Durchgelesen – „Die Bibliothek des Monsieur Proust“ v. Anka Muhlstein

Lesen ist für viele Schriftsteller eine unabdingbare Voraussetzung für das Schreiben. Dies gilt auch für Marcel Proust, der sich ein Leben ohne Lesen und Bücher nicht im geringsten vorstellen konnte. Somit ist es nicht verwunderlich, dass auch Marcel Proust über eine umfangreiche Bibliothek verfügen musste. Es war eine besondere Bibliothek, denn jeder Leser hatte damals wie auch heute absolut unbegrenzten Zugang zu diesem « Literaturort », einem Bücherschatz der sich nicht zwischen Regalen und Buchstützen befindet, sondern sich in seinem Werk subtil versteckt. Spätestens beim Eintauchen in den Romanzyklus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » (« Recherche ») dürfen wir diese imaginäre Bibliothek so en passant lesender Weise erobern und kennenlernen.

Anka Muhlstein, französische Historikerin, mit ihrem Mann Louis Begley in New York lebend, – wir kennen sie bereits durch ihre fantastische kulinarische Biographie « Die Austern des Monsieur Balzac » – hat sich dieser aussergewöhnlichen Aufgabe gestellt, Prousts Bibliothek in essaystischer Form zu erforschen und dem Leser charmant und äusserst kurzweilig aufzubereiten.

Laut Anka Muhlstein, war für Marcel Proust das Lesen « die erste und wichtigste Quelle der Freude und der Anregung. Von anderen Autoren unterscheidet er sich jedoch dadurch, dass die Literatur auch in seinen Werken eine ungeheuer wichtige Rolle spielt. » Und das geht soweit, dass Proust fast jeder Romanfigur der « Recherche » eine Lektüre bzw. ein Buch verordnet hatte. Anka Muhlstein tastet sich vorsichtig, aber gleichzeitig analytisch an das Leseverhalten von Proust und an seine Literaturvorlieben heran. Sie zeigt uns als erstes die Leseeinflüsse während seiner Kindheit.

Hier spürt man, dass Proust bereits in sehr jungen Jahren die Literatur und das Lesen auch als eine Art Fluchtmittel gebrauchte. Er durfte als Kind sich die Lektüre aussuchen und da gehörte zum Beispiel der Roman « François le Champi » von George Sand zu einem gewissen Schlüsselwerk, das ganz raffiniert in die « Recherche » eingebaut wurde, in dem der Ich-Erzähler dieses Buch von seiner Mutter vorgelesen bekommt. Proust begeisterte sich auch in seiner Kindheit und Jugend für Théophile Gautiers « Capitaine Fracasse », Alexandre Dumas oder Balzacs « Eugénie Grandet ». Er war auch als Schuljunge ein leidenschaftlicher Lyrikleser von Stéphane Mallarmés und Leconte de Lisle und zeichnete sich dadurch aus, dass er die Gedichte auswendig lernte und jederzeit rezitieren konnte.

Proust wurde als junger Schriftsteller stark von Racine und Saint-Simon beeinflusst, studierte deren Grammatik und Syntax, um mit seiner eigenen Sprache und seinem Stil noch raffinierter spielen zu können : « Fragen des Stils trieben Proust um, aber von der Erinnerung, vor allem dem Phänomen der unwillkürlichen Erinnerung und ihrer potentiellen Rolle für das künstlerische Schaffen, war er wie bessen. » Auch den Einfluss von Charles Baudelaire sollte man keinesfalls unterschätzen, vor allem in Bezug auf die verschiedensten Vorstellungen von Liebe. Diesen Einfluss spürt man deutlich in der « Recherche », jedoch wird er nie offensichtlich dargelegt.

Aber nicht nur französische Autoren finden wir in Prousts Bibliothek, wobei die deutsche Literatur doch leider eher vernachlässigt wurde und ausser Goethe kein deutschprachiger Autor für Proust eine nachhaltige Rolle spielte. Doch dafür hatten es ihm besonders russische und britische Autoren angetan, allen voran John Ruskin, einer der wichtigsten Kunstkritiker des 19. Jahrhunderts : « Prousts Begeisterung für Ruskin ging so weit, dass er die Arbeit an seinem Roman Jean Santeuil aufgab – der unvollendet und unveröffentlicht liegenblieb -, um Ruskins Werk zu übersetzen. » Genauso fasziniert wie von den englischen Schriftstellern, war Proust von russischen Romanciers wie Tolstoj und Dostojewski. Und auch da erkennen wir die Einflüsse in der « Recherche » und das Sichtbarwerden konkreter Anspielungen.

Doch Anka Muhlstein zeigt uns auch in ihrer « bibliothekarischen » Spurensuche, wie wichtig das Lesen und Leben mit Büchern für Marcel Proust war und welche unterschiedlichen Arten von Lesern in der « Recherche » sich wiederfinden. Sie entdeckt, dass Proust in seinem Romanzyklus eine « sogenannte Rangordnung der Leser » aufstellt, wodurch sehr klar erkennbar wird, wieviele schlechte Leser es in Wirklichkeit gibt : « Einige wenige von Prousts Romanfiguren sind leidenschaftliche Leser. Sie bilden une franc-maçonnerie des lettrés, wie Proust sagt, einen Geheimbund, der eine unmittelbare, anders unerklärliche Komplizenschaft stiftet. »

Und genau zu diesen wenigen leidenschaftlichen und engagierten Lesern gehört – eine der wichtigsten Figuren der « Recherche » – Baron Palmède de Charlus. Er ist wahrlich belesen, beeinflusst auch von Balzac, Mme de Sévigné und Racine, denn irgendwo muss auch seine sehr zerrissene Psyche halt und Zuflucht finden. Auch wenn Proust Balzac nicht unbedingt als bevorzugten Schriftsteller bezeichnen würde, erkennt man laut Anka Muhlstein die « fundamentale Bedeutung der Themen Balzacs in der Recherche ». Besonders wichtig ist noch zu erwähnen, dass der Erzähler – Marcel – in der Recherche so gut wie keine literarische Bildung vorweisen kann im Vergleich zu Baron de Charlus. Neben Charlus ist sicherlich auch Bergotte – erfundener Schriftsteller – eine gewisse Schlüsselfigur im Romanzyklus : « Proust spricht für den Erzähler, wenn er darauf hinweist, dass dieser nach ein, zwei Jahren Bergottes Denkweise und Stil ganz in sich aufgenommen hatte und ihn nichts mehr im Werk verblüffte. »

Dass Racine für die Stilistik der « Recherche » den stärksten Einfluss hatte, wurde bereits erwähnt, doch dass gerade die Gebrüder Goncourt eine eher negative Beachtung für Proust auslösten, ist im ersten Moment etwas verwunderlich, da Proust doch der nach diesem Brüderpaar benannten Literaturpreis (Prix Goncourt) für den Romanteil « Im Schatten junger Mädchenblüte » im Jahre 1919 verliehen wurde. Die Goncourts stehen in der « Recherche » für die « Abteilung » Anekdote, wobei man wissen muss, dass Edmond, der Ältere, und Jules alle ihre Werke immer gemeinsam verfassten und schliesslich neben Romanen auch Kunst- und Theaterkritiken publizierten und eigentlich nur durch ihr Tagebuch (« Journal ») und den von ihnen gestifteten Literaturpreis bekannt wurden.

Anka Muhlstein hat auf intensive und gleichzeitig unterhaltsam prägnante Weise – gerade mal 150 Seiten, im Vergleich zu 5000 Seiten « Recherche » – eine kleine feine Einführung in die Literatur- und Lesewelt von Marcel Proust und seinem Romanzyklus mit ihrem – übersetzt durch Christa Krüger –  im Herbst erschienen Buch vorgelegt. Es zeigt, welche Vielzahl an Literatur, die Proust ganz spielerisch in die « Recherche » eingefügt, ja quasi eingebettet hat, ohne den Leser im negativen Sinne unterrichten zu wollen, sondern ihn auf die literarischen Schönheiten und Kuriositäten seiner verehrten Bücher und deren Schriftsteller aufmerksam zu machen. Mit Esprit und hochkarätigem Literaturverstand bietet Anka Muhlstein mit der « Bibliothek des Monsieur Proust » einen geradezu mehr als aussergewöhlichen und spannenden Leitfaden für die komplexe und vor allem auch literarische Welt innerhalb der « Recherche » und präsentiert bereits zu Beginn des Buches eine äusserst praktische Auflistung der wichtigsten Romanfiguren, welche noch durch kleine Erläuterungen ergänzt werden. Somit ist der Leser mit den Hauptpersonen des Romanzyklus sofort vertraut, die auch in Anka Muhlsteins wunderbarem Buch eine grosse Rolle spielen.

Anka Muhlstein öffnet mit dieser « Bibliothek  des Monsieur Proust » viele neue oder unbekannte Werke von Schriftstellern, die wir vielleicht gar nicht kennen, oder nur am Rande von ihnen gehört bzw. gelesen haben. Man spürt beim Lesen richtig, wie auch Marcel Proust seine Bücher und Autoren entdeckt, mit ihnen gelebt und gelitten hat, teilweise vom Lesen besessen war und diese Erlebnisse direkt oder verspielt subtil in die « Recherche » integrieren konnte. Somit darf der Leser dieses siebenbändigen Oeuvres gleichzeitig in einer gewissen Weise in der « Bibliothek von Monsieur Proust » stöbern und sich literarisch verführen lassen. Anka Muhlstein hat mit ihrem faszinierenden Buch ein wahrlich grandioses literarisch proustsches Lese-Erlebnis geschaffen, das sich im aktuellen Proust-Jubiläumsjahr ( 100. Geburtstag – « In Swanns Welt ») Proustentdecker und Proustkenner keinesfalls entgehen lassen sollten!

Durchgeblättert – „Marcel Proust für Boshafte“

Boshaftigkeit ist ja nicht gerade eine wirklich positive Tugend. Boshafte Menschen sind nicht leicht zu ertragen, verfolgen in der Regel böse Absichten, haben einen bösen Charakter und agieren in spöttischer Manier zur « Freude » der Umwelt. Man möge es deshalb gar nicht glauben, dass ausgerechnet Marcel Proust, der nur in den höheren Kreisen verkehrte, für « Boshafte » geeignet ist ? Wir werden spätestens nach der Lektüre dieses schmalen Bändchens eines Besseren belehrt.

Rainer Moritz hat sich der « boshaften » Thematik bei Proust angenommen und klärt uns mit diesem kompakten Zitatbüchlein ein wenig auf, das er als Herausgeber und Proustkenner begleitet hat. Wir kennen Rainer Moritz bereits als Autor von anderen Werken, wie zum Beispiel die Romane um Madame Cottard und von seiner Reise zu den « schönsten Buchhandlungen Europas ». In « Marcel Proust für Boshafte » versucht er uns ganz charmant in seinem Nachwort zu erläutern, was eigentlich so alles in der Person Marcel Proust, aber vor allem in seinem grossen Romanzyklus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » an Boshaftigkeit versteckt ist. Man muss wissen, dass die « Recherche » nicht nur ein Roman, sondern auch eine Art Gesellschaftsstudie ist und sich teilweise durch sehr spöttische und ironische Passagen auszeichnet. (Die hier mit Seitenzahl angegebenen Zitate stammen aus der 7-bändigen Ausgabe!)

Damit wir als Leser den Überblick über das Boshafte nicht verlieren, wurde hier in diesem kleinen Œuvre alles ganz ordentlich nach Rubriken eingeteilt. Es beginnt, wie sollte es auch anders sein, mit dem Thema « Die Frauen » :

« Sie war wie fast alle Frauen : Sie bilden sich ein, ein Kompliment, das man ihnen macht, müsse der reinste Ausdruck der Wahrheit sein und stelle ein Urteil dar, das man unparteiisch fällt und ganz unweigerlich, als handle es sich um einen Kunstgegenstand ohne Beziehung auf eine Person.» (Die Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 4, 511f.)

Wunderbar spöttisch, ja quasi boshaft kann man natürlich jederzeit auch auf « Bekleidungsfragen » reagieren :

« „Irgendwo muss er doch einfältig sein. Sie hat Füsse wie Schleppkähne, einen Bart wie eine Amerikanerin und schmutzige Unterwäsche ! Ich glaube, nicht mal ein kleines Fabrikmädchen würde so etwas anziehen wollen.“ » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 2, 564)

Bereiche wie « In bester Gesellschaft », « Gesundheitsprobleme », « Ewige Weisheiten », « Die edlen Künste », « Speis & Trank » und « Land & Leute » kommen keinesfalls zu kurz.

Doch äusserst wichtig sind natürlich auch Themenschwerpunkte, wie zum Beispiel « Die Männer ». Auch « Der Körper » wird nicht verschont, sodass manches Problem ohne Umscheife, aber trotzdem mit einer gewissen Contenance angesprochen wird:

« Doch seine Nase hatte, um sich schief über seinen Mund zu stellen, unter allen verfügbaren schrägen Linien vielleicht die einzige gewählt, die auf diesem Gesicht zu ziehen einem selbst nie eingefallen wäre und die ihm eine gewisse Note vulgärer Dummheit gab, die durch die Nachbarschaft eines normannischen apfelroten Teints noch bekräftigt wurde. » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 4, 459)

Marcel Proust äusserst sich durch seine Helden ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, versucht selbstverständlich immer das gesellschaftliche und sprachliche Niveau zu wahren, kommt aber gerne konkret zur Sache, wie auch das folgende Zitat aus der Rubrik « Liebe, Sex & Co. » bestätigt :

« „Liebe ?“ hatte sie einmal einer prätentiösen Dame auf deren Frage „Was halten Sie von der Liebe ?“ geantwortet. „Liebe ? Mache ich oft, doch drüber reden tu’ ich nie.“ » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 3, 270)

Tja was können wir da als Leser noch hinzufügen? Wir sollten uns spätestens jetzt nach der Lektüre dieser hervorragend zusammengestellten Zitatauswahl von Rainer Moritz bewusst werden, dass es nun an der Zeit wäre – falls Sie es nicht bereits schon getan haben – , die « Recherche » endlich in Angriff zu nehmen. Sie werden erstaunt sein, wie kurzweilig dieses Mammut-Werk letztendlich ist. Marcel Proust hat eine besondere Gabe, seinen subtilen Spott, als auch seine Geschmacklosigkeiten feinfühlig direkt und äusserst elegant zu formulieren. Dank seiner extrem scharfen Beobachtungen gelingt es Proust, jedes Detail, und wenn es nur ein ganz banaler Smalltalk in der feinen Gesellschaft ist, so zu analysieren, dass dabei gewisse Bosheiten und eine raffiniert verpackte Schadenfreude einem nicht nicht wie ein Orkan um die Ohren fliegen, sondern genau positioniert am richtigen Punkt wie ein Nadelstich ganz „leise“ treffen.

Dieses kleine Buch ist eine ideale Nachttisch-Lektüre, die gerade dann ihren Einsatz findet, wenn man nicht mehr in der Lage ist, lange Passagen bzw. Kapitel zu lesen und man vor dem Einschlafen noch einen literarisch « bösen » Gute-Nacht-Kick benötigt. Auch Marcel Proust konnte ohne Bosheiten nicht leben, wie er hier selbst durch seine « Recherche » erklärt :

« Ich für meine Person muss gestehen, dass mich nichts so amüsiert wie diese kleinen Bosheiten, ohne die ich das Leben einfach öde fände. » (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 2, 248)

Durchgelesen – „Monsieur Proust“ v. Céleste Albaret

« Man hat von einem literarischen Ereignis gesprochen. Und ein Ereignis ist dieses Buch wohl wirklich. Was man bisher nur gewusst hat, das sieht man jetzt », so Hanno Helbling in der Neuen Zürcher Zeitung. Mehr als über 50 Jahre nach dem Tod von Marcel Proust am 18. November 1922 erschien in Frankreich 1973 ein Werk mit dem schlichten Titel « Monsieur Proust ». Die deutsche Erstausgabe wurde 1974 veröffentlicht und mit grosser Spannung erwartet.

Céleste Albaret (1891 – 1984) heiratete 1913 Odilon Albaret, einen Pariser Taxi-Fahrer, dessen wichtigster Kunde Marcel Proust war. Als Céleste nach der Hochzeit nach Paris zog, fühlte sie sich sehr einsam. Auf Initiative ihres Mannes bekam sie eine kleine Stelle zur Erledigung bestimmter Botengänge für Marcel Proust. 1914 wurden Odilon Albaret und das ganze männliche Dienstpersonal zu Kriegsdiensten eingezogen, so dass Céleste Albaret nun von der kleinen Botin zur Haushälterin aufsteigen konnte. Sie war nicht nur die Frau im proust’schen Haushalt, die sich um das Frühstück und die Garderobe kümmerte, sondern sie wurde auch seine unerlässliche Vertraute und ganz persönliche « Lektorin ». Céleste begleitete Proust zu seinem letzten Ausflug nach Cabourg, und arbeitete danach bei ihm  nur noch « eingesperrt » in seiner Wohnung am Boulevard Haussmann. Proust verliess sein mit Kork ausgelegtes Zimmer nur noch ganz selten und meistens nachts. Céleste passte sich dem äusserst ungewöhnlichen Lebensrhythmus an und stand ihm jederzeit, natürlich auch bei seinen schweren Asthmaanfällen mit grosser Fürsorge bei.

Céleste war inzwischen mehr als nur eine einfache Hausangestellte, sie war seine « Unersetzliche ». Proust versuchte sie an die Kunst, Musik und Literatur heranzuführen. Er empfahl ihr beispielsweise die « Drei Musketiere » von Dumas, welches sie als einziges der von Proust vorgeschlagenen Bücher las. Sie kümmerte sich lieber um seine Speisen (am Liebsten Hühnchen), welche oft zu den ungewöhnlichsten Zeiten zubereitet werden mussten. Anfangs ging alles noch eher schweigend von statten, doch nach einer gewissen Zeit sprach Marcel Proust mit ihr über seine Kindheit, über die Liebe, insbesondere die zu seiner Mutter. Er berichtete aber auch von seinen Erlebnissen, die er bei seinen Salonbesuchen nachts beobachtet hatte und die ihn nach seiner Rückkehr oft  stark beschäftigten :

 “ Nach einem erfreulichen Abend war es grossartig – ein wahres Feuerwerk. Sein Gesicht strahlte innere Fröhlichkeit aus.
« Bei mir ist alles fertig, Céleste ? »
« Ja, Monsieur, es ist alles bereit. »
« Gut, dann kommen Sie schnell, folgen Sie mir. Ich habe Ihnen viel zu erzählen. »
Ich folgte ihm in sein Zimmer. Er setzte sich gleich aufs Fußende seines Bettes, ich blieb vor ihm stehen, und es ging los.“

Trotz dieser fast schon innigen Vertrautheit und Nähe war ihr gemeinsamer Umgang – während dieser neun Jahre, die sie in einer ganz besonderen Form « miteinander « gelebt hatten, – geprägt von einer herzlichen und gleichzeitig sehr stilvollen Distanziertheit. Céleste stand grundsätzlich am Fusse seines Bettes, und hätte es nie gewagt, sich auf einen Stuhl in seinem Zimmer zu setzen, während Proust von der mondänen Pariser Gesellschaft erzählte.

Marcel Proust arbeitete intensiv an seinem grossen Œuvre: « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ». Céleste unterstützte ihn, so weit sie konnte und durfte. Sie organisierte Literatur in der nächsten Buchhandlung und diskutierte mit ihm über die Vorbilder seiner Romanfiguren. Céleste war der Mensch, dem Marcel Proust alles auch im Bezug auf seine literarische Arbeit anvertraute. Sie war auch die Einzige, die wusste, dass der Gallimard Verlag Proust’s ersten Band der Recherche « Du côté de chez Swann » nicht veröffentlichte, weil der damalige Gallimard-Lektor André Gide das Werk gar nicht gelesen hatte. Das Manuskript war durch einen ganz besonderen Knoten zusammengepackt, und genau so verschnürt kam dieses Päckchen auch wieder zu Proust zurück. Céleste hatte dies sofort erkannt. Damit war der Grund für das Nichterscheinen eindeutig und deshalb wurde der erste Band auf Proust’s Kosten bei Grasset veröffentlicht, was Gallimard später noch bitter bereut hatte.

Die Bedeutung von Céleste Albaret war eindeutig nicht mehr steigerbar. Sie stand Proust nicht nur im « normalen » – sprich alltäglichen Leben bei, egal, in welchem physischen und psychischen Zustand er auch war. Sie versuchte ihn auch vor allen Widrigkeiten der Welt auf ihre Weise zu schützen. Vielleicht war sie für ihn eine Art Mutterersatz trotz ihres jugendlichen Alters. Marcel Proust öffnete ihr gegenüber immer mehr sein Herz und seine Seele. Er vertraute ihr und legte sehr viel Wert auch auf ihre Meinung. So ist es nicht verwunderlich, dass er selbst ihr den Vorschlag unterbreitete, ein Tagebuch zu führen und all diese Gespräche und Ereignisse festzuhalten :

„Eine Abends – es muss gegen Ende des Krieges gewesen sein, als ich schon drei oder vier Jahre bei ihm war – sagte er : « Liebe Céleste, ich frage mich, worauf Sie warten, um Ihr Tagebuch zu schreiben. »
Ich habe angefangen zu lachen :
« Ah, ich sehe schon, Monsieur, Sie machen sich wieder über mich lustig, wie Sie es so gern tun. »
« Ich meine es ernst Céleste. Niemand ausser Ihnen kennt mich wirklich. Niemand weiss so gut wie Sie, was ich tue, niemand kann all das wissen, was ich Ihnen sage. Nach meinem Tode wird sich Ihr Tagebuch besser verkaufen als meine Bücher. »“

Céleste Albaret war eine einfache herzensgute Frau, eine Frau voller Empathie und emotionaler Intelligenz und besonders reich an einer sehr unbefangenen und ehrlichen Verehrung gegenüber « ihrem » Marcel Proust. Genau aus diesem Grund hatte sie kein Tagebuch geschrieben und sowohl während ihrer Anstellung und als auch direkt nach dem Tode von Marcel Proust nie ein Interview gegeben. Sie zog sich nach der Beerdigung für lange Zeit zurück, führte ein kleines Hotel im 6. Arrondissement von Paris, das ihr Mann 1924 gekauft hatte. Erst in den Siebziger Jahren wurde sie durch den Sammler Jacques Guérin – den wir bereits in dem Werk « Prousts Mantel » von Lorenza Foschini kennengelernt haben – wiederentdeckt. Céleste Albaret verkaufte einige sehr wertvolle bibliophile Kostbarkeiten, die sie von Marcel Proust geschenkt bekam, an Jacques Guérin. Auf sein Anraten hin, hat sie ihre Erinnerungen an die Zeit mit Marcel Proust zum ersten Mal jemanden anvertraut, nämlich dem Lektor von Laffont – Georges Belmont -. Somit entstand dieses beeindruckende und einmalige Zeitdokument, das man mit keiner der vielen wissenschaftlichen Biographien vergleichen sollte, da es wesentlich mehr ist, als eine klassische Biographie.

« Monsieur Proust » ist « die Geschichte einer Faszination », so urteilte ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung nach Erscheinen dieses Buches, das übrigens hervorragend von Margret Carroux übersetzt wurde. Nach fast vierzig Jahren hat dieses ganz besondere Werk seine Anziehungskraft nicht im Geringsten verloren. « Monsieur Proust », das sind die biographischen Erinnerungen einer sensiblen und sehr intelligenten Frau. Es sind selbst erlebte Gespräche und Beobachtungen mit und über einen der wichtigsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Man könnte dieses Werk – auch wenn es manchmal ein wenig naiv erscheint und viele kritische Aspekte charmant ignoriert – als die schönste und privateste Annäherung an den grossen Schöpfer der «Recherche » bezeichnen.

« Monsieur Proust » eignet sich wirklich ganz besonders gut als Einstieg, um den Autor und vor allem den Menschen Marcel Proust kennenzulernen. Mit literarischem Fingerspitzengefühl und französischer Eleganz wurden diese Erinnerungen äusserst genau von Georges Belmont zu Papier gebracht. Es entstand ein kostbares Lebenszeugnis, welches man keinesfalls nur einmal lesen sollte. Dieses Buch ist wie ein lebenslanger Begleiter auf einen vielleicht daraus entstehenden und weiterführenden proust’schen Weg. Ab der ersten und bis zur letzten Seite von « Monsieur Proust » werden Sie ein verzückendes Gefühl verspüren, als könnten Sie gerade vor Marcel Proust’s Zimmer durch ein Schlüsselloch schauen und ganz tief in die Welt der « Erinnerung » eintauchen.

Durchgeblättert – „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Combray“ nach Marcel Proust v. Stéphane Heuet

„Die Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust gibt es nun nach 12 Jahren zum ersten Mal als Comic-Version in deutscher Sprache, dank der wunderbaren Unterstützung des Übersetzers Kai Wilksen. Das könnte vielleicht so manchen Proustianer in eine gewisse Schockstarre versetzen, was bereits die französische Kritik bei der Erscheinung des ersten Bandes in Frankreich 1998 in Worten scharf auszudrücken vermochte. Doch inzwischen haben sich die Gemüter mehr als gelegt, wenn man an die Lobeshymnen aus der französischen Presse denkt. Dieser Comic, der auch als Graphic-Novel bezeichnet wird, hat nicht nur Freunde unter den klassischen Comic-Liebhabern gefunden, auch der konservative Buchleser und Proustverehrer entdeckt mit dieser neuen Technik wie genial doch ein Klassiker illustriert und mit bzw. sogar trotz des besonderen, ja einzigartigen Erzählstil Prousts als Comic umgesetzt werden kann.

Stéphane Heuet, geboren 1957 in Brest, war zuerst Seemann und arbeitete danach als Art-Director in der Werbebranche. Seine Liebe zu Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hat er mit 35 Jahren entdeckt und sich seit diesem Zeitpunkt vorgenommen, dieses Mammutwerk als Comic anzupassen und zu zeichnen. Inzwischen sind in Frankreich 5 Bände erschienen. Übersetzungen ins Englische, Chinesische, Holländische, Italienische, Kroatische und Spanische sind bereits schon lange auf dem Markt. Glücklicherweise können wir uns seit letztem Herbst nun auch hier in Deutschland dieses aussergewöhnlichen Literatur-Comis erfreuen.

Der erste Teil der „Suche“ unter dem Titel „Combray“ bekannt, lässt den Proustkenner sofort an den ersten und sehr berühmten Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ erinnern. Ja und genau um Erinnerung geht es hauptsächlich in diesem Werk. Der erste Romanteil spielt in dem kleinen Örtchen Combray, das übrigens in Wirklichkeit Illiers heisst und ca. 110 km südwestlich von Paris liegt. Auf dem Ortsschild steht auch tatsächlich Illiers-Combray und im Zentrum befindet sich in der Nähe der Kirche das Haus von Tante Leonie (La Maison de Tante Léonie), das jeder Proustliebhaber zu bestimmten Zeiten besichtigen kann. Der Ich-Erzähler – Marcel –  öffnet für uns das Haus, wo er seine Kindheit und Jugend in den Ferien verbracht hat und uns unter anderem seine grosse Sehnsucht nach seiner Mutter erklärt. Stéphane Heuet zeichnet mit sehr klaren Linien und viel Raum für die Landschaft äusserst naturgetreu dieses Haus und seine Umgebung, wie man sie sich nicht besser hätte vorstellen können, vor allem dann, wenn man bereits das Original in Illiers-Combray besucht hat.

Die berühmte Szene um die köstliche Madeleine, die bei Proust diese Erinnerungen ausgelöst hat, lässt nun den Kenner oder auch Neuentdecker hier sehr schnell auf den Geschmack kommen. Wir lernen Marcel und seine Tante kennen, sehen zum ersten Mal in Bildern, wie die Hauptpersonen – Françoise, Maman, Papa, Monsieur Swann, Gilberte usw. –  zu Leben erweckt werden.

Der Künstler Stéphane Heuet malt die Szenen wie ein grosses Fest, schenkt uns Bilder mit vielen Details, vor allem was das Essen betrifft. Wenn es – wie so oft bei Proust – um Spargel geht, sehen wir diesen in Grossformat und spüren dadurch die unglaublich tiefe Bedeutung dieses Gemüses in seinem Werk:

„Mein Entzücken galt den Spargeln, getränkt in Ultramarin und Rosa und mit blasslila und himmelblau angehauchten Spitzen, die sich unmerklich bis zu den Enden abstufen. Mir schien, dass diese himmlischen Schattierungen die köstlichen Geschöpfe verrieten, die sich zum Spasse in Gemüse verwandelt hatten und die durch diese Verkleidung ihres essbaren und festen Fleisches hindurch in diesen zarten Tönungen der Morgenröte, in dieser Andeutung des Regenbogens, in diesem dahinschwindenden Abendblau die kostbare Essenz erspüren liessen, die ich noch die ganze Nacht hindurch wiedererkannte, wenn ich abends davon gegessen hatte und sie in ihren poetischen und derben Possen wie in einem Märchenspiel von Shakespeare meinen Nachttopf zu einem Parfümgefäss machten.“ (nach Marcel Proust adaptiert v. Stéphane Heuet, übersetzt Kai Wilksen)

Aber nicht nur beim Gemüse wird die Proustsche Sprache mit diesen sagenhaften Bildern von Heuet ergänzt, auch beispielsweise bei der zeichnerischen Umsetzung des Kirchenschiffs von Combray, bei Naturereignissen wie Gewitter bzw. Regen spüren wir dieses brillante Kunsthandwerk, wie es sicher selten in Comics zu finden ist. Besonders gelungen ist auch die visuelle Adaption der Träume des Erzählers, bei denen der Leser die melancholisch blickenden und tiefliegenden Augen von Marcel Proust immer wieder erkennen kann.

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Comic ist eine sehr gelungene Umsetzung und versprüht nicht weniger tiefgründigen Charme als der Originaltext. Im Gegenteil es öffnet neue Türen im Proustschen Oeuvre. Die Proustianer sind entzückt und die Neuentdecker haben nun endlich die Gelegenheit sich diesem literarischen Mammutprojekt zu nähern, ohne sich von 7 Bänden mit insgesamt über 6000 Seiten abschrecken zu lassen. Denn hier lesen wir in einer sehr überzeugenden Kurzfassung den ersten Teil gerade mal auf  nur 72 Seiten. Das sollte jeden Leser und Literaturinteressierten, der sich noch nicht an Proust und seine „Suche“ heran wagte, einen neuen und etwas leichteren Zugang bereiten. Die Lektüre dieses Comics ist ein unvergessliches Vergnügen und mehr als empfehlenswert, deshalb freuen wir uns sehr auf die Fortsetzung …

Durchgeblättert – „Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit“

Marcel Proust, berühmt geworden durch seinen siebenbändigen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wusste wie kein anderer Autor seine Fähigkeit, die Kunst als Stilmittel in der Literatur zu verwenden, einzusetzen. Seine Figuren und Protagonisten lässt er mit Hilfe erinnerter Bilder Neues erleben. Somit entsteht nicht nur ein Roman, sondern ganz nebenbei noch eine Kunstgeschichte, die den Leser in faszinierende Welten begleitet.

„Mein Buch ist ein Gemälde“, hat Proust an Jean Cocteau geschrieben.

Und eben genau diesen Welten in Form von Bildern berühmter Meisterwerke, hat  sich Eric Karpeles gewidmet und eine beeindruckende Zusammenstellung dieser Gemälde aus Proust’s Verlorener Zeit dem Proustkenner, aber auch dem Proustneuentdecker geschenkt.

Dieses Buch ist ein sehr umfassendes Kunstbuch, das sich auf aussergewöhnliche Weise zum ersten Mal mit der engen Beziehung zwischen Malerei und Literatur in Proust’s Meisterwerk auseinandersetzt. Der Leser lernt beispielsweise die „Engel“ von Botticelli, die „Kurtisanen“ von Manet und die „Seerosen“ von Monet kennen.

Über 200 Abbildungen von Gemälden, Zeichnungen und Stichen kann man entdecken, die ergänzt werden durch ein sehr informatives Einführungsessay und durch weiterführende zum Teil sehr amüsante Erläuterungen. Das Besondere jedoch an dieser Kunstgeschichte ist, dass jedes Kunstwerk mit dem passenden Zitat aus „Der Suche nach der verlorenen Zeit“ ergänzt bzw. kommentiert wird.

„Ich ging auf die Allée des Acacias zu. … Denn die Bäume lebten ihr Eigenleben weiter, und wenn sie keine Blätter mehr hatten, so strahlte es nur um so leuchtender aus der Hülle von grünem Samt, die ihre Stämme umgab, oder dem weissen Email der kugeligen Misteln, die hier und da in den Kronen der Pappeln hingen, rund wie Sonne und Mond in Michelangelos Erschaffung der Welt.“ (aus „In Swanns Welt“ und Michelangelo, „Gott erschafft Sonne und Mond“)

Eric Karpeles ist selbst Maler, studierte unter anderem an der Oxford University und lebte in den siebziger Jahren als Stipendiat an der Cité Internationale des Arts in Paris. Er wohnt in Kalifonieren und widmet sich dem Schreiben über Malerei.

Dies ist mehr als ein faszinierendes und besonders ästhetisches Kunstbuch, denn in diesem Werk werden die Bilder aus dem proustschen Universum zum ersten Mal lebendig und sichtbar. Ein Handbuch der europäischen Kunstgeschichte, eine proustsche Bibel der Malerei und vorallem ein ganz persönliches und intimes Museum!