Durchgelesen – „Hector fängt ein neues Leben an“ v. François Lelord

Wer träumt nicht davon – gerade am Anfang eines neuen Jahres – endlich ein neues Leben anzufangen. Doch, was bedeutet dies eigentlich genau, ein neues Leben. Werfen wir das Alte einfach weg, wie einen verfaulten Apfel, oder wollen wir doch nur einige Aspekte des bisherigen Lebens verändern !? Diese Frage stellen sich viele Menschen Jahr ein Jahr aus, doch dass auch ein Psychiater ganz persönlich mit diesem Problem des « neuen Lebens » konfrontiert wird, mag im ersten Moment vollkommen unverständlich sein, wo genau doch dieser Berufszweig ja gerade zu prädestiniert ist, Menschen für die Umsetzung eines Neubeginns zu unterstützen. Deshalb freuen wir uns sehr, dass François Lelord mit seinem aktuell erschienen – inzwischen bereits – sechsten Band der Hector- Reihe uns auf eine sehr charmante und vor allem Augen öffnende Reise duch die nicht ganz so einfache « Lebensneugestaltung » mitnimmt.

François Lelord – geboren am 22. Juni 1953 in Paris – studierte Medizin und Psychologie. Nach seiner Promotion 1985 arbeitete er für ein Jahr an der University of California in Los Angeles. Im Anschluss war er zwei Jahre als Oberarzt am Hôpital Necker der Universität Paris V tätig. Von 1989 an praktizierte Lelord in seiner eigenen Praxis, die er 1996 aufgab, um in Unternehmen und Institutionen die Personalabteilungen im Bereich Arbeitssituation und Stress zu beraten. Seit 2004 arbeitet er als Psychiater in Krankenhäusern in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt. François Lelord lebt seit 2008 mit seiner vietnamesischen Frau abwechselnd jeweils sechs Monate in Paris und Bangkok. Er hat viele Fachbücher zu psychologischen Themen mit Christophe André veröffentlicht. Seine Roman-Reihe rund um den intellektuellen Psychiater Hector sind nicht nur in Frankreich ein grosser Erfolg, sondern weltweit, vor allem in Deutschland. Somit wird das deutschprachige Publikum mit diesen neuen und besonders empathischen Roman rund um das Thema Midlife-Krise – dank der wunderbaren Übersetzung durch Ralf Pannowitsch – ein paar schöne und lehrreiche Lesemomente erleben.

« Es war einmal ein Psychiater, der hiess Hector, und so richtig jung war er leider nicht mehr. »

Das ist wohl wahr. Hector arbeitet als Psychiater in seiner eigenen Praxis, ist verheiratet mit Clara und hat zwei inzwischen erwachsene Kinder – eine Tochter und einen Sohn. Er liebt seine Frau, vermisst seine Kinder und träumt hin und wieder von einem anderen Leben. Doch er hatte bis jetzt nicht viel Zeit, um zuviel über sein Leben nachzudenken, denn seine Patienten fordern seine ganze Aufmerksamkeit. Da gibt es zum Beispiel Olivia, eine Kunstlehrerin, die gerne ein anderes Leben möchte. Hector stellt bei ihr eine « Midlife-Crisis » fest, und ist selbst von dieser Diagnose nicht ganz überzeugt :

« Die Midlife-Crisis war ein bisschen wie die Lautsprecheransage: « Liebe Kunden, unser Geschäft schliesst in wenigen Minuten, bitte beeilen Sie sich, Ihre Einkäufe für ein neues Leben zu erledigen, denn sonst wird es zu spät dafür sein. » »

Aber auch eine andere Patientin von Hector, Sabine – eine verheiratete Frau mit grosser Karriere, glaubt es wäre Zeit an sich zu denken… und fragt sich, ob sie nicht in der Midlife-Crisis stecken würde. Alle seine Patienten, wie auch Roger, Tristan und Léon, suchen einen Weg in ein neues und besseres Leben. Und wer war es, der versuchte diesen Aufbruch zu realisieren, es war Hector. Doch auch er fühlte sich in der letzten Zeit immer mehr in seiner Praxis eingesperrt. Selbst eine Einladung bei Freunden bewirkt keineswegs eine Verbesserung, ganz im Gegenteil, er langweilt sich und wird ein wenig ungehalten als ein weiblicher Gast von der eigenwilligen Pychotherapie seiner Freundin berichtet, da Hector diese für idiotisch hält. Glücklicherweise ist sein alter Freund François ebenfalls Gast, der Hector mit einem Gespräch über die architektonischen Schönheiten der Stadt Paris etwas abzulenken versucht.

Dieser Abend gab Hector Anlass, sich über sein Leben endlich mehr Gedanken zu machen. Er spürte nun auch die Traurigkeit bei Clara und das Gefühl, irgendetwas sollte sich ändern. Hector trifft sich erneut mit François und begibt sich ganz unbewusst in eine Art « Therapie à la française ». Die Beiden entdecken schöne Restaurants und sprechen intensiv über Hectors Leben. François erkennt Hectors Probleme und diagnostiziert :

« « Erstens – berufliches Burn-out… » … « Zweitens – Leeres-Nest-Syndrom. » … « Und drittens und letztens », sagte der alte François, wobei er beide Hände hob und mit den Zeigefingern und Mittelfingern imaginäre Gänsefüsschen in die Luft zeichnete, « eine hübsche kleine Midlife-Crisis. » »

François amüsiert sich, Hector muss dies alles erst verarbeiten und ist plötzlich sehr entzückt über die charmante Enkelin (Ophelia) von François, die ihren Grossvater im Restaurant mit einem Besuch überraschte. Und ausgerechnet Ophelia braucht einen Interviewpartner für ihr Studium in Punkto Psychiatrie. Die Ereignisse überstürzen sich, die Patienten fordern nach wievor wichtige Hilfestellung durch Hector. Clara wird von ihrer Firma aus für vierzehn Tage nach New York geschickt und Hector entdeckt mit und durch Ophelia nicht nur seine Stadt Paris, sondern auch die Verliebtheit und die Kunst mit seinen besten « Jahren » besser umgehen zu lernen und dadurch wahre Gefühle zu erspüren…

« Hector fängt ein neues Leben an » ist ein wunderbarer – im ersten Moment leichtfüssig erscheinder – Roman, der jedoch bei genauem Hinsehen bzw. Lesen eine Fülle von wichtigen psychologischen Botschaften raffiniert und französisch charmant versteckt, die bei Ihnen, verehrter Leser, sicherlich ein Wohlgefühl erzeugen werden.

François Lelord hat mit diesem sechsten Hector Roman ein sehr persönliches und äusserst zeitloses und vor allem auch unterhaltsam lehrreiches Buch geschrieben, das präsente Themen wie Burn-out und Midlife-Krise sehr realistisch mit Hilfe von Hectors Patienten und Hector selbst erläutert. Und er zeigt in faszinierend sensibler Weise auf, dass selbst Psychiater von diesen Problemen keineswegs gefeit sind. Dieses Buch könnte ein sehr schöner romanesker Lebensbegleiter werden, denn dieses Werk initiiert einen Nachdenkensprozess über das eigene Leben und gibt gleichzeitig subtile und besonders feinfühlige Anregungen für neuen Mut, sein aktuelles Leben entweder zu verändern oder es für sich liebevoll so zu akzeptieren, wie es ist !

Durchgelesen – „Acht Wochen verrückt“ v. Eva Lohmann

Sind wir nicht alle ein wenig verrückt? Oder wissen wir nur nicht, ob wir verrückt sind? Denn was heisst eigentlich normal sein? Ist normal wirklich das Gegenteil von verrückt? Es gäbe noch Tausende von ähnlichen Fragen, die sich jeder sicherlich schon einmal in seinem Leben gestellt hat. Doch was passiert, wenn man spürt, dass wirklich nicht mehr alles so ist, wie es eigentlich sein sollte. Wenn der Körper streikt, der Geist nur noch müde ist und man sich in einer Traurigkeit befindet, die nicht enden möchte. Diesen Zustand kennt die Autorin Eva Lohmann sehr gut, und hat uns mit ihrem Erstlingsroman „Acht Wochen verrückt“ ein grandioses Werk geschenkt, das nicht besser in die sogenannte tadellos funktionierende Welt passen könnte.

Eva Lohmann, geboren 1981, arbeitet als Innenarchitektin und Werbetexterin in Hamburg. Sie hatte nach Depressionen und Burn-Out selbst einen Zusammenbruch und wurde in eine psychosomatische Klinik eingewiesen. Dort hat sie sehr genau Tagebuch geführt, welches letztendlich als Grundlage für diesen ersten autobiographischen Roman diente. Eva Lohmann nimmt uns mit auf eine Reise in eine ganz andere Welt und stellt uns als alter Ego die Hauptfigur Mila ihres ersten Romans vor.

Mila, eine junge Frau Ende zwanzig, erfolgreich mit einem gut bezahlten Job inklusive Beförderung, einem netten Partner und vielen Freunden, wird an einem Donnerstag in einer psychosomatischen Klinik aufgenommen. Seit Wochen, ja fast schon Monaten war sie zu nichts mehr in der Lage. Zuerst funktionierte Mila nur noch vor allem in ihrem stressigen Job, dann wurde ihr alles zuviel, selbst die Hausarbeit. Sie hatte keine Lust mehr auszugehen, sie lag am Liebsten nur noch im Bett und gab sich ihrer nicht mehr enden wollenden Traurigkeit hin. Sie hofft nun auf Hilfe und wundert sich, als sie in dieser Klinik ankommt, dass die Einrichtung zuerst mehr einem Hotel als – wie man im Jargon so schön sagt – der Klapse ähnelt.

Das „neue“ Leben in der Klinik am See beginnt langsam. Nachdem sie ihr Zimmer zugeteilt bekam und ihre magersüchtige Zimmergenossin Clara kennengelernt hat, versucht sie ein wenig zur Ruhe zu kommen. Sie entdeckt den Klinikgarten und beobachtet ihre anderen Mitpatienten. Zwei Tage später hat sie ihre erste Sitzung bei ihrem Therapeuten Dr. Hennings:

„Er hält mir die Hand hin und sieht nett aus. Gross, grauhaarig, mit einem kleinen Bart und um die vierzig. Auf eine bestimmte Weise sogar attraktiv, solange man seinem Kleidungsstil keine Beachtung schenkt. Mein zukünftiger Therapeut trägt praktische Ledersandalen, Trekkinghosen und – ein gebatiktes Shirt.“

Trotz seines „Kleidungsstils“ wird Dr. Hennings während der nächsten Wochen für Mila der wichtigste Ansprechpartner in dieser Klinik. Sie erkennt durch seine Hilfe, dass hinter ihrer Depression noch viel mehr steckt und ein Burn-Out selten allein auftritt. Es wird ihr bewusst, dass ihre körperlichen Schmerzen, die sie mit allerlei Tabletten zu bekämpfen versucht hatte, rein psychosomatische Schmerzen sind. Der regelmässige Tablettenkonsum, um immer zu funktionieren, hat sie bereits in eine Abhängigkeitsspirale befördert, die sie selbst nicht hätte durchbrechen können. Deshalb werden die Schmerzpillen konfisziert und Mila darf dafür nur noch ein Antidepressiva schlucken, das die ersten Tage ausser blöden und nicht ganz ungefährlichen Nebenwirkungen nichts zu bieten hatte. Nach zwei Tagen ist der „Drogentrip“ jedoch vorbei und der Körper hat sich endlich an die Substanz gewöhnt. Mila ist immer noch traurig, fängt aber trotzdem langsam an, ihre Seele und deren Bedürfnisse mit Dr. Hennings Hilfestellung zu entschlüsseln.

Trotz ihrer Depression fühlt sich Mila im Vergleich zu ihren Mitpatienten eher als total „normal“. Betrachtet man beispielsweise Katharina, die nach einem Jahr Trennung von ihrem Freund immer noch ständig weint, oder denkt man an Ron – verheiratet und zweifacher Familienvater -, der sich als Frau in einem Männerkörper fühlt und nicht weiss, wohin mit diesen Empfindungen. Doch am Meisten geschockt ist Mila von ihrer Zimmernachbarin Carla, als diese eines Tages ihren Koffer packt, da sie in ein richtiges Krankenhaus sprich Psychiatrie wechseln muss, denn ihr Gewicht ist auf lebensbedrohliche Weise gesunken, was nur noch mit Zwangsernährung verhindert werden kann.

Im Laufe dieser acht Wochen lernt Mila, die Ich-Erzählerin, nicht nur neue Freundschaften schliessen. Nein, sie erkennt, dass sich hinter ihrer Depression auch eine Tablettensucht versteckt und ein nicht unbedeutender Vaterkomplex begründet ist. Mila fängt in dieser Zeit an sich selbst und ihre Gefühle zu akzeptieren. Sie wird sensibler, aber auch mutiger, vor allem was ihre Familie und die Jobfrage betrifft…

„Acht Wochen verrückt“ ist ein geniales Buch. Es zeigt zum ersten Mal, vollkommen schonungslos, aber trotzdem sehr differenziert und feinfühlig, die Erfahrungen eines Menschen, der an seine psychischen Grenzen kommt und sich traut, Hilfe zu verlangen und anzunehmen. Mit viel Humor und Witz, aber auch mit grossen Respekt beschreibt Eva Lohmann die psychischen Probleme, die jeden Menschen in der heutigen Zeit ereilen können. Sie schafft es aufgrund ihrer eigenen Erfahrung und mit Hilfe ihres autobiographischen Romans tiefe Einblicke in die Welt der „Verrückten“ zu gewähren, die man als Beobachter von Aussen nie so beschreiben könnte. Besonders ihre Fähigkeit, die Menschen und ihre Stimmungen zu beobachten, sie aber nicht zu bewerten, geschweige denn ins Lächerliche zu ziehen, zeugt von einer grossen sprachlichen Begabung.

„Acht Wochen verrückt“ ist ein Roman, der nicht schockt, obwohl er ein Tabu bricht. Dieses Buch schiebt Klischees beiseite, konfrontiert den Leser mit der „echten“ Realität und fordert uns auf, das Thema – Psychische Erkrankungen – neu und mit mehr Offenheit zu betrachten. Eva Lohmann ist ein grosser – trotz seiner nur 190 Seiten –  Erstlingsroman gelungen, der vielleicht nicht von „Verrückten“ in einer normalen, sondern eher von „Normalen“ in einer verrückten Welt erzählt. „Acht Wochen verrückt“ ist ein sehr zu empfehlendes Buch für alle Menschen, ob „Normal“ oder „Verrückt“, ab vor allem für diejenigen, die noch nicht wissen, wie man den sogenannten „Verrückten“ in der heutigen Gesellschaft begegnen sollte!