Durchgelesen – „Eine Frau am Telefon“ v. Carole Fives

Frauen und Telefonieren gehört sicher zusammen. Und wenn es sich dann bei dem Telefonieren auch noch um Mütter handelt, die ihre Kinder anrufen, wird alles noch viel interessanter. Und ganz besonders aufregend sind sicherlich die Gespräche zwischen Mutter und Tochter. Wie gerne möchte man da nicht mithören ohne betroffen zu sein. Diese Gelegenheit gibt uns nun die französische Autorin Carole Fives mit ihrem gerade aktuell auf Deutsch erschienen Roman „Eine Frau am Telefon“.

Carole Fives, geboren 1971, ist Schriftstellerin und Künstlerin. Diplomiert mit einem Abschluss in Philosophie und Kunst hat sie 2010 ihre ersten Texte veröffentlicht. Sie wurde mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet und war für ihren Roman „Une femme au téléphone“ – erschienen 2017 bei L’Arbalète/Gallimard – Finalistin für den Grand Prix RTL Lire. Dieses Buch ist nun ihr erstes Werk in deutscher Übersetzung.

Die Hauptfigur in diesem Roman ist Charlène, eine doch eher sehr lebenslustige, aber nicht ganz einfache Frau. Anfang sechzig, schlägt sich Charlène so durch ihr Leben, sie hat zwei Kinder und ist Witwe. Doch so einfach ist das mit dem Alleinsein nicht, was wir als Leser quasi live miterleben können. Sie nervt ihre Tochter mit ständigen Anrufen, doch diese nimmt die Gespräche aus welchen Gründen auch immer nicht an.

Das hält aber Charlène nicht im Geringsten davon ab, Ihre Probleme laut kundzutun. Der Anrufbeantworter der Tochter wird somit zum besten Freund von Charlène. Alle Probleme werden besprochen: es geht teilweise um eher einfachere Themen wie ihr Hund und Fernsehserien, die immer wieder so nebenbei einfliessen. Die grossen Themen wie die überwundene Krebserkrankung, das ewige Alleinseins, die erfolglose Suche nach einem neuen Mann im Internet und eine angebliche bipolare Störung bieten enorme Abwechslung in diesen rasanten Monologen:

„Ich bin normal, das sind wir übrigens alle. Dass wir hier sind, bedeutet nur, dass wir normaler sind als die anderen, die draussen rumlaufen, und die alle verrückt sind.“

Charlène lässt sich nichts gefallen, kämpft sich aus den unmöglichsten und teilweise manchmal fast schon ausweglosen Situationen heraus, ohne jemals an Kraft und Humor zu verlieren. Trotzdem vergeht kein Anruf, bei dem sie sich nicht beschwert, dass ihre Kinder sich nicht um sie kümmern. Dass vor allem auch ihre Tochter nie für sie Zeit hat, obwohl diese ja nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. Bei ihrem Sohn ist es ja etwas anderes, verheiratet und Kind. Auch wenn sie bei Ihrem wörtlichen „Auskotzen“ immer nur den Anrufbeantworter vor sich hat, fühlt Charlène sich von ihrer Tochter nicht richtig behandelt:

„Wir wollen hier nicht die Rollen vertauschen. Die Mutter bin immer noch ICH. Du bist nur die Tochter. Ich erlebe es immer wieder, dass Kinder mit Ihren Eltern reden, als wären diese erst vier, man könnte meinen, sie wollten sich rächen.“

Letztendlich tröstet sich Charlène mit Zigaretten und Whiskey, stärkt sich hin und wieder mit Antidepressiva, bevor sie sich vielleicht doch manchmal eine gewisse Übertreibung und Schuldgefühle eingestehen muss.

„Eine Frau am Telefon“ ist ein wunderbares Buch, trotz ernster Themen ist es sehr amüsant. Man schüttelt den Kopf, lacht laut, wundert sich und freut sich auf jeden neuen Anruf bzw. auf jede neue Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Es zeigt eine Frau, die so verrückt und gleichzeitig vielleicht auch wieder so normal ist. Das Schweigen der Tochter und diese grandiosen Monologe, zaubern aus diesem kleinen Roman ein Feuerwerk an Dynamik, Vehemenz und Ehrlichkeit, das man unbedingt erleben bzw. erlesen muss!

Durchgelesen – „Miss Nightingale in Paris“ v. Cynthia Ozick

Auch wenn man glaubt, das Leben anderer Menschen, wie Familienmitglieder, Freunde und Kollegen, so einfach verändern zu können, umso schwieriger ist es – ja gerade zu fast schon unmöglich -, sein eigenes Leben und die dazugehörige Persönlichkeit zu ändern. Und genau von diesem Konflikt wird uns Cynthia Ozick in ihrem Roman „Miss Nightingale in Paris“ erzählen.

Cynthia Ozick, geboren 1928 in New York City, zählt zu den grossen amerikanischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie wuchs als Tochter eines jüdisch-litauischen Apothekerehepaars in der Bronx auf. Nach dem Besuch der jüdischen Schule, trat sie in das Hunter College in New York ein und absolvierte an der Ohio State University ihre Literaturstudien, die sie mit einer Arbeit über „Parable in the Later Novels of Henry James“ beendete. Somit ist es nicht allzu verwunderlich, dass nicht nur viele ihrer Essays, sondern auch einige Romane in enger Verbindung mit Henry James stehen. 1986 erhielt Cynthia Ozick als erste Preisträgerin eine Auszeichnung für Kurzgeschichten, den „Rea Award for the Short Story“. Und 2008 wurde sie mit dem „Nabokov Award“ des P.E.N. geehrt. Ihr Werk umfasst eine Fülle von Erzählungen, Essays und sechs Romane. Der erste Roman „Trust“ erschien 1966 und der sechste und somit im Moment der letzte wurde 2010 in USA unter dem Titel „Foreign Bodies“ veröffentlicht und wird nun ganz aktuell – dank der Übersetzung von Anna Leube und Dietrich Leube – dem deutschsprachigen Lesepublikum vorgestellt.

Die Geschichte spielt 1952 in Paris, New York und Kalifornien. Die Hauptdarstellerin ist Beatrice Nightingale – genannt Bea -, eine gerade frisch geschiedene Lehrerin aus New York. Bea versucht ihren Schülern Shakespeare näher zubringen und lebt seit ihrer Scheidung in einem kleinen Appartement, was durch den Flügel ihres Ex-Mannes mehr als dominiert wird und sie in vielerlei Hinsicht platzmässig sehr einschränkt. Im Sommer 1952 erhält sie einen Brief von ihrem reichen Bruder Marvin aus Kalifornien, der sie darin bittet, Julian – den Sohn von Marvin – aus Paris nach Kalifornien zurückzubringen. Julian ist seit drei Jahren in Paris, wollte eigentlich nur ein Jahr bleiben, ist aber bis jetzt nicht zu seinem Vater zurückgekehrt. Schlägt sich als Kellner in verschiedenen Pariser Cafés durch und versucht sich dem Schreiben von allerlei Artikeln daneben noch über Wasser zu halten.

Bea fährt tatsächlich nach Paris, sie sucht vor Ort nach Julian. Sie konnte ihn nicht finden. Angeblich hatte er eine Freundin und jetzt war er mit dieser irgendwie verschwunden. Bea informiert ihren Bruder darüber nach ihrer New York Rückkehr. Marvin ist entsetzt, appelliert an Beas Verantwortungsgefühl. Julian ist das schwarze Schaf in der Familie, laut seinem Vater einfach nur faul und hegt auch noch künstlerische Ambitionen. Denn in dieser Familie gab es auch noch Iris, die Schwester von Julian, und die Vorzeigetochter von Marvin. Sie studierte bereits fleissig und schien zumindest nach Aussen hin und vor allem für ihren Vater, dabei zufrieden und glücklich zu sein.

Nachdem nun der erste Rückholversuch durch Bea gescheitert war, wurde nun ein zweiter Anlauf unternommen mit der Unterstützung von Iris. Sie sollte ihre Tante aufsuchen, welche sie seit ihrem zweiten Lebensjahr nie mehr gesehen hatte, und Bea nochmals genauestens über Julian informieren, damit die erneute Aktion durch Bea in Paris dieses Mal zum Erfolg führen könnte. Iris fliegt kurzer Hand von Kalifornien nach New York, trifft Bea, bleibt so gar eine Nacht bei ihr, offiziell sogar eine Woche, und reist inoffiziell jedoch selbst nach Paris, um ihren Bruder aufzusuchen. Das hatte Iris bereits die ganze Zeit vorher schon geplant, so dass letztendlich Bea mal wieder als Mittel zum Zweck und vor allem als diejenige dasteht, um ihrem Bruder alles oder nichts zu erklären. Der einzige Vorteil war, dass Bea nicht nochmal nach Paris musste. Doch sie hatte sich zu früh gefreut. Denn nachdem Bea einen Brief aus Paris von Iris bekam und darin deutlich wurde, dass auch Iris nicht mehr zurückkehren möchte, vor allem nicht zu ihrem Vater, musste sie ein erneutes Mal die Reise nach Paris antreten:

Sie konnte diese Stadt nicht verstehen, sie war ein Rätsel, oder es war Paris, das alles erfasste, was durch seine Arterien lief, und sie war es, der Eindringling, der das Rätsel war.“

Durch die Hilfe von Iris konnte sie nun endlich in Paris Julian ausfindig machen. Überrascht trifft sie dabei nicht nur Iris, sondern auch die Freundin von Julian, die sich als seine Ehefrau herauskristallisiert und auch noch ein schweres Schicksal zu verkraften hat. Doch kann Bea wirklich ihren Neffen und ihre Nichte wieder dazu bewegen, nach Kalifornien und zu ihrem Vater zurückzukehren, dessen Frau und somit die Mutter von Iris und Julian, Marvin ebenfalls verlassen hat, in dem sie sich selbst in eine Klinik einweisen liess…?

„Miss Nightingale in Paris“ ist eine kuriose, absolut kurzweilige und gleichzeitig nicht ganz ungewöhnliche Geschichte. Jeder der Familienmitglieder flieht vor Marvin. Insofern trifft der amerikanische Titel „Foreign Bodies“ – frei übersetzt „Fremdkörper“ doch wesentlich mehr den eigentlich wunden Punkt in diesem Roman. Denn wer hier nun der bzw. die Fremdkörper sind erscheint im ersten Moment eigentlich klar: Julian und später auch Iris und irgendwie auch von Anfang an Bea. Doch der wahre Fremdkörper scheint hier doch eher Marvin zu sein, vor dem alle fliehen, der sein Leid auf andere überträgt und dabei noch den grossen Typen heraushängt, mit viel Geld winkt und somit hofft, dass alle das machen und das Leben so führen, wie er sich das vorstellt.

Dieser Roman hat aber noch ein weiteres Motiv versteckt. Es geht hier um den Vergleich zwischen „Neuer“ und „Alter Welt“. USA als die „neue“ und Europa – mit Paris als Stellvertreter – als „alte“ Welt. Ein klassischer Konflikt, der in den Fünfziger Jahren nicht zu unterschätzen war und in diesem Roman klar ausgesprochen wird:

„Es war Angst (Marvins Angst), die sie alle in einen einzigen schmutzigen Sack geworfen hatte – und Marvin, zu Hause in Kalifornien, zog die Schnur an dem Sack fester zu. Er hatte Angst vor Europa. Er hatte Angst vor Paris. Bea sah in ihm eine Art eingeschüchterten Naturmenschen – sein Paris war nicht mehr als die Platitüden der Postkarten, Eiffelturm, Arc de Triomphe; und darunter düstere, verseuchte, grausame Verliese, in denen sein Junge schmachtete.“

Doch die Hauptintension dieses so elegant und wundervoll erzählten Romans ist sicherlich die darin versteckte und gleichzeitig auch subtil und feinsinnig formulierte Hommage an Henry James (1843-1916), einem der wichtigsten amerikanischen Romanciers. Er hatte übrigens auch mehrere Jahre in Paris gelebt und in seinem Roman „Die Gesandten“ („The Ambassadors“ 1903) die Basis für die grandiose Variation von Cynthia Ozick gelegt. In Henry James Roman wird ein reicher amerikanischer älterer Mann von einer Dame – verwitwet -, die er zu heiraten beabsichtigt – nach Paris geschickt, um deren Sohn zurück zu holen. Cynthia Ozick hat dieses Motiv transparent in ihren Roman eingebettet und hinsichtlich der Hauptdarstellerin Beatrice Nightingale ohne Umschweife verarbeitet:

„Sie war eine Botin, eine Gesandte.“

Obwohl Cynthia Ozick in Amerika einen ausgezeichneten Ruf als perfekte Stilistin, charakterstarke Erzählerin und brillante Schriftstellerin hat, ist sie im deutschsprachigen Raum immer noch etwas unbekannt! Das sollten Sie, verehrter Leser, unbedingt ändern. Lesen Sie diesen stilvollen und äussert eindrucksvollen Roman und entdecken Sie eine grandiose Autorin, die uns hoffentlich noch mit weiteren Werken begeistern wird.