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Durchgeblättert – „HIER“ v. Richard McGuire

Bereits vor 25 Jahren hat Richard McGuire (geboren 1957 in New Jersey) die Urfassung für diese Graphic Novel geschaffen. 1989 erschien „Here“ zum ersten Mal als eine sechsseitige schwarz-weiss Comicerzählung in dem legendären RAW-Magazin, das von Art Spiegelman gegründet wurde. Richard McGuire arbeitet als Coverillustrator für verschiedene Zeitungen und Magazine wie zum Beispiel The New Yorker, The New York Times, Libération und Le Monde. Er ist aber auch als Graphikdesigner, Comic-Artist, Kinderbuchautor und Musiker tätig – er war Gründungsmitglied und Bassist der berühmten Postpunk-Band Liquid Liquid. 2010 hat McGuire angekündigt, seinen ursprünglich sechsseitigen Comic als grosse farbige Version auszubauen. Und jetzt ganz aktuell liegt nun dieses faszinierende neue Wunder-Werk „HIER“ auch in einer deutschen Ausgabe vor unseren Augen, bei dem wir nun 300-Seiten lang nicht nur eine ganz neue „Lebensform“, sondern auch eine vollkommen neue „Leseform“ entdecken können!

Die „Story“ spielt hauptsächlich in einem Zimmer (links ein Fenster, rechts ein Kamin) mit dem Blick auf eine Ecke gerichtet. Der Ort bleibt fast immer der Gleiche, nur die Zeit wechselt von Seite zu Seite. Bereits in den ersten zehn Seiten springen wir von 2014 auf 1942, zu 2007 auf 1957, zurück nach 1623, vor bis 1955 und 1989 und landen letztendlich kurz im Jahr 8000 v. Chr. und arbeiten uns wieder auf 1000 Jahre v. Chr. vor. Und so weiter… Wir beobachten verschiedene Situationen, spielende Kinder, diskutierende Erwachsene, Landschaften und Häuser. Manche Bilder bieten mehrere Zeitzonen, so da dass wir von einer Vor-und Rückschau gleichzeitig eingenommen werden. Wir sehen auf einem Blick, was gestern passiert ist und morgen passieren wird.

„HIER“ ist kein klassischer Comic, man „liest“ im gesamten Bild, das die jeweilige Doppelseite des Buches ausfüllt. Der Leser kann aber zusätzlich in vielen dieser Bilder auch noch die eingefügten Vor- und Rückblendungen in eigenen Bilder-Kästen miterleben. Die meist dargestellten Personen kommunizieren durch ihre Sprechblasen. Somit entsteht in vielen Bildsequenzen eine Art überlappende Erzählsituation, die durch den Hauptrahmen des Zimmers seine Basis und auch eine gewisse visuelle Sicherheit erhält.

Richard McGuire präsentiert mit seiner mehr als aussergewöhnlichen Graphic Novel eine ganz neue und andere Erzähldimension, die wir bis jetzt noch nie so erleben durften. „HIER“ ist Erzählung, vielleicht auch Detektivstory, aber vor allem auch eine Art Meditation über die Unbeständigkeit des Lebens. Wir glauben im jetzt zu denken, spüren jedoch parallel den Einfluss der Vergangenheit und versuchen uns gleichzeitig auch noch an der Umsetzung der Zukunft. Ja und genau da setzt dieses „Kunst-Werk“ an. Es stellt viele Fragen – gleich zu Beginn – „HM… WAS WOLLTE ICH NOCH GLEICH HIER?“ – und gibt nur wenige oder gar keine Antworten.

„HIER“ ist eine so unglaublich faszinierend rastlose Zeitreise, die den Leser mit so kunstvollen Bildern beschenkt, die teilweise ein wenig an die Maler Edward Hopper und René Magritte erinnern. Doch denkt man beim Erlesen dieser besonderen „Gemälde“ ganz spontan auch an Autoren wie Marcel Proust mit seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“, an Thomas Bernhard und sein „Weltenstück“ oder natürlich auch an H.G. Wells „Zeitmaschine“. Richard McGuire hat mit diesem Buch ein wahres Comic-Wunder geschaffen. Beim ersten Blättern, sei es chronologisch von Seite 1 folgend, oder auch spontan aus der Mitte heraus, fühlt man sich als Leser irgendwie sofort wohl in diesem Zimmer mit dem Fokus auf diese besagte Ecke, die perfekt durch den Bundsteg des Buches definiert wird. Der Leser taucht ein in die so einzigartigen Bilder, bleibt hängen und beginnt fast schon automatisch eine ganz persönliche Reise durch sein Leben, seine Erinnerungen und seine Zukunftsvisionen. Staunen, Träumen und Besinnen könnte nicht schöner und nachhaltiger in diesem Werk vereint werden, deshalb werden Liebhaber besonderer Bücher und Graphic-Novel-Freunde von solch vollendeter Comic-Kunst unendlich begeistert sein!

Marcel Proust – Zitat

« Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß. Was wir die Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Beziehung zwischen Empfindungen und Erinnerungen. »

Durchgelesen – „Paris. Eine Liebe“ v. Urs Faes

Paris, bekannt und oft erwähnt als Stadt der Liebe, werden wir hier nicht nur als Schauplatz, ja sondern auch als Protagonistin erleben können, die anderen Menschen einen Raum bietet, die gegenwärtige Wirklichkeit mit der Vergangenen zu vergleichen, zu vermischen und neu zu entdecken.

Urs Faes (geboren am 13. Februar 1947 in Aarau) wuchs im Suhrental auf und absolvierte am Klosterinternat Wettingen sein Abitur. Danach studierte er Geschichte, Germanistik, Philosophie und Ethnologie. Unterbrochen durch verschiedene Auslandsaufenthalte in Irland, Nord- und Südamerika, schliesst er 1978 seine Dissertation an der Universität Zürich ab. Er arbeitet als Journalist u.a. beim Tagesanzeiger und der Neuen Zürcher Zeitung und schreibt seine ersten Gedichte und Prosatexte, die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht werden. 1983 erscheint sein erster Roman « Webfehler ». Es folgen Theaterstücke, Hörspiele, Erzählungen und weitere Romane. Geehrt mit vielen Preisen, wie zum Beispiel dem Literaturpreis des Kanton Solothurns 1999 und dem Einzelwerkpreis der schweizerischen Schillerstiftung 2001 und 2008 für den Roman « Liebesarchiv » zählt Urs Faes zu den wichtigsten Schweizer Schriftstellern. Aktuell ist nun seine Erzählung « Paris. Eine Liebe » erschienen !

Wie bereits erwähnt und durch den Titel kaum anders vorstellbar, spielt diese sehr stimmungsvolle und intensive Erzählung in Paris. Wir haben September und genau nach fast dreissig Jahren kehrt Eric in « seine » Stadt wieder zurück, in der er damals Student war.

Er kommt am Gare de l’Est an und wird durch den Lärm und die Hektik irritiert, versucht ohne darüber nach zu denken, in diesem Gewühl nach einem grünen Mantel Ausschau zu halten, den Mantel den Claudine immer getragen hattte. Sie war eine junge Studentin, die ihn faszinierte, in die er verliebt war und die ihn bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr losgelassen hat. Doch heute wird er von André abgeholt. Er hat ihm ein Hotel in der Nähe der Sorbonne organisiert. André hat ihn überzeugt, dass er nach so langer Zeit endlich wieder einmal nach Paris kommt. Eric hat Angst, nicht vor der Stadt, aber vor den Erinnerungen, vor den erlebten Szenen mit Claudine, die ihm hier unbewusst wieder in gewisser Weise fast schon real vor Augen erscheinen werden. Eric ist überrascht, wie sehr sich Paris in den dreissig Jahren verändert hat, doch mit Andrés Hilfe entdecken sich noch den Charme von Früher und die alten Jazzkeller. Doch das Wichtigste für Eric ist, die Wege nachzulaufen und die Orte aufzusuchen, die mit Claudine in Verbindung standen.

Claudine war Eric’s grosse Liebe, er der « Lizentiat in Philosophie, verkrallt in eine Dissertation zur Bedeutung von Hegels Herr und Knecht für den marxistischen Diskurs » und sie eine Studentin mit langem blonden Haar, schmalen Händen und kurzgeschnittenen Nägeln. Claudine zeigte ihm Paris, und wenn er nicht da war, beschrieb sie die Stadt in ihren Briefen und erzählte ihm von ihrer Leidenschaft für Kirchen und Friedhöfe.

Mit André schreitet er die Stationen ab, an denen er mit Claudine liebte, lebte und diskutierte. Die Stadt war wie eine Gesamterinnerung an seine Zeit und an seine Liebe :

« Alles war Paris, eine Liebeserklärung an Claudine, die durch die Rue de Rome gegangen war, ihr fiel das Licht zu, das abendlich mild auf der Strasse traf, den Asphalt sprenkelte. Ihr gehörten die Chansons. Bonjour la vie / Bonjour mon vieux soleil / Bonjour ma mie / Bonjour l’automne vermeil… »

Claudine machte ihn glücklich, ihre Stimme faszinierte Eric und er war berauscht durch ihre Erscheinung und ihre Art. Doch in den Februartagen vor dreissig Jahren war Claudine zwar in Paris, sie hatte jedoch wenig Zeit für ihn und schickte ihn mit ihrem Stadtplan allein durch Paris. Und jetzt geht er wieder allein durch die Stadt, zumindest was Claudine betrifft. André begleitet ihn auf seiner Erinnerungswanderung. Er trifft auf eine ehemalige Concierge in der Rue de Sèvres 88, wo er unter dem Dach in einem Chambre de bonne die « schönsten Jahre seines Lebens » verbracht hat. Auch die Concierge wundert sich :

« Und was sie denn suchten, fragt sie und tritt näher an sie heran.
Das, was zurückgeblieben sei von damals. »

Was nun wirklich zurückgeblieben war, konnte bzw. kann Eric dies noch in „seiner“ Stadt der Liebe, in Paris, finden ? Damals, oft bevor Claudine und Eric in die Metro eingestiegen waren, begann sie einen Satz, ohne ihn je zu vollenden, mit : « Ich muss Dir noch etwas sagen ». Wird Eric noch herausfinden, was sie ihm eigentlich immer und schon sehr lange mitteilen wollte…?

Urs Faes hat dem Leser eine traumhaft schöne Erzählung von gerade mal 65 Seiten geschenkt, die durch die zarten sensiblen Zeichnungen von Nanne Meyer nicht nur ergänzt, sondern auch in ihrer Intensität bestärkt wird. Der Leser spürt mit der unglaublichen Feinfühligkeit der Sprache diesen besonderen Zauber und die unsterbliche Magie von Paris, die sich trotz ihrer Veränderung in den letzten dreissig Jahren auch heute noch wiederfinden lässt. Die Liebe zur Stadt und die Liebe zu Claudine sind fast eins. Es ist wie eine verbindende Liebeserklärung, denn wie Claudine ist auch Paris eine « Frau » : geheimnisvoll, direkt, unangepasst, verrückt, charmant, zart, hart und unberechenbar.

« Paris. Eine Liebe » ist ein literarisches Kleinod an Inspiration, Sprache, Atmosphäre und Gefühl. Urs Faes schreibt wie selbst erlebt. Man erkennt kleine autobiographische Annährungen, entdeckt seine Liebe zur Stadt Paris und zu den Frauen und wünscht sich nach dieser emotional berauschenden Lektüre nichts Sehnlicheres als auf den Spuren von Claudine und Eric durch Paris zu flanieren…!

Durchgelesen – „Meine Krönung“ v. Véronique Bizot

Gewiss ist man glücklich über eine Auszeichnung! Aber freut man sich auch dann noch, wenn man bis jetzt eigentlich mehr oder minder in Vergessenheit geraten war, sein Leben bereits gelebt hat und man am liebsten nur noch seine Ruhe möchte. Genau dann kann eine Ehrung oder Auszeichnung sogar zu einem echten Problem werden, vor dem sich nur sehr schwierig flüchten lässt! Alt sein hat Vorteile so lange man machen kann, was man will. Doch was passiert, wenn man im Alter plötzlich wieder entdeckt wird und das Telefon nicht mehr still steht?

Genau diese spannende Frage beantwortet Véronique Bizot in ihrem sehr originellen Erstlings-Roman „Meine Krönung“ (Mon couronnement), der ganz aktuell in deutscher Übersetzung vorliegt. Sie hat vorher bereits mehrere Novellen veröffentlicht und mit dem Buch „Meine Krönung“ zwei der wichtigsten französischen Literaturpreise erhalten: 2010 den Grand Prix du Roman der französischen Schriftstellervereinigung und den Prix Lilas – ein Preis für Frauen von Frauen, der in dem berühmten Pariser Literaten-Bistrot La Closerie de Lilas in Paris jedes Jahr verliehen wird. Véronique Bizot ist 1958 geboren. Sie lebt und arbeitet als Journalistin in Paris.

Der Protagonist und Ich-Erzähler dieses Romans ist der 89 Jahre alte Wissenschaftler Gilbert Kaplan. Ein Mann, der viel erlebt hat, verheiratet war, einen Sohn gezeugt hat und dessen Frau sich aus dem Fenster seines Landhauses gestürzt hat. Und jetzt soll er für eine frühere Entdeckung ausgezeichnet werden, an die er sich kaum mehr erinnern kann. In einem Labor hatte er so einiges erforscht, aber jetzt nach so vielen Jahren der Stille und Zurückgezogenheit, steht er plötzlich im Mittelpunkt. Die Presse steht vor seiner Tür, bedrängt ihn unaufhörlich und Monsieur Kaplan möchte eigentlich nur flüchten, doch wohin?

Als „Fluchthelferin“ eignet sich am besten seine Haushälterin und Lebensbegleiterin Madame Ambrunaz, eine ältere, aber äusserst beharrliche Frau, die sich immer wieder etwas neues einfallen lässt und wenn es nur die berühmten Linsen sind, die sie für Monsieur Kaplan ständig kocht:

Am Ende sind die Leute dann doch irgendwann gegangen, und ich war wieder allein in der Wohnung, mit Madame Ambrunaz, die in der Küche Linsen kochte, ich hörte das Rasseln der Linsen beim Waschen, ich dachte, dass man die Linsen aus Le Puy, die ich immer im Supermarkt kaufe, gar nicht zu waschen braucht und dass ich sie obendrein heute Abend ganz bestimmt nicht essen würde.“

Aber nicht nur die Linsen, auch seine Gedanken und Erinnerungen an frühere Zeiten sind eine Art Flucht. Dann taucht auch noch sein jüngerer Bruder auf, dessen letztes schriftstellerisches Werk er noch gar nicht richtig bewundert hat. Gilbert Kaplan wird immer unruhiger je näher der Tag seiner „Krönung“ rückt. Um die Zeit bis zur Preisverleihung zu verkürzen und sich nicht ständig dem Ansturm der Journalisten aussetzen zu müssen, schlägt Madame Ambrunaz eine Reise vor, und zwar nach Le Touquet – ein kleiner Ort am Meer der im Departement Calais liegt. Sie versucht alles, um Monsieur Kaplan zu unterstützen und aus seiner Lethargie, vor allem aus seiner ganz speziellen äusseren und inneren Unordnung herauszuholen. Es geht soweit, dass sie sich sogar um ein gemeinsames Grab für sich und Monsieur Kaplan gekümmert hat. Mme Ambrunaz ist eine ganz besondere Frau, die sich vor nichts bzw. niemanden beirren lässt, auch nicht von einem grantigen und schwermütigen Wissenschaftler. Doch die grösste und am meisten unerwartete Überraschung, die sie ihm jemals bereiten konnte, passiert ganz unvorhergesehen kurz vor der Preisverleihung….

„Meine Krönung“ ist der Roman eines verbitterten alten Mannes, eines Misanthropen, der in einem Appartement in der Rue Saint-Lazare in Paris wohnt und nur in Ruhe gelassen werden möchte, was schon ein wunderbar gelungener Widerspruch an sich ist. Denn die Rue Saint-Lazare, die direkt zum Gare St. Lazare führt, ist alles andere als ruhig, vollkommen hektisch und laut. Hier spüren wir schon die leichten Spötteleien über Ruhe, Alter und Menschenfeindlichkeit, welche die Hauptperson irgendwie sympathisch werden lassen. Der Roman hat einen unglaublich feinen Humor, der durch die beeindruckend beschriebene Interaktion zwischen Gilbert Kaplan und seiner bezaubernd komischen Haushälterin Madame Ambrunaz erst seinen Höhepunkt erreicht.

Mit einem  sehr subtil eingesetzten Sarkasmus zeigt uns Véronique Bizot dieses gelebte Leben, das von einer ausgebremsten Lebendigkeit erzählt, wie es Thomas Bernhard nicht besser beschreiben könnte. Die Kunst der ständigen Verkürzung ist das raffinierte Stilmittel dieses kleinen Romans. Der Leser erfährt immer nur alles in abgespeckter Form, zum Beispiel nicht die genauen Gründe des Selbstmordes seiner Frau, aber auch nichts über die eigentliche wissenschaftliche Arbeit, für die der Protagonist in diesem Buch einen Preis bekommt. Somit überraschen sich nicht nur die Figuren in dem Werk gegenseitig, auch der Leser  wird ständig durch neue Ereignissen verblüfft. „Meine Krönung“ ist gleichzeitig ein leichtes und intensives Buch. Ein Roman voller Witz, aber auch einer gewissen Härte, die uns erwarten könnte, wenn wir alt sind.

Durchgeblättert – „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Combray“ nach Marcel Proust v. Stéphane Heuet

„Die Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust gibt es nun nach 12 Jahren zum ersten Mal als Comic-Version in deutscher Sprache, dank der wunderbaren Unterstützung des Übersetzers Kai Wilksen. Das könnte vielleicht so manchen Proustianer in eine gewisse Schockstarre versetzen, was bereits die französische Kritik bei der Erscheinung des ersten Bandes in Frankreich 1998 in Worten scharf auszudrücken vermochte. Doch inzwischen haben sich die Gemüter mehr als gelegt, wenn man an die Lobeshymnen aus der französischen Presse denkt. Dieser Comic, der auch als Graphic-Novel bezeichnet wird, hat nicht nur Freunde unter den klassischen Comic-Liebhabern gefunden, auch der konservative Buchleser und Proustverehrer entdeckt mit dieser neuen Technik wie genial doch ein Klassiker illustriert und mit bzw. sogar trotz des besonderen, ja einzigartigen Erzählstil Prousts als Comic umgesetzt werden kann.

Stéphane Heuet, geboren 1957 in Brest, war zuerst Seemann und arbeitete danach als Art-Director in der Werbebranche. Seine Liebe zu Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hat er mit 35 Jahren entdeckt und sich seit diesem Zeitpunkt vorgenommen, dieses Mammutwerk als Comic anzupassen und zu zeichnen. Inzwischen sind in Frankreich 5 Bände erschienen. Übersetzungen ins Englische, Chinesische, Holländische, Italienische, Kroatische und Spanische sind bereits schon lange auf dem Markt. Glücklicherweise können wir uns seit letztem Herbst nun auch hier in Deutschland dieses aussergewöhnlichen Literatur-Comis erfreuen.

Der erste Teil der „Suche“ unter dem Titel „Combray“ bekannt, lässt den Proustkenner sofort an den ersten und sehr berühmten Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ erinnern. Ja und genau um Erinnerung geht es hauptsächlich in diesem Werk. Der erste Romanteil spielt in dem kleinen Örtchen Combray, das übrigens in Wirklichkeit Illiers heisst und ca. 110 km südwestlich von Paris liegt. Auf dem Ortsschild steht auch tatsächlich Illiers-Combray und im Zentrum befindet sich in der Nähe der Kirche das Haus von Tante Leonie (La Maison de Tante Léonie), das jeder Proustliebhaber zu bestimmten Zeiten besichtigen kann. Der Ich-Erzähler – Marcel –  öffnet für uns das Haus, wo er seine Kindheit und Jugend in den Ferien verbracht hat und uns unter anderem seine grosse Sehnsucht nach seiner Mutter erklärt. Stéphane Heuet zeichnet mit sehr klaren Linien und viel Raum für die Landschaft äusserst naturgetreu dieses Haus und seine Umgebung, wie man sie sich nicht besser hätte vorstellen können, vor allem dann, wenn man bereits das Original in Illiers-Combray besucht hat.

Die berühmte Szene um die köstliche Madeleine, die bei Proust diese Erinnerungen ausgelöst hat, lässt nun den Kenner oder auch Neuentdecker hier sehr schnell auf den Geschmack kommen. Wir lernen Marcel und seine Tante kennen, sehen zum ersten Mal in Bildern, wie die Hauptpersonen – Françoise, Maman, Papa, Monsieur Swann, Gilberte usw. –  zu Leben erweckt werden.

Der Künstler Stéphane Heuet malt die Szenen wie ein grosses Fest, schenkt uns Bilder mit vielen Details, vor allem was das Essen betrifft. Wenn es – wie so oft bei Proust – um Spargel geht, sehen wir diesen in Grossformat und spüren dadurch die unglaublich tiefe Bedeutung dieses Gemüses in seinem Werk:

„Mein Entzücken galt den Spargeln, getränkt in Ultramarin und Rosa und mit blasslila und himmelblau angehauchten Spitzen, die sich unmerklich bis zu den Enden abstufen. Mir schien, dass diese himmlischen Schattierungen die köstlichen Geschöpfe verrieten, die sich zum Spasse in Gemüse verwandelt hatten und die durch diese Verkleidung ihres essbaren und festen Fleisches hindurch in diesen zarten Tönungen der Morgenröte, in dieser Andeutung des Regenbogens, in diesem dahinschwindenden Abendblau die kostbare Essenz erspüren liessen, die ich noch die ganze Nacht hindurch wiedererkannte, wenn ich abends davon gegessen hatte und sie in ihren poetischen und derben Possen wie in einem Märchenspiel von Shakespeare meinen Nachttopf zu einem Parfümgefäss machten.“ (nach Marcel Proust adaptiert v. Stéphane Heuet, übersetzt Kai Wilksen)

Aber nicht nur beim Gemüse wird die Proustsche Sprache mit diesen sagenhaften Bildern von Heuet ergänzt, auch beispielsweise bei der zeichnerischen Umsetzung des Kirchenschiffs von Combray, bei Naturereignissen wie Gewitter bzw. Regen spüren wir dieses brillante Kunsthandwerk, wie es sicher selten in Comics zu finden ist. Besonders gelungen ist auch die visuelle Adaption der Träume des Erzählers, bei denen der Leser die melancholisch blickenden und tiefliegenden Augen von Marcel Proust immer wieder erkennen kann.

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Comic ist eine sehr gelungene Umsetzung und versprüht nicht weniger tiefgründigen Charme als der Originaltext. Im Gegenteil es öffnet neue Türen im Proustschen Oeuvre. Die Proustianer sind entzückt und die Neuentdecker haben nun endlich die Gelegenheit sich diesem literarischen Mammutprojekt zu nähern, ohne sich von 7 Bänden mit insgesamt über 6000 Seiten abschrecken zu lassen. Denn hier lesen wir in einer sehr überzeugenden Kurzfassung den ersten Teil gerade mal auf  nur 72 Seiten. Das sollte jeden Leser und Literaturinteressierten, der sich noch nicht an Proust und seine „Suche“ heran wagte, einen neuen und etwas leichteren Zugang bereiten. Die Lektüre dieses Comics ist ein unvergessliches Vergnügen und mehr als empfehlenswert, deshalb freuen wir uns sehr auf die Fortsetzung …

Durchgelesen – „Die Leinwand“ v. Benjamin Stein

Dies ist ein ungewöhnliches und fesselndes Buch, das um die Frage nach der Verlässlichkeit der Identität und  der Erinnerung kreist.  Es ist ein Buch, das hinter jedem einzelnen Buchdeckel eine eigene Geschichte versteckt. Doch in der Mitte kommt es zur Konfrontation der beiden Erzähler.

Die eine Geschichte erzählt aus der Perspektive von Amnon Zichroni. Er wird sehr streng jüdisch erzogen, erkennt im Laufe seiner Jugend seine besondere Begabung „Erinnerungen anderer Menschen“ nachzuerleben und bringt diese dann auch in seinem Studium der Psychologie und Psychiatrie ein. Als Pychoanalytiker lässt er sich in Zürich nieder und trifft dort auf den Geigenbauer Minsky. Zichroni überredet ihn, seine traumatischen Kindheitserinnerungen im NS-Vernichtungslager schreibenderweise zu verarbeiten. Jedoch erscheint kurz darauf ein Buch, in dem der Journalist Jan Wechsler behauptet, das dies alles erfunden sei.

Die andere Geschichte aus der Perspektive von Jan Wechsler beginnt mit dem Auftauchen eines mysteriösen Koffers. Wechsler wächst in der DDR auf, ist auch Jude und erlebt strenge Regeln in seinem damaligen jüdischen Viertel in Ostberlin. Es wird ihm eines Tages ein Koffer zugestellt, den er bei seiner  angeblich letzten Israel-Reise verloren haben soll. Er kann sich jedoch an nichts erinnern. Doch nachdem er den Koffer öffnet, entdeckt er ein Buch mit dem Titel „Maskeraden“ von Jan Wechsler und er ist total verwirrt. Er reist deshalb nach Israel, wird jedoch auf dem Flughafen in Gewahrsam genommen und verhört, da sein damaliger Gastgeber Zichroni als vermisst gilt.

Zwei Personen und zwei Leben, die sehr viele Gemeinsamkeiten haben. Sie sind Juden, sie wachsen mit wenig Freiheiten auf und für jeden von ihnen ist ein Buch von unglaublicher Bedeutung. Für Zichroni war es „Das Bildnis des Dorian Grey“ von Oscar Wilde und für Wechsler George Orwell’s „1984“. Wegen dieser Parallelen stellen sich hier die Fragen: Wer ist Wer? Was ist Erinnerung, was ist Wahrheit? Der Leser wird in ein Labyrinth geführt, doch wo ist er Ausgang?

Ein sehr spannender und anspruchsvoller Roman, der den Leser sofort in seinen Bann zieht. Ein Buch das auf sehr informative, aber unglaublich amüsante Weise, Einblicke in das jüdische Leben gibt. Ein Werk, das den Leser fordert und gleichzeitig auf sehr niveauvolle Art unterhält.