Durchgelesen – „Die Bibliothek des Monsieur Proust“ v. Anka Muhlstein

Lesen ist für viele Schriftsteller eine unabdingbare Voraussetzung für das Schreiben. Dies gilt auch für Marcel Proust, der sich ein Leben ohne Lesen und Bücher nicht im geringsten vorstellen konnte. Somit ist es nicht verwunderlich, dass auch Marcel Proust über eine umfangreiche Bibliothek verfügen musste. Es war eine besondere Bibliothek, denn jeder Leser hatte damals wie auch heute absolut unbegrenzten Zugang zu diesem « Literaturort », einem Bücherschatz der sich nicht zwischen Regalen und Buchstützen befindet, sondern sich in seinem Werk subtil versteckt. Spätestens beim Eintauchen in den Romanzyklus « Auf der Suche nach der verlorenen Zeit » (« Recherche ») dürfen wir diese imaginäre Bibliothek so en passant lesender Weise erobern und kennenlernen.

Anka Muhlstein, französische Historikerin, mit ihrem Mann Louis Begley in New York lebend, – wir kennen sie bereits durch ihre fantastische kulinarische Biographie « Die Austern des Monsieur Balzac » – hat sich dieser aussergewöhnlichen Aufgabe gestellt, Prousts Bibliothek in essaystischer Form zu erforschen und dem Leser charmant und äusserst kurzweilig aufzubereiten.

Laut Anka Muhlstein, war für Marcel Proust das Lesen « die erste und wichtigste Quelle der Freude und der Anregung. Von anderen Autoren unterscheidet er sich jedoch dadurch, dass die Literatur auch in seinen Werken eine ungeheuer wichtige Rolle spielt. » Und das geht soweit, dass Proust fast jeder Romanfigur der « Recherche » eine Lektüre bzw. ein Buch verordnet hatte. Anka Muhlstein tastet sich vorsichtig, aber gleichzeitig analytisch an das Leseverhalten von Proust und an seine Literaturvorlieben heran. Sie zeigt uns als erstes die Leseeinflüsse während seiner Kindheit.

Hier spürt man, dass Proust bereits in sehr jungen Jahren die Literatur und das Lesen auch als eine Art Fluchtmittel gebrauchte. Er durfte als Kind sich die Lektüre aussuchen und da gehörte zum Beispiel der Roman « François le Champi » von George Sand zu einem gewissen Schlüsselwerk, das ganz raffiniert in die « Recherche » eingebaut wurde, in dem der Ich-Erzähler dieses Buch von seiner Mutter vorgelesen bekommt. Proust begeisterte sich auch in seiner Kindheit und Jugend für Théophile Gautiers « Capitaine Fracasse », Alexandre Dumas oder Balzacs « Eugénie Grandet ». Er war auch als Schuljunge ein leidenschaftlicher Lyrikleser von Stéphane Mallarmés und Leconte de Lisle und zeichnete sich dadurch aus, dass er die Gedichte auswendig lernte und jederzeit rezitieren konnte.

Proust wurde als junger Schriftsteller stark von Racine und Saint-Simon beeinflusst, studierte deren Grammatik und Syntax, um mit seiner eigenen Sprache und seinem Stil noch raffinierter spielen zu können : « Fragen des Stils trieben Proust um, aber von der Erinnerung, vor allem dem Phänomen der unwillkürlichen Erinnerung und ihrer potentiellen Rolle für das künstlerische Schaffen, war er wie bessen. » Auch den Einfluss von Charles Baudelaire sollte man keinesfalls unterschätzen, vor allem in Bezug auf die verschiedensten Vorstellungen von Liebe. Diesen Einfluss spürt man deutlich in der « Recherche », jedoch wird er nie offensichtlich dargelegt.

Aber nicht nur französische Autoren finden wir in Prousts Bibliothek, wobei die deutsche Literatur doch leider eher vernachlässigt wurde und ausser Goethe kein deutschprachiger Autor für Proust eine nachhaltige Rolle spielte. Doch dafür hatten es ihm besonders russische und britische Autoren angetan, allen voran John Ruskin, einer der wichtigsten Kunstkritiker des 19. Jahrhunderts : « Prousts Begeisterung für Ruskin ging so weit, dass er die Arbeit an seinem Roman Jean Santeuil aufgab – der unvollendet und unveröffentlicht liegenblieb -, um Ruskins Werk zu übersetzen. » Genauso fasziniert wie von den englischen Schriftstellern, war Proust von russischen Romanciers wie Tolstoj und Dostojewski. Und auch da erkennen wir die Einflüsse in der « Recherche » und das Sichtbarwerden konkreter Anspielungen.

Doch Anka Muhlstein zeigt uns auch in ihrer « bibliothekarischen » Spurensuche, wie wichtig das Lesen und Leben mit Büchern für Marcel Proust war und welche unterschiedlichen Arten von Lesern in der « Recherche » sich wiederfinden. Sie entdeckt, dass Proust in seinem Romanzyklus eine « sogenannte Rangordnung der Leser » aufstellt, wodurch sehr klar erkennbar wird, wieviele schlechte Leser es in Wirklichkeit gibt : « Einige wenige von Prousts Romanfiguren sind leidenschaftliche Leser. Sie bilden une franc-maçonnerie des lettrés, wie Proust sagt, einen Geheimbund, der eine unmittelbare, anders unerklärliche Komplizenschaft stiftet. »

Und genau zu diesen wenigen leidenschaftlichen und engagierten Lesern gehört – eine der wichtigsten Figuren der « Recherche » – Baron Palmède de Charlus. Er ist wahrlich belesen, beeinflusst auch von Balzac, Mme de Sévigné und Racine, denn irgendwo muss auch seine sehr zerrissene Psyche halt und Zuflucht finden. Auch wenn Proust Balzac nicht unbedingt als bevorzugten Schriftsteller bezeichnen würde, erkennt man laut Anka Muhlstein die « fundamentale Bedeutung der Themen Balzacs in der Recherche ». Besonders wichtig ist noch zu erwähnen, dass der Erzähler – Marcel – in der Recherche so gut wie keine literarische Bildung vorweisen kann im Vergleich zu Baron de Charlus. Neben Charlus ist sicherlich auch Bergotte – erfundener Schriftsteller – eine gewisse Schlüsselfigur im Romanzyklus : « Proust spricht für den Erzähler, wenn er darauf hinweist, dass dieser nach ein, zwei Jahren Bergottes Denkweise und Stil ganz in sich aufgenommen hatte und ihn nichts mehr im Werk verblüffte. »

Dass Racine für die Stilistik der « Recherche » den stärksten Einfluss hatte, wurde bereits erwähnt, doch dass gerade die Gebrüder Goncourt eine eher negative Beachtung für Proust auslösten, ist im ersten Moment etwas verwunderlich, da Proust doch der nach diesem Brüderpaar benannten Literaturpreis (Prix Goncourt) für den Romanteil « Im Schatten junger Mädchenblüte » im Jahre 1919 verliehen wurde. Die Goncourts stehen in der « Recherche » für die « Abteilung » Anekdote, wobei man wissen muss, dass Edmond, der Ältere, und Jules alle ihre Werke immer gemeinsam verfassten und schliesslich neben Romanen auch Kunst- und Theaterkritiken publizierten und eigentlich nur durch ihr Tagebuch (« Journal ») und den von ihnen gestifteten Literaturpreis bekannt wurden.

Anka Muhlstein hat auf intensive und gleichzeitig unterhaltsam prägnante Weise – gerade mal 150 Seiten, im Vergleich zu 5000 Seiten « Recherche » – eine kleine feine Einführung in die Literatur- und Lesewelt von Marcel Proust und seinem Romanzyklus mit ihrem – übersetzt durch Christa Krüger –  im Herbst erschienen Buch vorgelegt. Es zeigt, welche Vielzahl an Literatur, die Proust ganz spielerisch in die « Recherche » eingefügt, ja quasi eingebettet hat, ohne den Leser im negativen Sinne unterrichten zu wollen, sondern ihn auf die literarischen Schönheiten und Kuriositäten seiner verehrten Bücher und deren Schriftsteller aufmerksam zu machen. Mit Esprit und hochkarätigem Literaturverstand bietet Anka Muhlstein mit der « Bibliothek des Monsieur Proust » einen geradezu mehr als aussergewöhlichen und spannenden Leitfaden für die komplexe und vor allem auch literarische Welt innerhalb der « Recherche » und präsentiert bereits zu Beginn des Buches eine äusserst praktische Auflistung der wichtigsten Romanfiguren, welche noch durch kleine Erläuterungen ergänzt werden. Somit ist der Leser mit den Hauptpersonen des Romanzyklus sofort vertraut, die auch in Anka Muhlsteins wunderbarem Buch eine grosse Rolle spielen.

Anka Muhlstein öffnet mit dieser « Bibliothek  des Monsieur Proust » viele neue oder unbekannte Werke von Schriftstellern, die wir vielleicht gar nicht kennen, oder nur am Rande von ihnen gehört bzw. gelesen haben. Man spürt beim Lesen richtig, wie auch Marcel Proust seine Bücher und Autoren entdeckt, mit ihnen gelebt und gelitten hat, teilweise vom Lesen besessen war und diese Erlebnisse direkt oder verspielt subtil in die « Recherche » integrieren konnte. Somit darf der Leser dieses siebenbändigen Oeuvres gleichzeitig in einer gewissen Weise in der « Bibliothek von Monsieur Proust » stöbern und sich literarisch verführen lassen. Anka Muhlstein hat mit ihrem faszinierenden Buch ein wahrlich grandioses literarisch proustsches Lese-Erlebnis geschaffen, das sich im aktuellen Proust-Jubiläumsjahr ( 100. Geburtstag – « In Swanns Welt ») Proustentdecker und Proustkenner keinesfalls entgehen lassen sollten!

Durchgelesen – „Die Austern des Monsieur Balzac“ v. Anka Muhlstein

Verspüren Sie auch beim Lesen dieses Titels sofort ein Gefühl von Appetit, Hunger und Lust auf Schlemmereien ? Dann könnte dieses Buch Ihnen wahrlich gut « schmecken », denn hier geht es hauptsächlich um Essen, Fressen, Völlerei und Genuss. Trotzdem ist dieses Werk kein Kochbuch mit irgendwelchen Rezeptangaben. Nein, es ist, wie bereits der Untertitel treffend festhält, « eine delikate Biographie » über den grossen Dichter Honoré de Balzac. Diese besonderen und sehr skurrilen Einblicke in Balzac’s Leben haben wir Anka Muhlstein zu verdanken, die in vorliegendem Autorenporträt auf sehr originelle, geistreiche und besonders unterhaltsame Weise erläutert werden.

Anka Muhlstein, geboren 1935 in Paris, ist Historikerin und lebt seit 1974 in New York mit ihrem Mann, dem Romancier und Anwalt Louis Begley ( bekannt geworden durch seinen Roman« Lügen in Zeiten des Krieges »).  Sie hat mehrere Monographien veröffentlicht, unter anderem über James de Rothschild und über den Seefahrer Cavelier de La Salle, für die sie  von der Académie Française ausgezeichnet wurde. Für die Biographie des  französischen Reiseschriftstellers Astolphe de Custine hat sie den überaus hochgeschätzten und begehrten Prix Goncourt erhalten.  Aktuell ist nun  – dank der grandiosen Übersetzung von Grete Osterwald – diese « delikate » Biographie über Balzac auf Deutsch erschienen.

Honoré de Balzac gehört  für die Franzosen neben Molière und Victor Hugo, zu einem ihrer grössten Schriftsteller . Balzac wurde  am 20. Mai 1799 in Tours geboren und starb am 18. August 1850 in Paris.  Sein Haupt- und Lebenswerk ist der aus 88 Bänden bestehende, jedoch unvollendete, Romanzyklus « Die menschliche Komödie » (« La Comédie humaine »), die sich hauptsächlich mit der Französischen Gesellschaft in allen nur erdenklichen Facetten beschäftigt.

Anka Muhlstein beantwortet in ihrem beeindruckenden Buch viele spannende Fragen : Warum verbringen die Romanfiguren bei Balzac immer so viel Zeit in Restaurants, in Esszimmer,  bei Tisch oder in der Küche ? Warum  konnte Balzac einerseits maßlos fressen und andererseits leben wie ein Asket? Welches Gericht verknüpft Balzac mit Armut? Und warum denkt er bei reizvollen Frauen grundsätzlich an irgendwelche Früchte ? Anka Muhlstein begibt sich auf die kulinarischen Lebens-Spuren von Honoré de Balzac. Sie lässt ihn nirgends aus dem Auge, verfolgt ihn wie ein Privatdetektiv und entdeckt dabei, dass die « Menschliche Komödie » nicht nur eine Art Sittengemälde , sondern auch eine kulinarische Gesellschaftsstudie ist,  die sich zum Teil liest wie ein Fress- und Restaurantführer aus dem  19. Jahrhundert.

Balzac hatte eher eine freud- und emotionslose Kindheit und Jugend erlebt, die er teilweise auch in einem Pensionat verbringen musste.  So wundert es niemand, dass seine Fantasie nicht anders konnte, als sich ihren Weg in Punkto gutem Essen, Genuss und Luxus  in Form von Prosa zu bahnen. Er arbeitete nach seinem Jurastudium kurze Zeit bei einem Notar und wohnte spartanisch in einer Mansarde in Paris. Doch ab 1820 hatte dieses « arme » Leben ein Ende. Balzac verfasste unter Pseudonym Schundromane, um Geld zu verdienen, gab jedoch gleichzeitig in der Regel das Doppelte seines Lohns sofort wieder aus. Und somit wurde er Zeit seines Lebens wegen seiner hohen Schulden von einer Angst begleitet, im Gefängnis landen zu müssen. Doch seine finanzielle Situation liess ihn nicht abhalten, Fressorgien und andere Exzesse zu durchleben und zu zelebrieren. Allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Balzac, immer wenn er an einem Werk arbeitete – zum Teil bis zu 15 Stunden am Stück -, so gut wie nichts zu sich nahm, ausser ein paar Kirschen oder Birnen, Brot ,Käse und Unmengen von starken Kaffee.

Aber nach getaner Arbeit stürzte sich Balzac in das Pariser Leben und lernte, was es heisst gut zu speisen. Er entdeckte ein Restaurant nach dem Anderen, welche der Leser in seiner « Menschlichen Komödie » jederzeit besuchen konnte. Anka Muhlstein beschreibt dies sehr treffend :

« Balzac liefert uns also eine regelrechte Reportage der gesellschaftlichen und gastronomischen Wirklichkeit. Es spaziert mit uns durch Paris, am rechten wie am linken Seineufer, schickt seine Figuren bald in die feinsten, bald in die ärmlichsten Lokale. In der « Menschlichen Komödie » nennt er über vierzig Restaurants, denn er begnügt sich nicht mit einigen  berühmten Namen. Und egal, wie prächtig oder wie bescheiden das Etablissement , er verweilt bei den Gerichten, die angeboten werden, aber, typisch Balzac, ihn interessiert auch, was sie kosten. So blättern wir in einem Führer, der Sterne verleiht, ohne je die Rechnung aus den Augen zu verlieren. »

Und genauso stellt man sich Balzac vor. Ein Schlemmer und Genussmensch mit dem Hang, sein Budget ständig zu strapazieren.  Wir schlendern in Balzacs Werk über Märkte, durch Feinkostläden und durch die Küchen verschiedenster Restaurants. Halten als Leser quasi die Nase in die Töpfe und Backöfen und werden betört durch die unbeschreibliche Düfte von gebratenen Rebhühnern, gekochtem Ragout, Würsten, köstlichen Makkaroniauflauf, Gelees, Pfirsichkompott und anderen Köstlichkeiten. Mit sicherem Schritt und lebendiger Begeisterung führt uns Anka Muhlstein in ihrer Biographie an diese Orte und zu diesen Gerüchen, so dass wir sie so schnell nicht vergessen können, und am Liebsten sofort in dem dazugehörigen Werk von Balzac alles genau nachlesen möchten. Doch diese Biographie geht noch weiter, denn sie zeigt neben den unterschiedlichen  Essgewohnheiten in der französischen Gesellschaft auch die Zusammenhänge zwischen Liebe und Essen. Für Balzac wurde nämlich die unerfüllte Liebe oft mit einem exzessiven Mahl kompensiert….

In dieser mehr als faszinierenden Biographie spürt man die Begeisterung von Anka Muhlstein für den grossen Schriftsteller Balzac von der ersten bis zur letzten Zeile. Dieses Buch ist ein wahrer Genuss ! Lesen Sie diesen literarischen « Speise- und Lebensplan », aber nur dann, wenn Sie bereits gut zu Abend gegessen haben, denn sonst werden Sie während dieser Lektüre sicher ein zu lautes Magenknurren vernehmen, was die Konzentration doch weitgehend einschränken könnte und das wäre zu schade. Dieses Autorenporträt macht grosse Lust auf das pralle Leben, auf gutes Essen, auf das schöne Paris und selbstverständlich auf das literarische Werk von Honoré de Balzac.