Durchgelesen – „Die Entscheidung“ v. Amélie Cordonnier

Bleiben oder gehen!? Für wen bleiben bzw. warum gehen? Fragen, die sich viele Frauen in einer Beziehung oder Ehe nicht stellen wollen, dürfen oder können. Auch dann, wenn die Antwort so wichtig und lebensrettend wäre. 

Amélie Cordonnier, als Journalistin tätig, stellt in ihrem Erstlingsroman „Die Entscheidung“ („Trancher“ 2018) – aktuell erschienen dank der hervorragenden Übersetzung von Amelie Thoma –  ihrer Hauptprotagonistin genau diese Fragen. Cordonnier erzählt die Geschichte einer Frau, die liebt, leidet und kämpft.

Das Familiendasein könnte eigentlich schön sein zwischen Aurélien, der Mann und Vater zweier Kinder und seiner Frau. Sie führen in Paris ein ganz beschauliches Leben. Die Frau und Mutter erlebte jedoch vor Jahren ein Wechselbad zwischen Liebe und Gewalt, war dadurch gezeichnet von Depressionen. Sie fand durch Therapien wieder Halt und schaffte es, sich von ihrem Mann zu lösen, bevor er selbst auch mit einer Therapie seine Aggressionen bearbeitete.

Aus Liebe ist die Frau wieder zu ihm zurückgekehrt, in der Hoffnung, dass es nochmal funktioniert. Sieben Jahre lang war alles scheinbar wieder gut bzw. hielt er durch. Doch plötzlich kam die Gewalt zurück. Es war eine verbale Gewalt, die alles zerstörte und sie wurde erneut eine „geschlagene“ Frau:

„Die Frau eines gewalttätigen Typen, der es schafft, sie kaputt zu schlagen, ohne sie zu berühren.“

Demütigungen, Beleidigungen, Schimpfwörter von „fette Hure“, „Ratte“ über „Schlampe“, „Flittchen“ bis zur „Schickse“ ist alles dabei. Jedes Wort trifft sie ins Mark. Es fühlt sich an wie ein Schlag, der jedoch nicht über die Hand, sondern durch sein Gebrüll auf die Frau einwirken.

Selbst Marie, die Freundin der Frau, versteht nicht, warum sie sich erneut wieder so behandeln lässt und drängt, dass sie endlich eine endgültige Entscheidung fällen muss. Nur welche Entscheidung? Sie will partout ihren Kindern nicht den Vater nehmen, obwohl selbst diese miterleben, wie mies Aurélien seine Frau und die Mutter seiner Kinder behandelt. 

Sie versucht die permanent angespannte Situation auszusitzen, nachdem sie sich eine Frist für ihre Entscheidung Anfang Januar zu ihrem Geburtstag gesetzt hat. Doch es wird immer schwerer:

„Du wartest schweigend, dass die Gewalt abebbt. Dass seine angestaute Wut abfliesst wie der Eiter aus einer Geschwulst.“

Inzwischen überträgt sich auch die Wut von Aurélien auf den Sohn, der seine Schwester grundlos schlägt. Ein Signal, dass die Frau eigentlich nicht ignorieren sollte. Sie quält sich, sie leidet und sie entscheidet!

Amélie Cordonnier fordert den Leser heraus. Der ungewöhnliche Erzählstil in der zweiten Person, dieses „Du“ verwirrt und trifft, lässt jedoch nicht mehr los und man hängt an den präzisen Worten und scharfsinnigen Sätzen wie ein Besessener und Abhängiger, als gäbe es kein Entkommen mehr. Dass Wörter töten könnten, wird spätestens nach dieser Lektüre deutlich. 

„Trancher“ ist im Französischen mehr als nur eine „Entscheidung“. Es bedeutet auch etwas „durchschneiden“, „durchschlagen“, „beseitigen“, „klären“ und bei Schwierigkeiten „aus dem Weg räumen“. Ein gut gewählter Titel im französischen Original, der die verletzende Gewalt in all seinen Facetten betrachtet, einordnet und bearbeitet. 

Wut, Panik, Kampf, Leid und Ambivalenz der Gefühle, alles packt die Autorin in gerade mal 170 Seiten, um Gewalt in der Ehe ohne Umschweife auf den Punkt zu bringen. Es ist ein bewegender, aufwühlender Roman, ein grandioses Buch, auch wenn es weh tut und Angst macht. Die Autorin mit ihrem spektakulären „Du“ spricht eine Wahrheit aus, die gesehen und gehört werden muss. Gewalt und Misshandlung in der Ehe, auch wenn sie nicht sofort durch blaue Flecken oder schwere äusserliche Verletzungen ersichtlich ist, darf nicht unerkannt bleiben. 

Lesen Sie „Die Entscheidung“! Ein wichtiges literarisch beeindruckendes Debüt, das man auf gar keinem Fall in diesem Jahr verpassen sollte! 

Durchgelesen – „Die Kunst des Wartens“ v. Catherine Charrier

Das „Warten“ kann so viele Bedeutungen haben, dass man nicht immer genau sagen kann, ob das „Warten“ nun eher positive oder negative Dinge vermittelt. Wer wartet schon gerne auf etwas und empfindet dabei ein eher wohliges und vielleicht sogar meditatives Gefühl. Selten wird dies eintreffen, aber es ist durchaus möglich. Doch wenn wir nicht nur durch das Warten Gefühle erzeugen können und wollen, so ist es um so schwieriger aufgrund von Gefühlen oder wegen Gefühlen zu warten. In Liebesbeziehungen hat das Warten eine nochmals ganz andere Bedeutung und kann zu unglaublich überraschenden Wendungen führen. Und was das Warten nun in Liebesangelegenheiten auslöst, zeigt uns Catherine Charrier äusserst ausdrucksstark in ihrem Erstlingsroman „Die Kunst des Wartens“.

Catherine Charrier, geboren 1961 in Alençon, studierte Kunstgeschichte und Kunst an der École du Louvre. Sie arbeitet in Paris im Bereich der Werbung. „Die Kunst des Wartens“ wurde in Frankreich 2012 unter dem Titel „L’Attente“ veröffentlicht und ist nun dank der wunderbaren Übersetzung von Claudia Steinitz aktuell in deutscher Sprache erschienen.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in Frankreich, in verschiedenen Städten, wie beispielsweise Nantes und Paris. Die Hauptprotagonisten sind Marie, eine moderne, selbständige und verheiratete Frau mit zwei Kindern, und Roch, ein ebenfalls verheirateter Mann mit einem Kind. Beide kennen sich durch ihre Arbeit und haben ein Verhältnis. Roch kündigt seiner Geliebten Marie an, dass er seine Frau verlassen und sie heiraten wird, sollte ihre Affäre noch ein Jahr überdauern. Marie ist überrascht, konnte sich dazu nicht einmal äussern und entscheidet sich vollkommen unvorhergesehen, ein Jahr zu warten. Sie zählt ab sofort die Tage (X plus). Das Warten wird zum Inhalt ihres Lebens: sie organisiert alles um dieses Warten herum, ihren Beruf, ihren Mann, ihre Kinder und sich selbst. Denn das Warten ist mehr, als nur das Warten auf einen Anruf oder auf ein Treffen mit Roch:

„Das Warten ist eine Geschichte von sich erlauben und sich verbieten. Das Warten ist beherrschend. Man unterwirft sich ihm, seine Belanglosigkeiten werden zum Zwang.“

Jede Gelegenheit versucht Marie zu nützen, um sich mit Roch zu treffen. Doch Paul, Maries Mann, merkt, dass Marie sich verändert, zum Telefonieren beispielsweise die Garage aufsucht und somit unsicher wird. Marie zerstreut alle Zweifel von Paul und plant das nächste Tête-à-Tête mit Roch. Und dann passiert es. Marie merkt nicht, dass das Jahr, dieses eine Jahr, das sie warten wollte, bereits seit längerer Zeit schon vorbei ist. Inzwischen bei Tag X plus 498 angekommen wird die Affäre immer noch ausgelebt. Die Begegnungen häufen sich, da sie beide jetzt auch noch im Verhältnis Unternehmen = Marie und Kunde = Roch zusammenarbeiten und immer weniger von einander lassen können. Das Warten wird unbewusst verlängert und dadurch schleicht sich eine Angst ein, die anfängt zu dominieren, obwohl die Lust bis zu diesem Zeitpunkt immer noch stärker ist.

Marie wartet weiter unbewusst oder auch bewusst. Die Tage verstreichen und die Seele von Marie rebelliert. Seit einer gewissen Zeit muss sie sich ständig übergeben, selbst wenn sie mit Roch zusammen ist oder mit ihrem Mann. Liegt es daran, dass sie sich nicht entscheiden kann, weder für den einen noch für den anderen Mann? Marie ist nicht mehr in der Lage ihr Gefühls- und Liebesleben gut selbst zu steuern. Sie kann weder von Roch lassen und sich zu ihrem Mann bekennen, oder sich von ihrem Mann trennen und frei für Roch zu sein. Und ausgerechnet dann wird auch noch ihrem Mann ein neuer Job in Paris angeboten:

„Heute reisst mich ein Mann aus Nantes weg, mein Ehemann, während ein anderer nicht imstande ist, mich hier zu halten.“

Das Warten wird zur Hauptaufgabe für Marie, die Tage rennen vorüber und nichts hat sich geändert, oder vielleicht doch? Sie lebt jetzt in Paris und Roch nach wie vor in Nantes, doch bald wird auch Roch nach Paris fahren…

Catherine Charrier schreibt in ihrem Erstlingsroman mit einer wahrlich präzisen und gleichzeitig so unglaublich sensiblen und empathischen Feder, dass bereits zu Beginn der Lektüre eine Faszination von diesem Buch ausgeht, der man sich nicht entziehen kann. Mit sprachlicher Raffinesse werden die eingefügten Sequenzen über das Warten aus der ganz persönlichen Sicht von Marie zu einem fast schon philosophischen Leseerlebnis. Aber auch die durchdringende Lustbesessenheit kombiniert mit der mehr und weniger dominierenden Angst geben der Euphorie und der Hoffnung ein nicht kaum zu erreichendes Ziel.

„Die Kunst des Wartens“ zeigt ein so bewegendes und aufwühlendes Psychogramm einer Frau, die sich nach Liebe sehnt und ein Gefühl des Wartens erhält und lebt. Dieses Buch ist keine simple Lovestory zwischen einer Frau und zwei Männern. Es ist ein so emotional klug konzipiertes Stück Literatur, das den Leser nachhaltig zum Nachdenken anregt und das Begehren und die Lust in eine ganz neue und absolut authentische Form, nämlich die des „Wartens“ mit ehrlicher Direktheit und charmanten Fingerspitzengefühl, verwandelt.

Catherine Charrier hat mit ihrem Erstlingsroman absolutes Schreibtalent bewiesen, in dem sie klar dem Leser vor Augen führt, wie wenig sich die Schnelllebigkeit und das Alltägliche in unserer Zeit mit besitzergreifender Liebe und besessener Leidenschaft weder erleichtern, geschweige denn verdrängen lässt. „Die Kunst des Wartens“ ist ein wunderbares Buch über Liebeslügen und Gefühlsabhängigkeiten, das dem Leser ganz subtil die richtigen Fragen stellt und ihm gleichzeitig die Freiheit gibt, sie ganz für sich allein zu beantworten.

Durchgelesen – „Ein Freund des Hauses“ v. Yves Ravey

Wie oft können festgefahrene und stark verankerte Vorurteile die klare Sicht auf die eigentlichen Probleme verdecken. Yves Ravey zeigt mit seinem aktuell erschienen Roman „Ein Freund des Hauses“ auf beeindruckend transparente und komprimiert puristische Weise, wie schnell doch diese vorurteilbelastete Blindheit erst die wirkliche Gefahr entstehen lassen kann.

Yves Ravey, geboren 1953 in Besançon, ist ein sehr angesehener und bekannter französischer Romancier und Dramaturg. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitet er als Professor für bildende Kunst und Französisch in seiner Geburtsstadt. Sein erster Roman „La Table des singes“ wurde bei Gallimard 1989 veröffentlicht. Ab 1992 erscheinen seine Romane und Theaterstücke bei Les Editions de Minuit. Für den Roman „Le Drap“ wird Yves Ravey 2002 mit dem Prix Marcel-Aymé ausgezeichnet und 2011 erhält er für sein gesamtes Werk den Prix Renfer. Yves Ravey bespielt seine Romane hauptsächlich im Genre des „Roman Noir“, wobei es sich dabei nicht nur um den rein klassischen Krimi handelt. Yves Ravey wird oft als Simenon-Nachkomme bezeichnet, was sicherlich auch in seinem neuen – dank der grandiosen Übersetzung von Angela Wicharz-Lindner – auf Deutsch veröffentlichten Roman „Ein Freund des Hauses“ erspürt werden kann.

Der Roman spielt in einer französischen Provinzstadt. Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Form aus der Perspektive des Sohnes von Madame Martha Rebernak, dessen Namen wir nie erfahren. Madame Rebernak ist Witwe, hat, wie bereits erwähnt, einen Sohn und eine Tochter, namens Clémence.

Eines Tages wird Freddy, der Cousin von Martha, aus dem Gefängnis entlassen. Er hat seine Strafe endgültig nach 15 Jahren abgesessen, nachdem er ein kleines Mädchen namens Sonia missbraucht hatte. Die Familie des Mädchens ist bereits seit längerer Zeit weggezogen. Freddy hat niemanden mehr, ausser seiner Cousine. Er wusste nicht mal, dass Marthas Mann tot ist, denn dieser stellte ihn vor seiner Tat zur Probe in der Schlosserei an. Freddy hatte gehofft, dass er nun wieder auf dessen Hilfe zählen könnte, doch jetzt liegt er auf dem Friedhof. Martha sieht in Freddy eine sehr grosse Gefahr, vor allem was ihre Tochter Clémence betrifft. Sie versucht mit allen Mitteln, zu verhindern, dass Freddy Clémence irgendwie zu nahe kommen könnte, denn für Martha war und ist klar, dass Freddy sich nicht geändert hat und sicherlich wieder rückfällig werden würde. Doch die Polizei erklärte Madame Rebernak, dass das Annäherungsverbot aufgehoben war wegen guter Führung, somit konnte der Polizist, den Martha ständig versuchte zu überzeugen, Freddy wieder wegzusperren, erneut betonen:

„Er kann kommen und gehen, wohin er will, wie er will und wann er will.“

Glücklicherweise war Clémence mit Paul, dem Sohn von Notar Maître Montussaint, liiert und somit zählte Martha sehr auf die Unterstützung dieser zwei Männer im Bezug auf die Sicherheit ihrer Tochter. Doch sollte sich Madame Rebernak sich da mal nicht täuschen, denn komischer Weise beobachtete auch sie immer mehr ihre Tochter nicht in Begleitung von Paul, sondern von dessen Vater, was sie nicht nur überraschte, sondern auch mehr und mehr verunsicherte…

„Ein Freund des Hauses“, im Original „Un notaire peu ordinaire“, ist ein sensationell spannender Roman, der sich, wie der Originaltitel erahnen lässt, um eine ganz andere Person dreht, als man zu anfangs je vermuten möchte. Das Vorurteil von Madame Rebernak, dass ein Kinderschänder so bleibt, wie er war, wird niemanden überraschen, eher bestätigen, doch letztendlich führt es die Angst vor einem Verbrechen in eine komplett falsche Richtung, die Yves Ravey hier auf so minimalistisch emotionale Weise beschreibt.

Das Besondere in diesem Roman ist sicherlich der Ich-Erzähler. Der Sohn berichtet über jedes Ereignis, fängt jede Stimmung ein, als wäre er immer im Geschehen dabei. Doch wenn man genau aufpasst, erkennt man, dass er nur in der Anfangs- und End-Szene physisch anwesend ist. Dazwischen leiht sich ein fiktiver Erzähler sein „Ich“ und fügt damit alles ganz wunderbar homogen und schlüssig für den Leser zusammen. Somit hat dieser Sohn und Ich-Erzähler zwei vollkommen unterschiedliche, aber doch auch irgendwie ergänzende Positionen, die des Zeugen und die des Beobachters!

Yves Ravey führt nun den Leser – wie in simenonscher Manier – von dem realen Kinderschänder und somit weiterhin vermeintlichen Verbrecher zu einem neuen Täter, der bis zu letzten Sekunde bzw. letzten Seite, seine Unschuld beteuert und die wahre Schuld dem durch Vorverurteilung gezeichneten Freddy zuschieben möchte. Yves Ravey analysiert hier nicht, sondern beobachtet messerscharf aus einer gewissen Distanz und dadurch werden klare gesellschaftliche Fakten beschrieben, vor allem, was den Besitz, die Macht und den Einfluss eines Notars in einem kleinen Städtchen betrifft, den auch bereits Madame Rebernak positiv beispielsweise im Punkto Stellensuche erfahren konnte.

„Ein Freund des Hauses“ ist mehr – aufgrund des Umfangs von gerade mal 90 Seiten – als ein extrem fesselnder und dramatischer Kurzroman. Es ist eine als Thriller genial verkleidete Gesellschaftsstudie, die durch ihre skizzenhafte und raffiniert genügsame, ja fast schon enthaltsame Schreibweise, den Leser so in den Bann zieht und gleichzeitig aufrüttelt, dass die entstehende Angst beim Lesen, den eigenen Vorurteilen nicht entfliehen zu können, lange nachwirkt. Erzählkunst vom Feinsten – deshalb mehr als empfehlenswert!

Durchgelesen – „Das Glück, wie es hätte sein können“ v. Véronique Olmi

Wissen wir wirklich, wie sich Glück anfühlt? Vielleicht sehen wir unser Glück gar nicht, oder können es nicht sehen, weil wir in unserem Innersten so eingesperrt sind und gar nicht fähig sind, Glücksgefühle überhaupt zu verspüren. Doch grundsätzlich sollten wir Glück erfahren können und dürfen, obwohl das Leben natürlich auch aus Problemen, Verletzungen und Enttäuschungen, aber vor allem auch aus Überdruss und Routine besteht. Véronique Olmi hat mit ihrem neuen Roman unter dem Originaltitel „Nous étions faits pour être heureux“, was auf Deutsch bedeuten würde – „Wir wären gemacht, um glücklich zu sein“ – dem Thema Glück doch klar eine wichtige Position zugebilligt. Doch leider sieht die fiktive Realität in vielen Fällen anders aus, wie dieser wunderbare Roman hier zeigt.

Véronique Olmi, geboren 1962 in Nizza, gehört zu den wichtigsten und bekanntesten Schriftstellerinnen und Dramatikerinnen Frankreichs. Sie wurde mit zahlreichen Preisen wie zum Beispiel dem Prix Alain-Fournier für ihren ersten Roman „Bord de Mer“ („Meeresrand“) 2002 geehrt. Ihre Theaterstücke werden nicht nur in Frankreich, sondern auch sehr erfolgreich im Ausland gespielt. „Das Glück, wie es hätte sein können“ ist der zehnte Roman von Véronique Olmi der bereits 2012 in Frankreich erschienen ist und nun aktuell – dank der Übersetzung von Claudia Steinitz – den deutschsprachigen Lesern vorgestellt wird.

Der Roman spielt in Paris. Véronique Olmi erzählt aus verschiedenen Perspektiven und schenkt ihr „Ich“ nur einer der Hauptpersonen in diesem Roman, nämlich Suzanne, eine Frau um die 40, nicht sehr attraktiv, eher bodenständig, anpackend und dafür in sich ruhend. Sie arbeitet als selbständige Klavierstimmerin und ist mit Antoine, einem perfekten und sanften Mann, verheiratet.

Suzanne hat einen neuen Auftrag. Sie soll ein Klavier in einem Appartement am Montmartre stimmen. Dort trifft sie auf Lucie, die Hausherrin, eine junge, sehr attraktive Frau, Anfang 30, Mutter von zwei entzückenden Kindern. Sie lebt hier nicht allein, sondern mit ihrem Mann Serge, erfolgreicher Immobilienmakler, 60 Jahre alt. Serge bemerkt Suzanne anfänglich nicht, obwohl sie sich ganz flüchtig am Eingang begegnen, geht zur Arbeit und Lucie widmet sich dem Klavier und der Klavierstimmerin. Erst einige Tage später sehen sich Serge und Suzanne per Zufall in der gleichen Bar am Abend wieder. Serge in Begleitung von Lucie entdeckt Suzanne ganz allein auf der Tanzfläche:

„Das ist es, was Serge packt und schockiert, als er Suzanne zum ersten Mal sieht: wie sehr sie lebt, ohne Angst zu haben. Ihre Hüften sind zu breit, denkt er. Und auch: Sie ist schön. Ohne Rechtfertigung. Ohne Gesetz. Das ist unverständlich und ungerecht…Sie tanzt und kümmert sich nicht darum, ob das vielleicht stören könnte, diese Gestalt ohne Jugend und dennoch diese Kraft, die sie durchströmt, aber sie ist so gewöhnlich, beinahe vulgär. Es ist doch vulgär, oder, sich so zu zeigen, wie man ist?“

Und genau das ist es, was Serge nicht kann, sich so zu zeigen, wie man bzw. er ist. Serge lebt in einer scheinbar perfekten Welt, mit einer dreissig Jahre jüngeren Frau, und wundert sich immer mehr, wie er wohl mit seiner Launenhaftigkeit und den regelmässigen Migräneattacken auf Lucie wirkt. Aber sie liebt ihn, „ obwohl sie doch ganz offensichtlich ein junges, robustes und kampflustiges Fohlen war.“ Serge liebt den Luxus, dennoch hat er nicht alles, wovon er wirklich träumt bzw. geträumt hat. Und es stört ihn, dass seine Frau immer alles glücklich macht:

„Was kann man jemanden sagen, der jeden Tag, der kommt wie eine unerwartete Überraschung empfängt, wenn man selbst sich nur eines wünscht: genau neben seinem eigenen Dasein zu laufen?“

Serge verfolgt Suzanne bei dem nächst besten Wiedersehen, er wartet im Regen vor ihrem Haus, bis sie ihm ohne zu zögern die Tür öffnet. Sie kommen sich näher, sie lieben sich. Er weiss nicht, warum ihn diese Frau so anzieht, obwohl sie gar nicht so schön ist. Auch Suzanne ist irritiert von diesem Mann, der sich nicht öffnet, schweigt, eingesperrt ist in seinen Emotionen und sie trotzdem anzieht. Sie hat Schwierigkeiten diese Stille mit ihm zu ertragen und sie spürt einen Lügenmantel, der Serge umgibt, den er nicht ablegen will. Nicht nur Serge wirkt verloren, auch sie fühlt sich ihm ausgeliefert und dadurch ebenfalls verloren, da sie sich in einen Mann verliebt hat, der ihr nichts anvertrauen kann, gerade weil ihn ein lange gehütetes und dramatisches Kindheitsgeheimnis so sehr belastet.

Kurz vor Weihnachten treffen sie sich ein letztes Mal, erst vor dem Haus seiner Kindheit, bevor sie in eine Wohnung in die Nähe des Gare Saint Lazare gehen. Suzanne hatte sich inzwischen von ihrem Mann Antoine getrennt, was sie Serge nicht anvertraute. Doch Serge kündigte ihr an, etwas Wichtiges erzählen zu müssen. Er berichtete über seine traurige Kindheit, seinen Vater Hubert, Chirurg, der streng, cholerisch und so aggressiv war, dass er Serge Mutter in seinem Beisein regelmässig schlug. Serge erzählte von seiner unendlichen Liebe zu seiner Mutter und deren Liebe zu David und zum Klavierspiel, und ganz besonders zu ihrem Lieblingsstück „Der Liebestraum“ von Franz Liszt. Serge erzählt Suzanne nicht nur ein paar Lebenserinnerungen. Er erläutert bis aufs kleinste Detail seine bitteren Erfahrungen in der Kindheit, die daraus resultierenden tiefen Ängste und die für ihn kaum zu ertragene und mehr als belastende „Mitschuld“ an einem Mord…

Véronique Olmi spielt in diesem Roman wie ein Pianist auf dem Klavier, sie berührt die weissen Tasten der positiven Emotionen, wie Liebe und Geborgenheit, doch genau so stark werden auch die schwarzen Tasten der Melancholie, Lüge und Angst gedrückt. Ihre Sprache ist von unglaublicher Musikalität und Sensibilität, die es trotzdem erlaubt die Probleme beim Namen zu nennen, um der Wahrheit früher oder später wirklich in die Augen schauen zu können. Véronique Olmi geht tief in die menschlichen Abgründe hinein, um das wahre Drama, aber gleichzeitig auch die mögliche Befreiung darin zu entdecken. Sie zeigt gekonnt, wie die Fassade eines bourgeoisen, erfolgreichen und scheinbar glücklichen Lebens schneller bröckeln kann, als einem lieb ist. Und sie macht mehr als deutlich wie wichtig es ist zu erkennen, dass fehlende Liebe in der Kindheit, einem Erwachsenen es wesentlich schwerer macht, selbst Liebe zu schenken. Denn nicht umsonst, hat Serge grosse Schwierigkeiten seine Kinder zu lieben, vor allem sieht er immer wieder die Angstgefühle seines Sohnes in dessen Augen und fühlt sich dadurch mehr als erinnert an seine lähmende Angst vor seinem Vater.

Mit beeindruckender Empathie charakterisiert Véronique Olmi ihre Figuren, die sich trotz ihrer Verschiedenheit, ihrer Konkurrenz und ihrer Liebesfähigkeit bzw. Liebesunfähigkeit durch die Musik, oder sagen wir besser durch das Klavier, als dezent angelegter roter Faden, in einer gewissen Form miteinander verknüpfen lassen. Denn das Klavier war bereits der Dreh- und Angelpunkt in Serges Kindheit, und auch bei seinem Sohn, der nun Klavierspielen lernen soll, taucht dieses Motiv wieder auf. Und das Klavier ist wiederum so mit der Lüge verbunden, dass weder Serge noch Suzanne anfangs den Mut haben, sich gegenseitig zu gestehen, welche sowohl positive als auch negative Bedeutung das Klavier bzw. die Musik hatte und welche unausweichlichen Konsequenzen daraus für ihr jeweiliges Leben entstehen konnten.

Doch sobald die Grenzen des Schweigens zwischen Serge und Suzanne geöffnet werden, zeigt uns Véronique Olmi welche Arten es von Schweigen und Lüge gibt und welche Kraft sich entwickeln kann, wenn die Ketten gesprengt werden und der Mensch sich endlich öffnen und jemanden vertrauen bzw. etwas anvertrauen kann. Véronique Olmi kann sowohl einfühlend und als beobachtend erzählen und schafft es aus einer dramatischen Liebesgeschichte eine vielschichtige Komposition zu kreieren: sie fügt die Motive der Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, aber auch der Lüge und Wahrheit so grandios zusammen, dass daraus ein melancholisch bedrückendes und gleichzeitig optimistisch beglückendes Werk entsteht.

„Das Glück, wie es hätte sein können“ ist mehr als die Geschichte um eine aussergewöhnliche „amour fou“, es ist ein Feuerwerk an Gefühlen, Leidenschaft und Dramatik. Es zeigt den Schein, aber auch die Realität und wir lesen uns von der vermeintlich geplanten Zukunft über die verdrängte Vergangenheit in die reale Gegenwart. Wir werden mit dem glücklosen Jetzt unausweichlich konfrontiert, obwohl wir die Gründe dafür nicht gleich kennen. Aber wir spüren als Leser sofort, wie uns die Vergangenheit blockieren kann und sehnen uns während der Lektüre deshalb umso mehr danach, durch den emotionalen unaufhaltsamen Spannungssog von Véronique Olmi in die Vergangenheit mit all ihrem Leid, ihrer Wut und ihrem Unglück eintauchen zu dürfen, um dadurch erleichtert und befreit wieder aufzutauchen.

Dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubend elegante und betörende sensible Roman ist die perfekte „Einladung“ sich mit der eigenen Vergangenheit und den vielleicht dazugehörigen Lebenslügen zu beschäftigen. Dieses Werk macht Mut und regt unglaublich zum Nachdenken und Nachfühlen an. Und besonders wichtig ist, dass uns Véronique Olmi in ihrem Buch auf so meisterliche Art zeigt, vielleicht so gar lehrt, wie wichtig die Musikalität nicht nur in der Sprache sondern auch im wahren Leben ist, denn Musik bedeutet Glück und Glück ist Musik!

Durchgelesen – „Das versteinerte Leben“ v. Nils Trede

Kennen Sie das intensive Gefühl von Stille und Einsamkeit, das lauter und bedrohlicher sein kann, als jeder unvorhergesehene Schrei? Es entsteht eine emotionale « Dunkelheit », die jede Hoffnung auf  ein « Leuchten » bzw. auf eine so erstrebenswerte und glückselige « Helligkeit » nehmen kann. Es gibt Bücher, die spielen in einer solch dunklen Atmosphäre. Und der Leser befürchtet,  noch tiefer in seelisch dunkle Abgründe zu sinken. Just in dieser Stimmung werden wir plötzlich mit einer ganz besonderen Kraft überrascht, welcher man als Leser kaum widerstehen kann. Und genau diese literarische «Energie» zeigt uns Nils Trede in seinem Erstlingswerk « Das versteinerte Leben » auf äusserst eindrucksvolle Weise.

Nils Trede (geboren 1966 in Heidelberg) lebt seit mehr als 15 Jahren in Frankreich. Zuerst hat er in Paris über viele Jahre hinweg eine Gemeinschaftspraxis als Allgemeinmediziner geführt. Aktuell wohnt er mit seiner Familie in Strassburg und arbeit nun hauptsächlich als freier Autor. Obwohl seine Muttersprache Deutsch ist, schreibt er im Original auf Französisch. Wir dürfen uns nun sehr freuen, dass – dank der grandiosen Übersetzung von Christian Ruzicska – sein Debütroman (« La Vie pétrifiée », bereits 2008 in Frankreich erschienen) erstmals dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt wird!

« Das versteinerte Leben » spielt in einer grossen, modernen, aber nicht konkret genannten Stadt, welche aus zwei sehr nahe gelegenen und durch eine Brücke verbundenden Inseln besteht. Der Ich–Erzähler, Xavier, arbeitet jeweils auf beiden Inseln und führt somit ein – zumindest nach Aussen hin gesehen – sehr beeindruckendes Doppelleben. Abends führt er auf der einen Insel ein Restaurant mit seiner kranken Mutter, die niemals ihr Zimmer verlässt.

Das Restaurant ist unterschiedlich gut besucht, doch eines abends betritt ein junges Paar den Gastraum und Xavier fühlt sich von der ersten Sekunde an von dieser jungen Frau magisch angezogen. Er begleitet beide zu ihrem Tisch, beobachtet sie und verfolgt aus einer gewissen Distanz die Unterhaltung. Die Verliebtheit zwischen dem Paar ist kaum zu übersehen. Xavier hängt an den Lippen dieser Frau, doch die anderen Gäste fordern ihn. Er ist total durcheinander und findet erst Ruhe, nachdem der letzte Gast das Restaurant verlassen hat. Er kann es kaum abwarten, die Tür zu schliessen und sich mit etwas Alkohol zu beruhigen :

« Ich war ruhig. Ich war trunken. Ich sah sie überall, ihr schönes und feines Bild, ich sah es überall. Ich sah den Glanz ihrer Haut auf allen bewegten Gesichtern, auf den silberfarbenen Dächern, auf den Scheiben, auf den Wassern des Flusses. Ich sah ihr Lächeln im Licht des Mondes. Ich sah die Strähnen auf ihren Wangen in den aufragenden Ästen der Bäume. Ich wollte sie wiedersehen. »

Xavier trifft seine « Traumfrau » ganz zufällig wieder. Es würden sich viele gute Möglichkeiten ergeben, endlich seine Sympathie ihr gegenüber zu bekunden, doch er ist nicht in der Lage, seine Gefühle in Worte zu fassen. Er ist zu schüchtern, ja fast schon ängstlich…

Auf der anderen Insel, die man – wie bereits kurz erwähnt – ganz leicht über eine Brücke erreichen kann, arbeitet Xavier tagsüber als Polizeiarzt. Er überprüft den Gesundheitszustand von Kriminellen, erstellt die dazugehörigen Zertifikate und verschreibt Medikamente. Anfänglich versuchte er noch eine Art Verbindung zu den « Patienten » aufzunehmen, eine gewisse Empathie zuzulassen, trotz der mehr als widrigen Umstände. Doch jetzt ist es nur noch Routine, denn diese Arbeit hat Xavier emotional immer mehr abstumpfen lassen.

Xavier pendelt nicht nur zwischen zwei Inseln und zwei Berufen, sondern auch zwischen zwei Seelenzuständen. Er ist einerseits ein sehr einsamer und introvertierter Mensch, andererseits durch eine obsessive Liebe zu dieser jungen Frau, die Gast in seinem Restaurant war, so stark verwirrt, dass man sich gut vorstellen könnte, er würde endlich Mut fassen, um seine innere « Eiszeit » – sei es durch Worte oder Gesten – zu durchbrechen. Er scheitert jedoch an seinem ganz persönlichen « Gefangensein », das den dramatische Seelen-Höhepunkt erst dann erreicht, als Xavier auch noch seine Mutter verliert…

Nils Trede hat mit Xavier einen tragischen und gleichzeitig auch naiven Helden geschaffen. Manchmal wirkt er nicht nur wie ein Isolierter, sondern auch wie ein Autist. Er spricht wenig, selbst bei einer Betriebsfeier der Polizei, die auch noch in einer Karaokebar stattfindet, ist er wie immer der Insichzurückgezogene. Fasziniert beobachtet der Leser einen Protagonisten, der sich durch eine starke, aber auch inhaltsvolle Einsamkeit auszeichnet und somit über eine ungewöhnliche und nicht zu erwartende emotionale Fähigkeit verfügt :

« Die Einsamen sind nicht nur merkwürdig. Sie machen nicht nur Angst. In ihrer Einsamkeit bemerken sie Dinge, die den Geselligen unbekannt bleiben. Sie öffnen ihren Geist den Rätseln mit Geduld und Aufmerksamkeit. Und beobachten sie sehr lange. Sie haben viel Zeit und wenig zu verlieren. Die Einsamen geben ihre Beobachtungen selten weiter : Sie tragen sie mit sich und fürchten das Urteil der anderen nicht. »

Nils Trede hat mit diesen Sätzen, die er Xavier formulieren lässt, ein absolut neues psychologisches Kapitel in Punkto Einsamkeit aufgeschlagen. Diese Erkenntnis mag einem als Leser irgendwie verrückt, aber gleichzeitig auch sehr differenziert erscheinen. Die beeindruckend puristische Sprache verleiht diesen klugen Sätzen eine unerschöpfliche Intensität, die sich durch den ganzen Roman zieht. Hier werden überbordende Liebesgefühle und der Wille zu überleben meisterhaft verknüpft mit einer Seele, die in einem Eisblock eingesperrt zu sein scheint.

« Das versteinerte Leben » ist ein wahre Entdeckung unter den aktuellen Frühjahrsneuerscheinungen. Nils Trede hat einen bemerkenswerten Erstlingsroman geschrieben, der über ein unglaubliches psychologisches Potential verfügt und dadurch einem brillant versteckten Optimimus Raum bietet , der den Helden, aber auch den Leser dazu einlädt, die vermeintlich « innere » Kälte zu erwärmen und somit die Seelen-Tür für ein erfülltes Leben zu öffnen.

Durchgelesen – „Im Café der verlorenen Jugend“ v. Patrick Modiano

Eine richtig feine und sehr französische Geschichte über das plötzliche Verschwinden einer wilden und irgendwie « heimatlosen » jungen Frau, erzählt durch vier ganz unterschiedliche Erzählstimmen, eingebettet in das Paris der sechziger Jahre, so könnte man den Roman « Im Café der verlorenen Jugend » ganz knapp beschreiben. Diese Zusammenfassung bringt es in einer gewissen Weise auf den Punkt, doch sollte man keinesfalls unerwähnt lassen, dass es sich bei diesem wunderbaren Buch, um einen der schönsten, wehmütigsten und bewegendsten Romane, in denen Paris selten « so französisch besungen wird » – wie Alex Capus schreibt – handelt.

Patrick Modiano (geb. 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt) zählt zu den bedeutendsten französischen Schriftstellern der Gegenwart. Er ist italienisch jüdischer Abstammung von Seiten des Vaters. Seine Mutter war eine bekannte belgische Schauspielerin. Modiano verbrachte seine Schulzeit hauptsächlich in Internaten, da der Vater ständig abwesend und seine Mutter oft auf Tournee war. Mit 15 Jahren lernte er über einen Kontakt durch seine Mutter den Geometrielehrer Raymond Queneau (Autor von « Zazie in der Metro ») kennen. Dieses Treffen war für Patrick Modiano mehr als schicksalshaft. Durch Queneau wurde er in die literarischen Kreise eingeführt und durfte an Empfängen des Gallimard Verlags teilnehmen. Inspiriert durch diese neue Welt schreibt er seinen ersten Roman « La Place de l’Étoile », der 1968 bei Gallimard erschienen ist und sofort mit zwei Literaturpreisen (Prix Roger Nimier u. Prix Fénéon) geehrt wurde. Ab diesem Zeitpunkt widmet sich Patrick Modiano nur noch der Schriftstellerei. Sein Gesamtoeuvre umfasst inzwischen ca. 30 Werke, darunter zählen zu den Wichtigsten : « Les Boulevards de ceinture » (Grand Prix du Roman de l ‘Académie française), « Rue des boutiques obscures » (ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt) und « Dans le café de la jeunesse perdue ». Dieses letzt genannte Werk erschien bereits 2007 in Frankreich und wurde nun ganz aktuell durch die grandiose Übersetzung von Elisabeth Edl erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht.

Der Roman « Im Café der verlorenen Jugend » spielt hauptsächlich im 5. und 6. Arrondissement von Paris, der sogenannten « Rive gauche » und im Quartier Pigalle, das unterhalb von Montmartre, im 9. Arrondissement auf der anderen Seine-Seite, der « Rive droite », liegt. Der Roman wird von vier verschiedenen Personen erzählt, denen Patrick Modiano sein « Ich » leiht. Alles dreht sich um eine etwas mysteriös wirkende Frau, die Louki genannt wird, aber mit richtigen Namen Jacqueline Delanque heisst und eine verheiratete Choureau ist.

Der erste Erzähler, ein Student der « École des Mines » geht hin und wieder ins Café Condé – einer der wichtigsten Hauptspielorte dieses Romans. Dieses Café – das « Café der verlorenen Jugend » -, das von Literaten und Schriftstellern frequentiert wird, gehört zu der Welt der Bohemien und liegt im berühmten Pariser Viertel Saint-Germain-des-Près. Der junge Mann – unschlüssig darüber, ober er seine Studien bei der « École des Mines » weiterführen soll – beobachtet ganz zufällig eine junge Frau, die von ihren Stammgästen mit dem Spitznamen Louki « getauft » wurde. Sie ist ihm sofort aufgefallen, weil sie irgendwie anders war, als die Anderen :

« Ihre Hände jedoch waren in der Anfangszeit stets leer. Dann wollte sie es wahrscheinlich den anderen gleichtun, und eines Tages überraschte ich sie im Condé allein und lesend. »

Der zweite Erzähler ist ein Privatdetektiv, der sich als Kunstverleger ausgibt. Er wurde engagiert von ihrem Mann – Jean-Pierre Choureau -, nachdem Louki ihn ohne Ankündigung von einem Tag auf den anderen verlassen hatte. Choureau arbeitet in einer Immobiliengesellschaft. Jacqueline wurde bei dieser Firma als Aushilfssekretärin eingestellt und lernte so Jean-Pierre kennen. Zwei Monate später hatten sie schon geheiratet. Danach zog sie mit ihm in seine Wohnung, die im noblen Pariser Vorort Neuilly lag. Louki war unzufrieden und fühlte sich dadurch sehr einsam in ihrer Ehe :

« In den Tagen vor ihrem Verschwinden, war ihm da etwas Besonderes an ihr aufgefallen ? Nun ja, immer öfter machte sie ihm Vorwürfe wegen ihres gemeinsamen Alltags. Das hier, sagte sie, sei nicht das wahre Leben. »

Der dritte Erzähler, oder besser gesagt die Erzählerin, ist Louki selbst. Sie berichtet von ihrer schwierigen Kindheit und Jugend. Sie wohnte mit ihrer Mutter, welche im Moulin Rouge als Platzanweiserin arbeitete, in der Nähe vom Place Blanche im Quartier Pigalle. Immer, wenn ihre Mutter abends zur Arbeit ging, flüchtete sie – obwohl sie gerade mal 15 Jahre alt war -, aus der Wohnung und sträunte durch das Stadtviertel. Oft verbrachte sie Mitternacht, den Hunger noch schnell mit einem Croissant stillend, in einer Bäckerei, bevor sie mal wieder von einer Polizeikontrolle erwischt wurde:

« Zwei Bullen in Zivil sind aufgetaucht, für eine Ausweiskontrolle. Ich hatte keine Papiere dabei, und sie wollten wissen, wie alt ich bin. Ich habe ihnen lieber gleich die Wahrheit gesagt. »

Ängste und Beklemmungen, im Schlimmsten Fall sogar richtige Panikattacken, waren oft der Auslöser für diese verrückt planlosen « Nachtwanderungen ». Eines Tages begegnet Louki auf der Strasse einem Mädchen, das ein wenig älter war als sie. Durch diese neue « Freundschaft » lernte sie nicht nur die enthemmende Wirkung des Alkohols kennen, sondern auch eine ganz besondere neue Art der Angst-Befreiung. Diese neue Bekannte hatte nämlich noch eine viel bessere Idee, als nur in den Bars und Cafés herumzuhängen:

« „Du wirst sehen … das tut gut … wir nehmen ein bisschen Schnee…“ »

Der vierte und letzte Erzähler ist Roland, ein junger angehender Schriftsteller, der in einer möbilierten Wohnung in der Rue d’Argentine – in der Nähe vom Place d’Étoile – wohnt. Louki und Roland lernen sich bei einem kleinen Empfang des Autors Guy de Vere kennen. Nach langen gemeinsamen Spaziergängen durch das nächtliche Paris, nähern sie sich immer mehr an. Roland wird Loukis Liebhaber, noch während sie bei ihrem Mann lebt und bleibt es auch noch nach einer vollkommen ungeplanten Rückkehr-Verweigerung in den trostlosen Ehealltag :

« Sie hätte zum Abendessen zurück in Neuilly sein sollen, aber um acht lag sie immer noch auf dem Bett. Sie machte auch die Nachttischlampe nicht an. Schliesslich erinnerte ich sie, es sei Zeit. „Zeit wofür ?“ Am Klang ihrer Stimme hörte ich, dass sie nie wieder die Metro nehmen würde, um an der Station Les Sablons auszusteigen. »

Roland und Louki verbringen viel Zeit miteinander, er schreibt an seinem ersten Buch und sie denken daran, bald eine kleine Reise gemeinsam zu unternehmen. Eines Tages, sie hatten sich – wie so oft – um fünf Uhr nachmittags im Café Condé verabredet, doch Louki kam nicht…

Jeder dieser vier Erzähler beleuchtet auf seine ganz besondere Weise und aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln heraus das Leben und die geheimnisvolle Persönlichkeit von Louki. Patrick Modiano hat diesen Roman wie ein kleines Puzzle konzipiert, das sich Stück für Stück zu einem « Gesamtbild » hin entwickeln könnte. Doch bei der Lektüre stellt man fest, dass er absichtlich ein paar Puzzleteile weglässt, damit das Mysteriöse sich nicht gänzlich auflöst und damit Louki letztendlich unergründbar bleiben kann.

Paris, seine Strassen, die Architektur, die Seine, die Cafés und das besondere Licht, als dies, was den typischen Charakter von Paris ausmacht, stetzt Modiano ganz intuitiv und spielerisch als elegantes Stilmittel ein, um sein ganz persönliches Paris zu kreieren. Er agiert wie ein Kartograph und Maler zugleich. So kann der Leser, als würde er mit Modiano’s « Privat-Stadtplan » durch das Paris der vier Erzähler spazieren. Ein Ort, nämlich das Café, hier in diesem Roman das Café Condé, wird zu dem wichtigen Lebensraum überhaupt. Es ist wie eine zweites « Wohnzimmer », in dem nicht nur Louki, sondern auch viele der Stammgäste versuchen, ihre Einsamkeit und die Melancholie des Lebens bewusst zu zelebrieren, um sie letztendlich dadurch besser ertragen zu können. « Im Café der verlorenen Jugend » interpretiert sich als eine wunderbare Metapher für einen Raum, der die verlorene Suche nach der Identität und die in der Konsequenz daraus entstehende fehlende innere Geborgenheit ersetzen könnte.

Patrick Modiano ist ein Meister der klaren und schörkellosen Sprache. Seine Technik besticht durch eine faszinierende Reinheit, die durch einen äusserst sparsamen Einsatz von linguistischen Mitteln gekennzeichnet wird. So entsteht ein ganz einmaliges und sehr klares Porträt von Paris in den frühen sechziger Jahren. Seine Schreibkunst ist wirklich grandios und einzigartig, denn es gelingt ihm, in diesem ungewöhnlichen und sehr mitreissenden Roman, der nicht im Geringsten etwas mit einem Krimi zu tun hat, eine so unglaublich subtile Spannung zu erzeugen, dass sich der Leser bis zum letzten Satz auf eine ganz persönliche und intensive Suche nach Louki begibt. Die wunderbare Pariser Kulisse und das Café als Familienersatz lassen Reise-Sehnsüchte entstehen. Welcher Leser möchte nicht auch zu den Stammgästen dieses Cafés zählen und auf Louki warten?

Fahren Sie nach Paris, auch wenn das Paris der sechziger Jahre vielleicht nicht mehr ganz das gleiche ist wie heute, lassen Sie sich treiben in dieser atemberaubenden Stadt, spüren Sie die Melancholie und die Faszination gleichermassen, und wer weiss, vielleicht treffen Sie ja auch noch Louki? Oder Sie « reisen » ganz entspannt und die Augen auf Modiano’s grandiose Erzählkunst gerichtet von Ihrem Canapé aus und atmen lesender Weise durch diesen wundervollen Roman Pariser Luft und Leben ein!

Durchgelesen – „Silbermann“ v. Jacques de Lacretelle

«Silbermann» ist ein kleines ganz grosses Werk eines in Deutschland bis jetzt eher unbekannten Autors. Ein Buch, das als bedeutender Klassiker des «Antisemitismus» und gleichzeitig als einer der aussergewöhnlichsten und schönsten Schülerromane bezeichnet werden kann.

Jacques de Lacretelle wurde am 14. Juli 1888 auf dem Schloss Cormatin in der Region Saône-et-Loire geboren. Nach dem Tod seines Vaters wurde er vom Grossvater aufgezogen, der sich sehr um seine Bildung kümmerte. Er ging aufs Gymnasium und studierte später an der Universität in Cambridge. Aufgrund gesundheitlicher Probleme widmete er sich während des ersten Weltkriegs bereits den Schönheiten der Literatur. Befreundet mit Marcel Proust, André Gide und Anatole France begann er seine literarische Karriere im Alter von 32 Jahren. 1922 veröffentlichte er seinen Roman «Silbermann» bei Gallimard und erhielt dafür sofort einen der wichtigsten französischen Literaturpreise den «Prix Femina». Im Jahre 1936 wurde er als Mitglied in die berühmte «Académie française» gewählt, der er 48 Jahre lang bis zu seinem Tod am 2. Januar 1985 angehörte. Jacques de Lacretelle schrieb eine Fülle von unterschiedlichster Bücher, unter anderem auch einen Roman über die weibliche Homosexualität («La Bonifas»). Doch letztendlich blieb «Silbermann» sein Hauptwerk, welches wir nun nach einer Erstübertragung aus dem Französischen von 1924 – dank der herausragenden Neu-Übersetzung von Irène Kuhn und Ralf Stamm – in einer edel und künstlerisch hochwertig gestalteten Ausgabe neu oder wieder entdecken dürfen.

Der Roman «Silbermann» spielt in Paris. Der Erzähler ist ein junger Mann im Alter von ca. 15 Jahren und besucht die 3. Klasse (entspricht in Deutschland etwa der 9. Klasse Gymnasium). Er wächst behütet in einer Familie auf, die protestantisch konservativ und emotional eher kühl distanziert ist. Sein Vater arbeitet als Richter und seine Mutter kümmert sich um Wohltätigkeits-veranstaltungen in der Pariser Gesellschaft. Obwohl er im bourgeoisen 16. Arrondissement wohnt, lebt er mit seiner Familie eher bescheiden und nicht allzu pompös.

Die Ferien, die er immer bei seinen Grosseltern auf dem Land bei Aiguesbelles verbringt, sind vorbei und das neue Schuljahr beginnt. Der Ich-Erzähler lernt einen Jungen kennen, der neu in seiner Klasse ist. Er heisst David Silbermann, ein – wie es bereits den ersten Eindruck macht – hochbegabter Schüler, der sogar eine Klasse übersprungen hat. Der Erzähler – bis jetzt noch mit seinem Klassenkameraden Philippe Robin (Sohn einer sehr bekannten Familie des Pariser Bürgertums) befreundet – ist tief beeindruckt vom Wissen und von der Intelligenz Silbermanns. Wie er Szenen aus Racines Iphigenie mit Hingabe und Feinfühligkeit rezitiert, beeindruckt den Erzähler tief. Doch der Eifer von Silbermann stösst in der Schule nicht nur auf positive Stimmen.

Per Zufall treffen sie sich eines Morgens in einem kleinen Parkstück im Wohnviertel des Erzählers. Silbermann wirkt zuerst etwas verängstigt. Doch im Laufe des Gesprächs ändert sich der Gesichtsausdruck immer mehr, und man spürt die Erleichterung und Freude. Silbermann zeigt seinem Klassen-kameraden seine neueste Literaturentdeckung und liest ihm verschiedene Verse vor. Sie diskutieren unter anderem über Jean de La Fontaine und Victor Hugo. Er schwärmt von seiner Bibliothek und lädt ihn ein, mit zu ihm nach Hause zu kommen und sich jederzeit Bücher bei ihm ausleihen zu können. Der Erzähler bleibt jedoch etwas zurückhaltend. Doch Silbermann versucht ihn zu überzeugen und nimmt seine Hand:

« Silbermann ergriff sie, hielt sie fest und blickte mich mit einem Ausdruck von Dankbarkeit an. Dann sagte er mit unendlich sanfter Stimme:

„Ich bin froh, sehr froh, dass wir uns getroffen haben… Ich hätte nicht gedacht, dass wir Freunde werden könnten.“ „Warum nicht ?“ fragte ich und war aufrichtig erstaunt.
„In der Schule hab ich dich immer mit Robin gesehen, und da er in diesem Sommer einen ganzen Monat lang kein Wort mit mir reden wollte, dachte ich, dass auch du …  Sogar im Englischunterricht, wo wir ja nebeneinandersitzen, habe ich mich nicht getraut …“

… Ich tat, als hätte ich ihn nicht verstanden, und stammelte lächelnd:

„Das ist doch Blödsinn … Warum dachtest du … ?“ 
„Weil ich Jude bin“, unterbrach er mich brüsk und in einem so seltsamen Ton, dass mir nicht klar war, ob das Bekenntnis ihm schwerfiel oder ihn mit Stolz erfüllte. »

Silbermann ist fasziniert von der Literatur. Er ist insgesamt ein Verehrer der gesamten französischen Kultur und will nichts mehr, als ein französischer Jude sein zu können. Er engagiert sich sehr, doch in der Klasse ist er immer mehr von Feinden umgeben. Sein Freund (Ich-Erzähler) versucht soweit es geht, ihm zu helfen, ihn zu unterstützen und für ihn da zu sein. Er kündigt seine Freundschaft zu Philippe auf und kümmert sich nur noch um Silbermann. Gleichzeitig profitiert er von Silbermann’s Intelligenz und geniesst die Nachmittage in dessen Bibliothek. Doch die Situation für Silbermann verschlechtert sich mehr und mehr.

Der dramatische Höhepunkt in diesem Roman wird erreicht, als Silbermann’s Vater, der als Antiquitätenhändler arbeitet, wegen angeblichen Betrugs und Diebstahls verhaftet wird. Obwohl er von der Unschuldigkeit seines Vaters überzeugt ist, geht das Mobbing weiter. Denn die Polizei ist anderer Meinung, von der Presse ganz zu schweigen. Und zu allem Übel kommt noch hinzu, dass der zuständige Untersuchungsrichter der Vater des Erzählers ist. Silbermann fleht bei seinem Freund um Hilfe, dass dieser dessen Vater (Richter) von der Unschuld seines Vaters überzeugt. Der Erzähler setzt sich für seinen Freund ein, spürt aber die unabweichliche antisemitische Einstellung seiner Eltern. Er kann nichts erreichen. Sogar die Freundschaft zu Silbermann wird ihm von seinen Eltern verboten, doch lässt der Erzähler es soweit kommen …?

« Silbermann » ist nicht nur ein unglaublich schöner und fesselnder Schülerroman, der ohne schnoddrigen Jugendjargon auskommt, sondern eine mit elegant geschriebener Feder erzählte Geschichte zweier sehr unterschied-licher Jungen. Der eine – Silbermann – mehr als gebildet, ehrgeizig, aber auch sensibel, emotional und « sehr gewieft ». Wir lernen durch ihn die französische klassische Literatur kennen und lieben, sind von seiner Art vollkommen angetan, manchmal auch ein wenig überfordert, doch letztendlich tief beeindruckt. Der Andere – Erzähler – Sohn eines bedeutenden Richters, protestantisch, korrekt, zurückhaltend, hilfsbereit und missionarisch. Er zeigt selten Gefühle und ist wesentlich weniger belesen, raffiniert und kämpferisch.

Jacques de Lacretelle hat diesen Roman in einer Zeit geschrieben, wo die Thematik des Antisemitismus bereits präsent war, aber nicht im Geringsten den Höhepunkt erreichte, den wir uns jemals im Laufe der Geschichte vorzustellen gewagt hätten. « Silbermann » ist ein sehr eindringlich erzähltes Werk, das versucht die Fragen nach Moral, Identität und Anerkennung in der Gesellschaft, in diesem Fall in der französischen Gesellschaft, zu diskutieren und teilweise zu beantworten. Jacques de Lacretelle schreibt mit sehr hohem stilistischen Anspruch, so dass dieser Roman keinesfalls mit den uns bekannten Schülerromanen wie beispielsweise « Das fliegende Klassenzimmer » zu vergleichen wäre. Es ist eben doch mehr ein Werk, das nicht nur für Schüler, sondern für jeden kulturpolitisch interessierten Menschen zur Pflichtlektüre werden sollte. Es beschreibt mit seinen Hauptfiguren die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Religionsfreiheit und macht auf die zeitlose Aktualität des weitestgehend schwierigen Thema’s  – Antisemitismus –  aufmerksam.

Das besondere an diesem Werk ist die intensive Sichtbarkeit des Wunsches nach vollkommener Anerkennung, welche Silbermann – trotz der grossen körperlichen und seelischen Leiden, die er ständig ertragen muss – nie aufhört zu erreichen versucht. Jacques de Lacretelle kann diese fast schon unbeugsame Kraft des immer ständigen Kampfes durch seine wunderbar schnörkellose, sehr distinguierte und gleichzeitig extrem spannungs-erzeugende Sprache mehr als deutlich machen. Diese literarische Kunst zieht den Leser nicht nur in seinen Bann, sie gibt ihm auch Raum, das Thema « Antisemitismus » wieder neu zu überdenken und lässt uns gerade deshalb mit vielen offenen Fragen zurück. Aber genau diese raumgebende Freiheit zur Selbstreflexion ist es, was dieses Buch so aussergewöhnlich macht.

« Silbermann » ist ein absoluter Klassiker und gehört zu den wenigen ganz besonders wertvollen literarischen Neu- bzw. Wiederentdeckungen und sollte aus diesem Grund in keiner guten Bibliothek, ob privat oder öffentlich, fehlen.

Durchgelesen – „Sieben Frauen aus Tripolis“ v. Kamal Ben Hameda

« Sieben Frauen aus Tripolis » ist die einerseits erschütternde, aber gleichzeitig auch geheimnisvoll faszinierende Geschichte eines jungen Erzählers, welche das Leben der Frauen in Tripolis in den 60ziger Jahren beschreibt. In einem Interview erklärt der Autor Kamal Ben Hameda, dass dieser Roman ein Projekt ist für die verlorene Zeit, eine Zeit, die Gaddafi ihm gestohlen hatte. Aber dieses Buch ist darüberhinaus auch noch der literarische Fingerzeig auf die Rechte der Frauen, die in diesem Land bis jetzt nicht existieren. Deshalb ist dieses Werk – wie der Autor auf der ersten Seite des Romans vermerkt -, allen Frauen und Müttern aus Bengasi gewidmet, die um die Herausgabe der Leichen ihrer getöteten Männer und Kinder bei dem Massaker im Abu – Salim – Gefängnis 1996 bei den Sicherheitsbehörden kämpften und somit bereits vor 15 Jahren die eigentliche Revolution einleiteten.

Kamal Ben Hameda wurde 1954 in Tripolis geboren. In den 70ziger Jahre verlässt er seine Heimat Libyen, um dem schleichenden Druck und – wie er selbst sagt –  der « intellektuellen Trockenheit » zu entkommen. Er geht nach Frankreich, um seine Studien zu vollenden und lässt sich anschliessend in Holland nieder, wo er bis heute als freier Schriftsteller und Jazzmusiker lebt. Kamal Ben Hameda hat bis zum jetzigen Zeitpunkt hauptsächlich Lyrik veröffentlicht und wird nun durch seinen autobiographischen Roman « Sieben Frauen in Tripolis » – erschienen unter dem Originaltitel « La Compagnie des Tripolitaines » im Frühjahr 2011 bei der Éditions Elyzad » in Tunis – zum ersten Mal durch die ausgezeichnete Übersetzung von Helmut Moysich dem deutschsprachigen Leser vorgestellt.

Der Roman wird in der Ich-Form, aus der Perspektive eines kleinen Jungen namens Hadachinou, erzählt. Hadachinou wächst sehr behütet auf und spielt viel lieber mit Puppen, statt sich mit Jungs zu treffen und geniesst die Gesellschaft von Frauen, die in seinem Elternhaus ein- und ausgehen. Er fühlt sich sehr wohl mit seiner Mutter (sein Vater ist selten zu Hause) und mit seinen sogenannten « Tanten. » Man muss nämlich wissen, dass die Kinder in Tripolis alle Erwachsenen Onkel und Tanten nennen, auch wenn sie nicht miteinander verwandt sind. Tripolis ist eine multikulturelle Stadt: Berberinnen, Araberinnen, Italienerinnen und Jüdinnen leben hier zusammen. Obwohl das Land vom Patriarchat geprägt ist, haben sich die Frauen ihre kleinen « Freiheiten » gesucht. Und auch Hadachinou’s Mutter gehörte zu diesen Frauen, die durch ihre Tee-Einladungen diese kleinen persönlichen Freiräume zu realisieren vermochte. Hadachinou wird bei solchen Anlässen immer fortgeschickt, denn seine Mutter wusste es, ihn sinnvoll zu beschäftigen. Eine dieser « Aufgaben » war der regelmässige Besuch bei Tante Zohras, um ihr ein Päckchen vorbeizubringen. Eine Frau, die von ihrem Mann so kurz gehalten wird, dass sie nicht mal dem kleinen Jungen Bonbons bei seinem Besuch anbieten kann.

Schrecklich ist es auch für Hadachinou zu sehen, wie beispielsweise Tante Hiba, von ihrem Mann wegen jeder Kleinigkeit geschlagen wurde. Sie schämte sich so für ihre kaputten Zähne und ihre Schwellungen im Gesicht, so dass sie am Liebsten jeder Begegnung mit Menschen versuchte auszuweichen:

« An diesem Morgen, als ich wieder zu Tante Hiba ging, um ihre Besorgungen zu erledigen, erwartete mich ein Schock. Ich steige die Treppen in ihrem Haus in der rue Miquel Angelo hinauf, und plötzlich höre ich durch die offene Eingangstür Schreie. Tante Hiba jault wie ein Kamel, das am Opfertag bei allgemeiner Gleichgültigkeit öffentlich erschlagen wird. Ängstlich und verstohlen wagte ich mich weiter vor. Die Schlafzimmertür ist leicht geöffnet : Tante Hiba steht völlig nackt da, mit nichts als ihren Pantoffeln an den Füssen, und Onkel Saïd schlägt und schlägt auf sie ein, dann stösst er sie so heftig von sich, dass sie nach vorn auf die Knie fällt. Hoch aufgerichtet, mit einem Ständer wie bei einem Maultier, nimmt er sie schliesslich von hinten. »

Hadachinou fühlt sich jedesmal schlecht bei Tante Hiba und ist ziemlich verstört. Glücklicherweise gibt es aber nicht nur traurige Begegnungen mit Frauen, sondern auch lebensfrohe und lustvolle, vor allem dann wenn er sich mit Prostituierten trifft. Er belauscht die Gespräche und beobachtet ihr Verhalten. Wundert sich, dass sie trotz ihrer Situation das Lachen nicht verlernt haben, und ist erstaunt, wie sie eigentlich über Männer im Allgemeinen denken.

Die schönsten Momente jedoch erlebten die Frauen bzw. Freundinnen seiner Mutter, bei deren Einladungen zum Nachmittagstee. Auch wenn er – wie bereits anfangs erwähnt – zu diesen privaten Treffen immer fortgeschickt wurde, spürte er und hörte er heimlich, was es bedeutet, für eine kurze Zeit gedanklich und körperlich frei sein zu können :

« Während der Teestunde fanden meine Mutter und ihre Freundinnen zu ihrer Fröhlichkeit zurück und liessen all ihren Träumen, Wünschen und Ängsten freien Lauf. Es waren die einzigen Augenblicke, da sie die Zeit wieder für sich zurück erlangten, jetzt konnten sie ihre eigene Geschichte schreiben, in ihrer eignen Zeit leben. Sie konnten offen sprechen, und ihre Körper wurden in Ruhe gelassen. »

Hadachinou fühlte sich wohl bei « seinen » Frauen, denn sie waren, für ihn « Schutzengel ». Und das sollte auch immer so bleiben, und wenn er dann abends müde war, aber nicht wirklich einschlafen konnte, erzählte Fatima ihm immer die gleiche Geschichte :

« Sieben Mädchen in einer Flöte. Die Ghula dreht  und dreht sich herum und verschlingt eins davon
Sechs Mädchen in einer Flöte. Die Ghula dreht und…»

Und genau mit dieser Geschichte, welche eher einem klassischen Abzählreim gleicht, beginnt und endet dieser nicht nur tragische, sondern äusserst sehnsuchtsvolle und poetische Roman.

Kamal Ben Hameda hat mit diesem ersten autobiographischen Prosastück ein grandioses Werk geschrieben, das durch eine unglaublich beeindruckende und starke Empathie besticht, die besonders in den Beschreibungen der einzelnen Frauenschicksale zum Tragen kommt. Hameda erzählt direkt, ohne Pathos, dafür mit sehr lyrischer Kraft, so dass selbst die schlimmsten Schicksale zwar mit klarer Deutlichkeit, aber stets mit grossem Respekt dargestellt werden.

Dieser Roman ist eine wunderbare Liebeserklärung an die Frauen im Allgemeinen und besonders an die Frauen in Libyen. Es gibt keine Feindschaften, auch in Bezug auf verschiedene Religionszugehörigkeiten, ganz im Gegenteil, hier wird die Freundschaft unter Frauen als eines der wertvollsten Güter gezeigt, das wir uns in der westlichen Welt sicherlich nicht so vorstellen können. Auf jeder Seite dieses Romans spüren wir Kamal Ben Hameda’s Einfühlsamkeit und Durchsetzungskraft und dadurch kann er uns ein sehr vielschichtiges Buch präsentieren, das sich zwischen Leiden und Lachen, zwischen Kampf und Lust und zwischen Sehnsucht und Geheimnis bewegt. Es fesselt den Leser, es wird ihn erschüttern, an Tausend und eine Nacht erinnern, sehr zum Nachdenken anregen und ihn niemals mehr vergessen lassen.

« Sieben Frauen aus Tripolis » von Kamal Ben Hameda ist sicherlich eine der wichtigsten Herbstneuerscheinungen und sollte Anlass geben sich mehr mit der wunderbaren und wichtigen arabischen Literatur und seinen Autoren zu beschäftigen. Ein Roman, der das Prädikat « sehr empfehlenswert » mehr als verdient hat und ein mutiger Autor, den wir keinesfalls aus den Augen verlieren sollten!

Durchgelesen – „Madame Hemingway“ v. Paula McLain

« Paris – ein Fest fürs Leben » zählt zu den bekanntesten Werken Ernest Hemingways, das 1965 – vier Jahre nach seinem Selbstmord  – erschienen ist. Es behandelt die Jahre 1921 – 1926. Hemingway beschreibt in diesem Werk die Erinnerungen seiner Pariser Zeit, seiner literarischen Bekanntschaften und der teilweise glücklichen, aber letztendlich doch eher dramatischen Ehe mit seiner ersten Frau Hadley Richardson. « The Paris Wife » – wie sie meistens nur betitelt wurde –  ist in den Biographien über Ernest Hemingway immer ein wenig zu kurz gekommen. Das wird sich jedoch ab sofort ändern. Dank Paula McLain und ihrem aktuell in Deutschland erschienen Roman « Madame Hemingway » bekommt der Leser zum ersten Mal die Gelegenheit, diese faszinierende und aussergewöhnliche Frau an Ernest Hemingway’s  Seite näher kennenzulernen.

Paula McLain wurde 1965 geboren und studierte Kreatives Schreiben. Sie lebte in verschiedenen Künstlerkolonien wie zum Beispiel Yaddo und MacDowell. Paula McLain hat sich – wie sie es auch im Zusatzmaterial am Ende des Romans in einem Gespräch erklärt – sehr intensiv für dieses Buch vorbereitet. Inspiriert durch das Lesen von Briefwechseln und zahlreichen Biographien entwickelte sie diesen grandiosen Roman, der in einem historischen Rahmen eingebettet ist und gerade deshalb den fiktiven Teilen der Geschichte einen zusätzlichen und wichtigen Raum geben kann. Zum ersten Mal wird das Leben von Hadley Richardson in den zentralen Mittelpunkt gerückt und bekommt im Hinblick auf die Biographie und das Werk Ernest Hemingways eine ganz neue Bedeutung.

« Madame Hemingway » wird in der Ich-Form aus der Sicht von Hadley Richardson erzählt. Der Roman beginnt in Chicago im Jahre 1920 : Hadley und Hem (so wird Hemingway in Freundeskreises immer genannt) lernen sich per Zufall über ihre Freundin Kate bei einem Fest in deren Wohnung kennen. Hadley wird 1891 als jüngstes von vier Kindern in St. Louis (Missouri) geboren. Ihre Familie ist sehr wohlhabend und konservativ. Hadleys Mutter war eine sehr dominante und herrschsüchtige Frau. Trotzdem erhielten die Kinder eine gute Erziehung und Hadley und ihre Schwester bekamen zusätzlich noch privaten Klavierunterricht am hauseigenen Flügel. Als Hadley mit sechs Jahren einen Unfall hatte und aus dem Fenster stürzte, war sie für mehrere Monate krank und wurde infolgedessen während ihrer Kindheit und Jugend von der Mutter überbeschützt. Sie blieb immer irgendwie gesundheitlich angeschlagen und fiel nach dem Selbstmord ihres Vaters, der sich fast vor ihren Augen erschossen hatte, in eine tiefe Depression. Trotzdem kümmerte sie sich um ihre schwerkranke Mutter, die sie bis zu ihrem Tode pflegte.

Hadley reist auf Einladung ihrer Freundin Kate nach Chicago, blüht endlich im Alter von 28 Jahren etwas auf, feiert, geniesst das Leben, und trifft auf einen besonderen Mann :

« Ernest Hemingway war kaum mehr als ein Fremder für mich, doch er schien von Glück geradezu durchdrungen. Ich konnte keinerlei Angst in ihm erkennen, nur Lebendigkeit und Intensität. Seine Augen leuchteten in alle Richtungen, und sie funkelten mich an, als er sich zurücklehnte und mich mit einer Drehung schwungvoll an sich zog. Er hielt mich eng an seine Brust gedrückt, und ich spürte seinen warmen Atem auf meinem Haar und Nacken. »

Hadley fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben umworben und verliebt sich immer mehr in Ernest. Hem – sieben Jahre jünger als Hadley – war damals ein ambitionierter Mann, was seine journalistischen und schriftstellerischen Arbeiten betraf. Nach der Abreise von Hadley schreiben sie sich fast täglich sehnsuchtsvolle Briefe, treffen sich ein zweites Mal und heiraten schliesslich, denn Hem ist der Meinung, dass sie genau das richtige Mädchen für ihn ist. Hadley ist eher das Gegenteil von ihm: zurückhaltend, konservativ, fast schon ein wenig altmodisch. Auch wenn sich Ernest über ihre Art manchmal ein wenig lustig macht, schätzt er besonders ihre uneingeschränkte Loyalität. Das junge Paar lebt noch kurze Zeit in Amerika und verlässt auf Anraten eines Freundes die Heimat in Richtung Paris.

Mit wenig Geld in der Tasche – die Reise konnte durch eine Erbschaft von Hadley finanziert werden –  kommen sie in das pulsierende Paris der Goldenen Zwanziger Jahre an. Eine Welt, in welche die eher altmodische Hadley nicht wirklich zu passen scheint. Die Pariser Frauen sind selbst-bewusst, kleiden sich in Chanel, tragen schicke Kurzhaarfrisuren, ziehen mit Eleganz an ihrer Zigarettenspitze und geben sich dem Rausch der Nach-kriegsjahre hin. Auch Hadley und Hem versuchen in dieser neuen Welt Fuss zu fassen. Musik liegt in der Luft, der Jazz hat Paris fest im Griff, aber nicht nur das, auch der Alkohol spielt eine sehr grosse Rolle. Hadley und Hem wohnen sehr spartanisch in einem kleinen Appartement im 5. Arrondissement, das direkt neben einem Tanzlokal liegt. Diese Gegend gehörte damals zum alten Paris : ein wenig arm und dreckig. Hem verbringt viel Zeit in Cafés, um zu arbeiten – wie er immer behauptet – und Hadley kümmert sich um den Haushalt, kauft ein und entdeckt ihr Paris, wie beispielsweise die Märkte von Les Halles und die erwürdigen Häuser und schmalen Gässchen der Ile-St.-Louis. Auch wenn Hadley sich immer noch nicht richtig wohlfühlt, Hem ist von Paris begeistert :

« « Hier ist es so schön, dass es schon weh tut », bemerkte Ernest eine Abends, als wir auf dem Weg zum Dinner waren. « Liebst du es nicht auch ? » Das tat ich nicht, noch nicht, aber ich war beeindruckt. In dieser Zeit durch die besten Pariser Strassen zu laufen erweckte den Eindruck, durch die geöffneten Vorhänge in einen surrealen Zirkus zu blicken und jederzeit die Seltsamkeit und Pracht bewundern zu können. »

Ernest mietet sich ein kleines Zimmer zum Arbeiten und knüpft langsam immer mehr Kontakte in den Schriftstellerkreisen, während Hadley den Tag mit Klavierspielen und Spaziergängen verbringt. Inzwischen werden sie von namhaften amerikanischen Kollegen eingeladen, wie Gertrude Stein, Ezra Pound, F. Scott und Zelda Fitzgerald, die Hem endlich die Türen zu den berühmten Pariser Künstlerkreisen öffnen. Doch Hadley bleibt immer die Ehefrau, sitzt abseits, auch wenn sie ihren Mann unterstützt und sich als erste Leserin seiner Werke intellektuell einbringt. Ernest schreibt wie besessen und ist sehr launisch : einerseits lebt er fast schon euphorisch seine extreme Arbeitswut aus, andererseits ist er oft deprimiert, entmutigt und cholerisch. All diese Stimmungschwankungen erträgt Hadley mit einer würdevollen Selbstverständlichkeit, die sich durch ihre grosse Liebe zu Hem entwickelt hat. Sie reisen gemeinsam durch Europa, verbringen schöne Zeiten in Österreich und entdecken den Stierkampf in Spanien. Die Liebe ist stark und schwierig zugleich. Sie wird jedoch durch ein sehr grosses Missgeschick von Hadley, bei welchem sämtliche Manuskripte Hemingways in einem Zug gestohlen werden, zum ersten Mal auf eine harte Probe gestellt. Die Tatsache, dass Hadley dann auch noch von ihm schwanger wird, macht die bereits angespannte Lebens-situation zwischen ihr und Hem noch schwieriger. Ernest ist durcheinander und wird negativ von einigen Kollegen dahingehend beeinflusst, dass ein Kind nicht wirklich in ein Schriftstellerleben  – insbesonderen in seines – passt. Die zuerst sich viel versprechend entwickelnde Liebe zwischen Hadley und Ernest wird immer komplizierter, und erreicht ihren dramatischen Höhepunkt, als Hem sich in die Freundin von Hadley verliebt…

« Madame Hemingway » ist ein bemerkenswertes und mutiges Buch. Ein Roman, der zum ersten Mal Ernest Hemingway in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Die Autorin zeichnet einen Mann, der mehr als ein Macho ist, sich eigentlich nur um seine Arbeit und um seinen weiteren schriftstellerischen Erfolg kümmert. Doch in dieser beeindruckenden Liebesgeschichte kommt auch seine mitfühlende Seite zum Vorschein, die das Bild seiner komplexen Persönlichkeit ergänzt und nicht nur negativ darstellt.

Paula Mclain ist es gelungen, ein sehr bewegendes, informatives und beeindruckendes Porträt von Hadley Hemingway zu « malen ». Sie verwandelt die Hauptpersonen  zu wunderbaren Akteuren, welche durch die vielen Dialoge dem Leser eine Lebendigkeit und aktive Gegenwart vermitteln, als würde man am Nebentisch eines Cafés sitzen und mithören. Paula Maclain hat sich äusserst intensiv mit Hadely Richardson und natürlich auch mit Ernest Hemingway auseinandergesetzt. Sie sagt selbst, wie wichtig es ist, dass alle Personen, die tatsächlich gelebt haben und hier in dem Roman als fiktive Figuren auftreten, trotzdem so autenthisch, aber vor allem auch im Hinblick auf die historischen Lebensläufe so realistisch wie möglich dargestellt werden. Paula McLain erzählt mit sehr graziler Feingefühligkeit und hoher Empathie den Lebens- und Liebestraum eines ganz aussergewöhnlichen Paares. Sie findet den richtigen Ton und Rhythmus in ihrer Sprache und kann diesen literarisch gekonnt an ihre Hauptdarsteller weitergeben.

« Madame Hemingway » ist eine Liebesgeschichte, eine romaneske Biographie einer sehr charakterstarken Frau und ein sehr stimmungsvolles Buch über die «Golden Twenties» in der Kulturmetropole Paris. Dieses Buch wird jeden literatur- und kulturbegeisterten Leser in seinen Bann ziehen. Es ist ein Roman voller Leidenschaft, Glück, aber auch Verrat, Selbstsucht und Angst. Ein emotional und sprachlich sehr gelungenes Werk, das nicht nur eine Frau in ihrer ganzen Würde trotz Einsamkeit und Schmerz porträtiert, sondern auch zeigt, wie aufregend und gleichzeitig kompliziert es sein kann, mit einem Schriftsteller-Genie wie Ernest Hemingway verheiratet zu sein.

Tauchen Sie ein in das pulsierende und glamouröse Paris der zwanziger Jahre und begleiten Sie ein ungewöhnliches Paar durch ihre respektvolle, aber auch schmerzliche Liebe! Sie werden es nicht bereuen, denn dieses Buch ist wie Paris, ein wahres Fest für das Leben !

Durchgelesen – „Angst“ v. Stefan Zweig

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und starb durch einen Suizid am 23. Februar 1942. Er gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Er pflegte einen grossbürgerlichen Lebensstil und reiste sehr viel, wobei er 1910 Indien und 1912 Amerika besuchte. Wie er in seiner Autobiographie „Die Welt von gestern“ erläutert, konnte er aufgrund seiner Untauglichkeit nicht am aktiven Militärdienst teilnehmen, und wurde daraufhin während des Ersten Weltkrieges in das Pressequartier versetzt bis er 1917 als Journalist für die „Neue Freie Presse“ nach Zürich gehen konnte.

Seine Hauptwerke hat er von 1919 bis 1934 in Salzburg geschrieben unter anderen seine berühmten Biographien, Erzählungen und Essays. Nach einer Hausdurchsuchung kurz nach Beginn der Machtergreifung der National-sozialisten im Februar 1934 stieg der bekennende Pazifist Zweig in den Zug und emigrierte nach London. Er nahm nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die britische Staatsbürgerschaft an und reiste  nach New York, von dort über Argentinien und  Chile und erreichte 1940 Brasilien.

Beeinflusst durch Balzac und durch die Erzähltradition der Wiener Schule – man denke an Arthur Schnitzler –  war auch eine starke psychologische Kraft in seinen Werken zu erkennen, die sicherlich vor allem durch Sigmund Freud mitgeprägt wurde. Besonders deutlich wird dies in seiner Novelle „Angst“.

„Angst“ wurde 1910 von Stefan Zweig verfasst und zeigt die Gefühle und Ängste einer Ehebrecherin. Die Hauptprotagonistin in dieser Novelle ist Irene Wagner, eine gut situierte, mit einem Juristen verheiratete Frau und Mutter zweier Kinder. Aus einer Laune der Langeweile und einer Art Ehemüdigkeit heraus beginnt sie ein Verhältnis mit einem jungen Musiker. Jedes Mal, wenn sie die Wohnung ihres Geliebten verlässt, steigt in ihr eine Angst auf, die sie nicht kontrollieren kann. Es ist die Angst, von ihrem Mann entdeckt zu werden:

„Als Frau Irene die Treppe von der Wohnung ihres Geliebten hinabstieg, packte sie mit einem Male wieder jene sinnlose Angst. Ein schwarzer Kreisel surrte plötzlich vor ihren Augen, die Knie froren zu entsetzlicher Starre, und hastig musste sie sich am Geländer festhalten, um nicht jählings nach vorne zu fallen.“

Diese Angst wird grösser, fast unerträglich, als sie von einer Frau auf der Strasse aufgehalten wird, die ihr vorwirft,  sich an ihren Geliebten heran-zumachen. Sie ist verzweifelt, schreibt dem Geliebten einen Brief, dass sie sich nicht mehr sehen können. Trifft ihn aber trotzdem am nächsten Tag in einem Café wieder. Sie wird in dieser Zeit von der Frau beobachtet, nach Hause verfolgt und erpresst. Frau Irene zahlt ihr Geld, um Ruhe zu bekommen. Sie verlässt daraufhin drei Tage nicht mehr die Wohnung aus Angst wieder erpresst zu werden.

Ihre Familie ist verwundert über ihre lange Anwesenheit. Ihr Mann spürt ihren inneren seelischen Druck und versucht ihr eine erleichternde Hilfestellung zu geben im Hinblick auf ein eventuelles Geständnis, in dem er ihre Tochter drängt eine Dummheit zu gestehen, um dann wiederum Nachsicht üben zu können. Nur geht dieser Schachzug nicht auf. Einige Tage später klingelt die Erpresserin an der Tür und verlangt den Verlobungsring von Frau Irene. Sie gibt ihn ihr aus einer Notsituation heraus, bereut es aber kurz darauf wieder und versucht nun mit ihrem Geliebten ein Gespräch zu suchen, im Hinblick auf dessen Erpresser-Freundin. Dabei stellt sie fest, dass dieser bereits eine neue Geliebte hat und die Erpresserin gar nicht kennt.

Frau Irene ist verwirrt und am Boden zerstört. Sie fährt zur nächsten Apotheke und besorgt sich Gift. Wird sie sich aus Angst das Leben nehmen oder ist sie bereit für ein Geständnis?

„Angst“ ist im Grunde genommen eine einfach erscheinende Geschichte über Ehebruch. Doch der Handlungsverlauf nimmt von der ersten Zeile an eine Dramatik an und entwickelt sich hin bis zur höchsten Spannung, bevor dann die unerwartete Wendung bzw. Auflösung dieses „Falles“ kommt. Ja, diese Novelle hat die Kraft eines Psychothrillers. Der Leser spürt die zerstörerische Gewalt der seelischen Qualen von Irene Wagner, die Stefan Zweig gerade mit dieser doch sehr klaren, aber gleichzeitig magischen Sprache brillant und elegant beschreibt.

„Angst“ ist eine zeitlose Geschichte, welche die Kommunikationslosigkeit in der Ehe, das Rollenverständnis zwischen Mann und Frau und die Befreiung von Angst durch Ehrlichkeit und Gespräch nicht besser und prägnanter darstellen könnte. Stefan Zweig hat uns eine äusserst menschliche Novelle hinterlassen, die den Leser an den psychodynamischen Entwicklungen der Hauptperson teilhaben, ja fast schon mitleiden und mitzittern lässt. „Angst“ ist ein grandioses sprachliches und psychologisches Bravourstück der deutschsprachigen Literatur!