Durchgelesen – „Das Ensemble“ v. Aja Gabel

Das Streichquartett ist eine der wichtigsten Gattungen der abendländischen Musikgeschichte. Es bezeichnet aber auch die Zusammensetzung eines Ensembles, das aus zwei Violinen, einer Bratsche und eines Cellos besteht, die von vier Musikern gespielt werden. Bereits Goethe hatte in einem Streichquartett nicht nur eine Musikgattung, sondern auch eine Zusammenführung von vier musizierenden Menschen gesehen:

„Man hört vier vernünftige Leute sich unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen.“

Und von genau vier solch „vernünftigen“ und in diesem Falle jungen Leuten erzählt dieser besondere Roman „Das Ensemble“ von Aja Gabel, der gerade aktuell dank der wunderbaren Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence in deutscher Sprache erschienen ist. 

Der Roman von Aja Gabel ist nicht nur eine Geschichte von vier Musikern, es sind eigentlich vier Geschichten von vier Mitgliedern eines Streichquartetts – eines Ensembles: die Erfolgsgeschichte, die Leidensgeschichte und vor allem die Liebes- und Freundschaftsgeschichte.

Es gibt vier Hauptcharaktere – vier Freunde –  und jeder hat eine einzelne Stimme, nicht nur im musikalisches Sinne, sondern auch im Lebenssinne und diese vier Einzelstimmen müssen in ihren einzelnen Persönlichkeiten in das komplexe Ensemble integriert und dazu zu einer musikalischen Stimme vereint werden.

Da gibt es Jana, 24 Jahre alt, die erste Geigerin, eine zielstrebige, zeitweise hektische Musikerin, die das absolute Gehör hat, auf Selbstvertrauen baut und sich von ihrer unerlässlich aufstrebenden Mutter, eine berühmte Schauspielerin zu sein, zu distanzieren versucht.

Henry, Bratschist, der jüngste des Quartetts und ein echtes Wunderkind. Dies sorgt nicht nur für Erstauen bei den anderen drei Musikern, sondern hin und wieder auch für Neid und grosse Auseinandersetzungen.

Dann treffen wir auf Daniel, den Cellisten dieses Ensembles, ein Musiker, der spät zur Musik kam, ein Musiker, der viel arbeiten bzw. üben muss, um den musikalischen Ansprüchen der anderen Drei gerecht zu werden.

Und dann gibt es noch Brit, die zweite Violinistin. Sie ist eine unverbesserliche Romantikerin, die manchmal den Schwerpunkt ihres Lebens nicht in die Musik legt, sondern sich lieber mit der Gründung einer eigenen Familie beschäftigt.

Diese vier Personen formen das Van-Ness-Quartett, sie lernen sich im Konservatorium kennen, befreunden sich und vereinen sich zu einem Ensemble, das in einer Zeitspanne von 1994 bis 2010 durch viele Höhen und vor allem auch Tiefen gehen muss. Die Musiker vermasseln einen Wettbewerb, sie streiten, sie kämpfen mit Missgunst und Unverständnis, sie planen die nächsten Konzerte, üben bis zum Umfallen und stehen auch vor vielen menschlichen und ganz persönlichen Entscheidungen…

Aja Gabel hat einen sehr intensiven, emotionalen, spannenden und auch aktionsvollen Debüt-Roman geschrieben, der mehr als nur das vielschichtige Leben und Wirken eines Streichquartetts erzählt. Diese enge Verknüpfung, diese Freundschaft, diese Nähe zwischen diesen vier Musikern, ist jederzeit übertragbar auf andere Freundesgruppen und Familien, die auch wie diese vier Musiker um Akzeptanz, Anerkennung, Wertschätzung und Respekt innerhalb ihres Ensembles hart arbeiten und kämpfen. 

Mit grosser Hingabe und Einfühlungsvermögen werden durch die Musik als Inbegriff der zwischenmenschlichen Kommunikation neue Erlebnisse, Konflikte und Lösungen vermittelt, die den Leser nicht nur in den Bann ziehen, sondern auch emotional berühren und aufrühren. Und trotz des – für den Laien – so unfassbar vorstellbaren Erfolgsdrucks eines Musikers, erleben wir diese vier sehr unterschiedlichen Charaktere, wie stark sie doch – schwankend zwischen spannungsgeladenen Differenzen und tief gehendem Einvernehmen – miteinander eng zusammengehören.

Das „Ensemble“ ist ein grossartiges Buch, das man bereits nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann. Und dieser Roman ist ein besonderes Geschenk, das den Leser nicht nur literarisch, sondern auch musikalisch verführt und man bereits während der Lektüre grosse Lust verspürt, so manch berühmtes Streichquartett sei es von Beethoven, Dvorak, Haydn, Mendelssohn, Mozart, Ravel, Schostakowitsch und Tschaikowski endlich neu oder wieder zu entdecken!

Durchgelesen – „Konzert ohne Dichter“ v. Klaus Modick

Worpswede ist eine niedersächsische Gemeinde nordöstlich von Bremen, gelegen im Teufelsmoor und bekannt als ein Erholungsort. Doch mit diesem Ort verknüpfen wir noch viel mehr und denken in erster Linie an die berühmte Künstlerkolonie Worpswede. Die 1889 gegründete Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Künstlern beheimatete hauptsächlich Künstler des Jugendstils, Impressionismus und Expressionismus. Einer der wichtigsten Orte in Worpswede war der Barkenhoff, der Mittelpunkt für Begegnungen und Feste. 1895 erwarb Heinrich Vogeler (1872 – 1942) diesen Barkenhoff und baute ihn im Jugendstil um. Heinrich Vogeler war Maler, Architekt, Grafiker, Schriftsteller und der „Märchenprinz“ aus dem „Märchen“ Worpswede. Klaus Modick hat dieses „Märchen“ neu erzählt und wir freuen uns sehr, in diese ganz besondere Welt voller Kunst und Literatur, aber auch Liebe, Freundschaft, Macht und Geld eintauchen zu dürfen.

Klaus Modick – geboren 1951 – studierte nach dem Abitur Germanistik, Geschichte und Pädagogik in Hamburg. Nachdem er sein erstes Staatsexamen für Lehramt Gymnasium in Deutsch und Geschichte abgelegt hatte, promovierte er 1980 in Literaturwissenschaft über Lion Feuchtwanger. Seit 1984 ist er als freier Schriftsteller und Übersetzer tätig. Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Preisen, wie zum Beispiel dem Bettina-von-Arnim-Preis und dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet. Zu seinen bekanntesten und erfolgreichsten Werken zählen „Vierundzwanzig Türen“ (2000), „Der kretische Gast“ (2003) und „Sunset“ (2010). Und jetzt ganz aktuell kann uns Klaus Modick mit seinem Roman „Konzert ohne Dichter“ rundum die Künstlerkolonie Worpswede und im Besonderen um die nicht ganz einfache Freundschaft zwischen Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke beglücken.

Der Roman spielt zwei Tage vor und an dem Tag selbst der wichtigen Preisverleihung – Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft – an Heinrich Vogeler, genauer vom 7. bis 9. Juni 1905. Diese wichtige Auszeichnung wird ihm nicht nur für sein gesamtes Werk, sondern auch im Besonderen für das endlich nach fünf Jahren fertiggestellte Gemälde „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“ verliehen. Doch dieses Werk ist für Heinrich Vogeler persönlich nicht der Erfolg, wie ihn die Öffentlichkeit feiert. Für ihn steht das Bild in verschiedenster Hinsicht für ein Scheitern. Sowohl sein künstlerisches Selbstbewusstsein gerät ins Wanken, als auch seine Ehe wird von Krisen geschüttelt, aber vor allem bekommt die Freundschaft zwischen ihm und Rilke grosse Risse.

Heinrich Vogeler gehörte zur ersten Generation der Künstlerkolonie Worpswede. Sein Barkenhoff war der Treffpunkt dieser Künstler und die sogenannte Barkenhoff-Familie bestand nicht nur aus ihm und seiner Frau Martha, sondern auch aus Otto Modersohn und dessen Frau und Malerin Paula Modersohn-Becker und Rainer Maria Rilke und dessen Frau und Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff. Ja und genau Rilke war der literarische Stern in Worpswede, ein „Seelenverwandter“ für Vogeler, aber auch ein Mensch, der in seinem – um es diplomatisch auszudrücken – nicht einfachen Charakter weit unterschätzt wurde, vor allem was die Beziehungen zu Frauen betraf.

„Es bedeutete, dass die Dichter das Sagen hatten, die Maler das Zeigen, und den Frauen blieb das Sein. Insbesondere das Da-Sein, das ständige Bereit-Sein für die Dichter und Maler. Rilke brauchte die Frauen. Aber im Grunde liebte er sie nicht.“

Rilke war ein Mann, der im ersten Moment eher schwächlich, leicht blass und in sich versunken wirkte, jedoch eine unglaubliche Anziehungskraft bei Frauen besass, die nicht nur Liebschaften mit adeligen und reichen Damen von Welt zur Folge hatte, denke man nur an die nicht ganz eindeutig zu bewertende Liaison mit Lou Andreas-Salomé. Aber auch Frauen, die sich ganz der Kunst verschrieben hatten, wie Clara Westhoff und Paula Becker, waren hingerissen von Rilkes Dichtung und seiner sensiblen Vortragskunst. Doch Rilke war in seiner Art dominant, konnte und wollte ausser für seine Poesie für nichts anderes verantwortlich sein. Doch ohne jegliche Form von Bewunderung und Liebe, die er zwar nie wirklich für andere geben konnte, war er selbst nicht lebensfähig. Für Rilke zählte nur die Kunst und der Künstler müsste und könnte nur alleine agieren. Die Künstlerkolonie verbarg eine Widersprüchlichkeit schon im Wort direkt:

„Künstler müssen Einzelgänger sein, Eigensinnige jedenfalls, weil nur aus Eigensinn entstehen kann, was ein Werk ausmacht: Stil.“

Trotz der für Heinrich Vogeler nicht immer ganz so verständlichen und nachvollziehbaren Aussagen Rilkes, unterstützte Heinrich Vogeler Rilke wo immer er auch konnte. Er nahm ihn als Gast bei sich im Barkenhoff auf, so lange bis er noch kein eigenes Haus in Worpswede hatte. Und hin und wieder musste er auch kleine finanzielle Hilfen leisten bzw. organisierte Kunsthändler, die sich für die Werke von Rilkes Frau Clara interessieren könnten, damit das Leben wieder weitergehen und Rilke sich auf seine Dichtkunst konzentrieren konnte. Vogeler hingegen durfte bzw. erklärte sich bereit ausgewählte Werke von Rilke zu illustrieren. Somit entstand doch auch eine Art von Kooperation, von der man nicht immer ausgehen konnte. Ja es sah nach einer gewissen Harmonie aus zwischen Vogeler und Rilke, doch leider war diese vielleicht nur am Beginn der Begegnung zwischen den beiden Männern vorhanden und verselbständigte sich im Laufe der Zeit. Das Ergebnis dazu ist sichtbar, wenn man das Bild „Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“ betrachtet. Denn ein Platz ist dort frei zwischen den zwei Frauen Clara und Paula. Eigentlich sollte da Rilke erkennbar sein. Vogeler hatte ihn aus dem Bild genommen, doch warum…?

„Konzert ohne Dichter“ ist ein wunderschöner, einfühlsamer und äusserst inspirierender Roman nicht nur über die Künstlerkolonie Worpswede und Heinrich Vogeler. Nein es ist auch ein Roman über die von Klaus Modick so beeindruckend klug und differenziert erzählte Dreiecksbeziehung zwischen Paula Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff und Rainer Maria Rilke. Ein Skandal, welcher der Mal- und Dicht-Kunst untergeordnet wird und genau so schnell wieder entschwindet, wie er auch aufgetaucht ist.

Dieses Buch bietet aber neben den Maler-Frauen und ihren Schwärmereien und erotischen Verwicklungen auch noch eine besondere Männerfreundschaft, die alles andere als stabil ist. Die Selbstliebe von Rainer Maria Rilke und die Selbstzweifel von Heinrich Vogeler lassen die anfängliche Harmonie langsam verblassen. Klaus Modick kann dies mit seinen so spielerisch eingebetteten Rückblenden so klar und ebenso emotional dem Leser vermitteln, dass man Vogeler und Rilke so nahe kommt, als wäre man, als Leser, ein ganz naher Beobachter dieser besonderen Künstler-Freunde .

Durch „Konzert ohne Dichter“ erleben wir nicht nur Rilke von einer doch ganz anderen Seite. Wir werden dadurch auch noch neugieriger auf seine Dichtkunst, verspüren Entdeckerlust auf Bilder von Heinrich Vogeler, Paula Modersohn-Becker und auf Skulpturen von Clara Rilke-Westhoff. Und gleichzeitig sehnen wir uns nach der besonderen Landschaft von Worpswede. Das „Märchen“ Worpswede wird mehr als lebendig durch die so wunderbare Erzählkunst von Klaus Modick! Ein literarisch absolut bemerkenswerter und sehr eindrucksvoller Kunstroman, der mehr als lesenswert ist!

Durchgelesen – „Ein Liebesabenteuer“ v. Alexandre Dumas

In der Literatur gibt es hin und wieder so wunderbare Überraschungen, die man nicht für möglich halten würde. Und genau so eine literarische Überraschung ist die Entdeckung eines Werkes von Alexandre Dumas, das wir mit grosser Erwartung nun nach sage und schreibe über 150 Jahren zum ersten Mal in deutscher Sprache in den Händen halten dürfen. Alexandre Dumas hat im Alter von 57 Jahren diesen Text mit dem Titel „Une aventure d’amour“ („Ein Liebesabenteuer“) lange Zeit nach seiner Hauptschaffensperiode geschrieben, welcher dann 1860 in Frankreich veröffentlicht wurde.

Alexandre Dumas (1802-1870) ist neben Balzac und Hugo einer der grossen französischen Schriftsteller, der vor allem durch seine Historienromane „Der Graf von Monte Christo“ und „Die drei Musketiere“ Weltruhm und eine überaus hohen Bekanntheitswert erreichte. Seine ersten Schreibversuche startete Alexandre Dumas allerdings mit Komödien, später betätigte er sich auch als Lyriker und Journalist. Er lernte Victor Hugo kennen und arbeitete mit Gérard de Nerval zusammen. Doch so richtig populär und beliebt wurde er erst durch seine Abenteuerromane. Dumas war ein Lebe- und Genussmensch, den Frauen gegenüber nie abgeneigt widmete er sich den schönen Dingen im Leben. Er reiste viel – nach Belgien, Deutschland, Italien und Russland -, nicht nur aus Interesse, sondern auch, um seinen Gläubigern immer mal wieder entfliehen zu können. Doch diese Reiseeindrücke konnte er dann letztendlich erfolgreich in seinen „Mémoires“ verarbeiten, die zwischen 1852 und 1854 in Brüssel erschienen waren. Doch heute nach dem bekannt abenteuerlustigen Alexandre Dumas erleben wir in diesem – dank der sehr gelungenen Übersetzung von Roberto J. Giusti – gerade neu veröffentlichten Buch „Ein Liebesabenteuer“ eine neue und ungewohnte Seite von Alexandre Dumas.

„Ein Liebesabenteuer“ ist keine  klassische Erzählung, auch keine Novelle, geschweige denn ein Roman. Es könnte eine Geschichte oder eher ein Bericht aus seinem Leben sein, autobiographisch, aber trotzdem äusserst literarisch. Im Herbst 1856 kommt bei Alexandre Dumas überraschend eine Dame zu Besuch. Obwohl er seinem Hausdiener klare Anweisung gegeben hat, niemanden zu ihm vorzulassen, wird die Dame hereingeführt, denn sie war nach Meinung des Dieners einfach besonders schön. Bei dieser Dame handelt es sich um Lilla Bulyowsky. Eine junge Frau, 25 Jahre alt und Schauspielerin aus Budapest. Über einen Kontakt spricht sie nun bei Alexandre Dumas vor und wünscht sich, dass er sie in die französische Bohemien-Welt einführt. Allerdings stellt sie gleich eines klar:

„…ich habe einen Gatten, den ich liebe, und ein Kind, das ich vergöttere.“

Sicher ein kluger Schachzug von Lilla, denn dass Alexandre Dumas dem weiblichen Geschlecht doch sehr stark zugeneigt war, konnte auch ihr nicht verborgen bleiben und somit zieht sie bereits bei ihrem ersten Treffen mit Alexandre eine klare Grenze. Nach einem Monat regelmässiger Begegnungen zwischen Alexandre und Lilla wird es für Lilla Zeit, die Weiterreise anzutreten. Sie möchte unbedingt nach Deutschland, die Reise soll über Brüssel, Spa und Köln, ja und dann weiter nach Mainz bis nach Mannheim führen. Alexandre entschliesst sich kurzer Hand, Lilla bis nach Brüssel zu begleiten. Trotz einem Knistern und einer gewissen Spannung zwischen den beiden bleibt Alexandre während der Zugreise besonders höflich und galant distanziert, ja ein wahrer „Gentleman“, der sich als hervorragender Begleiter entpuppt und bei Ankunft in Brüssel trotz gewisser erotischer Schwingungen eine ganz neue Seite an sich entdeckt:

„Eine Stunde später war sie im „Hotel de Suède“. Ich führte sie zu ihrem Zimmer, küsste ihr respektvoll die Hand und murmelte im Hinausgehen: «Wie bezaubernd es wäre, wenn man eine Frau zum Freund haben könnte!»“ 

Alexandre entschied sich nach dem Brüssel-Aufenthalt die Reise nach Deutschland weiter mit Lilla gemeinsam fortzusetzen und so dürfen wir dabei die interessanten und unter anderem auch äusserst amüsanten Anmerkungen Dumas über die deutsche Lebensart und allerlei kulinarische Genüsse verfolgen:

„In allen Ländern der Erde gibt man Essig in den Salat; in Deutschland gibt man den Salat in den Essig.“

Die Reise nach Deutschland entwickelte sich als ein wahres Entdeckungswunder für Alexandre, der inzwischen mit Lilla in Koblenz eingetroffen ist und selbst immer mehr von seinem „geschwisterlichen“ Verhältnis zu Lilla überrascht war, das selbst die Nähe der Hotelzimmer nicht im geringsten mehr gefährden konnte. In Koblenz freunden sich Lilla und Alexandre mit einer sympathischen Wienerin an, welche beide auf ihrer Weiterreise begleiten wird. Dabei erzählt Alexandre den beiden Damen ein wahres Liebesabenteuer, das er 1836 in Palermo mit einer Frau, die er nur Maria nannte, erlebt hatte. Könnte nun auch die Beziehung mit Lilla nicht doch noch eine andere Wendung nehmen, als wir sie bis jetzt beobachten, denn die Reise war noch lange nicht beendet, sowohl im realen, als auch im gedanklich erzählerischen und vor allem emotionalen Sinne…?

Alexandre Dumas versprüht mit diesem von Charme und Esprit kaum zu überbietenden Werk einen Zauber und eine Eleganz, wie wir sie uns nicht schöner wünschen könnten. „Ein Liebesabenteuer“ ist eine entzückende Anekdote aus einem bewegten und intensiven Leben, das nun endlich aus der Übersetzungs-Verschollenheit entsprang und somit den deutschsprachigen Leser in die vielleicht noch völlig unerforschte Welt von Alexandre Dumas entführen kann.

Das besondere an diesem kleinen feinen Oeuvre ist das stilvolle Herausstellen eines sehr positiv anmutenden Charakterzugs von Alexandre Dumas im Bezug auf die Bewunderung und den Respekt gegenüber Frauen. Alexandre Dumas könnte der Vater von Lilla sein, und selbst dies wäre vielleicht kein Hinderungsgrund für eine Affäre. Doch in diesem erstaunlich emotional offenen Text zeigt Alexandre Dumas eine gewisse souveräne, aber auch ehrfürchtig vornehme Haltung und lernt, je länger seine und Lillas „Zweisamkeit“ dauert, das Wunder der Freundschaft zwischen Mann und Frau kennen und lieben:

„Zwischen uns war etwas entstanden, das sich zwischen der Liebe zweier Amants und der Liebe zwischen Bruder und Schwester eingependelt hatte, eine äusserst charmante Empfindung, die in der Skala menschlicher Innigkeit noch nicht einzuordnen war.“

Alexandre Dumas hat uns mit diesem wundervollen, aber auch klugen und geistreichen „Lebensbericht“ ein ganz besonderes literarisches Bijou geschenkt. Wir freuen uns sehr, dass diese Übersetzungslücke im Werk von Alexandre Dumas nun so erfolgreich geschlossen werden konnte. Ob als reine Liebesgeschichte, diplomatisch verpackte Reisereportage oder autobiographische Anekdote, dieses „Liebesabenteuer“ ist nicht nur für Dumas Verehrer ein äusserst intelligent unterhaltsamer Lesegenuss und deshalb besonders empfehlenswert!

Durchgelesen – „Leben und Ansichten von Maf dem Hund und seiner Freundin Marilyn Monroe“ v. Andrew O’Hagan

Wer kennt sie nicht, Marilyn Monroe, eine Ikone, ein Mythos, eine Schauspielerin, aber auch eine sehr verletzliche Frau, die immer auf der Suche war! Bestimmt wären viele Menschen ihr sehr gerne nahe gewesen, wie eine Freundin bzw. ein Freund oder besser noch wie ein Hund, der er ihr treu ergeben wäre, aber auch sich instinktiv um ihr Seelenheil kümmern würde. Umso mehr freuen wir uns als Leser, nun die literarische Bekanntschaft mit genau so einem vierpfotigen und bellenden Begleiter machen zu dürfen, der uns das Leben an der Seite von Marilyn Monroe auf äusserst intellektuelle und empathische Weise erläutert.

Dieses grandiose Buch über eine unglaubliche « Freundschaft » schenkt uns Andrew O’Hagan (geboren 1968 in Glasgow). Er zählt zu den neuen aufstrebenden und inzwischen auch wichtigsten Schriftstellern Grossbritanniens und ist Creative Writing Fellow am King’s College London. Seine Erzählungen und Romane wurden bereits in 15 Sprachen übersetzt und seine Essays und Artikel erscheinen unter anderem in der London Review of Books, New York Review of Books, The Guardian und im New Yorker. Darüberhinaus ist er auch noch als Botschafter bei UNICEF tätig. Mit seinem Roman « Leben und Ansichten von Maf dem Hund und seiner Freundin Marilyn Monroe », der bereits 2010 in Grossbritannien erschienen ist, gewann er den Glenfiddich Spirit of Scottland Award.

Die Geschichte wird aus der Sicht des Hundes rückwirkend erzählt und beginnt 1960 in Grossbritannien. Ein kleiner weisser, reinrassiger Malteserhund erblickte das Licht der Welt in Charleston. Er wuchs bei der Schwester von Virginia Woolf auf und wurde liebevoll von deren Haushälterin Mrs Higgins betreut. Doch lange sollte er nicht in England bleiben, sondern nach Amerika reisen. Eines Tages erwartete man die Hundeliebhaberin Mrs. Gurdin, eine russische Emigrantin und Mutter des Filmstars Natalie Wood, die sich sehr für Malteser interessierte, denn bei dieser Rasse handelte es sich um ganz besondere Hunde:

« Jeder Hund, der sein Futter wert ist, ist ein Quell der Expertise, was seinen Stammbaum angeht. Uns Maltesern – dem bichon maltais, dem Hund der römischen Damen, dem alten King Charles Spaniel, dem Malteser Löwenhund oder Malteser Terrier – lässt man es durchgehen, das wir uns für die Aristokraten der Hundewelt halten. »

Mrs. Gurdin brachte den weissen Malteser mit einem kleinen Zwischenstopp in London per Pan-American-Flug nach Los Angeles. Aber nicht nur der Malteser noch ein paar andere Hunde wurden von Mrs. Gurdin aufgenommen. Die Fahrt von der Quarantänestation entwickelte sich zu einem interessanten « Gesprächsaustausch » so unter Vierbeinern, ein Schnauzer äusserte sich dabei ganz konkret :

« “ In Wahrheit wissen die Menschen, dass wir sie studieren“, sagte er, “ und die schlauen wissen auch, dass wir über sie reden. Die Menschen sind nicht dumm. Sie verhalten sich nur so, als ob sie es wären.“ »

Jetzt galt es die Zeit ein wenig zu überbrücken, bis dieser Malteser endlich sein neues Frauchen kennenlernen durfte. Es dauerte nicht lange und Natalie Wood – Tochter v. Mrs. Gurdin – erklärte ihrer Mutter, dass Frank Sinatra einen Hund kaufen möchte und bald vorbeikäme. Frank holte den Hund persönlich ab :

« „He, ich war etwas daneben, Freund“ sagte er, streichelte und schnippte mein Ohr. “ Ich hätte hallo sagen sollen, als ich gekommen bin. He, Junge. Du bist das Geschenk für Marilyn.“ »

Und so begleitete der Malteser zuerst Frank in sein Haus und war mehr als pikiert über die Wohnsituation, die Farben und den Umgangston von Frank. Da konnte man als Hund nur noch überleben, wenn man sich an die grossen Philosophen wie beispielsweise Descartes erinnerte und Autoren wie Adorno einem immer wieder in den Sinn kamen. Endlich ging es nach ein paar Tagen per Privatflugzeug mit Frank Sinatra nach New York und der Malteser konnte nun bald seine neue « Freundin » treffen. Bereits die Dienstboten hatten bei der Begrüssung von Frank ihre Entzückungsrufe über diesen Hund ausgedrückt und auch Marilyn konnte ihre Begeisterung kaum zurückhalten und freute sich sehr über dieses « tierische » Geschenk. Er gefiel ihr sofort, sie meinte er hätte Stil und Charme und wäre ein stattlicher kleiner Bursche. Jetzt fehlte nur noch der passende Name :

« „Er ist ein hartgesottener kleiner Kerl, nicht war ? Ich werde ihn Mafia nennen – Mafia Honey.“ »

Der Malteser wurde nun Mafia Honey genannt, kurz einfach nur Maf. Er war glücklich, endlich nach so vielen Reisen bei seinem richtigen Frauchen angekommen zu sein. Er hatte sich schnell heimisch gefühlt, wurde buchstäblich mit den besten Köstlichkeiten verwöhnt, als würde er im Paradies leben. Doch trotz dieser vielen Annehmlichkeiten, liess er sich nicht ablenken und versuchte Marilyn und ihre drei « Leben » als Mensch, Frau und Filmstar genauer unter die Lupe zu nehmen, sie zu beobachten, zu verstehen und in schwierigen Situationen zu unterstützen und zu trösten. Nach kurzer Zeit spürte Maf, dass die Trennung zwischen Arthur Miller und Marilyn Monroe nicht spurlos an seinem Frauchen vorübergegangen war. Doch trotz allem wurde auch ein Hauch von Befreiung erkennbar, der sowohl Marilyn als auch ihm, als Hund und treuen Gefährten gut tat :

« Marilyn nahm mich überallhin mit. Wir hatten grossen Spass dabei, die Avenues entlangzugehen, Marilyn trug manchmal ein Kopftuch und eine Sonnenbrille, niemand erkannte sie, und wir liefen mit offenen Mündern gegen den Wind und hungerten nach Erfahrungen. Ich glaube, uns war ein Gespür für die Nöte der Zeit gemeinsam, der Instinkt, die Distanz zwischen oben und unten aufzuheben, etwas, was sich im Lauf der entwickelte und die Tiefe unserer Freundschaft erklärte. »

Und so begann die fast zwei Jahre andauernde « Freundschaft » zwischen Marilyn Monroe und dem Malteser Maf, die geprägt war durch absolutes Vertrauen, da Maf ein wahrer « Hunde-besitzerinnenversteher » war, und sich auszeichnete durch eine bedingungslose Offenheit, die es sicherlich in dieser Form selten unter Menschen geben kann und wird…

Maf, der Hauptprotagonist, dieses Romans hatte nun die Ehre einer Ikone, eines Stars wie Marilyn Monroe, sehr nahe zu sein. O’Hagan hat mit dieser vierbeinigen « Figur » einen wahren Glücksgriff erzielt. Es ist eine absolut grandiose Idee, Marilyn Monroe aus der Sicht eines Hundes zu charakterisieren, zu erleben, zu beschreiben, quasi hautnah kennenzulernen. Unvoreingenommen kann der Hund all seine Gedanken in den Raum stellen, über die Filmbranche, die Politik und vieles andere nicht nur Tacheles reden, sondern sich auch auf philosophische Weise lustig machen. Es wird ihm keiner verüblen, vor allem nicht sein Frauchen, selbst dann nicht, wenn er aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zwischen Hund und Mensch – seine « Freundin » natürlich ausgeschlossen -, dem « Zweibeiner » als Reaktion mit seinen Zähnen einen klaren « Kommentar » in der Wade hinterlässt.

Diese Kunst, den Hund sprechen, ja fast schon « Mensch » werden zu lassen, mag ein Autor in dieser brillanten Form nur dann zu realisieren, wenn er sich in der Hunde- und Filmwelt auskennt. Dieser Roman ist keinesfalls eine leichte Geschichte aus Hundeperspektive. Umso wichtiger ist es, dieses Buch nicht falsch einzuschätzen. Dieses Werk ist äusserst anspruchsvoll, das mit Ruhe und Aufmerksamkeit gelesen werden sollte. Denn nur dann kann man die Affinität von Maf zur europäischen Kultur, die vielen Literatur-Zitate und die « belesene » Dekadenz dieses Hundes verstehen und aufnehmen. Und dieser Roman ist nicht nur eine Teilbiographie von Marilyn Monroe als Einzelperson, es die Geschichte des intellektuellen Amerikas Anfang der 60ziger Jahre, die durch viele Persönlichkeiten aus Literatur, Film und Politik beeinflusst wurde.

« Leben und Ansichten von Maf dem Hund und seiner Freundin Marilyn Monroe » ist ein absolut unvergleiches, aussergewöhnliches und faszinierndes Porträt einer der brühmtesten Blondinen der Welt. Es eignet sich nicht nur für jeden Literaturliebhaber, der auch einen Faible für Marilyn Monroe hegt, Hunde als die besten Freunde des Menschen ansieht und offen ist für einen subtil intelligenten Witz und philosophischen Sarkasmus. Besonders aktuell anlässlich des 50. Todestages am 5. August 2012 von Marilyn Monroe ist dies ein ideales Buch für besonders kulturinteressierte Menschen, welche dieser Frau auf einer sehr klaren, aber äusserst liebenswerten und literarisch empathischen Weise nochmals oder vielleicht auch zum ersten Mal lesenderweise begegnen möchten.

Durchgelesen – „Sire, ich eile: Voltaire bei Friedrich II.“ v. Hans Joachim Schädlich

Spätestens seit dem 300. Geburtstag am 24. Januar 2012 ist der Preußenkönig Friedrich II. wieder in aller Munde. Und genau dieses Jubiläum könnte Hans Joachim Schädlich als Anlass genommen haben, auf die ganz besonders ungewöhnliche « Beziehung » zwischen Friedrich II. und Voltaire aufmerksam zu machen. Erwarten Sie jetzt kein neues Sachbuch über den Preußenkönig. Ganz im Gegenteil, Sie werden von Hans Joachim Schädlich mit einer äusserst kurzweiligen und espritvollen Novelle über die « Freundschaft » Friedrichs II. zu Voltaire, wie sie es in dieser literarischen Form sicherlich noch nicht gegeben hat, überrascht.

Hans Joachim Schädlich (geboren 1935 in Reichenbach im Vogtland) studierte Germanistik und Linguistik an der Humboldt-Universität Berlin und an der Universität Leipzig. Nach seiner Promotion arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin, bevor er 1977 aufgrund eines Ausreiseantrags in die Bundesrepublik übersiedeln konnte. Er wurde für seine Werke mit einer Fülle von Auszeichnungen geehrt, unter anderem 1992 den Heinrich-Böll-Preis, 1996 den Kleist-Preis, 1998 den Schiller-Gedächtnispreis und 2007 den Literaturpreis der Stadt Bremen. Heute lebt und arbeitet Hans Joachim Schädlich in Berlin. Ganz aktuell ist nun sein neuestes Werk « Sire, ich eile » erschienen, welches den Leser durch seine sprachliche Brillanz begeistern und neugierig machen wird.

« Sire, ich eile », erzählt die schwierige und irgendwie auch merkwürdige Konstellation zwischen Friedrich II. und Voltaire. Friedrich II. ist durch sein Geburtstags-Jubiläum wieder mehr ins Gedächtnis gerückt, wir wissen um seine Taten, « Erfolge » und Probleme, kennen sein Faible für die Philosophie und die Leidenschaft zur Musik, insbesondere zur Flötenmusik. Doch wer ist eigentlich Voltaire und warum wird er so stark von Friedrich II. umworben ?

Voltaire (1694 – 1778), heisst eigentlich François-Marie Arouet, gehörte zu den meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In erster Linie schrieb er als Lyriker, Dramatiker und Epiker für die intellektuelle Oberschicht Frankreichs. Und nicht nur für diese, auch die Adelschicht in ganz Europa, welche aufgrund ihrer Erziehung die französische Sprache lernte, war begeistert von seinen philosophischen Werken. Er beherrschte selbst mehrere Sprachen wie Englisch und Italienisch, reiste viel und lebte in Ländern wie Niederlande, Deutschland, England und der Schweiz. Er äusserte sich kritisch über den Absolutismus, die feudalistischen Zustände und die Monopolherrschaft der katholischen Kirche, deshalb wird er auch als Wegbereiter der Französischen Revolution bezeichnet. Zu seinen wichtigsten, bekanntesten und beliebtesten Werken – vor allem auch in deutscher Übersetzung – zählt « Candide oder der Optimismus », welches 1759 erstmals veröffentlicht wurde.

Hans Joachim Schädlich’s Novelle beginnt im Jahre 1732. Voltaire’s Theaterstück « Zaire » feiert grosse Erfolge in der Comédie Française (Paris). Er lernt durch den Comte de Forcalquier und zwei anderen Bekannten seine zukünftige Geliebte kennen. Es ist die Marquise du Châtelet, mit dem zarten Vornamen Émilie :

« Die vier fuhren nach Charonne und kehrten in einem Landgasthof ein. Auch im Gasthaus sass Voltaire neben Madame Châtelet. Seit diesem Abend konnten die beiden nicht mehr voneinander lassen.
Es war Liebe.
François und Émilie. »

Ein Jahr später finden François und Émilie endgültig zusammen und sie wird die Geliebte und Gefährtin von Voltaire, obwohl sie bereits seit 1725 mit dem Marquis du Châtelet-Lomont verheiratet und auch Mutter von einer Tochter ist. Davor war sie übrigens auch noch die Geliebte vom Herzog von Richelieu (ein Großneffe des Kardinals Richelieu). Émilie ist eine durchsetzungsstarke und sehr intelligente Frau. Sehr belesen und von philosophischen und metaphysischen Werken angezogen, beschäftigt sie sich intensiv mit Mathematik und Physik. Um einem Haftbefehl zu entgehen, verlässt Voltaire Paris und reist 1734 nach Cirey-sur-Blaise. Er zieht in das Schloss, das schon immer seiner Familie gehörte. Émilie kommt nach, hilft ihm beim Einrichten und Dekorieren. Widmet sich aber bald wieder ihren physikalischen Experimenten im eigenen Labor. Voltaire und Émilie arbeiten gemeinsam an verschiedenen naturwissenschaftlichen Werken.

Friedrich, noch Kronprinz, versucht sich mit philosophischen Werken abzulenken und mit dem Gedanken anzufreunden, dass er bald preußischer König wird. Er hasst die deutsche Sprache und Literatur und beginnt mit seinen ersten Kompositionen. Zum ersten Mal im Jahre 1736 erreicht Voltaire ein Brief des preussischen Kronprinzen. Und ab diesem Zeitpunkt beginnt ein nicht zu enden wollendes Umwerben von Seiten Friedrichs. Der zukünftige Preußenkönig wünscht nichts sehnlicheres als den Schöpfer dieser herausragenden philosophischen Werke bei sich zu haben. Er ist auf der Suche nach einem adäquaten Gesprächspartner und nach einem geeigneten Korrektor für seine philosophischen und poetischen Schriften.

1740 besucht Voltaire Friedrich zum ersten Mal in Kleve. Weitere Treffen folgen, doch Émilie ist skeptisch und spürt, dass Friedrich « ihren » Voltaire eigentlich nur « besitzen » möchte. Das belastet natürlich die Beziehung zwischen Émilie und Voltaire. Sie lässt sich auf einen anderen Mann ein, der ihr neuer Liebhaber wird und sie bald darauf auch schwängert. Und auch Voltaire hat eine neue Geliebte, seine Nichte Louise Denis. Friedrich drängt zunehmend, doch Voltaire vertröstet ihn, denn trotz der neuen « Liebesumstände » ist Voltaire nach wie vor für seine Gefährtin Émilie da und will ihr auch bei der Geburt beistehen. 1749 bekommt Émilie ihr Kind, sie stirbt jedoch einige Tage später und auch das Kind überlebt nicht.

1750 bricht Voltaire nun endgültig in Richtung Potsdam auf. Seine Reise gestaltet sich sehr schwierig und ist begleitet von vielen Hindernissen. Doch er versichert Friedrich sein Kommen in einem Brief :

« “ Sire, ich eile, ich werde kommen, tot oder lebendig. “ »

Voltaire wird am preussischen Hof von Friedrich empfangen und zu seinem Kammerherrn ernannt. Es dauert jedoch nicht lange und die beiden Männer stellen ihre unterschiedlichen Lebensgewohnheiten und Charakterzüge fest. Die Situation eskaliert immer mehr. Es kommt zum « Freundschafts » – Bruch zwischen dem König und dem Philosophen. Voltaire möchte so schnell als möglich wieder abreisen, da die Lage sehr brenzlig wird. Er flieht, wird jedoch durch preussische Beauftragte auf Befehl von Friedrich in der Freien Reichsstadt Frankfurt festgehalten und unter Hausarrest gestellt…

Diese atemberaubende Geschichte – äusserst genau und präzise im Hinblick auf die Historie recherchiert – wird von dem Sprachkünstler Hans Joachim Schädlich auf gerade mal 140 Seiten erzählt. Eine Novelle voller Kraft und Genauigkeit, die ihren Glanz durch die minimalistischen und klaren Formulierungen erhält. Die Süddeutsche Zeitung schreibt über Hans Joachim Schädlich : « Ein Meister der Reduktion, der mit dieser Reduktion eine ungeheure Intensität erreicht. »

Ja und genau diese Reduktion hat für den Leser viele Vorteile. Er muss sich nicht durch ein 500 Seiten starkes historisches Werk quälen. Die Novelle bietet klare Fakten und Informationen auf sprachlich höchstem Niveau. Mit Hilfe dezent versteckter Ironie spüren wir als Leser, wie schwierig es doch erscheint, als freiheitlich denkender Philosoph Freund eines von absoluter Macht gelenkten Königs – trotz musischer und philosophischer Ambitionen – zu sein. Ergänzend wird uns in diesem kleinen grossen Werk die wunderbare Gefährtin Émilie du Châtelet vorgestellt und wir lernen durch sie viel über die aufgeklärte Liebe.

Mit Raffinesse erzeugt Hans Joachim Schädlich beim Leser einen nicht zu erwartenden Wissensdurst. Man möchte sich am Liebsten nach dieser Lektüre in eine Biographie von Voltaire stürzen, sucht nach mehr Informationen über seine beeindruckende Geliebte und entdeckt wiederum interessante Seiten bei Friedrich II. Hans Joachim Schädlich ist somit das gelungen, was selten historische Werke vollbringen können : mit Knappheit und literarischer Kunst den Leser zu beglücken, nicht im geringsten zu langweilen, sondern ihn mit grosser Neugierde auf mehr zu entlassen. Kurzum, es macht nicht nur sehr grosse Freude, sondern es ist auch ein äusserst bereicherndes Vergnügen, diese wunderbare Novelle zu lesen !

Durchgelesen – „Das amerikanische Hospital“ v. Michael Kleeberg

Das Leben schreibt viele Geschichten, traurige, mutige, schöne und intensive. „Das amerikanische Hospital“ ist eine von diesen nachhaltigen Lebensgeschichten, die besonders sanft, einfühlsam, aber auch unglaublich informativ und authentisch von Michael Kleeberg erzählt wird. Er selbst studierte Politische Wissenschaften, Geschichte und Visuelle Kommunikation. Sein literarisches Werk wurde mit dem Anna-Seghers-Preis (1996), dem Lion-Feuchtwanger-Preis (2000) und dem Irmgard-Heilmann-Preis (2008) honoriert. Seit 2000 lebt er als freier Schriftsteller und Übersetzer aus dem Französischen und Englischen in Berlin. Davor hat er 14 Jahre in Paris gelebt, eine Stadt die ihn sicherlich sehr geprägt hat und die auch der Schauplatz dieses Romans ist.

„Das amerikanische Hospital“ ist nicht nur der Titel dieses intensiven Romans, es ist auch der richtige Name eines privaten Krankenhauses in Neuilly, einem der nobelsten Vororte im Westen von Paris. Es ist in der Regel der Ort, wo Menschen Hilfe und Heilung suchen, aber es ist auch ein Ort der Begegnung. Und so kommt es, dass Hélène, eine 30 Jahre junge, dynamische und erfolgreiche Pariser Innenarchitektin, und David, ein amerikanischer Soldat, hier aufeinandertreffen. Im Herbst 1991 wartet Hélène an der Rezeption des American Hospitals und just in diesem Moment sieht sie einen Mann – Amerikaner – vor ihr zusammenbrechen. Er lag gekrümmt zu ihren Füssen und zuckte, als hätte er einen epileptischen Anfall. Sie sprang ihm sofort zur Hilfe, er klammerte sich an ihr so fest, dass ihr Kleid an der Taille aufgerissen wurde. Glücklicherweise  kamen ihr zwei Pfleger zu Hilfe und sie wurde aus seinen starken Händen befreit.

Hélène hatte sich für das Hôpital Américain in Neuilly entschieden, um eine künstliche Befruchtung – eine sogenannte In-vitro-Behandlung – vornehmen zu lassen. Ihr Mann und sie wünschten sich unbedingt ein Kind. Aber sie konnte auf natürliche Weise keine Kinder bekommen, und für ihren Mann ist eine Familie ohne Kind keine richtige Familie. Unabhängig davon sollte sie auch noch ihre Arbeit aufgeben, um sich vollkommen auf die Behandlung konzentrieren zu können. Die Prozedur dieser künstlichen Befruchtung war unbeschreiblich aufwendig, Voruntersuchungen, Gespräche und schliesslich der erste Versuch im November. Ja und genau vier Wochen später bei der ersten Follikelpunktion, wo sie aufgrund einer leichten Narkose, eine Nacht im Krankenhaus verbringen musste, traf sie den Amerikaner wieder. Als sie in der Cafeteria sass, erkannte er sie, während sie beide jeder für sich ein Buch gelesen hatten:

„Entschuldigen Sie, sagte er im Stehen. Sie werden sich nicht erinnern. Sie haben mir -, er stockte. Sie waren sehr freundlich. Er blickte zu Boden. Sie haben sich um mich gekümmert, als ich -. Aber natürlich ! Jetzt lächelte sie im Wiedererkennen das Lächeln, das sie sich seinerzeit versagt hatte. Setzen Sie sich doch. Geht es Ihnen wieder gut? Er legte zuerst das Buch ab, bevor er dankte und Platz nahm. So fiel ihr Blick darauf. Oh! Elizabeth Bishop!,rief sie. Sagen Sie nicht, Sie kennen Elizabeth Bishop. The art of losing isn’t hard to master, zitierte sie, und sie schwiegen beide kurz. Hilfesuchend irrte sein Blick über den Tisch, dann las er, beinahe vorwurfsvoll: Aragon. Das sind ja auch Gedichte! La Diane Française…. „

Hélène freute sich über das Wiedersehen. Sie spürte eine unerklärbare Nähe zu diesem Mann, die sicherlich auf die gemeinsame Liebe zur Lyrik begründet war. Doch dies allein war es nicht. Sie erzählte ihm den Grund ihres Aufenthaltes im Hôpital Américain, dass sie nicht krank wäre, sondern unbedingt schwanger werden möchte. Er schwärmte weiter von Elizabeth Bishop, überhaupt würde für ihn die Poesie ein wichtiger Teil in seinem Leben spielen, noch dazu wo er die Literatur auch richtig studiert hatte.

Der erste Versuch der künstlichen Befruchtung scheiterte und sie musste sich Anfang des Jahres einer Ausschabung im Krankenhaus unterziehen. Sie liess sich nicht entmutigen und startete im Sommer darauf einen zweiten Versuch. Ihr Arzt machte ihr Hoffnungen. Es wäre nicht ungewöhnlich, dass es nicht sofort funktioniert. Sie bräuchte Geduld. Hélènes Leben bestand von nun an nur noch aus Terminen bei ihrem Arzt. Das Hôpital Américain wurde wie eine Art „Arbeitsplatz“ zu dem sie regelmässig pendelte. Ja und dann sah sie ihn wieder und stellte mit Entsetzen fest, das er Soldat ist. Ein amerikanischer Soldat! Passt das zusammen: Lyrikliebhaber und Soldat? Sie konnte die Frage nicht beantworten. Sie war viel zu überrascht, um nicht zu sagen fast schon schockiert:

„Es stimmt schon, begann er, als sie sich im gegenübergesetzt hatte, ich hätte Ihnen gleich sagen sollen, dass ich Soldat bin. Ja. Man sollte das immer sofort sagen. So wie Aussätzige früher immer eine Pestklingel getragen haben. Damit die anständigen Menschen einen weiten Bogen schlagen konnten. Tut mir leid, wenn ich kurz angebunden war, sagte sie. Aber ich mag es nicht, angelogen zu werden, auch wenn das zu einer interessanten Unterhaltung geführt hat. Warum haben Sie mir erzählt, Sie hätten Literatur studiert, wenn Sie Soldat sind? Er sah sie ungläubig an. Aber ich habe Literatur studiert. So, so, so, neben dem Gewehrputzen? Ich meine es ernst, sagte er.“

David, der literaturstudierte amerikanische Soldat, ist im American Hospital Patient. Er wurde hier seit einer gewissen Zeit psychoanalytisch behandelt, um seine schrecklichen Erfahrungen im ersten Irakkrieg, bei dem er als Offizier teilgenommen hatte, zu verarbeiten. Er leidet an extremen Panikattacken, die sich nur sehr schwer in Griff bekommen lassen. David ist Berufssoldat mit Stolz und vor allem auch aus familiären Gründen. Hélène dagegen ist Pazifistin, sie findet den Krieg furchtbar und stellt auch die Rolle der USA in Frage. Dennoch fühlt sie sich von David irgendwie angezogen. Die beiden kommen sich näher, aber nicht in einer klassischen Liebesgeschichte. Sie werden Freunde und öffnen sich gegenseitig ihre verwundeten Seelen. David berichtet von seinen extremen Erfahrungen im Kriegseinsatz, von den Toten und Verwundeten. Hélène erzählt ihm von den weiteren erfolglosen Versuchen, schwanger zu werden. Zwei Menschen, die irgendwie beide, aber jeder für sich auf andere Weise, gebrochen und versehrt sind. Zwei Seelen, die durch intensive Gespräche und Zuhören voneinander erfahren, sich gegenseitig entdecken und sich in freundschaftlicher Weise „lieben“ und zu vertrauen lernen. Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die es ihnen erlaubt, den anderen jeweils zu unterstützen und zu helfen. Dadurch entsteht eine Kraft durch die sie beide am Ende des Romans eine ganz neue Art der Unabhängigkeit und Freiheit gewinnen ….

„Das amerikanische Hospital“ ist ein äusserst intimer Roman. Selten wird dem Leser ein so tiefer Einblick in die Seele zweier Menschen gewährt. Perfekt recherchiert sowohl im Bereich der künstlichen Befruchtung als im militärischen Bereich des ersten Irakkriegs, zeigt uns Michael Kleeberg wie nah die doch sehr unterschiedlichen Probleme der Menschen zusammenliegen können und welche Kräfte im Hinblick auf die Erkennung der menschlichen Tragödie entstehen können. Paris als Schauplatz bietet eine undurchdringbare Atmosphäre, welche beispielsweise bei den gemeinsamen Spaziergängen der beiden Hauptprotagonisten nicht besser in diesem Roman hätte beschrieben werden können. Bewundernswert ist jedoch vor allem das Einfühlungsvermögen von Seiten Michael Kleeberg, der sich wirklich unbeschreiblich kompetent, aber auch unglaublich sensibel in die Seele einer Frau ein denken, ja fast schon einleben kann. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht des Ehemannes von Hélène, was der Leser erst auf den letzten Seiten erfährt. Deshalb ist es um so bemerkenswerter wie fein die seelischen Qualen von beiden Hauptakteuren in die Privatwelt, aber auch in das Zeitgeschehen, integriert werden.

„Das amerikanische Hospital“ ist ein meisterhaft geschriebener Roman, voller Poesie und Dramatik. Ein Buch für Menschen, die sich bewusst sind, wie wichtig Freundschaft im Leben ist und die bereits erfahren haben bzw. noch erfahren werden, welch heilende und tröstende Wirkung ein Gespräch leisten kann.

Durchgelesen – „Die letzte Liebe des Monsieur Armand“ v. Françoise Dorner

Ein wunderbares Buch über Einsamkeit, Glück, Liebe und Freundschaft!

Monsieur Armand, ein distinguierter älterer Herr (70), hat vor drei Jahren seine Frau verloren und fühlt sich seitdem sehr einsam, obwohl sein Sohn ihn regelmässig anruft. Er bezeichnet sich als der „Übriggebliebene“. Doch bei einer Busfahrt macht er per Zufall die Bekanntschaft eines jungen Mädchens. Sie hilft ihm, da er bei nahe gestürzt wäre, reicht ihm seinen Stock wieder und sie steigen auch noch beide gleichzeitig an der selben Bushaltestelle aus.

Dieses junge Mädchen namens Pauline (20), die sich auch sehr einsam und unzufrieden fühlt in ihrer neuen Stelle als Verkäuferin in einem Dekorationsgeschäft, beflügelt den einsamen Philosophen und pensionierten Studienrat Monsieur Armand. Ihre jugendliche Frische und Unbekümmertheit gibt ihm wieder neue Lebensschwung. Es beginnt eine wunderbare Freundschaft, die beide trotz des grossen Altersunterschied geniessen.

Auf sehr feinfühlige, doch gleichzeitig auch scharfsinnige Weise beschreibt und beobachtet Françoise Dorner diese aussergewöhnliche Begegnung. Der Leser wird gleichzeitig aufgewühlt, amüsiert und beglückt.