmond Rostand neu oder wiederentdecken, sondern auch den sensuellen Wert eines Buches erfassen.

„Mathilde und der Duft der Bücher“ ist ein ganz besonderes und aussergewöhnliches Prosastück, voll französischer Atmosphäre, Raffinesse und auch einer gewissen Dramatik. Anne Delaflotte hat darüberhinaus ein durchaus sehr informatives Werk in Punkto Buchbinderei, aber gleichzeitig einen sehr sinnlichen und luftigen Roman aus der Welt der Bücher geschrieben, der den Leser beglückt und in eine magische Stimmung versetzt. Nach dieser wundervollen Lektüre werden Sie in Zukunft immer ihre Hände zärtlich über den Einband eines Buches streichen und ihre Nase ganz zielstrebig an das Papier führen, um den ganz besonderen und vielleicht auch betörenden Duft der Bücher aufsaugen zu können!

Friedrich Nietzsche – Gedicht

Das nächtliche Geheimnis

Gestern Nachts, als Alles schlief,
Kaum der Wind mit ungewissen
Seufzern duch die Gassen lief,
Gab mir Ruhe nicht das Kissen,
Noch der Mohn, noch, was sonst tief
Schlafen macht – ein gut Gewissen.

Endlich schlug ich mir den Schlaf
Aus dem Sinn und lief zum Strande.
Mondhell war’s und mild – ich traf
Mann und Kahn auf warmem Sande,
Schläfrig beide, Hirt und Schaf: –
Schläfrig stiess der Kahn vom Lande.

Eine Stunde, leicht auch zwei,
Oder war’s ein Jahr? – da sanken
Plötzlich mir Sinn und Gedanken
In ein ew’ges Einerlei,
Und ein Abgrund ohne Schranken
That sich auf: – da war’s vorbei! –

Morgen kam: auf schwarzen Tiefen
Steht ein Kahn und ruht und ruht —
Was geschah? so riefs, so riefen
Hundert bald – was gab es? Blut? –
Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen
Alle – ach, so gut! so gut!

Durchgelesen – „Wir werden zusammen alt“ v. Camille de Peretti

Lassen Sie uns ganz unvoreingenommen hinter die Türen eines Altersheimes blicken, und Sie werden feststellen, dass das Alter weder einfach, noch kompliziert ist und weder langweilig, noch kurzweilig sein muss. Eines ist jedoch wahr, dass alt werden und alt sein mit Glück und Geheimnis verbunden sind. Umso faszinierender ist es für uns Leser – dank Camille de Pretti, die für uns in ihrem Roman „Wir werden zusammen alt“ 64 Türen einer französischen Seniorenresidenz öffnet – diesen Lebensabschnitt auf äusserst sensible, aber durchwegs sehr humoristische und direkte Art zu entdecken.

Camille de Peretti ist 1981 in Paris geboren, studierte Philosophie, arbeitete im Finanzbereich einer Bank und war Fernsehköchin für französische Küche in Japan. Inzwischen lebt sie als freie Schriftstellerin in Paris. Ihr erster Roman „Thornytorinx“ erschien 2005, danach folgte 2006 „Nous sommes cruels“ und 2008 „Nous vieillirons ensemble“, der durch die geniale Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel nun mit dem Titel „Wir werden zusammen alt“ erstmals auf deutsch erscheint.

Der Roman spielt in einem Pariser Altersheim namens „Les Bégonias“ und  ist nach einer besonderen literarischen Technik konzipiert, die auch am Ende des Buches sehr genau und detailliert beschrieben wird. Der Struktur des Textes liegt ein literarisches Virtuosenstück von Georges Perec zu Grunde, nämlich dem Werk „Das Leben . Gebrauchsanweisung“, welches für einen Tag ein Mietshaus öffnet, als wäre es nur der  Querschnitt des Gebäudes ganz ohne Mauern und wo der Leser alles über die Wohnungs-einrichtungen und die Bewohner verfolgen kann. Die Grundbasis dazu war ein Schachbrett, mit 10 mal 10 Feldern und jedes Feld entspricht einem Zimmer oder Teil des Gebäudes. Camille de Peretti hat dieses System übernommen und das Erdgeschoss dieses Altersheims zu einem Schachbrett mit 8 mal 8 Feldern eingeteilt. Somit entstehen insgesamt 64 Kapitel  bzw. Räume, welche nicht klassisch angeordnet, sondern nach dem sogenannten Rösselsprung (wie im Schachspiel zwei vor, einer seitlich oder umgekehrt) eingeteilt werden. Infolgedessen bewegt sich der Leser quasi für einen Tag von morgens 9.00 Uhr fast jede viertel Stunde bis 00.45 Uhr  von einem Raum zum Nächsten.

Während dieses literarisch und stilistisch virtuosen Rundgangs lernen wir die Bewohner, Besucher und Mitarbeiter dieser Seniorenresidenz kennen. Da gibt es zum Beispiel die drei alten Damen Madame Alma, Madame Buissonette und Madame Barbier. Irgendwie können sie sich nicht leiden, aber sie können auch nicht ohne die jeweils andere. Wir lernen Geneviève Destroismaisons kennen, die man als Baronin bezeichnet, obwohl sie gar keine ist. Sie ist die jüngste Bewohnerin und lebt hier, obwohl das Altersheim keine geeignete Einrichtung für Alzheimer-Kranke ist. Aber dafür wohnt ihr Mann gleich in der Nähe und kümmert sich rührend um seine geliebte Frau. Thérèse, eine eher zurückhaltende und feine alte Dame findet hier in „Les Bégonias“ die Liebe ihres Lebens. An Bord dieser Residenz ist auch noch der selbsternannte Kapitän Dreyfus, der Madame Alma und den zwei anderen Damen immer irgendwelche Anweisungen gibt, damit sie sich auch hier auf dem „Alten-Schiff“ richtig benehmen.

Auch das Personal ist bei dieser spannenden Truppe ganz schön gefordert. Philippe Drouin, der Direktor dieses Altenheims, ist Junggeselle und sammelt Briefmarken, seitdem er sich über das Verschwinden seiner ehemaligen Freundin hinwegtrösten muss. Er ist ständig in Alarmbereitschaft und kümmert sich vorwiegend um die grossen Probleme, wie zum Beispiel um die defekte Kühlung, die so einiges Chaos verursacht, nachdem die Leiche einer Bewohnerin zu wenig gekühlt wurde und nun überall Ameisen herumlaufen.

Die Besucher kommen und gehen, manchmal nur für zehn Minuten, andere erst nach vier Wochen. Alle haben immer irgendwie ein schlechtes Gewissen, dass sie sich zu wenig um die Alten kümmern. Wie zum Beispiel Camille, die ihre Tante immer in „Les Bégonias“ besucht, und feststellt, dass sie all dies, was ihre Tante für sie getan hat, niemals wiedergutmachen könnte. Hier spürt der Leser eindeutig die auto-biographischen Züge des Romans und die echten Erfahrungen, die Camille de Pretti selbst gemacht hat, als sie ihre Großtante in einem Altersheim regelmässig besuchte.

Wir werden zusammen alt“ ist ein sprachliches und literarisches Kunststück, ja fast schon ein Kunstwerk, welches mit Witz, Humor, Ironie und ungeschönter Klarheit ein sehr brisantes und nicht unbedingt einfaches Thema beschreibt. Wer möchte schon gerne alt werden, wer freut sich auf das Alt sein und wer sehnt seinen Lebensabend in einem Altersheim herbei? In diesem Roman werden viele Schicksale beschrieben, doch auch wenn sie vielleicht im ersten Moment eher traurig und deprimierend erscheinen, löst Camille de Peretti mit ihrer unglaublichen Virtuosität und ihrem Charme beim Leser nicht nur Schmunzeln, sondern lautes Lachen aus. Man sollte dieses Buch langsam lesen, sich mit grosser Aufmerksamkeit auf diesen besonderen Rundgang durch ein mit herrlich französischen Flair ausgestattetes Altersheim begeben und jede Zeile dieses hervorragenden Schreibstils aufsaugen. Vielleicht können wir uns mit Hilfe dieses wunderbaren Romans einer dreissig Jahre jungen Schriftstellerin auf das unverhinderbare alt werden vorbereiten, es versuchen anzunehmen, um letztendlich das alt sein mit Lust und Freude zu geniessen, bevor es zu spät ist!

Durchgelesen – „Sarahs Schlüssel“ v. Tatiana de Rosnay

Sarahs Schlüssel“ ist kein historisches Werk. Nein, es ist ein sehr bewegender,unglaublich spannender und wichtiger Roman gegen das Vergessen und für das Erinnern an ein dramatisches historisches Ereignis in Frankreich, bzw. in Paris: die Zusammentreibung der Juden im Vélodrome d’Hiver, kurz genannt Vél d’Hiv, am 16. und 17. Juli 1942.

An diesen beiden Tagen wurden ca. 13000 Juden – darunter mehr als 4000 Kinder – aus Paris und aus den Vororten verhaftet und nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet. Das Pariser Vélodrome d’Hiver (eigentlich ein Radsport-stadion) diente dazu, die zusammengetriebenen und von der Polizei der französischen Vichy-Regierung  – auf Befehl der NS-Besatzung –  verhafteten Juden unter extrem menschenunwürdigen Bedingungen bis zu dieser Deportation festzuhalten.

Der Roman spielt in zwei Erzählebenen, die erste Ebene beginnt im Juli 1942 und die zweite im Mai 2002. Die Hauptfiguren sind Sarah Starzynski, ein jüdisches 10-jähriges Mädchen und Julia Jarmond, eine amerikanische Journalistin, die seit 25 Jahren in Paris lebt und mit einem Pariser verheiratet ist.

Sarah erlebte einen unbeschwerten Sommer mit ihren Eltern Rywka und Wladyslaw und ihrem kleinen Bruder, bis am einem Julitag im Jahr 1942 Polizisten vor ihrer Wohnungstür stehen und sie verhaften wollen. Sie ist vollkommen überrascht und erschrocken, aber trotzdem so besonnen, dass sie ihren kleinen Bruder noch zu retten versucht, in dem sie ihn in einen Wandschrank einsperrt, der als Spielversteck eingesetzt wurde. Sie versorgt ihn noch mit Wasser, tröstet ihn und verspricht ihm, ihn so schnell als möglich hier wieder herauszuholen. Den Schlüssel zu diesem Schrank hält sie ab diesem Zeitpunkt in ihrer Jackentasche fest. Sie wird nach entsetzlichen Tagen im Vel d’Hiv mit ihren Eltern in ein Zwischenlager gebracht, aus dem sie – getrieben von der Sorge um ihren kleinen Bruder und den Wunsch ihn aus dem Schrank zu befreien – jedoch fliehen kann. Sie findet Unterschlupf in der Nähe von Orléans in einem Bauernhof, deren Besitzer – ein älteres Ehepaar –  mehr als mutig und entschlossen sind, Sarah zu helfen. Unter höchstem Risiko gelingt es ihnen mit Sarah nach Paris zu fahren und ihre ehemalige Wohnung aufzusuchen, um endlich ihren Bruder in die Arme schliessen zu können. Doch inzwischen wohnt in diesem Appartement eine andere nicht jüdische französische Familie. Sarah ist erstaunt, stürmt durch die Wohnung, den Schlüssel immer noch fest in der Hand, öffnet den Schrank und findet ihren Bruder – verdurstet. Diese Situation ist sowohl für Sarah, als auch für die dort wohnende Familie, eine entsetzliche Tragödie. Und sie wird es immer bleiben…

Julia Jarmond, amerikanische Journalistin, verheiratet mit dem eher sehr egozentrischen und schwierigen Betrand Tézac, lebt seit 25 Jahren in Paris. Ihre Ehe ist auch nicht ganz unbelastet, noch dazu möchte ihr Mann unbedingt in die Wohnung seiner Grossmutter – genannt Mamé – einziehen, die sich im Marais-Viertel – dem jüdischen Zentrum in Paris – befindet. Sie ist davon nicht sehr überzeugt, obwohl sie Mamé als einziges Mitglied der Schwiegerfamilie sehr mag. Denn sie fühlt  sich immer noch nicht richtig zugehörig und bleibt auch für die Familie ihres Mannes immer die „L’Américaine“. Sie arbeitet bei einer kleinen Zeitung, die hauptsächlich von in Paris lebenden Amerikaner gelesen wird. Anlässlich des 60. Jahrestages des Vélodrome d’Hiver bekommt sie einen Auftrag, darüber einen Artikel zu schreiben. Bei den Recherchen entdeckt sie, dass diese Wohnung im Marais-Viertel, genau die Wohnung war, in der Sarah, ihr kleiner Bruder und ihre Eltern gelebt haben. Und diese Tragödie wurde während ihrer Ehe mit Betrand nicht ein einziges Mal angesprochen. Julia spürt diesem Familiengeheimnis immer mehr nach. Sie stösst auf Erkenntnisse, die ihr Leben zwar komplett aus dem Gleichgewicht bringen. Doch sie sorgt dafür, dass diese Erlebnisse zum ersten Mal ausgesprochen werden und diese Tragödie auf gar keinen Fall in Vergessenheit gerät….

Das Buch ist absolut kein Thriller, aber es hat seine Sogkraft!. Tatiana de Rosnay kann durch die parallel verlaufenden Zeitebenen – welche am Ende zusammenfinden –  eine unglaublich intensive Spannung erzeugen, dass es für den Leser fast unmöglich wird, das Buch aus der Hand zu nehmen. Ihre Sprache ist ungekünstelt, direkt und sehr klar. „Sarahs Schlüssel“ ist so berührend und erschreckend, dass man sich nicht wundern muss, wenn beim Lesen einem ganz unbewusst die Augen feucht werden und sich teilweise ein beklemmendes Gefühl einstellt. Dieser Roman wirkt nicht nur sehr lange nach, sondern fordert dazu auf, sich bewusst zu erinnern und niemals zu vergessen!