Durchgelesen – „6 Uhr 41“ v. Philippe Blondel

Sie sollten sich beeilen, verehrter Leser, sonst fährt der Zug um „6 Uhr 41“ ohne Sie ab, und das wäre doch zu schade. Zugfahrten sind hauptsächlich praktisch. Sie bringen einen von A nach B. Aber sie können auch meditative Wirkung erzeugen und geben uns dadurch Zeit und Muse, Bücher zu lesen, die Landschaft und die Mitreisenden zu beobachten und das Leben Revue passieren zu lassen. Jean-Philippe Blondel lädt uns mit seinem gerade in Deutschland aktuell veröffentlichten Roman „6 Uhr 41“ ein, in diesem Zug mit zu reisen – ganz ohne Gepäck, aber mit viel Neugierde auf die Vergangenheit und die Gegenwart.

Jean-Philippe Blondel, geboren 1964 in Troyes, unterrichtet Englisch an einem Gymnasium in der Nähe von seinem Geburtsort. Seit Jahren ist er nicht nur Lehrer, sondern auch Schriftsteller, sowohl für die Bereiche Belletristik und Jugendbücher. Er wurde mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Prix Charles Exbrayat“ und dem „Prix Amerigo Vespuccio Jeunesse“.

Der Roman „6 Uhr 41“ spielt in einem Zugabteil während der Fahrt von Troyes nach Paris. Erzählt wird aus zwei Ich-Perspektiven, der von Cécile Duffaut und von Philippe Leduc.

Cécile, verheiratet, eine Tochter, lebt und arbeitet in Paris. Sie besucht das Wochenende ihre Eltern in Troyes. Um mit ihren Eltern auch noch den Sonntagabend verbringen zu können, nimmt sie aus praktischen Gründen den Zug am Montag um 6 Uhr 41. Doch das Wochenende gestaltete sich sehr anstrengend und somit sitzt sie mehr als erschöpft in diesem Frühzug. Neben ihr ist noch ein einziger Platz frei, und genau diesen wählt ein Mann aus, den Cécile sofort erkennt. Es ist ihr ehemaliger Freund Philippe Leduc, Vater von zwei Kindern, inzwischen geschieden. Sie verhält sich diskret und tut so als würde sie ihn nicht erkennen. Und genau das hofft Philippe auch für sich:

„Denn als ich sah, dass der einzige freie Platz ausgerechnet neben Cécile Duffaut war, packte mich ein leichter Schwindel, wie diese Romanheldinnen des 19. Jahrhunderts, und ich habe mir gesagt, nein, das gibt’s nicht, und ich war drauf und dran, mein Glück im nächsten Waggon zu versuchen.
Aber ich bin mir so gut wie sicher, dass sie mich nicht erkannt hat. Denn ich bin praktisch nicht wiederzuerkennen.“

Doch auch wenn Philippe nun nicht mehr der ranke und schlanke Mann war, wie vor fast siebenundzwanzig Jahren, als sie beide das letzte Mal miteinander gesprochen hatten, war sich Cécile vollkommen sicher nun neben ihrem ehemaligen Freund zu sitzen und während der nächsten eineinhalb Stunden die Zugfahrt quasi mit ihm gemeinsam zu verbringen.

Sowohl Cécile als auch Philippe schweigen, trauen sich nicht im Geringsten den anderen anzusprechen, sondern beginnen nun jeder für sich, ihre drei bis viermonatige Beziehungszeit in Gedanken zu rekonstruieren, die sich mit einer Reise nach London sehr dramatisch entwickelte. Jeder der beiden versteckt sich hinter Erinnerungen, um ja nicht mit dem Anderen ins Gespräch kommen zu müssen. Lebenserfahrungen, ehemalige einschneidende Ereignisse, Freuden und Enttäuschungen ziehen vorbei wie die Landschaft, die man aus dem Zug beobachten kann.

Man denkt ganz unbewusst beim Lesen an Sartre und sein Theaterstück „Huis Clos“ („Geschlossene Gesellschaft“). In diesem Roman werden wir nicht wie bei Sartre in einen geschlossenen Raum geführt, sondern in ein Abteil, das durch die Fahrt des Zuges eine ganz besondere  – im wahrsten Sinne des Wortes – bewegende Atmosphäre erhält. Wir lernen neben der kurzen intensiven Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptdarstellern auch andere Frauen kennen, mit denen Philippe sowohl verheiratet als auch liiert war. Cécile stellt uns ihre Eltern vor, die sie nur noch langweilen und Philippe erzählt von seinem Freund Mathieu, der nun – obwohl er  im Vergleich zu ihm der coolere Typ war – auf Philippes Unterstützung angewiesen ist.

Das Besondere an Jean-Philippe Blondels faszinierend subtiler, differenzierter und feinfühliger Erzählperspektive ist, dass man durch genau diese intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit von Cécile und Philippe auch ganz automatisch mit seiner eigenen Lebensgeschichte – ob positiv oder negativ – konfrontiert wird. Man fängt sogar an sich beim Lesen selbst Fragen zu stellen, ob man nun Gutes, Richtiges, Schönes, Falsches und Wichtiges bis jetzt erlebt und erfahren hat. Dabei kommt einem doch sofort der Satz von Theodor W. Adorno in den Sinn: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Während Cécile und Philippe erzählen, fühlen auch wir uns genau wie diese zwei Hauptprotagonisten in diesem Zugabteil eingesperrt, fahren mit Ihnen von Troyes nach Paris und lernen aber dabei so en passant, wie wichtig es doch ist, letztendlich Frieden mit seinem ganz persönlichen Leben zu schliessen, egal welche vermeintlichen Fehler wir vor zig Jahren auch begannen haben. Denn sowohl Cécile als auch Philippe spüren durch diese ungewollte Nähe ganz neue Gefühle des Verzeihens und des Bedauerns, so dass dieses Wiedertreffen vielleicht bei Ankunft am Pariser Gare l’Est noch nicht ganz zu Ende sein könnte…

Es ist keinesfalls überraschend, dass dieser Roman von Jean-Philippe Blondel bei Erscheinen in Frankreich 2013 nach kürzester Zeit zum Lieblingsbuch der französischen Buchhändler wurde und es auch bis heute noch ist. „6 Uhr 41“ ist ein raffiniertes, emotionales und literarisch komödiantische Kammerspiel, wie es die Franzosen lieben. Feinsinnig, tiefgehend ohne zu überzeichnen, fesselnd, einnehmend und auf wunderbare Weise inspirierend. Glücklicherweise können wir diesen Roman – dank der hervorragenden Übersetzung von Anne Braun – nun endlich auch auf Deutsch entdecken und das Lesevergnügen mit unseren französischen Nachbarn teilen!

Durchgelesen – „Liebe mit offenen Augen“ v. Jorge Bucay

Wie lösen wir unsere Partnerprobleme, mit einer Therapie oder einer Geschichte? Vielleicht mit diesem Buch, denn es ist ein Ratgaber für Paarbeziehungen, allerdings wunderbar verpackt in einen originellen und fesselnden Roman.

Der Protagonist Roberto hat wie immer Probleme mit Frauen, im Moment mit Christina. Doch eines Tages erhält er E-Mails von einer Laura, die nicht an ihn gerichtet sind, sondern für einen Fredy bestimmt sind. Er löscht sie anfänglich, aber die Mails von Laura erreichen ihn weiterhin und deshalb fängt er an, sie ihn Ruhe zu lesen.

Es stellt sich heraus, dass Laura und Fredy Therapeutenkollegen sind. Laura schreibt über die Probleme in der Liebe, die Veränderung am Anfang einer Liebe – sprich Verliebtheit – und über die Möglichkeiten seine Beziehung, neu zu entdecken. Sie erklärt aber auch die Phasen der Lieblosigkeit und die zum Teil unerfüllten Wunschvorstellungen in der Liebe. Roberto fühlt sich total angesprochen und er fängt an über seine Erfahrungen in Punkto Liebe nachzudenken:

„Und womit hatten eigentlich die Frauen, auf die er sich eingelassen hatte, ihn getäuscht? Waren sie nicht, wie er sie sich phantasiert hatte – begehrenswert, traumhaft oder auch liebesbedürftig? Laura behauptete: «Wenn die Verliebtheit vorüber ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich mit der Realität des anderen zu konfrontieren.» Das war hart. Ihm gingen die Worte Liebe, Beziehung, Illusion, Enttäuschung, Täuschung weiter durch den Kopf.“

Doch Roberto ist so fasziniert von Laura und ihren therapeutischen Ideen, dass er sich kurz über lang entschliesst, auf ihre Fragen zu antworten. Er nimmt eine andere Identität an und tritt ein in einen virtuellen Dialog über Beziehungen. Und im Laufe der Zeit kommen sich die zwei Protagonisten immer näher, nicht nur gedanklich und therapeutisch. Es wird spannend und geheimnisvoll, ohne mehr verraten zu wollen!

Jorge Bucay ist in Buenos Aires, Argentinien geboren und gehört heute zu den weltweit angesehensten Psychotherapeuten. „Liebe mit offenen Augen“ ist sein erster Roman. Ein wunderbares Buch, das den Leser anregt, über seine eigene Beziehung nachzudenken. Ein kluger, aber auch sehr unterhaltsamer Roman mit einer grossen therapeutischen Wirkung.