Durchgelesen – „Monsieur Bougran in Pension“ v. J.-K. Huysmans

Joris-Karl Huysmans wurde am 5. Februar 1848 in Paris geboren. Er war der Sohn eines holländischen Lithographen. Er verbrachte seine Schulzeit in einem Internat bis zu seinem Abitur. 1866 nahm er nach seiner schulischen Ausbildung einen Posten als mittlerer Angestellter im französischen Innenministerium an. Doch neben dieser Tätigkeit widmete sich Huysmans auch der Schriftstellerei. Er schrieb Kunstkritiken und nahm als Romancier am literarischen Leben teil. Er lernte Emile Zola kennen, der ihn in gewisser Weise bezüglich seines ersten Romans „Marthe, histoire d’une fille“ (Marthe. Geschichte einer Dirne“), den er 1876 veröffent-lichte, sehr beeinflusste. Richtig berühmt – auch über die französischen Grenzen hinaus – wurde er 1884 mit seinem Roman „A rebours“ („Gegen den Strich“), der die Geschichte eines dekadenten Antihelden beschreibt. 1888 beauftragte der britischen Anwalt, Kunst- und Literaturliebhaber Harry Quilter Joris-Karl Huysmans, eine kleine Geschichte für dessen Zeitschrift zu schreiben, und somit entstand die Erzählung „La Retraite de Monsieur Bougran“, die jedoch nicht den Ansprüchen von Quilter entsprach und somit nicht abgedruckt wurde. Erst 1964, fast 60 Jahre nach seinem Tod wurde diese beeindruckende Erzählung veröffentlicht. Und jetzt nach nach fast 50 Jahren dürfen wir dieses kleine erzählerische Meisterwerk – das zu Recht als Huysmans bestes Oeuvre bezeichnet wird – dank der grandiosen Übersetzung von Gernot Krämer zum ersten Mal in deutscher Sprache lesen.

Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Paris. Der Hauptprotagonist ist Monsieur Bougran, ein pflichtbewusster französischer Staatsbeamter, der – heute würde man sagen – unfreiwillig in den Vorruhestand geschickt wird. Sein Chef Monsieur Devin versucht ihm das schonend beizubringen, obwohl er sich extra für ihn eingesetzt hatte:

„Sie werden nächsten Monat wegen Gebrechen, die eine Folge Ihrer Amtsausübung sind, in den Ruhestand versetzt.“

Das war er nun, der Satz, der Monsieur Bougran nicht nur verstörte und erschütterte, sondern sein Leben komplett auf den Kopf stellte. Was ihn besonders beängstigte, war nicht die finanzielle Situation, auch wenn die Rente gerade so für ihn als Junggesellen reichte. Nein, es war eher die Frage, wie würde er die Zeit verbringen so ganz ohne Arbeit, ohne feste Anwesen-heitszeiten, ohne die Gewohnheiten und die Kollegen, obwohl die Gespräche immer die gleichen waren. Er war irgendwie zufrieden in diesem „Einerlei“ und in dieser „Gleich-förmigkeit“. Doch jetzt musste er plötzlich im Alter von 50 Jahren sein Leben komplett neu organisieren.

Monsieur Bougran versucht sich zu arrangieren, geht viel spazieren im Jardin du Luxembourg. Er stellt fest, dass „der Park ein Pflanzenfolterkeller“ ist, da die Bäume nicht so wachsen dürfen, wie es die Natur erlaubt. Aber nicht nur diese Erkenntnis, sondern vor allem diese unerklärbare Leere in seinem Leben beschäftigten ihn, so dass er nachts nicht mehr schlafen konnte und kaum Hunger verspürte. Ja man könnte schon fast von einer Depression sprechen, in die Monsieur Bougran gefallen war. Doch diese scheint bald überwunden zu sein, als er versucht seinen Plan zu verwirklichen, ein eigenes Büro in seiner Wohnung einzurichten, getreu dem Büro im Ministerium. Und als er dann noch im Jardin des Plantes ganz zufällig seinen alten Laufburschen Huriot trifft und engagiert, sollte man meinen, dass es eigentlich kein Hindernis mehr geben dürfte, die neue „Büro-Organisation“ in die Tat umzusetzen…

Joris-Karl Huysmans hat mit Monsieur Bougran einen wunderbaren Helden in einer mehr als zeitlosen Tragik-Komödie geschaffen, mit dem der Leser sofort mitfühlen, ja fast schon mitleiden kann, ohne dabei ein Schmunzeln auf den Lippen unterdrücken zu müssen. Man spürt die eigenen Ministeriumserfahrungen von Huysmans und erkennt die versteckte Botschaft, dass der Ruhestand, nicht unbedingt ein „ruhiger“ Zustand sein kann, bzw. sein darf, sondern sich eher in eine Angst verwandelt, nach dem Arbeitsende in ein unausgefülltes Leben zu fallen.

Joris-Karl Huysmans beobachtet messerscharf die Arbeitsatmosphäre, die Arbeitsstätte und die dazugehörige Büroeinrichtung. Er stellt die sichere Arbeit als Seelenrettung dar und macht sich dezent lustig über den unermüdlichen Ehrgeiz und das verkrampfte Festhalten am immer Gleichbleibenden. Doch die Angst vor Veränderung drängt sich subtil durch diese Unermüdlichkeit. Mit dieser Erzählung von gerade mal 20 Seiten ist Huysmans eine äusserst brillante Miniatur-Sozialstudie gelungen, die selbst nach 125 Jahren nicht im Geringsten an Aktualität verloren hat. Deshalb dürfen wir uns mehr als freuen, dass dieses kleine Meisterwerk endlich dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt wird.

„Monsieur Bougran in Pension“ ist ein ganz besonderes Stück Literatur, ein echter Prosa-Leckerbissen, den Sie verehrter Leser sich auf keinen Fall entgehen lassen sollten. Diese Erzählung bietet viele neue „alte“ Lebenserkenntnisse, durch Witz und Ironie raffiniert komponiert und elegant erzählt. Trotz der Kürze entwickelt diese subtile psychologische „Arbeitsstudie“ eine nachwirkende Spannung, die fesselt und zum intensiven Nachdenken über das Thema „Pension“ und „Leben nach der Arbeit“ einlädt…

Durchgelesen – „Bücherwahn“ v. Gustave Flaubert

Gustave Flaubert, geboren am 12. Dezember 1821 in Rouen und gestorben am 8. Mai 1880 in Croisset, gehört zu den wichtigsten französischen Schrifstellern und Romanciers der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die literarischen Hauptmerkmale des flaubertschen Œuvre liegen in der ausgeprägten Tiefe seiner psychologischen Analysen im Bezug auf das Verhalten der einzelnen Menschen, aber auch der gesamten Gesellschaft. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen die Romane « Madame Bovary » (1857), « Salammbô » (1862) und « L’Éducation sentimentale » (1869). Gustave Flaubert stammte aus einer bourgeoisen Familie, er war der jüngere Sohn des Chefarztes des städtischen Krankenhauses von Rouen. Auch wenn er ein begabter Schüler war, verbrachte er seine Freizeit lieber mit Lesen statt mit Lernen. Die Kindheit war eher etwas düster, vor allem im Hinblick auf das triste Krankenhaus-Appartement seines Vaters. Ein gewisser Hang zum Romantischen und ein Schreibkurs in der Schule, obwohl der Unterricht ihn wenig beigeisterte, öffneten ihm eine neue Welt. Und so entstanden noch während seiner Gymnasialzeit zwei erste und einzige literarische Publikationen (« Bibliomanie » und « Une leçon d’histoire naturelle: genre Commis ») bevor zwanzig Jahre später « Madame Bovary » als sein Debütroman, der oft auch als Jahrhundertroman bezeichnet wird, erschienen war.

Im November 1836 schrieb Gustave Flaubert die Erzählung mit dem Titel « Bibliomanie » (« Bücherwahn »), welche drei Monate später im Februar 1837 im « Le Colibri » (einer « Zeitung für Literatur, Theater, Kunst und Mode ») in Rouen abgedruckt wurde. Diese erste Veröffentlichung des gerade mal 15-jährigen Gustave Flaubert dürfen wir nun in einer neuen Übersetzung dank Elisabeth Edl und ergänzt mit wundervollen Zeichnungen von Wolf Erlbruch entdecken.

Die Geschichte spielt in Spanien, genauer in Barcelona. Bei dem Hauptprotagonisten handelt es sich um den dreissigjährigen Buchhändler Giacomo. Er sah im ersten Moment eher wie ein Bettler aus, da er sehr « schäbig » gekleidet war und sein Gesicht immer irgendwie fahl und unansehlich wirkte. Er verbrachte die meisten Tage allein nur unter seinen Büchern und begab sich selten auf die Strasse. Doch er war zufrieden, ja er war glücklich wenn er durch seine Bibliothek streifte ; und er war jedesmal vollkommen elektrisiert, wenn er wieder ein Buch berührte. Er lebte inmitten dieser literarischen Wissenschaft, doch letztendlich war diese nicht das Wichtgste für ihn :

«Nein! nicht die Wissenschaft liebte er, sondern ihre Form und ihren Ausdruck. Er liebte ein Buch, weil es ein Buch war; er liebte seinen Geruch, seine Form, seinen Titel.»

Aber nicht nur das, er war auch beeindruckt von den unterschiedlichsten Handschriften. All diese Faszination für das Buch raubte ihm wahrlich den Schlaf, er träumte sogar schon von Büchern. Es ging sogar soweit, dass er sein Mönchsleben aufgegeben hatte, um all sein Vermögen in Bücher zu investieren. Doch damit nicht genug, er opferte für sie nicht nur sein ganzes Geld und seine Seele, sondern fast sein Leben…

Dieser Erzählung liegt ein historischer Kriminalfall zugrunde, bei dem man sich nicht sicher ist, ob der Bericht in einem bekannten Gerichtsblatt über einen mörderischen Bibliomanen damals nicht vielleicht doch nur ein Scherz gewesen war. Auf jeden Fall liess sich dadurch Gustave Flaubert trotzdem zu diesem kleinen magischen Werk anregen.

Gustave Flaubert zeigte bereits hier in seinem Jugendwerk, sein ausgeprägtes Interesse für das minituöse, ja wahrlich fast schon kriminalistisch scharfe Beobachten von Menschen. Man erkennt sofort die grandiose literarische Umsetzung in der Beschreibung der Charaktere und der gesellschaftlichen Interaktionen, die sowohl durch den Hauptdarsteller initiert werden, als auch unabhängig von ihm in seiner Umgebung stattfinden. In gerade mal knappen dreissig Seiten wird der Leser Zeuge, was der « Bücherwahn » sehr wohl für negative Konsequenzen haben kann und was so manchen Buchliebhaber nachdenklich stimmen dürfte.

Doch Gustave Flaubert hilft uns gerade mit dieser brillanten Erzählung und seinem – damals bereits deutlich erkennbar – einzigartigen Schreibstil, die Liebe zur Literatur und zu Büchern – auch auf die Gefahr hin der Bibliomanie zu verfallen – weder zu verlieren noch sie zu missbrauchen. Ganz im Gegenteil, durch diese unglaublich spannende und intensive Erzählung, bekommen wir erst so richtig gesunde und keinesfalls krankhafte Lust in die Bücher – und Bibliomanenwelt tiefer einzutauchen und verspüren gleichzeitig eine ungebremste Neugierde, endlich Flauberts Werk erneut oder vielleicht auch zum ersten Mal so richtig intensiv zu lesen…