Durchgelesen – „Der Eiffelturm“ v. Roland Barthes

Warum sollte man ausgerechnet ein Essay über den Eiffelturm lesen ? Genügt es denn nicht, sich an den Bildern von dieser Sehenswürdigkeit zu erfreuen oder den Turm direkt in Paris selbst zu entdecken ?

Der Eiffelturm – das Wahrzeichen der Stadt – international bekannt, beliebt und gerne besucht – steht im vornehmen 7. Arrondissement in Paris. Gebaut anlässlich der Weltausstellung in Paris 1889, ist der Turm 324 m hoch. Es gibt insgesamt drei Etagen, wobei die ersten zwei Etagen neben Aussichtsplattformen – bei der im Winter sogar eine kleine Eisfläche zum Schlittschuhlaufen vorgesehen ist – , Restaurants und Geschäfte anbieten. Der Eiffelturm gehört seit 1991 auch zum Weltkulturerbe mit anderen historischen Bauwerken in Paris und hat im Jahr 2015 mehr als 7 Millionen Besucher empfangen. Seit der Eröffnung 1889 konnten bereits mehr als 250 Millionen Touristen dieses architektonische Wunderwerk besuchen. Und nicht nur für diese vielen Touristen auch für Roland Barthes ist der Eiffelturm ein unübersehbares Objekt !

Roland Barthes, geboren 1915 in Cherbourg und gestorben 1980 in Paris, zählte zu den wichtigsten Philosophen und Literaturkritikern Frankreichs im 20. Jahrhundert. Er war Direktor der Ecole des hautes études en sciences sociales (EHESS) und Professor am Collège de France. Er machte am berühmten Gymnasium « Lycée Louis le Grand » sein Abitur und schrieb sich im Anschluss daran an der Sorbonne für das Studium der klassischen Literatur ein. Trotz seines Lungenleidens arbeitete er nach seinem Studienabschluss als Lehrer an verschiedenen Gymnasien in Paris, musste jedoch immer wieder durch Aufenthalte in Sanatorien unterbrechen. Aufgrund schwieriger finanzieller Verhältnisse lebte er bis zum Tode seiner Mutter (1977) mit ihr zusammen in einer Wohnung. 1977 erschien dann sein erstes äusserst kommerziell erfolgreiches Werk « Fragments d’un discours » (« Fragmente einer Sprache der Liebe » 1984), obwohl er durch sein in Frankreich bereits 1957 veröffentlichtes Buch « Mythologie » (« Mythen des Alltags » 1964) den Grundstock für sein Schwerpunktthema die kritische Semiotik gelegt hatte. Ja und auch der Eiffelturm ist für Roland Barthes eine Art Mythos des Alltags.

Der Eiffelturm war zur damaligen Zeit, gleich nach Fertigstellung, alles andere als ein beliebtes Baudenkmal. Der Turm wurde teilweise gehasst, er sollte am Besten nach der Weltausstellung wieder abgerissen werden. Viele Künstler und Autoren konnten sich keineswegs mit diesem Turm anfreunden und versuchten alles Mögliche, um ihn nicht sehen zu müssen. Roland Barthes beginnt sein Essay mit einer kleinen charmanten Anekdote über Maupassant :

« Maupassant ass häufig im Restaurant des Eiffelturms zu Mittag, obwohl er den Turm nicht mochte : « Es ist die einzige Stelle in Paris, von wo aus ich ihn nicht sehe » pflegte er zu sagen. In der Tat muss man sich in Paris grosse Mühe geben, den Eiffelturm nicht zu sehen. »

Der Eiffelturm war und ist präsent und gehört im Pariser Alltagsleben einfach dazu, ob man will oder nicht. Und somit versucht Roland Barthes den Sinn dieses Turms in genau diesem Alltagsleben in seinem Essay in ganz unterschiedlichen Ansätzen zu ergründen, wie zum Beispiel: « Der Turm ist freundschaftlich. »

Er hat aber auch verschiedene Aufgaben, sowohl im wirtschaftlichen als auch im technischen Bereichen und ist gleichzeitig jedoch vollkommen unnütz. Doch noch viel interessanter ist der Blickwinkel von Seiten des Turms. Der Besucher blickt vom Turm aus in die Natur, in die Stadt. Doch auch « der Eiffelturm betrachtet Paris », wie Barthes kurz und klar zusammenfasst.

Aber es geht um mehr als nur um Blicke auf und von dem Eiffelturm, es ist nicht nur das grandiose « Panorama », was hier zählt, es ist der Bedeutungsunterschied zwischen Objekt und Symbol. Und genau durch diesen Unterschied kann wiederum eine ganz neue Funktion entstehen, nämlich die einer « Vermittlungsfunktion, die eines historischen Objekts ».

Der Eiffelturm ist das Symbol von Paris, er ist aber zu allererst auch ein Technik-Objekt, ein Zeichen von kühnster Modernität, ein architektonisches Kunstwerk und er besitzt trotz allem eine im gewissen Sinne « menschliche Silhouette ». Denn für die Franzosen ist der Eiffelturm eine Dame (une tour), er bzw. sie ist die Dame aus Eisen (la dame de fer):

« Der Turm ist eine über Paris wachende Frau, die die Stadt zu ihren Füssen versammelt hält, sitzend und stehend zugleich kontrolliert und schützt, überwacht und behütet sie sie. »

Roland Barthes hat mit diesem Essay einen wahren Klassiker geschaffen, der nun endlich nach über 50 Jahren auch in Deutschland dank der wunderbaren Übersetzung von Helmut Scheffel veröffentlicht werden konnte. Dieses kleine feine Buch – im Anhang mit Abbildungen zur Entstehung – ist mehr als nur ein Essay. Es ist der Versuch als Strukturalist diesen Turm in den unterschied-lichsten Facetten zu « erforschen » und gleichzeitig damit eine noch grössere Bedeutung diesem Turm anzuerkennen aufgrund der äusserst überraschenden und  bedeutsamen « Forschungs-ergebnisse ».

Letztendlich zählt nicht das Objekt allein, sondern der Mensch, was er aus dem Objekt, in diesem Fall dem Turm macht :

Blick, Objekt, Symbol, der Eiffelturm ist alles, was der Mensch in ihn hineinlegt. »

Mehr lässt sich dazu fast nicht mehr sagen bzw. schreiben, ausser dass wir dem Leser diesen ausgesprochen eindrucksvoll zeitlosen und stilistisch eleganten Essay sehr zur Lektüre empfehlen, besonders vor der Besichtigung bzw. Besteigung dieses Turms !

Durchgelesen – „Versuch über den Stillen Ort“ v. Peter Handke

Ein klein wenig verunsichert betrachtet man den Titel dieses Buches, wundert sich über die Rechtschreibung und fragt sich ganz vorsichtig, warum das Adjektiv « still » in diesem Fall gross geschrieben wird ? Das lässt sich schnell erklären : stille Orte – man beachte die Kleinschreibung – sind Orte, an denen es in der Regel ruhig und lautlos ist , das könnten zum Beispiel Bibliotheken, Kirchen, aber auch Wälder sein. Doch bei Peter Handkes « Stillen Ort » handelt es sich ganz profan um die Toilette oder auch WC genannt. Im gewissen Sinne ist dies auch ein stiller Ort, wenn mal von den üblicherweise dazugehörigen Geräuschen absieht, aber eben in einer etwas anderen Bedeutung. Und genau diese differenzierte Bedeutung des hier behandelten Stillen Örtchens, wie wir es selbst gerne oft nennen, wenn wir die klassischen Begriffe vermeiden wollen, werden wir dank Peter Handke nun in seinem neuesten Werk herausfinden.

Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Er wächst bei seiner Mutter, einer Kärntner Solwenin und bei seinem Stiefvater, einem Berliner Strassenbahn-schaffner auf, den seine Mutter bereits kurz vor seiner Geburt geheiratet hatte. Er verbringt die ersten Lebensjahre in Griffen, dann in Berlin Pankow und ab 1948 wieder in Griffen. Seine Schulzeit absolvierte er zu erst an der Hauptschule und wechselte dann auf eigenem Betreiben hin in das beim Priesterseminar angegliederte humanistische Gymnasium in Maria Saal. Doch nach zwei Jahren wurde ihm die katholische Erziehung dort zu eng und er organisierte wiederum selbst einen erneueten Wechsel auf eine andere Schule und machte schiesslich 1961 seinen Schulabschluss (Matura). Bereits während der Schulzeit schrieb er Texte unter anderem für die Internatszeitschrift. Doch nach dem Abitur begann Peter Handke erstmal ein Jurastudium in Graz, obwohl er sich bereits während der Studienzeit immer mehr für das Schreiben, sei es für das Feuilleton eines Grazer Radiosenders in Punkto Rockmusik oder auch für wichtige Buchbesprechungen, engagierte. 1964 begann er mit seinem ersten Roman « Die Hornisse », welcher 1965 aufgrund der Ablehnung durch den Luchterhand Verlag erfreulicherweise von Suhrkamp veröffentlicht wurde. Dies war auch gleichzeitig der Beginn seiner schriftstellerischen Karriere und das Ende seines Jurastudiums. Nach vielen Umzügen (Düsseldorf, Paris, Salzburg) und einer Weltreise Ende der Achtziger Jahre, lebt Peter Handke nun seit 1990 in Frankreich (Chaville). Sein Gesamtoeuvre umfasst eine sehr grosse Auswahl an Gedichten, Theaterstücken, Drehbüchern, Übersetzungen, Romanen und Essays. Peter Handke gehört zu den meist geehrten deutschprachigen Schriftstellern und wurde unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis (1973), dem Schiller-Gedächtnis-Preis (1995), dem Thomas-Mann-Literaturpreis der bayerischen Akademie der Schönen Künste (2008) und dem Nestroy-Theater-Preis (2011) ausgezeichnet. Nach über zwanzig Jahren erscheint nun zur Freude vieler Leser ganz aktuell wieder ein neuer « Versuch » von Peter Handke, eine hoffentlich nicht enden wollende Wiederaufnahme bzw. Weiterführung der jeweils ersten drei « Versuche » über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag.

In seinem neuen « Versuch über den Stillen Ort » erzählt Peter Handke seine ganz private, ja wahrlich sehr persönliche Geschichte über seine Erfahrungen mit den verschiedensten Stillen Orten und die daraus entstehenden Bedeutsamkeiten. Bereits in der Kindheit erinnert er sich an den « Abort » im Haus des Grossvaters. Am Meisten jedoch blieb ihm das Licht im Gedächtnis :

« Seltsames indirektes Licht, wie nirgends sonst im Haus ; indirekt, das heisst ohne Fenster, dafür umso stofflicher ; Licht, das umgab – von dem man sich in dem Stillen Ort umgeben fand – man ? – ich, also doch schon damals « ich » dort ? »

Auch in seiner Internatszeit ist für ihn der Stille Ort mehr als nur der Ort für gewisse natürliche « Erledigungen », es ist fast schon eine Art Rückzugsort :

« Das Klosett, und nicht nur dies eine in dem Gelände, bedeutete für mich während der Jahre im geistlichen Internat einen möglichen Asylort, wenn ich mich zu dem auch mehr geflüchtet habe. »

Aber der Stille Ort wurde nicht nur ein Fluchtort, er wurde kurz über Hand nach den Lehrjahren auch der spontane und provisorische Übernachtungsplatz für einen noch unbedarften Reisenden. Auch wenn der Sommer damals so seine Reize hatte und ein Schlafen im Freien sehr abenteuerlich erschien, trieb die Nachtkälte den jungen Handke doch eher auf den Bahnhof, wo dann die Müdigkeit ein Schlafgemach forderte:

« Ich schloss mich ein in eine der Kabinen der Bahnhofstoilette, welche sich, wenn auch abseits, irgendwo im Inneren der Anlage befand.
Die Tür war zu öffnen mit einer Schilling-Münze, und als ich sie absperrte, spürte ich erst einmal eine gewisse Geborgenheit oder Aufgehobenheit. »

Er blieb die ganz Nacht über in seinem besonderen « Hotelzimmer », obwohl ihn die Müdigkeit übermannte, wollte er nicht schlafen, aber er wollte diesen Ort auch nicht mehr bis zum nächsten Morgen verlassen.

Erst während seiner Studienzeit verlor der Stille Ort, als « Asylort » seine Bedeutung und wurde von anderen Orten wie Gebäuden, Stätten etc. abgelöst und dabei stellte der Autor noch etwas ganz Anderes, äusserst Bemerkenswertes fest :

« Noch merkwürdiger, dass man, ohne Vorsatz oder gar Plan, die stillen Orte allein aus sich selber heraus schaffen konnte, von Fall zu Fall inmitten eines Tumults (gerade im Tumult), inmitten von dem zeitweise noch ungleich stärker geisttötenden Gerede. Solche Orte bauten sich auf und schirmten einen ab, indem man während der und der Vorlesung die grossen und sogar die weniger grossen Texte, ja, der Literatur las. »

Aber der Stille Ort bekommt trotz der veränderten Bedeutung eine neue Rolle, er wird für praktische Dinge wie Haare waschen eingesetzt, was auch so manche Professoren auf der Fakultätstoilette erledigten. Und nach einer grösseren Stille-Ort-Pause von über zwanzig Jahren, taucht der Stille Ort von einer japanischen Tempelanlage wieder in seinem Gedächtnis auf, und er selbst wundert sich, dass es nicht der Tempel ist, der eine bleibende Erinnerung bei ihm hinterlassen hat, sondern die Tempeltoilette.

Und so verfolgen wir weiter Peter Handkes Reise zu seinen Stillen Orten und erhalten gleichzeitig bezüglich der gestellten Bedeutungsfrage sehr aufschlussreiche Antworten…

« Versuch über den Stillen Ort » ist keineswegs eine Satire, noch wird hier irgendeine Form von Ironie eingesetzt, von der Peter Handke selbst schreibt, dass er dafür nicht so gut geeignet ist. Nein, dieses Werk ist eine Art autobiographisches Essay. Und wer weiss, was « essai » im Französischen bedeutet, nämlich « Versuch », versteht den Titel gleich viel besser. Peter Handke versucht sich, aber auch dem Leser zu erklären, was so ein simpler Ort wie eine Toilette, doch für tiefgehende „Funktionen“ hat, ausser der Klassischen, über die wir weder hier sprechen wollen, noch jemals Peter Handke ein Wort darüber verliert, geschweige denn von irgendwelchen Gerüchen etc. schreibt. Es geht hier mehr um eine psychologische bzw. philosophische Relevanz-Analyse. Der Stille Ort ein Flucht-, Asyl- und Rückzugsort, ein Schlafplatz, ein Ort der Reinigung, ein Ort zum Nachdenken, Meditieren, Lesen, sich Besinnen, vor etwas Schützen, des Alleinseins und somit ein wahrer Ort der Ruhe und der Stille.

Peter Handke beschreibt  nicht nur mit seiner unverwechselbaren magischen Sprache diese besonderen „Stillen“ Erfahrungen, sondern er spielt quasi auf höchst literarischem Niveau mit den Wörtern, lässt sie zu einer Art Kunstwerk verschmelzen und kreiert dabei ein essayistisches Gemälde von einem « Stillen Ort », wie wir uns als Leser diesen vielleicht in dieser Bedeutungtiefe und Tragweite nie hätten vorstellen können.

Spätestens nach dieser mehr als lebensbereichernden und äusserst eindrucksvollen Lektüre werden Sie, verehrter Leser, Ihren Stillen Ort mit ganz anderen Augen betrachten. Sie werden ihn neu bewerten, ihn in ganz überraschender Form neu schätzen lernen, aber Sie werden auch – dank Peter Handke – feststellen, dass es nicht nur einen einzigen « Stillen Ort » braucht, sondern viele verschiedene,  um stille Orte für sich und bei sich finden zu können!

Durchgeblättert – „Wozu lesen?“ v. Charles Dantzig

« Wozu lesen? » Diese Frage sollte man sich als Leser unbedingt stellen, auch wenn es mehr als schwierig sein könnte, die richtige und vor allem persönliche Antwort darauf zu finden. Bevor Sie jetzt jedoch zu sehr ins Grübeln kommen, nehmen Sie einfach dieses Buch von Charles Dantzig und folgen Sie ihm auf eine ganz besondere «  Lese-Reise ».

« Wozu lesen » ist eine sehr bibliophil (edelster Leineneinband) gestaltete Sammlung kleiner feuilletonistischer Essays, die sich mit der im Titel gestellten und äusserst nachdenkenswerten Frage beschäftigt. Es geht hier jedoch nicht um das Lesen im Allgemeinen, sondern nur um das Lesen von Literatur.

Charles Dantzig gibt in diesem teilweise sehr amüsant bissigen Werk keine konkret allgemein gültige Antwort auf die Frage, sondern er schreibt seine ganz persönliche Meinung über sein Leseverhalten und den Leser an sich, die positiv, negativ, ironisch und teilweise sehr böse ausfällt, aber letztendlich immer das Wichtigste aller Ziele nie aus den Augen verliert, nämlich das Lesen!

Charles Dantzig, geboren 1961, studierte nach dem Abitur Jura, krönte sein Studium mit einer Doktorarbeit in Toulouse, ging anschliessend nach Paris – wo er auch heute noch lebt – und begann als Lektor bei « Belles Lettres ». Hier veröffentlichte er zum ersten Mal auf französisch eine Gedichtsammlung von F.S. Fitzgerald. Er publizierte eine Fülle von Romanen, Essays und Lyrik. Dantzig wird mit vielen Literaturpreisen geehrt. 2005 erhielt er unter anderem für sein Werk « Dictionnaire égoïste de la littérature française » den Prix de l’Essai de l’Académie française. 2010 wird er mit dem Grand Prix Jean-Giono für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Charles Dantzig gehört zu den ganz Grossen der französischen Kulturszene. Seit September 2011 ist er, neben seiner langjährigen Tätigkeit als Lektor im Verlag Grasset, Feuilletonist bei der Zeitschrift « Magazine littéraire ». Zum allerersten Mal erscheint nun mit dem Werk « Wozu lesen ? » ein Buch von Charles Dantzig in deutscher Sprache, das von Sabine Schwenk hervorragend übersetzt wurde!

Charles Dantzig berichtet in mehr als 70 kurzen und prägnanten Essays über seine Lesegewohnheiten, Leseerfahrungen und seine Vorstellungen, was es überhaupt bedeuten könnte, ein guter Leser zu sein.

Die erste Antwort auf die Frage « Warum lese ich ? » lautet: « Ich lese wohl so, wie ich auch gehe. » Charles Dantzig gehört zu den Menschen, die auch beim Gehen lesen, auch wenn er immer mal wieder beispielsweise durch eine Parkuhr mehr oder minder schmerzhaft abgebremst wird. Lesen ist für ihn eine besondere Form der « Bewegung », nämlich seine Bewegung, denn als Kind hat es er schon immer vorgezogen, ein Buch zu lesen, als im Garten zu spielen, geschweige denn Sport zu treiben.

Lesen ist eine intensive Beschäftigung. Bei mancher Lektüre könnte man meinen, dass das Lesen den Leser irgendwie positiv verändert, doch das sieht Dantzig nun gar nicht :

« Das Lesen verändert uns kaum. Vielleicht veredelt es uns ein bisschen, aber ein Drecksack ist und bleibt ein Drecksack, auch wenn er Racine gelesen hat. Aus einem ungebildeten Drecksack ist dann allenfalls ein aufpolierter Drecksack geworden. »

Auch wenn die Veränderung durch die Lektüre nicht zutrifft, ist für Charles Dantzig eines ganz klar: Lesen hat etwas mit Liebe zu tun, ja man könnte sagen, dass es gut ist, wenn man nur aus Liebe liest. Aber nicht nur Liebe, auch wahre Freundschaft kann zwischen dem Leser und dem Schriftsteller entstehen.

Dantzig liest ständig. Sein Leben ist das Lesen. Und genau deshalb will er uns keinesfalls die hundert besten Tipps zum sinnvollen und erfüllenden Lesen liefern. Er berichtet von seinen Lesemomenten, von Schriftstellern, von Buchhandlungen, von Träumen und Visionen, was uns Leser jedoch ungewollt animiert, über unsere ganz persönlichen Leseerfahrungen nachzudenken. Wir spüren bei der Lektüre dieser feuilletonistischen Miniaturen seine fast schon grenzenlose Liebe zu Balzac, Proust und Stendhal, seine differenzierte Verehrung für Thomas Bernhard, seine Probleme mit Marguerite Duras, aber auch seine klare Abneigung zu Céline und anderen Autoren, bei denen es eigentlich nur um sogenannte Beststeller-Produzenten geht. Hier, in diesem Buch, dreht sich alles um die wahre Liebe zum Lesen und um die Rettung der Literatur :

« Gute Leser müsste man einsperren, damit sie lesen ! Man würde ihnen ein Gehalt zahlen, und sie täten nichts anderes als lesend Literatur retten ! »

Aber Lesen ist leider nicht immer sehr gesellschaftsfähig. Der Leser, – nein man muss genauer sagen -, der Büchernarr wird schnell als Exot hingestellt. Gerade deshalb ist es um so wichtiger, sich in die Literatur zu stürzen, um der Isolation etwas zu entfliehen und als Vielleser mit Glück in den Romanfiguren doch noch so manchen Freund zu finden.

Eines der essentiellsten Aspekte beim Lesen ist natürlich die Auswahl der Lektüre, denn Bücher können einen in die Irre führen, der Titel kann vieles versprechen und nicht halten und genau deshalb ist es laut Charles Dantzig sehr wichtig, nicht kompliziert, sondern ganz pragmatisch vorzugehen:

« Eine Lektüre muss man anprobieren wie Schuhe. Wir dürfen niemals denken, dass wir für diese oder jene Lektüre nicht gut genug seien. Aber es gibt durchaus Bücher, die für uns nicht gut genug sind. »

Auch wenn wir all die Ratschläge und Erfahrungen von Charles Dantzig uns zu Herzen nehmen, sind wir dann als Leser mit der Frage « Wozu lesen ? » eigentlich einen Schritt weitergekommen? Es gibt ein ganz klares JA, denn die wichtigste Erkenntnis, die wir durch die Lektüre dieses Buches gewinnen, lautet : « Lesen bringt keinen Nutzen. Genau deshalb ist Lesen etwas Grossartiges. »

Es ist noch viel mehr als etwas Grossartiges, dass der Mensch heutzutage seine oft auf die Sekunde durchgeplante Zeit noch mit etwas vollkommen Nutzlosen verbringen kann. Es lebe die Literatur ! Und genau deshalb sollten Sie sofort mit diesem arrogant-bösen und intellektuell-unterhaltsamen Liebesplädoyer für die Lektüre beginnen. Mit sprachlicher Eleganz wird dieses Werk zu einem charmant-sarkastischen und sehr intelligent verpackten «Marketingbrevier» für das Lesen. Doch eines sollten Sie bei der Lektüre dieses Werkes nie vergessen – den Bleistift. Nicht nur, weil « ein guter Leser schreibt, während er liest », sondern weil Sie jedes Zitat von Charles Dantzig – einer der brillantesten Wort-Jongleure und Fabulierkünstler – unterstreichend festhalten möchten.

« Wozu lesen ? » wirbt für das Lesen und die Literatur ! Wir machen «Werbung» für dieses Buch, damit Sie verehrter Leser nie vergessen werden, warum Sie lesen !

Durchgelesen – „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ v. Pierre Bayard

Sie kennen weder Marcel Proust, Robert Musil noch Oscar Wilde? Sie haben nicht mal „Der Name der Rose“ von Umberto Eco gelesen, geschweige denn wissen Sie etwas über Graham Greene und Michel de Montaigne. Dies sollte ab sofort kein Problem mehr sein, denn Sie können nun auch ohne Kenntnisse niveauvoll über Literatur plaudern, wenn Sie dieses Essay von Pierre Bayard lesen!

Der französische Literaturpapst Bernard Pivot hat es bestätigt: „Das Buch schlechthin! Wunderbar, man muss in diesem Leben nur noch Bayard lesen. Sein Buch ersetzt alle anderen, alte, neue, zukünftige.“

Ob Pivot Recht hat, sollten Sie selbst feststellen, in dem Sie in dieses grandiose Essay eintauchen und erkennen, was der Unterschied  und die Grenzen zwischen Lesen und Nichtlesen sind.

Pierre Bayard ist Literaturwissenschaftler und Psychoanalytiker. Und dieses Werk ist eine Art Analyse des Lesens, der Bücher, der Bildung und der Gesellschaft in unserer mit Informationen und Literatur überfrachteten Zeit.

Das Buch hat drei zentrale Teile, die wiederum in vier Unterkapitel eingeteilt sind. Bereits in seinem Vorwort schreibt Bayard über die Schwierigkeit, sich der Verpflichtung, Bücher zu besprechen, die er nicht gelesen hat geschweige denn aufgeschlagen hat, zu entziehen. Man ist irgendwie unter Zwang und weiss nicht, wie man dieses Problem lösen soll:

„Dieses Zwangsystem aus Pflichten und Verboten hat zu einer allgemeinen Scheinheiligkeit in Bezug auf die angeblich gelesenen Bücher geführt. Ich kenne nur wenige Bereiche des Privatlebens, von Geld und Sexualität einmal abgesehen, über die man so schwer verlässliche Informationen bekommt wie über Bücher.“

Somit ist es hilfreich, sich gleich dem ersten Teil dieses Essays zu widmen, das sich mit den „Arten des Nichtlesens“ beschäftigt. Es geht darum, dass man „Bücher, die man nicht kennt“, wengistens an einer Figur des Werkes einordnen kann. Diese Figur kann auch eine Nebenfigur sein, wie zum Beispiel der Bibliothekar in Robert Musil’s Mann ohne Eigenschaften. Genauso reicht es vollkommen aus, nur „Bücher, die man quergelesen hat“ zu kennen. Selbst Paul Valéry – ein „Meister des Nichtlesens“ konnte einen Artikel über Marcel Proust verfassen, obwohl er nicht einen einzigen Band der berühmten „Suche nach der verlorenen Zeit“ gelesen hatte. „Bücher, die man vom Hörensagen kennt“ waren für Umberto Eco ausreichend, um darüber sich unterhalten zu können. Und genauso einfach ist es auch für „Bücher, die man vergessen hat“. Da sollte man sich nicht grämen, sondern es wie Michel de Montaigne halten, der sagte: “ Wenn ich also ein Mensch bin, der einiges gelesen hat, so doch einer, der nichts behält“.

Als Nächstes sollte man sich unbedingt der im Leben schwierigen „Gesprächssituationen“ bewusst werden, die Pierre Bayard in seinem zweiten Teil sehr humorvoll erläutert. „Im Gesellschaftsleben“ werden oft Dinge erwartet, die man erst nicht glaubt erfüllen zu können und dann am Beispiel von Graham Greene, der sich vor Leuten über Bücher äussern sollte, die er nicht gelesen hat, sieht, dass es funktioniert. Auch „einem Lehrer gegenüber“ ist es nicht nötig, ein Buch zu lesen bzw. aufzuschlagen, um kluge Anmerkungen geben zu können. Am Schwierigsten jedoch ist, sich richtig „dem Schriftsteller gegenüber“ zu verhalten, wenn man merkt, dass der Autor nicht mal sein eigenes Buch gelesen hat. Und besonderes Fingerspitzengefühl ist erforderlich, wenn man „der oder dem Liebsten gegenüber“ seine ganze Verführungskunst zu Füssen legen möchte, in dem man ihm oder ihr mit Hilfe eines Gesprächs über Literatur imponieren möchte, die der andere zwar sehr schätzt, von der man selber aber keinen blassen Schimmer hat.

Um aus all diesen Fallen, Fettnäpfchen und anderen unguten Situationen schadlos entschlüpfen zu können, ist sicherlich der letzte Teil über die „empfohlenen Haltungen“ der Schlüssel des Nichtlesens. Jetzt heisst es als Erstes, „sich nicht schämen“, das auch schon David Lodge in einem seiner Romane bestätigt hat. Dann sollten wir als Nichtleser eine Eigenschaft haben, nämlich „sich durchsetzen“, was Balzac uns in seinem Roman „Verlorene Illusionen“ geschickt vorführt. Es bleiben die  Alternative „Bücher erfinden“ oder der letzte Ausweg „von sich sprechen“, was Oscar Wilde  – „ein entschiedener Nichtleser“ – wörtlich genommen hat, in dem er der Meinung ist, dass „die angemessene Lesedauer eines Buches zehn Minuten beträgt, da man sonst vergessen könnte, dass die Begegnung mit einem Text hauptsächlich eine Anregung ist, seine eigene Biographie zu schreiben.“

Am Ende des Essays merken wir als Leser, dass Pierre Bayard alles andere als ein Nichtleser ist. Mit Witz, Ironie und Klugheit klärt er uns auf über die Unmöglichkeit des Nichtlesens und gibt spannende Einblicke in den Literaturbetrieb. Bayard macht sich lustig über eine buchlose Bildung. Nach der Lektüre dieses Werkes werden Sie als Leser, mit einem Augenaufschlag souverän Proust zitieren, sich über Balzac unterhalten und aus dem Leben von Oscar Wilde erzählen können. Was will man mehr? Doch ohne Humor sollte man sich diesem Buch auf gar keinen Fall widmen, denn spätestens jetzt wird jeder zum lesenden „Nichtleser“.