Durchgelesen – „Das Päckchen“ v. Franz Hohler

Kann ein kleines Päckchen ein eher beschaulich friedvolles Leben durcheinanderbringen? Natürlich! Und wie es das kann, zeigt uns mit seiner wundervollen Erzählkunst Franz Hohler mit dem gerade aktuell erschienen neuen Roman „Das Päckchen“.

Franz Hohler, geboren 1943 in Biel, ist nicht nur Liedermacher und Kabarettist, sondern auch Schriftsteller. Bereits während seines Germanistik- und Romanistik-Studiums hat er sein erstes Kabarettprogramm aufgeführt. Er hat mit Grössen aus der Kabarett-Szene wie zum Beispiel Hanns Dieter Hüsch und Emil Steinberger zusammengearbeitet. Sein umfangreiches Gesamtwerk bietet neben vielen Kabarettprogrammen, Theaterstücken, Film- und Fernseh-Produktionen, auch Kinderbücher und natürlich Kurzgeschichten und Romane. Franz Hohler wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Kassler Literaturpreis 2002, dem Kunstpreis der Stadt Zürich 2005, dem Solothurn Literaturpreis 2013 und dem Johann-Peter-Hebel-Preis 2014. Er ist Mitglied beim International PEN und lebt in Zürich. Zu seinen wichtigsten Prosawerken zählen beispielsweise „Tschipo“ (Kinderroman) 1978, „Der neue Berg“ (Roman) 1989, „Es klopft“ (Roman) 2007 und „Gleis 4“ (Roman) 2013“. In diesem Leseherbst beschenkt uns Franz Hohler mit seinem neuen Roman „Das Päckchen“.

Die Geschichte spielt in verschiedenen Städten und Orten, wie Zürich, Bern, St. Gallen, in den Schweizer Bergen, aber auch in der Nähe von Regensburg nämlich im Kloster Weltenburg und in kleinen Orten Italiens. Das Besondere an diesem Werk sind die unterschiedlichen Zeitebenen, zwischen dem „Jetzt“ im 21. Jahrhundert und dem „Früher“ im 8. Jahrhundert, in die uns der Autor entführt.

Die Erzählung beginnt in Bern, in der Nähe des Hauptbahnhofs, wo sich Ernst Stricker befindet und gerade dabei war, seine Frau anzurufen. Just in diesem Moment klingelt ein anderer öffentlicher Telefonapparat und Ernst nimmt das Gespräch entgegen.

„Und auf einmal war er unterwegs zu seiner alten Frau namens „Ich“, die Hilfe brauchte, seine Hilfe.“

Normalerweise war Ernst kein Mann der spontanen Tat. Er war 48 Jahre alt, arbeitete als Bibliothekar in der Zentralbibliothek Zürich. Mit seiner Frau Jacqueline ebenfalls Bibliothekarin in der Kantonsbibliothek St. Gallen, wohnte er in Winterthur. Er führte ein zufriedenes, aber letztendlich doch sehr unaufgeregtes und geordnetes Leben. Es war eine Überraschung, dass Ernst zielstrebig, diese alte Dame – unbekannterweise – in Bern aufsuchte. Die Dame wirkte etwas verwirrt, nannte ihn Ernst, verwechselte ihn mit ihrem Neffen und gab Ernst Stricker ein Päckchen zur Aufbewahrung, da sie Sorge hatte, es käme sonst in falsche Hände.

Er nahm das Päckchen mit nach Hause, versteckte es erst einmal, damit auch seine Frau nichts mit bekam. Doch lange konnte er seine Neugierde nicht unterdrücken und packte ganz vorsichtig, dieses kleine Päckchen aus.

„Zum Vorschein kam tatsächlich ein Buch, ein Buch, bei dessen Anblick Ernst eine Gänsehaut bekam.“

Das war auch kein Wunder, denn bei diesem besonderen Buch handelte es sich um das „Abrogans“, ein lateinisch-althochdeutsches Synonymwörterbuch, von dem man behauptet, dass es das älteste Buch der deutschen Sprache sei. Das meinte auch Ernst Stricker, dem diese Kostbarkeit sofort ein Begriff war und die – in seiner Erinnerung – neben zwei anderen sogenannten Abschriften zu den Schätzen der Stiftsbibliothek St. Gallen gehören musste. Das Original galt als verschollen. Vielleicht hielt er nun genau dieses Exemplar in seinen Händen? Ernst Stricker war berührt, betroffen und verwirrt zu gleich, er wusste im ersten Moment nicht, was zu tun war. Doch er forscht nach und taucht in die Welt des 8. Jahrhunderts ein, „trifft“ den neunzehnjährigen Novizen „Haimo“, der im Kloster Weltenburg – in der Nähe von Regensburg – mit der Abschrift dieses Wörterbuchs beauftragt wurde…

Und so beginnt eine wundervolle, spannende Geschichte, die mit Ernst Stricker einen perfekten „Detektiv“ gefunden hat. Franz Hohler lässt seine Haupt- und Nebenfiguren mit unglaublicher Vorsicht, aber auch mit grosser Intelligenz handeln und wirken. Trotz der grossen Zeitspannen wird man als Leser so persönlich vertraut durch die Handlung geführt, so dass man sich nie verloren, sondern ganz im Gegenteil fast schon als Teil oder „Assistent“ dieses Privatermittlers im Sinne der Buchkunst fühlt. Ja, man leidet mit, hofft endlich auf neue Erkenntnisse, freut sich über die nächsten Erfolgsschritte und überlegt, ob dieses besondere Buch, jemals da ankommen wird, wo es eigentlich hingehört.

Franz Hohler beweist wieder einmal zartes Feingefühl hinsichtlich eines schönen Themas, das ganz unerwartet, aber sicher nicht unabsichtlich Interesse auf mehr Details entfacht. Franz Hohler schreibt einfach brillant. Die Klarheit und Einfachheit in seinem unverwechselbaren Stil erwecken eine so elegant und kluge Leidenschaft, die den Leser mehr als beglückt.

Das „Päckchen“ ist ein literarisches Bijou und zählt sicherlich zu den wichtigsten und schönsten Entdeckungen in diesem Literaturherbst.

 

Durchgelesen – „Das Papierhaus“ v. Carlos Maria Dominguez

Bücher haben Macht! Sie können das Leben bestimmen, verändern und massgeblich beeinflussen, selbst dann, wenn wir es als Leser gar nicht bewusst zulassen wollen. Und genau über diese doch eher unterschätzten „Charakterzüge“ des Buches berichtet uns Carlos Maria Dominguez in seiner Erzählung „Das Papierhaus“.

Carlos Maria Dominguez, geboren 1955 in Buenos Aires, gehört zu den wichtigsten und berühmtesten Schriftstellern Lateinamerikas und hat laut der Zeitung „Der Welt“ mit seinem Romanwerk „Literatur von Weltrang“ geschaffen. Anfangs hat er für verschiedene Zeitungen als auch für die Kulturbeilage von „El Pais“ geschrieben. Inzwischen wurden von Carlo Maria Dominguez mehr als 20 Bücher veröffentlicht. In Deutschland wurde er mit seinem kleinen feinen Werk „Das Papierhaus“ bekannt, das unter dem Originaltitel „La casa de papel“ 2002 erschienen ist und zum ersten Mal in deutscher Übersetzung 2004 in Deutschland vorgestellt wurde. Jetzt nach 10 Jahren ist dieses faszinierende Buch nochmals neu und aktualisiert aufgelegt und mit den wundervollen Illustrationen von Jörg Hülsmann ausserordentlich feinsinnig und beeindruckend kunstvoll gestaltet worden.

Die Geschichte wird von einem jungen Literaturdozenten der Universität Cambridge in der Ich-Form erzählt und spielt in Südamerika. Eine junge Kollegin von ihm – Bluma Lennon – wird, als sie mehr als vertieft in einem Gedichtband von Emily Dickinson liest, von einem Auto erfasst und dabei tödlich verletzt. Bei der Beerdigung erfährt man nicht nur etwas über ihre brillante Universitätslaufbahn, sondern auch über ihre intensive Nähe zur Literatur, die doch auch etwas überspitzt von einem anderen Kollegen dargestellt wird:

« „ Bluma hat ihr Leben der Literatur geweiht, ohne sich vorzustellen, dass sie durch diese ums Leben kommen würde.“ »

Doch letztendlich sollte man nicht vergessen, dass – auch wenn Bücher das Schicksal nachhaltig verändern können – sie ein Auto überfahren hat und nicht der Gedichtband.

Nach diesem tragischen Vorfall fällt eines Tages dem Ich-Erzähler ein Päckchen in die Hand, frankiert mit Briefmarken aus Uruguay, was an Bluma adressiert war. Beim Öffnen entdeckt er « das zerlesene alte Exemplar von Joseph Conrads Roman Die Schattenlinie ». Das Buch war vollkommen verdreckt und verklebt mit Zementresten. Beim Aufklappen sieht er eine Widmung von Bluma:

« „Für Carlos als Andenken an die verrückten Tage in Monterrey: ein Roman, der mich von Flughafen zu Flughafen begleitet hat. Es tut mir leid, aber in meiner Seele wohnt eine Hexe und ich habe es sofort gewusst: Egal was Du tust, Du wirst mich nie überraschen können. 8. Juni 1996.“ »

Der Ich-Erzähler startet seine Nachforschungen, hinsichtlich dieses mysteriösen Mannes. Nach einiger Zeit und mit Hilfe verschiedenster Kontakte wird das Geheimnis gelüftet: es handelt sich um einen bibliophilen Mann namens Carlos Brauer, der inzwischen in eine eher verlassene Gegend am Atlantischen Ozean gezogen ist. Der Ich-Erzähler entschliesst sich nach Buenos Aires zu reisen, um diesen Carlos ausfindig zu machen. Von dort aus fährt er mit dem Schiff nach Montevideo und sucht den Inhaber einer Buchhandlung mit angeschlossenem grossen Antiquariat – Jorge Dinarli – auf, der mit Carlos beruflich in Kontakt stand. Dinarli empfiehlt dem Literaturdozenten aus Cambridge, doch am besten mit Brauers Freund Augustin Delgado zu sprechen.

Das Treffen mit Delgado ist ein wahres Ereignis. Der Ich-Erzähler wird in Delgados grandioser Wohnung, die einer gigantischen Bibliothek (ca. 18.000 Bände) gleicht, empfangen und somit beginnt sofort ein Gespräch über die Leidenschaft für Bücher, aber auch die Kunst und Schwierigkeit mit Büchern das Leben zu gestalten. Delgado berichtet von seiner Art mit Büchern umzugehen, aber vor allem auch von der Besessenheit, jedes Buch besitzen zu wollen, das hauptsächlich bei Carlos Brauer der Fall war. Bei diesen Diskussionen zwischen Delgado und Brauer, ging es aber auch um das Thema „Anmerkungen“, die man während des Lesens vornehmen darf, soll oder kann. Brauer war da sehr konsequent:

« „Ich vögele mit jedem Buch, keine Markierung bedeutet für mich kein Orgasmus.“ »

Für Delgado war dies absolut keine Option, ganz im Gegenteil er war für das eher unberührte und jungfräulich bleibende Buch. Aber nicht nur dieses Thema auch die Problematik der Ordnung von Büchern war vor allem für Brauer ein sehr schwerwiegendes und kaum zu lösendes Problem:

« „…wie mühselig es sei, die zerstrittenen Autoren in verschiedenen Regalfächern unterzubringen.“ »

Delgado wurde sich immer mehr bewusst, dass diese Besessenheit in puncto Bücher, doch mehr und mehr zu einer geistigen Störung bei Brauer mutierte und es kaum abzusehen war, wie sich das alles weiter entwickeln würde…

Bereits während der Lektüre dieser so inspirierenden Geschichte, denkt man an das kleine und trotzdem sehr imposante Werk von Gustave Flaubert „Bücherwahn“, das die negativen Konsequenzen einer sogenannten Bibliomanie sehr deutlich beschreibt. Doch „Das Papierhaus“ ist weniger eine Kriminalerzählung, die ja Flauberts Werk zu Grunde liegt, sondern eher ein sehr persönliches und charmantes Prosastück unter anderem über die Problematik, der kaum zu bändigenden und vor allem trotzdem zu besitzen wollenden Menge an Büchern. Welcher Leser stellt sich nicht oft die Frage, wie ordne ich meine Bibliothek. Heutzutage könnte man natürlich sofort antworten, gar nicht! Kaufen Sie sich einen E-Reader und alle Probleme sind gelöst. Das mag vielleicht für den einen oder anderen Leser gelten und funktionieren, aber ein bibliophiler Mensch möchte seine Bücher besitzen, an ihnen riechen, das Papier spüren und sich an einer realen Bibliothek sein Leben lang erfreuen.

Carlos Maria Dominguez zeigt hier auf sehr stimmungsvolle, aber durchaus intellektuell literarische Weise, wie das Schicksal durch Bücher nicht nur verändert und eingeschränkt, aber vor allem auch bereichert werden kann, selbst dann wenn man bei Umzügen ab hundert gepackten Kiste jeden weiteren Bücherkarton am Liebsten verbrennen möchte. Bücher sind die Basis für jede Art von Bibliothek und deshalb sollte man nie den Satz von Delgado aus dieser mehr als zeitlosen Erzählung vergessen:

« „Wer sich eine Bibliothek aufbaut, der baut sich ein ganzes Leben auf. Sie ist nämlich nie die Summe ihrer einzelnen Exemplare.“»

Dieses eindrucksvolle Zitat lädt ein über sein eigenes Leben, ob mit oder ohne kleiner bzw. grosser Bibliothek nachzudenken. Und es zeigt uns, wie wichtig die Liebe zu Büchern doch sein kann. Carlos Maria Dominguez kann mit seiner wunderschön bildhaften Sprache all dies bereits spielerisch und trotzdem unaufdringlich empathisch erzählen. Doch die mehr als faszinierenden Illustrationen von Jörg Hülsmann in dieser neu aufgelegten Ausgabe und natürlich auch der ebenso bibliophil ästhetisch und kunstreich gestaltete Buchumschlag, verstärken die betörende und magische Anziehungskraft nicht nur hinsichtlich dieses Werks sondern Büchern gegenüber ganz allgemein, der Sie sich, verehrter Leser, bestimmt niemals entziehen wollen und können!

Durchgelesen – „Die Bibliothek des Monsieur Proust“ v. Anka Muhlstein

Lesen ist für viele Schriftsteller eine unabdingbare Voraussetzung für das Schreiben. Dies gilt auch für Marcel Proust, der sich ein Leben ohne Lesen und Bücher nicht im geringsten vorstellen konnte. Somit ist es nicht verwunderlich, dass auch Marcel Proust über eine umfangreiche Bibliothek verfügen musste. Es war eine besondere Bibliothek, denn jeder Leser hatte damals wie auch heute absolut unbegrenzten Zugang zu diesem « Literaturort », einem Bücherschatz der sich nicht zwischen Regalen und Buchstützen befindet, sondern sich in seinem Werk subtil versteckt. Spätestens beim Eintauchen in den Romanzyklus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » (« Recherche ») dürfen wir diese imaginäre Bibliothek so en passant lesender Weise erobern und kennenlernen.

Anka Muhlstein, französische Historikerin, mit ihrem Mann Louis Begley in New York lebend, – wir kennen sie bereits durch ihre fantastische kulinarische Biographie « Die Austern des Monsieur Balzac » – hat sich dieser aussergewöhnlichen Aufgabe gestellt, Prousts Bibliothek in essaystischer Form zu erforschen und dem Leser charmant und äusserst kurzweilig aufzubereiten.

Laut Anka Muhlstein, war für Marcel Proust das Lesen « die erste und wichtigste Quelle der Freude und der Anregung. Von anderen Autoren unterscheidet er sich jedoch dadurch, dass die Literatur auch in seinen Werken eine ungeheuer wichtige Rolle spielt. » Und das geht soweit, dass Proust fast jeder Romanfigur der « Recherche » eine Lektüre bzw. ein Buch verordnet hatte. Anka Muhlstein tastet sich vorsichtig, aber gleichzeitig analytisch an das Leseverhalten von Proust und an seine Literaturvorlieben heran. Sie zeigt uns als erstes die Leseeinflüsse während seiner Kindheit.

Hier spürt man, dass Proust bereits in sehr jungen Jahren die Literatur und das Lesen auch als eine Art Fluchtmittel gebrauchte. Er durfte als Kind sich die Lektüre aussuchen und da gehörte zum Beispiel der Roman « François le Champi » von George Sand zu einem gewissen Schlüsselwerk, das ganz raffiniert in die « Recherche » eingebaut wurde, in dem der Ich-Erzähler dieses Buch von seiner Mutter vorgelesen bekommt. Proust begeisterte sich auch in seiner Kindheit und Jugend für Théophile Gautiers « Capitaine Fracasse », Alexandre Dumas oder Balzacs « Eugénie Grandet ». Er war auch als Schuljunge ein leidenschaftlicher Lyrikleser von Stéphane Mallarmés und Leconte de Lisle und zeichnete sich dadurch aus, dass er die Gedichte auswendig lernte und jederzeit rezitieren konnte.

Proust wurde als junger Schriftsteller stark von Racine und Saint-Simon beeinflusst, studierte deren Grammatik und Syntax, um mit seiner eigenen Sprache und seinem Stil noch raffinierter spielen zu können : « Fragen des Stils trieben Proust um, aber von der Erinnerung, vor allem dem Phänomen der unwillkürlichen Erinnerung und ihrer potentiellen Rolle für das künstlerische Schaffen, war er wie bessen. » Auch den Einfluss von Charles Baudelaire sollte man keinesfalls unterschätzen, vor allem in Bezug auf die verschiedensten Vorstellungen von Liebe. Diesen Einfluss spürt man deutlich in der « Recherche », jedoch wird er nie offensichtlich dargelegt.

Aber nicht nur französische Autoren finden wir in Prousts Bibliothek, wobei die deutsche Literatur doch leider eher vernachlässigt wurde und ausser Goethe kein deutschprachiger Autor für Proust eine nachhaltige Rolle spielte. Doch dafür hatten es ihm besonders russische und britische Autoren angetan, allen voran John Ruskin, einer der wichtigsten Kunstkritiker des 19. Jahrhunderts : « Prousts Begeisterung für Ruskin ging so weit, dass er die Arbeit an seinem Roman Jean Santeuil aufgab – der unvollendet und unveröffentlicht liegenblieb -, um Ruskins Werk zu übersetzen. » Genauso fasziniert wie von den englischen Schriftstellern, war Proust von russischen Romanciers wie Tolstoj und Dostojewski. Und auch da erkennen wir die Einflüsse in der « Recherche » und das Sichtbarwerden konkreter Anspielungen.

Doch Anka Muhlstein zeigt uns auch in ihrer « bibliothekarischen » Spurensuche, wie wichtig das Lesen und Leben mit Büchern für Marcel Proust war und welche unterschiedlichen Arten von Lesern in der « Recherche » sich wiederfinden. Sie entdeckt, dass Proust in seinem Romanzyklus eine « sogenannte Rangordnung der Leser » aufstellt, wodurch sehr klar erkennbar wird, wieviele schlechte Leser es in Wirklichkeit gibt : « Einige wenige von Prousts Romanfiguren sind leidenschaftliche Leser. Sie bilden une franc-maçonnerie des lettrés, wie Proust sagt, einen Geheimbund, der eine unmittelbare, anders unerklärliche Komplizenschaft stiftet. »

Und genau zu diesen wenigen leidenschaftlichen und engagierten Lesern gehört – eine der wichtigsten Figuren der « Recherche » – Baron Palmède de Charlus. Er ist wahrlich belesen, beeinflusst auch von Balzac, Mme de Sévigné und Racine, denn irgendwo muss auch seine sehr zerrissene Psyche halt und Zuflucht finden. Auch wenn Proust Balzac nicht unbedingt als bevorzugten Schriftsteller bezeichnen würde, erkennt man laut Anka Muhlstein die « fundamentale Bedeutung der Themen Balzacs in der Recherche ». Besonders wichtig ist noch zu erwähnen, dass der Erzähler – Marcel – in der Recherche so gut wie keine literarische Bildung vorweisen kann im Vergleich zu Baron de Charlus. Neben Charlus ist sicherlich auch Bergotte – erfundener Schriftsteller – eine gewisse Schlüsselfigur im Romanzyklus : « Proust spricht für den Erzähler, wenn er darauf hinweist, dass dieser nach ein, zwei Jahren Bergottes Denkweise und Stil ganz in sich aufgenommen hatte und ihn nichts mehr im Werk verblüffte. »

Dass Racine für die Stilistik der « Recherche » den stärksten Einfluss hatte, wurde bereits erwähnt, doch dass gerade die Gebrüder Goncourt eine eher negative Beachtung für Proust auslösten, ist im ersten Moment etwas verwunderlich, da Proust doch der nach diesem Brüderpaar benannten Literaturpreis (Prix Goncourt) für den Romanteil « Im Schatten junger Mädchenblüte » im Jahre 1919 verliehen wurde. Die Goncourts stehen in der « Recherche » für die « Abteilung » Anekdote, wobei man wissen muss, dass Edmond, der Ältere, und Jules alle ihre Werke immer gemeinsam verfassten und schliesslich neben Romanen auch Kunst- und Theaterkritiken publizierten und eigentlich nur durch ihr Tagebuch (« Journal ») und den von ihnen gestifteten Literaturpreis bekannt wurden.

Anka Muhlstein hat auf intensive und gleichzeitig unterhaltsam prägnante Weise – gerade mal 150 Seiten, im Vergleich zu 5000 Seiten « Recherche » – eine kleine feine Einführung in die Literatur- und Lesewelt von Marcel Proust und seinem Romanzyklus mit ihrem – übersetzt durch Christa Krüger –  im Herbst erschienen Buch vorgelegt. Es zeigt, welche Vielzahl an Literatur, die Proust ganz spielerisch in die « Recherche » eingefügt, ja quasi eingebettet hat, ohne den Leser im negativen Sinne unterrichten zu wollen, sondern ihn auf die literarischen Schönheiten und Kuriositäten seiner verehrten Bücher und deren Schriftsteller aufmerksam zu machen. Mit Esprit und hochkarätigem Literaturverstand bietet Anka Muhlstein mit der « Bibliothek des Monsieur Proust » einen geradezu mehr als aussergewöhlichen und spannenden Leitfaden für die komplexe und vor allem auch literarische Welt innerhalb der « Recherche » und präsentiert bereits zu Beginn des Buches eine äusserst praktische Auflistung der wichtigsten Romanfiguren, welche noch durch kleine Erläuterungen ergänzt werden. Somit ist der Leser mit den Hauptpersonen des Romanzyklus sofort vertraut, die auch in Anka Muhlsteins wunderbarem Buch eine grosse Rolle spielen.

Anka Muhlstein öffnet mit dieser « Bibliothek  des Monsieur Proust » viele neue oder unbekannte Werke von Schriftstellern, die wir vielleicht gar nicht kennen, oder nur am Rande von ihnen gehört bzw. gelesen haben. Man spürt beim Lesen richtig, wie auch Marcel Proust seine Bücher und Autoren entdeckt, mit ihnen gelebt und gelitten hat, teilweise vom Lesen besessen war und diese Erlebnisse direkt oder verspielt subtil in die « Recherche » integrieren konnte. Somit darf der Leser dieses siebenbändigen Oeuvres gleichzeitig in einer gewissen Weise in der « Bibliothek von Monsieur Proust » stöbern und sich literarisch verführen lassen. Anka Muhlstein hat mit ihrem faszinierenden Buch ein wahrlich grandioses literarisch proustsches Lese-Erlebnis geschaffen, das sich im aktuellen Proust-Jubiläumsjahr ( 100. Geburtstag – « In Swanns Welt ») Proustentdecker und Proustkenner keinesfalls entgehen lassen sollten!

Durchgeblättert – „Unpacking My Library: Writers and Their Books“ v. Leah Price

Im Dezember letzten Jahres ist nun das zweite Buch aus der Reihe « Unpacking My Library » erschienen. Diesmal dürfen wir einen Blick in die Privatbibliotheken berühmter zeitgenössischer Schriftsteller, wie zum Beispiel Junot Diaz, Jonathan Lethem, Philip Pullman und Edmund White werfen.

Sie kennen sicherlich den Spruch : „Sage mir, was Du isst und ich sage Dir, wer Du bist.“ Dieser Satz würde sich auch wunderbar – im Sinne eines geistigen Nahrungsmittels – auf Bücher übertragen lassen, die man in einer gewissen Form ja ebenfalls regelmässig « verzehrt ». Leah Price, Englischprofessorin (Harvard) und die Herausgeberin dieses wunderschönen und faszinierenden Bildbandes, geht noch viel weiter. Sie sagt in ihrem Vorwort : “To expose a bookshelf is to compose a self.’’

Der Aufbau ist ähnlich wie im ersten Buch « Architects and Their Books ». In diesem Fall werden 13 Autoren und ihre dazugehörige Privat-Bibliotheken vorgestellt. Leah Price führt mit jedem Einzelnen ein Interview und stellt Fragen unter anderem über die Ordnungssysteme innerhalb der Bibliotheken, die Lesegewohnheiten, die Sammelleidenschaften, die Vorlieben bezüglich e-Reader oder gedrucktem Buch. Sie möchte aber gerne von ihnen auch erfahren, wie ihre Bibliothek in fünf Jahren aussehen könnte, ob sie Bücher verleihen und welche Bücher zu ihren Top Ten gehören.

Die Antworten sind sehr interessant, manchmal auch überraschend. Doch letztendlich machen die zahlreichen Photos das Buch erst zu einem echten Erlebnis. Denn auch hier wurden –  wie bereits bei den « Architects »  – nicht nur die Bibliotheken im Ganzen fotografiert, sondern einzelne Regale herausgenommen und mit Hilfe der Kamera wie ein Stilleben festgehalten. Der Leser kann sich also quasi vor einzelne Regalböden « stellen » und schmökern.

Dieses mit hochwertigen Fotobildmaterial ausgestattete Werk ist mal wieder der Beweis, dass Bücher, nicht nur ein dekoratives Wohnaccessoire, sondern auch ein echtes Kulturgut sind, und Bibliotheken somit über einen Menschen mehr aussagen können, als man je zu denken vermag.

« Unpacking My Library » ist eine äusserst individuelle, sehr ambitionierte und grandios konzipierte Bildband-Reihe über die Privatbibliotheken interessanter und kluger Menschen. Möge sie endlos weiter fortgesetzt werden und wer weiss, vielleicht erscheinen diese Bücher in absehbarer Zeit auch in deutscher Übersetzung!

Arthur Schopenhauer – Zitat

Der Leser hat das Buch für baares Geld gekauft und frägt, was ihn schadlos hält? Meine Zuflucht ist jetzt, ihn zu erinnern, dass er ein Buch, auch ohne es gerade zu lesen, doch auf mancherlei Art zu benutzen weiss. Es kann, so gut wie viele andere, eine Lücke seiner Bibliothek ausfüllen, wo es sich, sauber gebunden, gewiss gut ausnehmen wird. Oder auch er kann es seiner gelehrten Freundin auf die Toilette, oder den Theetisch legen. Oder endlich er kann ja, was gewiss das Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensieren.

Durchgeblättert – „Räume für Menschen, die Bücher lieben“ v. L. Geddes-Brown

Bücher sind geistige Nahrung. Aber Bücher haben auch – ob wir wollen oder nicht – eine sehr grosse dekorative Wirkung. Und um genau diese geht es in dem sehr inspirierenden Buch „Räume für Menschen, die Bücher lieben“.

Leslie Geddes-Brown war stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift World of Interiors. Als Journalistin wurde sie bekannt durch zahlreiche Publikationen über Raum- und Gartendesign. Sie selbst hat gleich mehrere Bibliotheken: in London eine Regency-Bibliothek, in ihrem mittelalterlichen Anwesen in Suffolk eine Bibliothek im gregorianischen Stil und in ihrem Haus in der Toskana gibt es auch zahlreiche Bücherregale.

„Räume für Menschen, die Bücher lieben“ ist ein faszinierendes, aber auch praktisches Einrichtungsbuch. Es geht darum, mit den Büchern nicht nur einfach zu leben und sie zu sammeln, sondern sie vielleicht auch positiv in Szene zu setzen. Das heisst jedoch nicht, dass alles in Reih und Glied stehen soll, nein die Bücher sollen und können sich präsentieren, sei es in einem schicken modernen Designer-Regal, in einer gemütlichen Bibliothek oder einfach nur als Stapel am Boden.

Die Bücher werden zu einem wichtigen Element der Raumgestaltung. Leslie Geddes-Brown gibt interessante Ideen und Anregungen, wie jeder Bibliophile seine Bücher inszenieren kann. Mit wunderbaren Photos aus zahlreichen privaten Bibliotheken, die man entweder im klassischen Wohnzimmer, aber auch im Schlafzimmer, in der Küche und im Badezimmer findet, bekommt jeder Leser äusserst spannende einrichtungstechnische Impulse.

Da entdecken wir zum Beispiel eine Designerin, die ihre Bibliothek in einem Treppenschacht gebaut hat und an ihre Bücher nur mit Hilfe eines höhen-verstellbaren Bootsmannsstuhl erreichen kann. Ein New Yorker Bücherliebhaber hat sein Schlafzimmer rundherum mit Regalen tapeziert. Karl Lagerfeld hat im Bad seines Studios in Rom natürlich auch Bücherstapel dezent auf einem Stuhl plaziert. Eine berühmte italienische Modedesignerin lässt Familienporträts und schöne Bücher gemeinsam in einem Regal „wohnen“.

Der Bildband bietet sehr nützliche Tipps im Hinblick auf Materialen, Farben und Beleuchtung. Er zeigt noch zusätzliche Anreize, wie man Büchern eine wahre „Bühne“ bereitet, um nicht nur ihren geistigen Wert, sondern auch ihr Äusseres wie Cover, Einband etc. ins Rampenlicht führt.  Als Anhang gibt es noch ein sehr informatives Adress-Register, das für jeden Bücherfreund sicherlich sehr nützlich sein kann.

„Räume für Menschen, die Bücher lieben“ ist ein wunderschönes Buch, das zeigt wie stilvoll man mit Büchern leben kann. Hier spürt jeder Leser wie faszinierend bibliophile Paradiese sein können, denn wer kann sich schon satt sehen an diesen traumhaften, originellen und durchgestylten Bibliotheken. Dieser Bildband ist ein ideales Geschenk für Menschen, die nicht nur den Inhalt ihrer Büchern entdecken wollen, sondern endlich auch mal das dekorative Element von Büchern unterstreichen möchten!

Durchgelesen – „Die Überlebensbibliothek“ v. Rainer Moritz

Rainer Moritz – Leiter des Hamburger Literaturhauses und Vorstandsmitglied der Marcel Proust Gesellschaft – schreibt in seinem wunderbaren Werk, wie viele Romane die Macht haben, uns und unser Leben zu verändern. Romane sind unsere Freunde, unsere Seelentröster, zum Teil unsere Therapeuten.

In verschieden kleinen Lebens-Kapiteln zeigt uns Rainer Moritz, die dazu passende Lektüre. Im Bereich „Mit sich selbst klar kommen“, sollte beispielsweise wer sich selbst unterschätzt, „Das hässliche Entlein“ von Hans Christian Andersen lesen; oder im Kapitel: „Mit Schwächen und Lastern leben“, sollte man sich bei Eifersucht mit Marcel Proust, „Eine Liebe von Swann“ beschäftigen. Oder im Kapitel: „Mit anderen Menschen zurechtkommen (oder auch nicht)“, wäre es für denjenigen, der beabsichtigt mit seiner Mutter dauerhaft zusammenzuleben, sinnvoll „Die Klavierspielerin“ von Elfriede Jelinek zu lesen.

Kurzum für jede Befindlichkeit, für jeden Seelenzustand, für jede Lebensveränderung, findet Rainer Moritz, das passende Buch, denn er ist der Überzeugung, dass Bücher wahre Hilfe leisten.

„Die Überlebensbibliothek ist ein Plädoyer für die Macht der Lektüre“ bestägtigt er selbst.

Es ist wie ein kleines Lebenshilfe-Handbuch, das Leben und Literatur auf sehr mutige und angenehme Weise verbindet. Es liest sich wie der literarische Beipackzettel und kann ohne Einnahme der Tabletten gleich als Therapie verwendet werden. Und es hilft dem Leser, bekannte und weniger bekannte Literatur wieder neu zu entdecken.

Durchgeblättert – „Bibliotheken“ v. Candida Höfer

Candida Höfer – in der Nähe von Berlin geboren – gehört zu den wichtigsten deutschen Künstlerinnen, die im Bereich der Photographie arbeiten. Sie wurde durch zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen international bekannt. Ihr Markenzeichen sind menschenfreie Bilder. Es geht nur um den Raum, vor allem um öffentliche Räume.

Dies ist eine Monographie, die sich nur Bibliotheken widmet. Unterschiedliche Bibliotheksräume bezüglich Grösse und Alter werden aus allen Ecken der Welt gezeigt. Wie zum Bespiel die Trinity Library von Dublin, die Bibliothèque Nationale de France, die Villa Medici in Rom und die Weimarer Anna Amalia-Bibliothek (noch vor der Brandkatastrophe). Die Bilder sind geprägt von einer aussgerwöhnlichen Sachlichkeit und Einfachheit. Dadurch kommen die Besonderheiten der Bibliotheken noch deutlicher zum Vorschein.

Mehr als 130 Farbphotographien – ergänzt durch ein brillantes Essay von Umberto Eco – bietet dieser anspruchsvolle Bildband! Ein kostbares Buch für Büchernarren und Literaten!

Durchgeblättert – „Wie wir mit Büchern wohnen“

Dominique Dupuich, eine französische Jounalistin und der französische Fotograf Roland Beaufre haben ein inspirierendes Buch über faszinierende Privatbibliotheken geschrieben. Es ist gerade gleichzeitig auf Französisch und glücklicherweise auch auf Deutsch im Christian Brandstätter Verlag erschienen.

Es werden acht Gruppen verschiedenster Bibliothekbesitzer gebildet, zum Beispiel „Wie der Sammler mit Büchern wohnt“, „Wie der Schriftsteller mit Büchern wohnt“ oder „Wie der Designer mit Büchern wohnt“. Ein Panoptikum von Bibliotheken, Bücherregalen und alles, was sich noch dazwischen wiederfindet. Die Texte dazu sind sehr ansprechend, vor allem wird zu jeder Gruppe ein „Buchliebhaber“ direkt in den „Fokus“ genommen, und beantwortet dabei einen sehr interessanten Fragenkatalog: „Woher stammt Ihre Bibliothek? Wie haben Sie Ihre Bücher geordnet? Sind Sie mit Ihrer Bibliothek zufrieden? Wo und wie lesen Sie gerne? Ist Ihnen Ihre Bibliothek ähnlich?“ usw. Es ist eine wahre Freude, diese Antworten zu lesen. Obwohl man die Menschen persönlich überhaupt nicht kennt, werden Sie einem dadurch sehr vertraut. Und als Bibliotheksbesitzer fängt man auch ganz nebenbei damit an, die Fragen für sich selbst zu beantworten.

Ein sehr schönes und ansprechendes Buch, allein schon durch die vielen exzellenten Fotos. Das ist nicht einfach wieder ein neues „Coffee Table Book“, nein, das ist mehr. Als Leser würde man am Liebsten diese Menschen sofort besuchen, um ihre Bibliothek zu besichtigen und die Atmosphäre direkt einzuatmen.

Durchgeblättert – „Unpacking My Library: Architects and Their Books“ v. Jo Steffens

Ein aussergewöhnliches Buch: Es geht um 12 ausgewählte, international weltberühmte Architekten – wie Michael Graves, Bernard Tschumi -, die ihre privaten Bibliotheken vorstellen. Und dabei geht es eben nicht nur um Architekturbücher, sondern um Bücher und Bibliotheken im Allgemeinen. Es wird jede der Privatbibliotheken abgebildet. Dabei werden unter anderem die Grösse, der Hersteller, das Material der Bibliothek angegeben und die Anzahl Bücher. Dann werden einige Regale photographisch herausgenommen, so dass der Leser genau sehen kann, was in dem Regal steht. Und am Ende jeder Vorstellung gibt es noch die Liste der Top Ten Books des jeweiligen Architekten.

Es macht unheimlich Spass als Leser somit in fremden Bibliotheken zu schmökern, und es ist unglaublich interessant, welche Werke sich da entdecken lassen. Natürlich gibt es viel über Architektur zu finden, aber auch Autoren wie James Joyce, Marcel Proust, Thomas Pynchon, Robert Musil, Paul Celan, Franz Kafka sind präsent. Ein kleiner Bildband, der neue bibliophile Welten eröffnet. Das Buch ist bis jetzt nur auf Englisch im Verlag Yale University Press erschienen.