Durchgeblättert – „Die Sommerhäuser der Dichter“ v. Thomas Lardon

„Am offnen Fenster lehnt im Sommerhaus

Maria, blickend in das Meer hinaus.

Sie sieht der Sonne letzte Gluten schwinden,

Sie überläßt ihr blondes Haar den Winden,

Die freudig mit der Lockenbeute schwanken,

Und ihre Seele sinnigen Gedanken.“

Spätestens beim Lesen dieses Auszugs aus dem Gedicht „Der Maler“ von Nikolaus Lenau sehnt sich jeder ein wenig nach einem Sommerhaus, das Ruhe-Refugium und Inspirationsquelle zugleich sein könnte. Somit ist es nicht überraschend, dass gerade Dichter und Schriftsteller den Traum eines Sommerhauses verwirklichen mussten und konnten.

Thomas Lardon, Herausgeber und Unternehmer im Verlags- und Kunstbereich, hat Zeit und Muse investiert, um nach den schriftstellerischen Kreativ-Orten, an denen die schönste Zeit des Jahres verbracht wurde, zu suchen. Mit seinem von ihm aktuell erschienen Werk „Die Sommerhäuser der Dichter“ dürfen wir nun auf eine ganz besondere Reise gehen.

Bestimmte Autoren suchten die inspirierende Ruhe und Kühle auf dem Land wie zum Beispiel Bertolt Brecht. Er verbrachte mit Helene Weigel die Sommermonate in Buckow, wo einer der wichtigsten Werke der deutschsprachigen Lyrik, der Gedichtzyklus „Buckower Elegien“, entstanden ist. Edward Said fuhr als Kind jedes Jahr mit seinen Eltern von Kairo aus mit Taxis und Zug in das libanesisches Bergdorf Dhur el-Shweir. Jean-Cocteau arbeitete am Liebsten in seinem Haus in Milly-La-Forêt, eine Stunde südlich von Paris entfernt. Heinrich Böll hatte ein ländliches „Versteck“ in der Eifel. Hermann Hesse konnte gleich zwischen mehreren Sommerhäusern wählen und Rimbaud kehrte, obwohl er die Ardennen schrecklich spiessig fand, immer wieder in sein Landhaus zum Arbeiten zurück. Inzwischen hat die Punk- und Rockmusikerin Patti Smith, die eine grosse Rimbaud-Verehrerin ist, sein Haus gekauft.

Einige Schriftsteller brauchten die Nähe zum Wasser. Günter Grass zog sich oft zum Schreiben an seinem Roman „Der Butt“ auf die kleine dänischen Insel Mon zurück. Gerhart Hauptmann freute sich sehr über die Natur am Hiddensee, der eine Schaffensquelle für ihn war. Und wieder andere Dichter fanden ihr Sommerhaus in einer Stadt, wie bespielsweise Anton Tschechow, der den dazugehörigen üppigen Garten in Jalta zu seiner Oase gestaltete.

Die Bedürfnisse der Dichter, aber auch Wünsche, das richtige Sommerhaus zu finden und zu bewohnen, konnten nicht unterschiedlicher sein. Dieses wirklich wunderschön gestaltete Buch verführt vor allem durch die hervorragenden Texte, die mit feinem und sehr ansprechendem Fotomaterial ergänzt werden. Wir entdecken unbekannte Orte und unberührte Landschaften und bekommen sehr persönliche Einblicke in das Sommer-Leben von mehr als 30 Dichterinnen und Dichtern, die dank ihrer intimen und kenntnisreichen Porträts sehr neugierig machen.

Welche.r Leser.in würde nicht gerne auch im Juni jetzt den Koffer packen und die nächsten Monate in seinem eigenen Sommerhaus verbringen. Träume nach einem luftig leichten Leben im ganz persönlichen Garten Eden auf dem Land, am Meeresstrand oder auch im urbanen Sommerflair lassen sich eventuell nicht erfüllen.

Doch jetzt gibt es „Die Sommerhäuser der Dichter“, das perfekte Buch für die heisse Jahreszeit, das die Sehnsüchte nach literarischer Sommerfrische, Meeresbrise, Bergluft und Stadtgartenglück in so traumhaft schöner Weise stillt und uns beim Lesen ein wahres und unvergängliches Sommerglück schenkt.

Durchgeblättert – „Die beste Buchhandlung der Welt“

Kennen Sie Ihre ganz persönlich beste Buchhandlung der Welt ? Was unterscheidet die Lieblingsbuchhandlung von anderen Buchhandlungen ? Fragen über Fragen, die jeder Leser und Buchkäufer ganz für sich selbst beantworten kann. Doch eine Frage bleibt unbeantwortet und könnte den Leser bestimmt interessieren: wo kaufen eigentlich Schriftsteller ihre Bücher ? Endlich nehmen Autoren ihre Leser auf einen äusserst abwechslungsreichen und spannenden Streifzug durch ihre Welt der Buchhandlungen mit. Die seit mehreren Jahren sehr erfolgreiche Serie des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels, bei der Autoren ihre Buchhandlungs-favoriten regelmässig präsentieren, gibt es Dank des Herausgebers Holger Heimann (Börsenblatt-Redakteur) nun endlich im Buchformat!

Unter dem Titel « Die beste Buchhandlung der Welt » stellen 50 Schriftsteller wie zum Beispiel Durs Grünbein, Benedict Wells, Thomas Glavinic, Adolf Muschg, Jenny Erpenbeck, Peter Stamm und Bodo Kirchhoff ihre Lieblingsbuchhandlung vor. Dieses Buch ist wie eine Buchhandelsreise durch ganz Deutschland mit kleinen Abstechern nach Österreich und in die Schweiz. Es ist vorallem auch eine literarische Fundgrube fantastischer Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen, die zum Schmunzeln, Staunen, Verwundern und Entdecken anregen.

Natürlich sind diese Buchhandlungsporträts mehr als subjektiv, sie beschreiben den ganz persönlichen Geschmack jedes Autors, seine Vorlieben und Ansprüche. Dadurch lernen wir nicht nur die Buchhandlung als « Verkaufsraum » von Büchern kennen, sondern treffen ganz zufällig auch auf den Betreiber, Geschäftsführer, Inhaber oder Buchhändler dieses ehrwürdigen kleinen oder grossen Buchhauses.

Selten konnten wir als Leser so bequem durch 50 verschiedene Buchhandlungen spazieren, um uns inspirieren zu lassen und die Vorstellungen der Autoren aber auch die Besonderheiten der Lieblingsbuchhändler kennenzulernen, wie folgende Beispiele sehr aussagekräftig zeigen :

Adolf Muschg hat sich eine ganz besondere Buchhandlung ausgesucht, die nicht konsumorientiert wirkt, sondern sich wie eine kleine Entdeckungsreise anfühlt bei welcher der Inhaber als „Literatur-Reiseführer“ ein wahrer « Glücksfall » ist :

« Alfred Strohmaier in Regensburg ist einer. Und es hängt von der Optik ab, ob man seine Atlantis-Buchhandlung als Insel der Ruhe und Konzentration betrachtet – oder als sichtbaren Beweis, dass der Kontinent des Lesens nicht untergegangen ist. Alfred Strohmeier : ein Prospero, der seine Zaubermittel, die Bücher, nicht in ihrer eigenen Masse versenkt, sondern als Einzelstücke, ja als Preziosen behandelt. Sein Geschäft ist eigentlich ein Bücher-Kabinett, in dem die Rarität keine Sache des Preises, sondern der Bildung ist, und Bildung zum Alltag gehört. »

Felicitas Hoppe dagegen zieht in Berlin die Buchkaufhäuser den kleinen Buchhandlungen vor :

« Seit ich in Mitte wohne : Nur noch Dussmann. Das riecht nach Trägheit, nach Mangel an Unterscheidungsvermögen. Aber ich kehre gern in Kaufhäuser ein, anonym und immer willkommen. Mein Besuch hat wenig mit Büchern zu tun, noch weniger damit, dass es bei Dussmann (fast) alles gibt (in Wort, Bild, Ton), sondern mit dem Blick aus dem oberen Stock. Ich sitze (ein Zufallsbuch auf dem Schoss) in einem Dussmannsessel, schaue auf die Friedrichsstrasse herab und bilde mir ein, ich wäre nicht zum Kaufen gekommen, sondern zum Lesen, womöglich zum Wohnen und könnte mich nachts hier einschliessen lassen, um im Licht der Strassenslaternen meine eigenen Bücher zu schreiben.»

Thomas Glavinic hat seinen Lieblingsbuchladen in Wien und einen ganz Besonderen noch dazu, da er bis 1.00 Uhr morgens geöffnet hat und so manchen Service bietet, der für Buchhandlungen eher ungewöhnlich ist:

« Die Buchhandlung Phil in Wien hat einen Vorteil : Sie ist eine Kneipe. Umgekehrt kann man es natürlich auch ausdrücken : Die Phil hat gegenüber den windigen Kaschemmen, in denen ich sonst einkehre, den Vorteil, dass man darin Bücher kaufen kann. »

Matthias Politycki braucht eine Buchhandlung, die ihm seine Schwellenangst nimmt und  ist deshalb so begeistert von « seinem » Buchhändler, dem Inhaber der Buchhandlung Samtleben in Hamburg :

« Stephan Samtleben ist ein solcher Buchhändler, der so vollständig von seinem Wissen durchdrungen ist, dass er’s nicht nötig hat, einem damit ein schlechtes Gewissen zu machen – im Gegenteil, man bekommt sofort gute Laune, und wenn er dann doch einmal auf seine leise, unaufgeregte Weise ins Schwärmen gerät, so bleibt er dabei stets so präzis und unprätentiös, dass man sich…jawohl, mitunter bei dem Gedanken ertappt, Lesen könnte doch noch irgendwo ein Vergnügen sein. »

Für Peter Stamm war es nicht einfach, die Frage nach seiner Lieblingsbuchhandlung zu beantworten, da er sich sehr schlecht auf eine Buchhandlung festlegen konnte und wollte. Für seine Entscheidung war schliesslich nicht die Auswahl bzw. das Sortiment ausschlaggebend, wie man hier bei seiner Lieblingsbuchhandlung in Winterthur sofort erkennt :

« Vielleicht noch wichtiger ist die Atmosphäre in einer Buchhandlung. Bei Obergass Bücher spürt man sofort, dass hier Leserinnen arbeiten, die sich für Bücher begeistern. »

Spätestens jetzt bzw. nach der Lektüre dieser Buchhandlungsporträts fängt man selbst als Leser an, zu überlegen, welche Buchhandlung man nun zu seinen Favoriten zählen würde. Holger Heimann ist ein kleines Bravourstück gelungen, indem er diese Einzelporträts aus der Börsenblatt-Reihe, dem Wochenmagazin des Deutschen Buchhandels, zu diesem wunderbaren Buch zusammengeführt hat. Nun kann jeder Leser, Buchkäufer, Buchliebhaber und nicht nur das Fachpersonal der Buchbranche diese aussergewöhnlichen Erzählungen, Geschichten, Porträts, ja fast schon Essays über den jeweiligen Buchhändler des Vertrauens bzw. der Lieblingbuchhandlung von fünfzig Schriftstellern entdecken.

Dieses Werk ist ein sehr schönes und mehr als wichtiges Buch im Zeitalter der Internetbuchhandlung und der Bestellung per Klick, auch und gerade deshalb, weil leider so manche hier vorgestellte Buchhandlung nicht mehr existiert. Natürlich hat nicht jeder Autor eine kleine schnukelige Buchhandlung als seinen Top-Favoriten, viele Schriftsteller bevorzugen aus ganz unterschiedlichen Gründen auch die Filiale einer Buchhandelskette . Und genau diese Mischung macht dieses Buch so interessant, da es selten so reale Einblicke in das Besuchsverhalten und in die Auswahl von Autoren bezüglich ihrer Buchhandlungen gibt.

« Die beste Buchhandlung der Welt » gehört zu den wenigen wirklich sehr starken Büchern über Buchhandlungen und zählt zu den wichtigsten Neuerscheinungen diesen Jahres. Ein Buch, das für jeden anspruchsvollen Leser, auch wenn er bereits seine Lieblingsbuchhandlung hat oder gerade noch auf der Suche nach dieser einzig Wahren ist, fast schon zum Lesepflichtprogramm gehören sollte!

Durchgeblättert – „Blind Date“ v. Freddy Langer

Dies ist kein Roman über heimliche Affären, dies ist auch kein Treffpunkt für Singles. Ganz im Gegenteil, dies ist ein origineller kleiner Bildband über Schriftsteller – inkognito!

Freddy Langer, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, porträtiert seit über dreissig Jahren Prominente aus der internationalen Kunst- und Literaturszene mit einer Schlafbrille über dem Gesicht. Ausgerüstet mit einer Polaroidkamera fotografiert er Schriftsteller in einer ungewöhnlichen Situation. Sie sind alle blind – dank der Schlafbrille! Und in diesem nicht sehenden Moment, sind sie dem Fotografen Langer voll und ganz ausgeliefert.

Dieser Band zeigt die mit einer Schlafbrille veränderten Gesichter von 40 Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Der Blick ist zum Teil erschreckend, irritierend, künstlich, aber auch cool, gleichgültig und neutral. Erkennen wir die Autoren auch mit Schlafbrille wieder, sind sie verändert, können sie sich dahinter verstecken?

Jedem dieser 40 Porträts wird ein passender Auszug aus dem Werk des gerade mit Schlafbrille gezeigten Autors gegenübergestellt. Sehr präzise ausgesucht, finden wir wunderbare Passagen aus Romanen und Erzählungen über das Sehen, die Augen und das Träumen wie zum Beispiel von:

Jenny Erpenbeck: “ Wozu sind meine Augen da, wenn sie sehen, aber nichts sehen? Wozu sind meine Ohren, wenn sie hören, aber nichts hören? Wozu all das Fremde in meinem Kopf?“ (aus „Wörterbuch“)

Arno Geiger: „Ich habe eine Bombe im Kopf: Willst Du sie hochgehen lassen?“ (aus „Kleine Schule des Karussellfahrens“)

Adolf Muschg: „Über ihrem gedehnten Hals sah er ein abgewendetes, in Fremde versiegeltes Gesicht, das sich immer schneller von ihm entfernte. Bevor es ganz verschwinden konnte, schloss er die Augen und konnte zu stürzen nicht aufhören, in eine todfinstere, aber vollkommene Gewissheit.“ (aus „Kinderhochzeit“)

Selten wurden Autoren so „entblösst“ gezeigt, selten haben sie dem Leser so ihre Ohnmacht vermittelt wie auf diesen Bildern. Doch nie war man als Leser diesen Autoren so nah, denn der Leser bekommt die Macht, sie anzusehen, ohne auf ihre Blicke anworten zu müssen. Ein geniales Bilderbuch oder ein anderes „Who ist Who der Literatur“!