Rainer Maria Rilke – Gedicht

Der Abend ist mein Buch

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen
die Deckel purpurn in Damast;
ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, –
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon.

Durchgelesen – „Das Päckchen“ v. Franz Hohler

Kann ein kleines Päckchen ein eher beschaulich friedvolles Leben durcheinanderbringen? Natürlich! Und wie es das kann, zeigt uns mit seiner wundervollen Erzählkunst Franz Hohler mit dem gerade aktuell erschienen neuen Roman „Das Päckchen“.

Franz Hohler, geboren 1943 in Biel, ist nicht nur Liedermacher und Kabarettist, sondern auch Schriftsteller. Bereits während seines Germanistik- und Romanistik-Studiums hat er sein erstes Kabarettprogramm aufgeführt. Er hat mit Grössen aus der Kabarett-Szene wie zum Beispiel Hanns Dieter Hüsch und Emil Steinberger zusammengearbeitet. Sein umfangreiches Gesamtwerk bietet neben vielen Kabarettprogrammen, Theaterstücken, Film- und Fernseh-Produktionen, auch Kinderbücher und natürlich Kurzgeschichten und Romane. Franz Hohler wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Kassler Literaturpreis 2002, dem Kunstpreis der Stadt Zürich 2005, dem Solothurn Literaturpreis 2013 und dem Johann-Peter-Hebel-Preis 2014. Er ist Mitglied beim International PEN und lebt in Zürich. Zu seinen wichtigsten Prosawerken zählen beispielsweise „Tschipo“ (Kinderroman) 1978, „Der neue Berg“ (Roman) 1989, „Es klopft“ (Roman) 2007 und „Gleis 4“ (Roman) 2013“. In diesem Leseherbst beschenkt uns Franz Hohler mit seinem neuen Roman „Das Päckchen“.

Die Geschichte spielt in verschiedenen Städten und Orten, wie Zürich, Bern, St. Gallen, in den Schweizer Bergen, aber auch in der Nähe von Regensburg nämlich im Kloster Weltenburg und in kleinen Orten Italiens. Das Besondere an diesem Werk sind die unterschiedlichen Zeitebenen, zwischen dem „Jetzt“ im 21. Jahrhundert und dem „Früher“ im 8. Jahrhundert, in die uns der Autor entführt.

Die Erzählung beginnt in Bern, in der Nähe des Hauptbahnhofs, wo sich Ernst Stricker befindet und gerade dabei war, seine Frau anzurufen. Just in diesem Moment klingelt ein anderer öffentlicher Telefonapparat und Ernst nimmt das Gespräch entgegen.

„Und auf einmal war er unterwegs zu seiner alten Frau namens „Ich“, die Hilfe brauchte, seine Hilfe.“

Normalerweise war Ernst kein Mann der spontanen Tat. Er war 48 Jahre alt, arbeitete als Bibliothekar in der Zentralbibliothek Zürich. Mit seiner Frau Jacqueline ebenfalls Bibliothekarin in der Kantonsbibliothek St. Gallen, wohnte er in Winterthur. Er führte ein zufriedenes, aber letztendlich doch sehr unaufgeregtes und geordnetes Leben. Es war eine Überraschung, dass Ernst zielstrebig, diese alte Dame – unbekannterweise – in Bern aufsuchte. Die Dame wirkte etwas verwirrt, nannte ihn Ernst, verwechselte ihn mit ihrem Neffen und gab Ernst Stricker ein Päckchen zur Aufbewahrung, da sie Sorge hatte, es käme sonst in falsche Hände.

Er nahm das Päckchen mit nach Hause, versteckte es erst einmal, damit auch seine Frau nichts mit bekam. Doch lange konnte er seine Neugierde nicht unterdrücken und packte ganz vorsichtig, dieses kleine Päckchen aus.

„Zum Vorschein kam tatsächlich ein Buch, ein Buch, bei dessen Anblick Ernst eine Gänsehaut bekam.“

Das war auch kein Wunder, denn bei diesem besonderen Buch handelte es sich um das „Abrogans“, ein lateinisch-althochdeutsches Synonymwörterbuch, von dem man behauptet, dass es das älteste Buch der deutschen Sprache sei. Das meinte auch Ernst Stricker, dem diese Kostbarkeit sofort ein Begriff war und die – in seiner Erinnerung – neben zwei anderen sogenannten Abschriften zu den Schätzen der Stiftsbibliothek St. Gallen gehören musste. Das Original galt als verschollen. Vielleicht hielt er nun genau dieses Exemplar in seinen Händen? Ernst Stricker war berührt, betroffen und verwirrt zu gleich, er wusste im ersten Moment nicht, was zu tun war. Doch er forscht nach und taucht in die Welt des 8. Jahrhunderts ein, „trifft“ den neunzehnjährigen Novizen „Haimo“, der im Kloster Weltenburg – in der Nähe von Regensburg – mit der Abschrift dieses Wörterbuchs beauftragt wurde…

Und so beginnt eine wundervolle, spannende Geschichte, die mit Ernst Stricker einen perfekten „Detektiv“ gefunden hat. Franz Hohler lässt seine Haupt- und Nebenfiguren mit unglaublicher Vorsicht, aber auch mit grosser Intelligenz handeln und wirken. Trotz der grossen Zeitspannen wird man als Leser so persönlich vertraut durch die Handlung geführt, so dass man sich nie verloren, sondern ganz im Gegenteil fast schon als Teil oder „Assistent“ dieses Privatermittlers im Sinne der Buchkunst fühlt. Ja, man leidet mit, hofft endlich auf neue Erkenntnisse, freut sich über die nächsten Erfolgsschritte und überlegt, ob dieses besondere Buch, jemals da ankommen wird, wo es eigentlich hingehört.

Franz Hohler beweist wieder einmal zartes Feingefühl hinsichtlich eines schönen Themas, das ganz unerwartet, aber sicher nicht unabsichtlich Interesse auf mehr Details entfacht. Franz Hohler schreibt einfach brillant. Die Klarheit und Einfachheit in seinem unverwechselbaren Stil erwecken eine so elegant und kluge Leidenschaft, die den Leser mehr als beglückt.

Das „Päckchen“ ist ein literarisches Bijou und zählt sicherlich zu den wichtigsten und schönsten Entdeckungen in diesem Literaturherbst.

 

Arthur Schopenhauer – Zitat

Der Leser hat das Buch für baares Geld gekauft und frägt, was ihn schadlos hält? Meine Zuflucht ist jetzt, ihn zu erinnern, dass er ein Buch, auch ohne es gerade zu lesen, doch auf mancherlei Art zu benutzen weiss. Es kann, so gut wie viele andere, eine Lücke seiner Bibliothek ausfüllen, wo es sich, sauber gebunden, gewiss gut ausnehmen wird. Oder auch er kann es seiner gelehrten Freundin auf die Toilette, oder den Theetisch legen. Oder endlich er kann ja, was gewiss das Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensieren.

Durchgeblättert – „Die schönsten Buchhandlungen Europas“ v. Rainer Moritz

Reisen in ferne Länder oder Städte ist heutzutage etwas ganz Alltägliches! Eine Reise zu den schönsten Buchhandlungen Europas wäre sicherlich ein eher ungewöhnliches Ziel. Doch so bald Sie diesen faszinierenden Bildband in den Händen halten werden, ist diese aussergewöhnliche Entdeckungsreise zum Greifen nahe.

Genau auf diese besondere Reiseroute hat sich – unterstützt durch die international renommierten Fotografen Reto Guntli und Agi Simoes – der Autor Rainer Moritz begeben. Er leitet seit 2005 das Hamburger Literaturhaus, schreibt Kolumnen, Essays, Literaturkritiken und Bücher. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Die Überlebensbibliothek“ und „Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe“.

„Die schönsten Buchhandlungen Europas“ ist mehr als ein klassischer Reisebildband, denn der Leser taucht ein in mehrere neue Welten: ein neues Land bzw. eine neue Stadt, eine historische Architektur, eine Familiengeschichte und natürlich in die Welt der Bücher. Rainer Moritz hat ganz subjektiv, wie er selbst schreibt, 20 Buchhandlungen aus dem deutschsprachigen Raum und aus Westeuropa ausgesucht, die für ihn zu den schönsten Europas zählen.

Buchhandlungen sind Orte des Entdeckens, sie befriedigen die Neugierde, sie überraschen, sie beglücken. Es sind Orte der Begegnung, der Kommunikation, der Freude, der Ruhe, aber auch der Hektik. Sie können helfen, sie unterstützen und sie wecken Lust auf Bücher und Lesen! Doch wenn diese Buchhandlungen noch eine besondere Architektur, aussergewöhnliches Mobiliar und eine historische Familiengeschichte vorweisen können, verstärkt es die Anziehungs-kraft. Werden die Besucher dann noch mit aufmerksamer Beratung, durch eine besondere Auswahl von Büchern und bemerkenswerte literarische Veranstaltungen verwöhnt, fühlt sich jeder Leser und Buchliebhaber wie in einem Paradies.

Rainer Moritz porträtiert mit Feingefühl und grosser Neugierde die zwanzig schönsten Buchhandlungen Europas. Er zeigt uns die Besonderheiten, die buchhändlerischen Schwerpunkte und die ganz persönlichen Geschichten der Besitzer und Geschäftsführer dieser Häuser:

„Buchhandlung Felix Jud“ ist allein schon für ihren Standort zu beneiden. Sie liegt im nobelsten Einkaufsviertel von Hamburg, in einer der schönsten Passagen – die Mellin-Passage – direkt in der Nähe vom Jungfernstieg. Doch wenn man diese Buchhandlung entdeckt, vergisst man selbst die schönsten Juweliere und Boutiquen, und lässt sich bereits von den mit feinster Literatur gestalteten Schaufenstern anziehen. Spätestens beim Betreten der Buchhandlung spürt man die besondere Atmosphäre, das stilvolle Mobiliar – hauptsächtlich Kirschholz – und den Anspruch für gute Literatur.

„Librairie Galignani“ liegt im 1. Arrondissement von Paris, in der noblen und sehr bekannten Strasse – Rue de Rivoli. Genau gegenüber befindet sich der Jardin des Tuileries, daneben eines der teuersten und schönsten Hotels von Paris – Le Meurice – und das berühmte Café „Angelina“, das bereits Marcel Proust regelmässig besuchte. Galignani war und ist die erste englische Buchhandlung, die jemals auf europäischen Festland eröffnet wurde. Inzwischen gehört sie nicht nur zu den grössten englischen Buchhandlungen in Paris, sondern ist vor allem auch für ihre grosse Titelauswahl im Bereich Kunst, Mode, Fotographie, Design und Film sehr bekannt. Deshalb braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn man beim Schmökern berühmte Schauspieler und Modeleute trifft. Doch das Beste ist der perfekte Kundenservice, der sich durch besondere Kompetenz und ungewöhnliche Bibliographiermethoden auszeichnet.

Neben diesen zwei Beispielen entdecken wir unter anderem noch Buchhandlungen aus Berlin „Bücherbogen am Savignyplatz“ – die bekannt ist für ihren ungewöhnlichen Standort -, aus Brüssel „Tropismes“ – deren Name eine Hommage an Nathalie Sarraute ist – und aus Maastricht „Selexyz Dominicanen“ – die in einer der ältesten gotischen Dominikanerkirchen Hollands eingerichtet wurde -. Desweiteren finden Sie auch Buchhandlungen aus Österreich, der Schweiz, Portugal, England und Italien.

Dieser Bildband dient nicht nur zur Vor- bzw. Nachbereitung einer Reise, er ist wie eine Reise! Selbst dann, wenn man nur zu Hause gemütlich auf seinem Canapé verweilt. Rainer Moritz erzählt wunderbare Geschichten zu jeder Buchhandlung. Sie sind offen, persönlich und äusserst spannend. Sie geben aber auch Einblicke, die unverwechselbar und einmalig sind. Die faszinierenden Bilder und Momentaufnahmen der beiden Starfotografen Reto Guntli und Agi Simoes lassen den Leser vor Ehrfurcht erstarren und gleichzeitig ein euphorisches „Oh“ und „Ah“ rufen. Kunstvoll wurde mit diesen starken und klaren Photographien und den einfühlsamen Porträts einer der schönsten Bildbände aus der Welt der Bücher gestaltet.

„Die schönsten Buchhandlungen Europas“ laden Sie ein auf eine Reise, ganz ohne Ticket und ohne Gepäck! Vertrauen Sie Ihren Augen, geniessen Sie die Texte und Bilder. Sie werden mit unvergesslichen Eindrücken und einer unendlichen Lust auf Bücher und Lesen zurückkehren!

Rainer Maria Rilke – Gedicht

Der Lesende

Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag,
mit Regen rauschend, an den Fenstern lag.
Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr:
mein Buch war schwer.
Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen,
die dunkel werden von Nachdenklichkeit,
und um mein Lesen staute sich die Zeit. –
Auf einmal sind die Seiten überschienen,
und statt der bangen Wortverworrenheit
steht: Abend, Abend… überall auf ihnen.
Ich schau noch nicht hinaus, und doch zerreißen
die langen Zeilen, und die Worte rollen
von ihren Fäden fort, wohin sie wollen…
Da weiß ich es: über den übervollen
glänzenden Gärten sind die Himmel weit;
die Sonne hat noch einmal kommen sollen. –
Und jetzt wird Sommernacht, soweit man sieht:
zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute,
dunkel, auf langen Wegen, gehn die Leute,
und seltsam weit, als ob es mehr bedeute,
hört man das Wenige, das noch geschieht.

Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,
wird nichts befremdlich sein und alles groß.
Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe,
und hier und dort ist alles grenzenlos;
nur dass ich mich noch mehr damit verwebe,
wenn meine Blicke an die Dinge passen
und an die ernste Einfachheit der Massen, –
da wächst die Erde über sich hinaus.
Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen:
der erste Stern ist wie das letzte Haus.