Durchgelesen – „Weinhebers Koffer“ v. Michel Bergmann

Die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk ist nicht immer ein leichtes Unterfangen, doch wenn plötzlich ein Objekt sich als das potentielle Präsent zu einer vollkommen unerwarteten Entdeckung entpuppt, wird die Neugierde nicht nur bei dem Protagonisten, sondern auch beim Leser geschürt. „Weinhebers Koffer“ ist nicht nur der Titel des neuen Romans von Michel Bergmann, sondern auch der Ursprung eines besonderen Geheimnisses.

Michel Bergmann, geboren 1945 als Kind internierter jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Paris und in Frankfurt am Main. Nach der Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau arbeitete Bergmann als freier Journalist, wechselte aber später in die Filmbranche und ist inzwischen als Regisseur, Filmproduzent und insbesondere als Drehbuchschreiber – unter anderem für die Serien „Polizeiruf 110“ und „Unter Verdacht“ – tätig. Sein erster Roman „Die Teilacher“ erschien 2010 und war so erfolgreich, dass er sogar 2013 verfilmt wurde. Nach verschiedenen Romanen und Erzählungen erscheint nun ganz aktuell sein neuer Roman „Weinhebers Koffer“!

Die Rahmengeschichte spielt in Berlin. Die Hauptfigur ist der Journalist und Filmemacher Elias Ehrenwerth, der wie bereits eingangs kurz erwähnt ein passendes Geschenk für seine Freundin Lisa Winter sucht. In einer Art Trödelgeschäft stöbert Ehrenwerth nach dem richtigen Präsent, entdeckt viel Unbrauchbares, Überflüssiges und Altes. Dabei wird er fündig: ein Lederkoffer mit unglaublich vielen Aufklebern, die subtil und diskret die grossen „Reiseerfahrungen“ dieses Gepäckstückes erzählten. Doch das Besondere an dem Koffer waren vor allem die imprägnierten Initialen L.W.! Ganz klar für Ehrenwerth, das würde perfekt zu Lisa Winter passen und somit kauft er dieses Fundstück.

Bei sich zu Hause öffnet Ehrenwerth den Koffer und findet zu seiner Überraschung eine alte Visitenkarte von einem besagten Dr. phil. Leonard Weinheber, wohnhaft Viktoria-Louise-Platz 14 in Berlin-Wilmersdorf. Ab diesem Zeitpunkt war die Entscheidung getroffen, der Koffer konnte erst als Geschenk eingesetzt werden, wenn Ehrenwerth herausgefunden hätte, wer dieser Leonard Weinheber wirklich war.

Elias Ehrenwerth macht sich auf den Weg an die auf der Visitenkarte angegebene Adresse und erfährt, dass es sich bei Weinheber um einen Schriftsteller handelt, der 1939 auf der Flucht vor den Nazis sein geliebtes Deutschland verlassen musste und es keinen anderen Ausweg mehr für ihn gab, als nach Israel zu fliehen. Ehrenwerth forscht intensiv nach, woher denn nun dieser Koffer als letztes kam und wird über mehrere Ecken einen ersten Anhaltspunkt in Israel finden. Er reist in das Land, das vielleicht der letzte Lebensmittelpunkt von Weinheber sein konnte bzw. auch sein sollte. In Israel trifft er auf den Grossvater (Araber) des Trödelhändlers in Berlin, der diesen Koffer seinem Enkel für seine Reise nach Deutschland mitgegeben hatte. Der alte Mann ist äusserst hilfsbereit. Er entdeckte den Koffer am Hafenkai von Jaffa, wo er früher gearbeitet hatte. Da der Koffer nie vom dortigen Fundbüro von seinem rechtmässigen Besitzer abgeholt wurde, durfte er diesen mit nach Hause nehmen. Der alte Mann passte gut auf den Inhalt auf, die Kleidung trug er ganz vorsichtig und die Dokumente, wie Briefe von Weinhebers grosser Liebe, aber auch ein Buchmanuskript wurden sorgfältig aufgehoben. Elias Ehrenwerth freute sich sehr, dass er nun diese interessanten Papiere gefunden hatte und dadurch hoffentlich dem mysteriösen Geheimnis um Weinhebers Koffer und der damit verknüpften dramatischen Lebensgeschichte endlich auf die Spur kam…

Der Roman hat zwar nur 140 Seiten, enthält aber so viele Geschichten, Erfahrungen, Eindrücke, Emotionen, als würde man vor einem dicken Schmöker sitzen, der einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt. Michel Bergmann hat eine besondere Gabe, die sicherlich auch seinem Erfolg als Drehbuchschreiber zuzuordnen ist: er kann in verschiedenen Ebenen, Sprachstilen und äusserst pointierten Dialogen schreiben. Selten wird man ein Werk finden, das so unaufgeregt und fliessend zwischen einer journalistisch lockeren Feder und einer wahrlich elegant literarischen Erzählkunst wechselt. Dadurch wird die Rahmenhandlung in Berlin zu einem amüsant, provokativen Feuerwerk und die eingebettete und eher düstere Geschichte um Leonard Weinheber zu einer sehr emotionalen, aber historisch nicht unwichtigen Recherche, die das Thema Vertreibung aus der Heimat gepaart mit Trauer und Sehnsucht sehr gut darstellt.

„Weinhebers Koffer“ ist ein ganz besonderer Roman. Er beschäftigt sich so raffiniert und prägnant mit der traurigen Vergangenheit, die beim Leser durch diesen eigentlich so banalen Koffer eine so unersättliche Neugierde auslöst, dass wir an dem Text wirklich vom ersten Moment an wahrlich festkleben und unbedingt alles über Leonard Weinheber wissen wollen. Michel Bergmann gelingt es, ein schwieriges Thema der Geschichte spielerisch, aber trotzdem sehr ernsthaft wieder in Erinnerung zu bringen. Der Roman unterhält auf wunderbar intellektuelle Weise, amüsiert uns in mancherlei Hinsicht und lässt uns aber auch gleichzeitig nachdenklich und vor allem sehr nachhaltig berührt am Ende zurück.

Dieses Buch ist erhältlich in der Deutschen Buchhandlung Paris!

Durchgelesen – „Letzter Akt“ v. Christoph Leuchter

Ein Toter, ein Kommissar, ein kleines Dorf in der Toskana, ein deutscher Professor, ein Pfarrer als Mechaniker und viele offene Fragen in Punkto Verrat und Schuld. All diese Figuren und Themen werden hier meisterhaft von Christoph Leuchter in seinem Erstlingsroman « Letzter Akt » ineinander ver- und gleichzeitig wieder entwoben.

Christoph Leuchter (geb. 1968) hat vor seinem Studium der Germanistik in Bonn und Aachen, auch Klavier und Musikwissenschaft studiert. Seine Magisterarbeit widmete er Max Frisch und 2001 promovierte er über mittelalterlichen Minnesang. Er arbeitete bereits als wissenschaftlicher Assistent am Germanistischen Institut der RWTH Aachen, war als Lektor tätig und lehrt nun seit 2006 Angewandte Text- und Literaturwissenschaft und Kreatives Schreiben an der RWTH Aachen University. Sein nun gerade aktuell veröffentlichter erster Roman « Letzter Akt » wurde durch verschiedene Stipendien unter anderem durch das Literarische Colloquium Berlin unterstützt. Christoph Leuchter lebt als Musiker und Autor mit seiner Familie in der Nähe von Aachen.

Christoph Leuchters Roman spielt in der Toskana, in einem kleinen unbekannten Dorf in der Nähe von Florenz :

« Das Dorf, um das es hier geht, könnte zwanzig bis dreissig Kilometer von Florenz entfernt liegen. In dieser Gegend sind die Hinweisschilder am Strassenrand meist ungenau, und der Name des winzigen Ortes steht ohnehin nirgends. Als hätte man ihn einfach vergessen oder gutwillig von der Landkarte gestrichen. »

Dieser wahrlich vergessene kleine Ort wirkt irgendwie ausgestorben, die Jungen sind weggezogen, nur die Alten sind geblieben. Man könnte dieses Dorf auch als eine Art natürlich gewachsenes « Altersheim » bezeichnen, das von Maddalena, dem schülerlosen Lehrer, dem schwerkranken Apotheker Barelli und seiner glücklicherweise noch sehr attraktiven Frau, dem Pater Guiseppe, der wahrscheinlich in seinem « ersten » Leben Automechaniker war, und dem Tischler und Künstler des Dorfes, Paolo Veronese, bewohnt wird. Ach und dann gibt es noch einen ganz besonderen Langzeitgast, den man keinesfalls vergessen sollte: den deutschen Professor Martin Vonderheid, genannt Di Landa. Inzwischen sechundsiebzig Jahre alt und verheiratet mit Maria, einer dreissig Jahre jüngeren Französin, lebt er nun seit fast zehn Jahren in diesem Dorf. Zuvor unterrichtete Di Landa mittelalterliche Literatur in Paris und gibt jetzt in seinem Ruhestand ab und zu noch Literaturvorlesungen an der Universität von Florenz.

Di Landa und seine schöne Marie wohnen in einem Haus, das am Rande einer riesigen Wiese liegt, auf der sich ein alter Schuppen befindet. Wie oft unternimmt der Professor hier einen Spaziergang, wie auch dieses Mal. Seine Neugierde führt ihn in den Schuppen und dann erblickt er mit Entsetzen einen Toten, der unter der Decke hängt. Irgendwie musste er durch den Schock ohnmächtig geworden sein. Jetzt spürt er nur noch seine Platzwunde und versucht langsam seine Sinne wieder zu sortieren, denn in der Zwischenzeit ist ein junger Kommissar aus Florenz, namens Corelli, im Dorf eingetroffen, der viele Fragen stellt.

Keiner wusste bis jetzt, wer der Tote war. Doch Professor Di Landa erinnert sich wieder : es war sein Freund, ein gewisser Wolf Rosenstein. Corelli ist fasziniert und gleichzeitig abgelenkt von Marie, doch trotzdem beschäftigen ihn zwei Fragen : Warum hängt sich ein ehemaliger Freund des Professors genau in diesem Schuppen auf. Könnte es auch Mord gewesen sein, auch wenn alles auf einen Selbstmord hindeutet?

Es war tatsächlich Suizid ! Corelli – gerade selbst in einer privaten Krise – überbringt die gerichtsmedizinischen Ergebnisse persönlich, obwohl dies nicht im Geringsten von Nöten gewesen wäre. Irgendwie fühlt er sich magisch von diesem Ort, aber auch von Di Landa und dessen attraktiver Frau angezogen. Wegen einer Autopanne quartiert sich Corelli bei Di Landa ein. Die zwei Männer kommen sich – begleitet von gutem Rotwein – bei einem Gespräch näher. Und damit endet der kurze kriminalistische Exkurs und die eigentliche von Professor Di Landa erzählte Geschichte, welche in Berlin der Zwanziger Jahre beginnt, nimmt seinen Lauf :

« „Eines Morgens schob unser Lehrer einen blonden Jungen vor sich her ins Klassenzimmer, postierte ihn vor dem Lehrerpult und erklärte der Klasse : Das sei ihr neuer Mitschüler, Wolf Rosenstein.“ … „Der Neue musste sich zu mir in die Bank setzen, ich wusste es genau, und ich beschloss, dass wir Freunde würden.“ »

Martin Vonderheid und Wolf Rosenstein wurden Freunde, Martin verbrachte viel Zeit im Haus der Familie Rosenstein. Er fühlte sich dort sehr wohl. Es war ein musikalisches und gastfreundschaftliches Haus, Wolfs Mutter spielte am Flügel, sein Vater arbeitete im Aussenministerium und wirkte sehr jugendlich und offen. Martins Vater dagegen trank seit seiner Entlassung aus dem Militär und seine Mutter war bereits tot. Martin und Wolf zeigten sich gegenseitig ihre Fähigkeiten und Begabungen, tauschten ein neues gegen altes Fahrrad und wurden verwöhnt vom Chauffeur der Familie Rosenstein. Doch die politische Lage verschärfte sich, es gab Unruhen in der Stadt. Man hörte von der Festnahme Hitlers in München, doch die Situation veränderte sich glücklicherweise zum Positiven und man fühlte sich wieder etwas beruhigter und befreiter. Es wurden Feste organisiert im Hause Rosenstein, wo Martin zum ersten Mal auch Wolfs zwei Jahre ältere Cousine Lily kennenlernte. Sie verstanden sich alle perfekt miteinander und somit entwickelte sich eine neue und ganz ungewöhnliche Dreier-Freundschaft, die jedoch durch ein sehr « natürliches « Ereignis unterbrochen und nach Jahren in einer ganz neuen und vor allem auch tragischen Weise wieder entdeckt wurde…

Christoph Leuchter hat sich ein wunderbares Umfeld für diese raffiniert konstruierte Geschichte ausgesucht. Ein Dorf umgeben von Wiesen und Olivenhainen, guter Wein, die Nähe zur Kulturstadt Florenz, ein echtes Paradies für ein schönes Leben. Doch kann ein Leben auch dann paradiesisch werden, wenn es mit verdrängter Schuld beladen ist ? Der Hautprotagonist, Professor Di Landa, versucht an diesem Ort seiner Vergangenheit aus dem Weg zu gehen, und wird durch den vollkommen unerwarteten Selbstmord seines Freundes von seinen Erinnerungen wieder eingeholt. Christoph Leuchter gelingt es auf bemerksenwerte Weise durch seine sprachliche Kunst diese Gegensätze zwischen Traumlandschaft und Lebensdramatik so brillant zu verknüpfen, das der Leser im ersten Moment sich trotz der Tragik immer leicht auf einer toskanischen Sommerwiese gebettet fühlt.

« Der letzte Akte » ist kein Kriminalroman im klassischen Sinne. Hier wird nur ganz raffiniert ein junger, unerfahrener und unglücklicher Kriminalkommissar für die perfekte Rolle des « Zuhörers » für eine Lebensbeichte besetzt. Somit wird Corelli, wunderbar ironisch dargestellt, der personifizierte rote Faden in dieser doch sehr dramatischen Erzählung. Er klärt hier im Sinne der Polizeiarbeit nichts mehr auf, sondern teilt nicht nur mit Di Landa, sondern auch mit allen Dorfbewohnern in einer gewissen Weise und für ein bestimmte Zeit ihr gemeinsames Schicksal.

Chrisoph Leuchter schreibt musikalisch, malerisch und trotzdem sehr klar. Er ist emotionaler Künstler und kühler Beobachter in einer Person. Und genau diese zwei Perspektiven spiegeln sich auf ganz besonders kluge Weise in seinem faszinierenden und äusserst fesselnden Erstlingsroman, den man als anspruchsvoller Leser guter Literatur keinesfalls verpassen sollte!