Durchgeblättert – „Über Max Ernst“ v. Jürgen Wilhelm

„Über Max Ernst“ ist keine neue Biographie über diesen berühmten und wichtigen Maler, Graphiker und Bildhauer. Es ist ein ganz besonderes, ja ein sehr persönliches Buch, durch welches der kunstinteressierte Leser zum ersten Mal aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in Form von sehr kurzweiligen und äusserst interessanten Interviews mit Freunden, Verwandten und Weggefährten nicht nur das Werk, sondern vor allem auch den Menschen Max Ernst kennenlernt.

Neben dem Kunsthistoriker Werner Spies, der eine sehr nachhaltige Erinnerung an seine erste Begegnung mit Max Ernst (1891-1976) hatte, zeigen uns unter anderem auch der Filmemacher Peter Schamoni, Horst Ehmke (der ehemalige Kanzleramtschef unter Willy Brandt), der Max Ernst bei den Olympischen Spielen in München traf und Mimi Johnson, die Nichte von Dorothea Tanning (30 Jahre mit Max Ernst verheiratet) sehr private Einblicke in das Leben und Schaffen des Künstlers.

Besonders beeindruckend sind das Gespräch mit Pierre Chaves, dem sogenannten „Erzlithographen“, der seit dem Jahre 1966 mit Max Ernst eng zusammengearbeitet hatte und natürlich auch das Interview mit Eric Ernst über seine erstes Treffen im Alter von 3 Jahren mit seinem berühmten Grossvater. Gekrönt wird dieses aussergewöhnliche Buch, das wir dem Herausgeber Herrn Prof. Jürgen Wilhelm (u. a. Vorstandsvorsitzender der Stiftung Max Ernst und seit Juni 2011 Honorarprofessor an der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) und der wunderbaren Interviewpartnerin Barbara Hess (Kunsthistorikerin und Übersetzerin) zu verdanken haben, durch sehr privates Bildmaterial und durch die integrierten Gedichte der amerikanischen Malerin, Bildhauerin und Schriftstellerin Dorothea Tanning.

„Über Max Ernst“ ist eine grandiose „Gesprächs-Bild-Gedicht-Collage“, wie es sich Max Ernst sicherlich nicht besser hätte wünschen können. Ein Werk über den bedeutendsten deutschen Maler des Surrealismus, das jeden Laien, aber auch den Kunstkenner vergnüglich inspirieren und informativ begeistern wird.

Ada Christen – Gedicht

In der Kunstausstellung

Was drängt sich die bunte Menge
Sich gaffend um dies Bild?
Es ist ein junges Mädchen
Mit Zügen krampfhaft wild.

Ihr alten eitlen Gecken
Dränget euch nicht so nahe hin,
Reizt nicht an den zarten Formen
Den abgestumpften Sinn.

Seht hinter euch – o sehet!
Dort an der dunkelsten Stell‘
Lehnt ohnmächtig von Hunger,
Des schönen Bildes Modell.

Durchgeblättert – „Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit“

Marcel Proust, berühmt geworden durch seinen siebenbändigen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wusste wie kein anderer Autor seine Fähigkeit, die Kunst als Stilmittel in der Literatur zu verwenden, einzusetzen. Seine Figuren und Protagonisten lässt er mit Hilfe erinnerter Bilder Neues erleben. Somit entsteht nicht nur ein Roman, sondern ganz nebenbei noch eine Kunstgeschichte, die den Leser in faszinierende Welten begleitet.

„Mein Buch ist ein Gemälde“, hat Proust an Jean Cocteau geschrieben.

Und eben genau diesen Welten in Form von Bildern berühmter Meisterwerke, hat  sich Eric Karpeles gewidmet und eine beeindruckende Zusammenstellung dieser Gemälde aus Proust’s Verlorener Zeit dem Proustkenner, aber auch dem Proustneuentdecker geschenkt.

Dieses Buch ist ein sehr umfassendes Kunstbuch, das sich auf aussergewöhnliche Weise zum ersten Mal mit der engen Beziehung zwischen Malerei und Literatur in Proust’s Meisterwerk auseinandersetzt. Der Leser lernt beispielsweise die „Engel“ von Botticelli, die „Kurtisanen“ von Manet und die „Seerosen“ von Monet kennen.

Über 200 Abbildungen von Gemälden, Zeichnungen und Stichen kann man entdecken, die ergänzt werden durch ein sehr informatives Einführungsessay und durch weiterführende zum Teil sehr amüsante Erläuterungen. Das Besondere jedoch an dieser Kunstgeschichte ist, dass jedes Kunstwerk mit dem passenden Zitat aus „Der Suche nach der verlorenen Zeit“ ergänzt bzw. kommentiert wird.

„Ich ging auf die Allée des Acacias zu. … Denn die Bäume lebten ihr Eigenleben weiter, und wenn sie keine Blätter mehr hatten, so strahlte es nur um so leuchtender aus der Hülle von grünem Samt, die ihre Stämme umgab, oder dem weissen Email der kugeligen Misteln, die hier und da in den Kronen der Pappeln hingen, rund wie Sonne und Mond in Michelangelos Erschaffung der Welt.“ (aus „In Swanns Welt“ und Michelangelo, „Gott erschafft Sonne und Mond“)

Eric Karpeles ist selbst Maler, studierte unter anderem an der Oxford University und lebte in den siebziger Jahren als Stipendiat an der Cité Internationale des Arts in Paris. Er wohnt in Kalifonieren und widmet sich dem Schreiben über Malerei.

Dies ist mehr als ein faszinierendes und besonders ästhetisches Kunstbuch, denn in diesem Werk werden die Bilder aus dem proustschen Universum zum ersten Mal lebendig und sichtbar. Ein Handbuch der europäischen Kunstgeschichte, eine proustsche Bibel der Malerei und vorallem ein ganz persönliches und intimes Museum!