Gedicht

Friedrich Nietzsche – Gedicht

Vogel – Urtheil Als ich jüngst, mich zu erquicken, Unter dunklen Bäumen sass, Hört’ ich ticken, leise ticken, Zierlich, wie nach Takt und Maass. Böse wurd’ ich, zog Gesichter, Endlich aber gab ich nach, Bis ich gar, gleich einem Dichter, Selber mit im Tiktak sprach. Wie mir so im Versemachen Silb’ um Silb’ ihr Hopsa […]

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Christian Morgenstern – Gedicht

Der Seufzer Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis und träumte von Liebe und Freude. Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß glänzten die Stadtwallgebäude. Der Seufzer dacht an ein Maidelein und blieb erglühend stehen. Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein – und er sank – und ward nimmer gesehen.

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Theodor Storm – Gedicht

Kritik Hör mir nicht auf solch Geschwätze, Liebes Herz, daß wir Poeten Schon genug der Liebeslieder, Ja zuviel gedichtet hätten. Ach, es sind so kläglich wenig, Denn ich zählte sie im stillen, Kaum genug, dein Nadelbüchlein Schicklich damit anzufüllen. Lieder, die von Liebe reimen, Kommen Tag für Tage wieder; Doch wir zwei Verliebte sprechen: Das […]

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Johann Peter Hebel – Gedicht

Neujahrslied Mit der Freude zieht der Schmerz traulich durch die Zeiten. Schwere Stürme, milde Weste, bange Sorgen, frohe Feste wandeln sich zu Zeiten. Und wo eine Träne fällt, blüht auch eine Rose. Schon gemischt, noch e wir’s bitten, ist für Throne und für Hütten Schmerz und Lust im Lose. War’s nicht so im alten Jahr? […]

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Gottfried Keller – Gedicht

Trübes Wetter Es ist ein stiller Regentag, So weich, so ernst, und doch so klar, Wo durch den Dämmer brechen mag Die Sonne weiß und sonderbar. Ein wunderliches Zwielicht spielt Beschaulich über Berg und Tal; Natur, halb warm und halb verkühlt, Sie lächelt noch und weint zumal. Die Hoffnung, das Verlorensein Sind gleicher Stärke in […]

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Hugo von Hofmannsthal – Gedicht

Wolken Am nächtigen Himmel Ein Drängen und Dehnen, Wolkengewimmel In hastigem Sehnen, In lautloser Hast — Von welchem Zug Gebietend erfasst? — Gleitet ihr Flug, Es schwankt gigantisch Im Mondesglanz Auf meiner Seele Ihr Schattentanz, Wogende Bilder, Kaum noch begonnen, Wachsen sie wilder, Sind sie zerronnen, Ein loses Schweifen … Ein Halb-Verstehn … Ein Flüchtig-Ergreifen […]

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Joachim Ringelnatz – Gedicht

Überall Überall ist Wunderland. Überall ist Leben. Bei meiner Tante im Strumpfenband Wie irgendwo daneben. Überall ist Dunkelheit. Kinder werden Väter. Fünf Minuten später Stirbt sich was für einige Zeit. Überall ist Ewigkeit. Wenn du einen Schneck behauchst, Schrumpft er ins Gehäuse. Wenn du ihn in Kognak tauchst, Sieht er weiße Mäuse.

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Novalis – Gedicht

Das Bad Hier badete Amor sich heute Der Unvorsichtge entschlief Da kamen die Nymphen voll Freude Und tauchten die Fackel ihm tief Ins Quellchen, da mischten sich Wellen Und Liebe; sie täuschten sich sehr Die Nymphen, sie tranken mit hellem Gewässer die Liebe nur mehr. O! Mädchen, die Liebe nicht scheuen, Die trinken die liebliche […]

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Heinrich Heine – Gedicht

Der Schmetterling Der Schmetterling ist in die Rose verliebt, Umflattert sie tausendmal, Ihn selber aber, goldig zart, Umflattert der liebende Sonnenstrahl. Jedoch, in wen ist die Rose verliebt? Das wüßt ich gar zu gern. Ist es die singende Nachtigall? Ist es der schweigende Abendstern? Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt; Ich aber lieb […]

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Eduard Mörike – Gedicht

Auf ein Ei geschrieben Ostern ist zwar schon vorbei, Also dies kein Osterei; Doch wer sagt, es sei kein Segen, Wenn im Mai die Hasen legen? Aus der Pfanne, aus dem Schmalz Schmeckt ein Eilein jedenfalls, Und kurzum, mich tät’s gaudieren, Dir dies Ei zu präsentieren, Und zugleich tät es mich kitzeln, Dir ein Rätsel […]

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Bertolt Brecht – Gedicht

Die Liebenden Seht jene Kraniche in großem Bogen! Die Wolken, welche ihnen beigegeben Zogen mit ihnen schon als sie entflogen Aus einem Leben in ein anderes Leben. In gleicher Höhe und mit gleicher Eile Scheinen sie alle beide nur daneben. Daß so der Kranich mit der Wolke teile Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen […]

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Hugo von Hofmannsthal – Gedicht

Weihnacht Weihnachtsgeläute Im nächtigen Wind… Wer weiß wo heute Die Glocken sind, Die Töne von damals sind? Die lebenden Töne Verflogener Jahr` Mit kindischer Schöne Und duftendem Haar, Mit tannenduftigem Haar, Mit Lippen und Locken Von Träumen schwer?… Und wo kommen die Glocken Von heute her, Die wandernden heute her? Die kommenden Tage, Die wehn […]

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Rainer Maria Rilke – Gedicht

Der Tod des Dichters Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war bleich und verweigernd in den steilen Kissen, seitdem die Welt und dieses von-ihr-Wissen, von seinen Sinnen abgerissen, zurückfiel an das teilnahmslose Jahr. Die, so ihn leben sahen, wußten nicht, wie sehr er Eines war mit allem diesen; denn Dieses: diese Tiefen, diese Wiesen und diese […]

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Hermann Hesse – Gedicht

Regen Lauer Regen, Sommerregen Rauscht von Büschen, rauscht von Bäumen. O wie gut und voller Segen, Einmal wieder satt zu träumen! War so lang im Hellen draussen, Ungewohnt ist mir dies Wogen: In der eignen Seele hausen, Nirgends fremdwärts hingezogen. Nichts begehr ich, nichts verlang ich, Summe leise Kindertöne, Und verwundert heim gelang ich In […]

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Pierre de Ronsard – Gedicht

Die Rose Wie man an ihrem Zweig im Monat Mai die Rose In ihrer Jugend sieht, in ihrer ersten Pracht, Wie sie mit ihrer Glut den Himmel neidisch macht, Der morgens sie besprengt, der weinend wolkenlose: Die Anmut ruht sich aus, die Lieb´auf ihrem Blatte, Erfüllend Busch und Baum mit ihren süßen Hauch; Doch martert […]

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Christian Morgenstern – Gedicht

Die Brille Korf liest gerne schnell und viel; darum widert ihn das Spiel all des zwölfmal unerbetnen Ausgewalzten, Breitgetretnen. Meistens ist in sechs bis acht Wörtern völlig abgemacht, und in ebensoviel Sätzen läßt sich Bandwurmweisheit schwätzen. Es erfindet drum sein Geist etwas, was ihn dem entreißt: Brillen, deren Energieen ihm den Text – zusammenziehen! Beispielsweise […]

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