Durchgeblättert – „Jeux de Mains“ v. Cécile Poimboeuf-Koizumi & Stephen Ellcock

„Nichts gibt mehr Ausdruck und Leben, als die Bewegung der Hände; im Affekte besonders ist das sprechendste Gesicht ohne sie unbedeutend.“ Gotthold Ephraim Lessing hatte mit diesem Satz bereits die Bedeutung von Händen ganz klar erkannt. Die Bewegung der Hände kann, darf und muss vieles bedeuten. Menschen schreiben mit den Händen, sie malen, sie spielen ein Instrument und sie sprechen mit ihnen. Die Hände können aber auch Angst verbreiten, sie können bestrafen und schlagen. Hände können auch ganz unbewegt bleiben, sie können aber auch streicheln, trösten und Liebe schenken. Hände können fast alles oder nichts. 

In der Kunst ist die Hand das absolute Sinnbild der Kreativität. Und um dieses so unterschiedlich interpretierte Kunstsinnbild einzuordnen, zu bewundern, zu verstehen, zu lieben und zu erleben, haben Cécile Poimboef-Koizumi und Stephen Ellcock ein Werk geschaffen, das dem Namen Kunstbuch mehr als alle Ehre erweist. Cécile Poimboef-Koizumi stammt aus einer französisch-japanischen Familie, sie arbeitet als Verlegerin, hat den Verlag Edition Chose Commune mitgegründet und leitet diesen als künstlerische Direktorin. Stephen Ellcock ist ein in London lebender Schrifsteller, Publizist und Sammler von Bildern. Er hat ein virtuelles Museum auf Facebook und Instagram kreiert. Die Kombination von diesen beiden Ausnahmetalenten hat nun ein wundervolles und sehr beeindruckendes Werk hervorgebracht: „Jeux de mains“, das man mit Handspiele oder Händespiel – je nachdem – übersetzen könnte. 

Dieses Kunstbuch ist gleichzeitig auch ein Werk der Buchkunst. Die japanische Bindetechnik hat einen gewissen Einfluss genommen und nicht alle Seiten dieses Werks sind offen geschnitten. Somit kann der Leser, Betrachter und Kunstgeniesser nach jedem Kunstwerk die Seiten ganz vorsichtig durchschneiden, damit er die dazugehörigen Informationen nachlesen kann.

Die beiden Schöpfer dieses Buch-Objekts haben sich bei der Auswahl der darin vorgestellten Hand-Kunstwerke sehr viele Gedanken gemacht. Mehr als 100 Kunstwerke aus den verschiedensten Bereichen wie beispielsweise Malerei, Fotographie und Skulptur. Unbekannte und sehr berühmte Künstler werden hier in diesem Buch vereint. Ein so aussergewöhnlicher Ansatz, der dem anonymen Unbekannten einen so unfassbar grossen Wert verleiht dank der Nähe zu dem berühmt Bekannten. Auch die Epochen werden so wundervoll durcheinander gewürfelt und die Form der Darstellung zeigt all seine Facetten. 

Der Leser bzw. Betrachter betritt mit diesem besondern Buch ein Museum der besonderen Art, ein wahres „Hand-Museum“. Wir sind erstaunt über die Hand-Vielfalt von Schiele, Rodin, Holbein, v. Menzel, Degas und Ingres. Fasziniert von unbekannten plastischen Werken aus Mexiko oder anonymer Fotokunst, entdecken wir natürlich nebenbei auch Picasso, Alberto Giacometti, Louise Bourgeois, Paul Steinberg, Man Ray, Gerhard Richter, Oscar Munoz und Sophie Calle unter vielen Anderen. 

Beim Betrachten dieser Bilder und Kunstwerke spürt man selbst durch das Blättern und Aufschneiden bzw. Öffnen der Seiten, wie wichtig doch Hände auch beim Lesen sind. Welch ein unbeschreiblich schönes Gefühl es doch ist, mit seinen Händen ein Buch aufzuschlagen, darin zu blättern, die Seiten zu berühren und zu erspüren. Hände sind in diesem Fall eine Art zweites oder manchmal sogar das einzige Auge, um das Wichtige im Leben zu sehen bzw. zu erfühlen. Und gleichzeitig geben diese Hände sehr viel mehr, als man im ersten Moment vielleicht glauben mag, an Ausdruck, Information und Gefühl weiter. 

In den aktuellen komplexen Zeiten, in welchen Hände zur Begrüssung und zur Berührung wegen vorgeschriebener Distanz einen noch höheren Stellenwert bekommen, kann dieses so traumhaft schöne Kunstbuch diesen Mangel ein wenig ausgleichen. Doch vergessen wir nicht, wie wichtig Hände sind, welche Bedeutung sie haben, vor allem dann, wenn wir sie nicht in wichtigen Momenten so benützen können und dürfen, wie wir es gewohnt sind und wie wir es uns so sehnlichst wünschen.

Heinrich Heine meinte „Eine schöne Hand ziert den Menschen“. Ob die Hand des individuellen Lesers schön ist, bleibt jedem in seiner ganz privaten Betrachtungsweise selbst überlassen. Halten Sie, verehrter Leser, einfach dieses so besondere Kunstbuch in Ihren schönen Händen – denn nur dies zählt!

Durchgeblättert – „Literaturhotels“ v. Barbara Schaefer

Friedrich Hebbel brachte es mit diesem Zitat auf den Punkt: „Eine Reise ist ein Trunk aus der Quelle des Lebens“.

Nur leider kann in den aktuellen komplexen Zeiten sich kaum jemand an diesem so essentiellen und lebenswichtigen Trunk laben. Glücklicherweise vermögen Bücher ein wenig hinwegtrösten und dem Leser eine andere Art des „Reisens“ erlauben.

Gut geeignet sind dazu Bildbände, die sich auch noch mit dem Reisen und insbesonderen mit dem literarischen Reisen beschäftigen. Barbara Schaefer, inzwischen als freie Autorin aktiv, hat Theaterwissenschaften und Germanistik in München und Italien studiert. Sie hat eine grosse Vorliebe für ungewöhnliche Hotels, im Besonderen Literaturhotels, denen sie ihr aktuell erschienenes Buch widmet. 

Charmant eingeführt über die Vorzüge in einem Hotel zu schreiben oder als Schriftsteller doch lieber das eigene Heim zu preferieren, begleitet uns Barbara Schaefer mit ihren sehr informativen und charmanten Texten durch eine Reise von 19 Hotels, in denen Literatur und Bücher entstanden sind, die aber auch Fluchtort und Heimat für viele bedeutende Schrifsteller wurden.

Die Reise beginnt in Deutschland, über Österreich in die Schweiz, dann nach Italien und Frankreich. Sie führt weiter nach England, Schottland und Polen. Lässt den Leser einen Abstecher in die Türkei machen, wirft gleich zwei Blicke nach Thailand und einen in die USA. 

Ein paar Hotels, wie das Adlon in Berlin und das Waldhaus Sils Maria in der Schweiz sind sicher bei vielen literarisch Interessierten bekannt. Doch wir entdecken viel Neues, wie das Bauhaus-Hotel Albergo Fondazione Monte Verità im schweizerischen Tessin, in dem Hermann Hesse einige Zeit verbrachte. Oder das Belmond Hotel Timeo in Südsizilien, auf dessen Terrasse D.H. Lawrence gelegentlich gesehen wurde. 

Wer noch nicht das berühmte Werk „Hotel Savoy“ von Joseph Roth gelesen hat, sollte unbedingt im gleichnamigen Hotel in der Altstadt von Lodz (Polen) Roth-Luft schnuppern. Am Ende dieser „Buch-Reise“ besuchen wir noch ein im ersten Moment eher unbekanntes Hotel – „The Algonquin“, das älteste Hotel von New York City. Berühmt wurde dieses Hotel durch seinen legendären Literaturzirkel, den „Algonquin Round Table“ und bei dem die Theaterkritikerin Dorothy Parker eine zentrale Rolle spielte.

„Literaturhotels“ ist ein wirklich schön gestaltetes Werk, einladend natürlich auch durch diverse wundervolle Bilder aus den Hotels und den dazugehörigen Landschaften und Städten. Ein Buch, das die Sehnsucht nach Ferne, nach Flucht, nach Ankommen und nach Genuss zu einem gewissen Punkt erfüllen kann. Doch am Ende hilft nur die wahre Reise selbst, wie Gogol treffend formulierte: „Wie schön ist eine lange, lange Reise! Wie oft habe ich danach wie nach einem Rettungsanker gegriffen! Und wie oft hat mich so eine Reise errettet!“

Geniessen wir fürs Erste diesen schönen Bildband und gleichzeitig hoffen wir, dass uns bald eine echte Reise zu diesen besonderen Literaturhotels im Sinne von Gogol „erretten“ kann!

Durchgelesen – „Ein Liebesabenteuer“ v. Alexandre Dumas

In der Literatur gibt es hin und wieder so wunderbare Überraschungen, die man nicht für möglich halten würde. Und genau so eine literarische Überraschung ist die Entdeckung eines Werkes von Alexandre Dumas, das wir mit grosser Erwartung nun nach sage und schreibe über 150 Jahren zum ersten Mal in deutscher Sprache in den Händen halten dürfen. Alexandre Dumas hat im Alter von 57 Jahren diesen Text mit dem Titel „Une aventure d’amour“ („Ein Liebesabenteuer“) lange Zeit nach seiner Hauptschaffensperiode geschrieben, welcher dann 1860 in Frankreich veröffentlicht wurde.

Alexandre Dumas (1802-1870) ist neben Balzac und Hugo einer der grossen französischen Schriftsteller, der vor allem durch seine Historienromane „Der Graf von Monte Christo“ und „Die drei Musketiere“ Weltruhm und eine überaus hohen Bekanntheitswert erreichte. Seine ersten Schreibversuche startete Alexandre Dumas allerdings mit Komödien, später betätigte er sich auch als Lyriker und Journalist. Er lernte Victor Hugo kennen und arbeitete mit Gérard de Nerval zusammen. Doch so richtig populär und beliebt wurde er erst durch seine Abenteuerromane. Dumas war ein Lebe- und Genussmensch, den Frauen gegenüber nie abgeneigt widmete er sich den schönen Dingen im Leben. Er reiste viel – nach Belgien, Deutschland, Italien und Russland -, nicht nur aus Interesse, sondern auch, um seinen Gläubigern immer mal wieder entfliehen zu können. Doch diese Reiseeindrücke konnte er dann letztendlich erfolgreich in seinen „Mémoires“ verarbeiten, die zwischen 1852 und 1854 in Brüssel erschienen waren. Doch heute nach dem bekannt abenteuerlustigen Alexandre Dumas erleben wir in diesem – dank der sehr gelungenen Übersetzung von Roberto J. Giusti – gerade neu veröffentlichten Buch „Ein Liebesabenteuer“ eine neue und ungewohnte Seite von Alexandre Dumas.

„Ein Liebesabenteuer“ ist keine  klassische Erzählung, auch keine Novelle, geschweige denn ein Roman. Es könnte eine Geschichte oder eher ein Bericht aus seinem Leben sein, autobiographisch, aber trotzdem äusserst literarisch. Im Herbst 1856 kommt bei Alexandre Dumas überraschend eine Dame zu Besuch. Obwohl er seinem Hausdiener klare Anweisung gegeben hat, niemanden zu ihm vorzulassen, wird die Dame hereingeführt, denn sie war nach Meinung des Dieners einfach besonders schön. Bei dieser Dame handelt es sich um Lilla Bulyowsky. Eine junge Frau, 25 Jahre alt und Schauspielerin aus Budapest. Über einen Kontakt spricht sie nun bei Alexandre Dumas vor und wünscht sich, dass er sie in die französische Bohemien-Welt einführt. Allerdings stellt sie gleich eines klar:

„…ich habe einen Gatten, den ich liebe, und ein Kind, das ich vergöttere.“

Sicher ein kluger Schachzug von Lilla, denn dass Alexandre Dumas dem weiblichen Geschlecht doch sehr stark zugeneigt war, konnte auch ihr nicht verborgen bleiben und somit zieht sie bereits bei ihrem ersten Treffen mit Alexandre eine klare Grenze. Nach einem Monat regelmässiger Begegnungen zwischen Alexandre und Lilla wird es für Lilla Zeit, die Weiterreise anzutreten. Sie möchte unbedingt nach Deutschland, die Reise soll über Brüssel, Spa und Köln, ja und dann weiter nach Mainz bis nach Mannheim führen. Alexandre entschliesst sich kurzer Hand, Lilla bis nach Brüssel zu begleiten. Trotz einem Knistern und einer gewissen Spannung zwischen den beiden bleibt Alexandre während der Zugreise besonders höflich und galant distanziert, ja ein wahrer „Gentleman“, der sich als hervorragender Begleiter entpuppt und bei Ankunft in Brüssel trotz gewisser erotischer Schwingungen eine ganz neue Seite an sich entdeckt:

„Eine Stunde später war sie im „Hotel de Suède“. Ich führte sie zu ihrem Zimmer, küsste ihr respektvoll die Hand und murmelte im Hinausgehen: «Wie bezaubernd es wäre, wenn man eine Frau zum Freund haben könnte!»“ 

Alexandre entschied sich nach dem Brüssel-Aufenthalt die Reise nach Deutschland weiter mit Lilla gemeinsam fortzusetzen und so dürfen wir dabei die interessanten und unter anderem auch äusserst amüsanten Anmerkungen Dumas über die deutsche Lebensart und allerlei kulinarische Genüsse verfolgen:

„In allen Ländern der Erde gibt man Essig in den Salat; in Deutschland gibt man den Salat in den Essig.“

Die Reise nach Deutschland entwickelte sich als ein wahres Entdeckungswunder für Alexandre, der inzwischen mit Lilla in Koblenz eingetroffen ist und selbst immer mehr von seinem „geschwisterlichen“ Verhältnis zu Lilla überrascht war, das selbst die Nähe der Hotelzimmer nicht im geringsten mehr gefährden konnte. In Koblenz freunden sich Lilla und Alexandre mit einer sympathischen Wienerin an, welche beide auf ihrer Weiterreise begleiten wird. Dabei erzählt Alexandre den beiden Damen ein wahres Liebesabenteuer, das er 1836 in Palermo mit einer Frau, die er nur Maria nannte, erlebt hatte. Könnte nun auch die Beziehung mit Lilla nicht doch noch eine andere Wendung nehmen, als wir sie bis jetzt beobachten, denn die Reise war noch lange nicht beendet, sowohl im realen, als auch im gedanklich erzählerischen und vor allem emotionalen Sinne…?

Alexandre Dumas versprüht mit diesem von Charme und Esprit kaum zu überbietenden Werk einen Zauber und eine Eleganz, wie wir sie uns nicht schöner wünschen könnten. „Ein Liebesabenteuer“ ist eine entzückende Anekdote aus einem bewegten und intensiven Leben, das nun endlich aus der Übersetzungs-Verschollenheit entsprang und somit den deutschsprachigen Leser in die vielleicht noch völlig unerforschte Welt von Alexandre Dumas entführen kann.

Das besondere an diesem kleinen feinen Oeuvre ist das stilvolle Herausstellen eines sehr positiv anmutenden Charakterzugs von Alexandre Dumas im Bezug auf die Bewunderung und den Respekt gegenüber Frauen. Alexandre Dumas könnte der Vater von Lilla sein, und selbst dies wäre vielleicht kein Hinderungsgrund für eine Affäre. Doch in diesem erstaunlich emotional offenen Text zeigt Alexandre Dumas eine gewisse souveräne, aber auch ehrfürchtig vornehme Haltung und lernt, je länger seine und Lillas „Zweisamkeit“ dauert, das Wunder der Freundschaft zwischen Mann und Frau kennen und lieben:

„Zwischen uns war etwas entstanden, das sich zwischen der Liebe zweier Amants und der Liebe zwischen Bruder und Schwester eingependelt hatte, eine äusserst charmante Empfindung, die in der Skala menschlicher Innigkeit noch nicht einzuordnen war.“

Alexandre Dumas hat uns mit diesem wundervollen, aber auch klugen und geistreichen „Lebensbericht“ ein ganz besonderes literarisches Bijou geschenkt. Wir freuen uns sehr, dass diese Übersetzungslücke im Werk von Alexandre Dumas nun so erfolgreich geschlossen werden konnte. Ob als reine Liebesgeschichte, diplomatisch verpackte Reisereportage oder autobiographische Anekdote, dieses „Liebesabenteuer“ ist nicht nur für Dumas Verehrer ein äusserst intelligent unterhaltsamer Lesegenuss und deshalb besonders empfehlenswert!

Durchgelesen – „Miss Nightingale in Paris“ v. Cynthia Ozick

Auch wenn man glaubt, das Leben anderer Menschen, wie Familienmitglieder, Freunde und Kollegen, so einfach verändern zu können, umso schwieriger ist es – ja gerade zu fast schon unmöglich -, sein eigenes Leben und die dazugehörige Persönlichkeit zu ändern. Und genau von diesem Konflikt wird uns Cynthia Ozick in ihrem Roman „Miss Nightingale in Paris“ erzählen.

Cynthia Ozick, geboren 1928 in New York City, zählt zu den grossen amerikanischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie wuchs als Tochter eines jüdisch-litauischen Apothekerehepaars in der Bronx auf. Nach dem Besuch der jüdischen Schule, trat sie in das Hunter College in New York ein und absolvierte an der Ohio State University ihre Literaturstudien, die sie mit einer Arbeit über „Parable in the Later Novels of Henry James“ beendete. Somit ist es nicht allzu verwunderlich, dass nicht nur viele ihrer Essays, sondern auch einige Romane in enger Verbindung mit Henry James stehen. 1986 erhielt Cynthia Ozick als erste Preisträgerin eine Auszeichnung für Kurzgeschichten, den „Rea Award for the Short Story“. Und 2008 wurde sie mit dem „Nabokov Award“ des P.E.N. geehrt. Ihr Werk umfasst eine Fülle von Erzählungen, Essays und sechs Romane. Der erste Roman „Trust“ erschien 1966 und der sechste und somit im Moment der letzte wurde 2010 in USA unter dem Titel „Foreign Bodies“ veröffentlicht und wird nun ganz aktuell – dank der Übersetzung von Anna Leube und Dietrich Leube – dem deutschsprachigen Lesepublikum vorgestellt.

Die Geschichte spielt 1952 in Paris, New York und Kalifornien. Die Hauptdarstellerin ist Beatrice Nightingale – genannt Bea -, eine gerade frisch geschiedene Lehrerin aus New York. Bea versucht ihren Schülern Shakespeare näher zubringen und lebt seit ihrer Scheidung in einem kleinen Appartement, was durch den Flügel ihres Ex-Mannes mehr als dominiert wird und sie in vielerlei Hinsicht platzmässig sehr einschränkt. Im Sommer 1952 erhält sie einen Brief von ihrem reichen Bruder Marvin aus Kalifornien, der sie darin bittet, Julian – den Sohn von Marvin – aus Paris nach Kalifornien zurückzubringen. Julian ist seit drei Jahren in Paris, wollte eigentlich nur ein Jahr bleiben, ist aber bis jetzt nicht zu seinem Vater zurückgekehrt. Schlägt sich als Kellner in verschiedenen Pariser Cafés durch und versucht sich dem Schreiben von allerlei Artikeln daneben noch über Wasser zu halten.

Bea fährt tatsächlich nach Paris, sie sucht vor Ort nach Julian. Sie konnte ihn nicht finden. Angeblich hatte er eine Freundin und jetzt war er mit dieser irgendwie verschwunden. Bea informiert ihren Bruder darüber nach ihrer New York Rückkehr. Marvin ist entsetzt, appelliert an Beas Verantwortungsgefühl. Julian ist das schwarze Schaf in der Familie, laut seinem Vater einfach nur faul und hegt auch noch künstlerische Ambitionen. Denn in dieser Familie gab es auch noch Iris, die Schwester von Julian, und die Vorzeigetochter von Marvin. Sie studierte bereits fleissig und schien zumindest nach Aussen hin und vor allem für ihren Vater, dabei zufrieden und glücklich zu sein.

Nachdem nun der erste Rückholversuch durch Bea gescheitert war, wurde nun ein zweiter Anlauf unternommen mit der Unterstützung von Iris. Sie sollte ihre Tante aufsuchen, welche sie seit ihrem zweiten Lebensjahr nie mehr gesehen hatte, und Bea nochmals genauestens über Julian informieren, damit die erneute Aktion durch Bea in Paris dieses Mal zum Erfolg führen könnte. Iris fliegt kurzer Hand von Kalifornien nach New York, trifft Bea, bleibt so gar eine Nacht bei ihr, offiziell sogar eine Woche, und reist inoffiziell jedoch selbst nach Paris, um ihren Bruder aufzusuchen. Das hatte Iris bereits die ganze Zeit vorher schon geplant, so dass letztendlich Bea mal wieder als Mittel zum Zweck und vor allem als diejenige dasteht, um ihrem Bruder alles oder nichts zu erklären. Der einzige Vorteil war, dass Bea nicht nochmal nach Paris musste. Doch sie hatte sich zu früh gefreut. Denn nachdem Bea einen Brief aus Paris von Iris bekam und darin deutlich wurde, dass auch Iris nicht mehr zurückkehren möchte, vor allem nicht zu ihrem Vater, musste sie ein erneutes Mal die Reise nach Paris antreten:

Sie konnte diese Stadt nicht verstehen, sie war ein Rätsel, oder es war Paris, das alles erfasste, was durch seine Arterien lief, und sie war es, der Eindringling, der das Rätsel war.“

Durch die Hilfe von Iris konnte sie nun endlich in Paris Julian ausfindig machen. Überrascht trifft sie dabei nicht nur Iris, sondern auch die Freundin von Julian, die sich als seine Ehefrau herauskristallisiert und auch noch ein schweres Schicksal zu verkraften hat. Doch kann Bea wirklich ihren Neffen und ihre Nichte wieder dazu bewegen, nach Kalifornien und zu ihrem Vater zurückzukehren, dessen Frau und somit die Mutter von Iris und Julian, Marvin ebenfalls verlassen hat, in dem sie sich selbst in eine Klinik einweisen liess…?

„Miss Nightingale in Paris“ ist eine kuriose, absolut kurzweilige und gleichzeitig nicht ganz ungewöhnliche Geschichte. Jeder der Familienmitglieder flieht vor Marvin. Insofern trifft der amerikanische Titel „Foreign Bodies“ – frei übersetzt „Fremdkörper“ doch wesentlich mehr den eigentlich wunden Punkt in diesem Roman. Denn wer hier nun der bzw. die Fremdkörper sind erscheint im ersten Moment eigentlich klar: Julian und später auch Iris und irgendwie auch von Anfang an Bea. Doch der wahre Fremdkörper scheint hier doch eher Marvin zu sein, vor dem alle fliehen, der sein Leid auf andere überträgt und dabei noch den grossen Typen heraushängt, mit viel Geld winkt und somit hofft, dass alle das machen und das Leben so führen, wie er sich das vorstellt.

Dieser Roman hat aber noch ein weiteres Motiv versteckt. Es geht hier um den Vergleich zwischen „Neuer“ und „Alter Welt“. USA als die „neue“ und Europa – mit Paris als Stellvertreter – als „alte“ Welt. Ein klassischer Konflikt, der in den Fünfziger Jahren nicht zu unterschätzen war und in diesem Roman klar ausgesprochen wird:

„Es war Angst (Marvins Angst), die sie alle in einen einzigen schmutzigen Sack geworfen hatte – und Marvin, zu Hause in Kalifornien, zog die Schnur an dem Sack fester zu. Er hatte Angst vor Europa. Er hatte Angst vor Paris. Bea sah in ihm eine Art eingeschüchterten Naturmenschen – sein Paris war nicht mehr als die Platitüden der Postkarten, Eiffelturm, Arc de Triomphe; und darunter düstere, verseuchte, grausame Verliese, in denen sein Junge schmachtete.“

Doch die Hauptintension dieses so elegant und wundervoll erzählten Romans ist sicherlich die darin versteckte und gleichzeitig auch subtil und feinsinnig formulierte Hommage an Henry James (1843-1916), einem der wichtigsten amerikanischen Romanciers. Er hatte übrigens auch mehrere Jahre in Paris gelebt und in seinem Roman „Die Gesandten“ („The Ambassadors“ 1903) die Basis für die grandiose Variation von Cynthia Ozick gelegt. In Henry James Roman wird ein reicher amerikanischer älterer Mann von einer Dame – verwitwet -, die er zu heiraten beabsichtigt – nach Paris geschickt, um deren Sohn zurück zu holen. Cynthia Ozick hat dieses Motiv transparent in ihren Roman eingebettet und hinsichtlich der Hauptdarstellerin Beatrice Nightingale ohne Umschweife verarbeitet:

„Sie war eine Botin, eine Gesandte.“

Obwohl Cynthia Ozick in Amerika einen ausgezeichneten Ruf als perfekte Stilistin, charakterstarke Erzählerin und brillante Schriftstellerin hat, ist sie im deutschsprachigen Raum immer noch etwas unbekannt! Das sollten Sie, verehrter Leser, unbedingt ändern. Lesen Sie diesen stilvollen und äussert eindrucksvollen Roman und entdecken Sie eine grandiose Autorin, die uns hoffentlich noch mit weiteren Werken begeistern wird.

Durchgeblättert – „Die schönsten Buchhandlungen Europas“ v. Rainer Moritz

Reisen in ferne Länder oder Städte ist heutzutage etwas ganz Alltägliches! Eine Reise zu den schönsten Buchhandlungen Europas wäre sicherlich ein eher ungewöhnliches Ziel. Doch so bald Sie diesen faszinierenden Bildband in den Händen halten werden, ist diese aussergewöhnliche Entdeckungsreise zum Greifen nahe.

Genau auf diese besondere Reiseroute hat sich – unterstützt durch die international renommierten Fotografen Reto Guntli und Agi Simoes – der Autor Rainer Moritz begeben. Er leitet seit 2005 das Hamburger Literaturhaus, schreibt Kolumnen, Essays, Literaturkritiken und Bücher. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Die Überlebensbibliothek“ und „Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe“.

„Die schönsten Buchhandlungen Europas“ ist mehr als ein klassischer Reisebildband, denn der Leser taucht ein in mehrere neue Welten: ein neues Land bzw. eine neue Stadt, eine historische Architektur, eine Familiengeschichte und natürlich in die Welt der Bücher. Rainer Moritz hat ganz subjektiv, wie er selbst schreibt, 20 Buchhandlungen aus dem deutschsprachigen Raum und aus Westeuropa ausgesucht, die für ihn zu den schönsten Europas zählen.

Buchhandlungen sind Orte des Entdeckens, sie befriedigen die Neugierde, sie überraschen, sie beglücken. Es sind Orte der Begegnung, der Kommunikation, der Freude, der Ruhe, aber auch der Hektik. Sie können helfen, sie unterstützen und sie wecken Lust auf Bücher und Lesen! Doch wenn diese Buchhandlungen noch eine besondere Architektur, aussergewöhnliches Mobiliar und eine historische Familiengeschichte vorweisen können, verstärkt es die Anziehungs-kraft. Werden die Besucher dann noch mit aufmerksamer Beratung, durch eine besondere Auswahl von Büchern und bemerkenswerte literarische Veranstaltungen verwöhnt, fühlt sich jeder Leser und Buchliebhaber wie in einem Paradies.

Rainer Moritz porträtiert mit Feingefühl und grosser Neugierde die zwanzig schönsten Buchhandlungen Europas. Er zeigt uns die Besonderheiten, die buchhändlerischen Schwerpunkte und die ganz persönlichen Geschichten der Besitzer und Geschäftsführer dieser Häuser:

„Buchhandlung Felix Jud“ ist allein schon für ihren Standort zu beneiden. Sie liegt im nobelsten Einkaufsviertel von Hamburg, in einer der schönsten Passagen – die Mellin-Passage – direkt in der Nähe vom Jungfernstieg. Doch wenn man diese Buchhandlung entdeckt, vergisst man selbst die schönsten Juweliere und Boutiquen, und lässt sich bereits von den mit feinster Literatur gestalteten Schaufenstern anziehen. Spätestens beim Betreten der Buchhandlung spürt man die besondere Atmosphäre, das stilvolle Mobiliar – hauptsächtlich Kirschholz – und den Anspruch für gute Literatur.

„Librairie Galignani“ liegt im 1. Arrondissement von Paris, in der noblen und sehr bekannten Strasse – Rue de Rivoli. Genau gegenüber befindet sich der Jardin des Tuileries, daneben eines der teuersten und schönsten Hotels von Paris – Le Meurice – und das berühmte Café „Angelina“, das bereits Marcel Proust regelmässig besuchte. Galignani war und ist die erste englische Buchhandlung, die jemals auf europäischen Festland eröffnet wurde. Inzwischen gehört sie nicht nur zu den grössten englischen Buchhandlungen in Paris, sondern ist vor allem auch für ihre grosse Titelauswahl im Bereich Kunst, Mode, Fotographie, Design und Film sehr bekannt. Deshalb braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn man beim Schmökern berühmte Schauspieler und Modeleute trifft. Doch das Beste ist der perfekte Kundenservice, der sich durch besondere Kompetenz und ungewöhnliche Bibliographiermethoden auszeichnet.

Neben diesen zwei Beispielen entdecken wir unter anderem noch Buchhandlungen aus Berlin „Bücherbogen am Savignyplatz“ – die bekannt ist für ihren ungewöhnlichen Standort -, aus Brüssel „Tropismes“ – deren Name eine Hommage an Nathalie Sarraute ist – und aus Maastricht „Selexyz Dominicanen“ – die in einer der ältesten gotischen Dominikanerkirchen Hollands eingerichtet wurde -. Desweiteren finden Sie auch Buchhandlungen aus Österreich, der Schweiz, Portugal, England und Italien.

Dieser Bildband dient nicht nur zur Vor- bzw. Nachbereitung einer Reise, er ist wie eine Reise! Selbst dann, wenn man nur zu Hause gemütlich auf seinem Canapé verweilt. Rainer Moritz erzählt wunderbare Geschichten zu jeder Buchhandlung. Sie sind offen, persönlich und äusserst spannend. Sie geben aber auch Einblicke, die unverwechselbar und einmalig sind. Die faszinierenden Bilder und Momentaufnahmen der beiden Starfotografen Reto Guntli und Agi Simoes lassen den Leser vor Ehrfurcht erstarren und gleichzeitig ein euphorisches „Oh“ und „Ah“ rufen. Kunstvoll wurde mit diesen starken und klaren Photographien und den einfühlsamen Porträts einer der schönsten Bildbände aus der Welt der Bücher gestaltet.

„Die schönsten Buchhandlungen Europas“ laden Sie ein auf eine Reise, ganz ohne Ticket und ohne Gepäck! Vertrauen Sie Ihren Augen, geniessen Sie die Texte und Bilder. Sie werden mit unvergesslichen Eindrücken und einer unendlichen Lust auf Bücher und Lesen zurückkehren!